Truthahn à la Martienne

Die Moral einer Crew hängt bekanntermaßen stark vom Essen ab. Doch auf dem Mars erfordert die Essenszubereitung gelegentlich eine gewisse Improvisationsfähigkeit. Wir haben kein Mehl mehr? Zu dumm, wir haben weder Supermarkt noch Nachbarn in der Nähe. Im Herbst waren wir monatelang ohne Eier – und lernten, womit man sie alles ersetzen kann: Kuchen haben wir zum Beispiel mit Banenenmus als Bindemittel gebacken.

Auf der anderen Seite eröffnet unser ungewöhnliches Vorratsregal auch ungeahnte Möglichkeiten – wie einen sechsbeinigen Truthahn, bei dem jedes Crewmitglied einen Schenkel abbekommt. Um die Zubereitung eben jenes federlosen Federviehs soll es hier im Weiteren gehen.

Sechsbeiniger Truthahn, ein "Schenkel" für jedes Crewmitglied.

Sechsbeiniger Truthahn, ein “Schenkel” für jedes Crewmitglied.

 

Anleitung für einen Truthahn nach Mars-Art

1. Truthähne wachsen nicht auf dem Mars, aber unser Vorratsregal hat dosenweise Fleisch – Huhn, Rind, und eben auch Truthahn. Dieses Fleisch liegt in gewürfelter und gefriergetrockneter Form vor. Anders als unsere Erbsen, die ebenfalls gefriergetrocknet sind, wird das Fleisch nur in äußerst seltenen Fällen direkt aus der Dose geknuspert. Der erste Schritt besteht daher darin, die Fleischwürfel mit Wasser zu versetzen. Die Anleitung, die amerikanische Verschwendungslust voraussetzt, fordert dreimal soviel Wasser wie Fleischwürfel, tatsächlich reicht ein Bruchteil davon.

Unsere Vorrats"kammer".

Unsere Vorrats”kammer”.

 

Truthahnfleisch, gefriergetrocknet. Von der Dichte und Konsistenz (vor dem rehydrieren) her erinnert es entfernt an Erdnussflips.

Truthahnfleisch, gefriergetrocknet. Von der Dichte und Konsistenz (vor dem Rehydrieren) her erinnert es entfernt an Erdnussflips.

2. Das mühsam von Maschinen in Würfel zerkleinerte Fleisch muss in eine Truthahn-ähnliche Form gebracht werden, künstlerische Freiheit erlaubt. Cyprien hat ein wenig Mehl und Wasser hinzugefügt, um die Form zu erhalten, und zum Bräunen ein wenig Fett übergegossen. Solange er mit dem Truthahn beschäftigt ist, kommt er nicht auf die Idee, Frühstücksfleisch zu braten oder einen seiner Proteinshakes fragwürden Geruchs zu trinken.

3. Ab in den Backofen! Mit dem Truthahn natürlich. Der ist hoffentlich nicht breiter als ein normaler Teller, denn Größeres passt nicht in unseren Mini-Ofen.

4. Unser Thanksgiving-Truthahn hatte selbstverständlich auch eine Füllung. Der Einfachheit halber hat Shey sie aber separat zubereitet und als Beilage gereicht.

5. Als weitere Beilage wählten wir Kartoffelbrei. Wir haben keine (genießbaren) Kartoffeln hier, dafür paketeweise Kartoffelbreipulver. Dazu soll man laut Anleitung etwas Milch und Butter geben, beides haben wir nicht. Stattdessen fügen wir Wasser hinzu, Milchpulver und Butterersatz. Da das dann ziemlich langweilig schmeckt, fügen wir meist noch etwas Gemüse und vor allem Gewürze hinzu. Carmel hat einmal nicht aufgepasst und einen Schwung Knoblauch über den Kartoffelbrei geschüttet. Dummerweise fassen unsere Gewürzcontainer nahezu einen halben Liter, mit Schüttöffnungen in angemessener Größe. Carmel erwischte die falsche Seite, und im Brei landete etwa eine Tasse Knoblauchpulver. Sie entfernte das meiste, dennoch mussten selbst unsere Knoblauchfreunde in der Crew husten.

6. Gemüse zubereiten. Genau wie unser Fleisch ist unser Gemüse gefriergetrocknet, was letztendlich heißt, dass unsere “Zubereitung” in der Regel gleichbedeutend ist mit “mit kochendem Wasser übergießen”. Es sei denn, man heißt Carmel und isst das Gemüse schüsselweise “roh” als Snack zwischendrin. Ach ja, egal welches Gericht gekocht wird, Carmel wird eine extra Schüssel Spinat dazu essen. Deshalb hatten wir nach unserer Januar-Lieferung auch etwa 24 Dosen Spinat in der Küche stehen.

Spinat, gefriergetrocknet.

Spinat, gefriergetrocknet.

Und, weil wir dabei sind: Eipulver.

Und, weil wir dabei sind: Eipulver.

7. Andrzej liebt es, die Soße zu naschen äh zuzubereiten. Große Überraschung, das geschieht, indem er fertiges Soßenpulver mit Wasser übergießt. Meist verschwinden kurz darauf einige Löffel voll. Das ist aber nicht schlimm, da er ohnehin das Zehnfache der benötigten Menge herstellt, um später die Reste auflöffeln zu können.

8. Zwischendrin sollte irgendwann Tristan von seinem Computergrafikerstellprogramm aufsehen und vorbeikommen. Er wird dann Cyprien in ein Gespräch über das Verhältnis zwischen Han Solo und Chewbacca verwickeln. Gegebenenfalls wird sich dann Andrzej dazu gesellen und über irgendetwas Nebensächliches schwadronieren, dann das Gespräch irgendwie darauf lenken, wie er im Anschluss an eine zweiwöchige Simulation mit dem Kauf von simpler Zahnseide überfordert war, und so früher oder später alle restlichen Crewmitglieder aus der Küche vertreiben.

9. Das ist auch gut so, denn so ist die Bühne frei für Shey. Schnell die Kamera aufgebaut, ein mütterlich-gütiges Lächeln aufgesetzt und dann irgendetwas zubereitet, was sonst ohne Kamera nie zubereitet wird.

10. In der Zwischenzeit Cookies bei der Ernte des Grünkohls überwachen. Ich bin sicher, dass da vorhin noch ein paar mehr Blätter waren… Bei ergiebiger Ernte gibt es mehr als nur ein handtellergroßes Blatt pro Person, ein Festmahl!

So sieht's aus, wenn ich koche...

So sieht’s aus, wenn ich koche… Der große Vorteil des Gefriergetrockneten: das Putzen und Zerschneiden entfällt, alles kann direkt von der Dose in den Topf geschüttet werden.

11. Da es bisher kein anderer gemacht hat, deckt Carmel schnell den Tisch. Nach und nach trudeln alle Crewmitglieder wieder in der Küche ein. Jeder setzt sich auf seinen Platz – Cookies, nachdem sie sich wie gewöhnlich in ihre Decke gewickelt hat, und Tristan, nachdem er seinen persönlichen, metallenen Vakuumbecher mit Tee aufgefüllt hat. Da er nicht weiß, wo seine restlichen zehn Gläser abgeblieben sind, wird Cyprien sich ein weiteres aus dem Schrank holen.

12. Mit einer Batterie an Gewürzen wird Shey das Essen auf ihrem Teller verfeinern. Anders als wenn sie ihr “Höllenpopcorn” für sich zubereitet, muss der Rest der Crew nicht für den Rest des Abends husten.

Wenn die Crew dann endlich selig isst, wird Cyprien mit seinem französischen Akzent für erheiternde Verwirrung sorgen: So läuft eine (Fest-)Mahlzeit im ‘abitat von ‘I-SIS ab.

Weihnachtsdinner mit sechsbeinigem Truthahn und Füllung als Beilage.

Weihnachtsdinner mit sechsbeinigem Truthahn und Füllung als Beilage.

Und zum Abschluss: Meine Lieblingsbox am Ende der Vorratsregale :)

Und zum Abschluss: Meine Lieblingsbox am Ende des Vorratsregals 🙂

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ohje, “abitat von ‘I-SIS”…
    Vielleicht kommen am Ende noch die “HI-SEALS” im “abitat” vorbei. 😉
    Irgendwer “auf der Erde” freut sich bestimmt auf die aktuellen Fragebögen. 😉

    Scherz beiseite:
    Ich frage mich gerade, ob es sinnvoll sein könnte, Essen mit normalem Wassergehalt unter Beibehaltung des Wassers marstauglich zu konservieren statt gefriergetrocknetes Essen mit viel wertvollem Frisch-Wasser zu wässern und dann auch noch zu kochen.

    Andererseits macht zum Beispiel “Pillen-basiertes Essen” ja angeblich unglücklich, wobei
    ich nicht weiß, welche Studien es dazu aus Raumfahrt-Gründen schon vor HI-SEAS gab.

    Gruß

    Charly

    • Habe den Kommentar eben wie gewünscht geändert 😉

      Wasser ist in jeder Form wertvoll – aber wenn man es im “normalen” Essen belässt, kann man es so lange nicht für andere Zwecke verwenden. Statt tonnenweise “nasse” Nahrung mitzuschleppen ist es durchaus sinnvoller, das Wasser lieber “roh” mitzunehmen und mehrmals (das gleiche Wasser!) für die Nahrungsaufnahme zu verwenden.

      Dazu kommt, dass HI-SEAS I gezielt den Unterschied zwischen Tubennahrung und richtigem Essen beleuchtet hat. Tubennahrung führt zum einen dazu, dass die Crew tendenziell nur gerade so viel isst, wie sie zum Überleben braucht, statt sich richtig satt zu essen. Richtiges Essen zu kochen ist dagegen nicht nur näher an dem, was wir auf der Erde gewohnt sind, sondern auch um Längen sozialer, besonders wenn zusammen gekocht wird.

  2. Hallo Christiane,
    bin auch wie andere über dein Interview mit der Psychologie heute auf deinen Blog gestoßen. Ich finde das Projekt HI-SEAS wichtig und richtig. Den Mut und die Ausdauer der Teammitglieder kann ich nur bewundern. Meine Frage an dich betrifft zwei Bücher, die ich vor einiger Zeit gelesen habe: The Marsian von Andy Weir und Seveneves von Neal Stevenson. Hat mir beide mein Sohn (37) empfohlen. Ich hoffe, das du oder vielleicht andere Teammitglieder sie gelesen habt und frage mich wie realistisch du die Bücher speziell zum Thema Langzeitmission und leben in beengten Räumen mit ewig den gleichen Kontaktpersonen siehst. Zum Glück ist das Thema Sauerstoff bei Euch ja keines. Sitze gerade auf einem Campingplatz an der Ostsee, kurz nach Sonnenuntergang, 15 Grad.

    • Den Marsianer habe ich gelesen, und fand ihn sowohl aus technischer Sicht wie auch psychologischer Sicht bis auf einige wenige Ausnahmestellen realistisch. Völlig allein auf einem fremden Planeten ums Überleben kämpfen – da kann man eigentlich nur entweder gleich verzweifelt aufgeben oder sich wie Watney durchbeißen.
      Neal Stevenson kenne ich zwar (Snowcrash), aber nicht Seveneves.

Schreibe einen Kommentar zu Charly Antworten abbrechen




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben

E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
-- Auch möglich: Abo ohne Kommentar. +