Frisches Obst und frische Lava

28. August – der Tag unseres Einzugs ins Habitat – morgens kurz nach neun. Nach einer intensiven Traininswoche mit wenig Schlaf warten Cyprien und ich auf den Skype-Anruf des International Office der University of Hawaii. Die Visumsbestimmungen der USA gelten auch für Marssimulanten und sie besagen, dass wir uns noch vor Beginn der Simulation persönlich bei der Universität melden und allerlei Dokumente einreichen müssen. „Persönlich“ heißt hier glücklicherweise: per Skype-Video. Wegen der vollgepackten vergangenen Tage haben wir das letzte Formular erst vor wenigen Minuten als Foto gemailt.

Das Gespräch dauert eine halbe Stunde und dabei stellt sich heraus, dass ich noch weitere Formalitäten erledigen muss. Statt mit den anderen ein paar letzte Einkäufe zu erledigen, fahre ich mit Kim Binsted, der Studienleiterin, zur nächsten Sozialversichungsstelle und anschließend zur Bank um ein Konto zu eröffnen. Den Sozialversicherungsantrag kann ich problemlos stellen, das Bankkonto gibt es erst, nachdem Kim und die Bankangestellte Familiengeschichten ausgetauscht haben. Kim klärt mich auf: wer auf Hawaii von den Einheimischen akzeptiert werden will, muss Zeit für persönliche Gespräche mitbringen.

Frühstück auf hawaiianisch: Frische Ananas, bevor wir nur noch Trockenobst essen können.

Frühstück auf hawaiianisch: Frische Ananas, bevor wir nur noch Trockenobst essen können.

Zwei Tage zuvor waren wir der Hawaiianischen Kultur schon einmal begegnet, zu der Zeit aber mit voller Absicht: Für die Einheimischen, deren Vorfahren vor rund anderthalb Tausend Jahren nach Hawaii kamen, sind große Teile der Insel heilig, insbesondere die beiden dominanten Vulkane Mauna Loa und Mauna Kea. Als die ersten Teleskope auf Mauna Kea gebaut wurden, hat man die Wünsche der Einheimischen weitgehend ignoriert. Die resultierenden Konflikte konnten zwar zum Großteil beigelegt werden, flammten aber mit den Bauarbeiten des Thirty-Meter-Telescope wieder auf. Um ähnlichen Konflikten aus dem Weg zu gehen, haben die beteiligten Forscher das HI-SEAS-Habitat auf dem vergleichsweise unbeachteten Mauna Loa errichtet, und auch sonst geben sie sich alle Mühe, nicht den Unmut der Einheimischen zu erregen.

So steht das Habitat zum Beispiel in einem alten Steinbruch auf halber Höhe des Vulkans: nicht auf dem Gipfel, der ja heilig ist, und auf Boden, der durch frühere Arbeiten ohnehin schon beschädigt ist. Zusätzlich nehmen alle Crewmitglieder seit Beginn der ersten Studie an einem kulturellen Training teil. Nur wenn man weiß, woran man heilige Steine erkennt, kann man sie bei geologischen Untersuchungen aussparen. Zusätzlich haben wir zusammen mit Koa, einer zugegeben sehr wissenschaftsfreundlich eingestellten Hawaiianerin, den Vulkangöttern ein Opfer gebracht um sie unserer Mission gegenüber freundlich zu stimmen. Wir haben (sehr leckeres!) Essen aus einheimischen Zutaten mit ihnen geteilt; dazu gehören unter anderem süße Kartoffeln, Zuckerrohr und frische Kokosnuss.

Leckeres hawaiianisches Essen...

Leckeres hawaiianisches Essen…

 

... gebündelt und der Vulkangöttin Pele dargeboten.

… gebündelt und der Vulkangöttin Pele dargeboten.

Die Namen der Gerichte habe ich an diesem Nachmittag nicht behalten, dafür eine Zahl: 100.000. So viele Jahre dauert es im Schnitt, bis ein neuer Pflanzensamen die Hawaii-Inseln erreicht. Da Hawaii Tausende Meilen von großen Landmassen entfernt liegt, erreicht nur ein winziger Teil der Samen, die der Wind Richtung Hawaii trägt, überhaupt eine der Inseln. Von denen, die ankommen, keimt wiederum nur ein kleiner Teil. Die Abgeschiedenheit in der Mitte des Pazifiks hatte durchaus Vorteile für die erfolgreichen Zuwanderer: Ihren natürlichen Feinden entflohen, konnten sich viele Arten aufspalten und ungestört weiterentwickeln. Das führte teilweise zu kuriosen Entwicklungen: So gibt es heute auf Hawaii die nichtbrennende Brennnessel und Minze ohne Minzgeschmack. Die gleiche Abgeschiedenheit ist heute jedoch von Nachteil: Mit Ankunft des Menschen und seiner Nutztiere und -pflanzen starb ein großer Teil der wehrlosen einheimischen Tier- und Pflanzenwelt aus oder wurde an den Rand des Aussterbens getrieben. Das ist besonders tragisch, da 90% der hawaiianischen Pflanzenarten endemisch sind – sie kommen nur auf Hawaii vor. Heute muss jeder Reisende mitgebrachte Pflanzen und Tiere untersuchen lassen, bevor er eine der Inseln betreten darf.

In der Umgebung unseres Habitats gibt es keine Pflanzen, wir sehen nur Lavagestein. Aber während unserer Trainingswoche waren wir auch in niedrigeren Höhenlagen, und dort ist mir etwas besonders aufgefallen: Außer in Strandnähe gibt es kaum Palmen oder überhaupt üppige Vegetation, wie man sie auf einer tropischen Insel erwarten würde. Gerade in der Nähe der aktiven Vulkane Mauna Loa und Kilauea (die Hälfte der Insel!) sieht man Spuren relativ junger Ausbrüche. So sieht man erstarrte Lavaströme, die nur spärlich bewachsen sind – je nach Region und Niederschlag sind diese erkalteten Ströme aber mehrere hundert Jahre alt. Unterschiedlich alte Lavaströme kann man bequem anhand der vorhandenen oder eben kaum vorhandenen Vegetation unterscheiden.

Die Lava stammt von 1972, man sieht schön das Wellenmuster, das durch die Strömung entstanden ist.

Die Lava stammt von 1972, man sieht schön das Wellenmuster, das durch die Strömung entstanden ist.

Unterhalb des Kilauea-Kraters: Lava von 1972. Am Rand sieht man noch ungestörte Vegetation, in der Mitte hauptsächlich Pahoehoe-Lava, die stellenweise von A'a-Strömen überlagert ist.

Unterhalb des Kilauea-Kraters: Lava von 1972. Am Rand sieht man noch ungestörte Vegetation, in der Mitte hauptsächlich Pahoehoe-Lava, die stellenweise von A’a-Strömen überlagert ist.

Alle hawaiischen Inseln bestehen hauptsächlich aus Lava. Sie entstanden – und entstehen noch immer –, weil sich die Pazifische Platte seit einigen Dutzend Jahrmillionen über einen Hotspot im Erdmantel schiebt. Manche der älteren Vulkaninseln sind so weit erodiert, dass sie nicht mehr über die Wasseroberfläche reichen. Die meisten der verbliebenen Inseln bestehen aus zwei Vulkanen. Wir befinden uns auf der mit Abstand größten Insel, der Hauptinsel Hawaii, die erstaunlicherweise nicht die meisten Einwohner hat. Sie besteht aus fünf Vulkanen, von denen der Mauna Kea der höchste Berg der Erde ist: Vom Fuß des Vulkans etwa 5000m unter der Wasseroberfläche bis zum Gipfel sind es über 9200m. Der Mauna Loa, auf dem unser Habitat steht, ist nur gut 100m niedriger aber so langgestreckt (Mauna Loa heißt „langer Berg“), dass er ein deutlich größeres Volumen hat.

Kurze Sammelpause auf Pahoehoe-Lava, bevor es auf den A'a-Brocken weitergeht: Die Crew mit Geologe (vierter von links) und Reporterin (rechts außen).

Kurze Sammelpause auf glatter Pahoehoe-Lava, bevor es auf A’a-Brocken weitergeht. Von links nach rechts: Sheyna, Andrzej, Carmel, Brian (Geologe), Cyprien, Tristan, Lynn (Reporterin).

Warum haben wir uns während unserer Trainingswoche so ausgiebig mit Vulkanen beschäftigt und haben uns im Regen von einem Geologen über knirschende Lava führen lassen?
Zum einen, weil Mauna Loa ein aktiver, wenn auch vergleichsweise friedlicher Vulkan ist und wir im Gegensatz zu der erschreckenden Mehrheit der zugezogenen Einwohner um unsere Situation wissen sollen. Der Hauptgrund ist aber ganz praktischer Natur: Es gibt auf Hawaii zwei Lavaformen, die sich grundlegend unterscheiden. Die A’a-Lava und die Pahoehoe-Lava. Die dünnflüssigere Pahoehoe-Lava (sprich: Pa Ho-e Ho-e) verhält sich ein wenig wie Honig, solange sie warm ist. Ihr sieht man direkt an, wie sie die Hänge vor dem Erstarren herabgeflossen ist. Die dickflüssigere A’a-Lava (beide A’s werden getrennt gesprochen) bildet scharfkantige Brocken, wenn sie erstarrt. Wir haben crewintern die Theorie aufgestellt, dass A’a ihren Namen von den Lauten bekommen hat, die man von sich gibt, wenn man versucht, barfuß über dieses Gestein zu laufen. Gerade in einem Raumanzug können die losen Brocken, die gegeneinander verrutschen können, zu unangenehmen Unfällen führen. Wenn man A’a jedoch schon von Weitem erkennen kann, kann man einen großen Bogen um sie machen. Pahoehoe-Lava ist zwar angenehmer zum Laufen, aber auch sie birgt ihre Tücken: sie neigt dazu, Röhren zu bilden, aus deren Innerem das noch flüssige Gestein abgeflossen ist – geht man über eine solche Röhre, kann man ohne Vorwarnung einbrechen. Glücklicherweise sind die meisten Röhren so klein, dass man nur wenige Zentimeter einsackt, doch sie können auch mehrere Meter im Durchmesser erreichen.

Eingang zur Thurston Lava Tube im Volcanoes National Park.

Eingang zur Thurston Lava Tube im Volcanoes National Park.

Die Vulkane, die auf dem Mars anzutreffen sind, sind heute nicht mehr aktiv, weil der Planet keine Plattentektonik mehr aufweist. Davon abgesehen ähnelt das marsianische Lavagestein dem Gestein auf der Erde. Einige hegen sogar die begründete Hoffnung, wie auf der Erde Lavaröhren zu finden, die sich für den Schutz der Marsonauten vor komischer Strahlung eignen. Für uns hier auf Hawaii bedeutet die Ähnlichkeit aber vor allem, dass sowohl unsere Fortbewegung zu Fuß als auch unsere geologischen Untersuchungen, die wir in den letzten Tagen geübt haben, in ihrer Art den „echten“ Untersuchungen auf dem Mars sehr nahe kommen dürften.

Kilauea Krater bei Tag...

Kilauea Krater bei Tag…

... und bei Nacht, wenn man die Lava glühen sieht.

… und bei Nacht, wenn man die Lava glühen sieht

Wo Vulkane sind, sind auch Erdbeben nicht weit, und damit Erdspalten.

Wo Vulkane sind, sind auch Erdbeben nicht weit, und damit Erdspalten.

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah.

Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

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