Die Wahrheit über Vitamininfusionen – Hört auf damit!

Es gibt mal wieder einen neuen Trend, über den wir sprechen müssen: Ich war kürzlich in Hamburg und habe bei einem Stadtbummel zahlreiche Geschäfte entdeckt, die Vitamininfusionen anbieten. Diese sogenannten Vitamin Drips sind für nahezu alles erhältlich: Beauty Drips sollen Haut und Haare verschönern, Detox Drips Giftstoffe aus dem Körper schwemmen, Hangover Drips den Kater lindern und Immun-Drips unsere Gesundheit stärken.

Credit: DripDrip

Prominente wie Kim Kardashian und Cindy Crawford schwören auf die intravenöse Vitamintherapie. Auch in Deutschland gibt es immer mehr Menschen, die diesem Trend folgen.

Die Tochter von Schauspieler Til Schweiger berichtete neulich auf Instagram von ihrer Vitamininfusion in einem Hamburger Studio. Sie schrieb, dass sie in den letzten Wochen „viel unterwegs und dauerhaft angeschlagen“ gewesen sei, doch durch eine „mega Infusion“ fühle sie sich nun viel besser. Nebenbei hinterließ sie einen Rabattcode für die Behandlung, die im Schnitt zwischen 70 und 600 Euro kostet.

Doch halten solche Vitamininfusionen wirklich, was sie versprechen? Ich sage: Lasst es bleiben, denn sie können sogar gefährlich sein!

Vitamininfusionen: Ein Blick hinter die Kulissen

Die Methode der Vitamininfusionen wurde bereits in den 1970er Jahren von Dr. John Myers, einem amerikanischen Arzt, entwickelt. Seine Grundüberlegung war, durch die intravenöse Gabe von Mikronährstoffen und Vitaminen den Körper zu stärken.

Normalerweise nehmen wir diese Stoffe über die Nahrung auf, was einen längeren Verdauungsprozess erfordert und nicht alle Nährstoffe vollständig ins Blut gelangen lässt. Myers wollte diesen Prozess umgehen und die Vitamine direkt ins Blut zu geben, um es dem Körper zu ermöglichen schneller höhere Dosen aufnehmen zu können.

Nach Myers ist heutzuage eine bekannte Infusion benannt: der sogenannte Myers-Cocktail. Er besteht aus hohen Dosen von B-Vitaminen, Vitamin C und Mineralstoffen wie Magnesium und Kalzium, gemischt mit sterilem Wasser. Diese Mischung nutzte Myers zur Behandlung von verschiedenen Erkrankungen wie Asthma, Migräne und Fibromyalgie.

Credit: mobileivmedics

Der Placebo-Effekt und wissenschaftliche Zweifel

Das Problem: Wissenschaftlich erwiesen ist der Nutzen dieser Infusionen nicht!

Eine klinische Studie zur Wirkung des Myers’ Cocktails bei Fibromyalgie-Patienten zeigte zwar einige Verbesserungen der Lebensqualität, jedoch keine statistisch signifikanten Ergebnisse, sodass sie wohl auf den Placebo-Effekt zurückzuführen sind. Dafür spricht auch, dass in der Placebogruppe, die nur Kochsalzlösung erhielt, dieselben Verbesserungen auftraten.

Die wenigen durchgeführten Studien zu anderen Vitamininfusionen sind meist klein, basieren oft auf Erfahrungsberichten einzelner Patienten und umfassen in der Regel keine Kontrollgruppen oder kamen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Infusionen nicht wirksamer waren als ein Placebo.

2018 klagte die US-amerikanische Federal Trade Commission (FTC) ein Unternehmen an, das den Myers-Cocktail und andere intravenöse Vitamininfusionen vermarktete. Die Klage bezog sich auf „irreführende und nicht belegte Behauptungen zum gesundheitlichen Nutzen“. Das Unternehmen behauptete, mit ihrer Infusion Erkrankungen wie Krebs, Multiple Sklerose, Diabetes, Fibromyalgie, Demenz oder Herzinsuffizienz behandeln zu können, was jedoch wissenschaftlich nie erwiesen wurde. Menschen mit schweren Erkrankungen wurden jahrelang unbegründet Hoffnungen mit wirkungslosen Therapien gemacht.

Vitamine im Überfluss?

Ein weiteres Problem: Selbt weitestgehend gesunde Menschen erhoffen sich von Vitamin-Infusionen eine Besserung, die es nicht gibt. Ein Wundermittel gegen Erkältungen, einen Kater oder faltige Haut wird Ihnen keine Infusion der Welt bieten.

Im Gegenteil: Die meisten Menschen benötigen Vitamininfusionen nicht, da sie in der Regel keinen Mangel an diesen Vitaminen haben. Bei einer gesunden oder sogar nur durchschnittlichen Ernährung nimmt der Körper alle benötigten Vitamine in ausreichenden Mengen auf. Ausnahmen sind Vitamin D im Winter, Vitamin B12 und Eisen bei vegetarisch oder vegan lebenden Personen oder Folsäure bei Schwangeren, die diese Vitamine jedoch leicht über Tabletten zuführen können.

Nur in seltenen Fällen, etwa bei einer Resorptionsstörung im Darm, ist es nötig, Vitamine als Infusion zu verabreichen. In allen anderen Fällen scheidet der Körper überschüssige wasserlösliche Vitamine wie Vitamin C und B-Vitamine einfach über den Urin wieder aus.

Fettlösliche Vitamine wie E, D, K und A werden in Vitamininfusionen dagegen gar nicht angeboten, da sie nicht wasserlöslich sind und in hohen Dosen toxisch sein können. Sie werden in Muskel- und Fettgewebe gespeichert und können nicht über den Urin ausgeschieden werden. Bei einer Überdosis können schwere Erkrankungen wie ein Leberversagen resultieren.

Die Gefahren der Vitamininfusionen

Gerade in der Erkältungs- und Grippesaison lassen sich viele Menschen Infusionen mit Vitamin C  geben, in der Hoffnung, schneller zu genesen. Doch groß angelegte Studien haben wiederholt gezeigt, dass es keine Beweise für eine solche Wirkung gibt. Selbst bei COVID-19 oder Post-Covid-Symptomen haben Studien bislang keine Ergebnisse gezeigt.

Unser täglicher Bedarf an Vitamin C wird auf etwa 65 bis 90 Milligramm am Tag geschätzt und kann leicht über unsere Ernährung gedeckt werden. Die höchste tägliche Aufnahme ohne bekannte Risiken liegt bei etwa 2000 Milligramm – was etwa der Menge an Vitamin C entspricht, die normalerweise in unserem gesamten Körper vorhanden ist.

Einige Infusionsbars verabreichen jedoch Dosen von bis zu 25.000 Milligramm Vitamin C, die einfach innerhalb weniger Stunden über den Urin ausgeschieden werden. Eine teure Infusion, deren Effekt am Ende in der Toilette landet.

Und Vitamininfusionen sind unter Umständen sogar richtig gefährlich: Wie jede intravenöse Behandlung können sie Nebenwirkungen haben. Sie können zu allergischen Reaktionen führen, zu Infektionen oder auch Blutgerinnseln. Patienten, die wegen einer Nierenerkrankung Probleme mi dem Magnesium- oder Kaliumspiegel haben, können bei Magnesium-Infusionen Herzrhythmusstörungen oder Muskelschwäche entwickeln.

Bei Menschen mit Herzerkrankungen oder Bluthochdruck können hochdosierte Vitamin-Infusionen zu einer Flüssigkeitsüberlastung führen, die eine vorübergehende und manchmal dauerhafte Schädigung der Organe nach sich ziehen kann. Außerdem können Infusionen, bei denen viele verschiedene Vitamine kombiniert werden, laut einigen Studienberichten Symptome wie depressive Verstimmungen, Schlaflosigkeit und Magenbeschwerden verursachen.

Wer verabreicht die Vitamincocktails?

Ein weiterer Aspekt, den man bedenken sollte, ist, wer diese Vitamininfusionen verabreicht. In Deutschland gibt es sie überwiegend Arztpraxen, wo man in der Regel von einem sterilen Arbeiten ausgehen kann. Auch viele Heilpraktiker bieten IV-Drips an. Mittlerweile gibt es sie jedoch auch immer mehr in sogenannten „Drip-Bars“ oder „Drip Spas“, die ein regelrechtes Infusion-Erlebnis versprechen. Diese Namen sollen wohl eine positive, entspannte Assoziation wecken, dass man hier etwas „für seine Gesundheit“ tut.  Hier sollte man jedoch unbedingt darauf achten, wie sauber und steril dort gearbeitet wird.

Credit: thedripbar

In den USA kann man sich sogar per App die Infusion nach Hause bestellen. Auch in Deutschland kann man sich eine Lieferung ins eigene Heim kaufen. Aber die Home-Cocktails sind nicht immer zu empfehlen. Immer wieder gibt es Berichte über schwere gesundheitliche Folgen, die durch unsauberes Arbeiten und das Verwenden unsteriler Instrumente hervorgeruen werden.

Im Oktober 2021 veröffentlichte die FDA einen Bericht über eine 50-jährige Frau, die nach einer Vitamininfusion im eigenen Haus mit einer schweren Mageninfektion ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Bei der Inspektion stellte sich heraus, dass das Mischen der Vitamininfusion in einem Bereich mit schmutziger Ausrüstung, Staub und abblätternder Farbe erfolgte und dass die verwendete Infusion bereits abgelaufen war.

Fazit: Gesundheit durch Ernährung

Mein Fazit: Vitamininfusionen sind meist unnötig, teuer und können sogar gefährlich sein. Euer Körper ist gut darin, alle benötigten Nährstoffe aus einer gesunden Ernährung zu ziehen. Wenn ihr glaubt, einen Vitaminmangel zu haben, sprecht mit eurem Arzt und lasst euch beraten.

~ QUELLEN ~

✎ https://www.msdmanuals.com/de-de/heim/spezialthemen/nahrungserg%C3%A4nzungsmittel-und-vitamine/intraven%C3%B6se-vitamintherapie-myers-cocktail
✎ https://www.washingtonpost.com/wellness/2022/02/24/warnings-about-drip-bars/
✎ https://www.ftc.gov/news-events/news/press-releases/2018/09/ftc-brings-first-ever-action-targeting-iv-cocktail-therapy-marketer
✎ https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2894814/
✎ https://www.fda.gov/drugs/human-drug-compounding/fda-highlights-concerns-compounding-drug-products-medical-offices-and-clinics-under-insanitary
✎ https://www.npr.org/2024/01/05/1223193931/the-fda-has-raised-alarms-about-wellness-iv-treatments-at-unregulated-med-spas

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Dr. med. Marlene Heckl arbeitet als approbierte Ärztin und hat an der Technischen Universität München und Ludwig-Maximilians-Universität studiert und promoviert. Seit 2012 schreibt die Preisträgerin des "Georg-von-Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus" für Ihren Blog "Marlenes Medizinkiste" und veröffentlicht Science-Videos auf Youtube und modernen social-media Plattformen, für die sie bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Für Spektrum der Wissenschaft, Die Zeit, Thieme, Science Notes, DocCheck u.a. befasst sie sich mit aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Themen, die ihr am Herzen liegen. Kontakt: medizinkiste@protonmail.com

2 Kommentare

  1. Die Verbesserungen der Lebensqualität alleine wäre doch schon ein hinreichender Grund, zu solchen Maßnahmen zu greifen. Nur frage ich mich immer, warum die Leute dafür massiv überteuerten Scheiss kaufen und sich nicht ihr eigene Therapie ausdenken. Regelmäßige Spinateinläufe zum Beispiel. Mundduschen mit sterilisierter Katzenpisse im edlen Kristallflakon. Erdstrahlabwehramulette aus recycleten CDs.

    Wirkt garantiert mindestens genauso gut, ist sicher nicht gefährlicher und kostet fast nichts. Noch besser: Wer so eine neue Therapie entwickelt findet mit etwas Engagement (Telegram, Youtube, Instagram…) schnell einen eigenen Markt, kann selber reich und berühmt werden. Er muss nur irgendeine Kim Schweiger oder Cindy Kardashian finden und bestechen, das eigene Produkt öffentlich anzupreisen.

    Patent pending.

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