Arbeitskultur schadet der Gesundheit von Managern

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Quality of Working Life 2012Führungskräfte leiden unter der aktuellen Arbeitskultur, die in der britischen Industrie vorherrscht. Sie arbeiten rund 46 Tage unbezahlte Überstunden im Jahr, gehen auch im Krankheitsfall ins Büro und leiden in höherem Maße an Stress und Depressionen. Dies ergab eine in Großbritannien durchgeführte Studie.

Die Befragung von 1.334 Führungskräften malte ein düsteres Bild von größerer Arbeitsbelastung, mehr Krankheit und geringerer Arbeitszufriedenheit.

Das Chartered Management Institute sagte, dass seine Studie auch eine Reihe “negativer” Führungsstile zeigte, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt hätten, darunter übermäßige Bürokratie und Autorität.

Die Probleme würden Wirtschaftswachstum und Produktivität behindern und zu unternehmerischen Misserfolgen führen, warnte der Bericht.

Sinkende Arbeitsqualität durch Umstrukturierungen

Verglichen mit 2007 würden die Manager länger arbeiten, trotz Krankheit zur Arbeit gehen und zunehmend unter Stress und Depressionen leiden. 

Der Anteil gestresster Manager beträgt mittlerweile 42 Prozent im Gegensatz zu 35 Prozent im Jahr 2007. 18 Prozent leiden unter Depressionen (2007: 15 Prozent). 42 Prozent schätzten ihren Gesundheitszustand als “gut” ein, 37 Prozent als “zufriedenstellend” und 21 Prozent als “schlecht”. 

Der Wechsel ist zur Norm geworden. 92 Prozent der befragten Manager gab an, ihre Organisation sei im vergangenen Jahr umstrukturiert worden. In 82 Prozent seien Kostenreduktionen der Grund hierfür gewesen (1997: 35 Prozent). Fast die Hälfte der Führungskräfte sah im vergangenen Jahr auch betriebsbedingte Kündigungen. 

Der durchschnittliche britische Manager arbeitet nun rund 46 Tage unbezahlte Überstunden pro Jahr, das sind sechs mehr als im Jahr 2007. Grund ist die erhöhte Arbeitsbelastung.

Zunehmender Realitätsverlust der Direktoren

Interessanterweise haben Direktoren ein viel rosigeres Bild von der Lage als Nachwuchsführungskräfte, und diese Schere hat sich seit 2007 weiter geöffnet. Offensichtlich stehen immer mehr Direktoren nicht mehr in Kontakt mit der Realität ihrer Organisation.

Die Führungskräfte verlieren zunehmend das Vertrauen in ihre Senior Manager. 2012 beurteilten nur noch 30 Prozent den Führungsstil als gut, 2007 waren es noch 45 Prozent.

Weniger als die Hälfte der Nachwuchsführungskräfte zeigt noch eine hohe Unternehmenstreue. 47 Prozent würden den Arbeitgeber wechseln, wenn sie einen anderen Job fänden.

Trotz erhöhter Motivation (60 Prozent 2012 im Vergleich zu 51 Prozent 2007), sank die Jobzufriedenheit signifikant von 62 Prozent 2007 auf aktuell 55 Prozent.

Dabei korrelierte die Begeisterung für den Job mit dem Wohlbefinden. Während die Hochmotivierten nur 1.3 Tage im Jahr fehlten, waren es bei den Nichtmotivierten 11.3 Tage im Jahr.

Change Management der Zukunft: Gesundheitsbewusstsein und Respekt?

Respekt, Autonomie, das Gefühl des Vertrauens in die getroffenen Entscheidungen, Teamzugehörigkeit und Erfolgserlebnisse wie das Erreichen von Zielen und Karrierevorstellungen waren die größten Antriebsfaktoren.

Howard Hughes vom Gesundheitsunternehmen Simplyhealth, der an der Studie mitwirkte, forderte die Arbeitgeber auf, ihre Mitarbeiter in Zukunft zu ermutigen, sich um ihre Gesundheit zu kümmern.

In der Befragung dachten allerdings nur 39 Prozent (2007: 55 Prozent), dass Senior Manager an der Unterstützung des Wohlergehens ihrer Mitarbeiter ein aktives Interesse hätten.

Der Autor des Berichts, Professor Les Worrall von der Coventry University, sagte: “Das Ausmaß und die Auswirkungen von Veränderungen über die letzten fünf Jahre ist enorm, da sich alle wichtigen Parameter aus der Befragung seit 2007 merklich verschlechtert haben.

Noch besorgniserregender ist jedoch, dass es keine Anzeichen auf Besserung der wirtschaftlichen Bedingungen gibt. Wenn sich diese Trends weiterentwickeln, gehen wir beunruhigenden Zeiten entgegen.” 

Und das Gesundheitssystem?

Vielleicht sollte das Chartered Management Institute in Zukunft auch einmal das Management im Gesundheitssystem untersuchen, selbst wenn die zu erwartenden Ergebnisse vermutlich paradox anmuten werden. 

Denn wo kümmern sich Mitarbeiter weniger um ihre eigene Gesundheit als in so manch einem Krankenhaus? Wie können solche Arbeits- und Führungskräfte dann auch noch für das Wohl ihrer Patienten bzw. Mitarbeiter garantieren? 

 

Bild: Quelle CMI

 

Quelle / weiterführende Literatur:

The Quality of Working Life Report (July 2012)

 

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggte zunächst als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

5 Kommentare

  1. Änderungen

    Was hat sich denn auf der Insel zwischen 2007 und 2012 geändert und warum steigt die Motivation der Führungskräfte deutlich? Inwiefern spielen Moden bei den Befindlichkeitsmessungen eine Rolle?

    MFG
    Dr. Webbaer

  2. Dilemma-Zirkel

    Die wirtschaftliche Lage hat sich verschlechtert, aber das betrifft leider nicht nur die Insel.

    Das Verhalten der Manager würde ich mit den vier Stadien des Dilemma-Zirkels erklären:

    1) Verzweiflung
    2) Verleugnung der Verzweiflung (mit Zwickmühlen-Lösungen)
    3) Kämpfen (oder auch motiviertes Strampeln)
    4) Resignation (innere Kündigung)

  3. Manager sind ohnehin der letzte Schrott

    Überbezahlt, skrupellos bei Entlassungen.
    Da tuts ja echt gut, aucg mal von deren Problemen zu hören!

  4. Das ganze System ist krank…

    Leider wird die Arbeitswelt immer ungesünder – und zwar für alle. Mittlerweile erfolgt jede dritte Frühberentung in Deutschland aufgrund von psychischen Erkrankungen.

    Der Verlust des Handlungsspielraums nimmt auf allen Hierarchieebenen zu. Da ist es relativ egal, ob jemand am Fließband fest vorgegebene Stückzahlen produzieren muss oder für die Erfüllung und Steigerung der Anzahl der Gebärmutterentfernungen pro Quartal die Verantwortung trägt. Irgendwann ist die Grenze des Machbaren erreicht, es kommt zur Depersonalisation. Die Menschen werden zynisch, was besonders häufig und fatal in Gesundheitsberufen und in Führungspositionen ist.

    Dabei liegt das Problem im System selbst. Vielleicht kann ein Einzelner nicht viel erreichen, aber er kann “Nein” sagen und seine Grenzen aufzeigen, sich mit Gleichgesinnten zusammenschließen und auch einmal bereit sein, gewisse “Nachteile” in Kauf zu nehmen – egal auf welcher Hierarchiestufe. Glück ist noch nie durch den Besitz materieller Güter klassifiziert worden, wohl aber durch die Qualität der Beziehungen zu anderen Menschen.

  5. Biofeedback

    Ich litt auch ständig unter Stress. Ich habe viele Dinge ausprobiert aber letztendlich hat mir Biofeedback am besten geholfen.

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