Luftlos

„Hab, hier ist EVA. Meine Luftversorgung ist soeben ausgefallen.“ Als ich diesen Funkspruch absetzte, stand ich auf einer kleinen Anhöhe wenige Hundert Meter vom Eingang zu unserem Habitat entfernt. Mein EVA-Partner versuchte sofort, die Stromzufuhr für das Lebens­erhaltungs­system auf meinem Rücken neuzustarten. Erfolglos.

Ich wusste von einem früheren Außeneinsatz, dass mir nicht viel Zeit blieb. Damals war die Luftzufuhr zu meinem Helm unterbrochen, was ich aber noch in der Luftschleuse bemerkte: Die Luft war schlecht, mein Puls stieg an und mein Atem ging immer schneller, ohne dass ich mich bewegte. Mit der Hand an der Wand um mein Gleichgewicht zu halten bat ich Habcom, die Person am Funkgerät in der Station, die Dekompressionsphase abzubrechen. Wir warteten das Ende der Re-Kompression ab, bis mir jemand meinen Helm abnahm.

An jenem Tag behalfen wir uns damit, einen der Luftschläuche, die eigentlich dazu dienen, die Arme zu kühlen, in den Helm zu verlegen. Da diese Schläuche aber deutliche enger sind, ging mir schon bei der geringsten Anstrengung buchstäblich die Luft aus. So brauchte ich etliche Verschnaufpausen, nur um einen winzigen Hügel direkt hinter dem Hab zu erklimmen. Ich konnte meine Aufgabe erfolgreich zu Ende bringen, war aber heilfroh, als ich verschwitzt und nach Luft schnappend aus dem stickigen Anzug gezogen wurde.

Als ich nun auf dem Hügel stand und meine Luftversorgung ausfiel, hatte ich diese Option nicht. Normalerweise ist man im Helm von einem konstanten Brummen und Sirren umgeben, jetzt aber war es auf einmal völlig still. Das hieß, dass die Ventilatoren komplett ausgefallen waren und ich überhaupt keine frische Luft mehr in den Anzug bekam. Wir mussten zurück zum Hab und so schnell wie möglich meinen Helm abnemen. Unsere Außenarbeit war zum Glück so gut wie getan, und mein Partner und ich sammelten nur noch einige Werkzeuge ein, dann machten wir uns auf den Rückweg.

Wenige Minuten später erreichten wir die Luftschleuse. Mein Helm war beschlagen, ich rang nach Luft – und es lagen noch endlose fünf Minuten vor mir. Ich setzte mich auf den Boden und lehnte mich zurück. Ich zwang mich, langsam und dafür tief zu atmen, trotzdem fühlten sich meine Lungen leer an. Noch während wir auf das Ende der Kompression warteten, fiel auch die Luftversorgung meines Begleiters aus – unsere Akkus waren leer! Das Resultat einer Ansammlung von Problemen, die wir am Anfang der EVA hatten. Habcom sagte nicht einmal das Ende der Dekompressionsphase an, sondern öffnete stattdessen sofort die Luftschleuse.

Zwanzig Minuten später war ich mit einem Wasserglas in der Hand und einer Lunge voll Luft der glücklichste Mensch des Planeten.

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah.

Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Guten Tag,
    ich hätte da einige kleine Verständnisfragen und bitte um Nachsicht falls ich die Antworten überlesen habe:
    Annahmen:
    1. Ein angenommener Astronaut mit einem realen “Raumanzug”.
    2. Das zu untersuchende Modell weicht von der Realität ab.
    3. Modell: Der Raumanzug unterbindet den Kontakt von nicht atembarer Außenatmosphäre und atembarer Helmatmosphäre.
    4. Realität: Der Raumanzug unterbindet den Kontakt von nicht (oder immer schlechter) atembarer Helmatmosphäre und atembarer Außenatmosphäre.
    5. Aus der Realität ergibt sich eine reale Gefahr, wenn das Modell nicht aufgegeben wird.
    =>
    Fragen:
    * Schildern die Annahmen den Sachverhalt richtig?
    * Sind z. B. Kompression und Dekompression etc. Modell oder real?
    * Gibt es eine technische Möglichkeit, das Modell aufzugeben? (Helm abnehmen/einschlagen…)
    * Gibt es eine festgelegte Prozedur, wann und wie das Modell aufgegeben werden kann/darf/muss?

    Freundliche Grüße

    Charly

  2. Hallo Charly,

    vielen Dank für die Nachfrage! Sie zeigt, was ich beim nächsten Mal besser beschreiben sollte.
    Die fünf Punkte sind so weit richtig, unser “Lebenserhaltungssystem” besteht, zumindest was die Luftversorgung angeht, aus Ventilatoren, die Umgebungsluft in unsere Anzüge befördern.

    Zu den Fragen: Eine echte Dekompression oder Druckangleichung brauchen wir nicht, weil wir im Habitat den gleichen Druck wie draußen haben. Unsere simulierte Dekompression ist dazu da, unseren Aus- bzw. Einstieg zu verzögern: Man überlegt zweimal, ob man auch wirklich alle Werkzeuge dabei hat.

    Die Möglichkeit, die Simulation zu unterbrechen oder, wie Sie es nennen, das Modell aufzugeben besteht, aber es gibt keine festgelegte Prozedur. Es liegt an uns, die Simulation so nah wie möglich einzuhalten. In gefährlichen Situationen (wie eben die Atemnot) müssen wir selbst abwägen, ob es sinnvoll ist, “in Simulation” zu bleiben. Auf der einen Seite kann man auf dem Mars den Helm auch nicht einfach abnehmen, auf der anderen Seite ist es nicht Ziel der Studie, dass wir in ihrem Verlauf ersticken.

    In dem geschilderten Fall schien mir das eigene gesundheitliche Risiko überschaubar; ich wusste, dass ich es mit dem verbleibenden Sauerstoff bis zum Habitat schaffen konnte und im – ungewollten – Falle einer Ohnmacht in der Luftschleuse hätte mein Partner meinen Helm mit zwei Handgriffen sehr leicht abnehmen können und eine ausgebildete Ärztin war nur wenige Meter entfernt. Um genau zu sein stand sie seit meinem Funkspruch direkt hinter dem Habcom und fragte regelmäßig nach meinem Zustand.

  3. Es klingt vielleicht ein wenig zynisch, aber: Wie schön, dass Murphy hier schon zuschlägt und nicht erst auf dem Mars. (nicht dass er dort nicht trotzdem noch zuschlagen wird…)

  4. “ich wusste, dass ich es mit dem verbleibenden Sauerstoff bis zum Habitat schaffen konnte”

    “Um genau zu sein”, das Problem scheint mir weniger ein Mangel an Sauerstoff in den EVA-Klamotten gewesen zu sein, als vielmehr eine dortige Anreicherung des Kohlenstoffdioxids. Ich schätze mal, in deinem Blut war der Sauerstoff-Partialdruck noch im Normbereich, aber das zu viel an Kohlenstoffdioxid lies dich leiden.

    “ich rang nach Luft”

    Ich rang mit mir, ob ich das überhaupt kommentieren soll. Du wolltest das Kohlendioxid loswerden, ich – lustlos – diese Nebensächlichkeit.

    “Auf der einen Seite kann man auf dem Mars den Helm auch nicht einfach abnehmen”

    Auf der anderen Seite kann man das doch! Das würde dann allerdings vermutlich sehr schnell Folgen haben auch für den Sauerstoff-Partialdruck. Die anwesende Ärztin weiß sicherlich mehr.

    • Um genau zu sein… Sie haben recht! Es ist vermutlich eine Kombination beider Gase, aber das Kohlendioxid dürfte den größeren Einfluss haben. Nach Luft kann man trotzdem ringen, glauben Sie mir – das erste Einatmen ohne Helm war eine Erleichterung, das Ausatmen hat sich kaum anders angefühlt.

  5. Respekt für’s Nerven bewahren. Dennoch fahrlässige Konstruktion ohne Redundanz oder Notfallkonzept. Eine kleine versiegelte Notfallgaskartusche könnte im Ernstfall ein paar extra Minuten Sauerstoff liefern, z.B. anschraubbar an ein Einlassventil am Anzug. Ja, ich weiss alles nur Simulation. Aber so etwas würde ja auch psychisch als ein “Rettungsseil” dienen.
    Des Weiteren zum beschlagenen Helm, Aquarien werden z.B. mit Magneten außen und Wischer innen gereinigt. So etwas ließe sich auch am gekrümten Helmglas adaptieren. Ist keine NASAfähige Lösung aber ggf. provisorisch. Natürlich hat man in so einer Stresssituation andere Probleme als freie Sicht.
    Weiterhin viel Erfolg beim Tanz auf dem Vulkan.

    • Ich denke, das redundante System fehlt, eben weil es im Notfall so einfach ist, den Helm abzunehmen. Dumm nur, dass wir damit die Simulation unterbrechen. Ich wäre entsetzt, wenn ein “echter” Raumanzug KEINE zweite Luftversorgung hätte.
      Zum Beschlagen: Wir reiben unsere Helme mit Seifenwasser ein, was bei mir normalerweise völlig ausreicht, den Helm am Beschlagen zu hindern. Das Problem war wohl der deutlich erhöhte Wasseranteil in der Luft, nachdem die Ventilatoren ausgefallen waren.
      Gute Sicht ist gerade in so einer Notsituation wichtig: ein Sturz würde die Rückkehr ins Habitat noch weiter verzögern.

  6. Versteh ich das richtig, dass ihr beim ersten Mal die EVA noch in der Luftschleuse abgebrochen habt, dann aber doch noch mit einem provisorisch “reparierten” Anzug rausgegangen seid? Ich vermute mal, ihr wolltet die Zeit sparen, den defekten Anzug aus- und einen intakten anzuziehen – aber würde man das auf dem Mars auch tun?

    • Bevor wir es ausprobiert haben, wussten wir ja nicht, dass der Armschlauch zu wenig Luft liefert. Bis zur Luftschleuse war alles gut, und auch auf ebenem Terrain konnte ich noch problemlos laufen – in dem Anzug bewegt man sich ohnehin nicht gerade schnell. Erst als es den Hügel hochgehen sollte, fiel mir überhaupt auf, dass ich weniger Luft bekam als meine Partnerin. An dem Punkt schien es mir aber nicht notwendig, eine EVA abzubrechen, die nur etwa eine halbe Stunde dauern sollte.

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