The Wild Hunt

Schutzbrillenanweisung mit fabulösem Schnurrbart.
It’s not a man’s world.

(Ich schrieb diesen Beitrag recht aktuell und habe ihn dann immer mehr überarbeitet. Dann lag er zu lange herum. Es wäre schade drum, ihn nicht zu posten (finde ich), daher poste ich ihn lieber spät als nie)

 

Nobelpreise schützen nicht vor Fehlern. Das ist über den Friedensnobelpreis und einige seiner Preisträger nun hinlänglich bekannt. Aber auch die naturwissenschaftlichen Nobelpreisträger schlugen manchmal seltsame Wege ein. So erhielt Linus Pauling sogar 2 Nobelpreise, bekam aber nicht mehr der Kurve und propagierte, dass Vitamin C Krebs vorbeugen könnte. Er verstarb trotz „Vorbeugung“ an eben dieser Krankheit. Wir haben es ihm zu verdanken, dass immer noch zu viele Menschen Geld in Vitamin C-Tabletten gegen Erkältungen investieren.

Und nun fiel ein anderer Stern vom Himmel. Tim Hunt war der Meinung, man könne Frauen nicht im selben Labor wie Männer beschäftigen, Sie würden außerdem heulen und sich verlieben. Oder man würde sich in sie verlieben. Zu komisch (oder auch nicht), denn er ist mit einer Wissenschaftlerin verheiratet.

Gegen die Liebe ist bekanntlich kein Kraut gewachsen. Frauen verlieben sich in Männer, Männer verlieben sich in Frauen – und seit einer Weile ist auch gesellschaftlich akzeptiert dass sich Frauen in Frauen und Männer in Männer verlieben. Das taten sie natürlich auch schon vorher. Tim Hunt bekam das aber offensichtlich nicht mit.

Die Liebe zu Klara Immerwahr (einer talentierten Chemikerin) konnte Fritz Haber nicht davon abhalten, das Haber-Bosch-Verfahren zu entwickeln. Marie Skłodowska Curies Liebe zu ihrem Mann Pierre hielt sie nicht davon ab, gleich zwei Nobelpreise zu bekommen. Das Ehepaar Leakey forschte gemeinsam zur Paläontologie. William Masters und Virginia Johnson führten ihre Sexualforschung wohl nicht selten an sich selbst aus.

Die Liebe zur Forschung ist nicht immer unromantisch. Sie ist eine hingebungsvolle, aufopfernde Liebe und umso schöner und fruchtbarer, wenn man sie mit einem Menschen teilt.

 

Und das Heulen?

Ich sprach eben von Hingebung und Aufopferung. Ist man mit einem Projekt emotional verbunden, dann tut man alles dafür, dass es funktioniert. Und wenn das nicht geht, wenn etwas nicht läuft, dann kann es sein, dass die Gefühle überhand nehmen.

Ich persönlich hielt das für einen intimen Moment und habe mich zurückgezogen. Tatsächlich nie, weil ich kritisiert wurde. Kritik finde ich, sofern gerechtfertigt, immer gut. Wenn sie ungerechtfertigt ist, es sich also auf eine pure Abwertung meiner selbst handelt, dann steige ich in den „Da rein, da raus“-Modus um. Das bedeutet nicht, dass es mich nicht berührt, es bedeutet aber, dass ich es nicht als rational verbuche.

Wenn nun gerade Frauen in meinem Labor regelmäßig anfangen zu heulen ist das zunächst einmal ein Zeichen, dass ich nicht sachlich kritisieren kann. Ich kann aus eigener Erfahrung berichten, dass des Öfteren in der Kritik ein hohes Maß an „Du bist nicht gut genug“ mitschwingt. Und das ist, so wie ich es erfahren habe, geschlechtsneutral. Nur nehmen es verschiedene Menschen halt verschieden auf. Wenn Hunts Forscherinnen also reihenweise die Wasserhähne aufdrehen liegt das wohl eher an ihm. Eventuell kritisiert er Frauen auch stärker, da er sie ja bereits als größtenteils emotionale Wesen verbucht.

Die Unfähigkeit, Kritik sachlich zu übergeben ist allerdings kein Einzelfall. Forscher und Forscherinnen werden nun mal nicht wegen ihrer Führungspersönlichkeit, Einfühlsamkeit oder ihrer Menschenkenntnis ausgesucht, sondern einzig und allein aufgrund wissenschaftlicher Expertise und Erfolge. Gerade letzteres beinhaltet häufig ein besonders protziges Auftreten um die eigene Arbeit und sich selbst möglichst gut zu rüberzubringen. Dass es unter diesen Menschen einige gibt, denen das Fingerspitzengefühl im Umgang mit Menschen fehlt, ist nicht verwunderlich.

Eine, die die wissenschaftliche Karriere nicht geschafft hat. Dr. Angela Merkel. Physikerin.

 

Frauen in der Wissenschaft

Der Weg in die Forschung ist steinig. Und noch immer wird er mehr von Männern begangen als von Frauen. Das liegt ganz grundlegend an den Bedingungen. Die wissenschaftliche Karriere entscheidet sich zwischen 25 und 40 und die meisten Menschen wollen genau dann ihre Familienplanung umsetzen. Männer können sich biologisch einen Aufschub leisten. Frauen nicht. Eine Auszeit für ein Kind zu nehmen ist praktisch undenkbar – für Männer und Frauen. Feste Stellen sind in der Forschung Mangelware, es wird hohe Flexibilität verlangt. Trotzdem: Studiengänge, Doktorandenstellen und PostDocstellen werden immer mehr von Frauen bevölkert. Teilweise überwiegt der Anteil der Frauen. Diese fallen danach aber weg. Sie finden gut bezahlte, stabilere Beschäftigungen in der Industrie und in der Forschungsperipherie (Administration und Policy). Der freie Markt erkennt mittlerweile, wenn auch schleppend, dass der Anteil der weiblichen Akademiker zunehmen wird.

Erst kürzlich war ich in einer Firmenvorstellung, bei der spezifisch der fast 50 prozentige Frauenanteil aufgezeigt wurde, sowie die Bemühungen um die Einbindung von LGBT-Mitarbeitern. Nach der Vorstellung unterhielt ich mich mit drei Kollegen, welche doch tatsächlich von sich aus besprachen, wie sich denn Beruf und Familie vereinbaren ließen – für sie als Männer.

Dieses Umdenken gibt es also in den jungen Köpfen. Aber in den alten ist es noch nicht angekommen: Wir brauchen für die Wissenschaft die klügsten und besten Gehirne. Es ist dabei egal, welches Geschlecht diese haben, also sollte man nicht von vornherein 50% des Potentials ausschließen. Auch der Bewerbungsmarkt ist nun mal ein Markt und folgt gewissen Regeln. Bewerber werden sich die attraktivsten Angebote für sich selbst holen.

 

Sexismus in der Forschung

Gleichwohl werden weiterhin einige durch dieses Raster fallen. Dann ist die Frage, ob es dem Staat so viel wert ist, dass sich Menschen mit akademischer Bildung dem Haushalt und der eigenen Kindeserziehung zuwenden müssen.

Es gibt – durchweg – immer wieder Fälle von Sexismus in der Forschung und an den Universitäten. Der wird nicht so einfach weggehen. Er kann nur abgebaut werden, indem Menschen ihren eigenen Weg gehen. Indem sie sexistische Äußerungen und übergriffe Handlungen melden und sich davon nicht einschüchtern lassen. Das ist kein einfacher Weg, für niemanden. Frau Kirschvogel hat das in einem wunderbaren Comic zusammengefasst.

Es ist demnach also wichtig, dass Sexismus in der Forschung (und sonstwo) thematisiert wird. Es ist aber auch wichtig, auf welche Weise dies geschieht. Wenn nun tausende Frauen sich mit ihren wissenschaftlichen Spielzeug zeigen, bin ich gerne dabei. Wenn wir uns in unseren ablenkend-sexy-ABC-Schutzanzügen ablichten und so fröhlich spötteln, dann finde ich das auch gut. Ich ziehe aber bei persönlichen Angriffen und Erniedrigungen die Grenze. Glücklicherweise hielt sich das bei Tim Hunt aber im Rahmen. Tatsächlich wurde er ja auch verteidigt. Das nimmt natürlich dort ein Ende, wo seine Aussagen relativiert werden und die Reaktion darauf als “Lynch Mob” bezeichnet wird.

 

Social Media, Seximus und die Handlungsfähigkeit

Welche Macht Social Media hat erkennt man vor allem bei Despoten die es abschalten. Social Media baut ein Momentum auf, das alles mitreißen kann. Das kann ein Eigenleben entwickeln, welches kaum abzuschätzen ist. Das Problem dabei ist, dass es eine stark emotionalisierte Debatte ist, die dort abläuft. Das hat kürzlich eine WAZ-Autorin erfahren und nun erfuhr es Tim Hunt. Und ja, ich sage mit aller Deutlichkeit: Beide Aussagen waren mehr als fragwürdig und in der heutigen Zeit absolut unpassend.

Nicht den Kopf verlieren. Symbolbild
Nicht den Kopf verlieren. Symbolbild

Nur zeigen auch die Institutionen, dass sie mit dem Feedback gar nicht umgehen können. Panisch knicken sie ein und bewegen die Auslöser des Chaos‘ zum Rücktritt. Nun sollte man Entscheidungen aber nicht aus Angst treffen. Sicherlich sind die Äußerungen von Hunt nicht mit der Philosophie der des UCL zu vereinen – und so wird es auch verkauft – aber dann hätte man ihn schon viel früher absägen müssen. Wieso fiel denn niemandem auf, dass er solche Meinungen vertritt? Und wie fühlt es sich für seine Kollegen an, wenn ein Mensch nach seinen dummen Äußerungen sofort fallen gelassen wird? Selbst wenn die UCL überlegt und vernünftig gehandelt hat, entsteht eben der Eindruck, dass dem nicht so ist.

Meines Erachtens wäre ein Ausstehen des Shitstorms klüger gewesen, um danach zu entscheiden. Eventuell wäre dann genau dasselbe geschehen. Meine Frage ist nun mal die, was bei einem falschpositiven Shitstorm passiert wäre. Eine Zeitungsente, ein wirklich missglückter Scherz, ein unverstandener Zynismus, ein hässliches Hemd? Wir haben alle das Recht darauf, fair behandelt zu werden, gerade dann, wenn wir einen Fehler gemacht haben. Und Fairness hat nun mal absolut nichts mit Druck und Einschüchterung zu tun.

 

Wie jetzt weiter?

Vorschnelle Entscheidungen helfen uns in Sachen Sexismus nicht weiter. Das Problem muss an der Wurzel gepackt werden. Nur weil es dieses Mal mutmaßlich den Richtigen traf bedeutet das nicht, dass es das nächste Mal auch so sein wird. Aktionen wie Shitstorms treiben nur den Blutdruck in die Höhe, nicht die Anzahl der Frauen in der Wissenschaft. Und darum sollte es doch gehen.

Ich fände es zum Beispiel gut, wenn mehr Frauen einfach so, ohne gesondertes Hashtag, über ihre Arbeit berichten würden. Zeigt euch! Warum bedarf es immer negativer Anlässe damit ihr euch zeigt? Sprecht in Schulen über eure Arbeit, haltet Science Slams, bloggt, instagramt, facebookt, twittert, youtubet. Und unterstützt andere Frauen! Redet über eure Erfahrungen in der Forschung, ob persönlich oder akademisch, damit sie wissen, dass sie nicht allein sind.

Innerhalb der Forschung wäre es von Vorteil, die Thematik endlich einmal anzusprechen. Wie fühlen sich Frauen in der Forschung? Wie fühlen sich Männer und Frauen im Umgang miteinander? Wo gibt es Probleme und Kommunikationsschwierigkeiten? Wie kann man eine gemeinsame Form des Umgangs finden?

Das beinhaltet auch, mehr auf die Führungsfähigkeiten der Gruppenleiter zu achten. Ihnen Unterstützung in der Kommunikation zu geben und sie auf unbewusste Vorurteile aufmerksam zu machen.

 

Anna Müllner

Veröffentlicht von

zellmedien.de

Mein Name ist Anna Müllner, ich bin Biologin und habe in der Krebsforschung promoviert. Ich wohne im schönen Hessen und bin als PR-Beraterin für Gesundheitskommunikation tätig. Nach meinem Abitur beschloss ich Biologie zu studieren. Das tat ich zunächst an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die weder in Bonn ist, noch am Rhein. Aber einer der drei Campusse liegt wirklich an der Sieg. Das letzte Jahr dieses Studiums verbrachte ich in Schottland, an der Robert-Gordon University of Aberdeen wo ich ein bisschen in die Biomedizin und die Forensik schnuppern durfte. Danach entschied ich mich für ein Masterstudium an der Universität Heidelberg in Molekularer Biotechnologie was ich mit der Promotion fortsetzte.

2 Kommentare

  1. Danke für diesen unaufgeregten und ausgewogenen Beitrag! Liegt ja vielleicht auch dran, dass er nicht sofort veröffentlicht wurde 😉

  2. Mir scheint Frauen bloggen über ihre Forschung gemäss ihrem Anteil beim Forschungspersonal. Wenn man forschende Frauen dazu auffordert mehr an die Öffentlichkeit zu treten, mehr zu kommunizieren, dann fordert man von ihnen also mehr als von Männern in der gleichen Position. Genau das hört man ja immer wieder von Frauen in Positionen, die in der Vergangenheit mehrheitlich den Männern vorbehalten waren: Sie müssen mehr tun als Männer um wahrgenommen und geschätzt zu werden. Das kann leicht zur Überforderung führen.

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