Der Pedelec-Unfall und was wirklich zählt: Intuition, Verantwortung und Dankbarkeit

Der Pedelec-Crash

Ein harmloser Frühlingsspaziergang, ein steiler Feldweg – und plötzlich ein Crash. Ein Pedelec-Fahrer verliert die Kontrolle und wird von meinem Arm (und einer halben Brezel) gebremst. Knochenbrüche, Schock, Hubschraubereinsatz. Ein Bericht über Verantwortung im Straßenverkehr, lebensrettende Intuition – und was Psychologie über Schuld, Schutzmechanismen und Dankbarkeit verrät.

Helm ab, ich komme… mit dem Helikopter ins Krankenhaus

Frühlingszeit – Fahrradzeit. Zeit für Bewegung in der Natur. Frische Luft atmen, CO2 sparen. Ich gehe einen steilen Feldweg hinab mit einer halben Brezel in der Hand. Plötzlich spüre ich ein Sausen im Rücken: bsss. Intuitiv gehe ich einen Schritt zur Seite. Doch da ist es schon zu spät.

Etwas Hartes und Schweres trifft mich. Ich werde zu Boden geschleudert, mein Körper landet mit voller Wucht auf Rasengittersteinen. Der Aufprall ist brutal. Mein Brustkorb wird zusammengepresst wie ein Akkordeon, aus dem jemand gewaltsam die Luft presst.

Was war denn das? Unter höllischen Schmerzen denke ich: Lebe ich noch? Zumindest schreie ich laut und kann mich bewegen.

Sekunden, die alles verändern

Zwanzig Meter weiter unten liegt ein Fahrrad. Dahinter ein Mann. Stumm, reglos und ohne Helm. Seine Brille liegt heil im Gras. Meine halbe Brezel ebenfalls. Nur unsere Knochen nicht.

Der Pedelec-Unfall ereignete sich auf dem steilen Feldweg. Der Fahrer verlor die Kontrolle, streifte mich und verletzte sich selbst schwer. Anfangs ist er noch ansprechbar, muss dann aber von den glücklicherweise rasch eintreffenden Rettungskräften beatmet und mit dem Helikopter in die Uniklinik gebracht werden.

Schutzengel im Gehirn: Wenn das limbische System übernimmt

Wenn es Schutzengel gibt, waren einige davon an diesem Ort zu dieser Zeit im Einsatz. Meine Jacke ist am Rücken zerfetzt, mein linker Arm ist gebrochen. Nun muss ich vieles mit rechts machen. Die rekordverdächtigen Hämatome verabschieden sich nur äußerst langsam. Doch ich hatte Glück und eine lebensrettende Intuition. Sonst wäre es schlimmer ausgegangen.

Ist das nicht faszinierend? Mein Körper reagierte, noch bevor ich verstand, was los war. Ein Sausen und meine früheren Erfahrungen als Mountainbikerin und Ärztin waren sofort präsent. Mein limbisches System übernahm blitzschnell – jener uralte Teil des Gehirns, der für Intuition, Instinkte und emotionale Reaktionen zuständig ist.

Neurobiologen nennen das “bottom-up”-Verarbeitung. Die Wahrnehmung erfolgt nicht über rationales Nachdenken, sondern über unser körperlich verankertes,  archaisches Frühwarnsystem. [1] Es funktioniert wie bei einem Hasen, der dem hungrigen Fuchs gerade noch rechtzeitig entwischt und dabei einige Schwanzhaare einbüßt. Nur dass in meinem Fall der Fuchs ein Pedelec-Fahrer war.

Weiterführende Einblicke in Intuition, Denksysteme und kognitive Verzerrungen gibt es in diesem aktuellen Artikel von Luisa Sophie Engelke auf dem Nachbarblog “Hirn und Weg”: Kognitive Verzerrungen – Denkfallen unseres Gehirns.

Der Radfahrer war unterwegs “wie immer”

Einige Tage später steht der Mann wieder vor mir. Ein Verband ziert seine linke Schädelhälfte. Eine Woche wurde er in der Klinik behandelt: Felsenbein- und Schlüsselbeinfraktur, leichtere Hirnblutungen und größere Hämatome an verschiedenen Körperteilen. Auf dem linken Ohr ist er nun taub, vielleicht wird das noch besser. Vielleicht auch nicht. Schließlich ist er ungedämpft auf seinen Gehörknöchelchen gelandet.
Es geht ihm erstaunlich gut, ich bin sichtlich erleichtert. Und staune.
Über den Pedelec-Unfall sagt er nur:

“Ich klingle immer vorher. Die Leute weichen dann immer aus. Sie sind doch auch zur Seite gegangen. Der Weg ist halt steil, da wird man eben schnell.”

Ich schaue ihn an. Seine rote Brille sitzt wieder korrekt auf der Nase. Falls er tatsächlich “wie immer” geklingelt hat, haben es nur er und der Wind gehört. Denn dieser wehte an diesem Tag in die andere Richtung. Gebremst hat er jedenfalls nicht.

Vielleicht denkt er wirklich, alles richtig gemacht zu haben?  Wahrscheinlich glaubt er tatsächlich, dass es so war. Warum?

Schutzmechanismen des Gehirns verstehen

Was passiert in uns, wenn wir mit Schuld und Versagen konfrontiert werden? Wir verfügen über einige bewusste und unbewusste Mittel, um unangenehme Wahrheiten zu entschärfen. Psychologen nennen diese Strategien psychosozialen Abwehrmechanismen. Manchmal schützen sie uns, doch manchmal hindern sie uns auch daran, aus Fehlern zu lernen oder ein Kapitel unseres Lebens abzuschließen.[2]

Funktionale Abwehrmechanismen

😂 Humor

Ich muss lachen, wenn ich daran denke: Der Radfahrer kommt vom Erste-Hilfe-Kurs, rast ohne Helm los und wird von meinem Arm und einer halben Brezel gestoppt. Brezel und Brille bleiben heil. Einige Knochen sind kaputt.
Humor reduziert Stress, fördert Heilung und aktiviert sogar das Immunsystem.

🛟 Altruismus

Ich sprach beruhigend mit ihm, bis die Rettung kam. Erst danach merkte ich, wie verletzt ich war. Anderen helfen hilft auch einem selbst – weil es Sinn stiftet und Schmerzen in den Hintergrund treten lässt. Aber man darf sich dabei nicht selbst vergessen.

💬 Sublimierung

Wut, Trauer, Scham in eine akzeptable Form bringen – z. B. durch Sport, Musik, Kunst oder durch Schreiben. Ich schreibe. Nicht nur für mich. Sondern für alle, die daraus lernen können.

Dysfunktionale Abwehrmechanismen

🫵Projektion

“Ich habe doch wie immer geklingelt. Sie sind doch zur Seite gegangen.”

Er schiebt die Verantwortung für den Pedelec-Unfall auf meine Ohren und Beine – statt sich mit seinem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen. Wenn ich ähnlich reagiere, kann der Konflikt eskalieren.

🙊Vermeidung

Nicht darüber sprechen, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Doch der Elefant im Raum wird mit der Zeit größer – bis er alles blockiert.

🤔Rationalisierung

“War doch nicht so schlimm. Wir hatten Glück.”

Aber war es wirklich Glück? Oder war es vermeidbar? Verharmlosung hilft oft nur kurzfristig dem Ego und nicht einer dauerhaften Heilung

Überwindung von Abwehrmechanismen

Regelmäßige Selbstreflexion hilft, eigene Abwehrstrategien zu erkennen und zu hinterfragen. Doch wir alle haben blinde Flecken.
Dabei helfen:

  • Freunde und Vertraute, die ehrlich sind
  • Mentoren oder Mentorinnen, Mediatorinnen oder Mediatoren, die neutral sind
  • Und manchmal sogar Richterinnen oder Richter, wenn es sein muss
    Doch nicht alles, was legal ist, ist auch gerecht. Nicht jedes Urteil bringt Frieden oder gar Heilung.

Fehler eingestehen – schwer, aber heilsam

Warum fällt es uns so schwer, einen Fehler zuzugeben? Als Erwachsene haben wir es verlernt, Schwäche zu zeigen. Wir haben Angst davor. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wer sich entschuldigt, übernimmt Verantwortung. Und das ist stark.

Willy Brandts Kniefall – Entschuldigung auf höchstem Niveau

Wenn ich an eine wirksame Entschuldigung denke, fällt mir sofort Willy Brandt (1913-1992) ein. Am 07. Dezember 1970 sank der damalige Bundeskanzler in Warschau vor dem Denkmal für die jüdischen Helden des Warschauer Ghettoaufstands von 1943 auf die Knie.

Es war eine spontane, tief bewegende Geste. Ein Zeichen der Demut und Verantwortung. Auch wer persönlich nicht schuldig ist, kann und muss manchmal sogar Verantwortung übernehmen. Echte Versöhnung beginnt mit Verständnis – nicht mit Rechthaberei.

Demut und Verantwortung

Willy Brands Geste ist von zeitlosem Wert. Wenn viele Individuen Verantwortung systematisch verweigern, entsteht ein kollektives Klima der Verdrängung. Die Nachkriegsgesellschaft war geprägt vom Schweigen und anderen Abwehrstrategien.

Doch auch heute gibt es genug Themen, bei denen wir lieber weg- als hinschauen. Dadurch geht das Unrecht aber nicht weg. Es verlagert sich nur und treibt dann unbewusst sein Unwesen weiter.
Wie viel Verantwortung kann man selbst übernehmen? Wie kann man sich verhalten – in kleinerem Maßstab, aber mit ähnlicher Wirkung?

Verzeihung als Befreiung

Vergebung ermöglicht es den Betroffenen abzuschließen. Gerade für Opfer ist es wichtig, dass sie auch ohne Entschuldigung vergeben – denn oft müssen sie das.
Der innere Frieden ist wichtiger als die Reue des anderen. Vergebung ist Selbstermächtigung: Ich lasse los, weil ich leben will – nicht, weil du es verdient hast.
Es ist eine enorme seelische Kraftanstrengung, die ein gutes soziales Netzwerk und oft auch professionelle Hilfe braucht. Doch es lohnt sich.

Der Abschluss unvollständiger Geschichten ist wichtig zum Weiterleben. Dabei bedeutet Vergeben nicht Vergessen.

Der Zaigarnik-Effekt: Warum uns offene Kapitel belasten

Die russische Psychologin Bluma Zeigarnik (1901-1988) entdeckte 1927 ein Phänomen, das später nach ihr als Zaigarnik-Effekt benannt wurde. [3] Nicht abgeschlossene Aufgaben spuken in unserem Kopf herum wie das unverdaute Gras in den Mägen einer wiederkäuenden Kuh. Erst wenn wir abschließen können, werden wir frei für Neues.

Die Werbung nutzt diesen Effekt als “Cliffhanger”, um Kunden zum Kauf anzureizen. Jedes unbefriedigte Verlangen wirkt im Kopf, wie an einer 30 Meter hohen Felswand zu hängen. Wir können erst loslassen, wenn wir die Lösung haben – sei es ein Fahrradhelm oder funktionierende Bremsen.

Was hilft mir? Dankbarkeit

Trotz allem bin ich dankbar. Für mein Leben. Für meine Schutzengel. Für die Menschen die geholfen haben und helfen. Und für das, was ich daraus gelernt habe und lerne.

“Die gesündeste aller menschlichen Emotionen ist Dankbarkeit”,

schrieb Hans Selye (1907-1982). Der österreich-ungarisch/ kanadische Mediziner gilt als der Vater der Stressforschung. Dankbarkeit kann als Spiegelbild für die psychische Gesundheit angesehen werden. Sie macht nicht nur glücklich, sondern auch gesund. Zahlreiche Studien konnten dies in den letzten Jahren immer wieder auch wissenschaftlich belegen. Aufrichtige Dankbarkeit ist eine wunderbare Anerkennung und Wertschätzung. [4]

Vier kleine Freuden täglich

Für die russisch-französische Psychologin Anne Ancelin Schützenberger (1919 – 2018) galt Achtsamkeit und die aktive Wahrnehmung der kleinen Freuden des Lebens als wirksames Glücksrezept.

Ihre Empfehlung: Vier kleine Freuden pro Tag – bewusst wahrnehmen und aufschreiben.

Trotz einiger Stürme und Herausforderungen in ihrem Leben wurde sie damit glücklich fast 100 Jahre alt.

Was hat mir heute Freude bereitet? Was kann mir morgen Freude bereiten? Das Führen von Dankbarkeitstagebüchern und die dadurch gelebte Achtsamkeit und Dankbarkeit fördern gesunde Copingstrategien und ein erfolgreiches Stressmanagement.

Mir fällt es leicht, vier Freuden pro Tag zu finden. Eine lustige Spatzenfamilie, ein Lächeln, Zeit zum Schreiben, wenn auch mit Pausen (der Musikantenknochen macht sich noch immer bemerkbar).
Eine Packung Kekse von einem Freund, der sich für das Ausleihen eines Führers über das Mont-Blanc-Massiv bedankt. Ich brauche ihn ja momentan nicht. Ein süßer Trost, trotz allem.

Und der Pedelec-Fahrer?

Er hat sich für die rasche Hilfe bedankt. Für den Pedelec-Unfall hat er sich dagegen nicht entschuldigt. Einen Helm will er weiterhin nicht tragen. Schließlich kenne er jemanden, der sich trotz Helm schwer verletzt hätte.
Ich bin jedenfalls froh, dass ich nicht in seiner Haut stecke.
Vielleicht schenkt ihm seine Frau einen Helm. Rot und stylisch. Passend zur Brille. Vielleicht auch nicht.

Appell: Rücksicht ist kein Rückschritt

Moderne Pedelecs, E-Bikes und E-Scooter sind schnell, leise und schwer. Sie bringen Freiheit, aber auch Verantwortung. Besonders auf Wegen, auf denen auch Fußgänger unterwegs sind.
Daher:

  • Tragt Helme. Sie senken das Risiko schwerer Kopfverletzungen um über 60% [5]
  • Seid achtsam: Haltet Blickkontakt, bevor ihr überholt.
  • Bremst rechtzeitig.
  • Nehmt Rücksicht – sie rettet Leben.
  • Und wenn mal etwas schiefläuft: Verzeiht und vergebt, aber vergesst nicht, sondern lernt daraus!

FAQ: Was viele zum Thema Pedelec-Unfälle wissen wollen

🚲Was ist der Unterschied zwischen E-Bike und Pedelec?

Ein Pedelec (Pedal Electric Cycle) unterstützt nur beim Treten bis maximal 25 km/h. Ein E-Bike kann auch ohne Treten fahren, ist oft schneller und benötigt Zulassung sowie ein Kennzeichen. Ein S-Pedelec (Schnell-Pedelec) unterstützt bis zu 45 km/h, gilt als Kleinkraftrad und erfordert Führerschein, Versicherung, Helmpflicht und Zulassung.

⛑️Sind Fahrradhelme bei Pedelecs Pflicht?

Für Erwachsene besteht in Deutschland keine Helmpflicht bei normalen Fahrrädern und Pedelecs. Für E-Bikes und S-Pedelecs hingegen gilt Helmpflicht. Doch wer seinen Körper liebt, sollte den Kopf mit einem Helm schützen. Helme senken das Risiko schwerer Kopfverletzungen erheblich. [5]

👩‍⚖️Wer haftet bei einem Pedelec-Unfall?

In der Regel haftet die private Haftpflichtversicherung des Unfallverursachenden – sofern vorhanden. Pedelec-Fahrende tragen eine besondere Verantwortung im Straßenverkehr, vor allem gegenüber Fußgängern und Fußgängerinnen auf gemischten Wegen.

👮‍♀️Was sagt die Polizei zu unserem Fall?

Die Polizei stellte fest, dass der Fahrer die alleinige Schuld trägt. Der Pedelec-Unfall wurde aufgenommen und der Vorgang weitergegeben.
Als betroffene Fußgängerin könnte ich innerhalb von drei Monaten einen Strafantrag stellen. Das habe ich bislang nicht getan. Denn ich habe mich fürs Vergeben statt fürs Verklagen entschieden.

Quellen / weiterführende Literatur:

[1] LeDoux, J. E. (1996). The emotional brain: The mysterious underpinnings of emotional life. New York, NY: Simon & Schuster.

[2] Freud, S. (1911). Die Verdrängung. In S. Freud, Gesammelte Werke (Bd. 12). Frankfurt am Main: S. Fischer.

[3] Zeigarnik, B. (1927). Über das Behalten erledigter und unerledigter Handlungen. Psychologische Forschung, 9(1), 1–85. https://doi.org/10.1007/BF00410401

[4] Lubik, N., & Gräf, M. (2023). Die Kraft der Dankbarkeit: Eine experimentelle Längsschnittstudie zum Einfluss von Dankbarkeitstagebüchern auf Achtsamkeit, Coping und Stress (Arbeitspapier Nr. 87). FOM Hochschule für Oekonomie & Management. https://forschung.fom.de/fileadmin/fom/forschung/arbeitspapiere/Arbeitspapiere-der-FOM/FOM-Forschung-Arbeitspapiere-87-Lubik-Graef-Kraft-der-Dankbarkeit-2023.pdf

[5] Thompson, D. C., Rivara, F. P., & Thompson, R. S. (1989). A case-control study of the effectiveness of bicycle safety helmets. New England Journal of Medicine, 320(21), 1361–1367. https://doi.org/10.1056/NEJM198905253202101

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Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggte zunächst als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

26 Kommentare

  1. @Karin Schumacher: “Denn ich habe mich fürs Vergeben statt fürs Verklagen entschieden.”

    Das ist ein großer Fehler, besonders weil die Raser mit den Elektro-Rollern und Fahrrädern eine zunehmende Gefährdung sind. Ich kenne auch Fälle, wo den Verursachern nix passiert ist und sie auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind.

    Zum Thema Verantwortung:

    Mit 14 wurde ich von einer Käferfahrerin heftig vom Fahrrad geholt. Ich war zwar Schuld, weil ich von rechts aus einer teilweisen Fußgängerzone kam, aber wenn die Frau nicht gasgegeben hätte, anstatt zu bremsen, dann hätte ich es geschafft (den Motor eines aufheulenden Käfers vergesse ich nie mehr!).
    Aus dem Fahrzeug ist sie nicht ausgestiegen (Schock?) und ihre Verwechslung Gas statt Bremse hat sie auch nicht erwähnt.

    Ein zweites Mal, als Fahranfänger mit dem Fahrzeug meines Vaters, auf dem Parkplatz eines Supermarkt: Beim Durchfahren der Parkreihen eine von rechts sehr schnell kommende Mercedesfahrerin übersehen und so einen Totalschaden verursacht. Die Frau springt aufgebracht aus dem Wagen und ruft: “Ich wollte doch noch zum Friseur” 🥴👍🏻

    Mein Glück war, dass mein Vater neben mir saß und meinte trotzdem es wäre nicht meine Schuld, aber die Frau hat natürlich nicht gesagt wie schnell sie war.

    Es ist nicht die Welt, es sind die Menschen, die durch unsere Welt- und “Werteordnung” schlecht sind!

  2. Es wirkt, als würde der Mann aus allen Rohren mit seiner ganzen Batterie von Abwehrmechanismen schießen, um zu checken, auf welchen Sie ansprechen.

    Menschen lynchen gerne. Er hat den Unfall noch nicht überlebt, im sozialen Gefüge klafft noch eine offene Wunde, durch die er ausbluten könnte.

    Im Durchschnitt lösen wir Probleme, indem wir zunächst die am wenigsten anstrengende Lösung ausprobieren und uns dann hocharbeiten:

    1 Problem ignorieren.

    2 Auf Problem einprügeln.

    3 Mit Problem verhandeln – Hirn an, denn das kann kaum zwischen der Kommunikation zwischen Menschen und den Friedensverhandlungen mit gordisch verknoteten Schnürsenkeln unterscheiden: Es sucht Mittel und Wege und Kompromisse, fragt die Situation, was es tun muss, um das zu bekommen, was es will, das aber auf die geizigste und faulste Weise.

    4 Problem durch die in den Verhandlungen erarbeitete Strategie lösen.

    5 Falls 4 nicht funktioniert, zurück zu 1. Falls Sie gerade die Diagnose Krebs erhalten haben, ist das der Moment, wo Sie Ihr Schicksal akzeptieren und nur noch an Wut und Frust herumdoktern, um sich an Lösung 2 vorbei zu mogeln und noch ein wenig Spaß am Leben zu haben.

    Das heißt, um das System nicht hochfahren zu müssen und Strom zu sparen, möchte der Patient das Problem am liebsten auf Stufe 1 auskochen lassen. Falls Sie oder die Gesellschaft Lösung 2 bevorzugen, geht er bereits in trotzige Abwehrstellung, baut eine Mauer, bietet aber auch Lösung 3 an. Das Schlimmste, was Ihnen allen passieren kann, ist Lösung 4, denn da verheizt Ihr Hirn die meisten Kalorien (was der Körper macht, ist zweitrangig, das Hirn ist der Fürst, der Körper die Leibeigenen).

    Rex Imperator Innerer Schweinehund, der erzkonservative Sonnenkönig, der jede Abweichung vom Soll-Zustand als Krankheit deutet, möchte von den Problemen seiner Untertanen möglichst verschont werden, also bleibt es meist bei Ignorieren, Schuldzuweisungen und schon Debattenkultur gilt als Leistung, intelligente Problemlösungen werden von allen Beteiligten gleichermaßen sabotiert.

    Das Einfachste ist es, das Opfer, das ja gerade eh schwach und verletzlich ist und sich nicht wehren kann, als krankes Gewebe zu identifizieren und zu entfernen. Konkurrenten werden versuchen, die Schwäche auszunutzen, den Status des Opfers zu vermindern, den ihren auf seine Kosten zu erhöhen, und ein niedriger Status senkt auch die Überlebenswahrscheinlichkeit für Person und Gene. Auch ein Retter will für seine gute Tat belohnt werden, das Opfer muss sich unterwerfen, ein „Danke“ auf das Status-Konto des Retters zahlen, eine hierarchische Ordnung entsteht, die der Retter missbrauchen kann, um den Geretteten zum Sklaven zu degradieren.

    Jeder, der dem Opfer ab jetzt begegnet, könnte Racheengel, Henker oder Schakal sein, bis die soziale Wunde verheilt und Gras über die Sache gewachsen ist, weil sich das soziale Netzwerk stabil eingependelt hat.

    Selbst wenn sich alle Beteiligten auf Lösung 1 einigen – es war ein Unfall, keiner konnte was dafür, Friede, Freude, Eierkuchen, kehren wir zur Normalität zurück – ist die Sache noch nicht gegessen. Denn der Mensch schwebt ja immer noch in Todesgefahr (auch Lebensgefahr genannt) – ein sozialer Kompromiss vernarbt die soziale Wunde, doch darunter bleibt das Gewebe entzündet: Wenn er alles gleich macht, kann es dazu führen, dass sich die Situation wiederholt. Und so wird er von dem geplagt, was wir oft Schuldgefühle nennen: Vielleicht wird er nie wieder Pedelec fahren (gibt’s keinen Namen dafür, der sich nicht anhört wie ein russischer Zirkus-Pädobär auf einem Einrad?). Vielleicht im Gegenteil, die Situation immer wieder durchspielen, bis das Trauma sein ganzes Leben kontrolliert, ihn zwanghaft immer wieder Unfälle bauen lässt.

    Unser ganzes Leben baut auf Trauma-Dauerschleifen im Gehirn auf, der Innere Schweinehund baut auf allen Schrecken und Ängsten unseres Lebens auf, um uns in Sicherheit gefangen zu halten. Würden wir all unsere Ängste bis aufs subatomare Level überwinden, würden wir in einer Nuklearexplosion verpuffen. Angst hält alle Welten zusammen, auch alle Gehirne und alle Lebewesen, aber Welten können Himmel und Höllen sein – auf Stufe 1 sind wir Gespenster und Staub, auf Stufe 2 Höllenfeuer, auf Stufe 3 willenlose, träge Masse, auf Stufe 4 Lebewesen, und all das kann in Labyrinthen aus Angst eingemauert sein, ohne Ausweg.

    Und auch Opfer und Retter und die Gesellschaft müssen einen Kompromiss finden: Einerseits suchen wir alle das niedrigste, geizigste Energielevel, streben nach der Lösung 1. Andererseits möchten wir in eine Gesellschaft integriert werden, die uns am Leben erhält, die also Lösungen 3 und 4 bevorzugt. Aber wir müssen uns mit der Gesellschaft und den Personen arrangieren, die da sind und nicht denen, die wir gerne hätten.

    Vergebung ist eine dreckige Sache. Sie befreit das Opfer – aber auch den Täter. Sie belohnt seine Tat und dressiert ihn, noch öfter zum Täter zu werden. Weswegen es schon richtig ist, Reue und Sühne zu fordern, wenn es möglich ist. Und weil Galgen dazu da sind, dass die Großen die Kleinen als Menschenopfer für ihre Sünden darbieten, nützt es dem Seelenfrieden, an die Hölle und himmlische Gerechtigkeit zu glauben.

    Wie viele Generationen müssen vergehen, damit aus Eroberern Eingeborene werden? Das übliche Vorgehen ist, die Urbevölkerung abzuschlachten, zu vertreiben oder in Reservate zu sperren und dann möglichst schnell möglichst viele Babys zu machen, dann ist die Sache schnell vergessen, weil sich die Sache so in unlösbaren Dilemmata verliert, dass man abwinkt und es den Opfern überlässt, sich so viel Macht anzufressen, dass ihre Nachkommen hundert oder tausend Jahre später mit Armeen zurückkommen können, um Rache zu nehmen, wenn alle Schuldigen längst ein glückliches Leben fett von ihrer Beute hinter sich haben und nur noch unschuldige Eingeborene ihre Heimat verteidigen. Weswegen es auch weiser ist, die Unterworfenen auszurotten als zu vertreiben, dann hat man für alle Zeiten Ruhe. Und wenn aus Vergebung solche Weisheit folgt, dann will ich lieber das Rätsel lösen, wie man aus den Großen gerechte Richter macht, damit auf den Galgen die Schuldigen landen und nicht bloß Sündenböcke.

    Menschen fühlen sich wohl in einer emotionalen Goldlöckchenzone, in der ihre Probleme lösbar sind. Sie wird begrenzt durch den Elektrozaun zwischen den Welten, in denen Tod und Teufel miteinander tanzen – die Hölle, in der unsere Probleme unlösbar werden, sodass Lösung 3=Lösung 1 ist und Lösung 2 in Krieg und Gewalt ausufert. So eine extrem polarisierte Energiebarriere zwischen den Welten tut weh. Sie lässt sich nur durch Quantensprünge überwinden, indem Sie sehr viel Kraft für große, zielgerichtete Kraftanstrengungen sammeln.

    Psychologie und Physik sind das Gleiche und im Innern des Hirns passiert das Gleiche, wie draußen in der Gesellschaft, nur fortgeschrittener. Ich warte hier und drehe ungeduldig und genervt Däumchen, bis das jemand herausfindet, der genug Autorität hat, dass Sie es ihm abkaufen, dann können wir endlich weiter machen mit der Wissenschaft. Ist so mein Elektrozaun zwischen den Welten.

  3. “Ich klingle immer vorher. Die Leute weichen dann immer aus. Sie sind doch auch zur Seite gegangen. Der Weg ist halt steil, da wird man eben schnell.”

    Die Erklärung des Fahrers ist schon schwer zu schlucken. Wie man mit so wenig Text einen allgemeinen Urteilsfehler, Rücksichtslosigkeit und fehlende Verantwortung unterbringen kann, ist bemerkenswert. Manchmal ist es bemerkenswert wie viel man ausdrücken kann ohne viel zu sagen.

    Aufgrund des bisherigen Erfolgs einer Strategie wird diese verallgemeinert und nicht über die Grenzen reflektiert. Zu klingeln ist keine sichere Strategie, damit genug Platz zum Fahren vorhanden ist. Das sollte jedem einleuchten, dass es immer Störgeräusche geben kann, ein Fußgänger abgelenkt ist, Musik hört oder schwerhörig ist.

    Dazu kommt natürlich noch die Anspruchshaltung, dass die anderen ihm für sein schnelles Fahren den Feldweg sofort zu räumen haben.

    Und dann wird das schnelle Fahren als gegeben und nicht als Entscheidung dargestellt.

  4. Da hat wohl jeder der Beteiligten auf Dauer etwas davon. Ich wünsche Ihnen gute Besserung für Ihren Arm, möge er ohne bleibende Folgen ausheilen.

    Hinsichtlich einer Strafanzeige geht es nicht um Rache, sondern darum dass ein Staat seine Gesetze durchsetzen muss sonst verliert er die Legitimation zur Gesetzgebung. Dieser Gedanke soll Sokrates sogar zur Akzeptanz seines Todes bewegt haben. So krass wird es für den Unfallverursacher nicht werden, aber es wird festgestellt ob er gerichtich verwertbar den Unfall verursacht hat. Auch wenn es nur eine Verwarnung gibt muss er sich mit seinem Anteil am Geschehen auseinander setzen. Für andere Pedelec’s kann es auch eine Warnung sein. Ich selbst finde die Mischung von Fußgehern und Wanderern mit Pedelecs hoch brisant zumal Letztere sich nicht bewusst sind, dass Fussgeher Vorrang haben und Fahrräder und Pedelecs nur geduldet werden wenn sie sich an deren Tempo anpassen, so meine Erkenntnis aus einem Sicherheitstraining für ältere Radfahrer bei der Polizei. Klingeln hilft Erschrecken zu vermeiden wenn das Zweirad angemessen langsam überholt, gibt aber kein Wegerecht.

    Den Nutzen eines Helms für Radfahrer sehe ich eher marginal. Als Motorradfahrer habe ich mich mal mit entsprechenden Prüfkriterien beschäftigt. Übliche Fahrradhelme vergleiche ich eher mit Anstoßkappen im beruflichen Unfallschutz. Verschärft wird das durch weit verbreitete Unkenntnis der korrekten Trageweise. Oft wird ein Helm mehr als modisches Accessoire getragen, adrett auf dem Hinterkopf drappiert, den Kinnriemen viel zu locker oder ganz offen. So getragen kann der Helm im Fall des Falles möglicherweise sogar Verletzungen verursachen. Im geschilderten Fall hätte ein sachkundig getragener Helm tatsächlich die Ohrverletzung mindern können.

    • G.Reinzucht,
      “Hinsichtlich einer Strafanzeige geht es nicht um Rache,”

      Die Polizei und Justiz sind überlastet. Das wäre schon mal ein Grund bei Unfällen ohne große Folgen davon abzusehen.
      Andererseits kann ein Verursacher nur zu Schadenersatz verklagt werden, wenn er schuldig gesprochen worden ist. Das als Gegenargument.

      Mir scheint, es geht Frau Schuhmacher um die psychologische Seite. Und da reagieren Männer eben anders als Frauen.
      Die Schutz- und Abwehrmechanismen sind in Ordnung.
      Was vergessen wurde, ist der sportliche Aspekt. Wenn es bei einem Wettkampf zu Verletzungen kommt, dann ist man seinem Gegner nicht “böse”, entweder man macht sofort ein Revanchefoul oder man sieht es “sportlich”. Verletzung gehört zum Sport.

      Zum konkreten Fall, die Strafanzeige ,alternativ eine schriftliche Schuldanerkenntnis ist notwendig, wer weiß was in einem Jahr ist.

  5. Vorab: Ich bin ein Jahrzehnt ausschließlich Rad gefahren. Erst zur Schule, dann zur Arbeit, später noch angelegentlich, zuweilen dabei auch häufiger..
    Dabei hab ich auch anfangs schon, noch ohne Führerscheinkenntnisse, die Verkehrsregeln eingehalten. Ist wirklich nicht so schwer.
    So als etwa Anfang dieses Jahrhunderts das Gehwegradeln (und auch linksfahren) vermehrt aufkam, ist das von Politik und Polizei anscheinend komplett verpennt worden.
    Und unternommen wird da anscheinend immer noch nichts…
    Man ist als Fußgänger nicht mehr sicher auf dem Bürgersteig.

    Die Frage in ihrem Fall wäre möglicherweise, sind auf diesem Wanderweg Radler überhaupt zugelassen?

    • H.P.DU
      Pedelecs, auch E-Bikes genannt, sind auf Feldwegen in der Regel nicht erlaubt,
      E-Bikes dürfen nur auf Radwegen gefahren werden, wenn es das Zusatzschild „Mofas frei“ oder „E-Bikes frei“ erlaubt.
      Zitate aus google, die aber noch unklar formuliert sind.

      Frau Schuhmacher klären sie bei der Polizei ab, ob der Pedelec-Fahrer dort fahren durfte.
      Nach einem Unfall auf einem Feldweg wurde im Krankenhaus ein Trümmerbruch des Armknochens festgestellt. Es musste eine Armprothese angefertigt werden.
      Kosten im 4-stelligen Bereich. Wenn jetzt der Pedelec-Fahrer keine Haftpflichtversicherung hat und auch sonst mittellos ist, bleibt man auf seinen Kosten sitzen.

  6. @Der Hopper
    28.05.2025, 15:49 Uhr

    Zum konkreten Fall, die Strafanzeige ,alternativ eine schriftliche Schuldanerkenntnis ist notwendig, wer weiß was in einem Jahr ist.

    Äh nein? Ich habe das aus beiden Perspektiven schon durch (als Opfer sogar mehrmals). Wirklich das Leben erleichtern (wirklich nur erleichtern) wird einem die Tatsache, dass die Polizei vor Ort war. Meine Erfahrung an der Stelle ist das die das nicht so gerne hat wenn es in IHREN Augen um eine “Bagetelle” geht aber das ist ja hier gar nicht Thema. Wenn der Verdacht der gefährlichen Körperverletzung im Raum steht kommt mit Sicherheit die Staatsanwaltschaft vorbei. Und selbst wenn die das Verfahren zB gegen eine Geldauflage einstellt ist das erst mal nicht weg sondern aktenkundig. Das ist das Wichtige für eventuell später auftretende Ansprüche. Aber eben auch nur weil die Lage dann schon relativ klar ist.

    Mit:

    Die Polizei und Justiz sind überlastet. Das wäre schon mal ein Grund bei Unfällen ohne große Folgen davon abzusehen.

    Bist Du aber (ungewollt?) schon eher beim Artikel. Was macht der Unfall mit mir und meinem Unfallgegner? Und mit meiner Umwelt (in dem Fall Polizei und Staatsanwaltschaft)? Was will ich? Welche Prioritäten habe ich? Muss das sein damit ich wieder heil werde? Oder sind mir andere Dinge wichtiger?
    Aus meiner Perspetive als Betroffener kann ich zB sagen das für mich der Umstand, dass ich keine Kompromisse bei der Schutzkleidung gemacht habe auch wenn es “nur” ein 50er Roller war. Ich brauche, wenn ich mich in der Stadt bewege nicht zwanghaft ein schweres Motorrad ^^) MIR geholfen hat mit den psychischen Folgen fertig zu werden. Ich habe immer richtig “gut” ausgesehen. Das konnte ich aber leichter verarbeiten WEIL ich nicht einfach aus Bequemlichkeit nachlässig mit meiner PSA war. UND weil ich dadurch meinem Gegner erspart habe mit wirklich schweren Unfallfolgen klarkommen zu müssen.
    Thymotisch aufgeblasen irgendwelche Rachegelüste auszuleben: Hätte mich das irgendwie glücklicher gemacht? Bevor mir ein Schlauberger damit kommt: Nein, das ist keine Rationalisierung. Das ist eine Erklärung was da was emotional mit mir gemacht hat.
    Besonders und gerade die persönliche Auseinandersetzung mit meinem “Gegner” (ich finde das Wort eigentlich unpassend. Wir sind im Strassenverkehr, nicht im Krieg. Auch eine Tatsache die man sich im konkreten Fall mal persönlich vor Augen führen solte. Das kann sich für einen selbst als sehr hilfreich erweisen. Bei mir war das so) hat mir geholfen. Entschuldigung für die Schachtelei.
    Und die Verarbeitung war (für mich) interessanterweise nicht abhängig von der Reaktion des Anderen.
    Und auch nicht davon, ob die Staatsanwaltschaft jemandem mal so richtig einen einschenkt. Ich war ehrlich verblüfft.

    • Uli Schoppe,
      deine Meinung ist richtig ausgewogen “Wir sind im Strassenverkehr, nicht im Krieg.”

      Und was früher der Dschungel war mit seinen Schlangen, Bären und Raubtieren, das ist heute der Straßenverkehr
      Und was man im Straßenverkehr erlebt, das kann richtig abenteuerlich sein und auch ein Training für das Leben.

      Mich hat einmal in einem Kreisverkehr eine Frau mit ihrem Mercedes A von hinten gerammt, ich mit meinem Fahrrad, auch gut geschützt mit Helm, ich flog also durch die Luft und überlegte”auf dem Boden liegen, das sieht blöde aus”, also entschloss ich micht für einen Salto mit anschließender Flugrolle und kam mit den Füßen auf , die Jacke beschädigt und der Helm war gebrochen.

      Die Frau war geschockt, ich habe sie beruhigt und sagte, “wir brauche keine Polizei.”
      Und ich verlangte schon mal einen Vorschuss von 100 € für den Schaden. Sie bezahlte sofort und ich war froh, dass ich nach Hause kam, ich hatte nämlich Hunger.
      Am Nachmittag rief mich ihr Ehemann an, wie es mir ginge. Das fand ich gut, denn für mich war der Vorfall eine Bereicherung, vorallem wegen des guten Ausganges.

      Also, was wirklich zählt, das ist der gute Ausgang nach einem Unfall. Ja, und die Frau war mir auch sympathisch und deswegen habe ich sie auch höflich behandelt.

  7. Vielen Dank für die Kommentare und Diskussionen. Hier noch einige rechtliche Punkte:

    🚲 Pedelecs bis 25 km/h (also ohne Kennzeichen) gelten rechtlich als Fahrräder und dürfen Feld- und Waldwege in der Regel nutzen (außer es gibt eine Verbotsbeschilderung 🚳). Allerdings gelten je nach Bundesland verschiedene Regelungen: In Baden-Württemberg z. B. dürfen nur Wege mit mindestens zwei Metern Breite befahren werden.

    🚸Entscheidend ist immer das verantwortungsvolle Fahrverhalten. Wer mit nicht angemessener Geschwindigkeit unterwegs ist und dabei andere gefährdet oder verletzt, handelt fahrlässig – selbst wenn z. B. geklingelt wurde.

    👮Bei Verletzungen ist häufig der Tatbestand der fahrlässigen Körperverletzung (§ 229 StGB) erfüllt. Bei solchen Unfällen nimmt die Polizei den Sachverhalt auf und erstattet in der Regel von Amts wegen Strafanzeige.

    ⚖️Ob die Staatsanwaltschaft tätig wird, hängt davon ab, ob ein Strafantrag des Geschädigten vorliegt oder ob ein öffentliches Interesse angenommen wird.

    ⁉️Ein Strafantrag ist eine persönliche Entscheidung – abhängig von rechtlichen, finanziellen und auch emotionalen Aspekten.

    👉Was hilft der / dem Geschädigten wirklich?

    👉Was dient langfristig der Sicherheit im Straßenverkehr?

    Fragen, die jeder für sich beantworten muss – im besten Fall mit dem Ziel, ein besseres Miteinander zu schaffen.

    • Karin Schuhmacher,
      “Was dient langfristig der Sicherheit im Straßenverkehr?”

      Die augenblickliche Entwicklung mit den E-Rollers und den Pedelecs verheißen noch mehr Gefährlichkeit.
      Der Fußgänger ist zum Freiwild geworden, seit die Fußgängerwege auch für Radfahrer mit Beschilderung frei gegeben wind.

      Die verantwortlichen Mitarbeiter der Behörden für den Verkehr, die sind wohl keine Fußgänger mehr.
      Was langfristig hilft, das ist eine strikte Trennung von Fußgängerwegen und von Radwegen. Anders geht es nicht.
      Ein Jugendlicher, der mit seinem E-Roller durch die Fußgängermenge rast, der ist nur schwer belehrbar.
      Und wenn der Fußgänger schwerhörig ist, dann ist der nächste Unfall absehbar.

    • @Karin Schumacher
      29.05.2025, 11:16 Uhr

      Fragen, die jeder für sich beantworten muss – im besten Fall mit dem Ziel, ein besseres Miteinander zu schaffen.

      Treffend und vernünftig. Kann ich nichts mehr hinzufügen. Danke!

      Ich finde auch den Abschnitt zu funktionalen und dysfunktionalen Abwehrmechanismen wichtig. Darf man sich als Mensch ruhig mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen.

      Ich schreibe. Nicht nur für mich. Sondern für alle, die daraus lernen können.

      Das “Nicht nur für mich.” ist in meinen Augen eine bemerkenswert tiefgehende Einsicht. Self care ist kein Deo. Und auch wichtig für die Mitmenschen. Wussten schon die alten Griechen.

      Solche Ereignisse bleiben einem bis zum Lebensende erhalten. Darum ist es wichtig wie man gleich zu Beginn damit umgeht.
      Ich würde deshalb sogar in Erwägung ziehen den Begriff “Abwehrmechanismus” durch “Bewältigungsstrategie” zu ersetzen. Ist aber nur mein Ding. Im Grunde trifft der Inhalt ja.

  8. “Fragen, die jeder für sich beantworten muss – im besten Fall mit dem Ziel, ein besseres Miteinander zu schaffen.”

    Ich habe eine Frau erlebt, die wird sich darauf wohl fragen warum sie keine Versicherung für solch einen Fall hatte, weil der Verursacher wortlos geflüchtet ist, sie nun eine schmerzhafte Behinderung hat und ihren Beruf nicht mehr ausüben kann!?

    Wir leben in einer wettbewerbsbedingt-konfusen und so stets kapitulativen Gesellschaft mit leichtfertiger Kompromissbereitschaft zu manipulativ-schwankenden “Werten” – Mir ist sehr klar geworden, daß es nur eine Methode gibt das Miteinander zweifelsfrei-eindeutig gerecht und mitfühlend zu machen, aber weil dies nur im Ganzen kommuniziert/funktionieren kann, ist …!? 😮‍💨😧😞

  9. Persönlich: Erst einmal toi, toi, toi für die weitere Genesung und wie gut, dass beim Unfall, nach dem Text zu urteilen, dein Gehirn verschont blieb!

    Dann hast du diesen schönen Blogpost mit nur einer Hand oder womöglich einer Diktierhilfe geschrieben?

    Interessant, dass Pedelecs hier in den Niederlanden wohl nur im Sinne der im Text genannten S-Pedelecs bekannt sind. Die sieht man schon länger im Straßenbild, mit Helm und Kennzeichen, und sind für das längere Pendeln beliebt. Der Partner einer Bekannten hatte sich in der Geschwindigkeit verschätzt und den (zum Glück nur eigenen) Arm gebrochen.

    Alles andere zählt hier, glaube ich, einfach als e-Bike. Gerade Ältere sieht man häufiger mit Helm. Dessen Verwendung im Alltag ist allerdings sozial auffällig.

  10. Rechtlich: Da ich mich ja beruflich mit Recht & Strafe, auch Strafrecht, beschäftige, möchte ich dazu noch ein paar Gedanken teilen:

    Dass du dem Unfallverursacher vergeben hast, spricht für dich – und für deine psychische Gesundheit.

    Strafe dient aber nicht nur der Vergeltung (Retribution), sondern auch der individuellen und allgemeinen Prävention sowie der Erziehung (Rehabilitation):

    Unter leicht anderen Umständen würde jetzt einer von euch beiden vielleicht für den Rest des Lebens im Rollstuhl sitzen – oder hätte gar nicht mehr die Augen aufgemacht. Eine Ausrede wie “die anderen sind mir aus dem Weg gegangen” geht gar nicht und klingt sehr asozial.

    Dabei hatte der rücksichtslose Kerl noch großes Glück, dass er eine liebe Ärztin angefahren hat und sie ihn mit einem Hubschrauber abgeholt haben. Die gesellschaftlichen Ressourcen (was kostet allein so ein Hubschraubereinsatz?) sind aber primär nicht dazu gedacht, für grob fahrlässige und vermeidbare Hobby-Unfälle bereitzustehen.

    Daher möchte ich dich bitten, diesen Fall unbedingt anzuzeigen: Auch um diesen Mann vor sich selbst aber insbesondere andere vor ihm zu schützen. Es hätten dort auch Senioren oder Kinder unterwegs sein können, die nicht so gut ausweichen konnten wie du bzw. viel verletzlicher gewesen wären.

    Richterinnen und Richter sind in der Regel sehr gut ausgebildet und wissen genau, wie mit solchen Fällen umzugehen ist. Es ist nicht deine Aufgabe, diesem rücksichtslosen Fahrer die Leviten zu lesen – aber die des Richters. Er oder sie wird treffende Worte auf faule Ausreden wie “ich habe ja geklingelt” parat haben.

    Und wenn du den möglichen Schadensersatz (vielleicht ein kleiner vierstelliger Betrag?) nicht für dich selbst behalten willst, könntest du ihn immer noch für einen guten Zweck spenden.

    Halte mich gerne auf dem Laufenden.

    • Vielen Dank für deine mitfühlenden und klaren Worte, lieber Stephan, sowohl persönlich als auch rechtlich.

      Zum Glück kann ich mittlerweile schon wieder beide Arme benutzen, auch wenn noch nicht alles wieder ganz normal mit links geht. Schreiben kann ich schon wieder ganz gut – wenn auch mit Pausen. Aber vielleicht ist das gar nicht mal so schlecht.😉

      Auch danke für deine Einschätzung zur Pedelec-Situation in den Niederlanden. Es scheint, als gäbe es dort ein klareres Bewusstsein für die Risiken, die mit Geschwindigkeit und Gewicht dieser Fahrzeuge einhergehen. Hier wird das oft unterschätzt – es ist eben nicht „nur“ ein Fahrrad, das von der eigenen Muskelkraft abhängt.

      Was den rechtlichen Aspekt betrifft: Danke, dass du das so deutlich ansprichst. Ich nehme deinen Rat wirklich ernst – auch wenn mein erster Reflex nach all dem, was in den letzten Jahren war, tatsächlich eher Vermeidung war. Damals begann alles mit einem nicht selbst verschuldeten Unfall meines Vaters, den er leider nicht überlebt hat…

      In den letzten vier Jahren musste ich ein gewisses Maß an Erfahrung mit rechtlichen Themen sammeln – so sehr, dass ich in dieser Zeit häufiger Stellungnahmen als Blogartikel geschrieben habe. Ich werde auch darüber irgendwann berichten – aber das ist eine andere, sehr vielschichtige Geschichte.

      Umso mehr danke ich dir für deinen klaren, fundierten und empathischen Blick auf die aktuelle Situation. Du hast recht: Es geht hier um mehr als nur um mich. Ich halte dich natürlich sehr gerne auf dem Laufenden!

  11. Macht & Kontrolle(verlust) ist, denke ich, auch ein Thema, um das es hier geht. Mit Blick auf die technischen Entwicklungen (manche nennen es “Fortschritt”) im 20. Jahrhundert sagten mehrere Gelehrte, die technischen Möglichkeiten des Menschen entwickelten sich schneller als dessen Vermögen, damit verantwortlich umzugehen; oder anders gesagt: unsere psychologische kommt der technologischen Evolution nur schleppend hinterher.

    Elektrisch motorisierte Fahrräder haben natürlich eine ganz andere Dimension als Atombomben oder Gehirnchips. Aber dafür durchdringen sie unseren Alltag sehr viel mehr und unmittelbarer.

    Ich sah kürzlich in meinem geschätzten Computermagazin einen Vergleichstest elektrischer Mountainbikes. Das passt natürlich in die “höher, schneller, weiter Mentalität” unserer Gesellschaft – und ist ein lukratives Geschäftsmodell für die Hersteller, nicht nur beim Verkauf, sondern auch der Wartung (z.B. der Akkus). Und für die Diebe übrigens auch.

    Ich verstehe den Zusatznutzen nicht, ob man ein 30km-Radtour in den Bergen aus eigener Kraft macht oder 50km mit Batterie. Aber die Räder sind dann schneller – und auch schwerer, was die Unfallgefahr und auch die -Folgen erhöht.

    Bekannte Rettungssanitäter nannten Motorradfahrer “fahrende Ersatzteillager”. Die gefährden mit ihrem Risikoverhalten aber i.d.R. sich selbst und mitunter Autofahrer*innen, die immerhin relativ geschützt sind. Und das auf eigens dafür angelegten Strecken (öffentlichen Straßen oder abgetrennten Rennstrecken).

    Die Motorisierung normaler Wanderwege halte ich aus den genannten Gründen für keine gute Sache; aber sie schreitet wohl voran. (Anders wäre das, wenn man die Elektrizität zum Ausgleich von Nachteilen z.B. für Ältere verwendet, damit sie mitmachen können; dann viele das fast schon in den therapeutischen Bereich, wie eine Brille.)

    P.S. Ich kann es verstehen, wenn man einen Rechtsstreit als stressig erfährt. Aber beim Strafrecht übernimmt ja die Justiz die Arbeit, wenn sie zum Ergebnis kommt, dass hier eine Straftat vorliegt. Es ist natürlich auch eine Frage, wie viel einem an einer abstrakten Idee wie der Gerechtigkeit und an einem möglichen Schadensausgleich bzw. Wiedergutmachung liegt.

    • Vielen Dank für deinen ausführlichen und klugen Kommentar. Ich sehe das ähnlich: Technik entwickelt sich oft schneller, als wir Menschen mit unserer Verantwortung hinterherkommen. Gerade E-Bikes und E-Scooter bringen neue Herausforderungen, besonders auf Wegen, wo sie mit schwächeren Verkehrsteilnehmern „konkurrieren“.

      Mein Fall liegt nun bei der Staatsanwaltschaft. Nach Rücksprache mit meinem Anwalt ist eine Rücknahme meines unter Schock abgegebenen Verzichts auf den Strafantrag nicht nötig, da die Staatsanwaltschaft entscheidet, ob der Fall weiterverfolgt wird. Das erleichtert mich, denn so bleibt mir mehr Zeit für andere Dinge.

      Die zivilrechtlichen Ansprüche bleiben davon unabhängig bestehen.

      Mir geht es ja nicht nur um mich, sondern auch um mehr Bewusstsein für Verkehrssicherheit und die Vorbeugung von Krankheiten. Die Justiz kann mit Strafen und präventiven Maßnahmen dazu beitragen, solche Unfälle seltener werden zu lassen. Aber auch wir können durch Diskussionen, öffentliche Beiträge und vorbildliches Verhalten die Sicherheit verbessern.

      Ja, Motorradfahrer gelten in der Medizin nicht umsonst oft als „fahrende Ersatzteillager“. Wenn nun aber motorisierte Zweiradfahrer nicht mehr nur auf Autostraßen zwischen vergleichsweise gut Geschützten unterwegs sind, sondern auf normalen Wanderwegen auf ungeschützte Fußgänger treffen, werden plötzlich Letztere zu unfreiwilligen „Ersatzteillagern“. Und das kann – und darf – nicht akzeptabel sein.

      Danke nochmal für den Austausch und deine wertvollen Beiträge. Bleib gesund und pass gut auf dich auf – als Fußgänger (und beim Radfahren)! Das gilt natürlich auch für alle anderen.

  12. Ich kann (und will) es nicht so gut und ausführlich formulieren, wie es Stephan Schleim getan hat, von daher nur so viel: Spätestens nach dem Satz “ich habe doch immer geklingt und die Leute sind immer zur Seite gegangen” wäre dieser Typ für mich “fällig” gewesen, d.h. ich hätte sämtliche juristischen Mittel gegen ihn ausgeschöpft.

    Ich wäre sogar noch weiter gegangen und hätte zunächst “Verständnis” für seine Meinung gezeigt, mit dem Ziel, dass er diese Aussage vor einem unabhängigen Zeugen wiederholt, damit diese Aussage dann auch vor Gericht eindeutig verwertbar wird (was eine einfache Aussage dir gegenüber eben nicht ist).

    Ja, wenn jemand einen Fehler macht und dabei sogar selbst einen erheblichen Schaden erleidet, ist es in Ordnung, sich selbst zurück zu nehmen ggf. auch auf eigene Ansprüche zu verzichten. Dies gilt aber nur gegenüber Personen, die im umgekehrten Fall analog reagieren würden. Die von dir zitierten Aussagen ergeben jedoch ein anderes Bild, nämlich das Bild einer Person, die rücksichtslos lediglich die eigenen Interessen kennt. (Das ist noch nicht einmal ein Vorwurf an diese Personen, die kennen es nicht anders und können gar nicht anders.)

    Hier gibt es nach meiner Erfahrung nur zwei korrekte Vorgehensweisen: Entweder diesen Personen buchstäblich soweit es nur geht aus dem Weg zu gehen, oder aber ihnen mit aller Macht und massiv entgegen zu treten und ihnen damit klar zu machen, dass sie mit ihrer Verhaltensweise im konkreten Fall auf heftigsten Widerstand stoßen werden. Erst bei der zweiten Variante ist mit einer Verhaltensveränderung der entsprechenden Person zu rechnen – aber auch dies nicht allgemein, sondern nur in sehr überschaubaren Mengen.

    Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn du (oder andere) sich für den ersteren Weg entscheiden. Der zweite Weg ist der mit weitaus schwierigere und aufwändigere. Meiner Erfahrung nach sorgt dieser zweite Weg aber dafür, dass du als Person dich weiter entwickeln wirst, wenn du diesen Weg zumindest einmal bis zum Ende gegangen bist. Du wirst also ziemlich sicher eine – immaterielle – Gegenleistung für deinen (recht erheblichen, ich wiederhole es) Aufwand erhalten.

    Wovon ich aber dringend abraten würde: Auf Grund von falscher Rücksichtnahme, falschem Mitgefühl oder anderen (eher nur gutgemeinten!) Erklärungsversuchen für ein – hier sogar massives – Fehlverhalten der Gegenseite auf eigene Ansprüche zu verzichten oder sich in irgend einer Form zurückzunehmen. Dies bestätigt solche Personen nur darin, ihr Fehlverhalten weiter fortzusetzen.

  13. Noch zur Aussage deines Anwalts, dass die “Rücknahme des Verzichts auf einen Strafantrag” nicht nötig sei: Juristisch mag dies ja zutreffen (kann ich nicht beurteilen). Doch wenn selbst du – als hier durchaus recht heftig geschädigtes Opfer – keine Strafverfolgung wünschst: Wieso sollte dann der Staatsanwalt / die Staatsanwältin, die über diesen Fall zu entscheiden hat, ein öffentliches Interesse der Strafverfolgung bejahen?

    Immerhin bedeutet der Entscheid auf ein öffentliches Interesse einen Fall mehr auf dem Schreibtisch des betreffenden Staatsanwalts. Mit dem sogar explizit erklärten Verzicht auf einen (möglichen) Strafantrag lieferst du dem Staatsanwalt / der Staatsanwältin, die hier eine Entscheidung zu treffen hat, zumindest eine moralische Rechtfertigung, diesen Fall ohne weitere Maßnahmen einzustellen. Also zumindest hier solltest du tatsächlich überlegen, ob du deine Entscheidung nicht revidieren möchtest.

  14. Über den Unfallverursacher wissen wir sehr wenig. Über Stephan Schleim und @kmic erfahren wir dank ihrer Kommentare zumindest etwas mehr. Stephan hatte ich bisher gar nicht so als Law and Order – Typen eingeschätzt.

    Auf meinem Handy funktioniert die Autovervollständigung selten korrekt, wenn ich erst einen Buchstaben eingegeben habe. Daher gebe ich auch nicht viel auf das von beiden erstellte Psychogramm des Pedelec-Fahrers anhand nur eines von ihm geäußerten Satzes mit etwas Kontext dazu.

    @Karin Schumacher

    Klar gibt es Argumente, warum man einen Strafantrag stellen könnte, aber Sie selbst haben ja auch welche gefunden, warum Sie das nicht machen wollen. Eine Abwägung wird hier nicht nach rein rationalen Gesichtspunkten erfolgen können. Wir sind alle nur Menschen.

  15. Vielen Dank für die Rückmeldungen. Was ich bisher nicht erwähnt hatte: das Alter des Unfallverursachers. Der Pedelec-Fahrer ist Ende 70, fuhr ohne Helm und wurde bei dem Unfall lebensgefährlich verletzt. Am Unfallort wusste ich weder sein Alter noch, ob er überleben würde. Zum Glück hat er sich erstaunlich gut erholt – was zeigt, wie wichtig Zeit und professionelle Hilfe sind.

    Ich selbst habe mir den Arm gebrochen und stand unter Schock. Noch vor Ort verzichtete ich auf einen Strafantrag – auch wegen der Schwere seiner Verletzungen. Polizei und Anwalt bestätigten, dass die Entscheidung bei der Staatsanwaltschaft liegt und mein Antrag wenig ändern würde.

    Meine zivilrechtlichen Ansprüche mache ich selbstverständlich geltend – das läuft unabhängig vom Strafverfahren.

    Für mich ist klar: Ich möchte meine Zeit nicht mit jemandem verschwenden, der auf das Ende seines Lebens zugeht und dennoch keine Einsicht zeigt, sondern mit Verdrängung und Projektion reagiert. Dafür sind andere zuständig.

    Meine Energie investiere ich lieber in Menschen, mit denen ich positive Energien austauschen kann, und in konstruktive Dinge – zum Beispiel Artikel, die vielleicht mehr bewirken als Stellungnahmen fürs Gericht. Jede*r sollte selbst gut überlegen, wie er seine kostbare Zeit nutzen möchte.

  16. @Joker: Nein, über meinen Kommentar erfährt hier niemand mehr über den Unfallverursacher. Wie denn auch? Ich war weder bei dem Vorfall dabei, noch kenne ich den Unfallverursacher, noch die Autorin des Artikels. Ich kenne – wie jeder andere Leser hier auch – lediglich den Artikel selbst, der von einer der beteiligten Personen stammt, und somit zwangsläufig eine subjektive Prägung hat – egal wie sehr sich die entsprechende Person um eine ausgewogene Darstellung bemüht.

    Dies alles ist mir bekannt und daher erhebe ich auch gar nicht den Anspruch, hier ein Psychogramm von irgendwem erstellen zu wollen, die Gesamtsituation bewerten zu wollen oder ähnliches. Dies dies habe ich auch nicht getan und bitte unterstelle mir dies auch nicht.

    Was ich allerdings getan habe ist, aus den mir vorliegenden Informationen Schlußfolgerungen zu ziehen. Diese darfst du gerne kritisieren, falsch finden, ignorieren oder was auch immer.

    @Karin Schumacher: Es ist selbstverständlich jedem selbst überlassen, in welche Dinge er seine (begrenzte) Zeit investieren möchte oder eben auch nicht. Ich bin mir offen gesagt auch nicht sicher, ob die von mir oder die von dir präferierte Variante am Ende die “bessere” ist (sofern man überhaupt von “besseren” Varianten sprechen kann).

    Erlaube mir aber bitte dennoch den folgenden Hinweis: Du schreibst einerseits, dass du deine zivilrechtlichen Ansprüche “selbstverständlich” geltend machen möchtest. Auf der anderen Seite schreibst du jedoch, dass du deine Zeit “nicht mit jemandem verschwenden [möchtest], der […]”. Nunja, in einem etwaigen Zivilprozess wirst du dich aber dennoch mit dieser Personen und der Situation auseinander setzen müssen. Insofern erscheint mir deine Argumentation widersprüchlich zu sein. Ich sehe offen gesagt auch nicht, dass der Verzicht auf einen Strafantrag dir im Zivilverfahren irgendeinen Vorteil bringen wird. Letzteres ist aber eine juristische Frage und dafür bin nicht ich zuständig, sondern dein Anwalt.

    @All: Am Freitagabend, bevor ich diesen Artikel gelesen habe, war ich mit dem Auto auf der Bundesstraße unterwegs gewesen, die ich ab nächster Woche viermal pro Woche in jede Richtung benutzen muss, um zu meiner Arbeitsstelle zu kommen. Diese Bundesstraße war von der Feuerwehr voll gesperrt gewesen. Am Samstagmorgen, bevor ich den Artikel kommentiert habe, habe ich in der Zeitung folgendes gelesen:

    Frau stirbt bei schwerem Unfall auf der B XX bei YYY

    Wie die Polizei auf Nachfrage bestätigt, ist der schwere Unfall auf der B XX gegen HH Uhr kurz nach ZZZ passiert. Ein Autofahrer habe in Richtung YYY zum Überholen ausgeschert. Dabei sei es zum Frontalzusammenstoß mit dem Auto einer Frau (57) gekommen. Diese ist bei dem Unfall gestorben, so die Polizei.

    Soviel also zu meinem persönlichen Hintergrund.

    Der mutmaßliche Unfallverursacher ist übrigens 70 Jahre alt, wie in einem späteren Zeitungsartikel ergänzt wurde.

    Grüße – und damit bin ich aus dieser Diskussion auch raus.

  17. @kmic: Danke für den Kommentar. Es ist nachvollziehbar, dass ein schwerer Unfall betroffen macht – besonders, wenn man die Strecke regelmäßig fährt.

    Zu meinem Fall: Der Verzicht auf einen Strafantrag schließt zivilrechtliche Ansprüche nicht aus. Straf- und Zivilrecht verfolgen unterschiedliche Ziele.

    Im Zivilverfahren geht es vor allem um die Auseinandersetzung meines Anwalts mit der gegnerischen Versicherung – nicht direkt mit der betroffenen Person. Ein ähnliches Verfahren habe ich bereits nach einem unverschuldeten Unfall meines Vaters erlebt – daher ist mir der Ablauf vertraut.

    Die Polizei hat den Vorfall aufgenommen und an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet – ein Ermittlungsverfahren läuft ohnehin. Der Unfallverursacher hat sich am meisten selbst geschadet. Mein Einfluss darauf, ob er das Geschehene reflektiert und daraus lernt, ist begrenzt.

    Natürlich ist jede Schilderung subjektiv. Ich habe mich auch gefragt, was gewesen wäre, wenn ich nicht intuitiv ausgewichen wäre. Vielleicht wäre ich heute nicht mehr hier. Zum Glück ist es anders gekommen – ich versuche, zu verstehen und mit Dankbarkeit das Beste daraus zu machen.

    @All: Danke für den bereichernden Austausch – und allen ein sicheres Fortkommen auf allen Wegen!

  18. Im Text:

    Falls er tatsächlich “wie immer” geklingelt hat, haben es nur er und der Wind gehört.

    Im Kommentar:

    wenn ich nicht intuitiv ausgewichen wäre […]
    ich versuche, zu verstehen

    Könnte die Intuition nicht auch durch unterschwellige Wahrnehmung eines vom Winde verwehten Klingelgeräuschs ausgelöst worden sein?

    Womit ich nicht andeuten möchte, dass klingeln hier ausgereicht hätte. Die Verantwortung bliebe so oder so beim Pedelec-Fahrer. Das war nur noch ein Gedanke, der mir kam, und den ich noch von meiner Seite abschließend loswerden wollte.

  19. @Joker: Vielen Dank für den Beitrag. Die Frage der unbewussten Wahrnehmung ist tatsächlich so interessant, dass das Thema einen eigenen Beitrag oder vielleicht sogar ein Buch verdienen würde…

    In meinem Fall war es das Sausen, das ich in der letzten Sekunde hinter mir hörte und das mich zum Ausweichen brachte – nicht ein (vielleicht) unbewusst wahrgenommenes Klingeln.

    Ob mein Unterbewusstsein den Radfahrer vorher registriert hat, kann ich natürlich nicht „bewusst“ sagen. Möglich ist jedoch, dass ich ihn unbewusst wahrgenommen hatte und diese Information im Moment des Sausens blitzschnell verknüpft wurde – sodass meine Reaktion intuitiv erfolgte.

    Tatsächlich hatten wir beim Einbiegen in den steilen Feldweg in der Ferne einen Radfahrer auf einem größeren Weg bemerkt. Allerdings fahren die meisten Radfahrer dort geradeaus weiter und biegen nicht in diesen steilen Hang ein.

    Ähnlich wie junge Gänse, die bei der Wahrnehmung eines roten, größeren Objekts instinktiv flüchten, weil sie darin eine potenzielle Gefahr (einen Fuchs) vermuten (vgl. Lorenz, „Das sogenannte Böse“, 1963), reagieren auch Menschen in kritischen Situationen oft blitzschnell und unbewusst. Dieses intuitive Verhalten wird in der Forschung zur unbewussten Wahrnehmung beschrieben (vgl. Gigerenzer, „Gut Feelings: The Intelligence of the Unconscious“, 2007; Kahneman, „Thinking, Fast and Slow“, 2011 – der das Zusammenspiel von schnellem (intuitivem) und langsamem (analytischem) Denken erläutert).

    Es ist auch gut möglich, dass der Pedelec-Fahrer beim Einbiegen in den steilen Weg geklingelt hat. Doch der Wind wehte in die andere Richtung, sodass das Klingeln an unserer Position nicht ankam.

    Ein Klingeln hätte unter diesen Bedingungen also kaum geholfen. Um den Unfall zu vermeiden, hätte der Fahrer bremsen und sein Fahrzeug besser kontrollieren müssen. Zwar hätte der Sicherheitsabstand an dieser Stelle nicht ausgereicht, aber mit angepasster Geschwindigkeit und etwas mehr Fahrtechnik wäre ein Vorbeifahren dennoch möglich gewesen. Ich hätte vermutlich „nur“ einen Schreck bekommen.

    Letztlich zeigt dieser Unfall, wie wichtig gegenseitige Rücksichtnahme und angepasste Geschwindigkeit im Straßenverkehr sind – und wie entscheidend unsere Intuition im Bruchteil einer Sekunde sein kann.

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