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Läßt sich die Ausrottung einer Art rückgängig machen? Teil 2

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Um einen völlig anderen Fall handelt es sich, wenn mit „Arten“ Biospezies (und nicht z. B. Morphospezies) gemeint sind. Deren Ausrottung ist endgültig, und zwar aus logischen Gründen.

Biospezies (Biologische Arten) sind reproduktiv isolierte Gruppen (Populationen) von Lebewesen. Sie sind nicht Klassen von Einzelorganismen, die ihnen, als ihre Elemente, aufgrund bestimmter Eigenschaften zugehören, von Eigenschaften, die – willkürlich oder begründet – als Klassenmerkmale festgelegt wurden.[1] Eine Biospezies ist vielmehr, logisch gesehen, ein Individuum, nicht eine Klasse. Der Name einer Biologischen Spezies ist damit ein Eigenname (Ghiselin 1966), er bezeichnet nicht eine Klasse. Individuum ist hier natürlich nicht im speziellen Sinn des Begriffs „individueller lebender Organismus“ gemeint. Gemeint ist vielmehr Individuum im Sinne eines einzelnen „Dinges“. 

Zu einer Art im Sinne einer logischen Klasse gehört alles, was die definierten Merkmale hat. Dieses Element der Art muß mit den anderen Elementen in keinerlei Verbindung stehen. Sollte ein Ding in einem anderen Teil des Weltalls oder in 100 Millionen Jahren, wenn Bellis perennis längst ausgestorben ist, entstehen, das zufällig die Merkmale von Bellis perennis hat, so wäre es dieser Art – falls Art im Sinne einer logischen Klasse gemeint ist – zuzuordnen. Eine Biospezies dagegen ist nicht durch Merkmale definiert, sondern ist eine durch eine (reproduktive) Grenze zu anderen Populationen bestimmte Population. In der Population sind die Teile, die Einzelorganismen, durch ihren gemeinsamen Genpool verbunden, den das Paarungsgeschehen erzeugt hat und auf den jede neue Paarung „Rücksicht nehmen“ muß, wenn sie erfolgreich sein soll. Die Einzelorganismen der Biospezies mögen in ihren Merkmalen untereinander extrem verschieden sein (wie die Haushunde) oder auch ununterscheidbar, und eine Biospezies mag von anderen Biospezies überaus verschieden sein oder auch nicht, darauf kommt es nicht an, sondern allein auf die reproduktive Grenze. Eine Biospezies ist zu einer bestimmten Zeit entstanden (durch Aufspaltung oder Fusion anderer Biospezies), existiert über eine bestimmte Zeit, verändert sich dabei oder auch nicht und verschwindet wieder. Jede Biospezies ist damit ein individuelles historisches Phänomen, ein empirisches Ding, keine gedankliche Schublade.

Anders als Arten im Sinne logischer Klassen sind ausgestorbene Biospezies endgültig verschwunden. Die Frage der Unwiederbringlichkeit von Biospezies hat nichts damit zu tun, ob diese Arten einzigartig sind in dem Sinne, daß es keine völlig identischen geben könnte. Das Aussterben ist nicht deshalb „ein irreversibler Prozess, [weil] sich die genetische Information der betreffenden Art nicht mehr reproduzieren kann.“[2] Auch wenn das mit gentechnischer Hilfe möglich wäre, wäre das Aussterben irreversibel. Denn als individuelle Dinge sind Biospezies einfach definitionsgemäß unwiederbringlich:

Wenn ein Mensch, ein Individuum also, stirbt, entsteht er nicht dadurch wieder, daß ein völlig identisches, ein perfekter Doppelgänger geboren wird. Wenn eine Gruppe von Individuen, die zusammen wiederum einen individuellen Gegenstand ergeben, z. B. die Einwohnerschaft eines Dorfes, ausgestorben ist, ist sie nicht wieder neu entstanden, wenn eines Tages identische Individuen, Doppelgänger von allen Dorfbewohnern, auftauchen. Wenn eine Düne abgetragen wird, ist diese individuelle Düne nicht wieder entstanden, wenn der Wind eine bis ins kleinste Sandkorn identische angehäuft hat. Und wenn eine Biospezies entstünde, die in allen Eigenschaften mit einer ausgestorbenen Pterodactylus-Art identisch wäre, aber nicht von dieser abstammte, dann wäre das eine andere, eine neue Biospezies.[3] Sie wäre nur mit der Pterodactylus-Art merkmalsidentisch, und man müßte sie, wenn man die Pterodactylus-Art im Sinne einer logischen Klasse definiert hätte, der selben Art in diesem Sinne zuordnen, aber sie wäre eine andere Biospezies.

Nun ist der Biospeziesbegriff nicht auf alle Lebewesen anwendbar, sondern nur auf solche mit sexueller (genauer: biparentaler) Fortpflanzung, denn nur bei diesen ergibt das Kriterium der reproduktiven Isolation Sinn. Wenn man also z. B. im Hinblick auf Prokaryonten, die sich asexuell fortpflanzen und uniparental sind, nach der Wiederherstellbarkeit ausgestorbener Arten fragt, so gilt das oben für Arten im Sinne logischer Klassen Gesagte, denn Biospezies kann es hier nicht geben.

Es gibt hier, bei den Uniparentalen – ebenso dann, wenn man bezogen auf Biparentale das Wort Art im Sinne logischer Klassen und nicht im Sinne von Biospezies benutzt, also insbesondere bei „Morphospezies“ – aber noch eine andere Möglichkeit, Arten „wiederherzustellen“. Denn wenn man, wie üblich, z. B. bei Mikroorganismen einzelne Individuen dann einer Art zuzählt, wenn ihr Genom eine hinreichende, konventionell mit einem bestimmten Prozentsatz übereinstimmender Gene festgelegte Ähnlichkeit aufweist, dann kann man die Art einfach dadurch „wiederherstellen“, daß man diesen Prozentsatz senkt und dadurch die Artgrenzen erweitert. (Natürlich hat sich dadurch nichts in der wirklichen Welt verändert, nur in unserem Denken über sie.) Bei Biospezies ist das nicht möglich. Man wird vielleicht einwenden: Auch das, was den Biologen als die Grenze einer Biospezies gilt, liegt nicht immer fest, die Biologen müssen sich nicht einig sein und sind es sehr oft nicht, was die reproduktive Isolation zweier Populationen voneinander angeht. Sollte aber eine ausgestorbene Biospezies dadurch „wiederhergestellt“ werden, daß man die Grenzen anders zieht als bisher, dann hat das den Grund, daß man überzeugt ist, sich geirrt zu haben: Die Biospezies war tatsächlich gar nicht, wie man glaubte, ausgestorben. Ob eine Biospeziesgrenze (Reproduktionsgrenze) vorliegt, kann man nicht durch Definition festlegen wie eine Artgrenze, wenn die Art durch einem bestimmten Prozentsatz übereinstimmender Gene definiert ist, sondern man muß die Reproduktionsgrenze, als einen objektiven empirischen Sachverhalt, ermitteln. Im Falle von Arten im Sinne logischer Klassen jedoch ist es prinzipiell willkürlich, wo man die Artgrenzen zieht.

Aber auch bei Prokaryonten und anderen Uniparentalen kann man von einer prinzipiellen Nicht-Wiederherstellbarkeit sprechen – einer Nicht-Wiederherstellbarkeit aus logischen Gründen, nicht, weil es trivialerweise empirisch unmöglich ist, einem Gegenstand genau die gleiche Beschaffenheit zu geben wie einem anderen. Diese Nicht-Wiederherstellbarkeit betrifft nicht Arten im Sinne von logischen Klassen und auch nicht Biospezies, sondern Klone, also Abstammungsgemeinschaften. Wenn alle Individuen, die von einem bestimmten Individuum abstammen, ausstürben, also die gesamte durch immer weitere Verzweigung entstandene Abstammungsgemeinschaft nicht mehr vorhanden wäre, dann wäre diese Abstammungsgemeinschaft, die ja ein individueller Gegenstand ist, aus logischen Gründen unwiederbringlich verschwunden. Auch bei Biospezies ist Entsprechendes möglich: Die Nachkommen eines einzigen Paares könnten alle ohne Nachkommen sterben; dann wäre diese Abstammungsgemeinschaft ausgestorben. Das Entstehen merkmalsidentischer Individuen (durch Zufall oder künstlich) würde eine Abstammungsgemeinschaft nicht wieder entstehen lassen. (Fortsetzung folgt)


[1] Auf die Frage, ob sie vielleicht in einem bestimmten Sinn Typen sind, was etwas anderes ist als Klassen, gehe ich hier nicht ein.

[2] Wikipedia, Stichwort Aussterben.

[3] Das Beispiel ist aus Hull 1978.


Ludwig Trepl

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl