Anweisungen von der Erde

Signale, die von oder an uns gesendet werden, sind 20 Minuten lang unterwegs. Das entspricht in etwa der Zeit, die nötig ist um den Abstand zwischen Erde und Mars zu überwinden, wenn beide Planeten am weitesten voneinander entfernt sind. Wie beeinflusst uns diese verzögerte Kommunikation mit dem Rest der Menschheit?*

Recht offensichtlich ist, dass wir keine Telefonate führen können. Bis ich die Antwort meines Gesprächspartners erhielte, wären mindestens vierzig Minuten vergangen und ich hätte meine ursprüngliche Nachricht vergessen. Aus dem gleichen Grund können wir kein Skype nutzen oder eine Amateurfunkstation betreiben. Natürlich nutzen wir Funk während unserer Außeneinsätze, aber da wollen wir ja auch nur Entfernungen von einigen hundert bis tausend Metern überbrücken.

Es bleibt also nur Email, selbst wenn wir mit Mission Support kommunizieren. Ein „Houston, wir haben ein Problem“ käme vom Mars entweder wenig fernsehtauglich per Email oder als aufgezeichnete Sprachnachricht. Unser „Mission Support, einer unserer Wasserstofftanks hat ein Leck“ jedenfalls kam per Email, und mit diesem Beispiel sind wir schon mittendrin in der Kommunikationslücke: In einem wie auch immer gearteten Notfall können wir nicht warten, bis uns Mission Support Anweisungen gibt.

"Mission Support, unser CSO wird von einer unbekannten Kraft in eine Lavaröhre gezogen, was sollen wir tun? Bitte antwortet schnell!"
“Mission Support, unser CSO verschwindet gerade in einer Lavaröhre, was sollen wir tun? Bitte antwortet schnell!” – Am Ende einer anstrengenden Erkundungstour über unkooperatives Lavagestein.

Natürlich sollen wir dann auch nicht vierzig Minuten lang auf eine Antwort warten, weder wenn unsere Stromversorgung herumzickt, noch wenn jemand in eine Lavaröhre gefallen ist. Wir haben Vorgaben für unser normales, geregeltes Stationsleben. EVAs müssen mindestens 18 Stunden vorher angekündigt und genehmigt werden. Von Zeit zu Zeit bekommen wir geologische Projekte zugewiesen, die wir bearbeiten müssen. Aktuelle Raumfahrer dürfen keinen einzigen Handschlag tun ohne Genehmigung von der Erde, und wenn sie es doch tun, dann meist auf ihrem dann letzten Flug ihrer Karriere.

In einer Entfernung, die eine Echtzeitkommunikation unmöglich macht, kann eine solche Abhängigkeit von der Bodenstation jedoch in einem Notfall recht schnell zum Tod der Crew führen. Da das niemand will, ist es wahrscheinlicher, dass die Crew nicht auf die Genehmigung wartet, nach dem Leck im Raumschiff zu suchen, sondern alle notwendigen Maßnahmen auf eigene Faust ergreift. Aus demselben Grund haben wir die Erlaubnis, in einer Situation, die wir als Notfall begreifen, praktisch alles zu tun, was wir für notwendig halten. Im Fall unserer problematischen Wasserstofftanks haben zwei von uns ihre Anzüge angezogen und nach dem Leck gesucht, bevor ein Dritter die Email an Mission Support begonnen hat.

Marsonauten müssen und werden daher deutlich mehr Autonomie haben als bisherige Raumfahrer. Das führt aber wiederum zu einem anderen Problem: Welche Situationen rechtfertigen das Ignorieren von Anweisungen des Mission Support? Man könnte meinen, dass das der Fall ist, wenn die Anweisungen die Crew in Lebensgefahr bringen. Doch so einfach ist es nicht. Was, wenn Mission Support eine EVA oder eine technische Modifikation anordnet, die die Marscrew für zu gefährlich hält? Was, wenn Mission Support glaubt, die Situation besser einschätzen zu können? Wer hat das letzte Wort?

Mehrere Monate ohne direkte Kommunikation mit Mission Support – ohne einfaches Gespräch von Angesicht zu Angesicht – führen zu einer gewissen Entfremdung. Diese Entfremdung kann so weit führen, dass die Marsonauten ein „Wir gegen die anderen“-Gefühl entwickeln. Beim sogenannten Crew-Ground-Disconnect hat die Crew das Gefühl, dass Mission Support sie nicht versteht, und Mission Support glaubt, die Crew würde sie nicht ernst nehmen und Anweisungen ignorieren.

Die Entfremdung ist schleichend und beginnt oftmals mit einfachen Missverständnissen, häufig, weil sich Crew und Mission Support nicht (mehr) gut genug kennen. Dass jemand einfach nur schlecht geschlafen hat, sieht man gewöhnlich nicht in einer Email. Wir versuchen mit gelegentlichen persönlichen Einwürfen in unseren gegenseitigen Emails dem Disconnect entgegenzuwirken. Bisher reden wir innerhalb der Crew überwiegend positiv über unseren Mission Support, die Verbindung ist also noch da. Aber die Gefahr ist real: Erst vor einer Woche hat mir jemand außerhalb der Studie (aber selbst aktiv bei der Organisation von Marssimulationen) in einer Email den verächtlichen Nebensatz an den Kopf geworfen, dass ich mich ja „in Simulation“ befinde und damit das Leben für mich ganz einfach sei. Ich überlasse dem Leser, sich auszumalen, wie gewogen meine Antwort ausfiel und wie produktiv unsere weitere Zusammenarbeit sein wird.

Zurück zu der Frage, wer in einer brenzligen Situation das Sagen haben sollte. Die Crew wird selbstverständlich tun, was sie für sinnvoll hält. Wenn Mission Support meint, dass die Crew einen Fehler begeht, können sie das natürlich sagen, aber je nach Überzeugungskraft der Argumente können sie eben auch ignoriert werden (übrigens einer der Gründe, warum die Bezeichnung „Ground Control“ für Marsflüge nicht verwendet wird). Die Crew hat also das letzte Wort – selbst wenn sie nicht gleich eine Meuterei im Sinn hat.

Einen Haken hat diese Lösung jedoch. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Teilnehmer einer Mission nicht den besten Überblick hat und falsch oder zu spät reagiert. Als zum Beispiel der Sauerstoffgehalt in der Biosphere II kontinuierlich sank, hat der selbst teilnehmende Arzt erst einen Simulationsbruch angeordnet, als ihm die Schlaflosigkeit seiner Teammitglieder keine andere Wahl mehr ließ – lange, nachdem die Leistungsfähigkeit der Crew nachgelassen hatte.

 

*Diese Frage eröffnet ein weites Feld, das offensichtlich nicht in einem einzigen Blogpost bearbeitet werden kann. Hier geht es vor allem um unsere Zusammenarbeit mit Mission Support; Blogbeiträge insbesondere zur Kommunikation mit Freunden und Familie gibt es später.

Christiane Heinicke

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

14 Kommentare

  1. Der Disconnect stellt eine schleichende, aber reale Gefahr für die Mission dar und bereits in den ersten Monaten gab es Ereignisse, die die Kommunikation erschweren. In einer andauernden Stresssituation würde der Disconnect eine noch größere Gefahr darstellen und es scheint ein bekanntes und erst genommenes Problem zu sein.

    Gibt es wirklich keine weiteren Gegenmaßnahmen als persönliche Einwürfe in E-Mails von Zeit zu Zeit?

    • Der Disconnect ja letztendlich eine Spaltung einer Gruppe unter besonderen Umständen – die Spaltung des gesamten HI-SEAS-Teams in “die da oben auf ihrem Vulkan” und “die da unten auf der Erde”. Wie verhindert man, dass sich eine Gruppe spaltet? Durch Kommunikation. Miteinander reden von Angesicht zu Angesicht, sich so oft wie sinnvoll möglich erklären, etwas miteinander unternehmen (aka “teambildende Maßnahmen” in manchen Unternehmen), Kontakt auch auf persönlicher Ebene herstellen…
      Die meisten dieser Beispiele sind in unserem Fall nicht möglich, der Rest ist auf den Bildschirm beschränkt. Es klingt vielleicht albern, aber wir schreiben unsere Anfragen an Mission Support gerade _nicht_ so knapp wie möglich, obwohl das zumindest für eine Weile effizienter wäre. Wir nehmen uns die Zeit und berichten uns gegenseitig auch mal von persönlichen Ereignissen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, oder formulieren eine Email mit ein paar mehr Höflichkeitsfloskeln als notwendig (MS besteht hauptsächlich aus Amerikanern…) – ob das ausreicht, werden wir in zehn Monaten wissen.
      Für weitergehende, praktikable Vorschläge sind wir natürlich jederzeit offen 😉

      • Ich würde sagen, dass Spiele und Wettbewerbe auch auf Entfernung verbinden können und man lernt die jeweils andere Gruppe von einer anderen Seite kennen. Die Frage ist nur, wie man das trotz der Beschränkungen organisiert, dass es nunmal einen gewissen „Ping” gibt und die Interaktion nur auf den Bildschirm beschränkt ist.

        Schach zu spielen funktioniert beispielsweise auch auf Distanz und außerdem kann man so etwas wie Debattierwettbewerbe oder Diskussionen über bestimmte Themen auch per E-Mail geschehen lassen. Dabei lernt man die andere Gruppe vielleicht ebenfalls auf einer persönlicheren Ebene als von der professionellen Kommunikation.

        Ich schätze aber, dass ihr euch Kraft eurer Fantasie selbst etwas einfallen lassen müsst. Immerhin hat nicht jeder Lust auf Schach. 😉

        • Ein Spiel… interessante Idee. Schach wohl eher nicht, da das ein Spiel für zwei ist – die Crew könnte ein Team bilden, aber Mission Support nicht. Vielleicht eine Abwandlung der Geschichte, bei der jeder einen Satz schreibt. Auf jeden Fall danke für die Idee! Falls sich was Spannendes entwickelt, werde ich es natürlich hier posten.

  2. Hi Cookie, wie wäre es mit einer Teamsitzung oder eines Teamreports 1x per Monat an MS per Video? Manchmal sagt ein Foto oder kurzes Video mehr als 1000Emails über den Zustand des Teams. Ne nette Videoaufnahme würde ich mir von eurem Team gern mal anschauen. Da es nicht live ist, könntet ihr das Video ja sogar noch ggf. schneiden.
    P.S.: Noch 49 Tage bis Episode VII

    • Fotos gibt es schon für MS, aber über das Video speziell für Mission Support können wir ja mal nachdenken 🙂 Wir haben bisher tatsächlich schon eine ganze Reihe Videos gedreht, ich muss nachher mal schauen, ob da was “blogfähiges” dabei ist.
      Was Kinofilme angeht – ich glaube, wenn ich aus Hawaii zurück komme, muss ich erstmal die ganzen Kinofilme des vergangenen Jahres nachholen.

  3. Sehr geehrte Frau Heinicke, ich arbeite als freischaffende Journalistin in Sachsen-Anhalt und möchte gern mit Ihnen reden (oder schreiben :)). Ich bitte Sie herzlich, mit mir Kontakt aufzunehmen über k.woehler@regio-m.de.

    • Hihi, ich hätte beinahe meine Teamkollegen gefragt, ob ich zu viel rede. Dann ist mir eingefallen, dass sie sich meist beschweren, dass ich zu _wenig_ rede.
      Aber das mit dem “einer redet, und der andere hört nicht zu” ist ein echtes Problem: Manchmal senden wir eine Email raus, nur um 10 Minuten später festzustellen, dass sie überflüssig war, weil die betreffende Information schon längst unterwegs war.

  4. Liebe Christiane,

    verstehe ich das richtig, dass also ‘Mission Support’ auch ein Teil des Experiments ist, um eben zu sehen wie das mit dem Disconnect-Vermeiden klappt?
    Müssen die Mitglieder von ‘Mission Support’ auch Fragebögen ausfüllen? 😉

    Viele Grüße, Sylvia

    • Soweit ich weiß, nicht 😉 Die Hauptaufgabe unseres Mission Supports ist tatsächlich die Unterstützung der Crew. Erfahrungen gerade mit dem Disconnect auf dessen Seite bleibt vorerst wohl eher anekdotischer Natur.

  5. Ich bin gerade erst auf diesen Blog gestoßen und weiß, dass die Mission gerade beendet wurde. Ich bin auch völlig fachfremd, aber um Michaels Hinweis aufzugreifen mit Wettbewerben und Spielen einem Disconnect entgegenzuwirken fällt mir spontan ein, dass die Plattform Smule-Sing eine Technik bereitstellt, in der zeitversetzt gemeinsame Videos aufgenommen werden können. Gedacht ist das für Karaoke, zusätzlich sind auch freie Videos, Interviewsituationen möglich und werden von der Community auch genutzt. Das wäre eine weitere Anwendungsmöglichkeit, auch zur Videokommunikation mit Familie und Freunden. Und selbst gemeinsames Singen und Musizieren mit den “anderen” könnte für die offenbar durchaus musikalische Crew nicht uninteressant sein – vielleicht auf zukünftigen Missionen 😉

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