Savannentheorie – warum ist es am Rhein so schön

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Unsere Umwelt zwischen Kultur und Natur
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In der Öffentlichkeit einflußreiche Theorien versuchen, ästhetische Vorlieben biologisch zu erklären. Weil die wesentlichen Evolutionsschritte zum Homo sapiens in Savannen stattgefunden haben, hat „der Mensch“ genetisch bedingt eine Vorliebe für offene, savannenartige Landschaften. Doch bereits der Alltagsverstand reicht aus, um solche biologistischen Theorien als verfehlt zu erkennen.

Es sollte ja so sein, und normalerweise scheint es auch so zu sein: Wenn die Wissenschaft irgendein Problem aufgreift, so isoliert und differenziert sie dieses, prüft und berichtigt die Fragen und Antworten, die das Alltagsdenken oder die bisherige Wissenschaft gestellt und gegeben haben. Und wenn es sich gar um eine Normalwissenschaft im Kuhn’schen Sinne handelt, gelangt sie bald „zu einer Genauigkeit der Information und zu einer Exaktheit des Zusammenspiels von Beobachtung und Theorie, die auf keine andere Weise erreicht werden könnte“ (Kuhn 1981, S. 77) – nämlich auf keine andere Weise als durch eine „immense Beschränkung des Gesichtskreises der betreffenden Wissenschaftler“ (ebd.). Dem Alltagsdenken wird die Diskussion unter den Wissenschaftlern dann bald vollkommen unzugänglich.

Ab und zu jedoch gerät man in der Welt der Wissenschaften in Ecken, da scheint es anders zuzugehen: Das Paradigma ermöglicht durch die damit verbundene immense Beschränkung des Gesichtskreises zwar eine beträchtliche Scharfsicht. Aber jeder, der nicht im Zuge der zugehörigen Sozialisationsprozesse seinen Alltagsverstand und seine Lebenserfahrung und das bißchen Allgemeinbildung, das er sich angelesen hat, ganz verloren hat, sieht mit einem Blick, daß bei aller Scharfsicht vorwiegend Unsinn produziert wird.

Ein solcher Fall scheint mir die sogenannte Savannentheorie zu sein. Gemeint ist nicht die ebenfalls so genannte Theorie, nach der die wesentlichen Evolutionsschritte zum Homo sapiens in Savannen stattgefunden haben (und nicht z. B. an Ufern wie in der wunderschönen und besonders unter Feministinnen beliebten Wasseraffentheorie, z. B. Hardy 1960). Gemeint ist vielmehr die darauf aufbauende speziellere Theorie von Orians (1980), nach der es eine ästhetische Vorliebe „des Menschen“ für offene, savannenartige Landschaften gibt. Diese Vorliebe ist genetisch (das Wort im in der Biologie üblichen Sinn verstanden) verankert, und sie ist dadurch entstanden, daß die wesentlichen Evolutionsschritte zum Homo sapiens eben in Savannen stattfanden.

Andere, die ebenfalls im Prinzip ähnlich, nämlich biologistisch dachten, haben sich um die Evolution nicht weiter gekümmert und einfach gefragt, welche Habitate die Grundbedürfnisse des Menschen – es ist immer „der Mensch“ – am besten befriedigen, und für die hat er dann genetisch bedingt eine ästhetische Vorliebe (z. B. Appleton 1975). Zu diesen Grundbedürfnissen zählt in erster Linie das nach Sicherheit. Doch hat „der Mensch“ auch ein Grundbedürfnis, die sicheren Orte zu verlassen, er hat einen „Explorationsdrang“. Weil er letzteren hat, mag er „Mysteryelemente“, z. B. einen gekrümmten Fluß, dessen Ende er nicht sehen kann. Weil er ersteres hat, mag er übersichtliche Landschaften, die aber zugleich Verstecke enthalten. Der Wald gefällt ihm darum nicht und ebenso nicht die weite, baumlose Ebene. Da hier nicht die Evolution im Detail entscheidend ist, kann man auch erklären, warum „der Mensch“ sich manchmal in Landschaften wohlfühlt, in denen seine Art gar nicht entstanden ist: Sie erfüllen halt seine Grundbedürfnisse. Diese sind natürlich nicht ganz unabhängig von der Umwelt, in denen die Evolution stattgefunden hat, aber doch weitgehend. Verstecken müssen sich ja nicht nur Savannentiere, sondern auch Fische, jedenfalls wenn sie nicht besonders wehrhaft sind. Unter Umständen werden die Grundbedürfnisse in anderen Landschaften sogar besser erfüllt als in denjenigen, in denen die Art entstanden ist. Diese Ursprungslandschaften haben die Grundbedürfnisse zwar hinreichend erfüllt, um gegen Konkurrenten bestehen zu können, doch vielleicht schlechter als andere Landschaften, in die die Art aus irgendwelchen Gründen bisher nicht kam.

Aber irgendwie savannenähnlich sind die Lieblingslandschaften auch in Theorien dieser Art, nun nicht, weil der Mensch in Savannen entstanden ist, sondern weil Savannen nun einmal gewisse abstrakte Grundbedürfnisse, die auch ein Fisch oder ein anderer Nicht-Savannenbewohner hat, gut erfüllen, nämlich z. B. die nach Sicherheit, wozu sowohl Ausblick als auch Verstecke beitragen. Wäre Homo sapiens im Wald entstanden, würde er dennoch Savannen bevorzugen, denn deren Struktur befriedigt ganz allgemein die Grundbedürfnisse besser.

 

Schalten wir unseren Alltagsverstand ein. Er wird uns als erstes sagen: Daß der Urmensch sich in einer Gegend unwohl fühlte, in der es von Löwen wimmelt und in der kein Baum steht, auf den man rasch klettern könnte, ist einleuchtend. Selbst wenn man die Löwen nicht sieht, wohl aber etwas, das über „evolutionäre Zeiten“ hin mit Löwen korreliert war, mag sich das Auftreten eines unangenehmen Gefühls beim Wahrnehmen dieses Etwas genetisch verfestigen. Hühner fliehen vor dem Schatten des Raubvogels, und sie müssen das nicht erst lernen, denn das unangenehme Gefühl bei einem solchen Anblick ist ihnen angeboren. Auch kann man sich vorstellen, daß die Furcht vor einem Abgrund nicht erst durch Hinunterfallen oder Beobachtung des Hinunterfallens erlernt werden muß.

Als nächstes kommt dem Alltagsverstand vielleicht die Frage, warum die meisten Menschen unter denen, die zweifellos Modell standen für das, was die Biologen für „den Menschen“ halten – nämlich die Angehörigen der sozialen Klasse, der sie selber angehören, in den Ländern, in denen sie selbst leben – wahrscheinlich gar nicht savannenartige Landschaften am liebsten haben. Die meisten, so vermute ich, verbringen nämlich ihre freie Zeit am liebsten am Meer, nicht in Savannen oder savannenähnlichen Gegenden. Auch fragt man sich, wie es kommt, daß manche Menschen, z. B. ich, jahrelang das Waldesinnere besonders gern mochten und erst später im Leben ihre Liebe zu offenen Landschaften entdeckten, andere aber ihr Leben lang den Wald bevorzugen. Oder man fragt sich, wenn man sein Schulwissen aktiviert, warum die Mongolen, die ja nach ihren gewaltigen militärischen Erfolgen die Möglichkeit gehabt hätten, sich in Savannenlandschaften anzusiedeln, doch lieber in ihren baumlosen Steppen blieben. Es scheint ihnen dort besser gefallen zu haben.

Nun, unsere biologischen Landschaftsforscher haben darauf Antworten – wir haben sie im Prinzip schon kennengelernt. „Dem“ Menschen „angeboren“ muß nicht heißen, daß alle Menschen in dieser Hinsicht gleich sind, obwohl es das in den meisten Fällen doch heißt. Es muß auch nicht heißen,  daß sich im Lebensverlauf nichts umweltbedingt ändern kann. Die Unfähigkeit, ohne Hilfsmittel fliegen oder wie ein Pottwal 1000 m tief zu tauchen, ist dem Menschen angeboren. Es gibt keine Ausnahme, und man kann das auf keine Weise erlernen. Aber angeboren ist dem Menschen auch die Fähigkeit, gewisse Denkoperationen auszuführen, sprechen zu lernen oder auf Bäume zu klettern, doch in ungeeigneter Umwelt werden diese Möglichkeiten nicht realisiert. Wer in völliger Isolation in einem dunklen Raum aufwächst, kann diese Fähigkeiten nicht entwickeln. Und es sind jedem Lebewesen Möglichkeiten angeboren, Eigenschaften auszubilden, die nicht gleichzeitig vorhanden sein können und von denen je nach Umwelt mal die eine, mal die andere zum Vorschein kommt.

In den Wald mag der angeborene Drang ziehen, sich an sicheren Orten aufzuhalten, denn dort gibt es keine Löwen und viele Verstecke. Wenn auch Gefahr hinter jedem Baum lauern mag, dann überwiegt bei denen, dies es dort hinzieht, eben der „Mysteryeffekt“. Geheimnisvolles mögen zu können ist uns ja auch angeboren, ein derartiges Grundbedürfnis hat einen positiven Selektionswert, denn hinter jedem Baum kann ja nicht nur ein Panther lauern, sondern auch etwas Eßbares wachsen. Und so wie das sicher genetisch bedingte Bedürfnis nach Schlaf bei Dunkelheit einsetzt und beim Hellwerden das genetisch bedingte Bedürfnis, umherzulaufen, so kann ja auch im Laufe des Tages oder des Lebens mal das Sicherheitsbedürfnis, mal das Explorationsbedürfnis überwiegen, oder bestimmte Umweltsignale aktivieren mal dieses, mal jenes. Auch kann das Sicherheitsbedürfnis in manchen Fällen vielleicht durch die gewohnte baumfreie Steppenlandschaft besser erfüllt werden als durch die an sich bessere, aber ungewohnte Savannenlandschaft: Weil sie ihnen vertraut waren, weil sie Techniken entwickelt hatten, mit den Gefahren anders umzugehen als durch Verstecken, hatten die Mongolen in den baumfreien Steppen keine Angst; die Gesamtheit ihrer Umweltfaktoren, kombiniert mit besonderen, auch wieder auf Grundlage bestimmter genetischer Bedingungen erworbenen Fähigkeiten  ließ die genetisch angelegte Angst vor weiten Ebenen ohne Versteck nicht zur Expression kommen. Man muß die Theorie nur abstrakt genug fassen – nicht die Liebe zu Savannen ist uns angeboren, aber doch die zu Situationen, die der Befriedigung einer Kombination von Grundbedürfnissen am dienlichsten ist. Das werden dann meist Savannen sein, aber es gibt auch ein paar andere Fälle.

Selbst damit müßten die biologistischen Ästhetiktheoretiker fertigwerden: Wie kommt es, daß – Sozialwissenschaftler haben es herausgefunden – Angehörige der unteren Schichten in Frankreich am liebsten nahe an der stark befahrenen Autostraße picknicken, Angehörige höherer aber weit davon entfernt (heute vielleicht nicht mehr, aber vor einigen Jahrzehnten war es so)? Genetisch ist da sicher kein Unterschied, den werden unter unseren Biologisten wohl nur einige Rechtsextremisten behaupten. Ich habe noch keine Antwort gelesen, aber so könnte sie doch lauten: Wie die Bäume anzeigen, daß man sich hier leicht vor Löwen retten kann, so daß der Savannen-Urmensch auf dieses Umweltsignal hin ein ruhiges, angenehmes Gefühl bekommt, so gibt dem Fabrikarbeiter der Umweltfaktor Autolärm ein angenehmes Gefühl der Vertrautheit: Hier kennt er sich aus, hier kann ihm nichts passieren. Genetisch bedingt sind die positiven Gefühle angesichts einer Sicherheit anzeigenden Situation, und „Vertrautheit“, egal wodurch angezeigt, trägt zu einer solchen Situation ebenso bei wie ein Versteck. Das Realwerden der Gefühle, deren Möglichkeit in den Genen verankert ist, kann von sehr verschiedenen Umweltsignalen bewirkt werden. Diese Erklärung ist gewiß schwach – auch in dem Sinne schwach, daß die Bedeutung der Genetik nun nicht mehr groß scheint –, aber immerhin.

Ja, selbst das scheint auf den ersten Blick keine Probleme zu bereiten: Wie kam es, daß die Alpen immer ein Ort des Schreckens waren, dann aber innerhalb weniger Jahrzehnte für Abermillionen, ja bald so gut wie für alle (zwar nicht alle Menschen, aber doch alle „Zivilisierten“) überaus attraktiv wurden? Nun, der Schrecken vor dem Abgrund an sich ist sicher leicht evolutionsbiologisch zu erklären. Der Schrecken ist um so größer, je näher man dem Abgrund kommt. Irgendwann aber hat der technische Fortschritt dazu geführt, daß die Wege sicherer wurden und man weder abstürzte noch von Lawinen verschüttet wurde, wenn man sich einigermaßen vernünftig verhielt. Das Signal, das das Gefühl des Schreckens hervorruft, der Anblick des Abgrunds, funktionierte nicht mehr so recht, außer man ging allzu nah an ihn heran. Der Explorationstrieb, der ja ebenfalls genetisch bedingt ist, konnte die Oberhand gewinnen und die Menschenmassen begannen die Alpen zu erkunden.

 

Man sieht, wie diese Theorien funktionieren: Es gibt, so scheint es, nichts, was ihre Anhänger aus der Ruhe bringen könnte. Sie sind Theorien der Art, die Popper beschrieben hat als typisch für schlechte Wissenschaft: Sie sind so beschaffen, daß sie immer nur bestätigt werden können, sie setzen sich keinem Widerlegungsrisiko aus. Wie machen sie das? Nun, was immer ein Mensch oder ein Tier fühlt oder denkt, es muß eine biologische Grundlage haben. Das ist völlig trivial. Ein Gefühl, das keine biologische Grundlage hat, kann der betreffende Organismus natürlich nicht haben, einen Gedanken nicht denken: Es ist ja ein biologischer Organismus, der dieses Gefühl hat und diesen Gedanken denkt. Und eine biologische Grundlage schließt immer eine genetische Grundlage ein. (Zum Vergleich aus einem sehr ähnlichen Gebiet: 1, 2, 3.) Ob der Mensch sich nun fürchtet, wenn er den Löwen erblickt, oder ob er ein Hochgefühl bekommt, weil er ein Held ist und eine Gelegenheit sieht, dies zu beweisen: Furcht wie Hochgefühl müssen eine biologische Basis haben, und das Genom muß die Ausbildung der physiologisch-psychologischen Mechanismen ermöglichen, die diese Gefühle hervorbringen. Ob ein Mensch sich in der Savanne besonders wohl fühlt oder im Wald oder am Meer oder auf dem Dreitausender oder in der baumlosen Steppe: Daß er sich wohlfühlt – und man wird wohl kaum eine Stelle auf der Erdoberfläche finden, an der sich nicht wenigstens manche Menschen wohlfühlen –, beweist, daß das genetisch bedingt ist, daß er die genetische Basis dazu hat, und wenn er sich zu einer anderen Zeit an eben diesem Ort unwohl fühlt, dann beweist das, daß er die genetische Basis dazu eben auch hat.

Die Savannentheorie und alle ähnlichen biologistischen Theorien erklären das alles und damit nichts. Es sind, wie gesagt, Theorien, wie sie nach Popper nicht  sein sollten; sie funktionieren so, wie nach Kuhn Paradigmen im Normalbetrieb funktionieren: Sie sorgen dafür, daß jemand, der das Paradigma hat (oder den das Paradigma hat) immer nur Bestätigungen für seine Theorien findet. Nichts kann ihn irritieren. Die bei weitem längste Zeit während der letzten 5- oder 10.000 Jahre – d. h. während der gesamten Geschichte seßhaften Lebens – mied man die „öde Heide“, die weidebedingt savannenartige Landschaft, die sich in größerer Entfernung von den Dörfern erstreckte. Das irritiert unseren Paradigmenbesitzer nicht.

Nun sollten, Kuhn zufolge, Paradigmen nach einiger Zeit ihr eigenes Ende produzieren. Durch den immer genauer werdenden Blick stößt man auf vorher unbemerkte Diskrepanzen zwischen der beobachtbaren Realität und dem, was das Paradigma erwarten läßt. Diese Ungereimtheiten untersucht man nun, weil sie für das gesamte Gedankengebäude wichtiger und wichtiger werden, immer intensiver, und zwar um dieses zu retten. Das setzt sich fort, bis ein neues Paradigma auftaucht, aus dessen Perspektive das alte Gedankengebäude einstürzt: Wer das neue Paradigma hat, erkennt, daß sich die „Anomalie“ mit den Mitteln des alten Paradigmas nicht lösen läßt, ja daß im alten auch vieles andere schief bis grundfalsch ist. (Ich glaube aber nicht, daß das in unserem Fall geschehen wird, und zwar vor allem, weil es sich weniger um eine Frage der Wissenschaftsentwicklung handelt als um eine Frage der Ideologiebildung, siehe unten.)

Eine solche Anomalie könnte folgendes sein: In den Alpen mußte man sich nicht mehr fürchten, nachdem die Straßen besser geworden waren usw. Aber warum sollte man den Anblick des Abgrunds und der riesigen Wand oder die Vorstellung der herabdonnernden Lawine darum genießen können? Keines der Bedürfnisse, die unsere biologischen Theorien im Angebot haben, wird dadurch befriedigt. In anderen Teilen der Wissenschaften allerdings hat man diesen Wandel der Attraktivität des Hochgebirges längst – auf anderer Ebene – erklärt (siehe dazu z. B. Groh und Groh 1996). Die erhabene Natur ist entstanden, und zwar ohne daß sich in den genetischen Grundlagen der Menschen oder der physischen Beschaffenheit der Umwelt, d. h. der Alpen etwas geändert hätte und ohne daß dadurch irgendein Grundbedürfnis des Menschen als eines biologischen Wesens befriedigt worden wäre.

Man braucht, wenn man den Wandel im Rahmen der Entwicklung religiöser Weltbilder erklärt, Begriffe wie „Gott“ und „Allmacht“, man muß etwas über den Zusammenhang zwischen dem Ende des ptolemäischen Weltbildes und den Folgen wissen, welche die neue Vorstellung von der Unendlichkeit des Universums für die bisherigen religiösen Vorstellungen hatte; oder man braucht, wenn man mit Kant erklären will, was das Naturerhabene ausmacht, Begriffe wie „moralische Ideen“ (ausführlich z. B. Trepl 2012, S. 99 ff.). Derartige Begriffe sind in biologischen wie in allen naturwissenschaftlichen Theorien konstitutiv ausgeschlossen.

Nun könnten die biologistischen Ästhetiktheoretiker natürlich sagen: Hier hört unsere Kompetenz auf, lassen wir mal andere ran. Manche Biologen reagieren so, aber viele oder die meisten nicht – sonst würde man ja unter ihnen von der Savannentheorie nicht so viel halten. Das dürfte sich mit Kuhn allein nicht mehr erklären lassen. Die Verengung des Gesichtskreises durch die Paradigmatisierung, die Kuhn beschreibt, erklärt nicht, wieso man nicht in den Grenzen dessen bleibt, was das Paradigma zuläßt, sich für den Rest nicht zuständig erklärt und ihn anderen überläßt, sondern auch diesen Rest mit den Mitteln des Paradigmas zu modellieren versucht.

Man muß wohl bedenken, daß hier nicht nur die Frage ist, wie Wissenschaften funktionieren, sondern wie Ideologien funktionieren und wie sich die Geschichte bestimmter Ideologien verstehen läßt: Wie kommt es, daß seit dem späten 19. Jahrhundert biologistische Ideologien – also Ideologien, die biologisch erklären, was biologisch nicht zu erklären ist, das bedeutet das -istisch – jahrzehntelang eine derartige Konjunktur hatten und nun, nachdem der Schock durch die von ihnen mitverursachte Katastrophe offenbar abgeklungen ist, erneut Konjunktur haben? Darauf will ich hier nur hinweisen, nicht näher eingehen, statt dessen noch einige Bemerkungen machen zu einer anderen Behauptung, an der sich der Alltagsverstand stößt: Diese Bedürfniserfüllungstheorien wollen nicht irgendwelche Vorlieben erklären, sondern ästhetische Vorlieben, und zwar im Hinblick auf Landschaften.

Hier irritiert doch sehr, daß z. B. das Gefühl, das einen in Situationen befällt, in denen das Sicherheitsbedürfnis nicht erfüllt ist, etwa weil einem ein Löwe gegenübersteht und kein Baum in der Nähe ist, unter „Ästhetik“ eingeordnet wird. Wenn einer von zuhause ausreißt, weil er die ständige Angst vor dem Familientyrannen nicht mehr erträgt, so flieht er doch nicht aus ästhetischen Gründen. Selbst wenn unser biologistischer Theoretiker nicht dieses Gefühl ein ästhetisches nennt und den Begriff der Ästhetik auf das Gefühl beschränkt, das man beim Anblick einer Gegend haben mag, und wir zugestehen, daß dieses sicher beeinträchtigt wird durch jenes Gefühl der Furcht: daß das Gefühl, das uns zu dem ästhetischen Urteil „dieser Anblick ist schön“ veranlaßt, gewissermaßen die Summe ist aus angenehmen Gefühlen irgendwelcher Art, von der man dann die Summe der unangenehmen abziehen muß, widerspricht doch sehr dem, was man sich unter dem Begriff Ästhetik denkt. Auch wenn man von der ziemlich verzwickte Diskussion darum, was unter Ästhetik zu verstehen ist, nichts weiß, wird man doch zögern, hier diesen Begriff anzuwenden. Man wird, wenn jemand, im obigen Beispiel, aus einem schönen Haus vor dem Familientyrannen flieht, vielleicht sagen, daß er die Schönheit des Hauses nicht genießen konnte wegen der ständigen Angst. Aber daß das Haus darum nicht schön ist, das zu sagen widerstrebt uns doch. Auch daß es ästhetische Gründe sind, die uns an den Ofen heranrücken lassen, der eine angenehme Wärme ausstrahlt, will uns nicht recht einleuchten. Offenbar ist nicht alles, was uns irgendwie gefällt, ästhetisch (siehe aber Seel 1996). Was auch immer an der Savannentheorie und ähnlichen Theorien dran sein mag: Sie scheinen etwas anderes zu erklären oder doch erklären zu wollen als sie behaupten – irgendeine durch das Auftreten bestimmter Gefühle bewirkte Vorliebe für bestimmte Landschaften vielleicht, doch kaum eine ästhetische Bevorzugung dieser Landschaften.

Aber geht es wirklich um Landschaften? Eine Vorliebe für eine Landschaft ist immer eine für ein Bild, das wir uns in Geist und Seele von der Gegend, die wir betrachten, machen (Simmel 1903/1957). Gewiß spielt da nicht nur das Ästhetische im engeren Sinn mit, das Schöne und Erhabene. Aber all die Symbolik, die uns in einer Landschaft ein angenehmes (oder unangenehmes) Gefühl verschafft, all die physischen Faktoren, die zu diesem Gefühl beitragen, müssen doch durch das von uns selbst im Geist „gemalte“ Bild vermittelt sein, wenn sie Eigenschaften der Landschaft sein sollen. Das aber entzieht sich konstitutiv der ökologischen Betrachtung. Die Ökologie als der hier einschlägige Teil der Biologie untersucht (die Wirkung von) Faktoren, die von der Umwelt ihren Ausgang nehmen. Umwelt ist hier ein physischer Gegenstand, ein Gegenstand, wie er sich für die Naturwissenschaft darstellt. Die Wirkung der Umweltfaktoren hängt von der Beschaffenheit des Lebewesens ab, auf das sie treffen, und alles, was an diesem Lebewesen naturwissenschaftlich zu beschreiben ist, kann von der Ökologie untersucht werden. Sie kann aber nicht die Wirkung von Faktoren untersuchen, die von einem Bild ihren Ausgang nehmen, das sich der Betrachter einer Gegend selbst in seinem „Geist“ und seiner „Seele“ von dieser Gegend malt und das er in Abhängigkeit von Lebenslauf und (damit) kultureller Zugehörigkeit höchst verschieden anfertigt. Tatsächlich meinen die Savannentheoretiker und ähnlich denkende Biologen gar nicht Landschaft, wenn sie Landschaft sagen, sondern Umwelt (im ökologischen Sinn), sie benutzen das Wort Landschaft in einem übertragen Sinn (meist ohne das zu bemerken, weshalb sie Landschaft oft auch mitmeinen, was dann zu heillosem Durcheinander führt).

Eine reale Gefahr und ein reales Sicherheit gewährendes Gehölz sind nicht Teil der Landschaft. Das Gehölz muß in das „Gemälde“, das Menschen (bestimmter Kultur) sich von der Gegend machen, damit aus der Gegend eine Landschaft machen, aufgenommen worden sein. Es muß als bestimmte Raumform empfunden werden oder es muß als ein Symbol (für Sicherheit) gelten, sonst kann man nicht davon sprechen, daß das Gehölz in der Landschaft vorhanden ist, auch wenn es in der Gegend vorhanden ist (in den Begriffen der Ökologie: in der Umgebung, und wenn es auf den Organismus wirkt, zugleich in der Umwelt). Symbole im weitesten Sinn umfassen zwar auch Zeichen, die dazu aufgrund von Ähnlichkeiten und Kausalbeziehungen geworden sind (z. B. aufgrund der Beziehung Feuer-Rauch). Aber selbst diese Zeichen – von denen man sich ja gut vorstellen könnte, daß sie „genetisch fixiert“ sind – müssen ihre Bedeutungen sozusagen per Konvention sichern (die „echten“ Symbole, die Symbole im Sinne von Ch. S. Peirce, sind rein konventionell).

Denn wenn auch ein Baum deshalb zu einem Zeichen für Sicherheit geworden sein mag, weil er einst wirklich Sicherheit vor Raubtieren bot, so muß er diese Bedeutung nicht behalten. Im Zuge der kulturellen Entwicklung werden den Dingen rein konventionell Bedeutungen zugewiesen, werden Bedeutungen verändert und es werden aus „gemalten“ Bedeutungsträgern Bilder, d. h. Landschaften geformt. Und als Teile von Landschaften haben diese Bedeutungsträger nun möglicherweise Bedeutungen, die mit dem, was einst die Bedeutungen waren, als diese Dinge noch unmittelbar mit dem physischen Leben verbunden waren, nichts mehr zu tun haben. Für unsere baumfreie Steppen liebenden Mongolen ist der Baum kein Symbol für Sicherheit mehr (selbstverständlich kommt es hier nicht darauf an, ob das bei den Mongolen wirklich so war), wie er das für die savannenbewohnenden Urmenschen vielleicht war. Sicherheit wird für sie stattdessen beispielsweise von einem Pferd symbolisiert und von einem dem schnellen Reiten günstigen Gelände. Dem Tacitus meinte man entnehmen zu können, daß der Wald auf die in ihm lebenden Germanen positive moralischen Wirkungen ausübt. Das hat, zusammen mit allerlei Ursprungsmythen, das im Geist gemalte Bild und damit die Wirkung, die der Gedanke an den oder der Aufenthalt im Wald auf die Deutschen (die deutschen Bildungsbürger) hatte bzw. hat, völlig umgewandelt.

Die Ökologie und die Evolutionsbiologie helfen einem nicht, diesen Wandel zu erklären. Nicht daß der Urmensch im Wald aufgrund seiner Unübersichtlichkeit Selektionsnachteile hatte, ist die Ursache, wenn man sich heute im Wald fürchtet, sondern eher, daß einem als Kind Rotkäppchen vorgelesen wurde. Und wenn man gerade im Wald bestimmte Glücksgefühle bekommt, die man der Theorie nach nur in der Savanne haben sollte, sollte man statt nach evolutionsbiologischen Ursachen z. B. lieber fragen, mit welchen Ideen von Freiheit die Vorstellungen vom Jägerleben über die letzten Jahrhunderte verbunden waren.

Genetisch bedingt – im Sinne von: bei allen Menschen der Möglichkeit nach vorhanden – dürfte sein, daß wir uns überhaupt ästhetische Bilder von Gegenden machen können und dabei die Dinge, die wir sehen, als Symbole benutzen können; daß wir also Gemälde dessen, was sich vor uns bis zum Horizont erstreckt, in unserem Geist anfertigen können, Gemälde, die z. B. den Ideen von Freiheit oder aber von Geborgenheit Ausdruck geben. Das muß genetisch bedingt sein bei denen, die es können, sonst könnten sie es nicht können. Mir sind keine Argumente bekannt, die dafür sprechen, daß manchen Menschen genetisch bedingt diese Möglichkeit fehlt. Alle Menschen müssen die entsprechenden genetischen Voraussetzungen haben, denn alle Menschen lernen, wenn sie in einer bestimmten Kultur aufwachsen, Landschaft zu sehen, und zwar mit eben den Präferenzen, die es in dieser Kultur gibt. Das läßt sich zwar nicht experimentell nachweisen, weil man nicht alle Menschen daraufhin testen kann, es ist aber hochplausibel: Gibt es denn einen Menschen, der als Kind aus einer Kultur, in der man Landschaft nicht kennt, in eine Kultur gekommen ist, die Landschaft kennt, der nicht lernen kann, Landschaft zu sehen? Und zwar so zu sehen, wie sie in dieser Kultur gesehen wird? Dem die Unfähigkeit, die seine leiblichen Eltern auszeichnete, nämlich Landschaft zu sehen oder sie so zu sehen, wie es in der Kultur üblich ist, in der er nun aufwächst, anhängt wie Haut- oder Haarfarbe?

Im Sinne dieser Möglichkeit gibt es also eine genetische Bedingtheit des Sehens von Landschaft. Aber wie wir Landschaften tatsächlich sehen (und ob wir überhaupt Landschaft sehen), hängt vom individuellen Lebenslauf und (damit) von der Kultur ab, der wir angehören. Mir scheint die Hypothese naheliegend: In der biologischen Evolution erworben und genetisch fixiert sind nicht ästhetische Vorlieben für Savannen oder aber für Wälder, sondern ist die Möglichkeit, für das eine oder das andere ästhetische Vorlieben ausbilden zu können; sind nicht, um ein Bild zu benutzen, Noten von Beethoven oder aber solche von Bruckner, sondern ist eine Apparatur namens Klavier, auf der man diese oder jene spielen kann.

 

Links zu Internetseiten mit Bezug zum Thema: Biologismus

 

Literatur

Appleton, J. 1975: The Experience of Landscape. London: Wiley & Sons.

Hardy, A.: Was man more aquatic in the past? New Scientist vom 17. März 1960.

Lorberg, F. 2010: Wahrnehmungspsychologie und Landschaft. 

Kuhn, Thomas S. 1967: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Groh, R. und D. Groh 1996: Weltbild und Naturaneignung. Zur Kulturgeschichte der Natur, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Orians, G. H. 1980: Habitat selection: General theory and applications to human behavior. In: Lockard (Hrsg.): The Evolution of Human Social Behavior. New York: Elsevier, S. 49-66.

Popper, Karl R. 1934/1989: Logik der Forschung. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).

Ruso, B. 2003: Von der Savanne ins Paradies – Evolutionspsychologische Aspekte der Landschaftswahrnehmung. In: Liedtke, Max (Hrsg.): Naturrezeption. Graz: Austria Medienservice.

Seel, M. 1996: Eine Ästhetik der Natur, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Simmel, Georg 1903: Das Schöne und die Kunst. In: Michael Landmann (Hg.) 1957: Brücke und Tür. Essays des Philosophen zur Geschichte, Religion, Kunst und Gesellschaft, Stuttgart: Köhler, S. 141-152.

Trepl, Ludwig 2012: Die Idee der Landschaft. Bielefeld: transcript.

 

Ludwig Trepl

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

10 Kommentare

  1. @ Schorsch

    Warum diese Biologen-Theorien von den Leuten so gerne aufgenommen werden, ist in diesem
    http://www.zeit.de/…08/14/hirnforschung-dueckers
    Zeit-Artikel glaub ich ganz gut erklärt, aber nur allgemein, nicht hinsichtlich der Frage, warum das gerade heute Konjunktur hat. Dazu wollte ich nächste Woche in einem Blog-Artikel etwas schreiben.

    Warum gerade Biologen in dieser Hinsicht so rührig sind, das sehen Sie meines Erachtens richtig. Ergänzend: Im 19. Jahrhundert ist ja „Leben“ zum obersten Begriff überhaupt aufgestiegen, nachdem Gott und auch der „Geist“, für den vorher das Leben sozusagen bloß die Grundlage war (man mußte das, was bloß Leben war, etwa die Triebe, überwinden, mußte sich von der Vernunft leiten lassen usw.), in dieser Rolle ausgedient hatte. Nur war „Leben“ hauptsächlich nicht-naturwissenschaftlich gemeint: halt das „Leben“, das man so führt, das manchmal braust und manchmal so dahinplätschert, und dem der „Geist“ zu dienen hat. Dieses Lebens haben sich dann, auch schon im 19. Jahrhundert, die Biologen bemächtigt. Dabei hat vor allem der Darwinismus eine wichtige Rolle gespielt: Nachdem er wichtige Aspekte des biologischen Lebens erklärt hatte, hielt man ihn für tauglich, auch zum „Leben“ in dem vorigen, dem “lebensphilosophischen” Sinn das Entscheidende zu sagen.

  2. @ Ludwig Trepl

    Lieber Herr Trepl,

    da hab ich mich wohl wieder einmal etwas undifferenziert ausgedrückt. Ich bin wie sie der Ansicht, dass es ein besonders Problem der Biologen ist, solch blödsinnige Theorien in die Welt zu setzen und kein Problem „der Leute“, die solche Theorie durch ihren Alltagsverstand recht schnell als Blödsinn entlarven. Aber der Biologismus beschränkt sich auch nicht auf die Biologen, sondern strahlt in die Gesellschaft aus. Selbst die Geisteswissenschaftler bedienen sich heute nur allzu gerne biologistischer Metaphern und unter „den Leuten“ gibt es nicht wenige, die ihren Alltagsverstand außer Kraft setzen und am Stammtisch ebenso gerne auf derartige Erklärungen zurückgreifen – „die Gene“ sind dabei besonders beliebt. Das Problem ist also keineswegs eines, dass sich auf Biologen beschränkt, wenngleich sie den Blödsinn, als vermeintlich gesichertes Wissen in die Welt setzen. Die grundsätzliche Frage bleibt schließlich aber doch die, warum gerade Biologen das machen.

    Könnte es nicht sein, dass gerade Biologen solch seltsame Theorie schaffen, weil sie sich im Grunde für viel mehr als nur die Naturwissenschaft interessieren und diesem Interesse nicht entgehen können? Warum studiert man Biologie? Meist liegt es wohl nicht daran, dass man es spannend findet, in einem Labor Pipetten zu bedienen, auch wenn viele das später im Beruf tun, sondern mitunter daran, dass man bestimmte Arten oder Landschaften, ganz allgemein: die Natur mag. Aber das dahinter stehende Bedürfnis wird nicht befriedigt, wenn man Biologie betreibt, weil es im Grunde, wenn man es richtig macht, nur noch um Mathematik, Physik und Chemie geht, also um Unbelebtes. Und weil das, was eigentlich interessierte, das Leben, nicht mehr vorkommt, man aber trotzdem noch diese fundamentale Sympathie für all die netten Tiere und schönen Landschaften empfindet, geht man über das hinaus, was naturwissenschaftlich erlaubt ist – aus Liebe zur Schöpfung, wenn man so will. Das heißt das Interesse ist im Grunde ein theologisches und das ist möglicherweise viel stärker als das naturwissenschaftliche. Das Problem entsteht dann deshalb, weil man sich auf diese Liebe nicht mehr berufen will, man sich nicht traut – Gott ist schließlich tot, wie man von der Philosophie gelernt zu haben glaubt und was bleibt dann anderes als der Rekurs auf das vermeintlich exakte Wissen?

    Mir scheint, dass es hier um die Vermischung von zwei Lebensbegriffen geht. Man meint das Leben in seiner unendlichen Vielfalt anhand der Wissenschaft erklären zu können, die sich mit den Lebewesen beschäftigt und übersieht dabei, dass diese Wissenschaft über das „Leben“ gar nichts sagen kann. Die Frage wäre also, woher dieses Interesse für das Leben kommt. Könnte es nicht daher kommen, dass man irgendwie merkt, dass man über das Leben anhand der Naturwissenschaft nichts sagen kann, weil „Leben“ gewissermaßen gerade das ist, was sich der Naturwissenschaft entzieht.

    Ich würde den „szientistischen Zeitgeist“ zudem nicht völlig von der Hand weisen, denn in ihm äußert sich ja gerade das, was für die Menschen unsere Zeit, auch für die Biologen, bedeutend ist. Auch sie können dem Zeitgeist nicht entgehen. Und ein fundamentales Bedürfnis des Menschen scheint mir heute zu sein, das Dogma der Naturwissenschaft zu überwinden, da der Mensch in ihrem Kosmos bekanntlich kein Mensch mehr sein kann.

    Allerdings würde mich doch sehr interessieren, was in ihren Augen die Ursachen jener „professionellen Deformation“ sein könnte. Warum hat der Biologismus Konjunktur?

  3. @Schorsch

    Einverstanden, nur mit ihrem letzten Satz nicht ganz:
    „Sie, lieber Herr Trepl, haben als Wissenschaftler da wohl ein etwas naives Bild von dem, was man gemeinhin unter Wissenschaft versteht, denn wenn man erkannt hat, dass die „Wissenschaft“ unser Weltbild konstituiert (und nicht nur andersherum), erklären sich solche Dinge wie das Problem mit der schönen Savanne doch von selbst.“

    Sie meinen, ich traue der allgemeinen Meinung mehr zu, als man ihr zutrauen darf, weil ich Wissenschaftler (gewesen) bin und sie deshalb naiv überschätze? Das kann natürlich sein. Aber ich glaube, die Sache ist komplizierter, das Problem löst sich nicht von selbst.

    Es sind ja nicht „die Leute“ – die fassen sich, das meinte ich mit der „Prüfung durch den Alltagsverstand“, eher an den Kopf –, die der Savannentheorie anhängen, sondern Naturwissenschaftler. Es muß also mit einer professionellen Deformation zusammenhängen, nicht einfach mit einem szientistischen Zeitgeist. Natürlich könnte man sagen: der hat sein Epizentrum halt unter den Naturwissenschaftlern, da kommt er her (oder umgekehrt: da ballt sich zusammen und wird als exakte Theorie ausgearbeitet, was das Zeitgeist-Weltbild vage in sich trägt). Warum aber heute gerade der Biologismus im Zeitgeist eine solche Konjunktur erlebt, scheint mir nicht ganz leicht zu erklären.

    Der Verweis auf allgemeine Bedürfnisse des Menschen (nach Erklärungen, am besten durch „Königsklasse der Erklärungen“, oder auch Verantwortung loswerden, weil sowieso alles determiniert ist, usw.) hilft da wohl ebensowenig weiter wie der auf die Moderne insgesamt: in dieser gab es auch Zeiten, in denen die Geisteswissenschaften tonangebend waren und nicht die Naturwissenschaften.

  4. Blick auf das Schöne in der Landschaft

    @ Geoman
    Das mit der Interesselosigkeit bezog sich lediglich auf die Situation, wenn man etwas in der Landschaft bzw. eine Landschaft schön findet. Gemeint war es im Kantschen Sinn. Gedacht war es als Verteidigung von Seels Ästhetiktheorie: Ich wollte darauf hinaus, dass sich dessen Begriff von Schönheit nicht einfach etwa auf das Kantsche Angenehme beziehe, vgl. Ludwig Trepls Kommentar. Die Anmerkung bezog sich somit nur auf Landschaft als ästhetischen Gegenstand.

  5. Behördlicher Schutz des Landschaftbildes

    In Zusammenhang mit der Absurditität der Suche nach absoluten Kriterien für die Schönheit des Landschaftsbildes erzähle ich gerne folgende Geschichte, an der ich Anfang der 1990er Jahren ‘mitwirken’ oder der ich genauer gesagt beiwohnen durfte:

    Einem Sandabgrabungsunternehmer war in der zwischen Münster und Osnabrück gelegenen Gemeinde Ladbergen von einem Bauern die Abgrabung einer Sanddüne auf einem Acker angeboten worden. Von der für Abgrabungsgenehmigungen zuständigen Höheren Landschaftsbehörde bei der Bezirksregierung Münster wurde deshalb ein Ortstermin anberaumt.

    Der Eigentümer des Ackers führte aus, dass er vor allem deshalb an der Abgrabung interessiert sei, weil die steile Hangschulter des Sandhügels ihm die Bewirtschaftung erschwere, ja gefährlich mache. Kürzlich sei er mit seinem Trecker an der Hangkante fast umgestürzt.

    Der angereiste Mitarbeiter der Höheren Landschaftsbehörde machte nach kurzer Diskussion keinen Hehl daraus, dass er den Antrag aus Gründen der Erhaltung des Landschaftsbildes ablehnen müsse. Ich staunte nicht schlecht und fragte ihn, ob sein Anliegen, das Landschaftsbild zu retten, angesichts der keine 100 m entfernten Autobahntrasse der A 1 nicht etwas grotesk sei. Statt mir zu antworten, fragte er mich harsch, wer ich denn eigentlich sei?

    Ich erklärte, dass ich seit einem Jahr als Umweltbeauftragter in der Gemeinde Ladbergen arbeiten würde. Der Mitarbeiter schien beruhigt, denn wie sollte ich nach nur einem Jahr Tätigkeit in der Kommunalverwaltung wissen, dass man der Höheren Landschaftsbehörde nicht widerspricht, sondern nur zuhört oder zustimmt.

    Im Anschluss an den Termin fragte ich den Unternehmer, warum er sich nicht gegen diese unsinnige Argumentation der Landschaftsbehörde gewehrt habe? Er erklärte mir, dass er es sich wegen dieser paar Kubikmeter Sand nicht mit der Bezirksregierung verderben wolle, sonst müsse er befürchten, dass bei seinem nächsten wirklich großen Abgrabungsantrag der Ermessensspielraum dieser Behörde plötzlich gegen Null gehen würde.

    Ich hatte wieder was von der Welt gelernt und wusste, dass der Begriff »Höhere Landschaftsbehörde« nicht nur eine hierarchische Bezeichnung, sondern auch ein Distanzmaß ist, das die Entfernung vom gesunden Menschverstand charakterisiert.

    Dies nunmehr fasr 20 jahre alte Geschichte erzähle ich auch deshalb gerne, um zu zeigen was von den unzähligen (pseudo-)wissenschaftlichen Versuchen, Studien etc. Kriterien für die Schönheit des Landschaftsbildes zu finden, so in der Praxis einer Naturschutzbehörde überbleibt.

    Nachzutragen bliebe noch, dass es wirklich einen (landschaftskulturellen) Grund gab, die Abgrabung zu versagen. Über den Acker führte nämlich ein alter Kirchweg, d. h. Kirchgänger hatten hier das Gewohnsheitrecht, zu jeder Jahreszeit abkürzend über diesen Acker zu Kirche zu laufen. Was einmal mehr zeigt, das Naturschutzbehörden (aber auch die entsprechenden wissenschaftlichen Diszipinen) mehr dazu neigen, sich mit abstrakten Kriterien als lokaler Geschichte zu beschäftigen, also sich mit falschen oder ungeeigneten Formen der Problem- oder Konfliktlösung beschäftigen.

  6. Versuch einer Erklärung

    Der Mensch will ja bekanntlich immer Alles erklären, auch wenn er es nicht verstehen. Und wenn man nur die Naturwissenschaften kennt, dann versucht man halt mit ihr Alles zu erklären, auch wenn’s nicht geht. Irgendwie geht’s ja dann scheinbar doch. Man nimmt, was man hat bzw. was man kennt. Oder man will es naturwissenschaftlich erklären, weil einem naturwissenschaftliche Erklärungen sozusagen Erklärungen in der Königsklasse der Erklärungen zu sein scheinen. Wer heute etwas auf sich hält beruft sich auf die „Forschung“, darauf das es wissenschaftliche Belege und Untersuchungen gibt, egal ob man die „pflegende Wirkung“ einer Gesichtscreme propagieren will oder das Dreikomponentenmuskelaufbauproteinpräparat.

    Früher waren es die Physiker, die die Welt erklärt haben und natürlich auch vor Gott keinen Halt machen konnten und dabei, obwohl sie doch so stolz auf ihre moderne Theorien waren, im Grunde so dachten, wie es einem gestandenen mittelalterlichen Scholastiker gut angestanden hätte. Heute machen das die Biologen. Ist ja klar, die beschäftigen sich mit dem Leben und wer, wenn nicht sie, könnte darüber überhaupt etwas sinnvolles sagen – sie sind ja schließlich die, die es erklären können.

    So kommt es dann wohl, dass man heute mit Freude und nicht ohne Stolz alles, auch das Schöne und mit ihr die Landschaft in den Schlund der Wissenschaft wirft. Vielleicht hat das Ganze wie so oft mit dem Bedürfnis nach Sicherheit zu tun. Überall will man immer alles sichern und DAS Mittel der Wahl dafür ist und bleibt natürlich die Naturwissenschaft. Man kann sich so einfach sicher sein, dass man savannenartige Landschaften mag und muss sich weiter keine Gedanken mehr machen.

    Sie, lieber Herr Trepl, haben als Wissenschaftler da wohl ein etwas naives Bild von dem, was man gemeinhin unter Wissenschaft versteht, denn wenn man erkannt hat, dass die „Wissenschaft“ unser Weltbild konstituiert (und nicht nur andersherum), erklären sich solche Dinge wie das Problem mit der schönen Savanne doch von selbst.

  7. @Simon: der Verweis auf Seel

    Zu meiner vermeintlichen „Spitze in Bezug auf Seels Ästhetiktheorie“: Ich halte Seels Naturästhetikbuch für ein bedeutendes philosophisches Werk. Aber mir scheint es nicht (wie Seel selbst sich wohl sieht) in der Tradition von Kant zu stehen, sondern in der Tradition der rationalistischen Vollkommenheitsästhetik. Das bedeutet aber, daß wichtige Differenzierungen, die man seit Kant kennt, aufgegeben werden (gewiß zugunsten eines anderen Differenzierungsgewinns).

    Ich meinte mich an eine Stelle zu erinnern, an der er das, was für ihn das Schöne insgesamt ist, seine drei Formen (kontemplativ, korresponsiv, imaginativ) umfassend, explizit vage als „Attraktivität“ definiert, finde sie aber unter meinen angestrichenen Stellen in dem Buch nicht. Du scheinst dich darin ja viel besser auszukennen – findest du sie?

    Stattdessen folgende Stelle über die „korresponsive Korrespondenz“: „In dieser Bedeutung des Wortes schön ist die Natur, weil sie Widerschein eines guten Lebens ist. Schön ist diese Gegend, weil sie mit meinen Lebensinteressen zuvorkommend korrespondiert. Diese Korrespondenz ist mehr als ein bloßes Gutsein. Ein gutes Klima … Bodenschätze … – all das … so sehr es den Interessen (einiger oder aller) Bewohner entgegenkommt, macht noch keinen Landstrich schön. Schöne Korrespondenz ist vielmehr das Anschaulichsein des existentiellen Gutseins der in dieser Natur möglichen Formen des Lebens.“ (S. 90)

    Es stimmt also schon, was du wohl bei mir monieren willst: Das „Schöne“ in diesem Sinne ist nicht einfach das den Sinnen Angenehme (nicht „gutes Klima“), vielmehr muß das mögliche „gute Leben“ anschaulich sein in dem Bild der Natur. Erforderlich ist also durchaus ein Urteil, es handelt sich nicht um Kant’schen „Sinnengeschmack“, durch den eine Gegend bereits in diesem Sinne „schön“ würde. Aber es ist eben doch mögliche Annehmlichkeit des Lebens, was man da in der Anschauung erfährt, es handelt sich nicht um „interesseloses Wohlgefallen“. Dieses ist bei Seel für die (auch Schönheit genannte) Schönheit in der „kontemplativen Korrespondenz“ reserviert.

  8. Interesseloser Blick auf eine Idee?

    @ Simon

    Ihre Formulierung

    “Ein solcher Blick ist nur unter der Voraussetzung der Interesselosigkeit möglich, meine ich.”

    in Zusammenhang mit der Frage, was eine Landschaft (natur)schön macht, finde ich irritierend oder erkenntnisverschleiernd.

    Kann man interesselos auf etwas schauen, das wie hier ‘die Idee der Landschaft’ erst durch eine (ästhetisch-mythische)Perspektive erzeugt oder konstruiert wird?

    ‘Die Landschaft’ ist ja kein ‘reales Objekt’, sondern ein seit ein paar hundert Jahren im Sprachgebrauch befindlicher sich wandelnder Wort- und Denkinhalt.

    Oder habe ich Sie da falsch verstanden?

  9. Der Verweis auf Seel

    Ich freue mich über diesen Artikel als umfangreiche und fundierte Gegendarstellung zur Savannentheorie und Ähnlichem. Eine mögliche Ergänzung wäre meiner Ansicht nach einer der offensichtlichen Gründe für die Entstehung und vor allem die Verbreitung dieser Theorien: Ich gehe davon aus, dass sie – unter anderem – deswegen erdacht, v. a. aber interessant wurden, weil sie den Eindruck erwecken können, es gebe doch eine objektiv messbare Schönheit von Natur, die man quantifizieren und dann z. B. mit geographischen Informationssystemen ungefähr modellieren könnte. Schließlich sehnen sich Landschaftsplaner jedenfall in Deutschland seit langem nach einer “objektiven” Methode für das Schutzgut Landschaftsbild. Mit einleuchtenden Beschreibungen, die wohl das einzig geeignete Mittel sind, Qualitäten einer Landschaft objektiv zu erfassen, wollen sich ja viele nicht zufriedengeben. Das kommt nicht gut an in der Politik, wenn diese gewohnt ist, vorgerechnet zu bekommen, was gut, richtig und eben auch schön ist oder nicht.

    Das einzige, was mich etwas stört, hat damit nicht wirklich etwas zu tun: die Spitze in Bezug auf Seels Ästhetiktheorie. Eine Landschaft ist nach dieser ja keineswegs schön (oder angenehm), wenn sie einfach nur irgendwie gefällt. “Das Naturschöne ist diejenige lebensweltliche Wirklichkeit, die zugleich anschauliche Intensivierung, anschauliche Präsentation und anschauliche Suspension unserer Sicht der Dinge, unseres Entwurfs vom Leben ist.” (Seel 1991, 197) Ein solcher Blick ist nur unter der Voraussetzung der Interesselosigkeit möglich, meine ich. (Seel beschränkt den Gefallen an Landschaften ja nicht auf die “korresponsive” Wahrnehmung. Auch ist diese nicht einfach die Attraktivität durch irgendeine Art von Gefallen, sondern beinhaltet durchaus ein Urteil über empfundene Attraktivität.)

  10. Nicht falsifizierbare Theorien

    @ Ludwig Trepl

    Chapeau, wirklich einer dieser wunderbaren vielschichtigen und originellen Artikel, wie man sie eher selten auf Wissenschaftsblogs liest!!!

    Ihre ins Grundsätzliche gehende Bemerkung (und auch noch andere Stellen)

    “Man sieht, wie diese Theorien funktionieren: Es gibt, so scheint es, nichts, was ihre Anhänger aus der Ruhe bringen könnte. Sie sind Theorien der Art, die Popper beschrieben hat als typisch für schlechte Wissenschaft: Sie sind so beschaffen, daß sie immer nur bestätigt werden können, sie setzen sich keinem Widerlegungsrisiko aus.”

    haben mich an die (unirritierbare) evolutionäre Religionsforschung von M. Blume erinnert.

    Da kann man nur hoffen, dass er Ihren Artikel gründlichst studiert und die entsprechenden Konsequenzen zieht.