Bereit zum Public Viewing

Deutschland: Vorsicht, Fußballfieber!

Fußball schauen gefährdet die Gesundheit. Wer der Wissenschaft dazu nicht traut, braucht nur diese EM anzuschauen: Deutschlands Einzug ins Halbfinale war nichts für Herzschwache. Erst in der dramatischen Verlängerung des Elfmeterschießens gelang dem amtierenden Weltmeister der Sieg über Italien. Doch der Krimi geht weiter: Heute Abend spielen Jogis Jungs gegen Gastgeber Frankreich. Womit wir in der heißen Endphase der EM 2016 rechnen müssen und wie wir uns vor Gesundheitsrisiken schützen können.

Stress fürs Zuschauerherz
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Als Kardiologen des Universitätsklinikums Großhadern bei der Weltmeisterschaft 2006 die Protokolle von 24 Notarztstandorten im Großraum München analysierten [1], staunten sie nicht schlecht: Immer wenn die deutsche Nationalmannschaft spielte – unabhängig von Wetter oder Umweltbelastungen – zeigten deutlich mehr Menschen Herzrhythmusstörungen oder Herzinfarkte.

In den zwei Stunden nach dem Anpfiff ereigneten sich die meisten Notfälle. Vor allem Männer mit einem bereits vorgeschädigten Herzen waren gefährdet. Durch heftiges Mitfiebern am Bildschirm stieg das Risiko für ein Koronarereignis um mehr als das Doppelte. Offenbar können Menschen, deren Herzkranzgefäße bereits verengt sind, durch die (fußballbedingte) Aufregung ein akutes Herzereignis triggern: Die Plaque kann aufreißen, die Adern verstopfen und es kommt zum Infarkt.

Public Viewing: Kult mit Risiken

Deutschland ist mal wieder im Fußballrausch. Fahnen in Schwarz-Rot-Gold – überall treffen sich die Fans zum Public Viewing, um gemeinsam zu feiern und zu fiebern. Für viele Deutsche ist Fußball mehr als nur ihr Lieblingssport. Das Spiel ums Runde, das ins Eckige muss, wird für viele Männer und immer mehr Frauen Teil ihrer Identität. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ist mit über 6,8 Millionen Mitgliedern der größte Sportverband der Welt. Zum Vergleich: Das bereits im Finale stehende Portugal hat insgesamt 10,6 Millionen Einwohner.

Jubeln, heulen, saufen, bis der Arzt kommt (oder / und die Polizei) – ein tolles Gemeinschaftserlebnis, vor allem wenn am Ende die eigene Mannschaft gewinnt und man sich mit den Siegern identifiziert (“Wir haben gewonnen”). Es ist schön und wichtig, den Gefühlen mal freien Lauf lassen zu können, vor allem in einer Gesellschaft, in der die wahren Emotionen im Alltag oft unterdrückt werden (müssen).

Bereit zum Public Viewing

Fußball-EM 2016: Bereit zum “Public Viewing”. Foto: Karin Schumacher, Medicine & More 2016

La-Ola der Hormone: (Fast) wie ein One-Night-Stand

Bei einem Vollblut-Fan verschmilzt sein Ich mit seinem Verein. Auf diese Weise werden wesentliche Grundbedürfnisse wie Freude, Erfolg, Glück und Kompetenz erfüllt – wie in einer Partnerschaft, wenn auch nur kurz – für eine Nacht [2].

Tatsächlich – wer ein Fußballspiel seiner Lieblingsmannschaft anschaut, kurbelt seinen Testosteronspiegel an. Eine Niederlage wirkt dagegen prompt auf die Cortisol-Produktion. So befinden sich während eines Matches die Hormone in einer ständigen La-Ola-Welle.

Die Erhöhung des eigenen Selbstwertgefühls durch dieses “basking in reflected glory“, wie angelsächsische Psychologen das “sich im Erfolg eines Anderen sonnen“ nennen, ist Gift für vorgeschädigte Herzen. Und wenn die angehimmelte Mannschaft dann noch verliert, ist das Unglück umso größer für die Gesundheit des Fans.

Wer sich für längerfristiges Glück interessiert, kann übrigens auch in meinen beiden anderen aktuellen Bloggewitter–Beiträgen über die Schweiz und Tschechien fündig werden.

Saver Viewing: Schutz vor dem Herzkasper

Sollen wir deswegen nun auf Public Viewing und Co. verzichten? Natürlich nicht. Hier ein paar Tipps, damit die noch kommenden Spiele auch für vorgeschädigte Herzen nicht in der Klinik enden:

  1. Lieber vorher zum Arzt! Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes oder auch Raucher sollten sich lieber einmal mehr durchchecken lassen, bevor sie sich in Stress stürzen.
  2. Kein Alkohol! Wasser ist wohl bei diesem Wetter das beste Getränk, doch auch alkoholfreies Bier kann schmecken. Alkoholfreies Weizen ist sogar ein ausgezeichnetes Sportgetränk, da es wertvolle Elektrolyte, Vitamine und vor Infekten schützende Polyphenole enthält [3].
  3. Nährstoffe tanken: Stress sorgt für Magnesiummangel, Alkohol auch. Vor dem Spiel eine Magnesium-Tablette einwerfen und statt Chips und Co. lieber Obst, Gemüse-Sticks und (ungesalzene) Nüsse knabbern.
  4. Spannung abbauen, Gefühle herauslassen: Jubeln, heulen oder auch mal auf den Tisch hauen. Am besten die überschüssige Energie in der Halbzeit in Bewegung umsetzen.
  5. Ablenkung: An etwas anderes denken, Witze reißen, entspannen. Stress kann einen wahren Adrenalin-Tsunami auslösen. Das Hormon hat eine sehr kurze Halbwertszeit. Nach einer bis drei Minuten muss die Nebenniere wieder Nachschub liefern, um den Pegel zu halten – was ihr bei einem aufregenden Spiel leicht gelingt. Wer also ab und an mal das Geschehen verlässt, kann diesen Kreislauf durchbrechen und dann wieder unbeschwerter das Spiel genießen.
  6. Selbst Sport treiben – nicht nur zugucken. Allerdings hat auch aktiver Fußball seine Risiken und Nebenwirkungen. Im aktuellen Gehirn & Geist kann man nachlesen, wie Kopfbälle dem Gehirn schaden. Gesünder ist die Bewegung, wenn dabei nicht auch noch Gegnern ein Ball abgejagt werden muss. Wer Lust und Zeit hat, kann dies gleich morgen Abend testen –  in Heidelberg beim 5. NCT-Lauf, dem jährlichen Spendenlauf für die Krebsforschung. Doch auch wer sich dieses Jahr (noch) nicht auf den 2.5 km-langen Rundkurs wagt oder zu weit weg wohnt, kann gerne mit dem #teamschnipsflausch mitfiebern, diesem tollen Team in Rot, das sich immer über Verstärkung und Unterstützung freut.
  7. Perspektivenwechsel. Wie wäre es, das ganze Geschehen neutral aus der Vogelperspektive zu betrachten? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass dies eine exzellente Übung ist, viele Herausforderungen des Lebens zu entschärfen. Vielleicht findet man mich deswegen auch eher auf einem Berg als auf einer Fußballveranstaltung.

In diesem Sinne: Allez les Allemands! Allez les Bleus! Wer wird im Endspiel auf Portugal treffen? Gastgeber oder Weltmeister? Es bleibt spannend.

Last but not least für morgen und das kommende Wochenende: Allez les Blogs! Einen guten und erfolgreichen Umzug auf spektrum.de. Allen anderen eine erholsame kleine Fußball- und SciLogs-Pause. Und natürlich: Allez #teamschnipsflausch! 🙂

Literatur:

[1] Ute Wilbert-Lampen, David Leistner, Sonja Greven, Tilmann Pohl, Sebastian Sper, Christoph Völker, et al. (2008). Cardiovascular events during World Cup Soccer. N. Engl. J. Med. 358, 475–483. DOI: 10.1056/NEJMoa0707427

[2] Stefan Stieger, Friedrich M. Götz, Fabienne Gehrig (2015). Soccer results affect subjective well-being, but only briefly: a smartphone study during the 2014 FIFA World Cup. Front. Psychol. http://dx.doi.org/10.3389/fpsyg.2015.00497

[3] Johannes Scherr, David C. Nieman, Tibor Schuster, Jana Habermann, Melanie Rank, Siegmund Braun, Axel Pressler, Bernd Wolfarth, Martin Halle (2011). Non-Alcoholic Beer Reduces Inflammation and Incidence of Respiratory Tract Illness. Medicine & Science in Sports & Exercise. DOI: 10.1249/MSS.0b013e3182250dda

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

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