Zum Wohl!

Eichenfässer

Eichenfässer
Eichenfässer, Credit: Gerard Prins, CC BY-SA 3.0
Es klingt wie ein Geschenk an die Besatzung, ist aber ein handfestes wissenschaftliches Experiment, an dem unter anderem auch die Universität von Tokio und die Tohoku-Universität in Sendai beteiligt sind: Die japanische Distillerie Suntory will einige ihrer Produkte zur ISS schicken, um sie in der dortigen Schwerelosigkeit reifen zu lassen:

H-II Transfer Vehicle No. 5, commonly known as “Kounotori5” or HTV5, is scheduled to be launched from JAXA’s Tanegashima Space Center on August 16 (Sunday) carrying alcohol beverages produced by Suntory to the Japanese Experiment Module aboard the International Space Station, where experiments on the “development of mellowness” will be conducted for a period of about one year in Group 1 and for two or more years (undecided) in Group 2.” (Quelle: http://www.suntory.com/news/2015/12432.html)

Wieso und warum? Nun, offenbar haben die Hersteller festgestellt, dass eine Reihe von alkoholischen Getränken ein milderes Aroma entwickeln, wenn sie dabei möglichst wenig Temperaturschwankungen und Bewegung ausgesetzt sind. Genau das wäre auf der ISS gewährleistet. Obwohl die schottische Distillerie Ardberg von 2011 bis 2014 bereits ein ähnliches Experiment durchführte, sind die Zusammenhänge noch nicht abschließend geklärt. Die Proben der Schotten sind zwar schon wieder auf der Erde, ihre Studie mit den Analyseergebnissen ist allerdings noch nicht veröffentlicht.

Die These der Japaner lautet, dass die Entstehung hochkomplexer Moleküle aus Wasser, Ethanol und anderer für die Getränke typischer Stoffe für die Milde des Aromas von Bedeutung sind. Sie vermuten, dass die Konvektion bzw. deren Abwesenheit dabei eine entscheidende Rolle spielt. Konvektion kann man zum Beispiel gut beobachten, wenn man einen Topf voll Wasser auf einer Herdplatte erhitzt: Die untersten Wasserschichten werden als Erste heiß, verlieren dabei an Dichte und steigen aufgrunddessen nach oben auf. Gleichzeitig wird das noch kühle und dichtere Wasser von oben nach unten gezogen, wo es seinerseits erhitzt wird, aufsteigt, und so weiter. In einer Umgebung ohne Schwerkraft kann ein solcher Austausch jedoch nicht stattfinden, da die Dichte bzw. das Gewicht der einzelnen Flüssigkeitsschichten dort eben unerheblich ist. (Konvektion wäre hier allerdings noch über Änderungen in der Oberflächenspannung zu erreichen.)

Unterdrückt man die thermische Konvektion, kann man z. B. besonders gleichmäßige Kristalle züchten oder auch andere Materialeigenschaften erreichen, die unter normalen irdischen Bedingungen nicht zustande kämen. Es ist also wohl nicht ganz abwegig, diese Erkenntnisse auch auf die erwähnten Wasser-Ethanol-plus-X-Moleküle zu übertragen.

ETA: Wie “Joker” in den Kommentaren freundlicherweise ergänzt, wird (neben dem Institut für Feststoffphysik der Universität Tokio) auch das japanische Synchrotron-Strahlungsforschungs-Institut JASRI an der Analyse der Molekularstruktur mitwirken.

Der Weltraumwhisky ist im Anschluss an das Experiment nicht für den Verkauf vorgesehen. Sollte die These der Japaner sich als korrekt herausstellen, wäre die Herstellung von Whisky an Bord der ISS allerdings vielleicht eine Möglichkeit, deren Zukunft zu sichern. *hüstel* Im Umkehrschluss könnte man aber auch auf die Idee kommen, den Liebhabern der harten, rauchigen Whiskysorten Produkte anzubieten, die auf Rüttelplatten gereift sind. Die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden… ^^

Ute Gerhardt hat nach dem Abitur einen B.A. in Wirtschaft, Sprachen und Politik an der Kingston University sowie eine Maîtrise in Industriewirtschaft an der Universiät Rennes abgeschlossen. Seit 1994 arbeitet sie in der Privatwirtschaft, derzeit im IT-Bereich. Ute hat zwei Kinder (*2005 und 2006) und interessiert sich neben Raumfahrt und Astronomie auch für Themen aus den Bereichen Medizin und Biologie.

19 Kommentare

  1. “warum auch das japanische Synchrotron-Strahlungsforschungs-Institut JASRI an dem Experiment mitwirkt.”

    Unter dem angegebenen Link findet sich ein Hinweis. JASRI wird dabei helfen, die Proben zu analysieren:

    “Detection of high-dimensional structure by small angle X-ray scattering using SPring-8, in cooperation with the Japan Synchrotron Radiation Research Institute […] ”

    Dort wird auch noch kurz erklärt, was “Small angle X-ray scattering” ist.

    SPring-8 (Super Photon ring-8 GeV) ist wohl das genutzte Synchroton – bei der Suche nach den milden “Hicks”-Teilchen. Prost!

    • Ich würde spontan sagen: Gar nicht. In der Praxis ändert sich zum Beispiel keineswegs die Leistung der plutoniumbasierten Generatoren einer Raumsonde wie Cassini, nur weil sie sich einem Himmelskörper nähert oder sich von ihm entfernt. Das wurde bereits gemessen: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0927650509000346

      Zwar ging es dort eigentlich um den vermuteten Einfluss von Neutrinos, aber das Ergebnis widerlegt ja gleichzeitig einen Einfluss der Schwerkraft. Ich werde aber zur Sicherheit Bloggerkollegen Joachim Schulz (https://scilogs.spektrum.de/quantenwelt/) bitten, mich ggf. zu korrigieren.

      • Die scilogs-Autorin Mierk Schwabe hat in Einfluss der Sonne auf radioaktiven Zerfall? über den vermuteten Einflus von Neutrions auf die Halbwertszeit von “radioaktiven” Isotopen berichtet. Fazit: Die Behauptungen von Jenkis et al., es gebe eine variable Halbwertszeit, deren Variabilität vom Abstand zur Sonne oder ähnlichem abhänge, kann in sorgfältig aufgebauten Experimenten auf der Erde und im Weltraum nicht bestätigt werden

    • Es sei denn, die Besatzung kann sich nicht beherrschen. Sie schon zum zweiten Mal einer solchen Versuchung auszusetzen, ist ja fast ein Verstoß gegen die Genfer Konvention. ^^

  2. Kristalle oder Whisky im Weltraum für uns Erdbewohner herzustellen wird niemals im industriellen Massstab eingesetzt werden. Man kann so allenfalls Grundlagenwissen erweitern.

    Space-Manufacturing wird dagegen bald unverzichtbar werden für Anwendungen im Weltraum selbst. Die heutige Methode fertige Instrumente wie das Webb-Teleskop in den Orbit zu transportieren und dort “auseinanderzufalten” stösst nämlich schon jetzt an ihre Grenzen.
    Zukünftige Radio- und auch optische Teleskope werden aus hauchdünnen Memranen bestehen, die niemals einen Raketenflug überstehen würden (Vibrationen), sondern nur im Weltraum selbst gefertigt werden können.

      • Du hast unseren Herrn Holzherr falsch verstanden:
        “Space-Manufacturing wird dagegen bald unverzichtbar werden für Anwendungen im Weltraum selbst.”
        Er möchte anregen, den Whiskey für die Besatzung selbst herzustellen.

        • “Er [@Martin Holzherr] möchte anregen, den Whiskey für die Besatzung selbst herzustellen.”

          Vermutlich nicht nur er. Ich lese gerade auf FAZ-Online (http://blogs.faz.net/foodaffair/2015/08/05/duerfen-nur-veganer-zum-mars-reisen-328/ )

          „Wir streben an, 40 Prozent der Astronautennahrung für Langzeitexpeditionen vor Ort zu produzieren“

          Da könnte die Whisky-Produktion ja ein wichtiger Bestandteil werden, denn “eine gesunde, glückliche Crew [ist] die Voraussetzung für das Gelingen der Mars Mission”.

          Weiter lese ich allerdings,

          “, dass der Geschmacks- und Geruchssinn durch die fehlende Gravitation enorm beeinträchtigt ist: Essen unter Weltraumbedingungen schmeckt schlicht fad. ”

          Dann wäre es ja geradezu kontraproduktiv, wenn der unter Schwerelosigkeit produzierte Whisky tatsächlich milder wäre als der irdisch produzierte.

          • Och, kommt drauf an. Mir persönlich würden dann vielleicht mehr Whiskys schmecken als bisher. Die allermeisten finde ich scheußlich scharf und ziehe einen guten Wein jederzeit vor. (Nächstes Projekt für die ISS? ^^)

  3. Eigentlich schade, dass der Weltraum-Whisky nicht zum Verkauf angeboten wird.. mich würde ja schon mal interessieren, wie der so schmeckt 😉 Aber vielleicht bietet ja irgendwann mal ein Whisky Shop so einen Whisky an.. wer weiß 😉

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