Die elektronische Patientenakte

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Auch dieses Jahr geht es auf der CeBIT, die noch bis morgen in Hannover stattfindet, wieder um die elektronische Patientenakte. Intelligente IT-Lösungen könnten das Papierchaos erfolgreich bekämpfen, das zurzeit noch in vielen Krankenhäusern und Arztpraxen vorherrscht, doch nur wenige Ärzte setzen bislang darauf. 

Das klassische Modell: Papierchaos und Bedenken gegen die e-Akte 

Volle Wartezimmer, stapelweise lose Blätter mit Befunden, verschollene Akten und mindestens eine Sprechstundenhilfe mit der hauptamtlichen Aufgabe, die damit verbundenen Probleme möglichst in Lichtgeschwindigkeit zu beseitigen – so oder so ähnlich sieht der Alltag zurzeit noch den meisten Kliniken oder Arztpraxen aus. Geht man von etwa 20.000 Fällen pro Jahr und durchschnittlich 50 Dokumenten pro Patientenakte aus, fallen jährlich rund 1 Million Belege in einem mittleren Krankenhaus mit 500 Betten an (Quelle: IfK Institut für Krankenhauswesen Braunschweig).

In der Industrie und Finanzdienstleistungsbranche wird die elektronische Aktenführung seit Jahren erfolgreich eingesetzt. Dagegen tun sich Krankenhäuser und Arztpraxen mit der Digitalisierung ihrer Daten bislang noch schwer und arbeiten weiterhin vor allem mit Papierakten. Selbst Krankenhaus-Informations-Systeme (KIS) oder günstige digitale Speicherformen konnten daran bislang nichts ändern. 

Dabei könnte alles so einfach sein: Ein Klick und schon erscheinen die letzten Befunde und Einträge über den Patienten, daneben stehen die Laborwerte im Verlauf und das letzte Röntgenbild ist ebenfalls in Sekundenschnelle mit dem dazu passenden Befund verfügbar. Die aktuellen Werte und der Bericht an den weiterbehandelnden Arzt werden rasch mit ein paar Mausklicks verschickt, so dass dieser sofort weiß, wie es um seinen Patienten steht und unnötige Doppelanalysen vermeiden kann. 

Gegen diese Art der Arbeitserleichterung in Arztpraxen und Krankenhäusern gibt es allerdings immer noch eine Reihe von Einwänden:

  • Medizinische Einrichtungen haben ein extrem hohes Sicherheitsbedürfnis und müssen dabei auch aufgrund der Archivierungsfristen von bis zu 30 Jahren langfristig denken. Während dieser Zeit dürften einige IT-Systeme abgelöst werden und einen sicheren und reibungslosen Wechsel erfordern.
  • Die IT-Landschaft besteht aus diversen, in der Regel organisch gewachsenen Systemen, die sich selten bis nie zu einer Gesamtlösung integrieren lassen.
  • Es fehlt an einheitlichen Prozessen zur Digitalisierung der Akten. Dies ist mit hohen Kosten verbunden, wobei die Effektivität der Archivierungstätigkeiten von den meisten Kliniken bislang nicht überprüft wird.
  • Oft bedarf es persönlicher Unterschriften, die zurzeit nur auf Papier eine uneingeschränkte Rechtsgültigkeit haben.
  • Weder Ärzte noch das Pflegepersonal haben einen festen Arbeitsplatz. Für eine rein elektronische Aktenführung auch während der Visite wären mobile Anzeigegeräte einschließlich einer entsprechenden Datentransferausrüstung notwendig. Abgesehen von den hohen Investitionskosten wäre vielfach auch eine Überzeugungsarbeit gerade bei den oft älteren Entscheidungsträgern notwendig, von denen viele bislang noch Papier bevorzugen. 

Langsames Umdenken in der Ärzteschaft 

Mittlerweile erhoffen sich immer mehr Ärzte weltweit trotz aller Bedenken insgesamt Vorteile vom Einsatz der elektronischen Patientenakte. Das zeigt auch eine Studie, für die das Beratungsunternehmen Accenture Ende 2011 mehr als 3700 Ärzte in acht Ländern befragte, darunter 500 in Deutschland. 

Die befragten Ärzte sehen die Vorteile vor allem in der leichteren Verfügbarkeit von hochwertigen Daten für die klinische Forschung (70,9 Prozent), einer verbesserten Koordination von Therapien (69,1 Prozent) und in der Verringerung von Behandlungsfehlern (66 Prozent). Über drei Viertel aller Befragten meinen, dass sich dadurch organisationsübergreifende Arbeitsprozesse verbessern ließen. Auch die Koordination der Patientenversorgung über verschiedene Einrichtungen hinweg  (72,6 Prozent), die Genauigkeit von Diagnosen (67,1 Prozent) sowie der Zugang zu medizinischen Leistungen (66,7 Prozent) würden verbessert. 

Allerdings sind 43,6 Prozent der Befragten skeptisch, dass intelligent vernetzte Technologien möglicherweise keinen oder sogar einen negativen Einfluss auf die Verringerung unnötiger Untersuchungen haben könnten. 43 Prozent bezweifeln, ob der Zugang zu Therapien durch IT besser werde und 39,2 Prozent, ob dadurch mehr Behandlungserfolge erzielt würden. Dabei schätzen Ärzte, die bereits regelmäßig IT einsetzen, deren Nutzen höher ein als diejenigen, die eher selten oder nicht damit arbeiten. 

Mehr als 72 Prozent der Ärzte unter 50 Jahren denken, dass der elektronische Austausch von Gesundheitsinformationen oder die elektronische Patientenakte das Gesundheitswesen verbessert, unter den über 50-Jährigen sind es lediglich 65 Prozent. Damit sind jüngere Ärzte von den positiven Eigenschaften der Gesundheits-IT generell stärker überzeugt als ihre älteren Kollegen. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland jedoch bezüglich der positiven Einschätzung weit vorn: 62,2 Prozent der Ärzte in Deutschland sind vom Nutzen der IT überzeugt. Damit liegen sie hinter Spanien (71 Prozent) und nur knapp hinter Singapur (64 Prozent). 

Die e-Akte der Zukunft 

Bei der Fachtagung “IT-Trends Medizin/Health Telematics”, die im vergangenen Herbst in Essen stattfand, kamen die Experten zu folgenden Ergebnissen: 

Klare Definition eines strategischen Konzeptes 

Die Beteiligten sollten analysieren, was die Akte tatsächlich leisten soll und welche Strukturen sie benötigen. Dann könnten sie im nächsten Schritt prüfen, wie sich die Anforderungen technisch umsetzen lassen, ohne ein zu starkes Gewicht auf die IT zu setzen. 

Realistische Ansprüche stellen und Datenschutz gewähren 

Es macht keinen Sinn, auf die optimale Lösung zu warten, da es diese vermutlich nie geben wird. “Wichtig ist es vor allem, die Befundübertragung datenschutzrechtlich sicher zu gestalten”, so der Dürener Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Deiters, der an einem Projekt zur Entwicklung einer einrichtungsübergreifenden elektronischen Patientenakte mitarbeitet. “Damit sollte man aber nicht übertreiben. Wir müssen uns auch fragen: Wie werden heute Befunde übertragen?” Auch müsse genau geregelt sein, wer auf die gespeicherten Daten zugreifen darf. 

Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Peter Schaar, erklärte anlässlich des 4. Europäischen Datenschutztag am 28. Januar 2012 in Berlin zum Risiko elektronische Gesundheitskarte und Internet-Gesundheitsakten: “Das Gesetz sieht für Gesundheitsdaten, die bei Ärzten oder in der geplanten Telematikinfrastruktur des Gesundheitswesens gespeichert werden, einen besonderen Schutz vor. Jede Nutzung für andere Zwecke ist danach ausgeschlossen. Wer dagegen verstößt, macht sich strafbar. Selbst Strafverfolgungsbehörden dürfen diese Daten nicht beschlagnahmen. Dagegen gilt für die von kommerziellen Anbietern beworbenen Internet-Krankenakten kein vergleichbarer Schutz.”

Empathie nicht verdrängen 

Wie im Rahmen der Technisierung allgemein darf allerdings eine erfolgreiche Elektronisierung trotz all ihrer Vorteile nicht dazu führen, dass Mediziner nur noch auf die Computer starren und nicht mehr auf ihre Patienten. “Ärzte müssen nicht nur in den Akten lesen können, sondern auch weiterhin die Kunst der Kommunikation beherrschen”, meinte daher Dr. Christine Groß, eine der beiden Vorsitzenden des ärztlichen Telematik-Beirats in Nordrhein-Westfalen: “Wenn wir lernen, beides zu behalten, sind wir auf dem richtigen Weg”. In den meisten deutschen Kliniken und Arztpraxen wird auf diesem Weg wohl noch das eine oder andere Hindernis zu überwinden sein. 

Quellen / weiterführende Literatur:  

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggte zunächst als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

2 Kommentare

  1. RFID

    BITTE UNBEDINGT LESEN UND TEILEN!
    Jeder Amerikaner muss sich den RFID-Chip implantieren!

    Wir haben durch deutsches TV keinerlei Nachrichten!

    Hier die Zusendung eines Lesers der Seite http://www.diewarnung.net

    430.
    Was mir schwer fällt, zu begreifen: Warum berichten unsere Medien nicht darüber? Warum wird das wohl tot geschwiegen?

    Bereits am Sonntag, den 21. März 2010 passierte die Healthcare bill HR 3200 den USA-Senat und trat als Gesetz am darauf folgenden Dienstag in Kraft.

    Was bedeutet das denn?

    Dass es sich dabei um die Öffnung einer prophetischen Tür handelt, in einer Reichweite, die es in dem Ausmaß seit der Reformation Israels nicht mehr gab.

    Denn: dieses Gesetz erfordert die Implantierung eines Microchips in jedem Nordamerikaner, da spätestens 36 Monate nach seinem Inkrafttreten, also ab dem 23. März 2013 jeder USA-Bürger sich einen Microchip implantieren lassen muss, um Zugang zu ärztlicher Versorgung haben zu können!!!

    Es kommt noch schlimmer:

    Derjenige, der diesen Microchip verweigert, erhält nicht nur keinen Zugang zur ärztlichen Versorgung, sondern wird auch noch mit einer Geldstrafe belegt.

    Ist das das dämmernde Morgengrauen der sich in Kürze manifestierenden Prophezeiung?

    Bitte informieren Sie sich doch selbst:

    http://www.polidics.com/news/another-hidden-secret-in-obamacare-rfid-chip-implants.html

    Hier können Sie dieses Gesetz auch herunterladen und in Ruhe studieren.

    Oder geben Sie in Google einfach ein: Obamacare, chip 2013 – und Sie erhalten sehr viele Informationen darüber!

    And who comes next? E u r o p a ???

    GOTTES Segen

  2. “Matrix” bleibt zum Glück Science-Fiction

    Am 6. November 2012 finden in den Vereinigten Staaten die Präsidentschaftswahlen statt. Wenn die in diesem Kommentar befürchteten Prophezeiungen wahr würden, wäre der Film Matrix vielleicht bald keine Science-Fiction mehr. Zum Glück scheint das jedoch nicht der Fall zu sein.

    Zu den entsprechenden Gesetzesentwürfen habe ich Folgendes gefunden: Der Healthcare Bill HR 3200 ist ein Entwurf vom 14. September 2009, der in einem Punkt auch die Etablierung eines nationalen Registers für Medizingeräte vorsieht. Dabei handelt es sich um Geräte der Klasse II, also Hörgeräte oder Spritzensysteme (s. Definition: hier) sowie Hochrisikogeräte der Klasse III (z.B. Schrittmacher oder Herzklappen). Dieser Entwurf wurde allerdings nicht genehmigt: http://www.govtrack.us/congress/bills/111/hr3200.

    Stattdessen genehmigte der US-Senat den Entwurf HR 3590 vom 17. September 2009. In diesem konnte ich nichts über Microchip-Implantate oder ähnliche Geräte finden.

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