#30Jahre Mauerfall (3/3): “Staatsjagdgebiete” und ein Märchenschloss für Mielke

Nicht nur das “Wildforschungsgebiet” bei “Wandlitz” war für die Bevölkerung tabu. Auch ließen die sozialistischen Feudalherren nicht nur auf Grenzflüchtlinge schießen. Über die Erfindung der “Staatsjagdgebiete” 1962, ein Jahr nach dem Mauerbau, und deren Folgen. Und dann gibt es noch Mielkes Märchenschloss, Dammsmühle…

Jagdgenossen

Seit 1964 verband Erich Honecker und den damaligen Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnew, eine Jagdfreundschaft. Diese Männerfreundschaft half 1971 dem unscheinbaren Mann mit der abgebrochenen Dachdeckerlehre, seinen Ziehvater Walter Ulbricht zu stürzen. Vorbei waren die Zeiten, als die Politbüromitglieder mit der sportbegeisterten Familie Ulbricht im Sonderzug von Basdorf nach Oberhof zum Skifahren fahren mussten.

Mit der Machtübernahme durch Erich Honecker wurde nun statt Sport und kommunistische Literatur die Jagd zum zentralen Hobby der Politbüromitglieder erklärt. Nach guter monarchistischer Tradition bedienten sich die neuen alten Herren wie einst ihre absolutistischen Vorgänger an den schönsten Plätzen aus dem Volkseigentum. Besonders das Berliner Umland war begehrt bei den Bonzen. Sonderjagdgebiete schossen wie Pilze aus dem Boden, Schlösser, Ferienhäuser und Bootsplätze wurden eingezäunt und streng bewacht.

Die Staatsjagdgebiete – wo die Genossen wirklich genossen

Die Erfindung der “Staatsjagdgebiete” erfolgte 1962 und damit ein Jahr nach dem Mauerbau. Eintrittsberechtigt war lediglich die Funktionärselite sowie hohe Gäste aus Ost und West. Die Jagdhäuser wurden auf Staatskosten gebaut. Wie in der Waldsiedlung stammten auch hier die Armaturen und je nach Bedarf auch andere Einrichtungsgegenstände nicht wie für Otto-Normal-Sozialist aus Plaste, sondern wurden vom “kapitalistischen Klassenfeind” importiert.

Die sozialistischen Feudalherren liebten ihr Wild anscheinend mehr als ihre Arbeiter und Bauern. 22 Staatsjagdgebiete gab es zum Ende der DDR. Damit waren ungefähr fünf Prozent der Fläche des Landes gesperrt und damit tabu für die normale Bevölkerung. Berücksichtigt man außerdem die militärischen Sperrgebiete wie Truppenübungsplätze und Grenzsicherungsräume, so hatte die DDR-Bevölkerung zu 15 Prozent ihres Landes keinen Zutritt.

Dammsmühle: Vom Mielkes Märchenschloss zum Luxushotel?

Schloss Dammsmühle. Idyllisch abgeschiedene Lage im Wandlitzer Ortsteil Schönwalde (Barnim) zwischen einigen wunderschönen Seen und nur einen Katzensprung vom Politbüro-Bahnhof in Basdorf entfernt: Von 1959 bis 1989 nutze das Ministerium für Staatssicherheit dieses Anwesen unter anderem für seine Jagdgesellschaften und als Pionierlager.

Das Anwesen zeichnet sich aus durch eine bewegte Geschichte. Bereits 1650 hatte der Große Kurfürst an dieser Stelle ein Jagdhaus errichten lassen. 1768 erwirbt der Berliner Lederfabrikant Peter Friedrich Damm das Gelände von einem verschuldeten Müller, der zwischenzeitlich hier eine Mühle betrieb. Damm baut die Mühle zum Herrenhaus aus; es entsteht der Name Dammsmühle. Königin Elisabeth Christine, die Gattin Friedrich II., kommt regelmäßig vorbei. Die Damms haben keine Erben. Das Gebäude verfällt und geht durch diverse Hände.

1894 ersteigert der Pankower Lebemann Adolf Wollank das Anwesen und baut es zu einem Lustschloss aus. Es entstehen Pavillons, Rosengärten, Obstplantagen, ein Weinberg und ein Tanzsaal in orientalischem Stil, der auf dem Mühlenteich vor dem Schloss schwimmt. Als Wollank relativ jung stirbt, wechseln sich wieder diverse Besitzer ab. 1929 erwirbt ein britischer Seifenfabrikant das Schloss als Ruhesitz. Doch bald darauf muss die Familie Nazi-Deutschland verlassen, da die Frau Jüdin ist. 1940 werden die Eigentümer enteignet und Heinrich Himmler erhält das Anwesen. 1943 nutzt der “Reichsführer-SS” Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen für “Bau- und Instandhaltungsarbeiten”.

Nach dem Untergang des Dritten Reiches übernehmen sowjetische Truppen Schloss Dammsmühle, bis 1959 die Schlossherrschaft an Erich Mielke geht. Der Stasi-Chef nutzt Dammsmühle bis zur Wende als sein Jagdschloss, baut es aus, lässt Gästehäuser, einen Wirtschaftshof und natürlich auch einen Bunker errichten. Den einstmals romantischen Wandelgang funktioniert Erich Mielke um in eine Kegelbahn. Er kegelt wohl lieber, als dass er (sich) wandelt.

Das Ende des Dornröschenschlafs?

Seit der Wende verfällt das neobarocke Anwesen. Doch dies soll sich jetzt ändern. Eine Investorengesellschaft wagt sich seit kurzem an die Restaurierung des denkmalgeschützten Komplexes einschließlich der 28 ha großen Parkanlage. Innerhalb der nächsten zwei Jahre soll das Schloss zu einem Luxushotel ausgebaut werden. Dabei soll der beliebte Ausflugsort weiterhin auch für die weniger betuchte Öffentlichkeit zugänglich bleiben. Immerhin gehört die Straße, die über das Gelände führt, der Gemeinde. Lassen wir uns überraschen, wie es mit Dammsmühle weitergehen wird.

Schloss Dammsmühle
Schloss Dammsmühle, (noch) im Dornröschenschlaf. Blick vom Wandelgang (Mielkes Kegelbahn) aus. Credit: Dr. Karin Schumacher, Aufnahme: Oktober 2018.
Karin Schumacher

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Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

1 Kommentar

  1. Ökologisch betrachtet sind diese Staatsjagdgebiete im nachhinein wahrscheinlich gar keine schlechte Lösung gewesen. Betrachtet man zum Bsp. den Müritz Nationalpark – wo ich immer wieder gern hinfahre- so war dieser zu DDR-Zeiten zu großen Teilen auch ein Staatsjagdgebiet (Stoph/Herrmann ) und für die Öffentlichkeit zu großen Teilen gesperrt. Dadurch konnte sich dieses Gebiet in seiner Ursprünglichkeit als einmaliger Biotop noch weitgehend erhalten und ist ein wunderbarer Fleck für die Erholung bzw. für die Tier-und Pflanzenwelt.

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