Gruppendynamik

Noch bevor wir vor zwei Wochen in unser Habitat eingezogen sind, haben sich gewisse Untergliederungen in unserer Gruppe abgezeichnet. Obwohl wir keinerlei Scheu hatten und haben, mit den anderen zu interagieren, hätten wohl die meisten von uns recht genau vorhersagen können, wer die meiste Zeit mit wem verbringen wird. Um zu zeigen, was ich meine, muss ich ein wenig auf unsere individuellen Vorgeschichten eingehen.

Als wir uns das erste Mal als Finalisten für die neue HI-SEAS Crew trafen, kannten sich einige von uns schon. Shey und Andrzej beispielsweise hatten einige Monate zuvor gemeinsam an HERA teil­genommen, einer NASA-Studie, die eine zweiwöchige Reise zu einem Asteroiden simuliert. Die zweite vorgeformte Gruppe bestand aus Carmel, Cyprien und mir. Wir hatten uns im Rahmen des Aus­wahl­prozesses für eine einjährige Marssimulation in der Arktis kennen gelernt und haben ebenfalls schon zwei Wochen miteinander verbracht. Wenig überraschend war der Umgang innerhalb der beiden Grup­pen von vornherein deutlich vertrauter als zwischen den Personen, die einander noch nicht kannten.

Erste Geburtstagsfeier auf dem "Mars": Shey wurde vor ein paar Tagen 37.

Erste Geburtstagsfeier auf dem “Mars”: Shey wurde vor ein paar Tagen 37.

Sehr schnell wurde uns bewusst, dass wir besonders an der Aufhebung der Grenzen zwischen den Gruppen arbeiten würden müssen um als Team erfolgreich zu sein. Außerdem galt es, unsere „Einzelperson“ Tristan schnellstmöglich einzugliedern. Glücklicherweise hatte die Kombination 3+2+1 nicht lange Bestand, und es haben sich im Laufe der letzten Wochen stattdessen drei Zweiergruppen herausgebildet. Das eine Zweierteam besteht, wenig überraschend, aus Shey und Andrzej. Die beiden anderen Teams sind Carmel und Tristan, und Cyprien und ich.

In der Woche vor unserem Einzug begleitete uns eine Radioreporterin, die mich fragte, ob ich mich mit Cyprien so gut verstehe, weil wir beide die einzigen Europäer sind. Sie hat gut beobachtet, aber unsere kulturelle Herkunft ist nur ein Teil der Geschichte. Wir sind mit Abstand die Schweigsamsten in der ganzen Gruppe und hatten, gerade in den zwei Monaten vor der Mission mit den gleichen Hürden zu kämpfen. Wir beide mussten einen Umzug von einem europäischen Land in ein anderes organisieren, bevor wir nach Hawaii aufbrechen konnten, und wir konnten uns beim jeweils anderen über die nervenraubenden Einreiseformalitäten ausheulen. Das schweißt zusammen.

Carmel und Tristan stammen beide aus Montana. Sie sind beide Frühaufsteher, lieben Berge, lachen über die gleichen derben Witze und sind extrem bodenständig. Carmel hat in Tristan ihr williges Opfer gefunden, das ihr durch ihre Dutzenden Workout-Videos folgt. Tristan versucht seit Tagen, Carmels kitzligste Stelle zu finden – unter anderem auch, weil wir ihm unvorsichtigerweise erzählt haben, dass wir die gleiche haben und er hofft, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Carmel hat Tristan gezeigt, wie man Brot backt, Tristan hat Carmel einige seiner Lieblings-Science-Fiction-Filme gezeigt. Beide werden von den Medien großteils ignoriert, während Shey und Andrzej, die beide ebenfalls US-Amerikaner sind, mit Medienanfragen zugeschüttet werden. Auch das schweißt zusammen.

Shey bringt Tristan bei, Brot zu backen.

Shey bringt Tristan bei, Brot zu backen.

Kurz nach Missionsstart haben wir angefangen, Salsa zu lernen. Es ist wohl unschwer zu erraten, wer mit wem tanzt. Aber wenn es darum geht, Tristan auszukitzeln oder Cyprien wegen seiner Schlaksigkeit oder seiner manchmal eigenwilligen Aussprache aufzuziehen, tun sich schonmal alle drei Frauen zusammen (so dachten wir einmal, Cyprien sprach von seiner Unterwäsche – „underwear“, bis sich herausstellte, dass er von „Andy Weir“ sprach, dem Autor von The Martian, den er für seinen Blog interviewt hat). Unseren ersten Schaumstoff-Schwertkampf haben Cyprien und Shey ausgefochten, und Tristan und Andrzej „beichten“ sich gern mal gegenseitig ihre Salsa-Unkünste.

Wenn jemand Küchendienst hat, gibt es jeweils genau eine Person, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls in der Küche anzutreffen ist. Aber das heißt nicht, dass nicht auch mal jemand anderes vorbeischaut und ein wenig abwäscht um den Hauptdienst zu entlasten. Und wenn es darum geht, jemandem für eine Außentätigkeit in den Raumanzug zu helfen, ist es ohnehin egal, um wen es geht: jeder fasst an, wo er kann.

Der schwierigste Teil ist geschafft, Cyprien steckt im Anzug. Jetzt macht Shey noch ein paar letzte Anpassungen während Andrzej das Lebenserhaltungssystem startet (dazu später mehr).

Der schwierigste Teil ist geschafft, Cyprien steckt im Anzug. Jetzt macht Shey noch ein paar letzte Anpassungen während Andrzej das Lebenserhaltungssystem startet (dazu später mehr).

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah.

Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Marsbewohner, (darf ich hoffentlich so sagen)
    vor ein paar Tagen entdeckt und schon fieber ich mit. Ich hoffe sehr, die Erlebnisse der Mars-Crew weiterverfolgen zu dürfen. Schaue schon mit ganz anderen Augen in den Himmel (ja, ich weiß …)

    Von der Erde, Schulbibliothek der Latina A.H.F., der Bibliothekar

    • Solche Kommentare liest man gern 🙂
      In den nächsten beiden Beiträgen wird es um EVA/Außentätigkeiten gehen, und auch danach wird mir der Stoff so schnell nicht ausgehen.
      Viel Spaß weiterhin beim Schmökern!

  2. Hi Christiane,

    ich habe in einem kurzen TV Beitrag von deinem Blog erfahren und verfolge ihn nun gespannt. Ich hoffe du schreibst weiter so häufig.

    Ich wünsche euch viel Spaß und Erfolg!

  3. danke für die spannenden und lustigen berichte
    schon süchtig geworden 🙂
    in Bitterfeld zur Zeit nass-kaltes Wetter
    liebe grüße in die Mars-Station

  4. Guten Tag Frau Heinicke,
    ich lese mir im Rahmen meiner BA gerade ihre Blogeinträge durch.
    Besteht die Möglichkeit mir auf kurzem Wege detailierte Auskünfte zur Gruppendynamik und dem Verhalten der Personen im Hab zu geben?

    Das Thema meiner BA ist “Rollen in Teams in Extremsituationen” und eine Marsexploration auf Hawaii ist schon reichlich extrem.

    Über eine Antwort und die Möglichkeit der Kommunikation würde ich mich freuen.

    Beste Grüße
    Tom Sperschneider
    Student der HTWK Leipzig

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