Burger aus der Retorte

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Einfach. Erklärt.
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Fleisch essen hat diverse Problematiken. Wir essen längst nicht mehr die Kuh, die vorher nur ein paar Meter weiter auf der Weide stand und den ganzen Tag Gras gefressen hat soviel sie wollen. Nicht selten hat das, was auf unseren Tellern landet viele Kilometer hinter sich, kommt sogar von anderen Kontinenten daher. Das ist auch nicht besonders umweltfreundlich. Zudem gehen Getreide als Futtermittel verloren, die Tiere produzieren Treibhausgase und und und… Und dann haben einige von uns auch noch den treudoofen Blick der Kuh im Sinn, die nicht weiß dass sie nun gleich geschlatet wird. Trotzdem schmeckt uns Fleisch (Vegetarier mal ausgeschlossen, wobei es ja gut sein kann dass es Ihnen auch schmeckt) und wir wollen es trotzdem essen. Und zwar möglichst günstig.

„Jaaa“, dachte sich dann da ein kluger Wissenschaftler aus Maastricht, „wieso züchten wir nicht einfach Fleisch?“ Also keine Tiere – Fleisch! Wir Biologen haben schon länger eine Vorliebe für Zellkulturen. Das sind einfach Zellen die Tieren (auch Menschen) entnommen wurden und dann in kleinen Plastikschälchen in einem Medium weiterwachsen können. Die meisten Zellen die man so in einer Schale wachsen lässt, sterben nach ein paar Teilungen. Zum einen sind die Begebenheiten in so eine Plastikschale nicht so schön wie noch im Körper, zum anderen teilen sie sich häufiger und erreichen so ihr natürliches Lebensende. Wieso dem so ist werde ich noch verbloggen. Man kann Zellen aber auch immortalisieren, dann wachsen sie weiter. Krebszellen sind schon immortalisiert (das ist ja das Problem) und so wachsen sie oft auch so.

Die Forscher in Maastricht entnahmen aus Kuhmuskulatur Muskel-Stammzellen und kultivierten sie im Labor weiter. Muskel-Stammzellen sind nicht mehr alleskönnend (omnipotent) wie normale Stammzellen sondern schon spezialisiert darauf, Muskelzellen (man spricht hier von Muskelfasern) zu werden. Die Zellen formieren sich eigentlich von alleine zu höheren Strukturen, kleinen Bündeln, auch Fleischfasern genannt, denn sie sind darauf programmiert so zu wachsen. Im Labor gibt man ihnen noch Verankerungspunkte, damit sie wie ein kleiner Miniaturmuskel wachsen können (also so, wie ein Muskel mit beiden Enden am Knochen verbunden ist, sind die Muskelzellen hier mit der Plastikschale verbunden). Mit kleinen Elektroschocks werden die Muskeln quasi trainiert und ausgebildet, so das aus den frühen Muskelzellen ein richtiger Muskel wird. Die Muskelbündel werden mit Nährstoffen über ein Wachstumsmedium versorgt. Nach einer Weile werden sie dafür aber zu groß. Am Anfang können sich die Zellen noch über die reine Diffusion ernähren, sie schlucken einfach alles in ihrer Nähe. Je mehr Zellen aber im Bündel sind, desto weniger kommt in der Mitte des Bündels an. Also verlegten die Forscher künstliche Blutbahnen aus Zucker, ähnlich wie Blutgefäße. So wachsen die Muskeln heran, werden schließlich geerntet, mit Fett gemischt und zu Hamburgern verarbeitet.

Was nicht ganz so stark hervorgehoben wird ist, dass das Wachstumsmedium mit foetalem Kalbserum angereichert wird. Ja, das ist einfach nur „ausgeblutetes, ungeborenes Kalb“, wie mein Kollege eines Tages mal festgestellt hat. Auch die Inhaltsstoffe dieser Medien sind nicht unbedingt so einfach zu bekommen. Es enthält Hormone und Proteine, die nicht unaufwendig in ihrer Herstellung sind. Es wird außerdem eine Studie angeführt, die berechnet, dass kultiviertes Fleisch weniger Energie brauchen würde, wobei jedoch vermerkt ist, dass sich dies nicht auf die oben genannte Methode bezieht. Leider kann ich den Artikel nicht einsehen, denn ich wäre gespannt welche Methode sie meinen. Ich kann zumindest nicht glauben, dass die Herstellung von aufwendigen Wachstumsmedien und der Betrieb eines Labors günstiger ist, als konventionelle Viehhaltung, ob nun klimatisch oder rein fiskal. Interessant finde ich jedoch die Ortsunabhängigkeit der Produktion sowie eventuelle gesundheitliche Vorteile. Letzteres bezieht sich darauf, dass man das Fleisch natürlich so wachsen lassen kann wie man es möchte und weniger gesättigte Fettsäuren hinzufügt, da man viele Freiheiten in der Zusammensetzung des Fleisches hat.

Es bleibt ein sogenanntes Proof of Principle, ein Prototyp. Aber wieso eigentlich die Muskeln züchten? Wieso züchten wir die Proteine in den Muskeln, das Myoglobin? Oder ein anderes, nahrhaftes Protein? Das wäre vielleicht weniger aufwendig, weil man hier biotechnologische Verfahren anwenden könnte, man also die Zellen einfach für sich das gewünschte Produkt produzieren lässt.

Unschlüssig bin ich mir noch über den anonymen, privaten Geldgeber und die Tatsache, dass es ausgerechnet ein Hamburger wurde. Ob da ein Großkonzern seine Finger mit im Spiel hatte?

Sei es drum, ich hätte das Ding auch gerne mal probiert. Eigentlich darf man ja nichts essen was aus dem Labor kommt, aber hier hätte ich eine Ausnahme gemacht. Ich bin sehr gespannt wohin das Projekt führt.

Anna Müllner

Veröffentlicht von

zellmedien.de

Mein Name ist Anna Müllner, ich bin Biologin und habe in der Krebsforschung promoviert. Ich wohne im schönen Hessen und bin als PR-Beraterin für Gesundheitskommunikation tätig. Nach meinem Abitur beschloss ich Biologie zu studieren. Das tat ich zunächst an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die weder in Bonn ist, noch am Rhein. Aber einer der drei Campusse liegt wirklich an der Sieg. Das letzte Jahr dieses Studiums verbrachte ich in Schottland, an der Robert-Gordon University of Aberdeen wo ich ein bisschen in die Biomedizin und die Forensik schnuppern durfte. Danach entschied ich mich für ein Masterstudium an der Universität Heidelberg in Molekularer Biotechnologie was ich mit der Promotion fortsetzte.

3 Kommentare

  1. Wäre aus dieser Methode auch eine medizinische Anwendung denkbar? Also wenn es um die Reproduktion von Organen oder Gliedmaßen geht. Hier wären die enormen Preise immerhin tragbarer.

  2. Hm, also Muskelgewebe nachzubauen – da findet sich sicherlich auch medizinische Anwendung. Da müsste man nur das Problem mit der Blutversorgung lösen. Aber es gibt durchaus schon klinische Verwendung von im Labor gezüchteter Haut, Blutgefäßen und ähnlichem.
    Bis wir wirklich ganze Organe wachsen lassen können die funktionieren und günstiger sind als eine Transplantation (das klingt jetzt böse, ich weiß..) wird sicherlich noch einige Zeit vergehen. Mit einem Rattenherz hat man das schon mal geschafft. Hier zwei interessante Links, leider auf Englisch:
    http://www.nydailynews.com/life-style/health/scientists-work-grow-organs-transplants-article-1.1374818
    http://www.youtube.com/watch?v=C7m3vi_GGdc

  3. Ja, finde ich auch spannend. Ich kann mir schon vorstellen, dass das, wenn es im großen Maßstab gemacht wird und das Verfahren gut entwickelt wird, umweltfreundlicher wäre. Beim gegenwärtigen Stand der Forschung wird es das aber nicht sein.
    Dass es ein Hamburger wurde würde ich mal darauf zurückführen, dass man den recht formlos herstellen kann.

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