Ich war’s nicht. Der Algorithmus war’s.

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Notizen über alles und nichts, von Günter M. Ziegler
MATHEMATIK IM ALLTAG

In der aktuellen Debatte über Managergehälter ist eine Ausrede immer präsent: "Die Vorstandsgehälter haben wir doch nicht selbst festgelegt, das macht doch der Aufsichtsrat." Das Argument überzeugt mich nicht, solange in Deutschland die Aufsichtsräte nicht unabhängig sind, sondern gescheiterte Vorstände in den Aufsichtsrat befördert werden, während die aktiven Aufsichtsräte auch noch bei der  Konkurrenz im Aufsichtsrat sitzen…

Eine andere Variante von "Ich war's nicht" ist offenbar auch sehr populär: Die Ausrede mit dem Algorithmus.  Ich war's nicht, der Algorithmus war's. Also: Die Mathe war's. Dass das etwas durchsichtig ist, fällt jetzt auch den Medien auf. Die Webseite slashdot.org ("News for Nerds. Stuff that matters" – immer wieder lesenswert, sagt mein persönlicher Redakteur) verlinkte am 23. September unter der Überschrift "The Gradual Public Awareness of the Might of Algorithms" zwei Beiträge in der New York Times und dem Economist, und zitiert aus dem ersteren:

Es war das Internet, das dem Wort die Unschuld geraubt hat. Algorithmen, so sicher bewacht wie Staatsgeheimnisse, kaufen und verkaufen Aktien und durch Hypotheken abgesicherte Wertpapiere, manchmal mit einem leidenschaftslosem Eifer, der Märkte zum Kollabieren bringt.

Algorithmen versprechen für Dich die Nachrichten zu finden die Dir passen, und sogar einen perfekten Partner. Du kannst Amazon nicht besuchen ohne mit einer Liste von Büchern und anderen Produkten konfrontiert zu werden, die der Große Algorithmi Dir empfiehlt. Seine Intuitionen sind, natürlich, nur Berechnungen – wenn man genug Zeit hätte, könnte man sie mit Kieselsteinen im Sand durchführen. Aber wenn so viele Daten verarbeitet werden, ist die Wirkung orakelhaft und fast undurchschaubar. (Übersetzung GMZ)

In diesen Kontext passt auch "wie die Faust auf's Auge" ein Beitrag zum Thema "Google – the next Microsoft":

Ein anderes Problem bei Google ist zur Zeit, dass dort die algorithmische Optimierung verrückt spielt, mit dem absehbaren Ergebnis, dass viele von Googles kleineren AdWords Kunden zu Weihnachten pleite gehen werden. Langjährigen Kunden den garaus zu machen, ist keine gute Geschäftspolitik.

Bevor es um Details dieses kleinen Alptraums geht, müssen wir uns mit der religiösen Bedeutung von Algorithmen für Google befassen: Larry und Sergey zeugten page rank, welcher zeugte Suche, welche zeugte AdWords, welche zeugte AdSense, welche zeugte das globale Google Suchmaschinen- und Werbungs-Imperium, das zu komplex geworden ist, um es mit einer einzigen überdehnten biblischen Analogie zu charakterisieren.  

Das Herzstück jedes dieser Programme ist ein Algorithmus, verkörpert durch ein Computerprogramm, wodurch jeder dieser Algorithmen für Google jedes Jahr Milliarden von Dollars erzeugt. Aber der große Sündenfall von Google ist fast immer eine Verwechslung von algorithmischer Effizienz mit moralischer, ethischer oder geschäftlicher Korrektheit.  Manchmal tun gute Algorithmen böse Dinge, und die Tendenz bei Google ist, sich einfach nicht darum zu sorgen: der ALGORITHMUS ist schuld. Aber schlimmer, weil man Algorithmen nicht verantwortlich machen kann, so wie es die Person sein sollte, die den Algorithmus programmiert oder die Verwendung des Algorithmus authorisiert hat, gibt es bei Google ein Gefühl von Verantwortungslosigkeit. Sachen passieren, sagt man sich dort, wenn Algorithmen sich in Richtung Optimierung bewegen und Kollateralschäden erzeugen: Es ist nicht unsere Schuld! (Übersetzung: GMZ)

… schreibt Robert X. Cringely in seiner wöchentlichen Kolumne "I, Cringely" auf der Website des Fernsehsenders PBS vom 2. November.

Ich dachte, die biblische Metaphorik passt wunderbar in meinen Weihnachts-Blog.
Das war er.

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Veröffentlicht von

Professor für Mathematik an der Freien Universität Berlin, Leiter des “Medienbüros” der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, Aktivist, Kommunikator, Sekttrinker, Gelegenheitsblogger, Kolumnist und Buch-Autor: "Darf ich Zahlen?" und "Mathematik - Das ist doch keine Kunst!".

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