Auf dem Trockenen

Der deutsche Durchschnittsbürger verbraucht pro Tag 127 Liter Wasser. Das meiste davon benutzt er für das Duschen, die Toilette und das Wäschewaschen, und nur etwa 3-4 Liter braucht er zum Trinken und Kochen.

Offensichtlich ist dieser hohe Anteil an nicht-lebenserhaltendem Wasserverbrauch nur möglich, weil Wasser in Deutschland so einfach und billig zu haben ist. Auf dem Mars sieht das jedoch anders aus. Große Vorkommen flüssigen Wassers gibt es nicht. Astronauten müssen ihr Wasser entweder von der Erde mitbringen oder mühsam aus dem Marsboden oder der dünnen Atmosphäre gewinnen.

Experiment zur Wassergewinnung. Leider ist die Produktionsrate dieses kleinskaligen Aufbaus zu gering, um sechs Crewmitglieder zu versorgen.

Experiment zur Wassergewinnung. Leider ist die Produktionsrate dieses kleinskaligen Aufbaus zu gering, um sechs Crewmitglieder zu versorgen.

Da haben wir es auf dem simulierten Mars ein klein wenig einfacher. Unser Wasser wird von für uns unsichtbaren Helfern angeliefert, und zwar immer dann, wenn unser 4000-Liter-Tank zur Neige geht. Unsere Vorgänger-Missionen haben etwa alle zwei bis drei Wochen eine Nachlieferung benötigt. Wir sind stolz darauf, dass wir mit einer Tankfüllung etwa fünf Wochen auskommen.

Carmel überprüft den Wasserstand in unseren Tanks.

Carmel überprüft den Wasserstand in unseren Tanks manuell.

An normalen Tagen verbrauchen wir um die 25 Gallonen, also knapp 100 Liter Wasser. Und mit “wir” meine ich die gesamte, 6-köpfige Crew. Am häufigsten benutzen wir den Wasserhahn, um uns mit Trinkwasser zu versorgen oder Essen zu kochen. Danach kommt Abwaschwasser (das häufig auch zum Händewaschen benutzt wird), Wasser fürs Labor, Duschen, und ganz zum Schluss Waschwasser. Toilettenwasser, das für etwa ein Viertel der oben erwähnten 127 Liter verantwortlich ist, brauchen wir nicht – wir benutzen Kompostiertoiletten.

Die verbrauchte Wassermenge hängt extrem stark vom jeweiligen Crewmitglied ab. Carmel zum Beispiel wäscht ihre Wäsche fast ausschließlich per Hand und braucht dafür vielleicht zehn Liter. Andzrej dagegen wäscht ausschließlich in der Maschine – und reißt damit jedesmal ein 70-Liter-Loch in unseren Vorratstank. Die Schüssel, die wir im Küchenwaschbecken zum Abwaschen nutzen, enthält bei mir ein paar Fingerbreit Wasser, bei Shey ist sie regelmäßig fast voll. Dafür verbrauche ich beim Duschen das wohl meiste Wasser – weshalb ich nur noch alle paar Wochen dusche und mich den Rest der Zeit mit 2-3 Litern Wasser im Becken wasche.

Als Anreiz zum Wassersparen haben wir sogenannte “Water Restriction Days” eingeführt. Etwa alle zwölf Tage drehen wir bis auf einen alle Wasserhähne zu und schreiben auf, wer wieviel Wasser aus diesem einen Hahn bezieht. Die Tage werden vorher nicht angekündigt, damit wir unser Verhalten nicht etwa an den Tagen zuvor anpassen, wie zum Beispiel die für einen Water Restriction Day geplante Dusche schon am Vorabend zu haben. Wegen des Extra-Aufwandes sind die eingeschränkten Tage eher unbeliebt. Aber ihre Resultate können sich durchaus sehen lassen: An eingeschränkten Tagen liegt der Gesamtverbrauch für die Crew bei weniger als 20 Litern. Darunter können wir nicht – fast alles davon geht für Essen und Trinken drauf, plus vielleicht 2-3 Liter für den Abwasch.

Heute kein fließend Wasser hier.

Heute kein fließend Wasser hier.

Ursprünglich als Experiment geplant und durchgeführt, kamen uns unsere Erfahrungen aus den Water Restriction Days vor Kurzem unerwartet zu Gute: Uns ging das Wasser aus, bevor uns die nächste Nachlieferung erreichte. Zwei Wochen zuvor hatten wir abgeschätzt, dass unser Wasser um den 2. Juli zur Neige gehen würde und die Nachlieferung entsprechend für diesen Tag vorbestellt. Normalerweise bestellen wir nicht so lange im Voraus, aber für das Feiertags-Wochenende um den 4. Juli befürchteten wir Lieferengpässe.

Bis zum Morgen des 1. Juli lief auch alles nach Plan und wir hatten noch etwa 150 nutzbare Liter im Tank. Als ich jedoch mit meinem Team von einem Außeneinsatz zurück kam, waren davon nur noch 50 übrig – am frühen Nachmittag. Bis zum Abend verbrauchten wir noch weitere 30 Liter. Mit sorgenvollen Blicken verfolgten wir den ungewöhnlich niedrigen Wasserstand und verboten jeglichen weiteren Wasserverbrauch außer zum Trinken bis zum nächsten Morgen. An dem wir prompt die Nachricht erhielten, dass die Nachlieferung wegen technischer Probleme auf den nächsten Tag verschoben werden musste.

Die Gefahr: Falls die Lieferung auch am nächsten Tag nicht kommen sollte, würden wir wegen des Feiertags noch weitere zwei Tage ohne einen Tropfen Frischwasser sein. Wir beschlossen, einen alten Notfalltank mit Wasser fragwürdiger Qualität anzuzapfen. Da wir das so nicht trinken konnten, bauten wir zusammen drei Distillen auf: Je eine unserer Kochplatten im Inneren einer Box aus unserem Vorratslager, darauf ein großer Topf des alten Wassers, das Ganze abgedeckt mit einer Plastikplane. Bis Sonnenuntergang 6 Stunden später hatten wir so etwa 10 l Trinkwasser gewonnen. Beruhigt gingen wir schlafen: Im Notfall würden wir unsere Distillen eben über Nacht laufen lassen um genügend Wasser zusammen zu bekommen.

In der Küche wird heute nur Waser "gekocht".

In der Küche wird heute nur Wasser “gekocht”.

Außer dem Trinkwasser gewannen wir an dem Tag jedoch noch etwas, das für uns hier mindestens genauso wertvoll ist: Seit Langem arbeiteten wir wieder zusammen und mit demselben Zielen. Zur Abwechslung standen mal keine Sicherheitsbedenken zwischen uns, und jeder trug zum Aufbau und aufwändigen Unterhalt der Distillen bei. Die Wirkung hielt dazu über das Wochenende hinaus an: Ein paar Tage später wurden zwei Crewmitglieder gesehen, die sonst höchstens zwei Worte am Tag miteinander wechseln, wie sie zusammen an einem anderen Projekt arbeiteten.

Cyprien und Shey bei zwei unserer Distillen.

Cyprien und Shey an zwei unserer Distillen.

Achja, die Wasserlieferung kam übrigens wie angekündigt am nächsten Tag.

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hi Cookie,
    interessantes Konzept zum Wasser sparen. Das schweißt dann die Gruppe zusammen, wie bereits schon mal erwähnt, eine äußere Challenge oder techn. Problemszenario erhöhte sofort den Siegeswillen des Teams, sowie das Gemeinschaftsgefühl etwas zusammen erreicht zu haben. Fazit: Misson Control sollte regelmäßig solche “Übungen” zur Teambildung durchühren (z.B. Leckagen, Feuer, Druckabfall, Kommunikationsausfall, Sperren von Türen, Schlafunterbrechung). Sinnvolle Risikoszenarien abgestuft erarbeiten und dann dem Team die Aufgabe stellen Sie zu lösen. Nicht jeden Tag, aber an abwechselnden Tagen jede 1-2 Wochen. Zudem sollte es eine Ideallösung geben zu jedem Szenario und in einer Nachbesprechung in der die durchgeführten Teamlösung der von MissonControl gegenüber gestellen wird.
    Habt ihr eigentlich auch eine Klimaanlage die Wasser abscheidet? Oder wie wird die Luftfeuchtigkeit im Habitat geregelt? Könnte man ggf. einen Salzkristall als Wassersammler nutzen. Ich nehme an ihr trocknet eure Kleidung im Raum und das Kochwasserdampf geht auch in die Habitatsumluft ein.

    • Hallo Jedi,
      ich hatte auch schon überlegt, dass unserem Team mehr “Notfälle” gut tun würden. In der Vergangenheit hat aber im Prinzip alles, was irgendwie nach Simulation roch zu mehr oder weniger langwierigen Diskussionen geführt. Jetzt, kurz vor dem Ende, hat keiner von uns die Energie, alte Diskussionen wieder aufleben zu lassen. Insbesondere da einer unserer größten Streitpunkte ausgerechnet die Sicherheit ist… In einer früheren, zweiwöchigen Simulation haben wir medizinische Notfälle simuliert, insbesondere mit der von dir vorgeschlagenen Nachbesprechung. Alle Crewmitglieder haben meiner Meinung nach ungemein von diesen Szenarien profitiert. Unsere Crewärztin hier hatte am Anfang auch etwas Ähnliches geplant, nach einem einzelnen Einsatz für die Kameras kam aber nichts mehr.
      Zur Luftfeuchtigkeit: Wir trocknen unsere Wäsche entweder im Trockner (an sonnigen Tagen) oder auf Ständern im Habitat (wenn wir nicht genug Solarenergie haben). Die feuchte Luft wird dann über einen großen Deckenventilator nach außen geblasen. Das würde auf dem Mars natürlich nicht funktionieren, aber es geht ja bei der Mission ausdrücklich nicht um technische Realitätstreue.

  2. Die US-Bürger sollen die Leute mit dem höchsten Pro-Kopf-Wasserverbrauch sein. Bei der Auswahl für eine reale Marsmission heißt es also: Wassersparen trainieren, oder Personen auswählen, die von Hause aus mit weniger Wasser auskommen…..
    Denn Wasser ist ja als Lebensgrundlage unverzichtbar, aber in großen Mengen im Raumschiff mitnehmen – ? Ausweg wäre: Recyclen. Da wären dann, schon aus Ästhetik-Gründen, ausgefeilte Methoden zu entwickeln.

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