Was sind wilde Tiere?

BLOG: Landschaft & Oekologie

Unsere Umwelt zwischen Kultur und Natur
Landschaft & Oekologie

Naturschützer wollen heute vor allem Wildnis erhalten. Doch die Art der Beschreibungen, die die Naturschutzforschung in aller Regel von ihren Objekten anfertigt, nützt für dieses Vorhaben wenig. Fast alle Beschreibungen sind naturwissenschaftlicher Art. Sie sagen uns nichts darüber, ob das Gebiet die Wünsche erfüllt, die wir an Wildnis haben. Phänomenologische Beschreibungen eignen sich besser. Statt ökologische Tiergruppen wie „Prädatoren“ oder „r-Strategen“ erhält man dann z. B. Typen wie „Herrscher“ oder „Heimtückische“.

Hier möchte ich auf einen aus einer studentischen Seminararbeit entstandenen Artikel hinweisen, den einige Autoren – darunter ich – vor einigen Jahren in den Berichten der bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege veröffentlich haben und dem ich mehr Leser wünsche (nicht mit allen Artikeln, an denen ich beteiligt war, geht es mir so):

Elitzer, Birgit, Anne Ruff, Ludwig Trepl und Vera Vicenzotti (2005): Was sind wilde Tiere? In: Berichte der ANL, Heft 29, 51-60.

Im Naturschutz dreht es sich seit etlichen Jahren vor allem darum, die „natürliche Dynamik“ zu schützen. Man attackiert die frühere Praxis, die man konservativ nennt. Das Anliegen des konservativen Naturschutzes sei das Bewahren bestimmter Zustände gewesen, z. B. von besonders artenreichen Sukzessionsstadien oder von Klimaxgesellschaften; also Statik statt Dynamik habe ihm am Herzen gelegen. Dahinter stecke ein Naturbild, das auf überholten ökologischen Theorien („Gleichgewichtsökologie“) beruht. In Wirklichkeit sei die Natur dynamisch.

Aber warum sollen wir dann gerade ihre Dynamik schützen? Nur weil es diese Dynamik gibt? Warum nicht bestimmte Zustände konservieren? Diese Zustände gibt es ja auch – auch wenn sie vielleicht nicht so lange anhalten, wie man früher gedacht hat.  „Die Natur“ sagt uns leider nicht, was sie will. Daß wir auf die Bedürfnisse eines Tieres Rücksicht nehmen sollen, mag sich begründen lassen (die Naturschutzethiker streiten darüber). Aber „die Natur“ hat keine Bedürfnisse. Dem einen Lebewesen geht es unter „dynamischen“ – gemeint sind damit im allgemeinen sich rasch verändernde – Bedingungen gut, das andere leidet unter ihnen. Und uns könnte ja aus irgendeinem Grunde an bestimmten wenig dynamischen Zuständen mehr liegen als an der Dynamik.

Worum geht es im „Prozeßschutz“ – das ist der etwas merkwürdige Name, den die Naturschützer ihrer neue Strategie gegeben haben – wirklich? Gewiß nicht um „natürliche Dynamik“. Eine wachsende Population ist ihnen nicht prinzipiell lieber als eine bei hinreichender Größe („MVP“) stagnierende. Es geht ihnen, so darf man wohl behaupten, dann, wenn sie von „Prozeßschutz“ reden, um Wildnis. Wildnis ist der Inbegriff der Gegenwelt der oder von Gesellschaft. „Natürliche Dynamik“ ist nur ein unbeholfener Versuch, das auszudrücken, was mit Wildnis intendiert ist. Man meint, sich wissenschaftlich ausdrücken zu müssen, verwechselt Wissenschaft mit Naturwissenschaft und muß sich damit an die Grenzen halten, die einer Naturwissenschaft nun einmal gesetzt sind. „Dynamik“ liegt innerhalb dieser Grenzen, „Wildnis“ und „Gegenwelt“ außerhalb.

Was immer wir – „wir“ sind natürlich nicht „die Menschen“, sondern die Angehörigen bestimmter Gruppen in unserer, der sogenannten westlichen Kultur – nun wollen mögen, wenn wir wollen, daß ein Gebiet als Wildnis zu erhalten sei: Die Art der Beschreibungen, die die Naturschutzforschung in aller Regel von ihren Objekten anfertigt, nützt uns für dieses Vorhaben wenig. Das ist die Grundthese des Artikels. Fast alle Beschreibungen sind naturwissenschaftlicher Art. Wir erfahren z. B., welcher Prozentsatz der Pflanzen in der borealen Klimazone seinen Schwerpunkt hat und welcher Prozentsatz der Tiere den Prädatoren angehört. Das sagt uns aber nichts darüber, ob das Gebiet die Wünsche erfüllt, die wir an Wildnis haben. Selbst eine Angabe wie die, dass der Großteil der Vegetation dem Klimaxzustand entspricht, ist dafür allenfalls eine schwache, indirekte Hilfe.

Wildnis ist ein kultureller Begriff in dem Sinne, daß sie nicht Teil der physischen, sondern Teil unserer symbolischen Welt ist, und sie ist es in dem Sinne, daß es sie nur relativ zu bestimmten Kulturen gibt und daß sich das, was Wildnis ist, sich mit dem historischen Wandel dieser Kulturen ändert, auch wenn sich an der Beschaffenheit des Gebietes, wie sie die Naturwissenschaften beschreiben können, gar nichts ändert. Wildnis war in archaischen Gesellschaften der von Dämonen bevölkerte Ort des Schreckens jenseits der Grenze des kultivierten oder bekannten Raumes. In der Zeit der Aufklärung war sie (u. a.) die übermächtige, gewalttätige Natur, die dazu taugte, in uns das Gefühl der Erhabenheit, und das heißt, das Gefühl unserer Überlegenheit als moralisches Wesen über alle Natur, wachzurufen. In der Romantik verkörperte sie die dunkle Seite der Natur, die aber durch den heiligen Schauer, den sie hervorruft, ein erwünschtes Gegengewicht zur durch die Aufklärung entzauberten Welt bildet.[1]

Man muß also fragen, was Wildnis in unserer heutigen Kultur bedeutet, wenn man wissen will, was man von der Natur einer Gegend wissen sollte, damit man sie dem Wunsch nach Wildnis angemessen behandeln kann. Das wird in dem Artikel anhand einer vergleichsweise sehr eingegrenzten Frage andeutungsweise versucht: Was sind wilde Tiere?

Naturwissenschaftliches Wissen hilft hier nicht weiter. Naturwissenschaftler legen bereits beim Ordnen ihrer Gegenstände Kriterien an, die uns für diese Frage überhaupt nichts nützen: Sind Angehörige der Ordnung der Carnivora wilde Tiere? Hauskatzen natürlich nicht (auch wenn „wild“ Bedeutungsnuancen hat, die auch auf sie zutreffen). Aber auch ein Dachs erfüllt offenbar die Kriterien eines wilden Tieres nicht besonders gut, jedenfalls schlechter als ein Wolf. Sind „Prädatoren“ wilde Tiere? Spatzen und Marienkäfer sind ebenso Prädatoren wie Löwen, aber wilde Tiere sind sie nicht.

Naturschützer werden vielleicht einwenden: Hier handelt es sich um subjektive, individuelle Empfindungen, und damit hat die Wissenschaft nichts zu tun, sie sucht nach objektiven und allgemeingültigen Aussagen. Da es im Naturschutz nicht nach individuellem Belieben zugehen kann – in demokratischen Gesellschaften, aber auch in jedem Verwaltungsapparat ist man auf Nachvollziehbarkeit und damit auf objektives Wissen angewiesen, subjektives Meinen reicht nicht – , können wir auf Wissenschaft nicht verzichten.

Man darf aber Wissenschaft nicht mit Naturwissenschaft gleichsetzen. Die Frage, was „wilde Tiere“ sind, ist mit naturwissenschaftlichen Mitteln nicht zu beantworten, nicht einmal zu begreifen, aber anderen Wissenschaften ist sie durchaus zugänglich. Es handelt sich allerdings auch nicht, wie man vielleicht meinen könnte, um eine Frage der Psychologie oder der empirischen Sozialforschung, jedenfalls nicht primär. Wir wollen nämlich nicht (in erster Linie) wissen, nach welchen Gesetzen ein Mensch auf bestimmte Reize reagiert, die z. B. von einem besonders großen oder gefährlichen Tier ausgehen, oder ob vielleicht ein Mensch, der als Kind mit wilden Tieren zu tun hatte, diese mit bestimmter Wahrscheinlichkeit später nicht mehr als bedrohlich empfindet, oder wie viel Prozent der Bevölkerung aus welchen sozialen Schichten sich von Schlangen abgestoßen fühlen. Es geht vielmehr zunächst und vor allem darum, was wir meinen, wenn wir ein Tier ein „wildes Tier“ nennen, oder aufgrund welcher symbolischen Bedeutungen der Eigenschaften eines Tigers wir uns dazu veranlaßt sehen, eher ihn und nicht etwa einen Fuchs oder ein Reh als Prototyp eines wilden Tieres anzusehen.

In dem Artikel wird eine phänomenologisch[2] gewonnene Typologie von wilden Tieren vorgelegt (und auch begründet, warum man das so machen sollte und wo die Grenzen liegen, wenn man es so macht). Die Typen sind:

die Herrscher, die Blindwütigen, die Freien, die Scheuen, die Listigen, die Dämonischen, die Heimtückischen, die Monstren, Schwärme, Gewimmel und Gewürm, die Drecksviecher.

 

Die „Heimtückischen“ z. B. werden so beschrieben:

„Während die einen [eben die „Listigen“] mit List ihr Überleben sichern, bringen die Heimtückischen mit nicht weniger List aus reiner Bösartigkeit andere ums Leben. Wenn der Fuchs seine Beute tötet, dann deshalb, weil er sich ernähren muss. Bei der Schlange tritt das ganz in den Hintergrund, ihr Biss ist pure Bosheit. Die Art ihres Angriffs zeigt ihre Tücke: Sie greifen an, wenn das Opfer nicht damit rechnet. Das tun andere, die doch edle Räuber sind, auch. Die Heimtücke der Schlange aber zeigt sich in der Art ihrer Waffen. Sie kämpft nicht mit Zähnen und Krallen, ja, sie kämpft eigentlich gar nicht. Der „Kampf“ ist entschieden, bevor er begonnen hat. Die Heimtückischen würgen ihr Opfer oder töten es gar mit Gift. Krieger, selbst Räuber tun das nicht, sie benutzen männliche Waffen. Mit Gift morden die Schwachen, die Frauen oder intrigante Höflinge; die Würgeschnur ist die Waffe gedungener Meuchelmörder, nicht der Räuber. Wer sich gegen die Heimtückischen im offenen Kampf verteidigen will, ist chancenlos, denn sie stellen sich ihm nicht. Sowie sie einen bemerken, sind sie verschwunden, ohne dass man sie gesehen hätte. Man muss die Schlangen und die Skorpione totschlagen, wo immer man sie trifft, daran ist niemals etwas Böses, denn man kommt immer nur ihrem Angriff zuvor, und es gibt keine Regeln, wie das Töten waidgerecht zu geschehen hätte. Töten muss man sie aber nicht nur, weil von ihnen tödliche Gefahr ausgeht, sondern weil sie es verdienen. Schlangen sind nicht etwa nur listig, sie sind verschlagen, ihre List dient dem Bösen. Ob sie hässlich sind oder schön, lässt sich nicht leicht sagen. Ihre Hässlichkeit ist faszinierend, ihre Schönheit hat etwas Verführerisches; der Name der Schlange ist seit jeher mit der Erbsünde verbunden.

Die Heimtückischen gehören nicht zu jeder Wildnis. Die lichten Weiten, die Gebirge, die Tundra und Taiga kennen solche Tiere nicht. Und obwohl jeder weiß, dass es in der Wüste Klapperschlangen gibt: Essentieller Bestandteil der Wüste sind die Heimtückischen nicht, wohl aber der Wildnis des Dschungels. Sie und das, was ihnen ähnlich ist – selbst die Pflanzen erwürgen einander dort – machen das Wesen dieser Wildnis aus: Der Kampf aller gegen alle wird nirgends erbarmungsloser geführt als dort (in der kargen Wildnis der Wüsten, der Hochgebirge, der Polargebiete kämpft das Leben nicht gegeneinander, sondern gegen die unbelebte Natur), und dieser Kampf wird hinterlistig, heimtückisch, aus dem Verborgenen heraus geführt. Selbst die Herrscher [z. B. die Tiger] machen dort, wie gesehen, darin nicht unbedingt eine Ausnahme. Es sind nicht zuletzt die Heimtückischen, die den Dschungel zu dem Typ von Wildnis machen, der er ist und der sich deutlich von den anderen Arten von Wildnis abhebt. Sie selbst haben, um als wilde Tiere zu erscheinen, die Wildnis nicht nötig. Doch erscheinen sie nicht in dem Maße als wilde Tiere wie etwa die Herrscher und die Blindwütigen. Die Schlange ist so sehr Symbol des Bösen, daß der Aspekt des Wilden, das doch ambivalent ist, demgegenüber zurücktritt.“

 

 

Der Artikel wurde zunächst bei „Naturschutz und Landschaftsplanung“ eingereicht und dort abgelehnt. Eine der Begründungen war, es sei doch gar nicht wissenschaftlich erwiesen, daß Schlangen bösartig sind. Die anderen Ablehnungsbegründungen waren auch von dieser Art.


[1] Ausführlich dazu siehe Blogbeitrag “Idee der Landschaft” und das dort besprochene Buch von mir

[2] Gemeint ist die so genannte geisteswissenschaftlichen Methode. – „Phänomenologie“ wird sehr unterschiedlich gebraucht. Was in der Philosophie (oder auch in der Physik) so genannt wird, hat in der Regel nur entfernt mit der hier gemeinten Methode zu tun. Vgl. für eine erste Orientierung z.  B. Seiffert, Helmut (1983), Einführung in die Wissenschaftstheorie. Bd. 2: Geisteswissenschaftliche Methoden: Phänomenologie – Hermeneutik und historische Methode – Dialektik. München, Beck.

 

 

Ludwig Trepl

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

6 Kommentare

  1. @ chris

    Berlin war Zufall – es ist die einzige deutsche Großstadt (vielleicht noch Dresden?) in deren unmittelbarer Umgebung es bald wieder Wölfe geben wird. Da kann man ziemlich sicher sein. Südlich und südöstlich der Stadt gab es voriges Jahr (kann auch vor zwei oder drei Jahren gewesen sein) schon 8 Rudel, meist in der Lausitz, aber auch schon bei Zinna. Wenn man sie läßt, könnten sie sich auch in der Stadt selbst gut halten, sie könnten sich von den zahllosen Wildschweinen ernähren. In Rumänien kommen sie auch in der Großstadt vor, sie fressen dort u. a. Hunde.

    Im Übrigen: Das Töten von Tieren hat nur manchmal damit zu tun, daß diese Menschen töten (können). Man hat ja von den höheren Tieren (von den Amphibien aufwärts) so gut wie alles getötet, was einem begegnet ist. Manches tötete man nebenbei, verfolgte es aber nicht eigens. Man tötete (fast) alles entweder weil es als schädlich galt oder weil man es essen konnte (Vögel) oder weil es irgendwie Angst machte (z. B. Eulen, sicher vor allem wegen ihrer Verbindung zur Nacht und all den Assoziationen, die mit ihr verbunden sind, sie ist ja die Zeit der Albträume). Und die kleinen Tiere (in unserer Einteilung das „Gewimmel“ und das „Gewürm“) tötete man, weil sie irgendwie unangenehm waren, eklig oder bedrohlich oder lästig (wie die Fliegen). Eine Ausnahme, die wir in unserer „phänomenologischen Taxonomie“ nicht berücksichtigt haben, sind die Schmetterlinge. Soweit ich weiß, hat man denen nie etwas getan, sie waren seit der Antike eine Art Poetentiere, etwas Erfreuliches, sie symbolisierten Gutes/Angenehmes und waren schön. Die großen Raubtiere aber tötete man hauptsächlich aus rituellen oder ähnlichen Gründen: Sie waren würdige Kampfgegner, an ihnen konnte man sich beweisen.

  2. Stimmt… über die Wahrnehmung der Fledermaus (und wahrscheinlich auch der Schlange) konnte sich Jahrtausende niemand eine besondere Idee machen, ausser, dass sei sehen und höhren und fühlen, wie alle Lebewesen wohl auch. Naja, und dennoch gibt es gerade da besondere Abneidungen zu besonderen Tieren, die eine besondere Wahrnehmung aufweisen… und diese sich deshalb wohl auch eher unverständlich verhielten, was den Menschen nur nich erklärbar war.

    Das wir inzwischen in Berlin wieder Wölfe haben werden, ist wohl nicht so sicher, aber in der Lausitz zum Beispiel gibt es (wieder) welche. Und neulich lass ich auch was von Norddeutschland (schleswig-Holstein?). Aber das viele Raubtiere nahezu ausgestorben sind, ist nicht zu leugnen. Mögen sich einige noch in erheblich abgelegenen und Zivilisationfreien Gegenden noch aufgehalten haben – überwiegend sind sie um ihren früheren Lebensraum “gebracht” worden.

    Außerdem… welchen Hinweis gab es, dass es sich bei mir um einen Berliner handeln würde? Hatte ich dies schon mal erwähnt…?

  3. @ Martin Holzherr

    Auf ihre Behauptungen mit ökologischem Anspruch habe ich vor einigen Wochen oder Monaten schon mal geantwortet. Zu der Behauptung mit dem “eigenen Existenzrecht” der Natur schreibe ich in Kürze einen Blog-Artikel.

  4. @chris

    „Das[s] die Schlange also als Inbegriff des “Bösen” gilt, ist also nicht weiter [verwunderlich]. Aber eben nur darum erst Tatsache, weil wir Menschen ein Tier mit solchen Eigenschaften nicht verstehen können.(Desgleichen gilt übrigens für die Fledermaus. Blutsauger …. und ‚sieht’ die Welt durch ein biologisches Radar… “

    Und wie kommt’s dann, daß der uns so ähnliche und verständliche Iltis seit alters her ein ziemlich böses Tier ist, die uns viel unähnlicheren Schmetterlinge aber nicht? Und wieso soll die Orientierung durch „Radar“ dazu beigetragen haben, daß Fledermäuse als Blutsauger gelten, wo doch niemand etwas von dieser Radarorientierung wußte? Ein bißchen komplizierter wird es also wohl schon sein.

    „Und die Einteilung in ‚Räuber’ (Löwe) und ‚Meuchelmörder’ (Schlange und Skorpion) ist jeweils nur eine relativ unwichtige Beschreibung, die keine Aussage über das Tier macht, sondern über denjenigen, der diese Worte anwendet.(“

    Selbstverständlich ist das nur eine Aussage über denjenigen, der diese Worte anwendet; hat das je einer bestritten? Aber ist das deshalb eine unwichtige Beschreibung? Immerhin hat sie viel dazu beigetragen, daß man die Schlangen jahrtausendelang totgeschlagen hat, sowie man sie nur sah.

    „Töten nämlich können viele Tiere (den Menschen). Und darauf kommt es dem Menschen in der Regel an. Weswegen wir inzwischen keine oder kaum mehr wilde Raubtiere in unserer “Natur” mehr haben – sie sind allesamt vom Menschen getötet worden.“

    „Keine oder kaum mehr“? In Mitteleuropa gibt es alles Raubtiere, die es am Ende der Eiszeit hier gab, immer noch, und dazu noch ein paar mehr (Waschbär, Marderhund …). In der Umgebung der Großstädte fehlen die ganz großen (die sind zwar nicht vom Menschen, aber doch von Menschen getötet worden), aber zumindest Wölfe wird es bei Berlin schon bald wieder geben.

  5. Gut und Böse …

    Der Löwe etwa sieht, hört und riecht. Das macht ihn uns Menschen wenigstens irgendwie leichter zu verstehen. Aber die Schlange hat einen ganz anderen Wahrnehmungsmechanismus. Zudem wissen wir, die Schlange ist vielleicht giftig (wenn sie zubeisst). Ausserdem hat sie keine Beine.

    Das die Schlange also als Ínbegriff des “Bösen” gilt, ist also nicht weiter wundernd. Aber eben nur darum erst Tatsache, weil wir Menschen ein Tier mit solchen Eigenschaften nicht verstehen können.

    Desgleichen gilt übrigens für die Fledermaus. Blutsauger …. und “sieht” die Welt durch ein biologisches Radar… dessen “Abartigkeit” sich inzwischen in der modernen Literatur in den Geschichten von Vampiren hat niedergeschlagen.
    Alle anderen Tiere, die ebenso Blut saugen, wie Mücken, gnitzen, Egel und sonstiges Getier ist uns ebenso einen Faktor unangenehmer, als der um so viel stärkere und brutalere Löwe.

    Und trotzdem bleiben es “wilde” Tiere… und zwar allesamt, die sich unter dem Begriff Tiere so zusammenfassen lassen und ohne Domestizierung oder Zucht und Obhut durch den Menschen auf dieser Welt aufwachsen und leben.

    Und die Einteilung in “Räuber” (Löwe) und “Meuchelmörder” (Schlange und Skorpion) ist jeweils nur eine relativ unwichtige Beschreibung, die keine Aussage über das Tier macht, sondern über denjenigen, der diese Worte anwendet.

    Töten nämlich können viele Tiere (den Menschen). Und darauf kommt es dem Menschen in der Regel an. Weswegen wir inzwischen keine oder kaum mehr wilde Raubtiere in unserer “Natur” mehr haben – sie sind allesamt vom Menschen getötet worden.

  6. These: Naturschutz will Natur erhalten

    nicht wilde Tiere.
    Erhalten werden soll (in Teilen wenigstens) die Natur wie sie ist und sich auch ohne Mensch entfalten könnte und nicht irgendwelche wilden Tiere, artenreiche Suzkzessionsstadien, Klimaxgesellschaften oder die natürliche Dynamik.
    Mit: (Zitat)“Ein Gebiet als Wildnis erhalten” meinen heute Naturschützer – behaupte ich als Antithese zum Artikel – in der Regel, dass sie das Gebiet vor menschlichen Übergriffen und Eingriffen schützen wollen und nicht etwa, dass sie in diesem Gebiet eine bestimmte kulturelle definierte und bedingte Form der Wildnis erhalten wollen.
    Folgendes spricht für meine These, dass Wildnis für die meisten Naturschützer heute vom Mensch veschontes Gebiet meint:
    – die IUCN definiert “Wildnis als ausgedehntes, ursprüngliches oder leicht verändertes Gebiet, das seinen ursprünglichen Charakter bewahrt hat, eine weitgehend ungestörte Lebensraumdynamik und biologische Vielfalt aufweist, in dem keine ständigen Siedlungen sowie sonstige Infrastrukturen mit gravierendem Einfluss existieren”
    – Das Aufkommen des “segregativen Prozessschutzes”, also der vollkommen ungesteuerten Naturentwicklung
    – Die in vielen auch wissenschaftlichen Artikeln versuchte Antizipation von zukünftigen evolutionären Entwicklungen, wo etwa spekuliert wird, der Mensch oder andere Lebewesen entwickelten sich evolutiv in eine bestimmte Richtung. Auf einer Erde ohne freie Natur gibt es keine Evolution mehr oder nur noch gerade das, was der Mensch erlaubt. Eine solche Erde ohne natürliche Eigendynamik, wo alles vom Mensch kontrolliert ist, ist eine kastrierte Erde.

    Natur ohne Mensch
    Wildnis wurde als kultureller Begriff geschaffen als es noch weisse Flecken auf der Landkarte gab: Gebiete über die man kaum etwas wusste und die zum Teil auch nur wenig von Menschen verändert worden waren. Wildnis war also der Gegenbegriff zur vom Menschen gestalteten Welt. Dieser Begriff war teilweise negativ besetzt und die reale oder imaginierte Wildnis mit Gefahr und Angst verbunden.
    Das wird auch weiterhin so bleiben. Das Zusammenleben von Menschen mit Bären und Raubtieren wird immer schwierig bleiben, gerade heute, wo der Mensch nicht mehr Naturgewalten ausgesetzt sein oder gar Beute eines Raubtiers werden will.
    Gerade deshalb erhält der Naturschutz eine neue, besonders wichtige Mission: Die Erhaltung einer vom Menschen kaum beeinflussten Welt aus der der Mensch hervorgegangen, in der er ab nicht mehr (ungeschützt) leben will. Diese Welt hat ihr eigenes Existenzrecht und ihr Schutz ist als Rücknahme der alten Absicht, die ganze Erde zu beherrschen, aufzufassen. Aus Sicht der ganzen Menschheit – nicht des einzelnen Menschen – ist das eine kluge Entscheidung, denn wir wissen aus Erfahrung, dass eine Erde, die nur teilweise vom Mensch beherrscht wird, funktioniert, wir wissen aber noch nicht, ob eine Welt, bei der alles vom Menschen abhängt auch funktioniert und stabil ist. Und anders als die Natur sind wir Menschen an Stabilität interessiert, denn die Zeit, in der man sich zur besseren Unterhaltung die Köpfe vom Leib schlug oder sich mit Visionen der Apokalypse die Zeit totschlug, sind vorbei. Heute wünschen sich die meisten, dass es ihren Kindern so gut geht wie ihnen selbst und dass diese dieselben Entfaltungsmöglichkeiten haben. Damit sind aber gewisse nicht-nachaltige Lebens- und Wirtschaftsweisen und auch die Totalbeherrschung der Natur bis in den letzten Winkel nicht vereinbar. Wir haben also das Paradox, dass Menschen in der “Wildnis” bedroht sind, dass aber eine Welt ohne Wildnis (ohne unbeeinflusste Gebiete) den Menschen bedroht, auch wenn das viele nicht erkennen und einsehen wollen. Solche inhärenten Widersprüche gibt es in unserer Welt nicht wenige.