Altersforschung: Auf der Suche nach Unsterblichkeit

"Das Altern ist mit Abstand die häufigste Todesursache. 
 Gelingt es uns, diese Bedrohung auszuschalten, werden die Menschen
 1000 Jahre alt. Mindestens."
 
Aubrey de Grey, englischer Bioinformatiker und Altersforscher mit umstrittenen Thesen

Credit: Jeremy Thomas / unsplash / CC0

Der Traum vom ewigen Leben ist so alt wie die Menschheit selbst. Jüngst kündigten Apple-Chef Arthur D. Levinson und Google mit ihrem Start-Up Calico an das Unmögliche wahr machen zu wollen. „Wir greifen das Altern an, eines der größten Geheimnisse des Lebens”, hieß es von der Biotech-Firma aus dem Silicon Valley. Einer der mächtigsten und reichsten Konzerne der Welt hat sich die Unterstützung zahlreicher führender Wissenschaftler auf dem Gebiet geholt, um seinen transhumanistischen Gedanken zu verfolgen. Sie wollen die typischen Alterskrankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Demenz bekämpfen. Doch eigentlich ist nichts so sicher wie der Tod. Oder?

Wunschvision vieler Forscher ist es eine Verlangsamung des Alterungsprozesses zu erreichen, eine Hinauszögerung des Lebens soweit es geht, quasi open end. Schon bevor Google und Apple mit ihrem Monsterprojekt die Bühne der Welt betraten, hat unsere moderne Medizin das Sterben immer mehr verzögert und die Grenzen immer weiter verschoben. Jedes Jahr wächst die Lebenserwartung um drei bis vier Monate. Während 1840 die durchschnittliche Lebenserwartung in den westlichen Ländern noch bei 40 Jahren lag, liegt sie heute bei gut 80 Jahren. 2017 geborenen Mädchen wird sogar im Mittel ein Leben bis zum 93. Geburtstag vorausgesagt. Doch ist da nicht irgendwann Schluss? Wie lange können wir leben? Können wir vielleicht sogar unsterblich werden?

Wie altern wir?

Die älteste Person auf unserer Erde ist bislang die Französin Jeanne Calment, die vom 21. Februar 1875 bis zum 4. August 1997 lebte und damit stolze 122 Jahre und 164 Tage alt wurde. Sie erfreute sich ihr ganzes Leben lang bester Gesundheit und fuhr mit 100 Jahren sogar noch Fahrrad. Theoretisch ist also zumindest bis zu diesem Zeitpunkt Leben möglich. Um zu erforschen wie lange wir Menschen leben können, ist es erst einmal notwendig das Altern an sich zu verstehen.

Der natürliche Alterungsprozess der Zelle wird über verschiedene Vorgänge gesteuert. Es existieren verschiedene „Schadenshypothesen“ wie wir Menschen altern. Die sogenannte Telomer-Hypothese geht davon aus, dass das Altern ein Prozess ist durch den die Endstücke unserer Chromosomen – der Sitz unserer Erbinformation – mit der Zeit immer kürzer werden. Man nennt sie auch Telomere nach den griechischen Wörtern télos „Ende“ und méros „Teil“. Hat das Chromosom eine bestimmte Kürze erreicht, kann sich die Zelle nicht mehr teilen. Stirbt sie, kommt keine neue mehr nach. Die Teilung von Zellen aber ist ein lebenswichtiger Vorgang. Unser gesamter Körper besteht aus 100 Billionen Zellen, von denen jede Sekunde etwa 50 Millionen absterben. Dadurch, dass sich Zellen immer wieder teilen, wird unser gesamter Körper etwa einmal alle acht Jahre rundum erneuert – bis auf wenige Ausnahmen.

Eine Körperzelle (gelb) teilt sich durchschnittlich 50-70 Mal, bevor sie abstirbt. Mit jeder Zellteilung werden die Telomere (rot) am Ende der Chromosomen (blau) ein Stück kürzer. Ist eine bestimmte Kürze erreicht, kann sich die Zelle nicht mehr weiter teilen. Dieses Endstadium bezeichnet man als Seneszenz. Es ist entscheidend an der Zellalterung beteiligt. Credit: Azmisotowski17 / wikimedia / CC BY-SA 4.0

Telomerase – Eine Schutzkappe für das Erbgut

Vor einigen Jahren gelang es der Molekularbiologin Elizabeth Blackburn von der University of California in San Diego die Telomere in der Zelle nachzuweisen. 2009 bekam sie für ihre Entdeckung den Nobelpreis. Interessanterweise fand ihre Doktorandin Carol Greider wenig später einen Stoff im Zellkern von Wimpertierchen, der die verkürzten Chromosomenenden wieder aufbauen kann: das Enzym Telomerase. Es baut eine Art Schutzkappe an das Ende der Chromosomen, die sie vor Verkürzungen schützt. Man kann sich das vorstellen wie die Plastikkappen am Ende von Schnürsenkeln. Betrachtet man die Schnürsenkel als Chromosomen, dann stellen die Plastikkappen deren durch die Telomerase hergestellten geschützten Endstücke dar. Sie verhindern, dass sich der Faden mit der Zeit auflöst und immer kürzer werden kann.

In unseren normalen menschlichen Körperzellen findet man die Telomerase nicht. Das Fehlen des Enzyms und die damit einhergehende Verkürzung der Chromosomenenden wirkt als ein Schutz-Mechanismus: Er verhindert die Entartung der Körperzellen, weil er ihre Lebensspanne begrenzt. Bevor sich in der Zelle allerlei schädliche Substanzen ansammeln und zu Fehlern führen können, stirbt diese in der Regel ab. Die Telomerase ist aber beispielsweise in Krebszellen aktiv und bewirkt, dass sich diese unendlich oft teilen können. Tumorzellen gelten deswegen als „unsterblich“, weil sie durch Teilung in Form ihrer Tochterzellen immer weiterleben können. Begrenzt ist die Lebensdauer der Krebszellen einzig durch die Umwelt – stirbt der Träger des Tumors, können die Krebszellen nicht mehr mit Nährstoffen versorgt werden und sterben ebenfalls.

Forscher untersuchen schon lange, ob es möglich ist das Telomerase-Enzym auch in normalen Körperzellen zu aktivieren. Würde man eine Möglichkeit finden gleichzeitig den Entartungsschutz der Zelle zu gewährleisten, wäre das eine theoretische Chance das Leben stark zu verlängern. Doch der Alterungsprozess ist sehr komplex und hängt von einer Reihe weiterer Faktoren ab, die man zuvor beeinflussen müsste. Jeden Tag entstehen in unserem Körper hochreaktive Substanzen aus Sauerstoff, die freien Radikale.

Diese kleinen Energiebündel lieben es mit Molekülen aus der Umgebung zu reagieren, was zu Schäden an unserem Erbgut, an Proteinen, Fetten und weiteren lebenswichtigen Zellkomponenten führen kann. Die Fehler können zwar in gewissem Maße repariert werden, aber je mehr Schädigungen sich mit der Zeit anhäufen, desto mehr altert unsere Zelle und damit auch unser Körper. Im Prinzip kann man sich das vorstellen wie bei einem Auto: Teile nutzen sich mit der Zeit ab, rosten und schädliche Substanzen sammeln sich an. Das alles geht so lange bis irgendwann ein wichtiges Teil wie der Motor nicht mehr funktioniert – dann bricht das ganze System zusammen.

Warum altern wir?

Aber warum altern wir eigentlich? Diese Frage wird immer wieder gerne mit dem Verweis auf die Evolutionstheorie beantwortet. Eine Art kann letztlich nur überleben, wenn sie sich der Umgebung anpassen kann. Das funktioniert über Prozesse wie Mutationen und Selektion über viele Generationen hinweg. Die „Alten“ sind irgendwann nicht mehr fortpflanzungsfähig und können damit anpassende Veränderungen an die Umgebung nicht mehr weitergeben. Altern und der Tod haben den Zweck den „Jungen“, den kräftigen und fortpflanzungsfähigen Individuen, mehr Ressourcen zur Verfügung stellen, indem die „Alten“ gewissermaßen das Feld räumen müssen. Die jüngeren Artgenossen haben bessere Chancen für das Überleben der Art zu sorgen. Und da Ressourcen wie Nahrung und Platz nun einmal begrenzt sind, geht die Optimierung des jungen auf Kosten des älteren Lebens.

Doch wenn diese Theorie stimmen sollte, warum leben dann wir Menschen weiter, auch wenn unsere Nachkommen selbstständig geworden und längst nicht mehr auf die Erwachsenen angewiesen sind? Das ist ein Problem, über das sich Evolutionsforscher lange den Kopf zerbrochen haben. Für Männer scheint die Antwort auf den ersten Blick logisch: sie können auch noch bis ins hohe Alter Kinder zeugen und sind damit für die Evolution von Nutzen.

Was aber ist mit Frauen? Sie können nach der Menopause keine Kinder mehr bekommen und leben dennoch lange weiter, ja sie werden sogar im Schnitt einige Jahre älter als Männer. Biologen versuchen diesen Umstand mittlerweile mit der sogenannten „Großmutter-Hypothese“ zu erklären. Langzeitstudien zeigen, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit von Kindern höher ist, wenn Omas in der Familie sich mit um den Nachwuchs kümmern – zumindest bei Großmüttern mütterlicherseits. Somit erscheint es im Rahmen der Evolutionstheorie also durchaus sinnvoll, dass die Menschen auch noch eine gewisse Zeitspanne nach dem Ende ihrer Fruchtbarkeit weiterleben, um für die Enkel zu sorgen.

Unsterbliche Wesen

Die Evolutionstheorie besagt aber nicht, dass es keine Unsterblichkeit geben kann. Im Gegenteil gibt es in der Natur viele Beispiele für sehr langlebige Organismen. Neben den zuvor genannten Krebszellen, die durch ihre unendliche Teilungsfähigkeit bei passenden Umweltbedingungen tatsächlich als unsterblich gelten, gibt es auch größere tierische Exemplare, die zumindest eine ziemlich lange Lebensspanne aufweisen. So lebt der Riesenschwamm „Anoxycalyx joubini“, den französische Forscher 1910 in der Antarktis entdeckt haben, bereits seit 10.000 Jahren. Er weist von allen Tierarten den geringsten Stoffwechsel und Sauerstoffverbrauch auf.

Einzeller wie Wimpertierchen haben gar die theoretische Chance Milliarden Jahre zu leben, weil auch sie sich immer wieder teilen können. Viele Lebewesen sind potenziell unsterblich, wenn die Umgebungsfaktoren mitspielen. Ihre Lebensprozesse bleiben immer stabil, von selbst sterben sie nicht. Doch je länger die potenziell unsterblichen Lebewesen existieren, desto wahrscheinlicher ist es, dass irgendwann der „Katastrophentod“ eintritt. Kommt beispielsweise eine Dürreperiode, die das lebenswichtige Wasser austrocknet, in dem die Wimpertierchen leben, ist auch für sie Schluss.

Wie aber sieht es mit den Menschen aus? Forscher stellen den Evolutionsprozess gerne am Computer nach. Die Simulationen zeigen: Eigentlich könnte es Unsterblichkeit geben, aber diese Lebensweise wäre – zumindest bei „höheren“ Organismen wie uns – der Lebensweise mit Sex und Tod evolutionär unterlegen. Heißt das, dass wir Menschen nie unsterblich werden können?

Eine kürzliche Analyse von US-Forschern im Fachblatt Nature, die demografische Daten aus 40 Ländern ausgewertet hat, kam zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch jemals älter als 125 Jahre werden wird, extrem gering ist. Sie fanden heraus, dass seit den 1990er-Jahren das maximale Lebensalter nicht weiter nach hinten verschoben worden ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendeine Person auf der Welt das statistisch errechnete Höchstalter von 125 Jahren überschreitet, liegt laut den Forschern bei weniger als 1 zu 10.000. Allerdings ist die Analyse in Forscherkreisen sehr umstritten.

Tatsächlich ist es bislang nicht möglich eine feste natürliche Obergrenze festzulegen, bis zu der menschliches Leben möglich ist. Es gibt kein eindeutiges Alter, von dem es heißt bis hierhin und nicht weiter. Vor 100 Jahren nahmen die Leute schon an, dass die Lebenserwartung niemals 65 Jahre überschreiten wird. Als dies dann aber doch der Fall war, wurde die Grenze wieder und wieder nach hinten verschoben. Für ein biologisches Limit gibt es derzeit keine wirklich sichere Erkenntnis, allenfalls Hinweise.

Die Entdeckung der Unendlichkeit?

Gibt es also noch Hoffnung auf ein unendliches Leben – oder zumindest ein Leben, dass mehrere hundert, wenn nicht tausende Jahre andauern kann? Die Vermutung, dass unser Leben tatsächlich irgendeine Art von Begrenzung hat, ist zwar nicht hundertprozentig belegbar, aber dennoch sehr wahrscheinlich. Allein schon durch die Wirkung von extraterrestrischer, also aus dem Weltraum kommender ionisierender Strahlung (wie etwa die Sonnenwinde), ist das Leben von höheren Organismen normalerweise limitiert.

Ab einer bestimmten aufgenommenen Strahlendosis wirkt diese tödlich und sich ihr zu entziehen ist kaum möglich. Strahlenschützer berechnen die bis zu einer kritischen Dosis verstreichende Lebenszeit auf etwa 115-120 Jahre und kommen damit zu einem ähnlichen Ergebnis wie die US-Forscher in ihrer Analyse. Dennoch gibt es immer wieder neue Forschungsversuche unser menschliches Leben zu verlängern. Wenn schon keine Unsterblichkeit möglich scheint, dann strebt man doch zumindest ein Alter von weit über 100 Jahren an. Doch mit welchen Methoden wollen Forscher den komplexen und wenig verstandenen Prozess des menschlichen Alterns verlangsamen?

Junges Blut als Jungbrunnen

Immer wieder in den Schlagzeilen waren in den letzten Jahren zahlreiche Forschungsergebnisse zur Verjüngung des Körpers durch „junges Blut“. 2005 war es erstmals eine Sensation: Forscher der University of California hatten in einer Studie an Mäusen herausgefunden, dass ihre Organe und Gewebe verjüngen, wenn man ihnen das Blut von jüngeren Artgenossen verabreicht. In der sogenannten „Parabiose“ wurden die Blutgefäßsysteme zweier lebendiger Tiere – einer jungen und einer alten Maus – miteinander vereinigt. Die alten Mäuse wurden angeblich stärker, schlauer, gesünder und sogar ihr Fell glänzte wieder.

Aus diesem Ergebnis hatten viele geschlossen, dass junges Blut eine Art Verjüngungsfaktor enthalten müsste. Seitdem suchen Forscher danach und vor allem stellt man sich die Frage, ob diese Verjüngung auch beim Menschen funktioniert. Es klingt zu schön, um wahr zu sein. Und doch bieten bereits erste Privatkliniken in den USA zahlungskräftigen Kunden Transfusionen mit dem Blut von jungen Spendern an. Sie werben mit dem Verlust von Falten und dem Versprechen sich wieder jung und fit zu fühlen. Berühmte Personen wie der Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel sollen zu ihren Patienten zählen. Hat man tatsächlich eine Möglichkeit gefunden das Altern zu stoppen?

Einige Zeit später durchgeführte Folgestudien zeigen: man hat sich zu früh gefreut. Die anfängliche Begeisterung der Forscher hat sich schnell gewandelt. Eine kürzlich erschienene Publikation der gleichen Wissenschaftler widerspricht nämlich den früheren Ergebnissen, nach denen die Übertragung von jungem Mäuse-Blut auf ältere Tiere den Alterungsprozess rückgängig machen soll. Die Forscher erklärten neuerdings: “Unsere Studie deutet darauf hin, dass junges Blut kein effektives Medikament ist”. Vergangene Lebenszeit und Altern kann nicht zurückgedreht werden, wenn überhaupt könnte dadurch lediglich die Reparatur von Zellschäden unterstützt und damit die Funktion eines Gewebes wiederhergestellt werden. Das könnte zum Beispiel für eine bessere Wundheilung genutzt werden. Noch kein Forscher konnte je eine lebensverlängernde Wirkung von jungem Blut überzeugend nachweisen. Bis jetzt ist die Behauptung, junges Blut sei lebensverlängernd, also schlichtweg falsch: Es gibt einfach keine Daten dazu.

Übrigens gibt es in der Natur tatsächlich Tiere, die ganz natürlicherweise miteinander verwachsen und dann einen Blutkreislauf teilen. Bei den Tiefseeanglerfischen docken sich die wesentlich kleineren Männchen (2cm) an ihre weibliche Partnerin (40cm) an und verschmelzen mit ihr. Fortan müssen die männlichen Tiere als Anhängsel ihrer Gattin leben und allzeit zur Befruchtung bereit stehen. Vorteilhaft ist, dass so der Stress für die Suche nach einem passenden Fortpflanzungspartner entfällt. Jedoch ist Verbindung nicht mehr umkehrbar und wenn das Weibchen stirbt, stirbt auch das Männchen. Die Tiefseeangler sind allerdings weit von einem unsterblichen Leben entfernt. Sie werden maximal 30 Jahre alt.

Der Tiefseeangler, Credit: Tambja (Ray Simpson) / wikimedia / CC BY-SA 2.5 (keine Veränderungen vorgenommen)

Kryonik – Auferstehung aus der Tiefkühltruhe?

Einen anderen interessanten Ansatz das Altern zu besiegen verfolgt die sogenannte Kryonik. Anhänger des Verfahrens lassen sich nach ihrem Tod in einem komplizierten Prozess bei Minus 196 Grad einfrieren und in einem Stickstofftank aufbewahren. Das Blut des Menschen wird hierbei kurz nach dem klinischen Tod durch eine spezielle Kühlflüssigkeit ausgetauscht, um Zellschäden zu verhindern. Die Hoffnung der Kryoniker ist, dass man in der Zukunft – wenn die Wissenschaft in der Bekämpfung von Krankheit und Tod viel weiter ist – den Körper irgendwann wieder auftauen und zum Leben erwecken kann. Streng genommen wird hierbei das Altersproblem aber nur einige tausende Jahre in die Zukunft verschoben. Kryonik-Anhänger glauben, dass die Menschheit bis dahin Techniken entwickelt hat, die das Leben stark verlängern.

Alles nur Science Fiction oder eine ernsthafte Alternative? Tatsächlich kann die Herunterkühlung des menschlichen Körpers Stoffwechselprozesse in der Zelle verlangsamen. Dies wird zum Beispiel in der heutigen Medizin bei der Behandlung von Patienten mit erhöhtem Hirndruck oder bei Herz- und Gehirnoperationen eingesetzt. Hierbei wird die Körpertemperatur auf etwa 33-34 Grad gesenkt, wodurch der Sauerstoffverbrauch des Gehirns sinkt und zerstörerische Prozesse – auch die Zellalterung – langsamer ablaufen.

Bei Tieren ist der Einfrier- und Auftauprozess auch schon gelungen. Manche Tier- und Pflanzenarten beherrschen ihn sogar von Natur aus. So kann der in Nordamerika beheimatete Waldfrosch bei entsprechenden Minusgraden vorübergehend zu Eis gefrieren. Der Cluo: Zucker in seinen Zellen verhindert, dass diese dabei geschädigt werden. Und die Larven des Alaska-Käfers „Cucujus clavipes puniceus“ trotzen sogar minus 150 Grad ohne Probleme.

Tschechischen Forschern ist es bereits mithilfe eines Gefrierschutzmittels gelungen, die eigentlich extrem kälteempfindlichen Larven der Taufliege „Drosophila melanogaster“ einzufrieren und nach mehr als einer Stunde wieder aufzutauen, ohne sie zu schädigen. In Laboren ist es sowieso seit Jahrzehnten Standard Zellen oder Embryonen einzufrieren, aufzutauen und dann wieder zu verwenden. Auch hier schützen Gefrierschutzmittel dabei weitgehend vor Schäden beim Tiefkühlen. Doch es kommt auf die Größe an: bei einzelnen Zellen und kleinen Geweben funktioniert das Verfahren. Aber ab einer Gewebegröße von etwa 1-5 mm wird es problematisch, weil sich die Zellen dann nicht mehr gleichmäßig kühlen lassen, um sie zuverlässig zu schützen.

Heutzutage scheitert die Kryonik beim Menschen vor allem am Auftauprozess. Das Problem zeigt sich aber auch schon beim Einfrieren: unser Körper ist zu groß, das Gefrierschutzmittel kommt nicht überall gleichmäßig hin. Außerdem benötigen unterschiedliche Gewebe eigentlich auch unterschiedliche Arten von Frostschutzmitteln. Dazu kommt, dass das Mittel in hoher Konzentration giftig für unsere Zellen ist. Läuft der Gefrierprozess zu langsam ab, bilden sich Eiskristalle, sodass beim Auftauen die Struktur der Zellen kaputt geht. Dasselbe passiert, wenn man einen Apfel in die Gefriertruhe legt und ihn dann wieder auftauen lässt: Durch den hohen Wassergehalt im Apfel bilden sich beim Einfrieren Eiskristalle – das Wasser dehnt sich aus – was die Zellstruktur kaputt macht. Die Zellen platzen gewissermaßen. Die Folge: Nach dem Auftauen schmeckt das Obst nicht mehr gut und ist matschig. Das würde auch mit unserem Körper passieren.

Durch Eiskristallbildung wird ein Apfel in der Gefriertruhe matschig (links vor und rechts nach dem Einfrieren).

Um das zu verhindern wird seit neuestem das Verfahren der Vitrifikation angewandt: Statt wie bisher Zellen oder Gewebe langsam abzukühlen, friert man diese extrem schnell ein. In der Folge gefriert alles Wasser sofort ohne die Bildung von schädlichen Eiskristallen. Aber giftige Gefrierschutzmittel einzusetzen ist trotzdem noch notwendig. Auch dafür haben die Kryoniker eine Lösung: Sie glauben, dass in der Zukunft die beschädigten Strukturen des Körpers durch künstlich hergestelltes biologisches Gewebe ersetzt werden können.

Wie genau die Wiederbelebung später ablaufen soll ist allerdings nicht geklärt. Man bräuchte eine Technik, mit der man den Körper wieder sehr schnell erwärmen kann, so dass auch beim Auftauen keine Eiskristalle entstehen und die toxischen Gefrierschutzmittel bei Erhöhung der Temperatur nicht zu lange auf den empfindlichen Körper einwirken. Das ist im Moment noch nicht möglich. Und selbst wenn der Auftauprozess eines Tages funktionieren würde, übersieht man leicht das eigentliche Problem: Der Eingefrorene ist gestorben, bevor er tiefgekühlt wurde. Man müsste den Ötzi-Menschen also wiederbeleben und eine Verjüngung seines Körpers durchführen. Es ist demnach fraglich, ob die Technik der Kryonik beim Menschen jemals zum Erfolg führen wird.

Anti-Aging – wie das Altern bekämpft wird

Immer wieder jedoch hört man von neuen Aufsehen erregenden Studien, die Anti-Aging Methoden testen in der Hoffnung eine Zauberformel gegen Falten und Verfall zu finden. Darunter fallen beispielsweise kalorienreduzierte Ernährung, Antioxidantien wie das aus der Schale von Weintrauben isolierte Resveratrol, der in Mäusen gefundene lebensverlängernde immunsuppressive Stoff Rapamycin und sogar die Transplantation von Stammzellen, deren Zahl und Funktionalität mit dem Alter abnimmt. Nur zwei der Ansätze, nämlich die kalorienreduzierte Ernährung und die Verabreichung von Rapamycin, konnten allerdings in Studien bislang zuverlässig die Alterung verschiedener Gewebetypen verlangsamen.

Das anfangs vielversprechende Rapamycin zeigte giftige Nebenwirkungen und ist bald darauf wieder in Vergessenheit geraten. Die Kalorienreduktion jedoch wird bis heute untersucht. Sie wirkt bei vielen Tieren wie Fischen, Krebsen, Fadenwürmern und Einzellern als Lebensverlängerer. Man konnte nachweisen, dass die Tiere bei strenger Diät ein höheres Alter erreichen. Auch beim Menschen konnte man diesen Effekt teilweise feststellen, indem man Beobachtungen an Populationen durchgeführt hat, die großen Hungersnöten ausgesetzt waren. Warum durch Nahrungsverzicht das Lebensalter steigt, ist nicht genau geklärt. Vemutet wird, dass der reduzierte Stoffwechsel weniger freie Sauerstoffradikale erzeugt, die bekanntermaßen Alterungsprozesse im Körper auslösen. Bei Studien an Rhesusaffen zeigte sich außerdem, dass alterstypische Erkrankungen wie Krebs, Demenz oder Herz-Kreislauf-Krankheiten weniger auftreten, Diabetes sogar gar nicht.

Blue Zones – was sie uns über ein langes Leben verraten

Ist also das Einsparen von Kalorien das ultimative Mittel gegen Altern? Für starken Nahrungsverzicht gibt es keine generelle Empfehlung, da der Körper im geschwächten Zustand anfälliger für Krankheiten, allen voran Infektionen, ist. Im Untergewicht kann es auch zu lebensbedrohlichen Elektrolytverschiebungen kommen, die Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen sorgt für schlechtere Wundheilung und drückt aufs Gemüt. Dennoch hat man herausgefunden, dass Ernährung und Bewegung eine große Rolle für ein gesundes langes Leben spielen.

Der National Geographic Autor Dan Buettner widmete sich in einem Jahrzehnte langen Projekt der Identifizierung von sogenannten Blue Zones – Orte auf der Welt, an denen Menschen besonders alt werden. Bislang konnte er fünf Regionen ausfindig machen, in denen die Bevölkerung im Schnitt 90 bis 100 Jahre lebt und sich dabei bester Gesundheit erfreut. Dazu zählen Sardinien (Italien), Okinawa (Japan), Loma Linda (Kalifornien), Nicoya Peninsula (Costa Rica) und Ikaria (Griechenland).

Doch was macht diese Orte so besonders? Gibt es dort besonders gute medizinische Versorgung? Nehmen die Menschen dort Nahrungsergänzungsmittel, treiben exzessiv Sport oder haben ein spezielles Wunderkraut? Die Antwort liegt in keiner der genannten Möglichkeiten. Dan Buettner fand heraus, dass das große Geheimnis der Regionen mit vielen 100-Jährigen vielmehr in einem speziellem Lebensstil liegt. Die Bewohner der Blue Zones führen ein Leben, dass aus einer gesunden Diät, täglicher Bewegung und wenig Stress besteht. Es ist ein Leben, das Familie, Sinn, Glaube, Bedeutung und Einbindung in die Gemeinschaft vereint.

Auf der japanischen Inselgruppe Okinawa gibt es fünfmal so viele Hundertjährige wie in der westlichen Welt, gleichzeitig ist dort das Risiko an Brustkrebs, Darmkrebs oder Herzkreislauferkrankungen zu leiden fünf bis sechs mal geringer. Was die Menschen dort von uns unterscheidet ist vor allem ihre Ernährung. Auf dem Speiseplan stehen bei den Japanern wenig Fleisch, viel frisches Gemüse, Soja und ein bisschen Fisch. Die stark pflanzenbasierte Nahrung ist fett- und kalorienarm sowie reich an Anti-Oxidantien. Viel wichtiger aber noch als die Tatsache was die Menschen auf Okinawa essen, ist die Frage nach dem wieviel.

Der japanische Forscher Kagawa untersuchte die Ernährungsgewohnheiten der Inselbewohner und fand heraus, dass sie gerade einmal 80% der empfohlenen Kalorienmenge zu sich nahmen, Schulkinder sogar nur 62%. Auf Okinawa verfolgen die Menschen bestimmte Strategien, um gedankenloses Überessen und übermäßige Völlerei zu vermeiden. Dazu zählen das Verwenden von kleineren Tellern, um die Portionen optisch größer wirken zu lassen oder die Nahrung in der Küche stehen zu lassen und nur eine kleine Portion zum Esstisch mit zunehmen. Der Brauch nur soviel zu essen bis man sich zu 80% satt fühlt wird dort als „Hara Hachi Bu“ bezeichnet und ist eine Lebensphilosophie. Das hat positive Auswirkungen auf die Gesundheit: Übergewicht und Fettleibigkeit sind auf der Inselgruppe quasi nicht vorhanden.

Außerdem wird auf Okinawa natürliche Bewegung in das alltägliche Leben integriert. Die Inselbewohner sitzen beispielsweise auf dem Fußboden und stehen pro Tag mindestens 30 bis 40 mal vom Boden auf. Das gebräuchlichste Fortbewegungsmittel sind dort die eigenen Füße. Die Menschen verschaffen sich durch Gartenarbeit, tägliche Spaziergänge oder Volkstänze Bewegung. Selbst die 100-Jährigen nehmen daran teil. Bei Persönlichkeitstests konnte man herausfinden, dass die älteren Japaner alle besonders glücklich, optimistisch und flexibel sind. Sie können gut mit Stress umgehen und sind in das soziale Leben fest eingebunden. Alt zu sein bedeutet hier geachtet und respektiert zu werden.

Und noch etwas fällt auf: Es gibt hier kein Wort für Ruhestand. Stattdessen sprechen die Bewohner von „Ikigai“, was etwa so viel bedeutet wie „der Grund morgens aufzuwachen“. Statt sich auszuruhen, verfolgen die Japaner jeden Tag eine Aufgabe und haben ein klares Ziel vor Augen. Sei es Fischen zu gehen, Karatetechniken zu üben oder die Enkel zu versorgen. Auch in den anderen vier Blue Zones findet man ähnliche Lebensstile, die alle gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung, psychische Widerstandsfähigkeit und Stressvermeidung sowie eine gute soziale Einbindung gemeinsam haben.

Forever Young

Wenn es um Altersforschung geht, liegen Risiken und Hoffnungen nah beieinander. Eines Tages ein Rezept für Unsterblichkeit zu entdecken, bleibt wohl erstmal ein unerreichbares Ziel. Doch das Leben zu verlängern, das Altern zu verlangsamen und mit guter Gesundheit ein hohes Alter jenseits der 100 zu erreichen, könnte in Zukunft tatsächlich möglich sein. Ein großer Traum der Menschheit würde sich dadurch erfüllen.

Aber hohes Alter bietet nur dann Freude, wenn unser Leben genießbar ist. Nicht nur die Gesundheit spielt dabei eine Rolle. Auch der Sinn des Lebens muss bedacht werden. Erst die Begrenztheit unseres Lebens macht es spannend. Eine Grenze lässt uns das Leben wertschätzen und neugierig bleiben. Die Frage ist also auch, wie weit die Altersgrenze verschoben werden kann, bevor uns Langeweile und Sinnlosigkeit des Lebens ernüchtern werden. Außerdem muss man die Auswirkungen bedenken, die ein immer größer werdender Anteil alter Menschen auf die Welt hat. Überbevölkerung und ein harter Kampf um Ressourcen könnten ein ewig langes Leben gar nicht mehr so erstrebenswert erscheinen lassen. Im Refrain des berühmten Liedes von Alphaville aus dem Jahr 1984 heißt es schon: “…Forever young, I want to be forever young. Do you really want to live forever? Forever and ever…?”.

Marlene Heckl

Veröffentlicht von

Marlene Heckl ist Ärztin und promoviert an der Ludwig-Maximilians-Universität über den Einfluss von Tumorsuppressorgenen bei Ovarial- und Endometriumskarzinomen. Seit 2012 schreibt die Preisträgerin des renommierten "Georg-von-Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus" über medizinische und wissenschaftliche Themen, die ihr am Herzen liegen. Anfangs erschienen ihre Beiträge bei medizinischen Portalen wie DocCheck und Thieme, 2016 folgte dann ihr eigener Blog Marlenes Medizinkiste, der nun auch bei den SciLogs zu finden ist. Kontakt: medizinkiste@protonmail.com

2 Kommentare

  1. Der Alterungprozess bei höheren Lebewesen war und ist ein entscheidender Selektionsvorteil. Arten, die sich davon abkoppeln, können auch überleben, aber das ist äußerst selten.
    Ich konnte aber bisher noch nirgends genau nachlesen, was für einen anderen Sinn der Alterungsprozess haben sollte. Meine These ist jetzt, diese “geplante Obsoleszenz” ist als Quelle der Vielfalt und Weiterentwicklung der Arten ein so starkes Konzept, dass sie keinen anderen Sinn braucht.
    Das heißt aber dann im Umkehrschluß: wenn eine Art noch andere sichere Mittel (zum Beispiel einem Gehirn) zur Arterhaltung hat, bräuchte sie die geplante Obsoleszenz nicht mehr. Auf der anderen Seite, wenn die Menschheit eine galaktische Zivilisiation werden wird (das wird sehr wahrscheinlich passieren, wenn wir uns nicht vorher zerknallen, und davon will ich jetzt mal kurz nicht ausgehen), da ist es ziemlich blöd, wenn die Individuen nicht mal eine Million Jahre alt werden können.
    Deshalb, so finde ich, sollten wir alles daran setzen, diese geplante Obsoleszenz zu enträtseln und wenn möglich auf dem Müllplatz der Evolutionsgeschichte zu entsorgen.

  2. Deine Schlussfolgerung geht in die richtige Richtung. Der Tod dient tatsächlich der Weiterentwicklung. Das Problem mehrzelliger Organismen ist, dass sie sich in der Form eines Individiums nicht weiterentwickeln können. Es treten weder sinnvolle Mutationen auf, noch vermischen wir unser Erbgut. Die bislang einzige Antwort der Evolution auf dieses Dilemma ist, den Prozess mit einer weiteren Generation wider neu zu starten. Das tun wir, indem unsere Kinder für uns weiterleben. Auf lange Sicht macht es für eine Spezies, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen will vermutlich mehr sinn, technologien zu entwickeln, um uns in den Cyberspace zu laden, anstatt zu versuchen, das biologische Modell zu verändern.

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