Gelandet

Die Sonne scheint, der Himmel ist komplett wolkenlos. Ein kühler Wind streicht über mein Gesicht, während ich mit den fünf anderen auf das Signal warte. Noch wenige Minuten, dann werden wir das Habitat betreten und vom Rest der Welt abgeschnitten sein.

Aufregung? Nervosität? Gar überwältigt von dem, was uns bevorsteht? Fehlanzeige. Keiner von uns hatte in den letzten Tagen auch nur eine Sekunde Zeit, über die unmittelbare Zukunft nachzudenken. Einweisungen in die Habitatsysteme, Einweisungen in die Sozialexperimente, Einweisungen in die geologische Feldforschung – alles in fünf volle Tage gedrängt, weniger Zeit als die letzte Crew zur Verfügung hatte. Jeden Tag sind wir später ins Bett gegangen als am Abend zuvor, und jeden Morgen klingelte der Wecker früher.

Jetzt stehen wir nebeneinander und schauen auf die Wissenschaftler, die uns in der letzten Woche begleitet und uns soviel Arbeit wie möglich abgenommen hatten. Während wir über scharfkantige Lava balancierten, kochten sie unser Abendessen. Während wir über geologischen Karten brüteten, erledigten sie im Hintergrund den Abwasch. Jetzt schütteln wir ihre Hände, und wir umarmen uns.

Dann wenden wir uns der Tür zu, deren Klinke wir gleich zum letzten Mal für eine lange Zeit mit unserer nackten Hand berühren würden. Einer nach dem anderen tritt durch die Tür. Carmel, unsere Kommandantin, ist die letzte. Sie winkt noch einmal kurz in die Kameras, dann schließt sie die Tür – und wir sind allein.

Unmittelbar vor dem Einzug ins Habitat. Das Foto wurde freundlicherweise von Pete Roma zur Verfügung gestellt.

Unmittelbar vor dem Einzug ins Habitat. Das Foto wurde freundlicherweise von Pete Roma zur Verfügung gestellt.

Und nun? Sind wir auf dem simulierten Mars. Wir beschließen, zu etwas Musik zu tanzen, aber niemand hat daran gedacht, gute Musik für unseren Einzug parat zu haben, wir waren einfach zu abgelenkt. Bis etwas Tanzbares gefunden ist, ist der Moment verflogen, und wir machen uns an die Arbeit: Dutzende Kisten und Kartons warten darauf, ausgepackt zu werden. Irgendwann später am Nachmittag erhalten wir die Nachricht, dass alle „Erdlinge“ abgezogen sind. Nun können wir die Abdeckungen von den Fenstern entfernen, die dafür sorgen, dass wir auch bei Nachschublieferungen keine anderen Menschen als uns sechs zu Gesicht bekommen.

In den Tagen vor unserem Einzug waren wir schon zweimal im Habitat gewesen, wir haben einmal übernachtet und prompt einen Stromausfall gehabt. Zu der Zeit konnten wir noch unbegrenzt ein- und ausgehen um den Fehler zu suchen. Wir gingen auch aus und ein um Autos zu entladen und uns mit den Innen- und Außensystemen vertraut zu machen. Jetzt haben wir alles Notwendige im Inneren unseres neuen Zuhauses und wir bewegen uns innerhalb geschlossener Türen. Nur langsam realisieren wir, dass die Tage im Freien vorbei sind und wir von nun an ausschließlich „drinnen“ sein werden. Drinnen im Habitat, drinnen im Raumanzug.

In den nächsten Tagen bemühe ich mich, meinen Schlaf langsam wieder an meinen normalen Rhythmus anzugleichen. Die Umgebung ist ungewohnt. Die Wände sind hellhörig. Das Essen ist gut, aber anders als gewohnt. Das Habitat wirkt riesig, definitiv größer als meine letzte Wohnung. Vor allem der ungehinderte Blick an die mehr als 5m hohe Decke lässt das Habitat geräumig erscheinen. Aber der Blick an die Decke zeigt auch: Ich sitze in einer Kuppel, bis auf die Luftschleuse und dem angeschlossenen Lagercontainer ist das mein Lebensraum für die nächsten Monate.

Vor einigen Tagen habe ich mich zum ersten Mal aufs Fahrrad gesetzt. Da, wo ich zuletzt gewohnt habe, bin ich jeden Tag eine halbe Stunde mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Auf dem Nachhauseweg habe ich oft den Sonnenuntergang über der Bucht beobachtet, die ich umfahren musste. Hier in der Kuppel, auf dem Fahrrad, mit der gleichen Musik im Ohr wie damals, habe ich den gleichen Sonnenuntergang wieder vor mir gesehen.

Heute, acht Tage nach unserem Einzug, bin ich dem Begreifen näher gekommen. Mein Kopf begreift so langsam, dass die weiße, kuppelförmig gespannte Plane praktisch alles umfasst, was ich in den nächsten Monaten sehen werde. Ich sage bewusst Monate, denn das komplette Jahr ist noch immer nicht in meinem Kopf angekommen.

Gestern war ich zum ersten Mal außerhalb der Kuppel, außerhalb des Habitats. Ich vermeide das Wort „draußen“, denn mit „draußen“ assoziiere ich Wind und uneingeschränkte Bewegungsfreiheit. Tatsächlich war ich mit Shey im Raumanzug unterwegs. Den Ausflug werde ich an anderer Stelle beschreiben; hier sei nur gesagt, dass er wegen technischer Probleme nicht sonderlich angenehm verlief.

Wir sind jetzt seit gut einer Woche im Habitat, aber anfangs war ich eigentlich gedanklich noch auf der Erde. Erst als ich verschwitzt, erschöpft, und nach Luft schnappend dem Raumanzug entkommen war, war ich wirklich angekommen. Erst in dem Moment, als ich ehrlich froh war, wieder im Habitat zu sein, bin ich wirklich auf dem simulierten Mars gelandet: Hier ist jetzt mein neues Zuhause.

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Erst in dem Moment, als ich ehrlich froh war, wieder im Habitat zu sein, bin ich wirklich auf dem simulierten Mars gelandet: Hier ist jetzt mein neues Zuhause.

    Bewiesen werden könnte, derartige Expedition betreffend, dass das “Kaninchen” oder die Apparatur nicht vor Ort sein müssen, wenn derartig versendet.
    Es spricht einige dafür Apparatur bei derartigen Vorhaben zu versenden,
    Ansonsten würde Ihr Kommentatorenfreund davon ausgehen wollen, dass Sie letztlich nicht auf dem ‘simulierten Mars’ gelandet sich und dbzgl, sich bewusst waren.
    MFG
    Dr, W

    • Keine Sorge, ich lasse mich von einigen kritischen Kommentaren nicht beirren 😉 Dass die Studie nur einen Teilaspekt eines bemannten Marsfluges abdeckt, ist, denke ich, jedem hier bewusst.
      Den ersten Teil Ihres Kommentars habe ich allerdings nicht ganz verstanden.

  2. Liebe Christine,

    als ich über den Einzug und die Frage der Musik las, habe ich mich gefragt, wie das mit persönlichen Gegenständen gehandhabt wurde: War es egal, was mitgebracht wurde? Gab es eine Grenze in Anzahl oder Gewicht? Wenn man wirklich zum Mars flöge, käme es bei allem ja sicher auf das Gewicht an. Ich hoffe, die Frage ist nicht zu privat.

    Viele Grüße, Sylvia

    • Nein, es gab keine feste Begrenzung. Im Prinzip konnten wir alles mitbringen, das sich in ein oder zwei Koffern transportieren lässt, dazu Forschungsgegenstände, die sich verschicken lassen. Da wir aber wussten, dass wir wenig Platz haben würden, haben wir uns natürlich auf das Nötigste beschränkt.
      Bei Raumflügen will man die Masse so gering wie möglich halten; auf der anderen Seite muss man aber die Crewmoral im Auge behalten. Ein Verzicht gerade bei Musikinstrumenten widerspräche jahrhundertelanger Erfahrung von Expeditionen in entlegene Gebiete.

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