Die Kunst der Unverdrossenheit: Die Krisenmedizin des Dr. Galen

Mehr als 1500 Jahre bestimmte der griechische Arzt Galen die Medizin wie kein anderer. Er war äußerst krisenerfahren und einer der ersten Ernährungsmediziner, der selbst mit gutem Beispiel voranging. Gerade auf dem zweiten Gipfel der Corona-Pandemie können wir viel von Galen lernen. Was und wie(so)?

Galenos von Pergamon

Er bestimmte die Medizin des Mittelalters wie kein anderer. Für rund 1500 Jahre, bis zum 19. Jahrhundert, waren seine Lehren Grundlage des medizinischen Wissens und Handelns an europäischen Universitäten: Galenos von Pergamon (altgriechisch Γαληνός, deutsch Galen) wurde etwa 129 in Pergamon in Kleinasien (heutige Türkei) geboren und starb um 216 in Rom.

Galen praktizierte sechs Jahrhunderte nach Hippokrates, dessen Arbeit er wiederholt mit uneingeschränkter Bewunderung erwähnt. Der Einfluss dieser beiden erfolgreichsten Ärzte der Antike auf die Medizin dauert bis heute an – allen medizinischen Fortschritten zum Trotz. Zwar schwören wir Ärzte heute keinen hippokratischen Eid mehr, wir sprechen aber immer noch beispielsweise von Galenik, wenn es um die Lehre der Zubereitung von Arzneien geht.

Zwangsläufig war Galen äußerst seuchen- und krisenerfahren. Viele Jahre praktizierte er in Rom, dem damaligen Zentrum der Welt. Dort erlebte der Arzt mehrjährige Seuchen und noch viel Schlimmeres, wie er schreibt.

Denn 192 vernichtete ein Feuer in Rom viele wertvolle antike Schriften. Auch Galen war betroffen – fast sein ganzes Vermögen ging in Flammen auf. Ihm blieb quasi nur das nackte Leben. Da war er etwa 63 Jahre alt.

Was meint ihr, wie er darauf reagierte? Vor 2000 Jahren gab es weder Hausrat- noch Arbeitslosenversicherungen. In Rente konnte und wollte er auch nicht gehen.

περι αλυπια – “Über die Unverdrossenheit”

Als lange Zeit verschollen galt Galens περι αλυπια (peri alypia – deutsch am ehesten: “Über die Unverdrossenheit”).

2005 wurde dieser Text als ein perfektes Beispiel für Serendipität in Thessaloniki wiederentdeckt. Der französische Forscher Antoine Pietrobelli [1] fand das Manuskript zufälligerweise bei seiner Arbeit im Kloster von Vlatada.

Galen beschreibt hier in Briefform, wie man trotz großer materieller Verluste nicht verzweifelt. Der Text liegt mittlerweile auch in einer deutschen Übersetzung vor [2]. Der antike Arzt mit der philosophischen Ader beginnt:

“Ich habe Deinen Brief erhalten, in dem Du mich einlädst, Dir zu zeigen, welche Art von Training, welche Argumente oder welche Überlegungen mich darauf vorbereitet haben, nie verdrossen zu sein”,

Etwas später lesen wir:

“Du hast ja gesagt, dass Du persönlich zugegen warst und mich beobachtet hast, als ich bei einem großen Ausbruch der mehrjährigen Seuche fast alle Sklaven, die ich in der Stadt der Römer hatte, verloren habe, und dass Du gehört hast, mir sei so etwas bereits früher geschehen, als ich drei- oder viermal so große Verluste an Besitz erlitten habe, und Du hast gesagt, dass Du mich nie im Geringsten bewegt gesehen hast.

Aber das, was mir gerade geschehen ist, übertrifft alles, was ihm vorangegangen war, da in dem großen Feuer alles, was ich in den Magazinen an der Heiligen Straße verwahrt hatte, zerstört worden ist.”

Und weiter:

“Du seist erstaunt, dass man mich ohne Verdrossenheit die Zerstörung im Feuer ertragen gesehen hatte, sowohl von meinem Silber, Gold, Silbergeschirr und den vielen Schuldscheinen, die dort deponiert waren, als auch insbesondere von einer weiteren Vielzahl von Dingen, die dort gelagert waren, nämlich einer gewaltigen Menge von Arzneien aller Art, sowohl einfacher als auch zusammengesetzter Mittel, und von vielfältigen Instrumenten.”

Galen hatte wie andere reiche Bürger der Stadt für viel Geld und mit großer Zuversicht seine wertvollsten Gegenstände in einem als besonders feuerfest geltenden Magazin gelagert. Es gab ja noch keine Rauchwarnmelder-Pflicht. Aber das Gebäude war aus Stein gebaut, und nur die Türen waren aus Holz. Privathäuser als weitere Feuerquellen standen nicht in der Nähe. Allerdings befand sich der Arzt gerade mitten im Umzug, so dass er quasi seinen kompletten Hausstand dort einlagerte und verlor. Durch den Brand war er quasi erst einmal arbeitsunfähig.

Doch das Schlimmste war, dass durch das Feuer nicht nur seine eigene, sondern alle Bibliotheken auf dem Palatin abgebrannt waren. Es bestand also keine Hoffnung, die dort verlorenen Bücher wiederzugewinnen.
Doch anders als viele seiner Leidensgenossen ertrug er den Verlust

“ganz leicht [und], ohne für einen Moment bewegt zu sein”.

Wie gelang ihm das?

Galens Erfolgsrezepte:

Der damals über-60-jährige Arzt schlägt ein stoisches Erfolgskonzept vor:

  • ERFREUE dich an dem, was geblieben ist, anstatt dich auf das zu fokussieren, was du verloren hast.
  • TRAINIERE deine Vorstellungskraft und überlege, welche Unglücke in der Zukunft passieren könnten. So bist du auf Schicksalsschläge besser vorbereitet und weniger überrascht.
  • TUE alles, was in DEINER eigenen Macht steht, um deinen Körper zu erhalten und die Seele zu stärken. Dann kann dir eine äußere Zerstörung im Innern keinen oder nur wenig Schaden zufügen.

Unverdrossenheit versus Gelassenheit

Galen nimmt das Schicksal hin, indem er es – stoisch – aushält. Damit nimmt er ihm die Macht und den Schrecken. “Gelassenheit” dagegen, wie der Reclam-Band [2] das Werk betitelt, kam wohl erst später, mit dem aufkeimenden Christentum ins Spiel. Denn Gelassenheit stammt vom mittelhochdeutschen Wort gelāʒenheit (Gottergebenheit) ab. Mit dem Ende der Antike gaben sich die Leute zunehmend “gelassen” in Gottes Hände.

“Peri Alypias” handelt dagegen von der Unverdrossenheit [3,4]. Die stammt von althochdeutsch firthrōʒ und ist seit dem 9. Jahrhundert belegt. Unverdrossenheit beinhaltet Beharrlichkeit, Ausdauer, Geduld – die Fähigkeit, etwas trotz vieler Hindernisse dennoch zu vollenden. Die Grenzen zur Sturheit mit Starrsinn und Unbelehrbarkeit bis hin zu zwanghaftem Verhalten können dabei natürlich fließend sein, mit den entsprechenden Folgen.

Wir brauchen heute mehr denn je mehr Unverdrossenheit und weniger Stur- und Starrheit. Die Reizüberflutung unserer Zeit hilft dabei leider nicht. Wir sind eben doch nicht die Multitasking-Maschinen, zu denen viele uns heranziehen möchten, damit wir in der Wirtschaft möglichst gut funktionieren.

Der technische Fortschritt hat uns vorangebracht wie keine andere Spezies auf diesem Planeten. Doch bis heute wollen viel zu wenige weder die Bedienungsanleitung noch den Beipackzettel mit den Risiken und Nebenwirkungen beachten. Da stehen ja auch so schreckliche Dinge wie Klimawandel und Pandemien mit ständig mutierenden Viren.

Und wer wählt heute noch Altgriechisch als Fach, um dann vielleicht in den etwas tieferen Genuss von Galens Werken zu kommen? Galen ist noch heute für Mediziner eigentlich nicht nur terminologisch und geschichtlich interessant, sondern auch als Pionier der Ernährungsmedizin.

Galen – der erste Ernährungsmediziner

Besonders interessierte ihn dabei, wie man erst gar nicht krank wird. Am eigenen Beispiel erklärt er in “Über die guten und schlechten Verdauungssäfte”, wie er es geschafft hat, 25 Jahre lang nicht krank zu werden, dank seiner guten Ernährung [5-7]. Seine Konzepte waren für die Mehrheit der antiken Bevölkerung gedacht. Die Exzesse der Eliten interessierten ihn wenig.

In unserer heutigen Welt stellen mittlerweile Übergewicht, Fettleibigkeit, Diabetes, Depression, ADHS, Asthma, Allergien, Immunstörungen, Krebs, Arthrose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen etc. die neue Normalität in den sogenannten “entwickelten Ländern” dar. Unsere Kinder werden, wenn wir so weitermachen, nicht mehr so alt werden, wie ihre Großeltern. Einige haben dies vielleicht schon im eigenen Umfeld beobachten müssen. Besonders spannend wird es angesichts der zu erwartenden langfristigen Kollateral- und Folgeschäden durch die aktuelle Pandemie.

Und die Corona-Krise?

Mehr als 5000 Patienten kämpfen inzwischen auf den Intensivstationen unseres hoch entwickelten Landes gegen Corona- und andere Keime. Noch immer steigen die Zahlen. Viele dieser Menschen werden nie wieder Weihnachten feiern. Sie werden sich vorher oft nicht einmal mehr persönlich von ihren Lieblingsmenschen verabschieden können.

Im fernen Japan liegen die Corona-Spitzen-Werte etwa eine Zehnerpotenz darunter. Dennoch macht man sich dort ernsthaft Sorgen. Immerhin haben sich die Fallzahlen innerhalb von weniger als zwei Monaten verdoppelt und mittlerweile die 200.000-Marke überschritten. Diese für Japan hohen Zahlen sind vermutlich auch eine Folge der “Go to”-Kampagne, die den durch strenge Quarantäne-Regelungen gefährdeten japanischen Tourismus zumindest intern erhalten soll.

In Deutschland gibt es momentan 200.000 neue Fälle in etwas mehr als einer Woche. Vermutlich ist das noch nicht der letzte Rekord. Viele würden sich hier freuen, wenn wieder nur noch alle drei Minuten ein Mensch in Deutschland an COVID-19 stirbt.

Japanisches Sozialbewusstsein – ein Vorbild?

Japan ist wie Galen besonders krisenerfahren – dank Erdbeben, Atomunglücken oder eben Viren. Das alles trainiert, auch das Sozialbewusstsein. Die 126,5 Millionen Menschen haben kein Problem mit Masken, ganz im Gegenteil; auch nicht mit Quarantäne und Kontaktverfolgung. Sozialbewusstsein statt Individualismus um (fast) jeden Preis zahlt sich gerade in Krisen aus.

In Japan werden vor allem Frauen besonders alt. Diese und die andere große Frage um das Bewusstsein haben wir ja vor einiger Zeit hier und auf ZEIT Online diskutiert. Nicht einmal die Corona-Pandemie scheint dies zu ändern. Ist das nicht interessant?

Galen für die Zukunft?

Leider wird weder die Medizin in anderen Ländern, noch die Geschichte der Medizin (ähnlich wie die Evolution der menschlichen Spezies) während des Medizinstudiums angemessen vermittelt.  Zudem erscheint die Medizingeschichte oft so verstaubt, wie die meisten Werke in den Archiven. Zumindest hatte ich persönlich nicht das große Glück bei meinen Lehrkräften.

Umso glücklicher kann ich mich nun schätzen, dass ich einen wunderbaren Galen-Experten in meinem Freundeskreis habe: Manuel Cerezo Magán, ordentlicher Professor für griechische Philologie an der traditionsreichen Universität Lleida in Katalonien (Spanien). Wenn er nicht gerade an der Universität Lleida Philosophie lehrt, übersetzt er eine weitere Schrift von Galen [6-8]. Seine Bücher sind wahre Schätze und sie werden immer mehr. Einen kleinen Haken hat die Sache: Die Werke gibt es (bislang) nur auf Spanisch. Aber vielleicht lässt sich dies ja ändern… Lasst euch überraschen.

Danke Manuel, Ma Angeles und natürlich Eduardo & Co. Siempre. Gracias. ¡Felices fiestas & un próspero año 2021, lleno de salud!

Allen besinnliche und gesunde Feiertage! Überlegt euch gut, mit wem ihr Keime tauschen wollt und müsst.

Selten war die Gelegenheit so gut, auch mal ganz unverzagt Nein sagen zu dürfen. 🙂

Quellen / weiterführende Literatur:

  1. Pietrobelli, Antoine: Galien, Oeuvres: Tome IX, 1re Partie: Commentaire Au Regime Des Maladies Aigues d’Hippocrate: Livre I. Les Belles Lettres 2019. Collection des Universites de France, Band 545). 366 p. ISBN 978-2251006284
  2. Galen: Gelassenheit. [Was bedeutet das alles?] Reclams Universal-Bibliothek, 2016. Übers. und Hrsg.: Brodersen, Kai 63 S. ISBN: 978-3-15-019319-8
  3. Galien, Claude: [Œuvres complètes] / Galien. 4 – Œuvres. Tome IV : Ne pas se chagriner. Édité par Véronique Boudon-Millot, Jacques Jouanna. Les Belles Lettres 2010, Collection des universités de France Série grecque. 302 p. ISBN 978-2-251-00556-0
  4. Xenophntos, Sophia: Psychotherapy and Moralising Rhetoric in Galen’s Newly Discovered Avoiding Distress (Peri Alypias). Med. Hist. (2014), vol. 58(4), pp. 585–603 doi:10.1017/mdh.2014.54
  5. Galien, Claude: [Œuvres complètes] / Galien. 5 – Œuvres, Tome V : Sur les facultés des aliments. Édité par John Wilkins. Les Belles Lettres 2013. Collection des universités de France Série grecque. 610 p. ISBN 978-2-251-00584-3
  6. Cerezo Magán, Manuel: La salud según Galeno: Estudio introductorio, traducción, notas, bibliografía y análisis terminológico sobre la salud y la enfermedad. (Fuera de colección). Edicions de la Universitat de Lleida; 1. Edition (16. April 2015). 394 p. ISBN 978-848409748
  7. Cerezo Magán, Manuel: Galeno, pionero del nutricionismo (Fuera de colección). Edicions de la Universitat de Lleida; 1. Edition (1. April 2018). 398 p. ISBN 978-8491440703
  8. Cerezo Magán, Manuel: Diccionario básico de Galeno. Edicions de la Universitat de Lleida; 1. Edition (2. November 2020). 792 p. ISBN 978-8491442189

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggte zunächst als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

20 Kommentare

  1. Man muss gar nicht in die Antike gehen um unverdrossene Menschen zu finden.
    Frauen machen nicht so viel Aufhebens um Unverdrossenheit. Die haben 1945 die Ärmel hochgekrempelt und die Trümmer in den zerbombten Städten weggeräumt. Die haben nicht darüber philosophiert, die haben es einfach gemacht.
    Das wäre doch einmal ein blog Thema, wo viele mitreden können, gerade jetzt in der Coronazeit.

  2. Der Begriff GELASSENHEIT ist keine Erfindung der Antike bzw. des christlichen Glaubens oder der Germanen. Bereits Buddha hat diesen Begriff vor über 2500 Jahren benutzt und in Verbindung mit der Achtsamkeit gebracht . Gelassenheit ist bei ihm wohl die Einsicht (Bewusstsein) in die Vergänglichkeit aller Dinge, das alles was geboren wird auch sterben muss, also das Loslassen dieser Anhaftung. Die alten Griechen nannten das “Panta Rhei”, alles fließt.
    Bei der Gottergebenheit scheint es auch eine Art “Loslassen” zu sein, da man sein Schicksal in die Hände Gottes gibt dem man sein Leben anvertraut. Welche Sicht wirksam ist, hängt wohl vom individuellen Glauben daran ab. Medizinisch gesehen ist Gelassenheit das Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus, also der ideale Zustand .

  3. Golzower,
    Der Ausdruck „Gottergebenheit“ wird in zweierlei Hinsicht benutzt.
    Die Christen beten während des Gottesdienstes:
    „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name,
    dein Reich komme, dein Wille geschehe,
    wie im Himmel , so auf Erden………

    „dein Wille geschehe“, das soll uns daran erinnern, dass wir nicht nur nach unserem Gutdünken handeln sollen, es ist die Erinnerung, im Einklang mit Gottes Willen zu handeln, also durchaus aktiv gedacht.
    Die zweite Bedeutung ist, wenn jemand im Sterben liegt, dass er sein Leben in Gottes Hände legt, also mit sich und mit Gott im Reinen ist.

  4. Galen für die Zukunft bedeutet Stoa für die Zukunft oder moderner Stoizismus
    Die stoische Lehre sieht die Welt als weitgehend nach deterministischen Regeln ablaufenden Prozess an in dem der Mensch als Handelnder sehr viel weniger ausrichten kann als er sich meist einbildet. Um überhaupt etwas ausrichten zu können, darf sich der Mensch nicht um Dinge kümmern, auf die er sowieso keinen Einfluss hat, sondern er muss sich um die Dinge allein oder vorrangig kümmern wo er etwas bewirken kann. Gelassenheit also gegenüber dem Lauf der Welt und der Zeit damit man Kraft für das findet was man selber formen kann.

    Selbsterhaltungstrieb und Logos/Vernunft sollen das Leben des Stoikers lenken und Tugendhaftigkeit zusammen mit Leidenschaftslosigkeit sind die Instrumente mit denen man Glück unabhängig von allen Widrigkeiten des Lebens erlangen kann.

    Und klar, Galen war Stoiker und damit einer in der Reihe der Stoiker in der Zeit von 300 vor Christus bis 2020 nach Christus. Hier ein erfolgreicher Autor, der an die Stoa glaubt.

  5. Wofür Stoa? Für die Krise oder gegen den Stress?
    Die stoische Philosophie erlebte Wiedergeburten vor allem in Krisenzeiten aber auch jetzt wieder. Doch sind wir heute in einer Krisenzeit? Vielleicht. Viele wollen uns das jedenfalls glauben machen. Und ja, globale oder extraterritoriale (fern von Deutschland) Krisen gibt es einige. Gemessen am Grossteil unserer Vergangenheit aber leben wir trotz Corona nicht in einer Krisenzeit.

    Neu an unserer Jetztzeit scheint mir aber die selbstgemachte Reizüberflutung, der allgegenwärtige Hype, das mediale Überangebot und die Nachrichtenflut aus den sozialen Medien. Alles Dinge bei denen viele, all zu viele marionettenhaft mitmachen.

    Und ja, die Stoa ist auch ein Weg aus der Reizüberflutung. Der Stoiker hört auf seine innere Stimme und ignoriert den Lärm der Welt.
    Die Stoa lehrt uns, dass das die meisten Reize es nicht verdienen von uns bedient zu werden. Sehr aktuell also.

    • Gottergebenheit (Vernunft) bedeutet, im Sinne der Schöpfung / des Seins des ursprünglichen Geistes, Mensch (Vernunftbegabung) immer als ganzheitliches Wesen zu erkennen/anzuerkennen und somit nach der “Vertreibung aus dem Paradies” (Mensch erster und bisher einzige geistige Evolutionssprung) fusionierend für EINE Seele der wirklich-wahrhaftigen und zweifelsfrei-eindeutigen Gelassenheit entwickelnd zu gestalten – Ich glaube aus dieser Seele (nur so ist Seele!), kann ein neuer/weiterer Geist im Freien Willen zur Stärkung der Schöpfung entstehen.

      Und ja, das ist keine Philosophie konfus-libertären Denkens, es ist tatsächlich eine der Verantwortung entsprechend konsequent-kompromislos gesicherte Diktatur des gewaltfreien Geistes.

    • Unverdrossene Stoiker, die sich auch in Gottergebenheit glauben, sind derzeit wohl die, die sich von der Angst und dem Hype in keinster Art und Weise mitreißen lassen, die stumpf dem geistigen Stillstand entsprechend der Erfüllung der offenbarten Vorsehung harren, und somit auf ihre innere Stimme hören und wie gewohnt nicht merken, daß die Stimme in ihrem Kopf einer äußeren/illusionären Welt- und “Werteordnung” ohne Anspruch auf Seele entspricht.

  6. M.Holzherr,
    Gelassenheit, d.h. Innere Ruhe, die ist vielen Asiaten eigen.
    Die Nordeuropäer lieben eher das aktive Gestalten auch um den Preis eines Krieges.

    Dr. Galen als Vorbild hinzustellen, mit Einschränkungen.
    Er gehörte der Oberschicht an, den der Verlust seiner Sklaven nicht nachhaltig beindruckt hat.
    Er, der eine gesunde Ernährung propagiert hat, während der Großteil der Bevölkerung froh war, überhaupt genügend Nahrung zu bekommen.
    Er vertritt in der damaligen Zeit eine Art Luxusphilosophie, die sich nicht jeder leisten konnte.

    Ich würde mir wünschen, lieber eine uns näher stehende Persönlichkeit als Vorbild hinzustellen. Jesus von Nazareth, Der wird heute in Wissenschaftsblogs totgeschwiegen, weil es nicht hipp ist zu behaupten : in memento mori. Hilf deinem Nächsten, achte die Gebote.
    Gelassenheit allein hat kein Ziel, Gottergenbenheit, die hat ein Ziel.

    • @hwied (Zitat 1): Die Nordeuropäer lieben eher das aktive Gestalten auch um den Preis eines Krieges.
      Antwort: Die Stoa ist für Menschen gedacht, die sinnvoll, unverdrossen, aktiv sein wollen und die sich darum vom Lärm der Umwelt abschirmen müssen – abschirmen bis zur Apathie. Einen Verlust wie der Verlust der Sklaven Galens darf der Stoiker deshalb nicht zu nah an sich heranlassen, denn das würde ihn daran hindern, weiterhin sinnvolles tun zu können.

      (Zitat 2): Er vertritt in der damaligen Zeit eine Art Luxusphilosophie, die sich nicht jeder leisten konnte.
      Antwort: sich nicht um Dinge zu kümmern, auf die man gar keinen Einfluss hat, kann sich jeder, sei er arm, sei er reich, leisten. Einer der bekanntesten Stoiker war ein ehemaliger Sklave: Epiktet.

  7. Sein oder Nichtsein – Der “Tanz um das goldene Kalb”, im nun “freiheitlich”-wettbewerbsbedingten “Tanz um den heißen Brei”:

    Möglichkeiten von/zu geistig-heilendes Selbst- und Massenbewusstsein, oder “144000 auf dem Berg Zion” und die “Gnade Gottes” (der absolute Tod) – “Individualbewusster” Kreislauf des geistigen Stillstandes seit der “Vertreibung aus dem Paradies”, oder Überwindung der Vorsehung in “göttlicher Sicherung” und …, das ist auch hier immer der Kern aller “Kommunikation”!?

  8. Zu hWied
    Ich stimme dem, was die Oberschicht angehörenden Galen zu. Wenn ein Millionär 100 Millionen EUR furch Spekulationen an der Bank verliert, aber noch 500 Millionen besitzt, dann kann er auch unverdrossen werden da er sich plötzlich “arm” fühlt. 1945 hatten Millionen Deutsche alles verloren, waren aber großteils nicht unverdrossen da sie nach diesem Schrecken des Krieges noch LEBEN durften. Damals lagen unter dem Weihnachstbaum- falls man einen bekam- vielleicht ein paar selbstgestrickte Sachen oder ein paar Äpfel und viele fühlten sich wohl unverdrossener als heute Leute die unter ihren Weihnachtsbäumen die teuersten Geschenke anhäufen…Man muss also ,was die Unverdrossenheit anbetrifft, nicht unbedingt in die Ferne der Antike schweifen, sondern vielleicht bei den Großeltern nachfragen, die unverdrossen damals ihr “hartes” Leben gestalteten und es auch zu sinnvoll zu Leben verstanden ( Die Jahre nach diesem Krieg waren die geburtenstärksten überhaupt ,was wohl das beste Zeichen von Optimismus und Unverdrossenheit ist )

    • “Mit dem Ende der Antike gaben sich die Leute zunehmend “gelassen” in Gottes Hände.”

      – Denn Unverdrossen reformiert der Zeitgeist die Vernunft/Gottergebenheit im Stumpf-, Blöd- und WahnSinne der Unwahrheit von materialischer “Absicherung” auf Schuld und Sündenbocksuche, so das:

      “Es war seit jeher den Epigonen vorbehalten, befruchtende Hypothesen des Meisters in starres Dogma zu verwandeln und satte Beruhigung zu finden, wo ein bahnbrechender Geist schöpferische Zweifel empfand.” (Rosa Luxemburg)

      Epigonen im Kreislauf – “Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

  9. Galen und die Stoa
    Galen kannte die stoische Schule sehr gut. Eigentlich zählt er zu den Gegnern der Stoa, denn er äusserste sich mehrmals kritisch der Stoa gegenüber. Die Stoa war aber in jedem Fall ein Fixpunkt im Denken Galens. Und allzu stark unterschied sich die Lebensphilosophie Galens eben nicht von der stoischen Lehre.

  10. Martin Holzherr,
    Sie schreiben :”darf sich der Mensch nicht um Dinge kümmern, auf die er sowieso keinen Einfluss hat”
    Das klingt auch berechnend. Gretchenfrage: Darf der Stoiker eifersüchtig sein, genauer, ist ein Stoiker eifersüchtig ?

    Ohne jetzt eine Wertung vorzunehmen, stoisch sein ist ein Charakterzug, der teils angeboren ist. Elie Wiesel hat bedauert, dass sich die Menschen in der Nazizeit nicht empört haben über die vielen Ungerechtigkeiten.
    Nächste Gretchenfrage: Kann sich ein Stoiker empören ?

    Karin Schuhmacher,
    Sie als Frau, mögen Sie Stoiker ?

    • @hwied: “Elie Wiesel hat bedauert, dass sich die Menschen in der Nazizeit nicht empört haben über die vielen Ungerechtigkeiten.”

      Willst Du egozentrierte Ignoranz und wettbewerbsbedingt-menschenverachtende Arroganz mit scheinbar angeborener Stoa entschuldigen?

    • @hwied (Zitat): Gretchenfrage: Darf der Stoiker eifersüchtig sein, genauer, ist ein Stoiker eifersüchtig ?
      Klare Antwort: Nein. Ein Stoiker sollte leidenschaftslos sein. Denn Leidenschaft vernebelt den Verstand und hindert damit den Stoiker daran, etwas sinnvolles zu bewirken.
      Hier gilt Nassim Nicholas Talebs Spruch:: “Wahre Stärke liegt nicht darin, die Existenz von Emotionen zu verleugnen, sondern darin, sie zu zähmen.”
      Das folgende stammt aus dem Artikel Über die stoischen Leidenschaften – Emotionen – Gefühle

      Im Endeffekt geht es darum, immer einen kühlen Kopf zu bewahren und sich nicht von seinen Gefühlen hinreißen zu lassen. Emotionale Unabhängigkeit. Die Stoische Apathie.

  11. Martin Holzherr,
    vorlletzte Frage: Wie pflanzt sich ein Stoiker fort? Mit Apathie geht das nur eingeschränkt. Vielleicht ist das der Grund, dass es so wenig Stoiker gibt.

    Oder unterscheidet der Stoiker streng zwischen der philosophischen Seite und der psychologischen Seite.
    Meine Assoziatiion bei stoisch geht in Richtung phlegmatisch oder unterkühlt.
    allerletzte Frage: Gibt es auch Stoikerinnen?
    Ein gesundes Neues Jahr !

  12. “Nicht einmal die Corona-Pandemie scheint dies zu ändern. Ist das nicht interessant?”

    Die Corona-Pandemie sollte das i-Tüpfelchen für die längst notwendige Veränderung sein, doch leider ist die unverdrossene Stoa der konsum-/profitautistischen Bewusstseinsbetäubung weiter der Motor kapitulativer “Gelassenheit” für den Ungeist im nun “freiheitlichen” Wettbewerb:

    “Nicht Mangel an Geist, sondern ein Geist*, der sich ununterbrochen selbst gegenwärtig ist, eine Ausgeglichenheit gegen die nichts und niemand ankommt. Die Menschen reden, die Karawane zieht vorüber: Die Dummheit erkennt man an jenem ruhigen Fortschreiten eines Wesens, das Worte von aussen weder ablenken noch berühren können. Sie ist nicht das Gegenteil der Intelligenz, sondern jene Form der Intellektualität, die alles auf ihr eigenes Maß zurechtstutzt und jeden Anfang in einem vertrauten Vorgang auflöst. Der Dummheit ist nichts menschliches jemals fremd; die macht – über die Lächerlichkeit hinaus – ihre unerschütterliche Kraft und ihre mögliche Grausamkeit aus.” (Alain Finkielkraut)

    *Zeitgeist / Bewußtsein ??

    Es passt immernoch und immerwieder 😭😎

  13. hto
    “the show must go on”, hat Every Brundage gesagt, als bei der Olympiade in München die Delegation aus Israel von Palästineser überfallen und getötet wurde.
    Die Reaktion von Brundage zeigt die Einstellung der Menschen gegenüber Gewalt ganz allgemein.
    Seitdem hat sich nicht viel verändert.

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