#30JahreMauerfall (2/3): Für wen lohnt(e) sich die Mauer?

Bau und Unterhalt des “antifaschistischen Schutzwalls” verschlangen nicht nur Menschenleben, sondern auch viel Geld. Warum sich die Mauer dennoch für die DDR-Führung “lohnte” und wieso der aktuelle US-Präsident kein Stück davon will.

Mehr als 28 Jahre mussten rund 16 Millionen Menschen eingemauert ihr Arbeitsleben in einem Staat verbringen, der freundlich ausgedrückt wohl eher die Bezeichnung “Zoo” verdient hätte. Nur Senioren und sogenannte “Reisekader” erhielten einen DDR-Reisepass, um auch in das nichtsozialistische Ausland reisen zu dürfen.

Die Überprüfung und Bestätigung der als “Reisekader” in Frage kommenden Personen erfolgte durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und betrug etwa 40.000 Personen aus dem Staats- und Parteiapparat oder dem öffentlichen Leben (Sportler, Wissenschaftler, Künstler).

Bis zum Bau der Mauer hatten etwa 2.5 Millionen Menschen das Gebiet der DDR dauerhaft in Richtung Westen verlassen. Diese Massenflucht aus einem offensichtlich schon damals nicht funktionierenden System wurde am 13. August 1961 gewaltsam gestoppt – unter Missachtung des Vier-Mächte-Abkommens.

“Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.”

Dabei hatte die Journalistin Annamarie Doherr am 15.Juni 1961 auf einer internationalen Pressekonferenz Walter Ulbricht zu einem Verhalten provoziert, das von Anfang bis Ende pathognomonisch für dieses System bleiben wird:

Doherr:

Ich möchte eine Zusatzfrage stellen. Doherr, Frankfurter Rundschau. Herr Vorsitzender, bedeutet die Bildung einer freien Stadt Ihrer Meinung nach, dass die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird? Und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?

Ulbricht:

Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Ääh, mir ist nicht bekannt, dass [eine] solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft dafür voll ausgenutzt wird, voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Vermutlich hat “Niemand” zu diesem Zeitpunkt nicht einmal gelogen, denn das Schicksal der beiden deutschen Staaten hing damals maßgeblich von den Alliierten ab.

Tatsache ist, das dieses “Bollwerk gegen den imperialistischen Krieg” fast 1000 Menschen das Leben kostete und unzählige Existenzen zerstörte.

“Wenn wir die Guten sind, dann müssten die Leute doch eigentlich zu uns kommen?”

Am 15. August 1961 springt ein Grenzsoldat über den Stacheldraht an der Bernauer Straße in den Westen. Er hatte sich gewundert, warum auch Fenster und Türen der auf dem Ostteil der Grenze gelegenen Häuser zugemauert wurden und sich gefragt: “Wenn wir die Guten sind, dann müssten die Leute doch eigentlich zu uns kommen?”

Weit über 100.000 Bürger der DDR versuchten zwischen 1961 und 1988 in den Westen zu fliehen. Die Auswirkungen des Mauerbaus zerstörten unzählige Menschenleben. Familien und Freunde wurden voneinander getrennt; Existenzen wurden einer Ideologie geopfert.

Die Mauer verschlang nicht nur an die Tausend Menschenleben. Bau, Ausbau und Unterhalt der Mauer belasteten den Haushalt der DDR extrem. Aufbau und Betrieb des “antifaschistische Schutzwalls” verschlangen 1.822 Milliarden DDR-Mark.

Um diesen Wahnsinn zu finanzieren, wurden in Wirklichkeit selbst sogenannte “Faschisten” gegen Devisen nur zu gern in das sozialistische Land gelassen. Zuletzt mussten Erwachsene pro Nase und Besuchstag 25 D-Mark im Verhältnis 1:1 umtauschen. Obwohl die Ein- und Ausfuhr von Mark der DDR streng verboten war, schwankte der Handelskurs im West-Berlin zwischen 1:3 und 1:8. Bis zum Mauerfall kamen so rund 4.5 Milliarden D-Mark zusammen.

Die weltweiten Rüstungsausgaben der USA betrugen 2018 übrigens 1.822 Milliarden US-Dollar. Damit sind die Vereinigten Staaten globale Spitzenreiter. Ein Schelm, der Böses dabei denkt…

“Der Preis, den die verschiedenen Leute gezahlt haben, war grauenhaft verschieden.”

Der Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann tat 1953 das Gegenteil. Mit 16 Jahren ging er vom Westen in den Osten. Um der Mensch zu werden, der er heute ist. Als Arbeiterkind hätte er in seiner Heimat Hamburg wohl kaum studiert. Nach einigem Hin und Her gelang ihm das auch. Sogar die Stasi half ihm dabei, wenn auch wohl eher unfreiwillig.

Dabei machte auch Biermann die schmerzhafte Erfahrung:

Der Preis, den die verschiedenen Leute gezahlt haben, war grauenhaft verschieden.

Biermann fährt fort:

So konnte der bekannte DDR-Schriftsteller Stefan Heym jeden Tag nach West-Berlin reisen und dort Bananen einkaufen, was ich nur aus einem einzigen Grund hier so giftig erwähne, weil er sich bei der Maueröffnung in widerlichster Weise lustig gemacht hat über diese dreckigen Ostidioten, die jetzt nur nach dem Westen laufen, um Bananen zu kaufen. Das war das Schäbigste, was man in so einer Situation überhaupt sagen kann, wenn das Volk endlich nicht mehr wie Karnickel abgeschossen wird an der Mauer.

Optimistisch stimmt Biermanns Antwort auf die Frage, wer oder was denn überhaupt noch blieb nach dem Exodus der Schauspieler Mitte-Ende der 1970er Jahre:

Wir hatten immer Angst davor, dass die Witzbolde Recht behielten, die spotten, die DDR ist “Der Dumme Rest”. Das war ein geflügeltes Wort in der DDR. Und erstens muss man sagen, das stimmt nicht. In so einem Volk wachsen immer wieder lebendige, starke, kluge, tapfere Leute nach. Wissen Sie, was der Beweis ist für meine Behauptung? Dass die Stasi so riesengroß war. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass die so viel Geld rausgeschmissen hätten für so viele Spitzel? Wenn das Volk nicht so frech gewesen wäre! Das waren doch keine Dummköpfe. Die konnten doch auch bis drei zählen. Die wussten doch auch, was die DDR-Mark wert ist und hätten sie lieber für etwas anderes ausgegeben. Wenn man so viele hauptamtliche Spitzel und Stasi-Offiziere, Personal, bezahlt, die ja auch alle essen und Frauen und Kinder haben, zur Schule gehen, na dann muss sich das ja für die auch rechnen. Oder nicht? Daran können Sie schon sehen, dass es eher für die DDR spricht, dass es so viele ehrliche, tapfere, aufsässige, unangepasste Menschen gab. Die Stasi ist der Beweis dafür.

Trump lehnt Mauergeschenk ab

Anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls am 09. November 2019 schickte eine Gruppe aus Berlin ein Segment der Berliner Mauer ans Weiße Haus. Ein Verein namens “Die offene Gesellschaft” ließ einen Brief auf das 2.7 Tonnen schwere Stück Beton schreiben:

Lieber Präsident Trump. Das ist ein Originalstück der Berliner Mauer. 28 Jahre lang hat es Ost und West, Familien und Freunde getrennt. […] Deutschland ist wiedervereint und in Berlin erinnern uns nur noch ein paar Stück daran, dass keine Mauer für immer besteht. […] Wir möchten Ihnen eines der letzten Teile der gefallenen Berliner Mauer zum Gedenken an das Engagement der Vereinigten Staaten für den Aufbau einer Welt ohne Mauern geben.

Doch Präsident Trump nahm die gewichtige Post nicht an. Nun reiste das Stück Berliner Mauer von Washington D.C. an die Grenze zu Mexiko

Karin Schumacher

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

23 Kommentare

  1. Mehr als 28 Jahre mussten rund 16 Millionen Menschen eingemauert ihr Arbeitsleben in einem Staat verbringen, der freundlich ausgedrückt wohl eher die Bezeichnung “Zoo” verdient hätte.

    Aber sonst geht es Ihnen gut, oder?

  2. Solche Herren wie Biermann waren für mich damals auch “Nestbeschmutzer”. Sie hatten -im Gegensatz zur Bevölkerung- alle Privilegien, durften in den Westen reisen, Westmedien lesen, Westautos fahren etc…Ich kenne solche “Künstler” ziemlich gut, da ich damals in der ShowSzene tätig war. Diese “Stars” verdienten zum Teil das zwanzigfache (und mehr) eines normalen Industriearbeiters im Monat, machten diesen Staat, der ihnen diese Privilegien gab, dann aber von der Bühne aus madig und prahlten danach an der Bar mit ihrem Westgeld. Diese “Szene” hatte absolut keine Beziehung zur Realität, zum Leben des normalen Bürgers, wurde aber von den Westmedien hofiert, da sie ja den Stachel im Fleisch dieses Staates darstellten. In der Biologie nennt man so etwas :Parasiten. Nach der Wende wurden sie dann oft zu Wendehälsen und Verteidiger der Demokratie in der DDR bzw. bekamen hohe Posten….

    • Nun gut Wolf Biermann gehörte auch zur “Nomenklatura”. Aber Ihre Darstellung teile ich nicht ganz. Er war ja wohl Kommunist, dem aber die Entwicklugn in der DDR nicht gefiel.

      Gruss
      Rudi Knoth

  3. “Bau und Unterhalt …”

    Schon die ersten drei Worte dieses Artikels offenbaren wo der größte Fehler / die größte Schwäche und letztendlich der DRECKIGE Sieg für Ausbeutung und Erpressung lag – es lohnte sich also schon von Anfang an für die Profitler des Westens, denn IHRE Symptomatik in “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei” blieb entscheidend.

  4. Wer sich in den “freiheitlichen” Wettbewerb verwickeln lässt (die DDR wurde auf Platz 10 gelistet!), der bewegt sich ebenfalls im Kreislauf des imperialistischen Faschismus, und so wurde/blieb das “sozialistische Projekt” auch eine Illusion.

  5. Und das Dumme der Geschicht, zur Freude der systemrational-verkommenen Profitler, meine sozialistisch-kommunistischen “Genossen” haben absolut nicht dazu gelernt, sie wollen den Systemwechsel immernoch mit den herkömmlich-gewohnten Mitteln und Institutionen des Systems erlangen.

  6. “… sozialistische Ausland …”

    Genau betrachtet, ist im Kreislauf des imperialistischen Faschismus immer und überall Sozialismus, von kapitulativer Bewusstseinsbetäubung in Steuern und Abgaben unterstützt, bis der Wettbewerb den/die …!?😊

  7. Zu Rudi Knoth
    “Kommunismus” ist wohl in erster Linie eine Definition für die ökonomischen Verhältnisse(Besitz von Eigentum) Ansonsten sehe ich dafür die unterchiedlichsten subjektiven Definitionen. Erinnert mich irgendwie an die Religionen wo zum Beispiel Katholiken, Protestanten ,Orthodoxe für sich in Anspruch nehmen den wahren Glauben zu präsentieren. Im Hinduismus gibt es dann hunderte Varianten mit tausend Unterarten. Kommunismus, so wie Biermann ihn interpretiert, ist wohl die menschliche Komponente, also der damals vielgepriesene “Neue Mensch” . In dem Sinne mag Biermann damals seiner Zeit voraus gewesen sein oder einfach auch nur einen Irrtum erlegen sein denn seine “Helden “waren damals -wie heute- die zu Untertanen erzogenen Menschen. So gesehen halte ich ihn eher für einen Utopisten als einen Kommunisten…In diesem Sinne waren für mich viele Künstler damals eher Utopisten, die das Menschenbild idealisiert haben…

    • Nun unter Kommunisten verstehe ich Angehörige oder Symphatisanten der “kommunistischen Parteien”. Dazu gehörte in meinem Verständnis auch die SED.

      Gruss
      Rudi Knoth

  8. Also ich halte Biermann einfach nur für einen Laberer.
    Kommunismus ist für Mensch der letzte Schritt von Vernunft zu Verantwortungsbewusstsein. Dann wird die Definition irgendeines Ismus einfach blödsinnig sein, weil sich Zusammenleben ohne Fragestellungen und ohne Zweifel in wirklich-wahrhaftiger Wertigkeiten (Freiheit, Toleranz, Menschenwürde) weiterentwickelt.

  9. Zitat:

    Mehr als 28 Jahre mussten rund 16 Millionen Menschen eingemauert ihr Arbeitsleben in einem Staat verbringen, der freundlich ausgedrückt wohl eher die Bezeichnung “Zoo” verdient hätte.

    Ja, wobei ein typischer Westler (wie ich) bei der DDR eher an ein Gefängnis als an einen Zoo denkt, denn ein Zoo ist geprägt von den Zoobesuchern, ein Gefängnis aber von den Gefängniswächtern. Und was war die Stasi anderes als ein Kollektiv von Gefängniswächtern.

    Erstaunlich auch was die 28 Jahre hinter schwedischen Gardinen mit den Gefängnisinsassen angestellt haben: Jetzt, 30 Jahre nach dem Mauerfall sind sie immer noch davon geprägt. Auch das ist doch recht ähnlich wie bei Gefängnisinsassen hier oder bei Personen mit posttraumatischen Belastungsstörungen.

  10. Zu M. Holzherr
    Fragen Sie Frau Merkel, ob sie sich als Gefängnisinsasse gefühlt hat. Sicher nicht.
    Viele (alle) hatten ihre Arbeit, ihre Freizeitvergnügen, ihre staatliche Rundumversorgung .
    Dass, was man heute “soziale Sicherheit” nennt, war -auf niedrigem Niveau – gegeben. Da betrug die Miete für eine Wohnung 60 Mark, das Brot kostete 0.70 Mark, ein Bier 0,40 Mark etc…Gesundheitsversorgung,Kindergarten und Schule waren kostenfrei.Ein Urlaub in einem Ferienheim des FDGB kostete für 14 Tage ca,50 Mark pro Person incl. Essen.. Menschen konnten praktisch nicht entlassen werden, also arbeitslos werden. Politisch gesehen musste man Kompromisse schließen, aber auch im Westen muss man ja hier, wie im Berufsleben, oft die Schnauze halten, um nicht zu fliegen. Dieses “Gefängnis” war also relativ gemütlich und kuschelig eingerichtet und für Menschen, die ihr Glück nicht unbedingt in Weltreisen oder in politischer Selbstdarstellung suchen, durchaus bequem. Die Parteiführung prägte so ihren “Neuen Menschen” bzw. wollte es. Steht hier die Frage, ob Menschen in solcher aufgezwungenen “Bescheidenheit” weniger glücklich sind, als Menschen die jährlich ein neues Auto haben müssen bzw. eine Weltreise…

  11. @Golzower: dass man in der DDR auch erfüllt leben konnte, haben mir auch andere schon gesagt, ja sie haben mich genau so korrigiert wie sie es in ihrem Kommentar tun. Das ist genau der Grund, weshalb ich mich selber als typischer Westler vorgestellt habe, denn ich bin wohl nicht der einzige hier, der sich das Leben auf der anderen Seite der Mauer als ein Leben fernab des Lebensstroms vorstellte – fernab von neuen Moden/Stilen und Interessen, fernab von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wie dem Ruf nach Reformen in Schule und Universität, fernab von der Suche nach einem anderen oder besseren Leben.

    Denn war in der DDR nicht schon alles vorgegeben? War es nicht so, dass man sich selbst einfach einfügen musste und kein Raum für einen selbstgewählten Aufbruch, ja nicht einmal für wirklich eigenständiges Denken, blieb?

    • kein Raum für …

      Geist (vorgegeben für Möglichkeiten in “wie im Himmel all so auf Erden”) ist das was WIR/WELTGEMEINSCHAFT daraus machen

  12. M. Holzherr
    “Zum eigenständigen Denken”
    Wenn ich in der DDR mal einen Artikel für die örtliche Presse geschrieben habe der nicht so ganz der gewünschten Linie entsprach, wurde ich in die Redaktion gebeten und unter dem Motto: Also Bürger, so geht das nicht…” freundlich darum gebeten doch etwas zu korrigieren. Heute werden meine Kommentare auch mal mit solchen Anmerkungen wie Trolle, Idiot oder Nazi von irgendwelchen neurotischen Selbstdarstellern zensiert und gestrichen . Das ” eigenständige Denken” wurde damals wie heute zensiert und es wurde/wird nur das zugelassen, was erwünscht ist bzw. was in das beengte Weltbild solcher “Zensoren” passt.

  13. Mit dem Finger zeigen …, aber den Balken im Auge …

    @Holzherr

    Konsum- und profitautistische Bewusstseinsbetäubung für den Kreislauf des imperialistischen Faschismus im nun “freiheitlichen” Wettbewerb um geistlosen KOMMUNIKATIONSMÜLL

  14. “Individualbewusstsein” – Eigenständiges Denken

    NICHTS GEHÖRT DEM “EINZELNEN” ALLEIN, sogar/besonders unsere Gedanken nicht, weil wir IMMER ABHÄNGIG von Geist und Gemeinschaft geprägt wachsen

  15. @Golzower: Es stimmt, heute ist es auch hier im Westen schwieriger unverstellt Gedanken und eigene Schlussfolgerungen zu äussern – weil heute fast jedes Wort und fast jede Formulierung auf eine sensibilisierte Zuhörerschaft trifft, die dich als Sprecher ethisch/moralisch/politisch einordnen will oder die dich sogar überführen will.

    Weil ich gerade eine Fernsehsendung schaue, in der der Schweizer Rapper Stress unter anderem über seine eigene Zeit im Kommunismus spricht, möchte ich ihn hier zitieren und sie fragen, was sie dazu denken:

    Mit 12 kam Andres Andrekson, so Stress bürgerlich, mit seiner Mutter in die West-Schweiz. Im kommunistischen Estland aufgewachsen, verbrachte er 12 Jahre in der Sowjetunion.

    «Im Kommunismus bist du kein Mensch, du hast nichts zu sagen», sagt er rückblickend. «Es gab dort keine Menschlichkeit.» Und: «Du hast keine Rechte, keine Seele.»

    Also, was sagen sie dazu?

  16. @Holzherr

    Also meine Erfahrung dazu: Du lieferst da das klassische Beispiel unwahrheitlich-geprägten “Denkens von Frühstück bis Mittag”.
    Nur weil es Gott SO nicht geben kann, ist das ganze Konzept Spiritualität quatsch?

  17. Zu M. Holzherr
    Zunächst einmal waren diese Ostblockstaaten keine kommunistischen Länder, da irrt der Mann. Wenn man die Parteiprogramme dieser “Regierungsparteien” liest, so haben sie alle ,wie die SED in der DDR, mit dem Aufbau des Kommunismus erst begonnen. Letzteres ist eine ökonomische Größe, also die Umwandlung von Privatbesitz in Staatsbesitz (Volkseigentum). Zum “Kommunismus” gehören dann also auch “Kommunisten”. Also Menschen, die diese Werte leben und verinnerlichen. Da diese Gesellschaftsform vom reinen Kollektivismus lebt, also der “bewussten” Unterordnung des Einzelnen unter der gesellschaftlichen Notwendigkeit, entstehen so zwangsläufig solche von diesem Herren geäußerten Spannungen, da er den Kommunismus in seinem Wesen nicht begriffen hat .Der MENSCH und die MENSCHLICHKEIT wird in dieser Ideologie anders begriffen und bewertet. Meiner Einschätzung nach bewertet er diesen in der damaligen Sowjetunion verbreiteten Stalinkommunismus, der ja mehr eine Diktatur einer Parteielite war, die sich ihre Form von Kommunismus selbst geformt hatte und dieses Konstrukt mit aller “seelenlosen” Brutalität verteidigte.

  18. @Golzower: ja, der Kommunismus war ein Ideal, eine Utopie, die es anzustreben galt. Doch kann man dieses Ideal verordnen – denn das hätte man wohl tun müssen, war doch die Initiative nicht beim Volk, sondern bei seinen Führern.

    Noch zum Rapper Stress (Andres Andrekson). Ich denke mir sein jetziges Urteil über das Leben unter der Sowjetherrschaft hat sich erst jetzt gebildet – und weil er als Rapper sowieso zur Zuspitzung neigt, hat er auch eine drastische Formulierung gewählt. Er verliess ja Estland zusammen mit seiner Mutter als er erst 12 war. Dazumal hatte er noch die Perspektive eines Kindes und dachte kaum so wie heute.

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