The Wurst Case

TMSIDR Schnapper
Kann den Wirbel um Würstchen nicht verstehen. Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper plant weiter Würstchen zu verkaufen, hat aber jetzt fleischlose Alternativen im Angebot. (c) Britta Mai

Die WHO hat wieder etwas als krebserregend eingestuft. Bislang hat das nie groß wen interessiert. Es steht ja auch auf Tabakpackungen groß drauf, dass Rauchen zu Krebs führen kann. Das stört aber keinen großen Geist. Anders ist es, wenn es um die Wurst geht. Da versteht der Deutsche keinen Spaß und selbst ein für Verspätungen bekanntes Unternehmen reagiert sofort.*

Der Verzehr von rotem Fleisch und verarbeitetem Fleisch erhöhen also das Darmkrebsrisiko. Und schon wird das diskutiert. Dabei ist die Annahme, dass rotes Fleisch Krebs erregen könnte nicht neu.

Allerdings spielen bei der Krebsentstehung generell eher ein anderer Risikofaktor eine Rolle: Das Alter. Krebs ist ein Spiel von Wahrscheinlichkeiten. Die Tatsache, dass wir nicht mehr so einfach von Infektionen dahingerafft werden hat dafür gesorgt, dass wir immer älter werden. Somit werden wir älter und bekommen öfter Krebs. Ich möchte hier nicht noch einmal die gesamte Krebsentstehung erklären, aber kurz gesagt ist es so, dass mit jeder Zellteilung in einer Zelle Mutationen entstehen können. Außerdem sammeln sich über unser Leben hinweg Schäden in unseren Zellen an. Die allermeisten dieser Schäden werden flink repariert oder die Zelle wird unschädlich gemacht. Passiert das aber nicht, werden die Schäden eventuell zu Mutationen. Davon benötigt eine Zelle dann auch wieder mehrere um zu einer Krebszelle zu werden.

Zahlen und Fakten

Das Ganze ist also relativ komplex. Einzelne Gegebenheiten, die direkt Krebs auslösen gibt es eigentlich bis auf wenige Ausnahmen nicht. Es erhöht sich immer nur die Wahrscheinlichkeit, dass man diese oder jene Krebsart bekommen kann. Wie bereits in meinem Beitrag zu Glyphosat erwähnt beurteilt die WHO aber keine Schwellenwerte sondern nur, ob eine Substanz Krebs erregen kann. Dabei ist es ganz egal, wie viele Krebsfälle sie ausgelöst hat. Das ist nicht unnütz, denn wenn man weiß, dass eine Substanz Krebs erregend oder potentiell Krebs erregend ist kann man Maßnahmen ergreifen um Menschen die der Substanz ausgesetzt sind, zu schützen. Diese Werte werden aber von den einzelnen Staaten festgelegt, nicht von der WHO. Das sorgt dafür, dass manche Länder sehr lasche bis gar keine Arbeitsschutzgesetze für toxische Substanzen (wie zum Beispiel Asbest) haben. Jetzt werden aber verarbeitete Fleischprodukte auf eine Stufe mit Asbest, Rauchen und radioaktiver Strahlung gestellt. Der häufige Verzehr von verarbeitetem Fleisch erhöht das Darmkrebsrisiko aber nur um 18%. Das ist Prozentrechnung und keine Addition. Demnach erhöht sich das Lebenszeit-Risiko von etwa 7% für Männer und 5,7% für Frauen auf 7,4% respektive 6%.

Bacon
Yolo

Ganz anders ist das bei dem Risikofaktor Rauchen. Hier multipliziert sich das Risiko um das 20-fache bei Männern und das Neunfache bei Frauen. Jeder zehnte Raucher erkrankt irgendwann an Lungenkrebs. Auch bei der Exposition zu Asbest kann man eine direkte Verbindung sehen. Das Klassifizierungssystem der WHO, welches Fischblog hier erklärt, ist also vor allem eines: suggestiv. Wenn schon Warnungen vor Herz-Kreislauferkankungen die Menschen nicht einschüchtert, dann vielleicht das große K?

Alterung
Der größte Risikofaktor für Krebs ist immer noch das Alter.

 

Wieso kann Fleisch Krebs erregen?

Wieso sollte jetzt gerade verarbeitetes Fleisch Krebs erregen? Wie ich oben bereits schrieb ist Krebs eine Lotterie. Und wie bei jeder Lotterie kann man seine Chance zu gewinnen erhöhen, je mehr Tickets man kauft. Je mehr Schäden ich meinen Zellen zufüge, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich auch an Krebs erkranke.

Beim Grillen und Braten entstehen in Fleisch unter anderem Verbrennungsprodukte, die man Polycyclische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) nennt. PAK können mit der DNA in der Zelle eine Verbindung eingehen und so zu Schäden und manchmal auch zu Mutationen führen. Eine weitere Substanz sind Nitrosamine, die beim Braten von gepökeltem (verarbeitetem) Fleisch entstehen. Sie gehen ebenso Verbindungen mit der DNA ein die sie schädigen. Man vermutet mittlerweile auch, dass besonders in rotem Fleisch Viren zurückbleiben können, die wie bei HPV auch Krebs auslösen könnten. Eine weitere Hypothese ist die längere Verdauungszeit bei hohem Fleischkonsum wegen der fehlenden Ballaststoffe und dem hohen Proteingehalt im Fleisch (und wegen der Begleiternährung). Ein längerer Verbleib von Nahrung im Darm sorgt eventuell auch dafür, dass schädliche Substanzen darin mehr Chancen haben, auf die Zellen im Darm einzuwirken.

Was ich jedoch spannender finde ist die Gesamtlage. Menschen die viel verarbeitetes Fleisch essen könnten eventuell auch einen nicht ganz so optimalen Lebensstil haben. Denken wir an den stereotypen übergewichtigen Amerikaner (m/w), die extrem wenig Bewegung haben aber viel verarbeitetes Fleisch (Burger), viel Zucker (Cola) und wenig Ballaststoffe zu sich nehmen. Bewegung senkt das Krebsrisiko deutlich, wahrscheinlich durch die Anregung des Stoffwechsels und fördert auch die Verdauung, was wiederum den Verbleib der Nahrung im Verdauungstrakt senkt.

Es ist fast unmöglich solche Faktoren komplett aus Ernährungsstudien herauszurechnen. Andererseits wäre es natürlich auch wünschenswert, wenn wir sowohl den Genuss von verarbeitetem Fleisch herunterschrauben als auch Bewegung erhöhen. Das alles bietet aber keinen 100% Schutz. Man kann trotzdem an Darmkrebs erkranken, auch wenn man sich an die derzeitigen Ernährungsvorgaben hält. Die Macht des Zufalls ist größer.

 

Mal was ganz anderes

Ich glaube, man muss bei der WHO deutlich globaler denken. Unser Fleisch der meisten wird in von Großbauern „hergestellt“ die für Großkonzerne arbeiten. Und der meiste Konsum von verarbeitetem Fleisch wird in fertigen Lebensmitteln vertrieben, die wiederum von internationalen Großkonzernen hergestellt werden. Die Fleischproduktion nimmt derweil auch viel fruchtbares Land ein – während in anderen Teilen der Welt gehungert wird. Das Vieh selbst, die Viehtransporte, Verarbeitungstransporte und schließlich Warentransporte gehen außerdem aufs Weltklima. Die Klassifizierung der WHO könnte also auch ein Versuch sein, Großkonzernen einen Seitenhieb zu verpassen. Das läge genau in ihrer Agenda, denn nachweislich setzte sie sich immer wieder für die ärmeren Länder ein. Die WHO betrachtet das Erstarken von Großkonzernen offensichtlich mit Sorge. Die Frage ist aber, ob sich kapitalistische Unternehmen freiwillig zähmen lassen. Wenn die WHO die Verbraucher ängstigt statt die Regierungen ihrer Mitgliedsländer unter Druck zu setzen, erscheint das für mich zunächst als Machtlosigkeit.

 

Und was machen wir jetzt gegen Darmkrebs?

Darm (Symbolbild)
Der Darm (Symbolbild).

Weniger Fleisch, der Umwelt, der Weltgemeinhaft und der Gesundheit zu liebe. Weniger, aber nicht gar keins, wenn man nicht aus ethischen Gründen verzichtet. Geht zur Darmkrebsvorsorge, die wird ab dem 50. Lebensjahr von der Kasse gezahlt und ist zwar wenig uncharmant, dafür kann man aber lustige Sprüche dabei reißen. Begutachtet außerdem ab und an euren Stuhl (aus sicherer Entfernung). Plötzliche Veränderungen der Konsistenz, des Geruchs und der Form sowie Blut im Stuhl sollten mit dem Arzt abgeklärt werden. Früh erkannt ist Darmkrebs gut behandelbar.

 

 

 

*Natürlich ist das Satire. Aber es ist lustig.

Anna Müllner

Veröffentlicht von

zellmedien.de

Mein Name ist Anna Müllner, ich bin Biologin und habe in der Krebsforschung promoviert. Ich wohne im schönen Hessen und bin als PR-Beraterin für Gesundheitskommunikation tätig. Nach meinem Abitur beschloss ich Biologie zu studieren. Das tat ich zunächst an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die weder in Bonn ist, noch am Rhein. Aber einer der drei Campusse liegt wirklich an der Sieg. Das letzte Jahr dieses Studiums verbrachte ich in Schottland, an der Robert-Gordon University of Aberdeen wo ich ein bisschen in die Biomedizin und die Forensik schnuppern durfte. Danach entschied ich mich für ein Masterstudium an der Universität Heidelberg in Molekularer Biotechnologie was ich mit der Promotion fortsetzte.

15 Kommentare

  1. Interessant ist die Spekulation über die Motive der WHO. Ich hatte mich schon gefragt wo die sonst übliche Angabe der Sterbrate bleibt. Man weiß doch meist ziemlich genau wieviele Menschen jährlich in Deutschland sterben an: Rauchen, Alkohol, NOx, Lärmbelastung, Fehlernährung….
    Vtelleicht sollte man all diese Zahlen addieren und mit der tatsächlichen Zahl der Sterbefälle vergleichen. Möglicherweise stellt sich dann heraus, dass in Deutschland der Tod ein rein menschengemachtes Phänomen ist.
    Natürlich ist das Satire. Aber lustig wäre es : Tod wo ist dein Stachel.

    • Die Anzahl der Tode findet sich im Q&A des IARC. Diese werden dort auch im Vergleich zu anderen Gefahren eingeordnet:
      “How many cancer cases every year can be attributed to consumption of processed meat and red meat?
      According to the most recent estimates by the Global Burden of Disease Project, an independent academic research organization, about 34 000 cancer deaths per year worldwide are attributable to diets high in processed meat.
      Eating red meat has not yet been established as a cause of cancer. However, if the reported associations were proven to be causal, the Global Burden of Disease Project has estimated that
      diets high in red meat could be responsible for 50 000 cancer deaths per year worldwide. These numbers contrast with about 1 million cancer deaths per year globally due to tobacco smoking, 600 000 per year due to alcohol consumption, and more than 200 000 per year due to air pollution.”
      Quelle: http://www.iarc.fr/en/media-centre/iarcnews/pdf/Monographs-Q&A_Vol114.pdf

      • Weltweit 34’000 Krebstote durch verarbeitetes Fleisch. Das ist sehr wenig, wenn man bedenkt, dass wohl mindestens jeder fünfte Mensch mehr oder weniger regelmässig Würste und anderes verarbeitetes Fleisch isst.
        Es ist auch sehr wenig wenn man es mit anderen Todesursachen vergleicht. Allein für China rechnet man mit 1 Million vorzeitigen Todesfällen pro Jahr infolge von Luftverschmutzung.

        Nehmen wir einmal an es gebe weltweit gleich viel Raucher wie Wurstesser. Pro Jahren sterben 6 Millionen Raucher vorzeitig, aber nur 34’000 Wurstesser. Damit ist Rauchen 200 Mal gefährlicher als Wurstessen.

  2. “Die Klassifizierung der WHO könnte also auch ein Versuch sein, Großkonzernen einen Seitenhieb zu verpassen. Das läge genau in ihrer Agenda, denn nachweislich setzte sie sich immer wieder für die ärmeren Länder ein. Die WHO betrachtet das Erstarken von Großkonzernen offensichtlich mit Sorge. ”

    Das denke ich auch. Wobei ich bezweifle, dass das tatsächlich etwas mit Gutmütigkeit ggü Armen Ländern zu tun hat. Fleisch ist im übermäßigem Konsum zweifellos nicht gut. Es sollte sich mit Gemüse und Obst mind. Die Waage halten, denke ich. Aber raffinierter Zucker zB ist auch schlecht, wenn nicht noch schädlicher. Auf den Herstellern von Süßem wird aber nicht öffentlich so rumgehackt.

    • Zitat: “Auf den Herstellern von Süßem wird aber nicht öffentlich so rumgehackt.”. Zunehmend schon. Es gibt Filme wie Super Size Me und ein zunehmendes öffentliches Bewusstsein für das Problem der falschen, auch übersüssten Ernährung. Das Blatt könnte sich plötzlich wenden. Solch eine Trendwende könnte von den USA ausgehen, angezettelt von den US-Juristen, die in Klagefällen gegen die Süssstoffindustrie eine neue Einnahmequelle sehen.

  3. “Die WHO betrachtet das Erstarken von Großkonzernen offensichtlich mit Sorge. Die Frage ist aber, ob sich kapitalistische Unternehmen freiwillig zähmen lassen.”

    Nein, das ist nicht die Frage. Die Frage ist, ob Politik den Mut und das Interesse daran hat, dem Verbraucher von Fleisch ALLE versteckten Kosten* in Rechnung zu stellen und ob man sich darüber irgendwann in der Zukunft international einigen kann. Natürlich gilt das nicht nur für Fleisch.
    Großbauern und Grosskonzerne sind nicht das Problem, sondern ein Symptom. Das Problem ist ein absurd ressourcenfressender, letztlich verantwortungsloser** Lebensstil von uns allen, der aber für selbstverständlich gehalten wird. Großindustrielle Techniken können auch extrem ressourcenschonend sein. Die Bekämpfung von Symptomen ist kontraproduktiv, auch wenn es das Gewissen anscheinend entlastet, mit dem Finger auf vermeintliche Bösewichte zu zeigen. Worthülsen mit Schwefelgeruch, wie die genanten Großbauern und Großkonzerne, generell industrielle Landwirtschaft, Globalisierung, Neoliberalismus, entfesselter Kapitalismus, – neuerdings TTIP – eignen sich natürlich bestens dafür.

    *Verbrauch von fruchtbarem Land, Schädigung der Atmosphäre durch Methan pupsende Rindviecher, Fleischtransporte usw, als Bestandteil des ökologischen Fußabdrucks.
    **Verantwortungslos im Sinne eines persönlichen ökologischen Fußabdrucks

  4. Auf der Suche nach weiteren Details zur zur Metastudie der WHO bin ich auf folgende interessante Aussage gestoßen:

    “The largest body of epidemiological data concerned colorectal cancer. Data on the association of red meat consumption with colorectal cancer were available from 14 cohort studies. Positive associations were seen with high versus low consumption of red meat in half of those studies, including a cohort from ten European countries spanning a wide range of meat consumption and other large cohorts in Sweden and Australia.5, 6, 7 Of the 15 informative case-control studies considered, seven reported positive associations of colorectal cancer with high versus low consumption of red meat. Positive associations of colorectal cancer with consumption of processed meat were reported in 12 of the 18 cohort studies that provided relevant data, including studies in Europe, Japan, and the USA.5, 8, 9, 10, 11 Supporting evidence came from six of nine informative case-control studies. A meta-analysis of colorectal cancer in ten cohort studies reported a statistically significant dose–response relationship, with a 17% increased risk (95% CI 1·05–1·31) per 100 g per day of red meat and an 18% increase (95% CI 1·10–1·28) per 50 g per day of processed meat.12”

    Quelle: http://www.thelancet.com/journals/lanonc/article/PIIS1470-2045%2815%2900444-1/fulltext

    Wenn ich davon Ausgehe, das bei den Zahlen nur Studien gezählt wurden, die eine vergleichbare Qualität in Bezug auf wissenschaftliche und statistische Methoden haben, dann ergeben sich aus den ersten Sätzen beispielsweise die Aussage, dass die Hälfte der untersuchten Studien keinen Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Darmkrebs zeigten.
    Wenn dann zur Ermittlung der Zahlen letztendlich nur die Studien selektiert wurden, die diesen Zusammenhang hinreichend belegen, dann kann aber doch von einem “gesicherten Beweis” für den Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Darmkrebs schon fast keine Rede mehr sein.
    Ist dies nicht auch ein typisches Beispiel dafür, dass die Zielstellung einer Metastudie das Ergebnis beeinflusst?
    Vielleicht ist diese Studie ja mal öffentlich zugänglich, dann kann man die diese Details noch mal näher beleuchten.

  5. Zu sagen, Würsteesser erkrankten häufiger an Darmkrebs, scheint moralisch inkorrekt zu sein, selbst wenn es stimmt. Könnte es sein, dass das eigentliche Problem hier nicht bei der WHO, sondern bei der öffentlichen Wahrnehmung liegt? Diese hat in Wirklichkeit ein Wahrnehmungs- vielleicht sogar ein Tabuisierungsproblem. Denn sterben tun alle und viele sterben an Krebs. Es könnte sein, dass es schon als moralisch falsch empfunden wird, das Wort Krebs überhaupt in den Zusammenhang mit Konsum von (verarbeitetem) Fleisch zu bringen. Moralisch richtig ist es gutes und richtiges Verhalten mit einem guten und langen Leben zu “belohnen”, moralisch bedenklich ist es normales Verhalten wie “Wurstessen” als Risiko darzustellen. Wenn doch die Wirklichkeit nur moralisch korrekt wäre!!

    • Heute in der Zeitung gelesen:“Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) präzisiert, dass sie keinen völligen Verzicht auf Wurst und Schinken verlangt. Die Behörde fühlte sich dazu gezwungen, nachdem sie verarbeitetes Fleisch zuvor als krebserregend eingestuft und dies zu Protesten geführt hatte.”
      Dabei hat die WHO doch nur ein statistisches Resultat bekannt gegeben. Aber alle “moralisch” Konditionierten haben das in die Aufforderung übersetzt von der Wurst zu lassen oder haben von einer geheimen Agenda gesprochen. In dieser “moralischen” Betrachtungsweise kann sogar die Realität eine geheime Agenda haben.

      • Ist es nicht eher so, dass heutzutage die Notwendigkeit Reduzierung von Fleisch- und Wurstkonsum in der westlichen Wohlstandswelt die moralisch korrekte und so auch akzeptierte Meinung ist.
        Problematisch ist aus meiner Sicht, wenn man dies dann mit nach meiner Meinung fragwürdigen wissenschaftlichen Methoden tut. Und höchst fragwürdig ist es aus meiner Sicht, wenn die Wissenschaftler einige Wochen vor der Veröffentlichung der eigentlichen Studie schon mal mit solchen Pressemeldungen an die Öffentlichkeit gehen und damit Aussagen postulieren, die für niemanden nachprüfbar sind.

        Das Problem wird dadurch verschärft, dass Journalisten und Presseagenturen bei der Darstellung und Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse für die die breite Masse regelmäßig überfordert sind und die Presseartikel oft mit dem Inhalt der als Grundlagen dienenden Studie nicht mehr viel zu tun haben.

        • Ja, die WHO Warnung vor Wurstverzehr liegt im Trend Aber übertreibt die WHO? Nein. 34’000 zusätzliche Krebstodesfälle jährlich bei 60 Millionen Todesfällen insgesamt pro Jahr sprechen für ein nur geringfügig erhöhtes Risiko durch den Verzehr von verarbeitetem Fleisch. Das ergibt sich vor allem im Vergleich mit anderen Risiken. Rauchen soll für 6 Millionen vorzeitige Todesfälle verantwortlich sein und ist damit 200 Mal gefährlicher als Wurstessen.
          Die heftige Abwehr gegen die WHO-Meldung spricht meiner Meinung nach dafür, dass viele Leute (auch Nachrichtensprecher) falsche Vorstellungen von Risikos haben. Es ist nicht so, dass jedes geringfügig erhöhte Risiko Grund zum Handeln ist. Zumal jede Handlungsalternative selbst wieder mit Risiken verbunden ist.

          • Was mich an der Arbeitsweise dieser Wissenschaftler stört hat gar nichts mit den Thema der Metastudie zu tun, sondern mit Statistik und Arbeitsweise:
            Die Studien, die zeigen, dass es keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Wurst- oder Fleischverzehr und Darmkrebs gibt werden einfach nicht berücksichtigt bei der Angabe von Wahrscheinlichkeiten.und Risiken. So zumindest interpretiere ich die veröffentliche Presseerklärung und die von mir zitierte veröffentlichte Zusammenfassung. Und damit sind wir bei einem häufig anzutreffenden Bias in solchen Metatstudien: Die Aufgabenstellung beeinflusst das Ergebnis. Zur Erklärung hier die zwei möglichen Aufgabenformulierungen:

            1. Es ist zu untersuchen, ob eine Korrelation besteht.
            2. Es ist nachzuweisen, dass eine Korrelation besteht.

            Je nach Fragestellungen werden die Ergebnisse unterschiedlich sein. Es gibt dazu interessante Veröffentlichungen, Ulrich Frey, der bis vor ein paar Jahren ja auch hier gebloggt hat, bezeichnet dies als “verfälschende Erwartungshaltung”.

          • Die “verfälschende Erwartungshaltung” ist sicher ein Problem. Forscher und vor allem Statistiker sind aber dessen bewusst. Gerade in der Ernährungsforschung, also der Frage wie sich unterschiedliche Diaten auf die Gesundheit auswirken, wollen gute Studien die Faktoren auseinanderhalten. So ist bekannt, dass Übergewicht an und für sich mit einem erhöhten Krebsrisiko einhergeht und unter den Übergewichtigen hat es auch mehr Fleischkonsumenten. Das wird in den Studien aber berücksichtigt. Bei Cancer Research UK findet man unter Diet facts and evidence (Eating red or processed meat can increase cancer risk):

            Eating lots of red or processed meat increases the risk of bowel cancer [30, 31, 32]. Red meat includes all fresh, minced and frozen beef, pork and lamb. Processed meat includes ham, bacon, salami and sausages [1].

            Around a quarter of bowel cancer cases in men, and around a sixth in women, are linked to eating red or processed meat [33]. Bowel cancer risk increases by more than a quarter (28%) for every 120g of red meat eaten per day, and by almost a tenth (9%) for every 30g of processed meat eaten per day [34]. Processed meat is more strongly linked to cancer risk than red meat [30, 34].

            There is growing evidence that links red meat to pancreatic cancer and stomach cancer [35, 36, 37, 38, 39]. The EPIC study found that eating lots of meat, particularly red and processed meat could also increase the risk of stomach cancer – people eating over 100g of meat a day had over 3 times the risk of getting stomach cancer 39. Another very large study found that people who eat the most red or processed meat have 40-50% higher risk of pancreatic cancer [40].

            Ähnliche Aussagen finden sie in vielen Informationsseiten zu Krebsrisiken durch unterschiedliche Diäten. Was da als topaktuelle WHO-Warnung daherkam ist in Wirklichkeit schon lange ein fester Bestandteil des gesicherten Wissens über die Zusammenhänge zwischen Diät und Krebs.

  6. Hier der Link zur Stellungnahme des DKFZ:
    https://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2015/dkfz-pm-15-47c-Stellungnahme-zum-erhoehten-Krebsrisiko-durch-Fleisch-und-Wurst.php

    Ich zitiere mal:
    “Aus unserer Sicht bedarf die pauschale Aussage, dass rotes Fleisch und davon abgeleitete Fleischprodukte (wie etwa Wurstwaren) für das erhöhte Krebsrisiko verantwortlich sind, einer Revision und sie bedarf vor allem eingehender Analysen, inwieweit sich der epidemiologische Zusammenhang, eines artspezifischen Faktors auch in anderen Studien stützen lässt.“

    Dies ist auch eine Aussage von hochkarätigen Wissenschaftlern, die selbst auf diesem Gebiet intensiv forschen.
    Es gibt eine Tendenz in der Wissenschaft, bei Forschungen zu komplexen nichtlinearen chaotischen Systemen wie z.B. der menschliche Körper oder das Wetter/Klima, korrekte und spannende wissenschaftliche Erkenntnisse zu Korrelationen in unwissenschaftlicher Weise zu verallgemeinern und aus Korrelationen Kausalitäten zu konstruieren, die so nicht existieren.
    Wenn ich zu Forschungsgebieten um den menschlichen Körper (Ernährung, Gesundheit, Medizin) und um das Klima und Wetter Veröffentlichungen lese mit Sätzen “Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass…”, dann schrillen bei mir die Alarmglocken. Und nach näherer Recherche ist es dann meist so, dass die Absolutheit dieser Aussagen meist falsch ist, obwohl die relativen Aussagen spannend, interessant und auf hohem wissenschaftlichen Standard korrekt sind.

    Im Abschnitt “The Relationship between diet and cancer is difficult to measure” beschreibt auch Cancer research UK die grundlegenden Probleme und relativiert damit die Aussagen in den anderen Punkten.
    Dass beispielsweise der Genuss von Obst und Gemüse signifikant vor Krebs schützt wurde bereits vor 5 Jahren mit der Auswertung der EPIC-Studie relativiert.

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