Der Gesundheitskompromiss

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Stethoskop

"Mehr Netto vom Brutto" – damit warb die schwarz-gelbe Koalition im Herbst 2009 zu Beginn ihrer Wahlperiode. Endlich sollte auch ein gerechteres "Gesundheitssystem" geschaffen werden. Jetzt reden alle nur noch von einem Notpaket – zum Erhalt des Systems und zu Lasten der Bürger. Um wessen Gesundheit geht es hierbei? Und was können wir tun?

"Tel vient souvent qu’on demande pas." Oft geschieht, was man nicht wünscht, lautet ein altes französisches Sprichwort.
 
In den Ländern der ersten Welt wird die Lebenserwartung maßgeblich von der Lebensweise der Menschen geprägt: Übergewicht, Rauchen, Stress und mangelnde Bewegung führen zu teuren und meist chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, Schlaganfällen oder Krebs. In Deutschland kommt außerdem die Schrumpfvergreisung der Gesellschaft noch erschwerend hinzu. In Zukunft werden immer weniger Menschen für das soziale Wohlergehen einer immer älteren und kränkeren Bevölkerung zahlen müssen.
 
Mission Impossible?
 
Als die neue Regierung im vergangenen Herbst ihre Arbeit aufnahm, stand sie vor einem riesigen Problem: Die Reform des Gesundheitssystems zum Wohle der Wähler. Der Spiegel titelte hierzu "Röslers Mission Impossible". Wahrlich keine leichte Aufgabe, denn der Druck der Öffentlichkeit und der Interessenverbände ist stark.
 
Die Pharmalobby
 
Die Pharmaindustrie fürchtet um ihre Gewinne und droht mit Arbeitsplatzverlusten in Deutschland. Deshalb kosten Medikamente hierzulande ein Vielfaches von ihrem Preis im Ausland. Oft hilft nur ein Reimport, um Geld zu sparen. Hieran profitieren wiederum vor allem die Apotheken. Laut aktuellen Reformplänen soll aber bei den Arzneimittel-Reimporten zukünftig "mehr Wirtschaftlichkeit" angestrebt werden.
 
Die Krankenkassenlobby
 
Die gesetzlichen Krankenkassen, die trotz eines Milliardendefizits im 2009 eingeführten Gesundheitsfonds im letzten Jahr immerhin einen Gewinn von insgesamt 1,1 Milliarden Euro erwirtschaftet haben, fürchten ein 11 Milliarden großes Loch in ihrem Finanztopf. Auch wenn mittelfristig weitere Fusionen der Kassen geplant sind, können wir uns offenbar weiterhin den Luxus der "Konkurrenz" zwischen immer noch mehr als 160 gesetzlichen Krankenkassen leisten, während die rund 50 privaten Krankenversicherer auch in Zukunft vor allem um die meist jungen, gesunden Besserverdiener buhlen werden.
 
Neben der angekündigten Einführung einer Gesundheitsprämie soll ein weiteres altbewährtes Hausmittel dieses kranke System am Leben erhalten. Das drohende Defizit der gesetzlichen Krankenversicherungen soll teilweise durch Anhebung des Beitragssatzes finanziert werden. Eine Anhebung von 14,9 auf 15,5 Prozent würde rund 6 Milliarden Euro bringen.
 
Gesetzlich Krankenversicherte müssen also in Zukunft mehr bezahlen. Dabei soll die paritätische Finanzierung der Krankenversicherung abgeschafft werden. Der Arbeitgeberanteil soll auf 7,3 Prozent festgeschrieben werden. Zukünftige Kostensteigerungen im Gesundheitswesen werden also vor allem zu Lasten der Arbeitnehmer gehen. Die  stärkere Belastung der Versicherten soll zu einer größeren Konkurrenz unter den Versicherern führen. Immerhin sollen die Arbeitnehmer ab einem durchschnittlichen Zusatzbeitrag von mehr als zwei Prozent vom Brutto durch einen "unbürokratischen Sozialausgleich" entlastet werden.
 
Auch ein anderer Bereich der Sozialversicherung wird teurer: Der Arbeitslosenbeitrag steigt 2011 von 2,8 auf 3,0 Prozent. Damit kommen auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber ab 2011 Sozialabgaben in Höhe von über 40 Prozent zu. Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen ab 2011 für Rente, Pflege, Kranken- und Arbeitslosenversicherung Abgaben von 40,35 Prozent, Kinderlose sogar 40,60 Prozent wegen ihres Sonderbeitrags zur Pflege.
 
Im Koalitionsvertrag der Union und der FDP sollten die "paritätisch finanzierten Lohnzusatzkosten" jedoch unter 40 Prozent gehalten werden. Dies wird hier nur noch erreicht, wenn der Sonderbeitrag von 0,9 Prozent der Arbeitnehmer in der Krankenversicherung herausgerechnet wird. Dieses Konzept ist weder neu, noch sozial, originell oder erneuernd, geschweige denn ehrlich. 
 
Die Ärztelobby
 
Die 55.000 Ärzte in den kommunalen Krankenhäusern erstreikten vor kurzem eine Gehaltssteigerung, die das Gesundheitssystem etwa 140 Millionen Euro kosten wird. Die rund 200.000 niedergelassenen Ärzte und Zahnärzte werden dagegen mit halbierten Honorarzuwächsen auskommen müssen. Hierdurch werden Einsparungen in Höhe von 1,2 Milliarden Euro erwartet.
 
Ob das die Ärzteschwemme in lukrativen deutschen Metropolen in die unattraktiven ländlichen Regionen umleiten wird, bleibt fraglich. Die vom Gesundheitsministerium vorgeschlagenen Maßnahmen wie Abschaffung des Numerus clausus und Einführung einer "Landarztquote" werden jedenfalls auch nicht helfen.
 
Nach wie vor werden in Deutschland Mediziner nach Quantität und nicht nach Qualität bezahlt. Kein Land auf der Welt führt mehr Herzkatheter-Untersuchungen durch als Deutschland. Immer noch werden immer mehr teure Untersuchungsgeräte angeschafft, die dann selbstverständlich auch ausgelastet werden müssen.
 
In Zukunft werden die Krankenhäuser nach wie vor ihre zu erbringende Menge an medizinischen Leistungen mit den Krankenkassen im Voraus vereinbaren – erwirtschaften sie mehr als ausgemacht, bekommen sie im Zuge der neuen Gesundheitsreform einen Abschlag von 30 Prozent.
 
Mit Planwirtschaft zum medizinischen Fortschritt? Auch mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall sollte nicht vergessen sein, dass in den ehemaligen sozialistischen Ländern regelmäßig ein erhebliches Defizit zwischen Planung und Realisierung der beschlossenen und geforderten Leistungen bestand. Innovationen und Erfindungen wurden gehemmt, die Weiterentwicklung wurde gelähmt. "Die Mauer wird noch in 50 oder 100 Jahren stehen", verkündete der damalige Staatschef der DDR, Erich Honecker noch im Oktober 1989. Hätte sein System der Planwirtschaft funktioniert, hätte er vielleicht noch eher recht behalten.
 
Die Patienten-Weltmeister
 
Ein Titel ist den Deutschen schwer abzunehmen. Mit 18 Arztbesuchen pro Jahr sind sie Patienten-Weltmeister – das schafft sonst kein Volk auf dieser Erde.
 
Und noch einen Rekord halten die Deutschen: Sie sind Europameister im Dicksein. Die Mehrheit isst zu viel, zu fett und zu süß. Laut einer Studie der "International Association for the Study of Obesity" (IASO) sind 75 Prozent der Männer und 59 Prozent der Frauen in Deutschland übergewichtig.
 
60 Prozent der Deutschen bewegen sich nicht ausreichend. Kein Wunder, wenn man die durchschnittlichen Wartezeiten in den Arztpraxen bedenkt. Es verbraucht eben weniger Energie, alle drei Wochen zum Arzt zu rennen, anstatt dreimal in der Woche Sport zu treiben.
 
Gelbe Karte für die schwarz-gelbe "Gesundheitspolitik"
 
Das Wort Reform stammt aus dem Lateinischen. Re steht für zurück und formatio für Gestaltung, Wiederherstellung. Durch diese "Reform" sollen die Finanzen der verschiedenen Lobbyisten wiederhergestellt werden. Statt um Gesundheit geht es um die Sicherung der Finanzierung der ständig steigenden Krankheitskosten. Ziel ist die weitere Umsatz- und Gewinnsteigerung der von den Krankheiten lebenden Wirtschaftsbereichen. Gesunde Kassen statt gesunde Menschen – ist es wirklich das, was wir brauchen?
 
Entsprechend sauer ist auch die Mehrheit der Bevölkerung. 90 Prozent der Bundesbürger lehnen die Gesundheitspolitik der schwarz-gelben Regierung ab. Vor allem die mögliche Einführung einer Gesundheitsprämie (Kopfpauschale) sowie die Ausweitung von Zusatzbeiträgen stoßen auf heftige Ablehnung.
 
Zunehmende Kritik gibt es auch von den niedergelassenen Ärzten. Während Gesundheitsminister Phillip Rösler bei der Bevölkerung kaum Rückhalt findet, kommt er bei den Ärzten aber immerhin noch etwas besser weg als seine Amtsvorgängerin Ulla Schmidt.
 
Dies ergab eine aktuelle Umfrage des Marktforschungsinstitutes YouGovPsychonomics in Kooperation mit DocCheck Market Research. Hierzu wurden im Juni repräsentativ 1000 Bundesbürger sowie 200 niedergelassene Ärzte aus dem Ärzte-Panel von DocCheck zur aktuellen Gesundheitspolitik befragt.
 
Kostendämpfung und konzeptionelle Verbesserungsvorschläge
 
Die Bundesbürger bevorzugen vor allem eine stärkere Belastung der Pharmaindustrie (83 Prozent) sowie die Erhöhung des Drucks auf die Krankenkassen, wirtschaftlicher zu arbeiten (79 Prozent). Viele sehen auch in der Abschaffung der privaten Krankenversicherung (43 Prozent) sowie der stärkeren Steuerfinanzierung des Gesundheitsfonds (39 Prozent) Potenziale zur Senkung des Kostendrucks.
 
Für die niedergelassenen Ärzte steht vor allem der Bürokratieabbau bei den Krankenkassen als Kostenersparnis ganz oben auf der Wunschliste: 83 Prozent zählen eine wirtschaftlichere Arbeit der Krankenkassen zu den wichtigsten Maßnahmen, dem steigenden Kostendruck im Gesundheitssystem zu begegnen. Neben den Krankenkassen sehen auch die Niedergelassenen ein großes Einsparpotenzial bei der Pharmaindustrie (63 Prozent).
 
Ein geringerer Teil der Ärzte hält eine Gesundheitsprämie (38 Prozent) oder die flächendeckende Ausweitung von Zusatzbeiträgen (32 Prozent) für sinnvolle Maßnahmen – bei der Gesamtbevölkerung sind das gerade einmal etwa 10 bis 15 Prozent.
 
Erfolgsfaktor Eigenverantwortung
 
 
Im Konzept stimmen Ärzte und Patienten weitgehend überein: Zur Verbesserung des Gesundheitssystems bedarf es vor allem der stärkeren Förderung der Gesundheitsvorsorge sowie einer besseren Abstimmung aller an der Behandlung von Krankheiten Beteiligten. Auch der Ausbau der Forschung zur Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit verschiedener Therapien sollte gefördert werden. Die Ärzte sehen außerdem noch deutliche Verbesserungspotenziale in der Zusammenarbeit zwischen ambulanten und stationären Behandlungsbereichen.
 
Möge jeder seinen Teil dazu beitragen – ob als gesunder Bürger, mutiger Politiker, kritischer Arzt oder mündiger Patient. Nur dann kann irgendwann einmal aus diesem "Krankheitssystem" auch tatsächlich ein "Gesundheitssystem" entstehen. Jeder Einzelne zählt!

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggte zunächst als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

11 Kommentare

  1. @ Gunnar: Schrumpfvergreisung

    Ja genau: Viele Menschen schrumpfen mit zunehmendem Alter – ein schrumpelnder Apfel wird ja mit der Zeit auch immer kleiner. 😉

    Allerdings meinte ich doch eher die Schrumpfvergreisung des Landes als die jedes einzelnen Bewohners darin. 🙂

  2. @ Sören: Danke…

    … für das Kompliment!

    Es freut mich auch, dass jetzt für das Sabah-Nashorn Hoffnung aus der Stammzell-Forschung besteht, wobei ich allerdings den zuvor vorgestellten Arterhaltungs-Methoden zumindest kurz- und mittelfristig – sagen wir mal – realistischere Chancen einräumen würde… Inzucht sollte jedenfalls kein Problem sein: Schau dir bloß die Menschen an – was sich da alles aus Adam und Eva entwickelt hat…

  3. … ein klassisches Krebsleiden

    Hallo,

    Ich provoziere absichtlich und sehr bissig (… und durchaus auch Verärgert): Was wäre, wenn die so genannte Gesundheitsindustrie die Menschen tatsächlich „gesund“ machen würde? Ich denke hier einen Gedanken, eine Utopie zu Ende … Genesung, Leidensminderung, Wiederherstellung der Lebensqualität oder gar Heilung wird ja als oberstes Ziel des Gesundheitssystems immer wieder propagiert. Was wäre wenn … dieses Ziel wirklich umgesetzt wird?

    Wenn die Menschen insgesamt immer gesünder würden (selbst mit minimalem Fortschritt!), käme dies einem Selbstmord der Gesundheitsindustrie gleich … immer weniger „Kunden“ … immer weniger Einkommen … kein stetiges Wachstum, sondern absehbarer Untergang!

    Ist es wirklich so provokativ, zu behaupten, dass in dieser Gesundheitsmaschinerie keiner wirklich ernsthaft daran interessiert sein kann, dass es weniger „Kranke“ („Versorungsbedürftige“) Menschen gibt, solange diese Menschen reichlich Kapital oder auch „nur“ die Lebensgrundlage der, von den Einnahmen der Gesundheitsindustrie „Abhängigen“ finanzieren?

    Ich vermisse diese Diskussion wirklich … wer lebt alles vom „ungesunden Leben“ und der „Krankheit“ anderer … und wer kann davon offensichtlich recht gut „überleben“?

    Solange mit Hilfe der so genannten Sozialabgaben (für Gesundheit) Profite, Gewinnmargen, Renditen oder Dividenden (indirekt) finanziert werden, gibt es nur diese eine Entwicklung, die für uns immer deutlicher chaotisch wird. Ständiges (…grenzenloses) Wachstum ist der Inbegriff eines Krebstumors, das ist, denke ich, vor allem medizinisches Basiswissen … die unzähligen Metastasen haben die Industrie- und Kapitalgesellschaft bereits durchsetzt und wachsen … und wachsen. Auch diesen Gedanken muss jeder für sich zu Ende denken …

    Ein wirklich soziales Gesundheitssystem kann nur einer non-Profit Orientierung existieren (das heißt, ein Gewinnstreben oder die Gewinnerzielung muss außen vor bleiben!). Darüber hinaus muss sich jeder selbst auch der Frage stellen, ob und wie weit es moralisch zu vertreten ist, mit der Krankheit und dem Leiden seiner Mitmenschen „Gewinn“ zu erzielen …

    mfG

  4. @ Siegbert Müller: Provokation tut Not!

    Vielen Dank für diesen wichtigen Kommentar. Dieses Thema kann ruhig ein wenig „Provokation“ vertragen, denn es geht hier schließlich um unser wichtigstes „Kapital“: die Gesundheit. Ein Menschenkörper ist nun einmal nicht das gleiche wie die Karosserie eines Autos beispielsweise.

    „Ist es wirklich so provokativ, zu behaupten, dass in dieser Gesundheitsmaschinerie keiner wirklich ernsthaft daran interessiert sein kann, dass es weniger „Kranke“ („Versorungsbedürftige“) Menschen gibt, …“

    Nein, das ist leider nicht provokativ, sondern wird immer mehr zur Realität. Die Gesundheitsindustrie zählt zu den Wirtschaftsbereichen mit dem höchsten Wachstumspotenzial.

    Natürlich verdient man an Kranken mehr als an Gesunden, am besten an chronisch Kranken, der Vergleich mit dem Krebsgeschwür drückt es hervorragend aus. Auch in der Onkologie geht es ja vor allem um die Lebensverlängerung des Patienten bei möglichst guter Lebensqualität, gern auch über Jahrzehnte hinweg, mit neuen und oft immer teureren Medikamenten.

    Die Entstehung von Krebs zu erforschen und die Krebserkrankungen (durch Vorbeugung) zu senken hat keine Priorität. Stattdessen zählt die Tabaksteuer weiterhin zur festen Einnahmequelle der Regierung und es werden Früherkennungsprogramme ins Leben gerufen, die im Endeffekt das Leiden verlängern und den Profit erhöhen.

    Auch ich vermisse diese Diskussion und am meisten erschrecken mich dabei die Ärzte. Jeder Arzt, der einmal die Berufsordnung oder das Genfer Gelöbnis gelesen hat, müsste angesichts dieser Entwicklung des Gesundheits-Business massive ethische Bedenken entwickeln. Doch nein – die Mehrzahl ist entweder zu geld- und machtgierig oder aber im Hamsterrad gefangen, so dass dieses System tatsächlich immer mehr entartet. Aber auch das schrecklichste Krebsgeschwür hat ein Ende – indem es zum Schluss seinen eigenen Wirt zerstört.

    „Ein wirklich soziales Gesundheitssystem kann nur einer non-Profit Orientierung existieren (das heißt, ein Gewinnstreben oder die Gewinnerzielung muss außen vor bleiben!).“

    Ja, deswegen hat das sozialistische Kuba eines der besten Gesundheitssysteme weltweit, das auch tatsächlich diesen Namen verdient. Leider gibt es in diesem Land viele andere Probleme, aber der Berufsethos der Ärzte ist wohl einmalig.

    Es stimmt absolut – jeder muss sich die Frage stellen, ob und wieweit es vertretbar ist, mit dem Leiden der Mitmenschen Geld zu verdienen. Ich würde mich freuen, wenn die Ärzte endlich auch einmal gezielt dafür streiken würden und nicht immer nur für mehr Geld.

    Außerdem brauchen wir mündige Bürger, die so früh wie möglich selbst für ihr kostbarstes Gut die Verantwortung übernehmen – die eigene Gesundheit. Denn wer sollte an unserer Gesundheit mehr interessiert sein als wir selbst?

  5. Trota von Berlin … mündige Bürger

    Hallo,
    herzlichen Dank für ihre Antwort.

    In Ihrem Schlussabsatz liegt meiner Meinung nach die Krux. Die Situation des mündigen Bürgers unserer Gesellschaft gleicht einem pubertierenden Heranwachsenden, der seine Identität sucht, seine eigene Meinung vertritt und durchaus Verantwortungsbewusstsein beansprucht, dabei jedoch von den Entscheidungsverantwortlichen „(um)erzogen“, besser … „geschliffen“ und als „Leistungserbringer“ (weil jung, dynamisch, ehrgeizig …) benutzt wird. So wird dem mündigen Bürger durchaus entgegengebracht (Betonung auf „entgegen“ … von gegen wirkend!), Verantwortung für sich selbst zu tragen, gleichzeitig wird alles getan seinen Entscheidungsspielraum immer weiter einzuschränken und insofern zu kanalisieren, dass er, im Sinne dieses Machtgefüges möglichst keinen größeren Schaden anrichten kann und als Leistungserbringer weiterhin zur Verfügung steht.

    In diesem Sinne wird vor allem soziale (gesellschaftliche) Verantwortung ad absurdum geführt, in dem sie von eben diesem „mündigen Bürgern“ gefordert wird, gleichzeitig dieser jedoch immer weiter entmündigt, vielleicht sogar endsozialisiert wird! Was wird aus Kindern, die Verantwortung tragen müssen, jedoch keine Entscheidungen treffen dürfen, bzw. in ihrer Entscheidungsfreiheit „manipuliert“ oder beraubt werden … und im Anschluss dafür abgestraft werden (… „ihr seid ja selbst schuld“), wenn die Situation entgleist?

    Der mündige Bürger ist (ge)wichtig, im Grunde sogar sehr gefährlich, weil er durchaus in der Lage ist, auch einmal schlagartig und heftig eine instabile Ordnung zu kippen … das war schon immer so. Aufklärung und Information tut not, wo immer es möglich ist … vor allem, was die „breite Masse“ betrifft. Das wichtigste jedoch ist, finde ich, wo und wann immer möglich zu verhindern, das der mündige Bürger instrumentalisiert und gegeneinander ausgespielt wird!

    mfG

  6. @ Siegbert Müller: Mündigkeit

    Herzlichen Dank für die Antwort und Denkanstöße. Auch ich sehe durchaus eine Krux im „mündigen Bürger“ und vielleicht sollte ich den Begriff besser durch „selbstkritisch“ ersetzen. Denn „mündiger Bürger“ hat einen moralisierenden Beigeschmack und kann durchaus auch negativ verstanden werden.

    Zudem stellt sich in unserer heutigen Konsumgesellschaft die Frage, inwieweit wir als Bürger überhaupt noch „mündig“ sein können oder bereits zur „breiten Masse“ zählen.

    Wir werden täglich manipuliert, gerade indem an unseren Ehrgeiz, unsere „Mündigkeit“, unsere Fähigkeiten, Schwächen und Ängste und vieles mehr appelliert wird. Schließlich sollen wir ja funktionieren und das heißt vor allem auch konsumieren, um so das System zu erhalten. Und dennoch bleiben uns einige Möglichkeiten: Wir können die Dinge hinterfragen und von verschiedenen Seiten betrachten. Außerdem können wir uns selbst erziehen und einschränken statt uns von unseren Manipulatoren erziehen und einschränken zu lassen.

    Zum Gegenteil von Mündigkeit ein Zitat von Immanuel Kant: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen.“

    Leider haben nicht alle „mündigen“ Menschen auch einen guten Charakter.

  7. Gesundheitskompromiss

    Wäre nicht eine gerechte Lösung, die Beitragskosten davon abhängig zu machen, wie gesund bzw. ungesund jemand lebt (bildhaft und hässlich ausgedrückt: mit jedem Kilo nimmt der Versicherungsbeitrag zu …)? Zumindest die gesetzlich Versicherten bekommen doch kaum mit, was sie den Staat kosten.

  8. @ Dr. Bertram Georgii: Ein guter Ansatz.

    … wäre das schon, schließlich entspricht dies dem Prinzip der meisten Versicherungen – doch seltsamerweise mit Ausnahme der gesetzlichen Krankenversicherungen.

    Jeder, der in eine private Krankenversicherung will, muss dafür ja auch einige Fragen zu seinem Gesundheits- bzw. Gewichts- und Krankheitsstatus abgeben. Ist er zu krank, zu dick oder mit sonstigen Risikofaktoren ausgestattet, muss er entsprechend draufzahlen – oder sich eine gesetzliche Krankenkasse suchen.

    Im Moment gibt es ja auch mal wieder eine heiße Diskussion zu diesem Thema: “Es muss die Frage erlaubt sein, ob die immensen Kosten, die zum Beispiel durch übermäßigen Esskonsum entstehen, dauerhaft aus dem solidarischen System beglichen werden können”, sagte der CDU-Abgeordnete Marco Wanderwitz kürzlich in einem Interview der „Bild“-Zeitung.

    Die Resonanz ist natürlich groß und reicht von totaler Begeisterung bis zur völligen Ablehnung. Da die Mehrheit der Deutschen zu dick ist und wir in einer Demokratie leben, ist allerdings das Ergebnis dieser Diskussion relativ gut einschätzbar.

    Selbst wenn es zu einer Regelung käme, bei der Dicke höhere Krankenkassenbeiträge zahlen müssten, würden mit Sicherheit innerhalb kürzester Zeit die meisten übergewichtigen Deutschen unter „angeborener“ oder sonst welcher krankhaft bedingter Fettsucht leiden und damit von Zuzahlungen befreit werden. Sicher wäre das Geschrei groß, doch bitteschön auch die Raucher, Alkoholiker, Extremsportler, Auto-, Motorrad- und Fahrradfahrer oder vielleicht sogar die Fußgänger in verkehrsreichen Gebieten angesichts möglicher gesundheitlicher Risiken stärker zur Kasse zu bitten.

    Daher würde ich beispielsweise eher in den Schulen ansetzen und ein Fach Gesundheitserziehung einführen, in dem auch die Ernährungslehre ihren Platz bekäme. Auch könnten die zahlreichen Kochsendungen im Fernsehen zumindest in den öffentlich-rechtlichen Sendern entsprechend lehrreicher gestaltet werden.

    Leider geht es allerdings auch hier wieder vor allem um den Konsum. Nicht umsonst hat schließlich vor kurzem erst die Lobby der Lebensmittelindustrie erfolgreich die Ampelkennzeichnung der Lebensmittel verhindert.

    Dicke sind eben lukrativer – sie konsumieren mehr, erhöhen damit den Profit der Nahrungsmittel- und durch ihre Folgeschäden auch den der „Gesundheits“industrie. Schließlich entlasten sie sogar durch ihre oft kürzere Lebenserwartung die Rentenkassen.

    Was wollen wir mehr? Also, raus aus dem Büro, rein ins Auto und auf zum nächsten Softeis-Stand…

  9. Prozentrechnung

    > Auch ein anderer Bereich der
    > Sozialversicherung wird teurer: […]
    > Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen ab
    > 2011 für Rente, Pflege, Kranken- und
    > Arbeitslosenversicherung Abgaben von
    > 40,35 Prozent, Kinderlose sogar 40,60
    > Prozent wegen ihres Sonderbeitrags zur
    > Pflege.

    Diese Prozentangaben machen gruseln. Aber was bedeuten sie eigentlich – worauf beziehen sie sich? Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge sind gedeckelt, steigen also in ihrer absoluten Zahl ab einem gewissen Einkommen nicht mehr. Und die Belastung für den Arbeitnehmer ist “grob” halb so hoch wie die angegebenen Zahlen – zwei grad berechnete Beispiele: 11,6% bei 100000 EUR Jahreseinkommen, 19,5% bei 50000 EUR Jahreseinkommen (berechnet mit http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,223811,00.html – ledig, keine Kinder, StKl I).

    Man kann sicher darüber streiten, ob das nicht zuviel ist, aber unklare oder irreführende Prozentzahlen finde ich einer sachlichen Diskussion nicht zuträglich.

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