Fallstudie an @Holgi

BLOG: 1ife5cience

Einfach. Erklärt.
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Wer Teil meiner Filterbubble ist, der folgt wahrscheinlich auch Holger Klein auf Twitter oder hört seine Podcasts und/oder Radiosendungen (wenn nicht: Unbedingt tun!). Wer da regelmäßig liest oder reinhört hat sicherlich mitbekommen, dass er seit kurzem unter einer Augenthrombose leidet. In seiner letzten Radiosendung und in seinem Blog erwähnte er, dass diese nicht konventionell mit einem Laser behandelt wird, sondern dass man ihm ein Medikament verabreicht das eigentlich in der Krebstherapie angewandt wird: Avastin mit dem Wirkstoff Bevacizumab. Das finde ich wirklich unglaublich spannend – auch wenn es mir für Holgi Leid tut dass er da durch muss. Und daher möchte ich das unbedingt verbloggen und mal ein paar Sachen dazu erklären. Dreisterweise habe ich Holgi nicht vorher gefragt, aber ich nehme seinen Fall ja nur als Anlass um wieder besserwisserisch daherzureden. 😀

Erstmal die Augenthrombose: Hier handelt sich um ein Blutgerinnsel wie wir es auch sonst so kennen. Eigentlich kann eine Thrombose überall auftreten, in allen Venen und Arterien und kann dort unterschiedlich schlimmen Schaden anrichten. Da Arterien unsere Organe mit Sauerstoff versorgen, kann nach einer arteriellen Thrombose die Sauerstoffversorgung des betroffenen Organs eingeschränkt sein. Wenn es sich hierbei um Herz oder Gehirn handelt führt das zum Herzinfarkt beziehungsweise zum Schlaganfall. In Venen – also Blutgefäßen die das Blut zurück zur Lunge bringen damit es dort wieder Sauerstoff aufnimmt – kann ein Blutgerinnsel eben diesen Blutrückfluss behindern, was schmerzhaft ist. Sie kann sich aber auch lösen und eine gefährliche Lungenembolie auslösen, was bedeutet dass der Weg des Blutes zur Lunge blockiert ist. Holgi spricht in seinem Blog von einer blockierten Vene.

In einer recht neuen Studie (Mitry, Bunce, Charteris, 2013) wird zum einen gesagt, dass eine Augenthrombose oft dort entsteht wo sich Arteriolen (sehr kleine Arterien) mit Venen kreuzen. Die Arteriolenwand verdickt sich aufgrund entzündlicher Prozesse und drückt so auf die Vene die sich verengt. In einer verengten Vene kann das Blut schlechter fließen und kann verklumpen und an der engen Stelle schließlich die Vene verschließen. Allerdings fließt ja weiter Blut nach und so drückt das Blut auf die Wand der Vene. Die Endothelzellen sind nicht ganz dicht und so wird durch den erhöhten Druck Gewebsflüssigkeit aus der Vene hinaus gepresst. Gewebsflüssigkeit ist vornehmlich Wasser in dem alles Mögliche gelöst ist was wir so im Blut haben. Unsere roten Blutkörperchen und auch alle anderen Blutzellen schwimmen darin herum. Außerhalb der Blutgefäße führt es allerdings zu einem Ödem, das ist medizinerisch für Schwellung. In diesem Prozess wird auch die Wand des Blutgefäßes beschädigt, was zu einer chronischen Entzündung führt die sich auf die umgebenden Blutgefäße ausweitet. Bei Entzündungen senden unsere weißen Blutkörperchen – die Blutpolizei – Botenstoffe aus. Man könnte das ganze mit einem Polizeifunk vergleichen, der nach einem Verkehrsunfall losgeht. Einige Botenstoffe dienen dazu andere Blutpolizisten auf den Plan zu rufen, andere dienen dazu den angerichteten Schaden zu reparieren. Zu letzterem gehört ein Botenstoff der VEGF heißt.

Was genau ist VEGF und wofür brauchen wir es? VEGF steht für Vascular Endothelial Growth Factor (Wir Biologen sind faul und sprechen nicht jeden einzelnen Buchstaben aus. Wir sagen Wä-Dscheff). Vascular deutet schon mal an, dass es etwas mit Gefäßen zu tun hat, nämlich unseren Blutgefäßen. Endothelzellen sind die Zellen, die die innerste Lage dieser Blutgefäße bilden. Sie schlafen die meiste Zeit ihres Lebens, sie sind einfach da und bilden das Kanalsystem für unser Blut. Wenn sie jedoch durch VEGF aufgeweckt werden, dann beginnen sie sich zu teilen und bilden neue Blutgefäße (Angiogenese). Endothelzellen besitzen nämlich einen VEGF-Rezeptor, eine Art Schloss auf das nur ein der VEGF-Schlüssel (Der Schlüssel-Schloss-Vergleich hinkt sehr – ich werde das mal genauer erklären). Bindet VEGF daran wird ein Schalter in der Zelle umgelegt und sie beginnt sich zu teilen wodurch neue Blutgefäße wachsen können. Dies ist schön und gut wenn man noch wächst oder wenn man eine richtige Wunde hat und neue Blutgefäße braucht. Bei einer Verletzung im Auge mit nur einer winzig kleinen Wunde ist es zu viel des Guten. Leider weiß unser Körper das nicht. Dazu muss man wissen, dass unser Auge von nur einer Arterie versorgt wird und auch nur eine Vene wieder alles was die Arterie so bringt wieder „entsorgt“. Ist der Abfluss verlangsamt kann man auch nicht mehr soviel reinkippen, dies bewirkt eine Unterversorgung der Retina (Netzhaut) mit Sauerstoff (Hypoxie), was wiederum eine Ausschüttung von VEGF bewirkt. Würde man dagegen nichts tun könnten neue Blutgefäße wachsen welche sehr durchlässig und empfindlich sind. Sie können das Ödem noch verstärken. Zusätzlich bewirkt die Hypoxie dass die Zellen im Auge minderversorgt sind und einfach nicht mehr so gut arbeiten können. Der erhöhte Umgebungsdruck, eventuelle Blutungen und Narbenbildung durch sauerstoff-unterversorgtes Gewebe unterhalb der Retina können die Lichtrezeptoren mit denen wir sehen auch dauerhaft beschädigen.

Wir wollen also verhindern das VEGF an den VEGF-Rezeptor bindet. Wir könnten also etwas bauen dass den Schlüssel so verändert, dass er nicht mehr ins Schlüsselloch passt, aber nur an diesen einen Schlüssel passt, damit kein anderer zellulärer Prozess behindert wird. Und wenn es darum geht etwas genau anzupassen, dann denken Biologen sofort an Antikörper. Antikörper, das sind diese unglaublich spezifischen kleinen Moleküle die einige unserer weißen Blutkörperchen herstellen können, normalerweise um an spezifisch an Krankheitserreger zu binden. Allerdings können wir sie auch im Labor herstellen. Zu schreiben wie das genau funktioniert würde diesen Beitrag sprengen (folgt aber sicher irgendwann), aber sehr kluge Menschen haben einen Antikörper gebaut der genau auf den Schlüsselbart von VEGF passt. VEGF kann nicht mehr andocken und die Zelle schläft weiter.

Eigentlich stammt das Medikament aus der Krebstherapie, denn einer der Ansätze der Krebstherapie ist es, den Tumor von der Nährstoffversorgung durch Blutgefäßen abzuschneiden. Tumorzellen brauchen, wie jede andere Zelle auch, Sauerstoff und Nährstoffe die nur durch ein Kanalsystem an Blutgefäßen gewährleistet werden kann. Fehlt dies sezernieren die Zellen VEGF und der Körper gehorcht brav und baut neue Blutgefäße um den Tumor zu versorgen wodurch er weiter wachsen kann. Im Versuch war es sehr erfolgreich, Tiere mit dem Antikörper Bevacizumab zu behandeln, jedoch bildeten die Tumore im Menschen rasch Resistenzen. Daher wird er bei Krebspatienten soweit ich weiß nur in Kombination mit anderen Präparaten angewandt.

Tja, da seht ihr mal was man über eine Augenthrombose so alles schreiben kann. Die Informationen die ich aus der Literatur dazu finde sind übrigens alles andere als immer eindeutig – sollte ein geübter Mediziner oder Biologe Anstoß an irgendetwas finden dann kann man das in den Kommentaren disktutieren. Man weiß halt noch wenig über Venenthrombosen. Und damit wünsche ich dem Holgi eine gute Besserung. J

Anna Müllner

Veröffentlicht von

zellmedien.de

Mein Name ist Anna Müllner, ich bin Biologin und habe in der Krebsforschung promoviert. Ich wohne im schönen Hessen und bin als PR-Beraterin für Gesundheitskommunikation tätig. Nach meinem Abitur beschloss ich Biologie zu studieren. Das tat ich zunächst an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die weder in Bonn ist, noch am Rhein. Aber einer der drei Campusse liegt wirklich an der Sieg. Das letzte Jahr dieses Studiums verbrachte ich in Schottland, an der Robert-Gordon University of Aberdeen wo ich ein bisschen in die Biomedizin und die Forensik schnuppern durfte. Danach entschied ich mich für ein Masterstudium an der Universität Heidelberg in Molekularer Biotechnologie was ich mit der Promotion fortsetzte.

2 Kommentare

  1. Spätestens hier denkt sich der geneigte oder auch zufällig vorbeisurfende Leser, dass gerade so ein Ding doch prädestiniert dafür wäre, für mit Holgi mal ne Runde zu quasseln. Für ihn wäre es wohl auch überaus interessant und lehrreich und nebenbei fällt für den Hörer noch eine Folge “Holgi spricht mit Gedöns…” oder als Part in den Ferngesprächen…. mach ihn doch mal drauf aufmerksam, dass es dich gibt… oder hast du das schon? Er redet bestimmt gerne über seine Krankeiten – so als ü40er 😀

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