Slammin‘ Hot Science

Science Slam Symbolbild

Science Slams, das Wort ertönt mittlerweile immer öfter. Sogar in der etablierten Presse, wenn das Thema dort auch etwas unverstanden scheint. Bei einem Science Slam, auch Wissensschlacht genannt, treten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gegeneinander an. Aber sie steigen dabei nicht in den Boxring sondern kämpfen mit ihren Forschungsthemen. 10 Minuten haben die Teilnehmenden Zeit, um ihr Projekt vorzustellen. Die Ansprüche sind hoch: Es muss spannend sein und einfach verständlich, aber auch der Humor sollte nicht zu kurz kommen; denn das Publikum entscheidet, wer am Ende gewinnt.

Ich slamme!

Als ich angefragt wurde, ob ich nicht auch Lust an einem Science Slam hätte, grübelte ich einen Tag. Wollte ich das wirklich auf mich nehmen? Unter anderem mit etablierten Rednern, die schon lange über Wissenschaft sprachen, sie erklärten und anschaulich darstellten? Ich war unschlüssig. Aber, dachte ich mir, es wäre doch mal einen Versuch wert. Und natürlich, ich hatte etwas Angst mich zu blamieren. Und ich hatte etwas Angst, durch irgendetwas aus dem Konzept zu kommen. Aber ich meldete mich dann doch an.

Mein Thema ist umfangreich und komplex. Es geht von DNA, DNA-Schäden, Krebsentstehung, Zelltod und Alterung bis hin zu Krebstherapie, Metastasierung und Prävention. Aber eigentlich habe ich nur an einem Protein geforscht. Mein Arbeitsalltag handelte kaum von Krebs, Alterung und Therapie bestimmt, sondern von Western Blots, Mikroskopie und Zellkultur. Ich konnte also aus einem großen Themenfeld wählen und beschloss, etwas zur Alterung zu erzählen. Für den speziellen Slam, organisiert von Andrea Reinhardt für die europäische Organisation für Nanotechnologie, NanoDiode, sollte ich möglichst etwas über dieses Thema erzählen. Er nannte sich auch „Nano Slam“ und war somit eine Sonderunterart der Science Slams. Gut, meine Forschung beginnt im Nanobereich. DNA, Laser, Chemotherapeutika, Bestrahlung, Sauerstoffradikale… All das könnte auch mit Nano gemeint sein. Und so slamte ich drauf los.

Nano Slam von Nanofutures in Bad Dürkheim
Mein erster Science Slam war ein Nano Slam. Hier erkläre ich gerade die Grundlagen des Alterns. Bild: @steeph_k

Alles in allem war mein erster Slam, der Nano Slam im Pfalzmuseum für Naturkunde in Bad Dürkheim, eine familiäre Angelegenheit. Der Saal war klein – aber gut gefüllt – und die Leute waren absolut nett und freundlich. Im Grunde hätte ich den Vortrag auch vor Freunden und Familie halten können, so fühlte ich mich. Ganz entspannt. Unkompliziert. Und die Talks waren toll. Alle! Es machte unglaublich Spaß zuzuhören und man kann sich hier selbst davon überzeugen. Es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl, wenn dir ein ganzer Saal zuhört, gebannt lauscht und man in den Augen wahres Interesse und Freude am Lernen sieht. Und so fühlte es sich für mich auch als Zuhörer an.

An dieser Stelle möchte ich gleich zu einem weiteren Slam überleiten. Der werte Herr Fischer sagte bei der Korrektur meines Werkes, er bekäme ohne Überleitung ein Schleudertrauma, aber mal ganz ehrlich: So ging mir das ja auch! Kaum hatte ich einen Slam überstanden und ihn noch gar nicht so richtig verdaut kam bereits der nächste. Nur ein paar Tage nach dem Nano Slam, erhielt ich eine DM per Twitter. Philipp Schrögel, den ich erst kurz vorher beim Nano Slam getroffen hatte, war ein wenig nervös. Die Bahn würde streiken und sein selbst organisierter Science Slam war in Gefahr. Nicht nur dass die Slammerinnen fast ausschließlich mit dem Zug anreisen würden, es mussten – im Rahmen der Frauenperspektivwochen – auch noch ausschließlich SlammerINNEN sein. Und mit meinen zwei X-Chromosomen qualifizierte ich mich immerhin schonmal für das „Innen“. Also organisierte ich kurzerhand ein Auto und fuhr nach Karlsruhe ins Jubez um zur Sicherheit einen weiteren Vortrag halten zu können, wurde dann aber einfach ins reguläre Programm übernommen. Was soll ich sagen: Mit einem richtigen Backstage-Bereich, einer Bühne, einem Publikum von ungefähr 300 Leuten, Mikrofon und einem Fernsehteam war das ein ganz anderes Kaliber.

Meine Mitslammerinnen und ich unterhielten uns ungezwungen über dies und jenes. Sind C14-Bestimmungen oder DNA-Analysen besser zur Altersbestimmung von möglicherweise cäsarischen Weizenkörnern? Kann Make-Up Sonneneinstrahlung abhalten? Wieso war Religion so wichtig im kalten Krieg? Ich war ein bisschen im Himmel. So viele kluge Frauen, so eine angenehme Atmosphäre! Und dann ging es auch schon los. Insgesamt waren es sieben Vorträge, jeder war anders, lustig, spannend und regte zum Nachdenken an. Hier merkte ich auch, wie wunderschön der Austausch mit den anderen Slammerinnen war. Der war hinter der Bühne besonders angeregt und inspirierend. Auch zu sehen, auf welche Art und Weise meine Mitstreiterinnen ihr Fach vermittelten war spannend für mich, denn ich freue mich ja immer wenn ich etwas Neues lernen kann. Ich war also angefixt und hätte letzte Woche beinahe nochmal einen in Heidelberg als Reserve gehalten. Beim Reden rutscht man sehr schnell in eine Art „Flow“. In Anlehnung an Marathonläufer würde ich es als „Slammer’s High“ bezeichnen. Voll im Moment und trotzdem ein bisschen entrückt.

Wieso sind Slams so erfolgreich?

So viel zu mir und meinen Erfahrungen mit Science Slams. Aber, was soll das alles? Sind Slams wichtig oder nur eine Alberei von Wissenschaftlern, um ab und an mal den Kopf getätschelt zu bekommen? Wieso machen so wenige Frauen Slams? Wo bleibt der wissenschaftliche Anspruch?

Wir Menschen sind neugierig. Wir leben in einer Welt voller neuer Dinge. Überall ist Technik, überall sind spannende Zusammenhänge. Aber wir lernen wenig darüber. Grundwissen wird zwar vermittelt, aber oft fehlen die Zusammenhänge, die Anwendung, die Praxis. Der Fokus liegt in Schule und Uni oft auf dem Abarbeiten eines Lehrplans, nicht auf der Begeisterung für ein Fachgebiet. Bulimielernen nennt sich das im Schüler- und Studentenjargon. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Schüler fehlende Allgemeinbildung durch die Schule bemängeln.

Und vielleicht ist das der Grund, weswegen Wissenschaftler hier einspringen können. Wissenschaftliche Themen in den Alltag einbinden. Vom eigenen Alltag berichten. Sich selbst präsentieren, als ganz normaler Mensch der für seine Arbeit schwärmt. Als ansprechbarer Mensch. Ein Mensch, der Wissenschaft noch hautnah erlebt und darüber reden möchte.

Die Möglichkeiten, wie ein Science Slam wirken kann, sind vielseitig. Vielleicht kommen Zuschauer nach dem Slam mit Menschen ins Gespräch, die gerne mehr über ein Thema wüssten. Vielleicht sehen einen Menschen, die überlegen ein Fach zu studieren und ein authentisches Bild vermittelt bekommen wollen. Vielleicht bringen die Zuschauer die Wissenschaft einfach mal mit einem Gesicht in Verbindung. Sei es nun die Physikerin im modischen, knieumspielenden Pünktchenkleid – das genaue Gegenteil des Stereotyps – oder die Archäologin in schwarzer Lederhose, die sich nicht ganz zwischen James Bond und Lara Croft entscheiden konnte.

Und dann steht da noch der Wissenschaftler, dem es in seinem Elfenbeinturm auch nicht immer gefällt. Zu sehr sitzt er in seinem eigenen Biotop, ist nur mit gleich denkenden Menschen umgeben. Wissenschaftler möchten oft etwas zurückgeben an die Gesellschaft, die ihnen die Forschung finanziert. Sie möchten andere Menschen daran teilhaben lassen.

Kritische Stimmen

Science Slam Karlsruhe
Karlsruher Science Slam, Women’s Edition. Hier stehe ich mit dem Moderator @schroep auf der Bühne. CC by @felicea

Allerdings gibt es immer noch einen Wettkampfgedanken. Dem Gewinner winken oft tolle Preise und natürlich Applaus, Jubel und Anerkennung. Und die Gewinner-Slams sind häufig die Witzigsten. Es droht also ganz deutlich die Gefahr, dass Science Slams nur weichgespülte Wissenschaft zeigen. Cornelius Courts hat das in seinem Blog genauer ausformuliert. In der Tat: Während der Nano Slam und der Science Slam in Karlsruhe ein sehr hohes Grad an Wissenschaftlichkeit vorlegten, war ich von einem Beitrag in Heidelberg ganz besonders enttäuscht. Ein Pädagoge hatte – angeblich – eine Umfrage bei Kindern über Märchen durchgeführt. Heraus kamen teils sexistische Kommentare aber auch eindeutig aus dem Netz entnommene Zitate. Zudem wurde die Mittelalterromanze „Die Wanderhure“ mit den kanonischen Grimms Märchen in einen Topf geworfen, was mir als Märchenliebhaberin etwas sehr aufstieß. Doch der Beitrag war nun mal witzig und hätte beinahe gewonnen. Zum Glück gibt es aber auch solche Slammer, die beides können, Science und Slam. So wurde der Märchenonkel von einem Systembiologen des Platzes verwiesen.

Ist der Slam männlich?

Und warum sind da so wenige Frauen? Ich hatte mir darüber keine Gedanken gemacht. Ich hatte auf Youtube ein paar Slams gesehen und da waren auch Frauen dabei. Daher machte ich mir um Geschlechterverhältnisse keine Gedanken, bis Philipp, der Karlsruher Organisator, es mir sagte: Bei den meisten Slams ist höchstens eine Frau dabei, oft sind es sogar gar keine. Stellt man sich die Frage nach dem Warum, kommen die üblichen Erklärungsversuche: Weniger Lust, im Mittelpunkt zu stehen, weniger Bereitschaft, sich einem Rating für eine Show zu unterziehen. Aber mir persönlich ist das zu wenig. Es klingt wieder so, als seien Frauen einfach nicht mutig genug, sich auf eine Bühne zu stellen. Oder nicht fähig. Das wäre unlogisch, denn viele Frauen sind Lehrerinnen oder in repräsentativen Berufen tätig. Das sind noch anspruchsvollere Auftritte als ein Slam. Der Einwurf, dass sie dort nicht sich selbst präsentieren, sondern jemanden oder etwas anderes, ist aber richtig.

Slammerinnen
Die fabelhaften Slammerinnen und der glückliche Moderator. Bild: Scienceslam Karlsruhe, Daniel Sittenhöfer, CC BY-NC-SA 4.0

Eine der sieben Frauen im Karlsruher Slam war leicht nervös, da sie nur bis 23 Uhr einen Babysitter hatte. Das ist schon mal ein Hindernis. Aber viele Slammer(innen) sind jung und eventuell sind nicht allzu viele schon Eltern geworden. Es ist also sicherlich keine allumfassende Erklärung. Also ging ich in mich. Wieso hatte ich mich bislang nicht für einen Slam beworben?

Zum einen dachte ich mir: „Was hab ich denn schon zu erzählen? Interessiert das jemanden?“ Bei meinem Blog kann sich jeder aussuchen, ob er es liest, bei einem Slam zwinge ich gleich ein paar hundert Leute, zuzuhören. Und dafür Eintritt zu bezahlen! Ich hatte da so eine Angst, dass man mir nur sagt es sei interessant, weil ich sympathisch bin und Leute was Nettes sagen wollen. Als dann die Anfrage kam – und ja, liebe Slamveranstalterinnen und –veranstalter, fragt einfach! – musste ich mich damit auseinandersetzen. Ich kam zu dem Schluss, dass nur ein neutrales Publikum mir eine Antwort auf diese Frage geben könnte. Und siehe da: Es war interessant was ich da erzählte. Es kamen Rückfragen, es kam eine neue Anfrage. Wenn man zu zuviel Selbstkritik neigt, ist eine Außenmeinung wichtig, um das Selbstbild wieder gerade zu rücken.

Fazit

Science Slams zeigen uns den Alltag und die Interessen von Wissenschaftlern auf, sie bringen uns die sonst so gesichtslose Wissenschaft näher. Aber sie sind kein Allheilmittel zum Stillen des Wissensdurstes, sondern sie ziehen nur den Vorhang beiseite, um zu zeigen was es in dieser Welt zu entdecken gibt. Sie richten das Scheinwerferlicht auf den Forscher und die Forscherin und deren Sicht auf ihre eigene Arbeit. Dabei muss aber darauf geachtet werden, dass der wissenschaftliche Anspruch hoch bleibt und vielleicht auch, dass man Frauen gezielter anspricht ob sie nicht auch Lust auf Slammen haben.

Egal ob man selbst Wissenschaftler ist oder in einem anderen Beruf arbeitet: der Zuschauer kann oft Ähnlichkeiten und Anwendungen bei sich selbst finden. Wer beim Slam ein spannendes Thema für sich entdeckt und weiter danach sucht, stößt vielleicht auf seinen eigenen Forschungsdrang.

 

Science Slam Symbolbild
Science Slam Symbolbild
Anna Müllner

Veröffentlicht von

zellmedien.de

Mein Name ist Anna Müllner, ich bin Biologin und habe in der Krebsforschung promoviert. Ich wohne im schönen Hessen und bin als PR-Beraterin für Gesundheitskommunikation tätig. Nach meinem Abitur beschloss ich Biologie zu studieren. Das tat ich zunächst an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die weder in Bonn ist, noch am Rhein. Aber einer der drei Campusse liegt wirklich an der Sieg. Das letzte Jahr dieses Studiums verbrachte ich in Schottland, an der Robert-Gordon University of Aberdeen wo ich ein bisschen in die Biomedizin und die Forensik schnuppern durfte. Danach entschied ich mich für ein Masterstudium an der Universität Heidelberg in Molekularer Biotechnologie was ich mit der Promotion fortsetzte.

4 Kommentare

  1. Toll+Spannend. speziell der Vortrag “Weshalb wir altern” muss für die Zuhörer und Zuschauer wie ein kriminalistischer Einblick in Prozesse vorkommen, die sie selber betrefffen.
    Ihr Einwand gegen witzige, nicht tierernst gemeinte Vorträge teile ich aber nicht. Humor ist zwar immer zweischneidig und kann auch scnnell ins reine Blödeln ausarten oder gar Vorurteile und niedrige Instinkte ansprechen. Doch warum sollte man nicht lachen dürfen, mindestens innerlich. Allgemein könnten die Vorträge – ich habe mehrere angeschaut etwas rappiger, flüssiger und rhythmischer vorgetragen werden. Das würde ihnen nicht schaden – auch wenn es rein schon vom Inhalt her ein Vergüngen ist.

    • Nachdem ich nun noch mehr Nano-Science-Slams geschaut habe, schneidet ihr Vortrag was die Vortragsweise, die Flüssigkeit angeht, gut ab. Vielleicht sollten sie die Dias noch ein bisschen mehr ans Laienpublikum anpassen. Beispiel: Das Bild mit den beiden Ratten, die eine schnell gealtert, die andere jung, könnte man ganz gross zeigen und dann die Unterschiede herausheben und damit die alterstypischen Veränderungen deutlich machen.

  2. Ein großartiger Artikel, der viele wichtige Dinge anspricht. Ich hab mich gefreut deinen Standpunkt zu lesen – den einer Slammerin, die gerade angefangen hat.
    Bei den meisten SlammerInnen, die das schon länger machen habe ich immer eine Art “Wir gegen das Publkum”-Einstellung erlebt. Das es ein Wettbewerb ist, ist wohl eher eines der Geheimnisse warum Science Slam so erfolgreich geworden ist. Teilnehmer, die das zu ernst nehmen, sind nicht lange dabei. Und im Prinzip hast du es auch schon gesagt: Nur lustig reicht nicht gegen lustig und Inhalt.
    Ich hoffe wir sehen uns demnächst auf einer Bühne!

  3. “Der Einwurf, dass sie dort nicht sich selbst präsentieren, sondern jemanden oder etwas anderes, ist aber richtig.”

    Hm. Dem möchte ich widersprechen. Auch Lehrerinnen präsentieren sich selbst und sind sich dessen bewusst, dass ihre Persönlichkeit auch ein wichtiger Aspekt für ihren Erfolg ist. Alleine schon deshalb, weil ihr Publikum ihnen in ein und derselben Konstellation meist über mehrere Jahre erhalten bleibt und sie gut sein müssen, um sich da nicht unterbuttern zu lassen. Obendrein sind Schüler meist noch ziemlich gnadenlos, wenn ein Lehrer Schwäche zeigt.

    Der Slammer kann nach einem Abend gehen und schon am nächsten Morgen kräht kein Hahn mehr danach, ob er sich am Vorabend blamiert oder gar unbeliebt gemacht hat. Eigentlich hat er es sogar leichter als ein Lehrer.

    Ich kann mir also nicht vorstellen, dass dieser Aspekt der Grund sein soll, warum so wenige Frauen “slammen”. Eigentlich müsste man sie einfach mal gezielt fragen.

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