Muß man dem heutigen Ökologismus für seine Plumpheit danken? Teil 2 von “Läßt sich der Untergang von Hochkulturen ökologisch erklären?”

Landschaft & Oekologie

Am heutigen ökologistischen Diskurs um die Frage einer möglichen Erklärung gesellschaftlicher Phänomene als Folgen der Anpassung an die natürliche Umwelt fällt ein extremer Reduktionismus auf: Alles dreht sich um Ressourcen für das physische Überleben. Vor 200 oder etwas mehr Jahren, als diese „geodetermistische“ – wie man es später in der Geographie nannte – Art von Erklärungen sich in den Vordergrund drängte oder überhaupt erst aufkam, dachte man weit differenzierter.

„Alle grobfühlenden Völker in einem wilden Zustande oder harten Klima leben gefräßig“.[1] Dagegen scheint „die zarteste Empfindlichkeit […] in Erdstrichen und bei einer Lebensweise zu sein, die die sanfteste Spannung der Haut und eine gleichsam melodische Ausbreitung der Nerven des Gefühls fördert. Der Ostindier ist vielleicht das feinste Geschöpf im Genuß sinnlicher Organe. Seine Zunge, die nie mit dem Geschmack gegorner Getränke oder scharfer Speisen entnervt worden, schmeckt den geringsten Nebengeschmack des reinen Wassers, und sein Finger arbeitet nachahmend die niedlichsten Werke, bei denen man das Vorbild vom Nachbilde nicht zu unterscheiden weiß. […] Heiter und ruhig ist seine Seele, ein zarter Nachklang der Gefühle, die ihn ringsum nur sanft bewegen.“[2]

Bis in die feinsten Regungen der Entwicklung der Individuen und des kulturellen Lebens sollte das „Klima“ (worunter man nicht nur physische atmosphärische Faktoren verstand wie heute[3]) seine prägende Wirkung ausüben. In nebelreichen Ländern gedeiht der grüblerische Tiefsinn. Der durchsetzungsschwache Charakter der Südländer liegt an der allzu günstigen Umwelt, die den Menschen nichts abverlangt, vielmehr ihre Verweichlichung verursacht. Willensstarke, arbeitsame Völker aber bilden sich da, wo die Natur sie zu zähem Fleiß zwingt. Hochkulturen konnten daher nur im weniger günstigen Klima entstehen – in der gemäßigten Zone, und zwar vor allem unter dem Einfluß von Völkern, die aus noch härteren Klimaten zugewandert sind. Das ist zwar empirisch völlig falsch, denn Hochkulturen gab es in den heißen Ländern, auch im Regenwald, nicht weniger, aber das verhinderte nicht, daß solche Auffassungen seit dem frühen 19. Jahrhundert Gemeingut wurden. Im späten 19. Jahrhundert wurden sie dann rassistisch. Der Einfluß des Klimas hatte sich nun im biologischen Erbgut niedergeschlagen, nicht mehr nur oder vorrangig in der Kultur.

Ich frage mich, ob man nicht froh darüber sein muß, daß der heutige Ökologismus so plump ist, daß er nur in Begriffen von Stoff- und Energiemengen denkt. Eine Beeinflussung der Fähigkeiten und des Charakters der Menschen durch die natürliche Umwelt wird nur noch in eher harmlosen und abseitigen Gebieten wie der Diskussion über bestimmte Erziehungsformen („Umweltbildung“ nicht im Sinne von Bildung, die engagierte Umweltschützer hervorbringt, sondern als Bildung des Menschen durch „Umgang“ mit der natürlichen Umwelt) thematisiert. Denn von jenen hochdifferenzierten, feinsinnigen Theorien humanistischer Denker wie Herder oder A. v. Humboldt über den Zusammenhang dessen, was wir heute natürliche Umwelt nennen, mit dem, was die verschieden Arten von Menschen und ihrer Kultur ausmacht, führt eine Linie zum Rassismus. Dagegen kann ich nicht erkennen, wie man von dem schlichten Glauben, die Natur regiere das Schicksal von Kulturen dadurch, daß sie ihnen die Nahrung entzieht, zum Rassismus kommen soll. Alles, was dieser Glaube zum Wiedererstarken des letzteren beitragen könnte, scheint mir zu sein, daß er eine geistige Atmosphäre fördert, in der des als normal gilt, immer zuerst nach einer biologischen Bedingtheit gesellschaftlicher Phänomene zu fragen.

 

Literatur:

Hard, Gerhard (1993): Herders „Klima“. Zu einigen „geographischen“ Denkmotiven in Herders ‚Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit‘, in: Detlef Haberland (Hg.), Geographia Spiritualis. Festschrift für Hanno Beck, Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang, S. 87-106.

Herder, Johann Gottfried (1965): Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, Bd. 1 und 2, herausgegeben von Heinz Stolpe, Berlin,Weimar: Aufbau-Verlag (Orig. 1784-1791).

 

Blog- und andere Internetartikel mit Bezug zum Thema: (1), (2), (3), (4), (5), (6), (7) (8), (9), (10), (11), (12), (13)


[1] Herder 1965, Bd. 1: 286.

[2] Ebd.

[3] Hard 1993

 

Ludwig Trepl

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

4 Kommentare

  1. Den Papst zur kreativen Vernunft bringen

    Mir ist schon klar, dass der päpstliche Vernunftbegriff kaum mit dem modernen Verständnis von Vernunft auf einen Nenner zu bringen ist. Es wundert auch nicht, wenn viele neuzeitliche Denker in ihren Büchern dem Papst eine kirchliche Vereinnahmung des Vernunftbegriffes bzw. Unvernunft vorwerfen.

    Solange er sich nur dogmatisch auf eine schöpferische Vernunft beruft, die Welt im Glauben lässt, dass das grundlegende bzw. geschichtliche Wesen des chr. Glaubens ein wundertätiger bzw. nach seiner Hinrichtung wiedererweckter Guru war, in dessen Namen dann die Kirche heute nach eigenem konservativen Gutdünken die Vernunft diktieren will. Solange kann sein Vernunftbegriff weder mit der konstruktiven Vernunft der Neuzeit zusammengedacht werden, noch mit dem, was die Naturwissenschaft als im kreativen bzw. konstruktiven Sinne als vernünftig nachweist. Was jedoch für die Denker der Antike das Maß der menschlichen bzw. kommunikativen Vernunft war.

    Der plumpe Naturalismus, der heute dann nur physikalisch misst und fürs menschliche Überleben berechnet, ohne sich selbst dann daran zu halten. Ebenso wie die Reduktion der wissenschaftlichen Weltbeschreibung, die weit davon entfernt ist, in der Ökologie gar auf kulturaufgeklärte Weise das zu hören, was den Alten als Wort(hebr. Vernunft)/Weisheit oder schöpferische Bestimmung galt und nur den sog. “Neuen Atheismus” hervorbringt. Das alles geht daher m.E. nicht auf das Konto der naturwissenschaftlichen, sondern das Fehlen der geisteswissenschaftlichen bzw. kulturellen Aufklärung.

    Da aber Benedikt XVI. von seinen wissenschaftlichen Kollegen vorgeworfen wird, er hätte sich in seinen beiden Jesusbüchern nur an den biblischen Jesus als den historischen gehalten. Man gleichzeitig unterstellt, dass er ein Vernunftideal der antiken Philosophie bzw. sein Lebensthema, die “schöpferische Vernunft” des Neuplationismus als Jesus beschrieben hätte. Scheint die Zeit, in neuer Weise über den päpstlichen Vernunftbegriff bzw. die geschichtliche Wurzel westlich chr. Kultur nachzudenken.

    Die Bezugnahme auf eine in ökologischer Welterkärung beschriebene und nicht von Menschen zu bestimmende “schöpferische Vernunft” an der wir uns zu orientieren hätten und die schon als Weisheit Salomos war, was er vor dem Bundestag zu bedenken gab, ist m.E. weit mehr als ein Lob der Ökologiebewegung. Hier wird nach der Vernunft, dem Logos gefragt, den Seneca und Cicero im heidnischen Kult als Herakles zum Ausdruck brachten und den Hellenisten, die vom bildlosen jüd.-hebr. Monotheismus begeistert waren,als Josua (gr. Jesus) lebendig werden ließen.

    Meiner mehrmaligen Bitte (siehe verschiedene Brief unter http://www.theologie-der-vernunft.de), bei seinem Deutschlandbesuch nicht nur die schöpferische Vernunft zum Thema zu machen bzw. sie in der wissenschaftlichen Welterkärung und gleichzeitig als hist. Wesen des chr. nachdenken zu lassen, ist er leider nicht gefolgt. Hierzu hätte es einer wissenschaftlichen Arbeit bedurft, die über meine Grenzen hinausgeht.

    Hierzu sind Andere gefragt.

  2. Vernunft – BT-Rede des Papstes

    An dieser Stelle müsste uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis…. (Zitat aus o.g. Rede)

    Hier scheint unser Papst eine Kontinuität von der christlich grundierten Europäischen Aufklärung zur “Wertevernunft” zu sehen, der Schreiber dieser Zeilen kann die positivistische Vernunft nicht “1:1” der EA zuordnen – und der Papst tut das anscheinend auch nicht.

    Die positivistische Vernunft reicht offensichtlich nicht aus.

    MFG
    Dr. Webbaer

  3. @ Gerhard Mentzel

    Der Papst hat in seiner Bundestagsrede -zig mal das Wort Vernunft gebraucht und diese gelobt. Man darf aber nicht vergessen, daß er damit etwas anderes meint als die Vernunft der (neuzeitlichen) Aufklärung, nämlich, wie man es genannt hat, nicht die „konstruierende“ autonome Vernunft, sondern die „vernehmende“ Vernunft, die dem Geschöpf Mensch gegeben wurde, damit es gut hören kann, was ihm gesagt wird.

    Was er Lobendes über die Ökologie(bewegung) gesagt hat, ist ganz im Geiste der konservativ-humanistischen Denker, die ich in dem Artikel oben angesprochen habe. Das ist den paar Sätzen der Rede nicht zu entnehmen, aber man kennt ja die allgemeine Haltung der katholischen Kirche zu diesen Fragen. Hier http://www.ueisel.de/…e/Tabu_Leitkultur-2003.pdf
    kann man es nachlesen. Der Text, anhand dessen dieser eben zitierte Aufsatz jene Haltung interpretiert, ist zwar offiziell von dem vorigen Papst, aber der Kardinal Ratzinger wird sicher seine Hand im Spiel gehabt haben.

    Sie schreiben: „Doch ist der plumpe Naturalismus nicht auch eine Folge davon, dass wir in unserer Kultur im Glauben und Wissen völlige verschiedene Sprachen sprechen?“

    Ja, das meine ich auch, und auf seine Art meint es Ratzinger auch. Sein Hauptgegner in der Bundestagsrede ist der Positivismus:

    „Das gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis. Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus. Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewußtsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation …“

    Da muß ich dem Kollegen Ratzinger, so schwer es mir fällt, zustimmen; auch wenn ich Vernunft nicht in seinem Sinne verstehen mag.

  4. Das Oberhaupt der kath. Kirche – oder war es doch der Theologieprof. Ratzinger – hat vor dem deutschen Bundestag über den plumpen Ökologismus hinausgedacht.

    Er hat in seiner als phil. gelobten Rede die von ihm vielgepriesene und oft als mit Verstand einsehbares Wesen des chr. Glaubens bezeichnete in antiker Aufklärung christlich als Sohn/Wort verstandene “schöpferische Vernunft” in ökologischer Welterkärung zu bedenken geben. Die menschliche Kultur ist in die Natur eingebunden, letztlich ein Teil davon. Die verschiedenen Kulturen – auch die der Zweibeiner – setzen die kreative Ordnung um.

    Doch ist der plumpe Naturalismus nicht auch eine Folge davon, dass wir in unserer Kultur im Glauben und Wissen völlige verschiedene Sprachen sprechen?