The Final Frontier? – Teil II

Voyager, Golden Record

Wer über Generationenschiffe nachdenkt, kommt nicht um die Frage herum, wie es im All mit der Fortpflanzungsfähigkeit aussieht. Bei den rein technischen Aspekten, dem Sex an sich also, können wir wohl getrost auf den menschlichen Einfallsreichtum vertrauen. Bei Befruchtung, Schwangerschaft und Geburt wird’s hingegen schon etwas kniffliger.

Ein Faktor für Probleme ist ganz simpel der Stress. Viele Frauen werden bestätigen können, dass körperliche und psychische Belastung den Zyklus erheblich beeinträchtigen kann. Ähnliches gilt für die Libido bzw. den Testosteronspiegel bei Männern. Hier wäre es ggf. erforderlich, über eine Hormoneinnahme gegenzusteuern. [1]

Eier legende und wirbellose Lebewesen scheinen zumindest, was die reine Befruchtung in vivo angeht, hingegen weniger Probleme zu haben. (Die Entwicklung von Embryo bzw. Fötus ist allerdings eine andere Sache, wie wir noch sehen werden.)

So far, several experiments on reproduction in such environments have been reported using sea urchins, fish, amphibians and birds, and the fertilization rates were similar to those found in controls at normal gravity (1g) (…). However, unlike the other taxa studied to date, mammalian reproduction is complicated and highly specialized. [2]

Da hätten wir bei Säugetieren zunächst die Frage der Qualität von Spermien und Eizellen. Sie sind im All erhöhter Strahlung ausgesetzt – Spermien noch mehr als Eizellen -, so dass wir eine Schädigung des Erbmaterials nicht ausschließen können. Bei längeren Aufenthalten im All (wir erinnern uns: Strahlungsrisiken sind über die Zeit kumulativ) könnte dies entweder zu eingeschränkter Fruchtbarkeit bzw. kompletter Unfruchtbarkeit führen, zu Fehlgeburten oder zu Schäden am Organismus des Kindes.

Zwar kann man Strahlungseinwirkung durch entsprechend angepasste Fahrzeuge und Kleidung erheblich reduzieren, aber leider ist es damit alleine noch nicht getan. Studien mit Mäusen haben gezeigt, dass auch die Schwerelosigkeit ein Problem darstellt. Die Eizellen lassen sich zwar in vitro befruchten, nisten sich jedoch unter Mikrogravitation wesentlich schlechter ein als bei der Kontrollgruppe unter 1g. Konkret bilden sie zu wenig Trophektoderm-Zellen. Das sind die Zellen, aus denen sich die Plazenta entwickelt. Infolgedessen treten Schwangerschaften gar nicht erst ein oder die Embryonen werden nach einiger Zeit vom Körper der Mutter resorbiert. Studien mit Ratten wiederum weisen außerdem bei den Männchen auf geringere Spermienzahl und -qualität unter Mikrogravitation hin, was wiederum die Befruchtung an sich beeinträchtigt. [2]

Weitere Forschungsergebnisse deuten in die selbe Richtung. So stellte Joseph Tash von der Universität Kansas fest, dass Mikrogravitation die Aktivierung von Enzymen verlangsamt. Von ihm untersuchtes Seeigelsperma erwies sich als quasi hyperaktiv, eine Beobachtung, die auch auf Bullensperma zuzutreffen scheint. Die Ursache liegt zumindest beim Seeigelsperma darin, dass das Enzym, das einen Bewegungsstop veranlasst, unter Schwerelosigkeit nur mit Verzögerung in Aktion tritt. Tash weist zu recht auf die Gefahr hin, dass dies auch auf weitere Enzyme zutreffen könnte, wie zum Beispiel bei der Abgabe der Spermien-DNA an die Eizelle. [3, 4] Problematisch ist also unter Mikrogravitation nicht nur die jeweilige Qualität, sondern auch das Zusammenspiel der Keimzellen.

Wahrscheinlich haben wir hier einen der Gründe, warum z.B. 1979 keine der Ratten, die die sowjetische Raumfahrtagentur in ihrem Biosatelliten Kosmos-1129 in den Orbit geschossen hatte, schwanger wieder auf der Erde ankam. Alle Ratten, die an diesem Experiment beteiligt waren, konnten sich jedoch anschließend mit neuen Partnern unter normalen Bedingungen problemlos fortpflanzen. Allerdings erst nach einigen Monaten, mit Spermien, die wieder unter 1g entstanden waren. Die Spermien, die noch aus der Zeit der Erdumrundung stammten, zeugten auch auf der Erde noch schwer beeinträchtigten und zum Teil lebensunfähigen Nachwuchs: “Abnormalities included physical retardation, showed growth retardation, hemorrhages, hydrocephaly, ectopic kidneys, and enlargement of the bladder.” [5] Die selbe Studie weist darauf hin, dass die Neugeborenen ein geringeres Geburtsgewicht haben, die Geburt an sich länger dauert und selbst in der 2. Generation die Sterblichkeitsrate der Babys noch erhöht ist.

Doch damit nicht genug, denn es ist sogar bei den Tieren mit Problemen zu rechnen, bei denen die Befruchtung unter Mikrogravitation relativ problemlos klappt. Wie zum Beispiel bei Zebrafischen: “Gross observations and morphometric analyses show that exposure to simulated microgravity results in stunted growth, reduced ossification and severe distortion of some skeletal elements.” [6]

Die Keimzellentwicklung und auch die Befruchtung unter Schwerelosigkeit führen also zu zahlreichen Problemen. Was aber, wenn man stattdessen bereits schwangere Tiere der Mikrogravitation aussetzt, bei denen Keimzellentwicklung und Einnistung noch bei 1g stattgefunden hat? Leider sieht es hier nicht viel besser aus. Bedenkliche Resultate finden sich u.a. bei Ratten, die ca. 10 Tage nach der Befruchtung ins All befördert und nur kurz vor der Geburt ihres Wurfes wieder zurück auf die Erde geholt wurden. Die Neugeborenen hatten u.a. Orientierungsschwierigkeiten und eine beeinträchtigte Motorik und konnten sich nicht vom Rücken auf den Bauch drehen. [7, 9] All dies ist auch unmittelbar für Menschen relevant. Denn spätestens in der 26 Schwangerschaftswoche hat ein menschlicher Fötus eine Masse erreicht, ab der er nicht mehr im Fruchtwasser suspendiert, sondern ebenfalls der Schwerkraft ausgesetzt ist. Fehlt dieser Faktor bis zur Geburt, befürchten Forscher u.a. auch eine anormale Muskelentwicklung (inklusive Herzfehler) und eine gestörte Knochenbildung. [8]

Nun haben aus naheliegenden Gründen natürlich noch keine entsprechenden Experimente mit Menschen stattgefunden. Aber man muss aus den bisherigen Forschungsergebnissen mit kleineren Säugetieren wohl bereits den Schluss ziehen, dass für unsere erfolgreiche Fortpflanzung im All nicht nur Strahlenschutz, sondern auch simulierte 1g-Schwerkraft unverzichtbar ist. Und zwar interessanterweise auch dann, wenn wir irgendwann in ferner Zukunft einen Planeten bevölkern sollten, der eine höhere Schwerkraft als die irdische besitzt. Denn Tash [3, 4] hat die für die Beweglichkeit der Spermien verantwortlichen Proteine in deren Flagellum identifiziert und auch nachgewiesen, dass bei > 1g die Beweglichkeit der Spermien geringer wäre als normal. Weitere Auswirkungen der Schwerkraft auf Fruchtbarkeit, Entwicklung des Kindes sowie die Schwangerschaft an sich sind ebenfalls mehr als wahrscheinlich: “In fact several studies have shown that (…) prolonged exposure to hypergravity from conception to weaning causes permanent deficits in gravity-dependent righting behaviors. Data on hypergravity and microgravity exposure suggest some changes in the otolith formation during development, in particular the size although these changes may actually vary with the species involved.” [9]

Eine Anpassung (via Selektion) an die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten würde vermutlich viele Generationen dauern und zahlreiche Hilfsmaßnahmen und -mittel erfordern. Viele Individuen wären erforderlich, um den Fortbestand der Spezies über so viele Generationen hinweg überhaupt zu gewährleisten. Eventuell jedoch ist eine Besiedelung von Himmelskörpern, deren Schwerkraft zu sehr von der irdischen abweicht, aber auch gar nicht wirklich ratsam.

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[1] AJ Tilbrook, AI Turner, IJ Clarke: “Effects of stress on reproduction in non-rodent mammals: the role of glucocorticoids and sex differences”, Rev Reprod May 1, 2000 5 105-113, doi: 10.1530/ror.0.0050105
[2] Sayaka Wakayama, Yumi Kawahara et al.: “Detrimental Effects of Microgravity on Mouse Preimplantation Development In Vitro”, PLoS ONE 4(8): e6753. doi:10.1371/journal.pone.0006753
[3] J. S. Tash, G. E. Bracho: “Microgravity alters protein phosphorylation changes during initiation of sea urchin sperm motility” FASEB J. 13:S43-S54, 1999
[4] J. S. Tash, S. Kim et al.: “Fertilization of sea urchin eggs and sperm motility are negatively impacted under hypergravitational forces significant to space flight” Biol.Reprod. 65 (4):1224-1231, 2001
[5] Serova LV, Denisova LA et al., “Reproductive function of the male rat after a flight on the Kosmos-1129 biosatellite”, Kosmicheskaia Biologiia i Aviakosmicheskaia Meditsina [1982, 16(5):62-65]
[6] Edsall SC, Franz-Odendaal TA: “An assessment of the long-term effects of simulated microgravity on cranial neural crest cells in zebrafish embryos with a focus on the adult skeleton.”, PLoS ONE PMID:24586670, DOI: 10.1371/journal.pone.0089296
[7] Serova LV, Denisova LA et al.: “General characteristics of an experiment to study the ontogeny of rats on board the Kosmos-1514 biosatellite”, Kosmicheskaia Biologiia i Aviakosmicheskaia Meditsina [1985, 19(2):49-53]
[8] Patricia A. Santy, Richard T. Jennings: “Human Reproductive Issues in Space”, Advances in Space Research, Volume 12, Issues 2–3, 1992, Pages 151–155, DOI: 10.1016/0273-1177(92)90102-4
[9] Bruce, Fritzsch: “The development of vestibular connections in rat embryos in microgravity”, Journal of Gravitational Physiology : a Journal of the International Society for Gravitational Physiology 1997, 4(2), S. 59 ff

Ute Gerhardt

Ute Gerhardt hat nach dem Abitur einen B.A. in Wirtschaft, Sprachen und Politik an der Kingston University sowie eine Maîtrise in Industriewirtschaft an der Universiät Rennes abgeschlossen. Seit 1994 arbeitet sie in der Privatwirtschaft, derzeit im IT-Bereich. Ute hat zwei Kinder (*2005 und 2006) und interessiert sich neben Raumfahrt und Astronomie auch für Themen aus den Bereichen Medizin und Biologie.

23 Kommentare

  1. Es ist doch überaus erfreulich, dass hier solch überaus wichtigen Aspekte der Raumfahrt diskutiert werden. Wir kommen zwar nur ein paar hundert Kilometer von der Erde weg, doch warum dann nicht über das wichtige Thema „Sex im All“ und „Generationenschiffe“ reden? Haben sie oder haben sie nicht? Und wenn ja, warum reden die nicht darüber? Ich empfehle weitere Untersuchungen. Wie wäre es mit dem Einfluss von Masturbation auf die zerstörerische Resonanzfrequenz des Raumschiffs? Oder „Erstickungsgefahr durch frei schwebendes Sperma“?

    Mir scheint jedoch, dass dieser Blog sich nicht nur unter der Gürtellinie bewegt sondern auch Lichtjahre von jeder technischen Realität.

    Mit amüsierten Grüßen

  2. Ich gehe mal schwer davon aus, dass wenn man ein Generationenschiff baut man auch simulierte Schwerkraft in Form von Zentrifugalkraft und gute Schirmung in Form eines Wassermantels mit einbaut und sich solche Probleme dann eher weniger stellen. Wichtig ist die Reisenden richtig auszuwählen. Es sollten schon Leute sein, die mit einem Leben vor dem RTL-Bildschirm zufrieden sind, denn 100 Jahre auf vergleichsweise engem Raum zum nächsten Stern zu reisen ist, denke ich nicht sonderlich erbaulich ;-).

    • In der Tat wird allein schon aufgrund der zu erwartenden Größe eines solchen Raumschiffs die Abschirmung sich nicht als das dramatische Problem darstellen, das es heute noch ist, und das Problem der Scwherelosigkeit wird sogar einfach zu lösen sein.

      Allerdings stelt sich mir die Frage, in welchem Zustand die Reisenden unterwegs sein werden: wach oder in einem Zustand, der im englischen Sprachgebrauch mit “suspenden animation” bezeichnet wird. Zwar habe ich bis jetzt immer gehört, künstlich induzierte Hibernation sei bei Menschen physiologisch nicht möglich. Wie verträgt sich aber eine so kategorische Aussage mit dem Fall des japanischen Wanderers Uchikoshi?

      • Das ist eine interessante Frage. Von dem Herrn hatte ich bis gerade eben noch nie gehört. Ich guck’ mir das mal an. Danke für den Tip!

  3. @Peter: Ich gehe eher davon aus, dass man eine Truppe von ziemlich gut (aus)gebildeten Leuten brauchen wird. Menschen mitzuschleifen, die zum Erfolg der Mission nichts beizutragen haben, wie reine Passagiere, wird man sich höchstens in Form von Kindern leisten können. Es wird auf so einem Schiff so ziemlich rund um die Uhr genug zu tun geben, ungeachtet der Enge.

    Zur Zentrifugalkraft hatte ich in den Artikeln zu den Generationenschiffen schon was geschrieben. Das Problem dürfte in der Tat lösbar sein.

  4. Ich habe gerade mal auf den Generationenraumschiff-Link geklickt und dort ein bisschen gelesen. Ist interessant. Aber nochmal zu den ungebildeten Menschen 😉 Ich glaube, dass das Gelingen einer solchen Mission nicht nur von Wissen und guter Technik abhängt sondern vor allem von sozialen Aspekten. Das ist was anderes ein GANZES Leben auf einem Generationenraumschiff zu verbringen oder sechs Monate auf der ISS mit “fast” jederzeitigen Rückflugmöglichkeit.

    Ich bin kein Fachmann in solchen Dingen, aber ich bin sicher dass man eine ausgeglichene Population auf eine solche Reise schicken muss. Also nicht nur Kinder und kluge Köpfe sondern auch Senioren, die Geschichten aus der guten alten Zeit erzählen können nicht-technische Berufsanghörige und auch ein paar Quatschköpfe und RTL-Gucker 😉 Das ist es was die menschliche Zivilisation ausmacht. Es wird auch Almtanzabende, politisches Kabarett, Theater und Konzertaufführungen geben müssen, halt lauter solche Sachen, die das Leben abwechslungsreich machen. Meiner Ansicht nach liegt der Beginn einer neuen extraterrestrischen Zivilisation auf dem Abflugtag des Generationenraumschiffs und nicht auf dem Ankuftstag am fernen Planeten.

    • Da gebe ich Ihnen absolut recht. Nur haben wir es eben mit einem Generationenschiff zu tun. Die Psyche derer, die während des Fluges geboren werden und dann langsam in diese Aufgabe hinein wachsen, müsste man halt nehmen, wie sie eben ist. Eine Auswahl ist nur bei der Initialbesatzung möglich. Andererseits würde die 2. Generation natürlich auch schon gar nichts anderes mehr kennen als dieses Raumschiff.

      Wie man sieht, ist das alles ein ziemlich spannendes und komplexes Thema. Leider ist noch viel Spekulation im Spiel, aber ich gehe davon aus, dass sich auch für Gemeinschaften auf der Erde einiges daraus lernen lässt.

  5. Da dieser Blog nach Ihrem Bekunden nicht das von Ihnen erwartete Niveau erreicht, werden Sie sicher nicht noch mehr ihrer kostbaren Zeit auf ihn verschwenden wollen und deswegen auch nicht meinen Kommentar wahrscheinlich nicht zu Gesicht bekommen. Falls doch, hoffe ich, Sie können konkretisieren, was Sie genau als unseriös empfinden. Mangel an Recherchetiefe kann es angesichts der Literaturliste eigentlich nicht sein.

  6. Nun, eine Literaturliste macht noch keinen guten Artikel. Ich empfinde es als unseriös, wesentliche Fragen nicht zu beleuchten. Eine (sehr) kurze Auswahl:

    Wollen die Menschen überhaupt zu Nachbarsternen fliegen, auch der äthiopische Bauer?

    Wenn nein, wer propagiert solche Ideen

    Wenn ja, was wollen sie dort`?

    Was erwartet sie dort bzw. welche „Gewinn“ ist zu erwarten?

    Steht die Technologie zur Verfügung?

    Wenn nein, wie soll sie entwickelt werden und was kostet sie?

    Wenn ja, was kostet sie?

    Kann die Welt das überhaupt, wenn 400km (ISS) rund 100 Mio. kosten?

    Wenn ja, ist die Welt bereit, das zu bezahlen?

    Wenn ja, wer zahlt?

    Etc., etc.

    Wer das nicht einmal auf dem Schirm hat, muss sich über Widerspruch nicht wundern.

    • Wenn Sie ernsthaft erwarten, ein Text zu einem bestimmten Thema müsse jeden, aber auch jeden weiteren Teilaspekt berücksichtigen, dann wundern Sie sich bitte nicht, wenn Ihre Kommentare – wie hier ab sofort – als Spam eingeordnet werden.

      Sie können gerne Vorschläge machen, aber in einem vernünftigen Ton.

    • Dachte ich mir’s doch, dass es Ihnen gar nicht um den angeblich übertriebenen Bezug auf sexuelle Themen geht – den ich ohnehin hier nicht sehe. Meine Güte. Wir schreiben das Jahr 2014, nicht 1914.

      Zumindest wäre ein bisschen Prpderie ja noch interessant gewesen. Wenigstens mal was anderes. Aber nein, es ist ja nur wieder dieses moralinsaure Gemisch aus Technikfeindlichkeit, Kulturpessimismus und Knausrigkeit. Der Blog hier wird doch nicht von zeit.de gehostet. Bei denen lägen Sie mit solchen Einstellungen goldrichtig.

      Apropos Recherchetiefe, bei 100 Millionen Kosten für die ISS liegen sie rund 3 Größenordnungen zu niedrig.

  7. Generationenschiffe müssen ein Leben ähnlich dem auf der Erde bieten, sonst können sie nicht einmal eine Generation am Leben erhalten. Das scheint mir so klar, dass man alle obigen Überlegungen zu Sex und Fortpflanzung in der Schwerelosigkeit oder unter Stress gleich ad acta legen kann. Auch die Strahlenbelastung im Generationenraumschiff muss vergleichbar sein zu der auf der Erde.
    Ein Generationenschiff das also den Anspruch einlösen will, mehrere Generationen von Raumfahrern durch den Raum zu transportieren muss eine normale Schwerkraft für die Besatzung anbieten, viel Raum für Spaziergänge und Wanderungen und eine Strahlenbelastung, die wahrscheinlich deutlich kleiner ist als auf einem durchschnittlichen Flecken unseres Heimatplaneten. Das ist technisch ohne weiteres einlösbar zum Zeitpunkt wo die Menschheit ein solch riesiges Schiff bauen und mit einer Energiequelle versehen kann, die von der Leistung her mindestens einem heutigen AKW entspricht. Ja eine solch gewaltige Energiequelle benötigt man, wenn man mehrere Generationen unbeschadet und unter angenehmen Lebensbedingungen durchs All kutschieren will. Der Strahlenschutz kann beispielsweise durch Abschirmen mittels Wasser oder Abfällen in den Aussenschichten des Generationenschiffs oder/und durch technisch erzeugte starke Magnetfelder ähnlich dem Erdmagnetfeld gewährleistet werden.

    Wo lliegen denn die echten Probleme eines Generationenschiffs? Es wäre wohl nicht der Reisestress sondern die Reiselangeweile, die Probleme verursachen könnte. Zudem könnte jeder Suizid und jede auftretende Geisteskrankheit eines Crewmitglieds potenziell für die gesamte Mannschaft lebensgefährlich werden.

    Generationenschiffe wird es irgendwann bestimmt geben – aber nicht in den nächsten 100 Jahren, da bin ich mir ziemlich sicher. Die Einwände des Kommentators Erik sind meiner Ansicht nach hinfällig, denn er operiert mit einem falschen Bild von der Menschheit wenn er beispielsweise schreibt: “Wollen die Menschen überhaupt zu Nachbarsternen fliegen, auch der äthiopische Bauer?”. Man kann nicht alle Menschen über den gleichen Kamm schreren, so etwas wie die Menschheit gibt es in vielerlei Hinsicht gar nicht. Sicher können die meisten Menschen andere Menschen verstehen, aber die Annahme, dass alle Menschen die gleichen oder nur ähnliche Lebensziele, Wünsche und Wertevorstellungen hätten, ist hanebüchen. Generationenschiffe wird es erst geben, wenn der Wohlstand auf der Erde noch einmal um ein Vielfaches gegenüber heute zugenommen hat und wenn die Menschen nicht mehr arbeiten müssen um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dann aber wird es genügend Menschen, Forscher und Organisationen geben, die zu etwas neuem aufbrechen wollen. Man bedenke, dass sich schon heute viele tausende Freiwillige für einen Marsflug ohne Rückkehr angemeldet haben (Mars One).
    Die Biologie des Menschen macht einen nicht allzu kleinen Teil der Menschen zu Abenteuern. Wäre das nicht so, hätte sich der Mensch nicht so schnell und erfolgreich über den ganzen Planeten verbreitet. Für die ersten Menschen, die aus Afrika ins Ungewisse ausgewandert sind um irgendwann im dannzumal eiszeitkalten Europa anzukommen, war das sogar ein mindestens so grosses Abenteuer wie es die Reise zu einem anderen Stern ist.

    Was aber macht den Unterschied zwischen den steinzeitlichen Auswanderen aus Afrika und zukünftigen Sternenreisenden aus? Wohl die Umwelt in der sich beide Gruppen bewegen. Nomaden, Wanderer und Reisende haben als wichtigste Gefahr die Umwelt in der sie sich bewegen. Doch Sternenreisende haben als wichtigste Gefahr nicht den Weltraum durch den sie sich bewegen, sondern sich selbst. Ihr Generationenschiff bewahrt sie – solange es funktioniert – vor den Gefahren der Umwelt. Doch es bewahrt sie nicht vor sich selbst, also nicht vor den Mitreisenden, den Kompagnons. Auch schwere technische Defekte könnten der Mannschaft zum Verhängnis werden. Oder sogar die künstliche Intelligenz, die das Schiff steuert analog zum Szenarium in Odysee 2001 von Stanley Kubrick.

    • Da ist viel Wahres dran. So richtig interessant wird die Schwerkraftfrage dann, wenn wir tatsächlich einmal daran gehen sollten, einen anderen Himmelskörper zu besiedeln – und sei es auch nur der Mond oder der Mars.

      • Ja, das sehe ich auch so. Könnte mir vorstellen, dass man einer Mondkolonie ebenfalls eine normale Schwerkraft anbieten muss zum Beispiel indem man “Mondhotels” ringförmig baut und um das Zentrum rotieren lässt. Die ersten Mondkolonisten müssten wahrscheinlich noch ohne diesen Komfort auskommen und erst wenn sich zeigt, dass die Gesundheit durch die verminderte Schwerkraft beeinträchtigt ist, würde man den Komfort der künstlichen Erdschwere anbieten.

        Wenn man sich solche Überlegungen macht und das mit der momentaten Raumfahrtrealität vergleicht, hat man ein böses Erwachen. Bis zum Jahre 2050 erwarte ich jedenfalls keine noch so kleine Mondkolonie. Es braucht eine eigentliche technische Umwälzung in der Raumfahrt bis sich die Zeitmasstäbe ändern und man nicht mehr über Marsflüge in eingen Jarhzehnten oder eine Mond- oder Marskolonie in 50 Jahren sprechen muss, sondern wo man wieder einen Zeithorizont von 10 Jahren hat wie das bei der ersten US-Mondfahrt der Fall war, wo John Kennedy in seiner Moon-Shot-Rede sagte:

        First, I believe that this nation should commit itself to achieving the goal, before this decade is out, of landing a man on the moon and returning him safely to the Earth.

        it will not be one man going to the moon–if we make this judgment affirmatively, it will be an entire nation. For all of us must work to put him there.

  8. Ich bitte um Verständnis, dass ich eine Reihe von Kommentaren löschen musste. Sie befassten sich nicht mit Themen, sondern nur mit Personen, und erschienen mir für eine sachliche Diskussion des Textes völlig ungeeignet und störend. Sollten weitere derartige Kommentare auftauchen, behalte ich mir vor, auch diese zu löschen, sobald ich davon Kenntnis erlange. Vielen Dank.

  9. In spätestens 30 Jahren wird eine Kombination aus Molekularbiologie, Stammzellenzüchtung und Nanotechnologie den Menschen eine unbegrenzte Lebensdauer bei vollständiger Gesundheit bringen.

    Generationenschiffe sind dann nicht mehr notwendig.

    Mit Kernfusion kann man realistisch etwa 10 Prozent der Lichtgeschwindigkeit erreichen, so hat man bei 100 Jahren Flugzeit rund 10 Sterne in Reichweite.

    Vielleicht gibt es da noch einige schlecht sichtbare rote und braune Zwergsterne, die man später findet.

    • Der Mensch als Ingenieur eines neuen Menschen, den wird es geben, aber kaum in 30 Jahren, eher in 50 bis 100 Jahren. Exponentiell beschleunigte Fortschritte wie sie immer wieder von Futuristen wie Ray Kurzweil prognostiziert werden kann es zudem mit Menschen allein nicht geben, denn Menschen können sich selbst nicht exponentiell entiwckeln, sie können ihre Forschung nicht um den Faktor 2 dann 4, dann 8 beschleunigen und sid in vielem Opfer ihrer eigenen Hardwarebeschränkungen – ihrer Biologie.
      Anders würde das erst mit dem Auftauchen echter, starker künstlicher Intelligenz. Robotermenschen und -forscher könnten unter 24/7-Bedinungen (24 Stunden in 7 Wochentagen) arbeiten und jede Generation könnte leistungsfähiger als die vorhergehende sein. Dann wäre es irgendwann möglich in 10 Jahren ein Raumschiff zu bauen mit dem man die Nachbarsterne erreichen kann. Ob es in dieser Zukunft aber überhaupt noch Menschen geben wird ist alles andere als selbstverständlich, denn eine solche Welt wird mit der heutigen Menschenwelt kaum noch etwas gemeinsam haben.

      • Ich nehme an, dass die Menschen früher eine unbegrenzte Lebensdauer erreichen können, als dass sie interstellare Generationenschiffe bauen können.

        Jeder Tod hat eine bestimmte Ursache, und diese kann man finden und beheben.
        Stammzellen und Zellen mit aktiver Telomerase sind unter günstigen Umständen ganz von selbst unsterblich.
        Auf diese Weise nimmt uns unsere Natur den größten Teil der Arbeit an der Unsterblichkeit ab.
        Sollten Zellen irgendwo entarten, dann kann man sie mit Nanomaschinen leicht entfernen.

  10. Leben hats schwer im Weltraum und hats sogar schwer auf den meisten Planeten und den meisten Sternsystemen, die wir heute kennen, denn stabile Einstrahlungsverhältnisse und ein stabiles Klima über Jahrmillionen sind alles andere als selbstverständlich . Irdisches Leben hat es sogar mit lebenserhaltenden Systemen schwer im Orbit oder auf dem Mond, denn es ist an die irdischen Verhältnisse angepasst und kommt weder mit Strahlungsausbrüchen der Sonne noch mit Stress oder fehlender Gravitation gut zurectht. Die obige Literaturliste beschäftigt sich ja ausschliesslich mit biologischen Effekten von Weltraumbedingungen, vor allem mit verminderter und verstärkter Gravitation und die Ergebnisse zeigen, dass Abweichungen von den Werten auf der Erdoberfläche negative Auswirkungen haben. Ich ziehe folgende Schlüsse aus diesen Ergebnissen
    – Ein Aufenthalt unter Weltraumbedingungen oder unter Bedingungen wie sie auf dem Mond herrschen ist eine Ausnahmesituation
    – Leben in einer Raumkapsel oder Mondstation unter den minimalen Bedingungen die mit Überleben und der Möglichkeit zu arbeiten verunden sind, ist weit entfernt von optimalen Lebens- und Arbeitsbedingungen wie wir sie auf der Erde kennen.
    – Ein angenehmes Leben im Weltraum oder in einer Kolonie auf dem Mond oder Mars ist nur mit sehr viel teureren und aufwendigeren Installationen möglich als sie heute in der bemannten Raumfahrt eingesetzt werden
    – Permanente Outposts abseits der Erde sind für Normalbürger noch weit von den heutigen Realistationsmöglichkeiten entfernt und so teuer, dass sie ein Exotikum bleiben müssen

    Fazit: Die heutige Raumfahrt kann das Überleben von speziell ausgewählten und ausgebildeten Raumfahreren im Weltraum oder auf dem Mond sicherstellen, doch ein Leben analog dem Irdischen ist im Weltraum oder auf dem Mond heute noch nicht möglich. Ein wichtiger Grund für diese Beschränkungen sind die hohen Kosten für den Transport von lebenserhaltenden Systemen in den Weltraum. Was den Zugang zum Weltraum betrifft stehen wir noch ganz am Anfang, in Phase I quasi.

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