Let’s talk about HIV

Die schönste Nebensache der Welt war schon immer nicht ganz so ungefährlich. Schon seit langer Zeit wurden dabei nicht nur Gefühle und Zärtlichkeiten ausgetauscht, auch Krankheiten wurden und werden übertragen. Chlamydien, Ghonorrhoe, Syphillis, Herpes – alles ist möglich und jeder ungeschützte Kontakt war immer eine Gefahr. Aber keine dieser Krankheiten sind in der modernen Zeit mehr wirklich gefürchtet, denn die Medizin bietet zumeist eine Lösung an.*

Nur eine Krankheit, harmlos anmutende Akronyme, wehrt sich fleißig dagegen, von der Medizin bezwungen zu werden. Der Humane Immundefizienz Virus, HIV, und die Krankheit, die er auslöst, AIDS, waren in den 80ern der Schrecken der Schwulenszene, doch mittlerweile greift sie ohne Rücksicht auf Geschlecht oder sexuelle Orientierung um sich.

Die Erkrankung konnte durch gute Aufklärung in den westlichen Ländern zwar gebremst werden und hat vielleicht gerade deshalb ihren Schrecken verloren. Irgendwann hielten wir hierzulande die Erkrankung für ein Nischenproblem. Diskriminierender Weise als Schwulen- oder Schwarzafrikaseuche abgestempelt geriet das Problem in Europa immer wieder in Vergessenheit. Alle Aufklärung wird anscheinend genau dann vergessen, wenn es darauf ankommt. Wie sonst erklären sich die gleichbleibend hohen Neuansteckungszahlen, die das Robert-Koch-Institut veröffentlichte? Dabei handelt es sich eben nicht nur um Männer, die Sex mit Männern haben (die Zahl der Neuansteckungen bei ihnen geht sogar leicht zurück) oder Neuankömmlinge aus Afrika. HIV kann so gut wie jeden treffen und trifft auf jeden und somit auch die sich sicher fühlende Masse an Heterosexuellen.

Bevor ich dort weiter einsteige, muss man wissen, was HIV eigentlich ist. Das HI-Virus ist ein sehr besonderes Virus. Es kann nämlich seine Erbinformation in das Erbgut seiner Wirtszellen einfügen. Der normale Haus- und Hofvirus der uns so zur Grippe- und Erkältungssaison befällt, injiziert sein Erbgut nämlich nur transient. Es kann zwar bisweilen bis in den Zellkern vordringen, dort wo wir unser Erbgut verstaut haben, aber es kann sich dort nicht lange halten. So werden wir ein Virus und seine Erbinformation in aller Regel wieder los. Das HI-Virus hingegen verwendet eine sogenannte Reverse Transkriptase um seine Erbinformation, die als RNA vorliegt, in DNA umzuwandeln. Dann benutzt sie eine Integrase, ein Enzym, welches die virale DNA in den Zellkern bringt und dort in das Erbgut der Wirtszelle einbaut. Hier ist die virale DNA nun gespeichert. Das Virus schiebt so der Zelle einen Bauplan für viele neue Baby-Viren zu. Diese verlassen daraufhin die Wirtszelle und nehmen dabei ein Stück Zellmembran mit, um sich zu tarnen. Einmal flügge geworden können sie dann neue Zellen infizieren.

Als Wirtszelle kommen für das HI-Virus nur Zellen mit einem CD4-Rezeptor infrage, ein Oberflächenprotein, welches einige Immunzellen besitzen. Diese Zellen, vor allem T-Helfer-Zellen, haben in unserem Immunsystem die Aufgabe, weitere Immunzellen, die B-Zellen, zu aktivieren. B-Zellen bilden Antikörper und sind Teil unseres erworbenen Immunsystems. Das bedeutet, sie passen sich an neue Bedrohungslagen an. Da durch die Produktion des HI-Virus die T-Helfer-Zellen sterben, sind im Krankheitsfall nicht mehr genügend Zellen da um die B-Zellen zu aktivieren. Man kann es sich so vorstellen, als würden Polizisten (die B-Zellen) zwar patrouillieren erkennen, sie könnten aber nicht mehr bei der Zentrale anfragen, ob die Verdächtigen die sie finden auch Kriminelle sind, die sie festnehmen dürfen.

Bereits kleine Infekte sind für HIV-infizierte in diesem Stadium gefährlich. Daher kommt der Name AIDS, Acquired Immunodeficiency Syndrome (erworbenes Immundefizienzsyndrom).

Zahlen und Fakten zu HIV

Zum Glück lässt sich eine HIV-Infektion heute gut behandeln. Indem man die viralen Proteine hemmt kann man die Ausbreitung des Virus im Körpers so stark herunterfahren, dass die Viruslast im Körper kaum nachzuweisen ist. Trotzdem bleibt die Infektion im Erbgut bestehen. Viele Menschen wissen auch gar nicht, dass sie mit HIV infiziert sind. 12.600 unentdeckte – und damit unbehandelte – Fälle gibt es in Deutschland, schätzt das RKI. Weitere 11.000 lassen sich nicht gegen das Virus behandeln, obwohl sie von der Krankheit wissen. Übertragen wird das Virus über mehrere Wege: Durch die Übertragung von Blut, durch Sex und bei der Geburt eines Kindes durch eine HIV-infizierte Mutter.

Tests auf HIV und andere Geschlechtskrankheiten kann man zwar beim Gesundheitsamt kostenlos machen lassen, beim Arzt kosten sie jedoch Geld wenn man sie „einfach so“ mal wieder machen lässt. Wer allerdings einem Ansteckungsrisiko ausgesetzt war, für den zahlt die Krankenkasse in vielen Fällen den Tests. Sicherlich wäre es besser, solche Tests routinemäßig anzubieten (sagen auch WHO und ECDC), um der Krankheit Einhalt zu gebieten, hier spielen sicherlich ökonomische Gründe mit rein. Bei der Blutspende wird zwar auch auf HIV getestet, man sollte dies jedoch höchstens als Bestätigungsverfahren sehen, dass man nicht infiziert ist. Wer einem Infektionsrisiko ausgesetzt war, der sollte auf keinen Fall Blutspenden gehen.

„Die Ansteckung bei heterosexuellem Verkehr ist ein Märchen“, sagte die Frauenärztin einer Freundin einmal, als sie sich auf Geschlechtskrankheiten testen ließ. Das ist eigentlich grob fahrlässig. Bei einer Virusübertragung kommt es auf die Exposition an. Eine der wichtigsten ist die Bluttransfusion. Erhält man eine Bluttransfusion von einem Menschen, der mit HIV infiziert ist, ist die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung 90%. Daher werden alle Bluttransfusionen auf HI-Viren-DNA getestet. Allerdings ist das Erbgut des HI-Virus erst einige Wochen nach der Infektion nachweisbar. Eine weitere Möglichkeit ist Sex. Dabei unterscheiden sich jedoch die sexuellen Praktiken in ihrer Infektionswahrscheinlichkeit. Die Gefahr bei Analverkehr ist deswegen besonders hoch, weil dabei die Haut des Darms mit hoher Wahrscheinlichkeit verletzt wird und das Virus so eine hohe Chance hat in großer Zahl ins Blut überzugehen. Nun ist Analsex aber nicht auf Männer die Sex mit Männern haben beschränkt. Und natürlich gibt es auch schwule Paare, die keinen Analverkehr praktizieren. Es ist aber so, dass Menschen, die Analsex praktizieren, eine fast 14 mal höhere Chance haben, sich zu infizieren, wenn sie der/die circumcludierende Partner(in) sind.

Gefährdet sind also nicht unbedingt Männer die Sex mit Männern haben, sondern vor allem Menschen die häufig ungeschützten Analverkehr haben. Menschen die ungeschützten Vaginalverkehr haben sind natürlich auch gefährdet, da die Vagina ebenso einreißen kann und so das Virus vom Sperma aufs Blut übertragen wird. Hinzu kommen Infektionen vom „Nadeltausch“ bei Drogenabhängigen, wobei hier oft nicht eindeutig unterteilt werden kann ob die Infektion von geteilten Nadeln oder von ungeschütztem Geschlechtsverkehr kam.

HIV-Prävention

HIV ist kein einfaches Thema, es ist immer noch mit einem Stigma behaftet. HIV-Patienten werden diskriminiert oder aus falscher Angst vor Ansteckung gemieden. Dabei übertragen Infizierte, die gut therapiert sind, das Virus seltener, da die Viruslast durch die Therapie deutlich reduziert wird. Außerdem können Patienten, die exponiert wurden, durch entsprechende Prophylaxe das Ansteckungsrisiko deutlich reduzieren.

Die beste Methode ist aber immer noch der Schutz vor der Ansteckung. Das Stichwort heißt Kondome und die sollten richtig angewandt werden. Gerade wer seine Partner häufig wechselt sollte verantwortungsbewusst sein. Die neuartigen Kommunikationsmittel unserer Zeit haben dafür gesorgt, dass es einfacher ist, sagen wir mal, Kurzbekanntschaften zu machen. Doch nicht nur hier kann es passieren, auch in einer Partnerschaft bleibt Risiko, ob nun weil es sich um eine offene oder polyamore Beziehung handelt, es zu Seitensprüngen kommt oder die Infektion aus einer vorherigen Beziehung mitgebracht wird. Wie kann man das schon genau kontrollieren?

Es ist also an der Zeit, offener über dieses Thema zu sprechen. Wir müssen das Thema radikaler angehen, aber einfühlsamer mit den Patienten sein. HIV darf, wie jede andere Erkrankung auch, kein Stigma sein, nur wenn wir offen darüber sprechen können wir das Virus besiegen. Wenn wir offen über Sex sprechen können, dann müssen wir auch offen über HIV reden.

 

 

*Außer, dass Gonorrhoe resistent wird und wir alle sterben werden.

Veröffentlicht von

1ife5cience.de

Mein Name ist Anna Müllner, ich bin irgendwie so Mitte 20 und wohne in einer beschaulichen Neckarstadt mit einem hübschen Schloss. Nach meinem Abitur beschloss ich Biologie zu studieren. Das tat ich zunächst an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die weder in Bonn ist, noch am Rhein aber einer der drei Campusse liegt wirklich an der Sieg. Das letzte Jahr dieses Studiums verbrachte ich in Schottland, an der Robert-Gordon University of Aberdeen wo ich ein bisschen in die Biomedizin und die Forensik schnuppern durfte. Danach entschied ich mich für ein Masterstudium an der Universität Heidelberg in Molekularer Biotechnologie und seitdem ich das hinter mich gebracht habe versuche ich mich an einer Promotion.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Die Ansteckung bei heterosexuellem Verkehr ist ein Märchen“, sagte die Frauenärztin einer Freundin einmal, als sie sich auf Geschlechtskrankheiten testen ließ. Das ist eigentlich grob fahrlässig. Bei einer Virusübertragung kommt es auf die Exposition an. Eine der wichtigsten ist die Bluttransfusion.
    […]
    Eine weitere Möglichkeit ist Sex.

    Hmja, andersherum ginge auch:
    -> http://www.cdc.gov/hiv/pdf/library/reports/surveillance/cdc-hiv-surveillance-report-2015-vol-27.pdf (bei besonderem Bedarf werden die angelegten Datentabellen erklärt werden)

    Insofern erlaubt sich der Schreiber dieser Zeilen anzumerken, dass dies – ‘Es ist also an der Zeit, offener über dieses Thema zu sprechen.’ – im dankenswerterweise bereit gestellten WebLog-Artikel womöglich nicht umfänglich gelungen ist.
    Zustimmung natürlich hierzu: ‘Das ist eigentlich grob fahrlässig.’

    Blut-Transfusionen also eher weniger infektiös als anderes…

    Zudem darf vielleicht in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass männliche Homosexuelle vglw. drogenaffin sind, womöglich auch als Vorbereitungshandlung, und zudem darf in die Praxis geschaut werden, bundesdeutsch bspw. das oder den Berghain meinend, auch den Kellerbereich meinend.

    Gerne auch direkt die Zahlen sprechen lassen, auch diejenigen, die vielleicht irgendwie politisch unrichtig sind.

    MFG
    Dr. Webbaer (der, wie bereits geschrieben, auch in medias res gehen könnte, statistisch + erklärend, diese vornehme (“vorzunehmende”) Aufgabe abär eher auf der Seite der Inhaltegeber sieht)

    • “(…)dass männliche Homosexuelle vglw. drogenaffin sind, womöglich auch als Vorbereitungshandlung, und zudem darf in die Praxis geschaut werden, bundesdeutsch bspw. das oder den Berghain meinend, auch den Kellerbereich meinend.”

      Für diese, rein auf Anekdoten basierende, Behauptung haben Sie sicher auch Zahlen vorliegen. Zumindest für den ersten Teil.

      Dass Homosexuelle öfter zu Drogen, welche Ihrer Meinung nach offenbar durchgängig gespritzt werden, greifen und sich dadurch gegenseitig mit HIV anstecken, ist ebenso falsch wie der uralte Mythos, nur durch Homosexuelle könne HIV überhaupt verbreitet worden sein. Aber wie gesagt – gern Zahlen dazu, so dass alle anderen auch nachvollziehen können, auf welche Studien Sie sich da stützen.

      • Streichen Sie gerne den von Ihnen angemängelten Absatz für sich gedanklich, wenn er Ihnen missfällt, die Nachricht weiter oben kommt auch ohne Poppers et alii aus.

        MFG
        Dr. Webbaer

  2. Bewußtseinsschwäche, “Vertreibung aus dem Paradies”, geistiger Stillstand, Hierarchie in materialistischer “Absicherung”, “gesundes” Konkurrenzdenken, “freiheitlicher” Wettbewerb um KOMMUNIKATIONSMÜLL, Immunschwäche!? 😉

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