Erde an Mars

“Guten Morgen Crew! Wie läuft’s bei euch? Ich stehe euch für die nächsten 4 Stunden zur Verfügung, lasst mich wissen, wie ich euch helfen kann. FTS Lucie signing on!”

So oder ähnlich werden wir regelmäßig von unserem Mission Support – der kein Mission Control ist, da Marscrews deutlich autonomer sein müssen als Crews in Erdnähe – begrüßt. Vier Teams aus Freiwilligen unterstützen uns per Email bei unseren alltäglichen (FTS) und nicht ganz alltäglichen (STS, MedS, ES) Problemen.

Das Abzeichen unseres Mission Supports.

Das Abzeichen unseres Mission Supports.

FTS oder First Tier Support besteht aus knapp zwanzig Freiwilligen aus aller Welt, die sich die Woche in jeweils 4-Stunden-Schichten teilen. Außer am Wochenende, wenn die erste Schicht mittags beginnt, ist zwischen 8 Uhr morgens und 8 Uhr abends immer ein FTS Mitglied erreichbar. Meist sind das diejenigen, die unsere Berichte entgegen nehmen, EVA-Pläne genehmigen und unsere neuesten Filmwünsche erfüllen. Gelegentlich kann es ein paar Tage dauern, bis eine Anfrage abgearbeitet ist, gerade wenn es Nachfragen gibt. Die Montagsleute aber zum Beispiel sind unsere Helden und erledigen Anfragen nicht selten in unter einer Stunde – die vierzig Minuten, die unsere Emails unterwegs sind, mit eingeschlossen. Leider verlieren wir gelegentlich FTS-Mitglieder: bei einer so langen Mission ändern sich gelegentlich die Lebensumstände. Zum Glück finden sich schnell neue Freiwillige, so dass wir bisher immer lückenlos abgedeckt waren. Übrigens, es sind noch keine Deutschen im Team 😉

STS oder Second Tier Support sind dagegen gewissermaßen die Strippenzieher: Bestehend aus der Studienleitung und Projektmitarbeitern vor allem in den USA und Neuseeland hat STS im Zweifel die bessere Übersicht und vor allem das letzte Wort. Meist werden sie gefragt, wenn es um besonders lange EVAs geht, Reparaturen am Habitat oder unsere Nachschublieferungen. Jede STS-Schicht ist 24 Stunden lang, aber manche Mitglieder (insbesondere die Studienleitung) sind auch außerhalb “ihres” Schichttages erreichbar. Der Samstag-STS ist genau wie Andrzej Pilot, was ich vor allem durch den Kauderwelsch weiß, der sich regelmäßig samstags in meinem Postfach ansammelt. Mit dem STS vom Montag habe ich mich vor einiger Zeit über Wasserrückgewinnung aus Urin unterhalten, und der Donnerstag-STS gibt uns regelmäßig unsere Geologieprojekte auf. Der Mittwoch-STS ist die Studienleiterin und diejenige, die ich anbettele, wenn die Crew noch etwas für Experimente braucht, was nicht auf der ursprünglichen Nachschubliste stand.

Medical Support und Engineering Support wiederum sind genau das, was ihr Name ankündigt: Medizinische bzw. Ingenieurtechnische Unterstützung. Wir haben einen Notfallmediziner und einen Psychologen im Mission Support Team, mit zusätzlicher Verstärkung im nächsten größeren Ort. In einem echten Notfall und bei gutem Wetter dürften wir sie in gut zwei Stunden erwarten, aber zum Glück beschränkte sich mein Emailverkehr mit dem Arzt am Boden bisher auf eine Diskussion über Vitamine. Unser Notfallarzt außerhalb des Habitats ist begeisterter Doctor Who-Fan und geradezu traurig, dass er dank Shey praktisch nichts zu tun hat.

Der Ingenieursupport besteht aus neun Experten für diverse Habitatsysteme, insbesondere Wasser, Strom, und Internet. Gerade die letzteren beiden bereiten manchmal Probleme. Während wir uns an gelegentliche, kurzzeitige Kommunikationsausfälle schon fast gewöhnt haben, ist der regelmäßige Ausfall unserer Backup-Stromversorgung für verregnete Tage ziemlich lästig – denn er zwingt uns, auf unser zweites Backup-System zurück zu greifen, einen Propangasgenerator, den wir während eines Außeneinsatzes anwerfen müssen.

Das fünfte Mission Support Team ist vielleicht sogar das Wichtigste, wird aber anders als die oben genannten wohl nie offiziell anerkannt werden. Es besteht gleichfalls aus (mehr oder weniger) freiwilligen Unterstützern in aller Welt, die die Crew mit Nachrichten in ihrer Muttersprache versorgen, Carepakete schicken, und emotionale Aufbauarbeit leisten. Die Rede ist von Freunden und Familien – ohne deren Mithilfe eine solche Mission wohl ebenso wenig möglich wäre wie ohne FTS, STS, MedS und ES.

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Christiane,
    ich habe gerade Dein Interview in der “Psychologie Heute” gelesen und bin so auf Deine Blogbeiträge gestoßen. Das ist alles so spannend! Eine Zeitungsmeldung über Dich hat mich letztes Jahr auf die Idee für meinen ersten Roman gebracht, an dem ich gerade arbeite. Ich werde daher alle Beiträge lesen. Du hast also einen neuen Fan! Heute Abend werde ich für Dich in eine rote Tomate beißen. Ganz liebe Grüße aus Berlin. Hier scheint die Sonne, ein sommerliches Wochenende ist angesagt und die weißen Pappel-Pollen fliegen durch die Gegend.

    • Hallo Ricarda,
      das freut mich zu lesen! Genieß die Tomate, aber lass mir noch ein paar übrig für wenn ich zurück komme 😉
      Viel Erfolg für deinen Roman!

  2. Sehr geehrte Damen und Herren,

    hiermit bewerbe ich mich als Mitglied für den First Tier Support.

    Ich besitze sehr gute technische Fähigkeiten, kann gut improvisieren falls die Situation es erfordern sollte.

    Auch mein Umgang mit anderen Personen ist stets offen und ehrlich.

    Ich sehe mir durchaus in der Lage, ein wertvolles und hilfreiches Teammitglied zu werden.

    Über eine Antwort von Ihnen würde ich mich sehr freuen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Mr. Spock

    • Ernstgemeinte Bewerbungen kann ich gern an die Studienleitung weiterleiten. Allerdings brauche ich dafür einen Klarnamen und eine gültige Emailadresse.

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