Der gebrochene Arm

Seit meinem letzten Blogpost sind einige Wochen vergangen. Ich musste eine kleine Zwangspause einlegen, denn ich bin vom Fahrrad gestürzt und habe mir den Arm gebrochen. Jetzt folgt die Geschichte dazu.

Ein peinlicher Unfall

Es ist schon komisch. Ich balanciere erfolgreich auf schwindelerregenden Eisgraten in den Alpen herum, befahre steile Rinnen mit Skiern oder schmale Single Trails mit dem Mountainbike, ohne dabei zu verunglücken. Und dann das: In unmittelbarer Nähe meiner Haustüre rutsche ich aus und stürze vom Fahrrad. Eine Schotterstelle in einer Kurve wird mir zum Verhängnis. In Gedanken woanders habe ich sie einfach ignoriert. Ich meinte wohl, die Gegend um mich herum quasi blind zu kennen.
Es ist recht beschämend, was ich meinen erstaunten Nachbarn biete und auch der Schmerz in meinem Arm, den ich instinktiv noch schnell ausgestreckt habe, um mein schönes Fahrrad zu schützen, verheißt nichts Gutes. Der Spott ist dementsprechend groß: “An dieser Stelle? Hahaha.”

Eine schlechte Patientin

Mir ist dagegen weniger zum Lachen zumute. Zum Glück scheint der Arm noch voll bewegungsfähig, wenn auch weitgehend in Zeitlupengeschwindigkeit. Da ansonsten nicht viel zu sehen ist, beschränke ich mich erst einmal auf die üblichen symptomatischen Maßnahmen: Kühlen, kühlen, kühlen. Entzündungshemmende Schmerzmittel innerlich und äußerlich, dazu einen Magenschutz. Ruhigstellen so gut es geht. Abwarten bis zum nächsten Morgen.
Natürlich entspricht mein Verhalten nicht ganz den Leitlinienempfehlungen. Aber Ärzte zählen bekanntlich selbst zu den schlechtesten Patienten. Ich bin da ein gutes Beispiel, geradezu ein Prachtexemplar. Schließlich weiß ich, was mich erwartet. Und das gefällt mir gar nicht. Außerdem waren meine letzten Orthopäden zum Teil nicht gerade mit geballter Kompetenz gesegnet. Auch ich durfte als Patientin bereits ähnliche Erfahrungen wie Co-Blogger Elmar Diederichs machen.
Trotz aller Zweifel sagt mir mein gesunder Menschenverstand, auch wenn die Schmerzen täglich besser werden: Ich brauche eine vernünftige Diagnostik und wahrscheinlich einen Gips. Dennoch quäle ich mich erst einmal lieber durch den Rest der Woche, bis ich mich am nächsten Wochenende endlich zum Röntgen schleppen lasse.
Liebe Leserinnen und Leser: So sollte man es eigentlich NICHT machen! Auch wenn es in unserem Gesundheitssystem schon lange nicht mehr um Gesundheit geht. Aber auch deswegen schreibe ich diesen Beitrag.

Ordination: Königliche Haltung

Speichenkopf-Fraktur mit Gipsschiene

Im Röntgenbild bestätigt sich der Verdacht: Der Speichenkopf ist gebrochen, steht aber zum Glück hervorragend. Nicht ohne entsprechenden Rüffel der diensthabenden Ärztin über den Zeitpunkt meines Auftauchens bekomme ich eine Gipsschiene für die nächsten sechs Tage verpasst. Danach ist erst einmal Ruhe angesagt. (Haus)arbeitsverbot, na prima.
Das Ellenbogengelenk im 90°-Winkel fixiert, den Unterarm gen Himmel gestreckt, damit die Hände nicht anschwellen. Ich soll regelmäßig mit den Fingern wackeln. Jetzt fühle ich mich wie die Queen in etwa zu der Zeit, als sie das königliche Winken erlernte.

Komplikationen?

Nach einer Woche intensiven Winktrainings kann ich es dann kaum noch erwarten. Von Anfang an war mir klar, dass ich die Handbewegung, die Elisabeth II. so perfektioniert hat, niemals richtig beherrschen würde. Diese zurückhaltende freundliche Geste zum Gruße des Volkes, ohne es dabei umarmen zu müssen, bleibt mir irgendwie fremd. Mir ist klar: Ich will auch meinen Ellenbogen wieder gebrauchen dürfen.
Die Schiene muss also so schnell wie möglich ab. Außerdem habe ich in dieser Woche ein schier unglaubliches Bedürfnis entwickelt, endlich wieder richtig zu duschen. Meine Umwelt freut sich darüber übrigens mindestens genauso sehr wie ich. Doch beim ersten Ausstrecken des so lange gebeugten Armes wird mir erst einmal schwarz vor Augen.
“Oh nein”, durchfährt es mich, während ich auf die angenehm kühlen Fliesen des schwankenden Badezimmerbodens sinke. “Ob das Gelenk jetzt steif bleibt? Werde ich für immer den Arm wie die Queen halten müssen?” Ich glaube mich zu erinnern, dass mich die Orthopädin in ihrem knapp zweiminütigen Aufklärungsgespräch auf etwas Ähnliches hingewiesen hatte. Keine schönen Vorstellungen!
Glücklicherweise bleiben meine Befürchtungen Ausdruck einer harmlosen Kreislauf-Störung, die fast genauso schnell wieder verschwindet wie sie gekommen ist. Nach weiteren Wochen vorsichtigen Bewegens und langsamen Belastungsaufbaus geht es dem kranken Arm mittlerweile wieder fast so gut wie vor dem Unfall.
Am Wochenende war ich nach etwa fünfwöchiger Pause das erste Mal wieder vorsichtig klettern, und die restlichen Schmerzen sind jetzt einem umso heftigeren Muskelkater gewichen.

Zeit zum Innehalten

War das Ganze bloß ein ärgerlicher Unfall? Vielleicht. Die vergangenen Wochen waren für mich aber auch eine gute Möglichkeit zum Nachdenken. Außerdem konnte ich Dinge tun, zu denen ich sonst nicht gekommen wäre.
Ich will hier niemanden dazu animieren vom Fahrrad zu fallen oder krank zu werden. Ganz im Gegenteil. Es gibt viele Möglichkeiten zum Innehalten und das jeden Tag, egal ob beim Zähneputzen, in der U-Bahn oder beim Warten auf den Bus oder einen Termin. Wir müssen sie nur erkennen und nutzen.
Doch wie oft laufen wir weg vor der Angst machenden Muße, sich selbst in Ruhe und Achtsamkeit zu betrachten und sich den existentiellen Fragen des Lebens zu stellen: Woher komme ich? Stimmt meine Richtung noch? Wo stehe ich im Moment? Wo will ich hin? Welchen Weg werde ich als nächstes einschlagen? Welchen Sinn gebe ich meinem Leben? Und: Wie oft übersehen wir im Alltag unserer Leistungs- und Konsumgesellschaft das Wesentliche?
Manchmal hilft uns dann eine Krankheit, um wieder auf das gestoßen zu werden, was wirklich zählt: Zeit für sich selbst. Die Patientenzahlen und Diagnosen in den Arztpraxen und Krankenhäusern sprechen in dieser Hinsicht jedenfalls eine deutliche Sprache. Doch wenn wir das wissen und es uns regelmäßig bewusst machen, können wir vielleicht auch andere Möglichkeiten zum Innehalten und damit zu uns selbst finden.
Bevor wir zu Patienten werden. Dann fällt es uns auch leichter zu entscheiden, was wir vor uns selbst verantworten können, falls wir doch einmal krank sein sollten. Und das könnte dann sogar vielleicht unser Gesundheitssystem ein wenig entlasten.

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Grüße

    Und, geht es dem Arm und dir jetzt wieder gut, liebe Kobloggerin? Tatsächlich hat mich die Überschrift des Beitrags schon mehrmals angesprochen aber wirklich gelesen habe ich ihn jetzt erst.

    Da die Leute hier in den Niederlanden selbst über Eis und Schnee fahren, sieht man hier (im Winter) auch regelmäßig Leute vom Rad stürzen; aber bisher standen die immer wieder so auf, als sei nichts passiert. Nur ein Kollege über 50 ist innerhalb kürzerer Zeit zweimal aufs selbe Knie gefallen und das war dann gar nicht gut.

    Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mir das hier auch passiert, wahrscheinlich mit dem Gedanken: “Verdammt, ich komme zu spät zur Vorlesung.”

  2. Danke Stephan,

    Mir geht es wieder fantastisch, so gut, dass ich mich letzten Monat in die Berge gewagt habe. Daher war ich auch hier ein wenig schreibfaul. Aber so eine Internetfreie Zone tut auch mal ganz gut. Kann ich nur jedem von Zeit zu Zeit wärmstens empfehlen.

    Komischerweise waren wir hier im Mai zu dritt mit irgendwelchen Gipsverbänden dank Fahrradstürzen – eine gebrochene Rippe, ein kaputtes Schlüsselbein und zu guter Letzt ich mit meinem Ellenbogen. Alle eigentlich recht passable Sportler… Aber aller guten Dinge sind drei, so oder so ähnlich kam ich mir jedenfalls vor…:-)

    Ich hoffe natürlich und nicht nur für deine Studenten, dass DU dir nie etwas brechen wirst… 😉

  3. ähnliches Schicksal

    Hallo Trota!

    Ich hab mich kaum jemals so wiedergefunden in einem Blog – drum ist es auch der erste auf den ich antworte (und das als Informatiker…)

    Nachdem ich selbst ca. 50km am Tag fahre (einfach weil ich sonst in meinem Bürojob verkomme) ist mir der Speichenkopf bei einem 200m Ausflug in ein nahe gelegenes Geschäft passiert (Heimstrecke, kein Regen, Sonnenschein und beste Bedingungen). Habe danach weiter gearbeitet (bis der Arm kaum mehr zu bewegen war). Das ist jetzt knapp 3 Wochen her – kein Gips, nur ein Verband in der ersten Woche, keine Schmerzmittel, der Arzt sagt in 2 Tagen geht das Radfahren wieder (ich hab verschwiegen wieviel ich fahre – kann mir vorstellen, dass dies die Diagnose leicht verändert hätte :P) Aber dennoch, nur die Harten kommen durch, danke für Deine Geschichte, ich hoffe Dein Ellenbogen will wieder so wie davor. Mir hat es jedenfalls sehr geholfen zu lesen was Du denkst – und meine Angst (so wie Du das auch schilderst) den Arm nicht mehr so bewegen zu können wie zuvor hat mich regelrecht dazu getrieben sofort wieder anzufangen leicht zu trainieren – bislang ging alles gut. Zur Nachahmung kann ich mein Verhalten auch auch nicht jedem empfehlen – dennoch es muss weitergehen!

    lg aus Wien
    Gerald

  4. Follow-up nach fast 6 Monaten

    Hallo Gerald,

    erst einmal herzlich Willkommen auf diesem Blog und gute Besserung!!!

    Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Das heilt wieder! Mittlerweile sind schon wieder fast sechs Monate seit dem Unfall vergangen und vom gebrochenen Arm spüre ich nichts mehr. Es ist, als wäre nie etwas gewesen.

    Nach dem Unfall habe ich zunächst den Arm nur vorsichtig belastet (immer nur bis maximal zur Schmerzgrenze – eigentlich merkt man ganz gut wie weit man gehen kann… ;-)) und regelmäßige Dehnungsübungen gemacht. Nach etwa 6 Wochen habe ich den Arm dann wieder voll belastet.

    Schmerzen hatte ich zum Glück nicht, mir wurde allerdings empfohlen, eine Woche lang Diclofenac (oder ein anderes  NSAR, z.B. Ibuprofen) mit einem entsprechenden Magenschutz (z.B. Ranitidin) einzunehmen. Das hilft nicht nur gegen die Schmerzen, sondern wirkt auch entzündungshemmend.

    Einem Bekannten von mir ist übrigens das Gleiche passiert. Er ist Sportkletterer. Nach einer zweimonatigen Kletterpause hat er dann kurze Zeit später schon wieder den nächsten Wettbewerb gewonnen.
    Viele Grüße und alles Gute nach Wien!

  5. 5 Wochen ist es her

    Hallo Trota!

    Danke für die aufmunternden Worte – jetzt nach 5 Wochen sieht die Welt wieder anders aus (auch wenn ich nach 3 Wochen wieder auf den Arm gefallen bin – das mache ich normal nur alle 10 Jahre, aber diesmal sollte es wohl sein… Röntgen ergab keinen neuen Bruch, aber den dringenden medizinischen Rat des Arztes, das jetzt “nicht mehr zu machen” naja, ich hätte es mir fast gedacht :P)

    anyway, diese Woche werde ich mal wieder das Rad verwenden (bissl Angst hab ich natürlich und selbst das Toben mit dem kleinen Töchterlein geht noch nicht so wie früher, aber es wird).

    Hat mir jedenfalls sehr geholfen das hier zu lesen, ich hoffe wir bleiben alle unfallfrei in der Zukunft (aber wie man Kletterwettbewerbe gewinnen kann nach 2 Monaten verschließt sich mir im Moment, naja, ich hab ja noch 3 Wochen *rolleyes*.

    Alles Gute und
    lg aus Wien

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