Viren – Die Wahren Hacker der Natur

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Einfach. Erklärt.
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Ich war am letzten Wochenende mit Leuten aus einer Online-Community bei einem Treffen in Mittelhessen, mitten im Wald in einem ehemaligen Warnmeldeamt, mit angeschlossenem Bunker. Wir treffen uns einmal im Jahr und kennen uns alle schon lange. Es war bunt gemischt, 28 Leute, davon drei Kinder unter drei Jahren, ansonsten variierte das Alter zwischen 18 und 49. Die erste lag schon am ersten Tag, Donnerstag, flach: Erbrechen und Übelkeit. Da sie es des Öfteren mit dem Magen zu tun hat waren wir erstmal nicht so besorgt. Ihren Mann hatte es am nächsten Tag auch erwischt, ihr Sohn blieb zum Glück von all dem verschont. Samstag hatte es dann aber auch auf 10 weitere übergegriffen, davon ein Mädchen von 3 und einen Jungen von nur einem Jahr. Und Sonntagabend erreichte es schließlich auch mich und ein paar andere, Montag hatte es 25 von 28 Leuten erfasst. Die Symptome waren Übelkeit, Kaltschweißigkeit, Müdigkeit, Kopfschmerz, Erbrechen und manchmal auch Durchfall. Das alles hielt meistens einen Abend an, dann war es wieder gut. Wir hatten sogar Krankenwagen vor Ort, da es einer auf dem Treffen einfach nicht besser gehen wollte, allerdings spielten bei ihr noch andere Aspekte rein. Auch die erkrankten Kleinkinder wurden vorsichtshalber mit ins Krankenhaus genommen.

Ja, was genau es war kann man nicht so ohne Weiteres sagen. Für einen bakteriellen Infekt halte ich es zu schnell, daher gehe ich persönlich von Norovirus aus, es könnten aber auch andere Viren gewesen sein. Aber was unterscheidet eigentlich Bakterien von Viren? Was sind eigentlich genau Viren?

Viren sind im Gegensatz zu Bakterien viel kleiner. Man kann sie unterm normalen Lichtmikroskop nicht erkennen. Viren leben auch gar nicht. Lebewesen haben per Definition folgende Attribute: 1. Sie vermehren sich selbstständig 2. Sie haben einen Stoffwechsel 3. Sie reagieren auf ihre Umwelt. All das können Viren nicht. Sie besitzen keinen Stoffwechsel, sie brauchen ihn auch gar nicht. Viren sind nur kleine Hüllen, gefüllt mit Erbgut. Daher können sie sich auch nicht fortbewegen. Und selbstständig können sie sich auch nicht replizieren. Was macht die Biester also so gefährlich, wenn sie gar nicht leben?

Viren sind kleine Hacker. Und wenn der Name der Computerviren eigentlich vom Virus abstammt und nicht umgekehrt: Der Vergleich ist sehr schön. Viren bestehen eigentlich aus Code in einer Hülle (Capsid). Diese Hülle dockt an eine Zelle an – es gibt Viren für alle Lebenwesen, sogar für Bakterien, dann heißen sie allerdings Phagen. Sie injiziert ihren „Erbcode“ in die Zelle und die Zelle beginnt, die kodierten Programme auszuführen. Zumeist bedeutet das, dass sie neue Hüllen baut und den Code vervielfacht. Das Virus möchte nun aus der Zelle hinaus, um sich zu verbreiten und zerstört so die Wirtszelle. Oder überredet die Wirtszelle es zu sezernieren, also „auszuspucken“ wobei es sich etwas Zellmembran zur Tarnung mitnimmt. Außerhalb der Zelle spricht man übrigens von Virionen. Diese infizieren dann neue Zellen und so vermehren sie sich sehr schnell. Und dabei gehen die Zellen kaputt oder verhalten sich so auffällig dass unser Immunsystem sie tötet.

Es gibt noch eine weitere Art von Viren, die sich etwas anders verhält: Sie baut ihr Erbgut in das der Zelle ein indem es noch eigene Werkzeuge mitbringt. Durch den Einbau ins Genom ist es  es quasi unangreifbar. Letzteres sieht man zum Beispiel beim HI-Virus, der zur Krankheit AIDS führen kann.

Einen kleinen Silberstreifen am Horizont gibt es bei diesen Viren trotzdem. Ich benutze Retroviren nämlich dazu, fremdes Erbgut in Zellen zu schleusen. Damit kann ich gezielt Gene anschalten, oder auch ausknipsen und so schauen, wie sich eine Zelle verhält die zu viel oder zu wenig von dem Produkt dieses Gens, dem Protein, produziert. So kann ich im Labor selbst Krebs auslösen oder auch Zellen vor Krebs bewahren.

Wir hatten es mit wahrscheinlich mit Norovirus zu tun. Noroviren befallen vor allem die Zellen der Darmschleimhaut. Durch die Zerstörung der Zellen bei der Reproduktion der Viren kann der Körper Flüssigkeiten schlechter aufnehmen und es kann zu Durchfall kommen. Durch Erbrechen versucht der Körper, die Viren wieder loszuwerden. Leider werden sie so auch übertragen. Man kann eigentlich nicht viel tun, außer Symptome zu lindern. Der Körper wird damit meistens alleine fertig. Manchmal kann man impfen, aber wie das Grippevirus und das HI-Virus verändert sich auch das Norovirus sehr schnell. Das liegt daran, dass Viren schnell mutieren und ihre Oberflächen dann etwas anders aussehen. Da nutzt das „Fahndungsfoto“ das bei einer Impfung erstellt wieder leider nichts (Ich werde zum Impfen nochmal ausführlicher schreiben. Versprochen!).

Was kann man sonst tun? Hände waschen, bzw generell einfaches Waschen mit Seife hilft, die Zahl der Viren auf den Händen oder sonstwo zu verringern. Alkoholbasierte Desinfektionsmittel helfen oft auch, im Falle von Noro leider nicht so viel, da das Virus keine Lipidhülle hat, die der Alkohol zerstören könnte. Daher lieber zu einem chlorhaltigen Mittel greifen. Hier immer an die Dinge denken, die jeder anfasst: Türklinken, Lichtschalter, Schlüssel. Da Noro auch über die Luft übertragen werden kann, in sogenannten Aerosolen die zum Beispiel beim Erbrechen entstehen, empfiehlt sich für jene die Kranke pflegen auch ein Mundschutz. Und natürlich Hitze: Wäsche im Kochwaschgang waschen, Geschirrspüler auf die höchste Temperatur stellen und so weiter.

Tja, mittlerweile sind wir alle wieder mehr oder weniger auf dem Damm. Ich persönlich hatte noch sehr mit Dehydrierung zu kämpfen und bin noch leicht zu ermüden. Ansonsten bin ich wieder in Demut geübt. Da hantiere ich ständig mit Viren auf der Arbeit, um fremden Code in arglose Zellen zu transportieren, mit voller Absicht – aber auch ich war dagegen nicht gefeit. Aber ich muss schon sagen: Plötzlicher Krankheitsausbruch, mitten im Wald, über einem Bunker, fahle Gestalten die durch lange Gänge schlurfen, draußen Gewitter und Nebel… Die Zombieapokylpse war nicht weit.

Nebel
Brains… Brains…
Anna Müllner

Veröffentlicht von

zellmedien.de

Mein Name ist Anna Müllner, ich bin Biologin und habe in der Krebsforschung promoviert. Ich wohne im schönen Hessen und bin als PR-Beraterin für Gesundheitskommunikation tätig. Nach meinem Abitur beschloss ich Biologie zu studieren. Das tat ich zunächst an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die weder in Bonn ist, noch am Rhein. Aber einer der drei Campusse liegt wirklich an der Sieg. Das letzte Jahr dieses Studiums verbrachte ich in Schottland, an der Robert-Gordon University of Aberdeen wo ich ein bisschen in die Biomedizin und die Forensik schnuppern durfte. Danach entschied ich mich für ein Masterstudium an der Universität Heidelberg in Molekularer Biotechnologie was ich mit der Promotion fortsetzte.

1 Kommentar

  1. Das finde ich jetzt eine richtig gute, laientaugliche, bildhafte (z.B. das Bild vom Fahndungsfoto) und übersichtliche Erklärung der Besonderheiten von Viren. Danke sagt: Pismire

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