Warum dieser Blog?

BLOG: Landschaft & Oekologie

Unsere Umwelt zwischen Kultur und Natur
Landschaft & Oekologie

Dieser Blog dient nicht dem Popularisieren von Wissenschaft oder dem Transparentmachen von Forschungsprozessen für die Öffentlichkeit. Er dient der wissenschaftlichen Forschung selbst, und zwar durch Diskussion. Wie in einer Arbeitsgruppe ist hier der primäre Zweck des Diskutierens, die Arbeit, also die Erkenntnis voranzubringen. – Dieses Programm hat sich als Illusion erwiesen, denn Wissenschaftler lesen keine Blogartikel und beteiligen sich schon gar nicht an den Diskussionen, jedenfalls nicht die für die jeweiligen Fragen zuständigen Wissenschaftler.

Die Frage nach dem Warum dieses Blogs kann man auf mindestens zwei verschiedene Weisen verstehen: Erstens, warum meine ich, daß man oder ich das machen sollte? Daraus ergibt sich das Programm des Blogs. Zweitens, was sind diejenigen Ursachen, die man die „wirklichen“ nennt, im Unterschied zu den Gründen, von denen man glaubt, daß sie die Triebkräfte sind, etwa weil sie dem Selbstbild schmeicheln? Diesen Unterschied zwischen (vielleicht eingebildeten) Gründen und (wirklichen) Ursachen bitte ich im folgenden immer gut zu beachten.

Bloggen und Karriere

Der Neuroanatom Helmut Wicht hat hier bei Scilogs unter der Überschrift „Warum ein Wissenschaftler bloggt“ diese Frage für sich – unter anderem – so beantwortet: „Weil ich eitel bin, und gelesen werden möchte.“ Es wäre übertrieben, zu behaupten, daß dies für mich kein Grund ist. Aber es gibt doch erfreulicherweise Dinge, die bei mir mildernd wirken: Dieses Motiv, so stark es einst war, hat im Laufe meines Lebens sehr an Bedeutung eingebüßt, und zwar in zwei Schritten. Der erste war der Antritt einer festen Stelle. Die Eitelkeit war offenbar so eng verwoben mit der Existenzangst, daß sie zwar nicht mit dieser verschwand, aber doch merklich nachließ, zumindest sich anderswohin verschob, wo sie mir nicht so auffällt. Der zweite Schritt war der Eintritt in den Ruhestand. Es ist mir ziemlich gleichgültig geworden, ob mein Name genannt wird. Mir macht es nichts mehr aus, meine Gedanken zu verschenken. Wer mit ihnen etwas anfangen kann, mag sie benutzen, er muß mich nicht zitieren. Auch darum blogge ich jetzt, statt zu „publizieren“. Denn Gedanken in einem Blog sind mehr oder weniger verschenkt. Eine Veröffentlichung in einem Blogbeitrag „bringt nichts“, sie ist keine richtige Veröffentlichung; dazu unten mehr.

Was nicht verschwunden ist, ist die Streitlust. Ich streite gern (in der Wissenschaft, nicht im richtigen Leben), und ich bin der Meinung, daß ich recht habe und nicht die anderen. Daß diejenigen Auffassungen, die ich am heftigsten bekämpfe, solche sind, denen ich selbst einst anhing, irritiert mich dabei wenig. Immer hatte ich also, das habe ich erfahren müssen, nicht recht, und das betraf keinesfalls nur weniger Wichtiges. Aber im Moment habe ich recht, nicht die anderen. Allerdings glaube ich nicht, daß ich mich hierin von irgend jemand anderem unterscheide. Selbstverständlich halte ich meine Meinung für richtig und nicht eine andere, sonst wäre ja die andere meine Meinung. – In diesem Blog will ich darum nicht der Welt mitteilen, was man in einem bestimmten Sektor der Wissenschaft herausgefunden hat oder wie man dabei vorgegangen ist, also einen Beitrag zur Transparenz der Wissenschaft leisten, sondern ich will streiten, ich suche nach Gelegenheiten, anderen zu zeigen, daß sie sich irren.

Eine dritte wirkliche Ursache gibt es, glaube ich, noch: Ein Gemisch aus Faulheit und dem sich immer mehr nach vorn drängenden Wissen, daß die Zeit begrenzt ist, in der ich noch etwas zustandebringen kann. Eine richtige Publikation zu erstellen ist unendlich mühsam, allein schon wegen der vielen aufwendigen formalen Dinge, zu denen man gezwungen ist, und der notwendigen Rücksichtnahme auf das, was die Gutachter in Peer-Review-Verfahren vermutlich lesen möchten. Die Gedanken, die man der Welt mitteilen möchte, kann man mit weitaus weniger Aufwand in einem Blog unterbringen, und man muß sich nicht so verbiegen. Die Gedanken sind dann unfertig, sind auch, wie gesagt, mehr oder weniger verschenkt, sie kommen auch nicht an die richtigen Leute, aber sie sind wenigstens geäußert.

Unter den Gründen (im Unterschied zu den wirklichen Ursachen) gibt es schlechte und gute. Letztere – und nur um die soll es im folgenden gehen – sind die Gründe, aus denen man etwas machen sollte. Die Frage ist hier also, ob das Schreiben eines Blogs überhaupt eine sinnvolle Sache ist und wenn ja, was dann, beim Schreiben, das Richtige wäre. Ich will die Frage  nicht allgemein, für Blogs überhaupt, zu beantworten versuchen, sondern nur ein paar Gedanken skizzieren für einen Blog der Art, die ich mir hier vorstelle.

 

Wissenschaftsblogs haben, wie angedeutet, sehr verschiedenen Charakter. Manche sind das, was Blogs ursprünglich waren: veröffentlichte Tagebücher. („Ein Blog ist bekanntlich eine Mischung aus Beobachtungen und Reflexionen zu einem bestimmten Thema mit einer – mehr oder minder großen – Beimengung von Selbsterforschung, Selbsterkenntnis, Selbsterfahrung, ja manchmal sogar: Selbsttherapie“, so Jürgen vom Scheidt hier in Chronologs.) Die meisten Wissenschaftsblogs sind aber wohl eher eine Art populärwissenschaftliche elektronische Zeitschrift; die Autoren verstehen, auch wenn sie Wissenschaftler sind, ihre Tätigkeit mehr als „Volksbildung“ oder auch mehr als journalistische denn als wissenschaftliche Tätigkeit. Dieser Blog versteht sich anders. Er wendet sich nicht an die allgemeine oder auch nur die „gebildete“ Öffentlichkeit, versucht nicht, wissenschaftliche Erkenntnisse zu popularisieren. Warum nicht? Und was versucht er dann?

Für die Popularisierung wissenschaftlicher Ergebnisse und dafür, das Geschehen in der Wissenschaft einem breiten Publikum transparent zu machen, gibt es natürlich gute Gründe, und ich bin sehr dafür, wenn andere das machen. Aber es ist nicht die Aufgabe, die ich mir hier vorgenommen habe. Der Blog richtet sich vor allem an ein Fachpublikum, doch nicht nur an ein wissenschaftliches. Adressaten sind auch Fachleute, die Ergebnisse von Wissenschaften in ihrer beruflichen oder auch „ehrenamtlichen“ Praxis, hier vor allem der Praxis des Umwelt- und Naturschutzes, der Landschaftsplanung und der Landschaftsarchitektur, anwenden, sei es als instrumentelles, sei es als Orientierungswissen. Das Ziel des Blogs ist aber nicht – oder doch nur ganz am Rande –, diese Praktiker über den Fortschritt in den für ihre Tätigkeit einschlägigen wissenschaftlichen Disziplinen zu informieren. (Das könnte ich nur für einige ganz schmale Ausschnitte; nicht nur schmale Ausschnitte der Wissenschaft insgesamt, sondern auch allein der Ökologie.) Vielmehr soll er vor allem der Diskussion über einige sowohl in den Wissenschaften als auch in der einschlägigen Praxis latente oder auch virulente Themen von größerer Bedeutung dienen, in denen mehr Klarheit nicht so ohne weiteres vom Selbstlauf des fachwissenschaftlichen Fortschritts zu erwarten ist.

Der deckt zwar vieles auf, aber er entdeckt oft nicht einmal die wichtigen Fragen. Zwar sind ständig Heerscharen von Wissenschaftlern auf der Suche nach offenen Fragen, um Ideen für Projektanträge zu bekommen. Aber verschiedene Ursachen lassen viele Fragen gar nicht erst aufkommen, oder sie sorgen dafür, daß man in der falschen Richtung sucht. Zu den Ursachen gehören die jeweiligen paradigmentypischen blinden Flecken, gehören die allgemein vorherrschenden Ideologien und spezielle Fachideologien, gehören auch so handfeste Dinge wie die Überlegung, daß die Geldgeber bestimmte Fragen nicht verstehen oder nicht hören wollen und die vermuteten Gutachter im Peer-Review-Verfahren auch nicht, weswegen man sie sich auch selbst nicht kommen läßt.

Eine Ursache besonderer Art ist diese: Aus temporärer interdisziplinärer Zusammenarbeit entstehen eigene Disziplinen oder handwerklich-lebenspraktische Felder akademisieren sich und werden zu wissenschaftlichen Disziplinen. Diese haben in der Regel die Tendenz,  im eigenen Saft zu schmoren. Sie isolieren sich von den Disziplinen, in denen gerade im Hinblick auf ihre eigenen wichtigen Probleme die Musik spielt. Z. B. sind für den Naturschutz viele der bedeutenden Fragen soziologischer Art, aber kaum jemand in der Naturschutzforschung ahnt auch nur, was man in der Soziologie zu ihren Fragen zu sagen hat (oder hätte, wenn man von ihnen wüßte). Man betreibt, wenn überhaupt, eine eigene, hausgemachte „Soziologie“. – Im Prinzip war das alles nie anders, aber in den letzten zwei- bis drei Jahrzehnten hat sich die Lage diesbezüglich so verschärft, daß Foren, in denen frei von den Zwängen des Betriebs und auch über Fachgrenzen hinweg diskutiert werden kann, um einiges wichtiger sind als sie es früher waren.

 

Wissenschaftliche Forschung, ob disziplinär oder interdisziplinär, findet vor allem in Form von Diskussionen statt, und auch die Beziehung zur interessierten Außenwelt sollte selbstverständlich weniger die Form der Belehrung als die der Diskussion haben. Sowohl intern als auch im Außenverhältnis hat sich aber seit längerer Zeit in dieser Hinsicht eine Lücke aufgetan, und Blogs bieten eine Chance, sie teilweise zu schließen:

Es gibt heute im wesentlichen nur zwei Formen wissenschaftlicher Kommunikation, nämlich einerseits Publikationen in Zeitschriften und in Büchern, andererseits das Gespräch, besonders in den Arbeitsgruppen und in Seminaren, selten auf Tagungen. Dazwischen gab es früher noch etwas, das fast völlig verlorengegangen ist, nämlich die briefliche Kommunikation. Sie machte oft einen sehr großen Teil der Arbeit von Wissenschaftlern aus. Wirklich privat war sie nur selten – Briefe wurden meist von einem größeren Kreis gelesen, sie waren durchaus eine Art von Veröffentlichungen.

Briefliche Kommunikation zwingt durch die schriftliche Form zu viel größerer Verbindlichkeit der Formulierung als mündliche. Und sie erlaubt, in Ruhe nachzudenken, bevor man etwas äußert, hebt sich also in diesen Hinsichten positiv vom Gespräch ab. Auf der anderen Seite hat sie doch einigermaßen dessen Vorzug des unmittelbaren Austauschs, was der Gedankenproduktion ungemein hilft; zwar ergibt nicht ein Wort das andere, aber es provoziert doch ein notierter Gedanke rasch den nächsten. Schließlich erfordert die briefliche Kommunikation bei weitem nicht den Aufwand des Publizierens in Büchern oder Zeitschriften.

Die Beiträge in einem Blog können Ähnliches leisten. Man muß sich z. B. nicht die meist erhebliche Mühe des Zitierens machen, sofern man nicht explizit behauptet oder suggeriert, die jeweiligen Gedanken wären von einem selbst. Wie in einem Brief kann man schrieben: „ich weiß es nicht, aber ich vermute, daß es dagegen Einwände gibt“, man ist nicht gezwungen anzugeben, wo die stehen. Man kann auch hinzufügen: „Können Sie mir weiterhelfen?“ Wie in einem Brief kann man schreiben: „Wahrscheinlich bringt es nicht viel, aber ich möchte doch diesen Gedanken etwas ausspinnen“ – in einem bei einer Zeitschrift eingereichten Aufsatz wäre das im allgemeinen ein Grund, das Manuskript zurückzuschicken. In einem Blog kann man in einem viel höheren Maße Unfertiges publizieren – man kann solche Gedanken nicht auf normalem Wege veröffentlichen, aber es könnte sich doch lohnen, sie anderen, und zudem nicht nur dem kleinen Kreis, mit dem man sich ohnehin ständig trifft, zugänglich zu machen. Solche Gedanken sind vor allem zweierlei Art: (a) Sie betreffen offene Fragen an Forschungsfronten, da, wo man sich eigentlich auskennt, wo man aber nicht mehr weiter weiß. (b) Sie betreffen Gebiete, für die man nicht kompetent ist, in denen man sich aber auskennen müßte, um bestimmte Fragen in Angriff zu nehmen, die in das eigene Gebiet fallen; die Fragen fallen ins eigene Gebiet, aber nicht die Möglichkeiten der Beantwortung. Das ist besonders in interdisziplinärer Forschung der Fall, vor allem deshalb gibt es sie ja.

 

Das sollen die Beiträge in diesem Blog also im wesentlichen sein: einem größeren Publikum, und zwar einem fachkundigen Publikum, mitgeteilte unausgegorene Gedanken.

 

*   *   *

 

Diese programmatischen Überlegungen habe ich mir gemacht, bevor ich mit diesem Blog begann. Mittlerweile haben sie sich als ziemlich illusionär herausgestellt. Was ich hauptsächlich erhofft hatte, nämlich daß der Blog nicht der Popularisierung von Wissenschaft dient, sondern der Forschung selbst, so wie Diskussionen in Arbeitsgruppen oder briefliche Kommunikation zwischen Wissenschaftlern auch, ist nicht eingetreten. Wieso?

Wissenschaftler beteiligen sich, von Ausnahmen abgesehen, nicht an Diskussionen der Art, wie ich sie hier in Gang bringen wollte. Sie schreiben weder Blogs noch Gastbeiträge noch Kommentare. Sie lesen sie auch kaum. Das kann ich zwar nicht nachweisen, aber ich würde mich sehr wundern, wenn es anders wäre. Wer Kommentare schreibt, hat zwar meist ein wissenschaftliches Fach studiert, arbeitet oft auch als Wissenschaftler, aber äußerst selten kommt es vor, daß einer, der für die gerade angesprochene Frage wirklich kompetent ist, weil er daran arbeitet – dem man also vielleicht brieflich um seine Meinung bitten würde –, sich am Kommentieren beteiligt. Wissenschaftler scheinen Blogs (zumindest meinen und die wenigen anderen, die ich kenne), wenn überhaupt,  nur zu lesen und dort zu kommentieren, weil und wenn sie sich auch für andere Dinge interessieren als für die, in denen sie sich von Berufs wegen auskennen. Und gerade auf die Beiträge von Kennern spezieller Gebiete kam es mir doch an, das habe ich oben im „Programm“ geschrieben. Mit der geringen Zahl derer, die das tun, was ich erhofft hatte, könnte ich ohne weiteres einen Briefwechsel unterhalten. Ich bräuchte nicht einmal ein Vervielfältigungsgerät dazu. Sollte es nötig sein, einen Brief an mehr als eine Adresse zu schicken, könnte ich ihn mit der Hand abschreiben.

Sicher liegt das zum Teil an den Themen, die ich behandle. Selbst wenn die Themen an sich für weite Kreise interessant sein dürften – das sind sie sicher meist, vor allem „Ökologie“ findet ja größte Aufmerksamkeit in den Medien –, so ist doch die Art fremd, wie ich sie behandle. Aber es gibt auch eine nicht ganz geringe Zahl von Kollegen, für die das nicht gilt. Woran mag die Abstinenz bei denen liegen? Ich weiß es nicht, vermute aber, daß ich auf das Wichtigste oben schon hingewiesen habe: Was in einem Blog steht, „gilt“ nicht, es sind verschenkte Gedanken. Was nicht in einem wissenschaftlichen Buch oder einer Zeitschrift – und in einer rasch zunehmenden Zahl von Fächern nur in einer Zeitschrift – veröffentlich ist, sondern irgendwo anders hingeschrieben, das ist nicht von dem, der es sich ausgedacht hat. Es ist darum immer mehr dazu gekommen, daß noch nicht veröffentlichte Gedanken ängstlich gehütet werden, damit sie ja nicht jemand klaut (und vielleicht gar einen Projektantrag daraus macht).

Aber es ist nicht einfach so, daß man Blogbeiträge nicht in die eigene Veröffentlichungsliste aufnehmen kann und daß sie nicht als zitierfähig gelten, sondern was in ihnen steht, „gilt“ in einem viel tieferen Sinn nicht. Mit einem Buch, ja auch mit einem Aufsatz in einem Buch oder einer Zeitschrift verewigt man sich, ziemlich unabhängig von der Zahl der Leser. Das ist bei einem Blog nicht der Fall. Es ist oder wäre auch dann nicht der Fall, wenn ähnliche Hürden für die Publikation aufgebaut würden, wenn also z. B. Scilogs nur begutachtete Beiträge aufnähme. Jemand muß schon berühmt sein, damit Biographen auch nicht ordentlich Veröffentlichtes durchstöbern, so daß dann auch Gedanken in Briefen oder verstaubten Manuskripten ihm – im allgemeinen posthum – zugerechnet werden, als Teil seines Werkes gelten. Für Blogbeiträge und -kommentare wird das auch gelten. Für die normalen Wissenschaftler sieht es anders aus. Junge Wissenschaftler können es sich aus sehr handfesten Gründen einfach nicht leisten, ihre Zeit derart zu verschwenden, älteren, die es sich leisten könnten, ist das Medium Internet oder zumindest Blog meist allzu fremd.

Für alle aber gilt, daß man das als seriöser Wissenschaftler einfach nicht tut. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, daß sich das ändert, aber noch ist es so. Zum Teil sind es die gleichen Vorbehalte, die auch Kollegen treffen, die populäre Bücher schreiben oder im Fernsehen auftreten. Anfängern ist das oft nicht bekannt, sie glauben: je bekannter ein Name, desto besser für die Karriere. Aber es kommt sehr darauf an, was den Namen bekannt gemacht hat und wer ihn kennt. Darüber wird nicht allzu laut geredet, und man muß schon längere Zeit dabei sein, um es mitzubekommen. Man muß in etlichen Berufungskommissionen gesessen haben, um zu wissen, wie auf populärwissenschaftliche Arbeiten üblicherweise reagiert wird. Zum Teil aber ist die Abneigung gegen das Bloggen wohl einfach vergleichbar damit, daß sich ein Jurist unmöglich macht, wenn er in einer Fakultätssitzung nicht Anzug und Krawatte trägt. (So stelle ich es mir vor, ich war noch nie in einer juristischen Fakultät.) Es hat etwas Ungehöriges, man macht sich mit Leuten gemein, zu denen man Distanz halten sollte. Es ist unanständig im alten Sinn: Es ist kein standesgemäßes Verhalten.

 

Blogartikel und andere Beiträge im Internet mit Bezug zum Thema: (1), (2), (3), (4), (5), (6), (7), (8),(9), (10)

 

Ludwig Trepl

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

11 Kommentare

  1. Pingback:Anonymus › Landschaft & Oekologie › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  2. @ Anton Maier

    “Diese Fachfremden machen Fehler in ihrer Argumentation auf die die Evolutionsbiologen extra hinweisen sie nicht zu tun. Gleichzeitig sind diese dann geradezu beratungsresistent.”

    Das stimmt. Aber leider sind die Evolutionsbiologen auch nicht besser.

  3. @Ludwig Trepl

    Das schmoren im eigenen Saft ist so schlimm, dass es selbst mir als Laien auffällt. Dazu brauch man nur Evolutionsbiologen und fachfremde Wissenschaftler vergleichen. Diese Fachfremden machen Fehler in ihrer Argumentation auf die die Evolutionsbiologen extra hinweisen sie nicht zu tun. Gleichzeitig sind diese dann geradezu beratungsresistent. Da stellen sich bei mir immer die Nackenhaare auf und bin voller Ekel erfüllt.

  4. @Martin Huhn

    Sie schreiben, daß Archäologen, Historiker vielleicht nicht so internetaffin sind, und die “Landschaftler” ebenso wenig. Das glaub ich gar nicht mal, aber sie sind das Diskutieren nicht so gewohnt. Wobei es aber sehr darauf ankommt, wie man sie anspricht. Es gibt Foren, da gibt es zu Themen, wie ich sie auch hier behandle, endlose Diskussionen. Sie haben allerdings den Charakter, den die meisten der so beliebten Internet-Diskussionen über Religion haben: da werden private Bekenntnisse einander an den Kopf geworfen, es wird nicht wissenschaftlich diskutiert.

    Ich glaube, die Angst, die @Schorsch angesprochen hat („manch einen hat das Schreien auf dem Marktplatz schon den Kopf gekostet“) und der Sie, wie mir scheint, zum Teil zustimmen (Briefe sind überwiegend privat, aber es ist „nunmal nicht jedermanns Sache …, seine Meinung ins Internet zu stellen“) erklärt nicht besonders viel: Die meisten kommentieren ja doch anonym. Mir scheint es, wie im Artikel geschrieben, viel wichtiger, daß „man“ das in Wissenschaftlerkreisen einfach nicht tun, daß es sich nicht ziemt, nicht „standesgemäß“ ist. Denn da hilft die Anonymität nicht viel: Das werfen einem ja nicht nur die anderen vor, sondern vor allem wirft man es sich selbst vor.

    Dagegen, daß Wissenschaftler deshalb nicht selbst bloggen, weil das „verschenkte“ Gedanken sind, könnte man vielleicht schon etwas tun, und vielleicht hilft das ja auf lange Sicht auch: Man muß nur auch Blog-Artikel zitieren. Das geht zwar in der Regel nicht in der Literaturliste eines naturwissenschaftlichen Zeitschriften-Aufsatzes, aber doch in Fußnoten, so wie man ja dort anständigerweise seit eh und je auch Gedanken, auf die einen andere hingewiesen haben, als „Maier briefl.“ oder ähnlich zitiert.

  5. Verhalten

    Es hat etwas Ungehöriges, man macht sich mit Leuten gemein, zu denen man Distanz halten sollte. Es ist unanständig im alten Sinn: Es ist kein standesgemäßes Verhalten.

    Ganz im Gegenteil, heutzutage ist die Offenlegungen wissenschaftlicher Sicht wie Meinung sehr willkommen.

    Das ‘Ungehörige’ mag dadurch entstehen können, dass man außerwissenschaftlich um die Masse wirbt, um deren Einschätzung, die im Gegensatz zum wissenschaftlichen Vorhaben stehen kann und wenn sie dazu nicht im Gegensatz steht, populistisch wirken kann.

    Das Werben um die Masse kann dann in der Tat dem Ethos widersprechen, aber wer sich klar äußert und dezidiert für eigene Sichten bzw. für das kritische Beleuchten mit debselben wirbt, macht sicherlich nichts falsch.

    MFG
    Dr. Webbaer

  6. @ Schorsch

    Gewiß, der Vergleich mit dem Briefeschreiben hinkt, denn Blogs sind ja völlig öffentlich; beim Marktplatz konnte man immer noch, wenn man etwas gegen die Korinther sagen wollte, nach Athen gehen, dann erfuhren es die Korinther nicht. – Ich hab beim Briefeschreiben an das 18. Und frühe 19. Jahrhundert gedacht, als man manchmal selbst Liebesbriefe einem Publikum vorlas; es waren meist „offene Briefe“. Und der wesentliche Unterschied zum mündlichen Diskutieren ist eben, daß man Gedanken einigermaßen ruhig sich zurechtlegen kann und daß sie dann eben dastehen, nicht verhallen.

    Daß die „Gärtner, Bauern, Landschaftsplaner und –architekten“ solche Sachen wie in diesem Blog nicht lesen, ist klar. Die lesen halt überhaupt nicht gern. In der „Ökologiebewegung“ allerdings ist die Diskussionsfreudigkeit, scheint mir, gar nicht so klein. Denen muß man aber wohl Gedanken in einer Weise präsentieren, wie ich es nicht kann und auch nicht will.

    Was die Interdisziplinarität angeht, so habe ich es mir recht schlicht vorgestellt. Z. B. hat man in der Fachgemeinde, um die es mir geht, bestimmte ethische/moralische Vorstellungen über das, was man mit der Natur machen darf und soll. Die sind meist völlig unhaltbar. Nun gibt es aber Scharen von professionellen Ethikern, die hier berichtigend eingreifen könnten: Lieber Anonymus, was Sie hier schreiben, nennt man in der zuständigen Wissenschaft einen Sein-Sollens-Fehlschluß. Ebenso ist es z. B. mit der Soziologie und den Politikwissenschaften. Die Vorstellungen in der Fachgemeinde (na ja: den Gemeinden) darüber, warum es überhaupt eine Umweltbewegung gibt, sind großenteils dilettantisch – nicht nur bei den praktizierenden Gärtnern usw., auch bei denen, die darüber z. B. im Rahmen von Planungswissenschaften wissenschaftlich arbeiten. Es gibt aber Fachleute etwa in der Soziologie, die das leicht geraderücken könnten. Auch gibt es Kulturhistoriker, die die Auffassungen der Ökologen darüber, was Landschaft ist, korrigieren könnten.

    Natürlich habe ich mir aber vor allem gewünscht, daß mir selbst geholfen wird durch Beiträge aus den Teilen der Wissenschaft, in die ich mich zwangsläufig einmischen muß, wenn ich die Fragen verfolge, die mir nun mal aus “fachlichen” Gründen wichtig erscheinen, wo ich mich aber halt nur sehr oberflächlich auskenne.

    Danke für das Angebot, hier etwas zu Ökologie und Technik zu schreiben, ich nehme es natürlich gern an.

  7. @ Trepl

    Das Problem des fehlenden Fachpublikums lösen kürzere Beiträge wohl nicht. Allerdings weiß ich, daß einige Abonnenten unserer Zeitschriften kündigen, weil sie keine Zeit mehr zum Lesen haben. Vielleicht sind somit kürze Beiträge doch keine so schlechte Strategie, denn dem Fachpublikum wird es wohl ähnlich der Spektrum-Leserschaft gehen. Aber wie ich schon schrieb, das läßt sich in einem Blog ganz leicht ausprobieren.

    Die Analogie mit dem Briefeschreiben hat mir gefallen. Sätze in Schrift zu formulieren ist meist die reflektiertere Art der Kommunikation. Allerdings, wie Schorsch schon anmerkte, sind Briefe überwiegend privat. Es ist nunmal nicht jedermans Sache ist, seine Meinung ins Internet zu stellen. Viele lesen mit, würden gerne was dazu schreiben, aber können sich dann doch nicht überwinden. Und dann liegt es vielleicht auch an der Klientel. Beispielsweise sind Archäologen, Historiker nicht so internetaffin. Vielleicht sind es die “Landschaftler” ebenso wenig. Hinzu kommt, daß wir Deutsche (noch) nicht so die großen Blogliebhaber sind. Da muß man einfach mal ein längeren Atem haben.

  8. Lieber Ludwig,

    vielleicht musst Du noch etwas Geduld haben. Ich glaube, das, was Du im Kopf hast, kommt dem sehr nahe, was ein Blog idealer Weise sein kann. Aber da bist du, so es scheint mir, recht visionär. Die Realität hinkt da hinterher.

    Die Brief-Metapher trifft’s in meinen Augen allerdings nicht ganz. Mir kommt das eher so vor wie auf dem antiken Marktplatz (man sprach ja am Anfang des Internets und heute vielleicht auch noch, das weiß ich nicht, nicht umsonst vom „Forum“ wenngleich es einem hier so vorkommt, als würde man im Dunkeln stehen): jeder konnte reden, man wusste nie, wer alles zuhört, musste unter Umständen schreien, damit man gehört wurde und brauchte in jedem Fall mehr Mut als für eine Brieffreundschaft. Das Forum war etwas öffentliches, die Brief schon immer etwas privates.

    Ja, Du hast recht, der Gedanke kommt einem schon, dass man die Zeit für so etwas nicht hat. Man kann es sich nicht leisten, weil man der Ansicht ist, dass damit nichts oder vielleicht so-gar noch weniger geleistet wird. In strategischer Hinsicht hält man es für unklug. Wie Du sagst: es kommt auch darauf an „was den Namen bekannt gemacht hat“ und „wer ihn kennt“. Damit sollte man nicht allzu sorglos umgehen, denn manch einen hat das Schreien auf dem Marktplatz schon den Kopf gekostet. (Du kannst Deinen ja nicht mehr verlieren.) Das hat nichts mit Eitelkeit zu tun, sondern mit der grausamen Welt. Aber das soll natürlich nicht heißen, dass man nicht öffentlich diskutieren sollte. Man sollte es vielleicht nur nicht ohne jeglichen Bedacht tun.

    Die Voraussetzung dafür, dass Deine Idee von einem Blog funktioniert ist, wie Du ja sagst, dass diejenigen schreiben, lesen und kommentieren, die „fachlich“ etwas beitragen können. Aber wie bringt man z. B. Gärtner, Bauern, Landschaftsplaner und-architekten dazu, das zu lesen, was Du schreibst? Wenn sie es verstehen würden, würde es ihnen ohne Zweifel helfen, aber wie sollen sie es verstehen? „Fachlich“ bedeutet in Deinem Fall ja, Kenntnisse in einer ganzen Reihe von Fächern. Andererseits gibt es Dein „Fach“ so nicht, oder? Das macht es möglicherweise schwierig einen Einstieg in die Diskussion zu finden. (Dass die Text so lang sind, ist in meinen Augen kein Problem (mehr). Gedanken brauchen ihren Raum, und es ist ja nicht so, dass man seine Zeit nicht schon minderem verbracht hätte – Die Internetmenschen sind es halt nicht gewohnt. Warum einen Kommentar schreiben, wenn man in der Zeit zehn schreiben kann. Mehr als zehn Zeilen auf einmal zu lesen überfordert den heutigen Durchschnittsnutzer wohl auch ir-gendwie. Man scheint der Ansicht zu sein, dass man mit so vielen Wörter gar nichts sinnvolles sagen kann)

    Man müsste aber zudem erstmal erklären, wie das „interdisziplinär“ genau gehen soll. Wie verhalten sich die Anhänger einer spezifischen Disziplin zu denen, die „dazwischen“ arbei-ten? Ein Problem besteht da meiner Ansicht nach u. a. in einer gewissen Asymmetrie: Die Disziplinen für sich sind konstitutiv, ohne sie gäbe es ja nichts interdisziplinäres. Wenn man „dazwischen“ arbeitet, versteht man nie so viel von der Sache wie die vom Fach, wenngleich man sich in den Fächern auskennen muss. Die Fachleute aber, müssen sich nicht „dazwi-schen“ auskennen. Jene haben notwendigerweise ein Verständnis für diese, aber umgekehrt gilt das nicht. Wer hat ein Interesse an interdisziplinärer Arbeit?

    Ich werde, wenn’s recht ist, demnächst hier mal was zum Thema „Ökologie und Technik“ schreiben. Das taucht hier am Rande ja immer wieder auf und meist kommt „die Technik“ dabei nicht gut weg. Ich werde versuchen zu begründen, dass die unter „Ökologen“ weit ver-breitete Technikfeindlichkeit auf falschen Annahmen beruht und dass man sich, v. a. dann, wenn man sich gegen die „böse“ Technik auf die „gute“ Ökologie beruft, in Wiedersprüche verstrickt, die einen in genau die Hölle schicken, der man eigentlich entrinnen wollte.

    Bis dahin schöne Grüße

    Schorsch

  9. Gründe und Ursachen

    Also ich lese die Artikel dieses Blogs, weil ich keine Lust habe zu arbeiten. Da ich zum “Prekariat” gehöre und deshalb “Prokrastination” (Max Goldt) betreibe, greife ich zum Internet (wie andere zum Alkohol) und senke meine Arbeitsmoral einfach weiter (siehe Bölls Anekdote). Das Prekariat ist, denke ich, mehr dem “Keine Lust auf gar nichts” (Wolfgang Petry) zugewandt, als der Zukunft (wie in der DDR) oder “immer der Revolution” (Ches “victoria siempre”).
    Die mangelnde Lust zur Diskussion (hier im Blog als Kommentar) ist vielleicht sogar Ausdruck des heutigen Forschernachwuchses: Die Theorien sollen entweder falsifiziert oder angewandt werden. Den Falsifizierern geht es nicht ums Rechthaben, sondern ums Falsifizieren und ein “Das-glaube-ich-nicht” reicht dann schon aus, jede Diskussion im Keim zu ersticken. Na, und den Anwendern darum, dass das aus der Theorie Abgeleitete funktioniert. Für Diskussion bleibt da kein Raum.
    Den Wissenschaftlern (und -lerinnen), die durch diesen Blog angesprochen werden sollen, fehlt wohl vielfach einfach die Zeit. Für Diskussionen gibt es also keine “Raumzeit” (Einstein) oder liegt der Grund noch tiefer verborgen?
    Mir ist es jedenfalls lieber einen Text als “Humanismus” (Josef Hader) oder als “witzig” (Marc-Uwe Klings Känguru) zu kategorisieren, als als “wahr” oder “falsch”, was ja “sowas von 20. Jahrhundert ist” (Känguru-Manifest). Den Wissenschaftlern (und -lerinnen), die älter sind als ich, scheinen die Wahrheitskategorien wohl noch sehr wichtig zu sein. Das liegt vielleicht daran, dass die Teilnehmer der Diskussion Rationalisten sind und nach Macht streben (Feyerabend). So sehe ich in mancher Diskussion die “Hybris” (Bateson) einiger Menschen und möchte die “Macht der Wahrheit” (Foucault) dekonstruieren (Derrida). Haben wir das “Paradigma” (Kuhn) Rationalismus aufgegeben? Diskutiert niemand mehr? Ich sollte vielleicht mal weiterarbeiten…

  10. @ Martin Huhn

    Vielen Dank für den Rat, ich werde ihm folgen. Allerdings glaube ich nicht, daß er das Hauptproblem löst, das ich in dem Artikel angesprochen habe.

    Kürzere – wesentlich kürzere – Beiträge würden sicher zu mehr Lesern führen. Aber die Gruppe, auf die es vor allem ankommt, wenn man auf Diskussionen aus ist, die die Wissenschaft weiterbringen (und nicht nur – vielleicht – die Diskutierenden), nämlich die jeweils an dem Thema des Beitrags selbst arbeitenden Wissenschaftler – diese Gruppe liest auch längere Artikel. Solche Leute lesen ja sogar Bücher, wenn es um ihre speziellen Fragen geht. Von Blogbeiträgen scheinen sie sich aber nichts zu erwarten.

  11. Ein interessanter Beitrag.

    Vielleicht entwickeln sich die Blogs ja noch dahin gehend, daß das Fachpublikum mehr Beachtung schenkt. Dann wäre es für die jetzigen Blogger die Pionier- und Entdeckerphase. Vielleicht geht es aber auch gar nicht auf. Aber ganz allgemein entwichklen sich die Scilogs bisher recht gut.

    Ich gehöre eigentlich nicht zur Zielgruppe, aber mich machen einige Überschriften neugierig. Doch dann schreckt mich die Länge der Texte ab, weil es zuviel Zeit in Anspruch nimmt. Vielleicht wäre es besser die langen Beiträge zu teilen und eine kleine Serie daraus zu machen? Kann man jedenfalls mal ausprobieren. Das ist auch das schöne an Blogs. Man kann gewisse Sachen ohne viel Aufwand ausprobieren.