Kann der Mensch die Natur zerstören? Über Gleichgewicht und Gesundheit von Ökosystemen

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Unsere Umwelt zwischen Kultur und Natur
Landschaft & Oekologie

Ein Leser hat unter dem Pseudonym „fegalo“ zu meinem Artikel „Gottspiele“ einen Kommentar geschrieben. Da er mir sehr typisch zu sein scheint für das, was man in der Ökologiebewegung über „die Natur“ und das, was die Menschen mit ihr machen dürfen und sollen, und weil er nicht so unbedarft ist wie das, was man meist in der Diskussion dieser Bewegung zu solchen Fragen lesen und hören muß, will ich etwas ausführlicher darauf eingehen.

Der Autor zitiert zunächst mich: „Es ist nämlich unklar, was ‚Zerstörung des Ökosystems’ heißen soll. Ein Ökosystem ist kein Gegenstand von der Art eines Organismus, so daß die Bedingungen dafür gegeben wären, von einer Schädigung oder Zerstörung überhaupt sprechen zu können.“

Dann fährt er fort:

„Es mag schwierig sein, in wissenschaftlichen Kategorien Schädigung oder Zerstörung eines Ökosystems auszudrücken oder zu definieren.

Aber ich denke, dass wir alle über ein Sensorium verfügen, ‚gesunde’ Natur von einer deutlich ‚kranken’ zu unterscheiden. Der Anblick und der Geruch eines umgekippten Gewässers beispielsweise spricht eine eigene, deutliche Sprache. Wir wissen, dass hier etwas ‚nicht stimmt’.

Und das ist vielleicht das Interessante, dass ein spürbares ‚Es stimmt’ der Normalfall der Natur zu sein scheint, wo der Mensch nicht hineinfummelt. Es ist überhaupt schon eine bedeutsame Einsicht, dass es ein ‚Stimmen’ überhaupt zu geben scheint, im Unterschied zu einem bloßen ‚So ist es’. Eine funktionierende Komplexität, die, Beschädigungen selbst heilend, immer wieder zu einem Zustand zurückfindet, den wir als ‚gesund’ erleben. Und dieses ‚gesund’ ist alles andere als ein bloß beliebiges mechanisches Interagieren zufällig vorhandener Kräfte, welche nie ein Besser oder Schlechter an sich haben können, sondern es handelt sich um einen besonderen Zustand des ‚GUT Zusammenstimmens’, der sich durchaus dem Gesundsein eines Organismus vergleichen lässt.
Wir haben also sehr wohl Anlass, in einem Ökosystem gewisse Analogien zu einem Organismus zu sehen, im Unterschied zu einem rein mechanischen System. Natürlich ist ein Ökosystem kein Subjekt im uns bekannten Sinne und ist auch wandlungsfähig auf eine Weise, dass wir keinen bestimmten Zustand als Sollzustand definieren könnten, um diesen zum Maßstab unseres Handelns zu machen.

Dennoch weist der gesunde Zustand eines Ökosystems durchaus Merkmale auf, die uns zu einer Achtung oder einem Respekt auffordern können, ohne dass wir auf einen Schöpfer rekurrieren müssen.

Ferner ist ein gesundes Ökosystem auch auf eine Weise eingerichtet, die wir in Analogie zu einem Organismus als ‚zweckmäßig’ beschreiben können, und feststellen, dass es diese Zweckförmigkeit ist, die sein Fortbestehen garantiert.
Ähnlich den Organen eines Organismus kann man in einem Ökosystem einzelnen Tier- und Pflanzenarten Funktionen zuordnen, die sie im Gesamtsystem haben. Gleichzeitig sind gesunde Ökosysteme nicht so organisiert, dass der Ausfall einer bestimmten Spezies den Kollaps des Gesamtsystems herbeiführt. Das ist ein Unterschied zum Organismus. Denn wenn die Nieren ausfallen, dann ist es um den gesamten Organismus geschehen. Genau diese Fähigkeit eines Ökosystems zur Kompensation dagegen kann dazu verleiten, zu glauben, dass hier jede Menge Redundanz vorhanden ist. Aber was, wenn diese scheinbar redundanten Spezies auch dazu beitragen, ein System anpassungsfähig und flexibel zu erhalten?
Sehr skeptisch bin ich in Hinsicht auf Überlegungen, wir könnten die Natur gar in Hinsicht auf menschliches Dasein darin verbessern. Das mag im kleinen Maßstab möglich sein, wenn etwa ein lokaler Sumpf trockengelegt wird, um die Malariamücken loszuwerden und Ackerland zu gewinnen, aber eben nur dann, wenn das große Ganze nicht angetastet wird.

Überlegungen, die in Betracht ziehen, der Mensch könnte vielleicht die Natur als Ganze ‚gärtnern’, so dass es für ihn noch besser darin zu leben ist, halte ich ehrlich gesagt für abwegig. Der Grund ist nicht nur, dass wir – wahrscheinlich prinzipiell – gar nicht über das Wissen verfügen können, das wir dafür bräuchten, sondern vielmehr die in meinen Augen grundsätzlich irrige Auffassung von der irdischen Natur als eines kausalmechanischen Systems, das nach bestimmten berechenbaren Gesetzen funktioniert und daher nach Art einer Maschine durch gezielte Eingriffe kontrolliert manipulierbar ist. Ich habe noch kein Beispiel für erfolgreiche Vorhersagen dieser Art gefunden, aber schon sehr viele Beispiele für völlig verkehrte. Ich erwähne nur den ersten Bericht des Club of Rome oder das Projekt Biosphere 2.

Unter diesen Bedingungen sind der Menschheit irgendwelche Experimente in dieser Richtung, etwa Geo-Engineering, absolut untersagt.“

 

Diese Auffassung – sieht man einmal davon ab, daß „ein spürbares ‚Es stimmt’“ in einer naturwissenschaftlichen Disziplin natürlich nicht (explizit) als Argument vorkommt – ist in der Ökologie nicht unbekannt; man nennt sie meist „organismisch“, „organizistisch“ oder „holistisch“. Ich will hier nicht erklären, was das genau bedeutet, das haben andere und auch ich an zahlreichen Stellen getan[1]. Der Hinweis soll reichen, daß in einem solchen Denken Ökosysteme, also biologische „Gesellschaften“, die Organismen verschiedener Arten samt ihrer Umwelt umfassen, wiederum als Organismen („Superorganismen“) gelten. Diese Auffassung war in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in der Ökologie sehr verbreitet, verschwand dann aber weitgehend aus dieser Wissenschaft, wenn auch nicht ganz, während sie einige Zeit später zum metaphysischen Kern des Paradigmas einer mächtigen sozialen Bewegung wurde. Wo diese Auffassung mehr oder weniger explizit vertreten wird, ist sie fast immer mit solchen Halbdistanzierungen verbunden, wie sie auch der Kommentar enthält. Man sieht sich z. B. gezwungen zuzugeben, daß das Ökosystem kein Organismus ist, aber es sei doch etwas einem Organismus Analoges usw. Dann allerdings benutzt man Begriffe, die eben doch voraussetzen, daß es ein Organismus ist, wie etwa den der Gesundheit.

Ich will einige Sätze aus dem Kommentar meinerseits kommentieren. Dabei habe ich nicht die Absicht darzustellen, was denn die Ökologie zu solchen Glaubensbekenntnissen des Ökologismus sagt, was also der Stand der Wissenschaft ist – das kann man, soweit es einen solchen Stand überhaupt gibt, nachlesen –, sondern ich will mich auf einige Hinweise beschränken, die im allgemeinen bereits das Alltagswissen hergibt, und ein paar Fragen stellen, dies in der Hoffnung, daß sich die Gläubigen irritieren lassen.

 

Vorausschicken will ich, ohne es zu begründen, daß man ein organismisches Bild der Natur als Ganzes und von allem, was in ihr ist, durchaus haben kann;  es ist widerspruchsfrei möglich, aber es ist an einige Voraussetzungen gebunden. Leibniz hat es vorgeführt. Die Voraussetzungen sind, daß es einen Schöpfer gibt und daß dieser allmächtig, allwissend und gütig ist. Ohne diese Voraussetzungen, also im Rahmen der modernen Naturwissenschaft, ist diese Sicht nicht möglich,  auch wenn sie faktisch in den Naturwissenschaften vertreten wird – doch wie gesagt: zumindest explizit nur minoritär.

 

„Es mag schwierig sein, in wissenschaftlichen Kategorien Schädigung oder Zerstörung eines Ökosystems auszudrücken oder zu definieren.“

Nein, Schädigung oder Zerstörung eines Ökosystems wissenschaftlich zu definieren ist ganz leicht: Man definiert, was der Soll-Zustand des Systems ist, und dann ist eine leichtere Abweichung davon eine Schädigung. Und man definiert, ab wann nicht mehr vom Vorhandensein des Systems zu sprechen ist; damit ist festgelegt, was eine Zerstörung ist. Das Problem ist vielmehr, daß man, anders als bei einem Organismus, bei einem Ökosystem völlig frei ist in der Definition solcher Zustände. Man kann nach Belieben (faktisch geschieht es nach Interesse), d. h. je nach Wahl der das System definierenden Merkmale, von Veränderung des nach wie vor bestehenden Ökosystems oder aber von der Zerstörung des Systems sprechen. Ebenso kann man je nach – beliebiger oder interessenbedingter – Wahl der Kriterien eine bestimmte Veränderung eine Verbesserung oder eine Verschlechterung nennen.

 

„Aber ich denke, dass wir alle über ein Sensorium verfügen, ‚gesunde’ Natur von einer deutlich ‚kranken’ zu unterscheiden.“

Lassen wir einmal die Schwierigkeiten beiseite, die in dem Begriff „Sensorium“ stecken: Wir können jedenfalls zwischen kranker und gesunder „Natur“ unterscheiden. Bedingung dafür ist allerdings, daß das Objekt in der Natur, auf das wir dieses Urteil anwenden, ein Organismus ist. Das ist Geltungsbedingung eines jeden Satzes, der die Begriffe gesund und krank enthält (und nicht nur die entsprechenden metaphorisch gemeinten Wörter).[2] Ein Berg, an dem es Steinlawinen abgehen, ist nicht krank.

 

„Der Anblick und der Geruch eines umgekippten Gewässers beispielsweise spricht eine eigene, deutliche Sprache. Wir wissen, dass hier etwas ‚nicht stimmt’.“

An Anblick und Geruch soll man also erkennen, daß das Gewässer krank ist. Hier muß man auf zwei Punkte aufmerksam machen:

(1) auf eine Tücke der (deutschen) Sprache. Wir verwenden „gesund“ auf zwei völlig verschiedene Weisen: (a) Dieser Mensch, dieses Tier, diese Pflanze ist gesund. (b) Die Luft ist gesund.

Selbstverständlich ist die Luft nicht in dem Sinne gesund, wie es der sie atmende Organismus ist, sondern sie macht oder hält den, der sie atmet, gesund. Das stinkende, also ungesunde Gewässer ist nicht selbst krank, sondern es macht krank.

(2) wiederum auf die Frage nach der Bedingung dafür, daß man vom Gewässer selbst sagen kann, es sei krank. Die Bedingung ist: Es muß ein Organismus sein. Das ist tatsächlich, wie schon erwähnt, eine verbreitete Auffassung in der Wissenschaft gewesen. Mit „das Gewässer“ ist (in unserem Zusammenhang) eine biologische Gesellschaft gemeint, d. h. eine Gesellschaft aus einzelnen Organismen, samt ihrer Umwelt. Die biologische Gesellschaft wurde in dieser Auffassung als organische Gemeinschaft gedacht. Der Begriff der Gemeinschaft bezeichnet (zumindest im Sprachgebrauch der konservativen Ideologien ab dem 19. Jahrhundert) eine Gesellschaft, die ein Organismus höherer Ordnung ist (wie in dem Gleichnis des Menenius Agrippa). In der Gemeinschaft bringen also die Einzelnen wechselseitig einander und (damit) das Ganze hervor und dienen einander und damit diesem Ganzen, und das Ganze hat wiederum die Einzelnen hervorgebracht und ist Bedingung ihrer Fortexistenz usw. – so, wie wir uns das Verhältnis von Teilen und Ganzem im Falle des Organismus denken. „Fegalo“ bemüht sich zu zeigen, daß dem auch im Falle einer biologischen Gesellschaft wie der des Gewässers – er spricht von Ökosystem – so ist, ich komme noch darauf zu sprechen. Doch erst zu der Behauptung „Wir wissen, dass hier etwas ‚nicht stimmt’“.

In der Tat, aber was stimmt nicht? Es ist leicht zu sehen: Unseren Zwecken genügt das Gewässer nicht mehr. Es gibt aber Arten von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen, denen geht es in dem „umgekippten“ Gewässer viel besser als in dem vorherigen, dem „gesunden“; dieses ist für sie „krank“, d. h. krankmachend. Wir sind also wieder bei der ersten oben genannten Wortbedeutung von gesund/krank: Nicht das Gewässer selbst ist gesund, sondern für uns ist es gesund, so wie die Luft oder eine Diät gesund sein kann, d. h. uns gesund macht oder erhält („gesund“ kann hier für uns dienlich oder nützlich im weitesten Sinn stehen). – Die Frage, wer dabei „wir“ sind, will ich übergehen, nur darauf hinweisen, daß für einen Jäger etwas anderes „gesund“ sein dürfte als für einen Bauern oder einen Spaziergänger.

 

„Und das ist vielleicht das Interessante, dass ein spürbares ‚Es stimmt’ der Normalfall der Natur zu sein scheint, wo der Mensch nicht hineinfummelt.“

Interessant ist vor allem, daß das nur manche Menschen spüren. Es gibt sie seit etwa zwei Jahrhunderten in unserer Kultur, und heute bilden sie in dieser wohl die Mehrheit. Ob es sie anderswo auch gibt, ist schwer zu sagen; es spricht wohl mehr dagegen als dafür. Und bei uns war es jedenfalls bis vor nicht langer Zeit eher andersherum: Es stimmte spürbar ganz und gar nicht dort, wo der Mensch die Natur nicht unter seine Herrschaft gebracht hat oder ihr durch Hege und Pflege dazu verholfen hat, ihr wahres Wesen zu entfalten – ihr Wesen, das harmonisch ist und auf den erkennenden Menschengeist angewiesen ist, wenn es zur Entfaltung kommen soll (das war eine der Bedeutungen von „kultivieren“). Denn die Wildnis ist der Ort, an dem es nicht stimmt, an dem es nicht so ist, wie es sein soll. Es ist dort gefährlich und unheimlich, und man meidet folglich solche Orte, wenn es nur geht. Und auch für die anderen Lebewesen stimmt es in der Wildnis keineswegs, denn dort herrscht der Kampf aller gegen alle. Gewiß gibt es auch Natur, in der „es stimmt“. Die nannte man Paradies, auch (mit anderen Bedeutungsnuancen) Arkadien. Aber beides gibt es nicht (mehr) in der wirklichen Welt.

 

„Es ist überhaupt schon eine bedeutsame Einsicht, dass es ein ‚Stimmen’ überhaupt zu geben scheint, im Unterschied zu einem bloßen ‚So ist es’. Eine funktionierende Komplexität, die, Beschädigungen selbst heilend, immer wieder zu einem Zustand zurückfindet, den wir als ‚gesund’ erleben. Und dieses ‚gesund’ ist alles andere als ein bloß beliebiges mechanisches Interagieren zufällig vorhandener Kräfte, welche nie ein Besser oder Schlechter an sich haben können, sondern es handelt sich um einen besonderen Zustand des ‚GUT Zusammenstimmens’, der sich durchaus dem Gesundsein eines Organismus vergleichen lässt.“

Ja, vergleichen kann man schon. Das Ergebnis des Vergleichs ist aber, daß es sich um etwas ganz anderes handelt als beim Gesundsein eines Organismus.

Ein „Stimmen“ im Unterschied zum bloßen „So ist es“ findet man in der Tat in der Natur, und zwar so, daß wir gar nicht umhin können, von einem allseitigen Aufeinander-abgestimmt-Sein der Formen und der Prozesse zu sprechen, von einer Zweckmäßigkeit von allem für alles. Wo das so ist, sprechen wir von einem Organismus. Es handelt sich um eine Zweckmäßigkeit für sich selbst. Ein Organ, das zweckmäßig ist für die anderen Organe und über diese für den ganzen Organismus, ist damit zugleich zweckmäßig für sich selbst, denn es braucht ja dieses Ganze. Ebenso verhält dieses Ganze sich zweckmäßig für sich selbst, indem es aus sich Organe hervorbringt, damit es existieren kann.[3]

Zweckmäßigkeit für etwas gibt es aber nicht nur in Organismen, sondern auch in deren Außenverhältnissen: der Boden ist zweckmäßig für die Pflanzen. Von einem Stimmen könnte auch der Löwe sprechen, wenn es Zebras gibt – doch nicht die Zebras, wenn es Löwen gibt: Im Ökosystem ist weniger die Regel, daß etwas zusammenstimmt (obwohl es das auch gibt, insbesondere in Form des sog. Mutualismus), sondern daß das eine für das andere stimmt, aber nicht umgekehrt (Räuber-Beute-Verhältnisse) oder daß es für keine der Seiten stimmt, sondern daß es für jede von beiden besser wäre, wenn es die andere nicht gäbe (Konkurrenz).

„Fegalo“ spielt nun auf die Fähigkeit des Sich-Heilens an. Was hat es damit auf sich? Bei Organismen gibt es etwas, das man organisches Gleichgewicht nennen kann.[4] Wenn ein Teil beschädigt wird, d. h. im Hinblick auf das Ganze seine Funktion nicht mehr richtig erfüllen kann, dann stellt der Organismus den vorherigen Zustand dieses Teils wieder her, er „heilt“ ihn und damit sich. Das Gleichgewicht zwischen den Aktivitäten der Teile ist wieder hergestellt, der Organismus selbst hat es (teleologisch gesprochen) wieder hergestellt, damit er weiter (gut) leben kann.

Es gibt aber auch Naturphänomene ganz anderer Art, bezogen auf die wir ebenfalls von Gleichgewicht sprechen, jedoch nicht von organischem. Eine Mulde füllt sich so lange mit Wasser, bis sie überläuft. Der Wasserspiegel steigt dann nicht mehr, Zu- und Abfluß sind im Gleichgewicht. Wenn wegen langer Trockenheit der Zufluß ausbleibt, dann wird sich dieses Gleichgewicht doch später wieder einstellen, wenn die Trockenheit endet. Aber damit heilt nicht die Mulde oder das Gewässer sich selbst. Sie stellen nicht das alte Gleichgewicht wieder her, damit sie weiter (gut) existieren können.

Was heißt das? Daß bestimmte Systeme immer wieder zu bestimmten Zuständen zurückkehren, bedeutet noch lange nicht, daß hier Beschädigungen geheilt werden. Das sieht allenfalls aus der Perspektive eines Nutzers bestimmter Systemfunktionen – z. B. aus der Perspektive von jemandem, der am Wasserstand der Mulde im Gleichgewicht interessiert ist – so aus.

In Ökosystemen ist das auch so. Eine bestimmte Tierpopulation werde durch einen Kälteeinbruch dezimiert. Nach dem Ende dieser „Störung“ (wie der Kälteeinbruch aus der Perspektive dessen, der an dieser Tierpopulation interessiert ist, zu nennen wäre) wächst sie wieder an bis zum vorherigen Gleichgewichtszustand, der z. B. durch Geburten und Verluste infolge von Gefressenwerden bedingt ist. Das mag aus der Perspektive einer die Tiere dieser Population fressenden Tierart als eine Heilung des Ökosystems erscheinen. Oder: Wenn Insekten einen Wald kahlfressen und nach dem Kahlfraß sich durch allerlei Feinde der Insekten deren vorherige geringe, für den Baumbestand unschädliche Populationsdichte wieder herstellt, dann sind wir, die wir an den Bäumen interessiert sind, geneigt, von einer „Gesundung“ des Waldes zu sprechen. Doch die Erholung der Schädlingspopulation nach der Bekämpfung bis zu einem Gleichgewichtsniveau würde uns kaum dazu bringen, von einer Gesundung des Waldes zu sprechen.

Für unser Thema ist wichtig: Nicht das Ökosystem reduziert die Schädlingspopulation, um sich selbst zu erhalten. Es ist nicht so wie bei einem warmblütigen Organismus, welcher bestimmte Prozesse in Gang setzt, um die Körpertemperatur trotz Schwankungen der Außentemperatur bei einem bestimmten Wert zu halten und damit sich zu erhalten. Aber nicht nur das Ökosystem, auch die Schädlingspopulation reguliert nicht sich selbst; das ist nur eine übliche, unglückliche Redeweise. Daß sie nach dem außergewöhnlichen Wachstum wieder abnimmt bis zu Gleichgewichtswert, ist allein die Folge äußerer Kräfte, so wie das Wiederauffüllen der Mulde nach dem Ende der Trockenheit eine Folge äußerer Kräfte ist. Ändern sich die Umweltbedingungen (etwa die Temperaturen oder die Anzahl der Freßfeinde), dann ändert sich auch der Punkt, an dem die Populationsdichte im Gleichgewicht ist (während z. B. die Körpertemperatur gegen Umweltveränderungen aufrechterhalten wird).

 

„Ferner ist ein gesundes Ökosystem auch auf eine Weise eingerichtet, die wir in Analogie zu einem Organismus als ‚zweckmäßig’ beschreiben können, und feststellen, dass es diese Zweckförmigkeit ist, die sein Fortbestehen garantiert.
Ähnlich den Organen eines Organismus kann man in einem Ökosystem einzelnen Tier- und Pflanzenarten Funktionen zuordnen, die sie im Gesamtsystem haben.“

Das wichtigste dazu habe ich schon gesagt, ich will nur noch eine Bemerkung zu „Funktionen im [bzw. für das] Gesamtsystem“, die „sein Fortbestehen garantieren“ anfügen.

Daß die Erde nach einem Jahr wieder an die Stelle (relativ zur Sonne) zurückkehrt, an der sie war, kann man als zweckmäßig für die Erhaltung des Sonnensystems ansehen. Täte sie das nicht, sondern käme jedesmal deutlich näher an der Sonne an als im Vorjahr, wäre das Sonnensystem nach kurzer Zeit zerstört: in dem Sinne, daß es ein besonderes Naturphänomen nicht mehr gibt bzw. der als „das Sonnensystem“ von uns definierte Zustand nicht mehr besteht. „Zweckmäßig“ ist hier nicht im eigentlichen Sinne gemeint, denn der setzt Organismen voraus.[5]

Wie ist es diesbezüglich bei Ökosystemen? Wenn wir ein Ökosystem in bestimmter Weise definieren, dann ist darin eingeschlossen, daß es allerlei Prozesse gibt, die zweckmäßig für sein Fortbestehen sind, z. B. eine ganz bestimmte Geschwindigkeit der Remineralisation des heruntergefallenen Laubes für das Fortbestehen des Ökosystems XY-Wald, definiert etwa durch eine ganz bestimmte Artenzusammensetzung, oder die Remineralisation überhaupt für das Fortbestehen des Ökosystems Wald überhaupt, definiert dadurch, daß es dicht beieinanderstehende Bäume welcher Art auch immer gibt. Geschähe diese Remineralisation nicht – man kann sie ja unterbinden oder sie kann auf natürliche Weise, etwa durch Trockenheit, unterbunden werden –, würde sich das Laub immer weiter anhäufen und Bäume könnten aufgrund von Nährstoffmangel nicht mehr wachsen. Dieses, das von uns definierte, Ökosystem würde nicht fortbestehen.

Nun könnte man argumentieren: Ist es hier nicht so wie bei einem Organismus: Die Bäume erzeugen mittels ihres Bestandesabfalls die remineralisierenden Kleintiere und Mikroorganismen, und diese erzeugen mittels der freigesetzten Nährstoffe wiederum die Bäume? So, wie Organe einander wechselseitig erzeugen? Und aus der Perspektive des Ökosystems als Ganzem erzeugt dieses, wie ein Organismus mittels seiner Organe, mittels seiner funktionalen Kompartimente (Produzenten, Destruenten …) sich selbst?

Das tut das Ökosystem aber nicht, es tut vielmehr gar nichts. Sondern die Bäume tun etwas: Sie werfen ihr Laub ab. Und zwar tun sie das, weil es (sagen wir einmal vereinfachend) im Winter nicht benötigt wird und das Risiko von Frostschäden erhöhen würde, sie tun es nicht, um die Bodenlebewesen zu ernähren, damit sie selbst wieder neue Nährstoffe erhalten, und der gesamte Baum stirbt nicht, damit über die Remineralisation im Ökosystem Nahrung für die anderen Bäume erzeugt werden kann. (Evolutionsbiologisch formuliert: Der Laufabwurf ist nicht wegen eines Selektionswerts der Remineralisation des Laubes für die Bäume entstanden, ebenso nicht die Eigenschaft der Bäume, sterben zu müssen.) Und die Kleinlebewesen im Boden konsumieren das Laub, um sich zu ernähren, nicht um die Bäume mit Nährstoffen zu versorgen, damit sie, die Kleinlebewesen, im nächsten Jahr wieder Nahrung bekommen. Alle Beteiligten agieren allein für sich, der Kreislauf der Nährstoffe ergibt sich – so wie sich der globale Wasserkreislauf ergibt als Folge der daran beteiligten einzelnen Prozesse und nicht, weil das Meer etwas unternimmt, um nicht auszutrocknen, oder das System Erde, damit die Meere nicht austrocknen. – Wenn wir die teleologische Redeweise vermeiden wollen, können wir sagen: Es gibt auf der Ebene des Ökosystems kein genetisches Programm, in dem festgelegt wäre, welche Ökosystem-Komponenten sich unter normalen Umständen bilden und welche Prozesse von ihnen ausgehen, und das so beschaffen ist, daß dieses System in seiner Umwelt (sofern diese der Umwelt gleicht, in der dieses Programm einst positiv selektiert wurde) eine hohe Überlebenswahrscheinlichkeit hat. Sondern solche Programme gibt es ausschließlich auf der Ebene der beteiligten Einzelorganismen.

Vor allem aber, um es noch einmal zu betonen: Das Ökosystem stirbt nicht, wenn der Nährstoffkreislauf nicht mehr funktioniert wie vorher. Es gäbe zwar dieses Ökosystem nicht mehr, es würde zwar ein anderes Ökosystem an seine Stelle treten. Wir könnten aber ebensogut sagen: Es würde sich zu einem anderen Ökosystem entwickeln, oder auch: Das Ökosystem besteht noch, es hat sich nur verändert.

Bei einem Organismus ist es nicht möglich, so zu reden. Er definiert sozusagen selbst, wann er nicht mehr existiert: dadurch, daß er stirbt. Hinsichtlich der nicht-lebenden Welt und hinsichtlich der Systeme, die zwar lebende Organismen enthalten, aber selbst keine sind, sagt uns das jeweilige Objekt nicht „von sich aus“, wann es nicht mehr da ist. – Ein Ökosystem bestehe aus Pflanzen, deren Samen von Mäusen gefressen werden, und Katzen, die wiederum die Mäuse fressen. Von jedem dieser Lebewesen wird das Fortbestehen dieses „gesunden Ökosystems garantiert“, denn ohne die Pflanzen gibt es keine Mäuse und keine Katzen, ohne die Mäuse keine Katzen und auch ohne die Katzen, die für nichts im Ökosystem zweckmäßig sind, gäbe es doch nicht dieses Ökosystem, denn es enthält ja definitionsgemäß Katzen. Aber vielleicht stellen sich, wenn die Katzen alle ausgerottet sind, infolge des Fehlens dieser Konkurrenz mehrere andere Mäusefresser ein. Warum soll das vorige Ökosystem und nicht dieses nun entstandene den Vorzug bekommen? Warum soll man das katzenhaltige Ökosystem nicht nur als ein Entwicklungsstadium auf dem Weg zum eigentlichen Ökosystem definieren? Dem System selbst lassen sich keine Kriterien für die eine oder andere Betrachtungsweise entnehmen.

 

„Sehr skeptisch bin ich in Hinsicht auf Überlegungen, wir könnten die Natur gar in Hinsicht auf menschliches Dasein darin verbessern. Das mag im kleinen Maßstab möglich sein, wenn etwa ein lokaler Sumpf trockengelegt wird, um die Malariamücken loszuwerden und Ackerland zu gewinnen, aber eben nur dann, wenn das große Ganze nicht angetastet wird.“

Letzteres ist in gewissem Sinne richtig. Vom „großen Ganzen“ sollte man da zwar nicht reden, das können wir ohnehin nicht „antasten“. Sondern man sollte besser sagen: Alles, was wir herstellen, ist von etwas umgeben, das wir nicht hergestellt haben. Jedes künstliche Erzeugnis befindet sich in einer nicht künstlich hergestellten Umgebung, zu der es passen muß, sonst kann es seinen Zweck nicht erfüllen, und wenn wir auch diese Umgebung künstlich herstellen, so befindet sich doch das gesamte Objekt, das wir damit hergestellt haben, wieder in einer nicht hergestellten und grundsätzlich nicht herstellbaren Umgebung.

Mit der Größe der Veränderung aber hat das gar nichts zu tun. Man hat nicht nur lokale Sümpfe trockengelegt, sondern auch Gebiete von Kontinentsgröße in einen anderen ökologischen Zustand gebracht – etwa den Wald in Wiesen und Felder umgewandelt –, ohne daß das für die nachfolgende Nutzung größere ökologische Schäden mit sich brachte. Wohl aber konnte man damit „die Natur … in Hinsicht auf menschliches Dasein verbessern“, und zwar erheblich. Doch selbstverständlich befinden sich diese Riesenflächen ebenso wie jeder einzelne Blumentopf in einer Umgebung, zu der sie passen müssen: Die Atmosphäre über dem entwaldeten Kontinent muß die agrarische Nutzung zulassen, Boden und Relief dürfen da, wo man den Wald in Felder umwandelt, nicht so beschaffen sein, daß sie nun erodieren. Und wenn man auch Böden und Relief noch in Hinsicht auf menschliches Dasein verbessert – das kann man ja und man hat es gemacht (z. B. Terrassenbau) –, dann ist doch das dadurch entstehende Gesamtsystem wieder in einer Umgebung, zu der es passen muß.

 

„Überlegungen, die in Betracht ziehen, der Mensch könnte vielleicht die Natur als Ganze ‚gärtnern’, so dass es für ihn noch besser darin zu leben ist, halte ich … für abwegig.“

Die „Natur als Ganze“ läßt sich aus dem eben genannten Grund nicht „gärtnern“. Aber das dürfte nicht gemeint sein, sondern viel praktischer: Könnte man die ganze Erdoberfläche ziemlich wörtlich in einen Garten verwandeln, ohne daß das ökologische Nachteile für das Gärtnern selbst mit sich brächte? Zweifellos ginge das, von der Antarktis und ähnlich unwirtlichen Gegenden abgesehen. Es ist für die ökologischen Vorgänge in einem Garten in aller Regel unerheblich, ob ein 5 oder 50 oder 500 km entfernter Wald in dem Zustand erhalten wird, den er vor 5000 Jahren hatte, oder ob er auch in Gärten umgewandelt wird. Es ist gewiß von Bedeutung, wie das Gärtnern vor sich geht, man kann es in einer Weise betreiben, daß es sich selbst untergräbt, aber daß das Gärtnern als solches sich selbst schaden muß, dafür ist kein ökologischer Grund zu sehen.

 

„Unter diesen Bedingungen“ – nämlich weil Voraussagen, die es erlauben, die „irdische Natur“ „nach Art einer Maschine durch gezielte Eingriffe“ kontrolliert zu manipulieren, nicht oder derzeit noch nicht möglich sind – „sind der Menschheit irgendwelche Experimente in dieser Richtung, etwa Geo-Engineering, absolut untersagt.“

Sicher, vor derartigen Experimenten sollte man sich hüten, denn die Versuchskaninchen sind Menschen. Risiken dürfen nicht unermeßlich groß  sein, sonst ist es ethisch nicht zu rechtfertigen, sie einzugehen. Aber von manchem, was die Dimensionen eines „Geo-Engineering“ hat, wissen wir hinreichend, daß man es machen kann. Das Experiment, kontinentgroße Gebiete zu entwalden, hat man bereits in der Jungsteinzeit gemacht, nicht immer, aber doch im wesentlichen  erfolgreich, und man weiß heute, worauf man zu achten hat.

 

Mein Haupteinwand gegen Maßnahmen von der Art des  „Geo-Engineering“  liegt auf einer ganz anderen Ebene. Man hatte vor einigen Jahren den Plan, einem riesigen Gebiet in Sibirien durch einen die Sonnenstrahlen reflektierenden Satelliten einen zweiten Mond zu verschaffen – so sollte es nämlich aussehen – und dadurch das Klima zu verbessern. Ich bin dagegen, weil ich nicht zwei Monde mag. Da „spüre“ ich, daß da etwas nicht stimmt, ähnlich wie „fegalo“ die mangelnde Gesundheit der Natur da spürt, wo der Mensch sich einmischt. Mir ist klar, daß nicht „der Mensch“ das spürt, sondern ich als Angehöriger einer Kultur, in der es u. a. eine Romantik gab. Das ist bei dem Spüren, daß da, wo nicht unberührte Natur ist, etwas nicht in Ordnung ist, auch so. Wenn ausgehend von solchen Gefühlen ein Gebot für den Menschen hergeleitet werden soll, dann müßte man begründen, warum bestimmte Werte, die in einer bestimmten Kultur entstanden sind, dennoch allgemeine Geltung beanspruchen können. Unmöglich scheint das nicht, man kennt mindestens ein Beispiel: die Menschenwürde und alles, was damit verbunden ist. Aber ob es gelingen kann, die Forderungen, die sich aus unserer spezifisch romantischen Natursehnsucht ergeben, als Norm zu verallgemeinern, darf man wohl bezweifeln. Doch man könnte eine Begründung suchen, warum es des Menschen nicht würdig ist, „die Natur“ zu zerstören (siehe dazu diesen Blogartikel). Daß etwas „nicht stimmt“, wäre dann zwar nicht durch einen Eigenwert und eigene Ansprüche der Natur, sondern bezogen auf Bedürfnisse des Menschen zu verstehen, jedoch nicht nur auf seine Bedürfnisse,  sondern auch auf seine Pflichten. Und zwar handelte es sich nicht nur um Pflichten gegenüber kommenden Generationen, sondern auch um Pflichten in Ansehung der Natur.

Die Natur der Ökologie, also die naturwissenschaftlich aufgefaßte Natur auf der Ebene von Ökosystemen, ist nur für einen Teil der Aufgaben, die sich aus dem eben Genannten ergeben, der Gegenstand, um den es geht. Nur ein Teil der Bedürfnisse, von denen wir sagen, wir hätten sie an „die Natur“, haben wir an diese Natur, und Pflichten in Ansehung ihrer kann es nicht geben, sie kann nur Mittel sein im Dienste der Pflichten, und sie gibt uns keinerlei Hinweis, warum wir sie nicht als – in den Grenzen, die uns unsere eigenen auf Physisches gerichteten langfristigen Interessen setzen – Material behandeln sollten, über das wir nach Belieben verfügen können. Wenn wir nach einem Grund in der Natur suchen, der das nicht erlaubt, müssen wir „Natur“ in anderer Bedeutung verstehen.

 

 

 

 


[1] Unter anderem: Kirchhoff, Thomas (2007): Systemauffassungen und biologische Theorien. Zur Herkunft von Individualitätskonzeptionen und ihrer Bedeutung für die Theorie ökologischer Einheiten, Beiträge zu Kulturgeschichte der Natur, Band 16. (http://mediatum2.ub.tum.de/node?id=685961); Trepl, Ludwig (1987): Geschichte der Ökologie. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Zehn Vorlesungen, Frankfurt am Main: Athenäum; Voigt, Annette (2009): Theorien synökologischer Einheiten – Ein Beitrag zur Erklärung der Uneindeutigkeit des Ökosystembegriffs, Stuttgart: Franz Steiner Verlag (= Sozialgeographische Bibliothek, Bd. 12). (Siehe auch: http://d-nb.info/989630072/34).

[2] Ausführlich z. B.: McLaughlin, Peter 2001: What functions explain. Functional explanation and self-reproducing systems. Cambridge University Press, Cambridge u. a.

[3] Diese teleologische Sprechweise scheint uns hier passend – unabhängig davon, wie man ihren wissenschaftstheoretischen Status einschätzen mag. Im allgemeinen wird man sagen, daß diese Redeweise in der Naturwissenschaft nur zu heuristischen Zwecken erlaubt ist. Das soll uns hier nicht weiter beschäftigen.

[4] Ausführlich: Weil, Angela (1999): Über den Begriff des Gleichgewichts in der Ökologie – ein Typisierungsvorschlag.

Landschaftsentwicklung und Umweltforschung. Universitätsverlag, TU Berlin, Berlin: 97 S.

Weil, Angela  (2005): Das Modell „Organismus“ in der Ökologie: Möglichkeiten und Grenzen der Beschreibung synökologischer Einheiten. (Theorie in der Ökologie, Bd. 11) Peter Lang Verlag, Frankfurt/Main. 

[5] Diese Erkenntnis, daß in einem Verhältnis äußerer Zweckmäßigkeit das, wofür etwas zweckmäßig ist, immer ein Organismus sein muß (die Rede von der Zweckmäßigkeit von etwas für etwas, das keiner ist, also nicht im eigentlichen Sinn gemeint sein kann), ist schon über 200 Jahre alt:  „Nun können Dinge, die keine innere Zweckmäßigkeit haben, oder zu ihrer Möglichkeit voraussetzen, z.B. Erden, Luft, Wasser, u.s.w. gleichwohl äußerlich, d.i. im Verhältnis auf andere Wesen, sehr zweckmäßig sein; aber diese müssen jederzeit organisierte Wesen, d.i. Naturzwecke sein, denn sonst könnten jene auch nicht als Mittel beurteilt werden.“ (Kant, Kritik der Urteilskraft § 82)

 

Ludwig Trepl

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

14 Kommentare

  1. Geistchen

    Der Artikel “Verteidigung des Federgeistchens” von Jürgen Dahl ist online verfügbar (als pdf, 15 Seiten, 281 kB) :
    http://www.umweltethik.at/download.php?id=343

    Im Artikel wird noch von einer dritten Startbahn am Frankfurter Flughafen gesprochen. Mittlerweile gibt es dort zusätzlich auch noch eine dritte Landebahn und dementsprechend noch weniger Wald. Die Proteste gegen die neue Landebahn wurden (und werden) kaum mit “ökologischen” Argumenten geführt, sie richten sich in erster Linie gegen den Fluglärm, sind also stark anthropozentrisch ausgerichtet. Was zerstört wurde, das ist nicht der Wald, es ist das Naherholungsgebiet (für Menschen). Was zerstört wird, ist nicht die Natur, es ist die Nachtruhe.

    Vielleicht ist das schon ein Resultat des Artikels selbst: “[…] jede Wertung, jede Absicht, jede Empfehlung und jedes Verbot ist nicht mehr durch die Argumente der Wissenschaft [der Ökologie] gedeckt, sondern bedarf einer Begründung von anderswoher”. Es sind im Wesentlichen persönliche Interessen, die zur Begründung herangezogen werden können.

    Auch wenn wir heute weniger im Öko-, sondern schon mehr im Biozeitalter leben, scheint mir alles von Jürgen Dahl Gesagte noch immer aktuell und lesenswert. Danke für den Tipp.

    (Im Artikel ist übrigens nur von Schwefelsäure die herniederregnet, nicht von Blausäure, die Rede)

  2. @ Martin Holzherr

    Ich habe selten etwas derart Begriffstutziges erlebt. Man kann hundertmal schreiben, daß man etwas nicht meint oder gerade das Gegenteil meint und auch explizit gesagt hat – Sie behaupten dennoch ungerührt immer und immer wieder und ohne Begründung, was Sie sich einmal in den Kopf gesetzt haben. Also:

    „Sokrates Spruch “Ich weiss, dass ich nichts weiss …” drückt eine ganz andere Haltung zum Wissen/Nichtwissen aus, als sie bei ihnen immer wieder aufscheint“. Ich bin ganz der Meinung von Sokrates und bei mir scheint für jemanden, der liest, was ich schreibe, und nicht nur ohne hinzuschauen davon ausgeht, daß es sicher das Gegenteil Ihrer eigenen Meinung sein wird, auch keine andere Haltung auf.

    „Doch Intelligenz und potentielle Macht (die der Mensch zweifellos hat) heisst nicht, dass man dies immer ausspielt und ausnutzt – zumal wenn man weiss, dass man immer noch kaum etwas sicher weiss.“ Dieser Meinung bin ich ebenfalls und habe das auch schon manchmal geschrieben; besonders oft allerdings nicht, denn es ist ja allzu selbstverständlich.

    „Das oben erwähnte Geoengineering (über das Abholzen von Wäldern hinaus) demonstriert das gut, denn das Unwissen über seine Folgen zusammen mit den globalen Auswirkungen … sprechen gegen seinen baldigen Einsatz.“ Das meine ich auch und habe es (z.B. in dem obigen Artikel) auch geschrieben. Ich habe sogar etwas gegen den nicht baldigen Einsatz, habe ich geschrieben.

    „… und nicht – wie sie das nahelegen – eine eventuelle Änderung der Landschaft oder der Bewölkung“. Da könnte zu ersten Mal ein Dissens bestehen. Denn „und nicht“ halte ich für falsch, ich würde „und auch“ schreiben.

    „Naturwissenschaftler sind revisionsbereit … und sie sprechen selten von Wahrheit im Sinne von sicherem Wissen.“ Das gilt seit geraumer Zeit für die Naturwissenschaftler. Aber sie sind doch im allgemeinen immer noch weit mehr als ich von der Wahrheit des derzeitigen Standes ihrer Wissenschaft und von einer geringen Bedeutung der Theorien von einen grundsätzlichen Fallibilität überzeugt als ich es bin, und vor allem sind viele, ganz anders als ich, der Meinung, daß es keine Grenzen der naturwissenschaftlichen Erklärbarkeit gibt.

    „Weitermachen wie bisher ist damit ein permanenter Verstoss gegen das Vorsorgeprinzip.“ Genau das ist auch meine Meinung.

    Es sei „eben nicht (Zitat) “sinnlos, davon zu reden, daß man „die Natur“ schützen soll”“. Das ist auch meine Auffassung. Darum habe ich mich z. B. immer für den Naturschutz engagiert und den Großteil meines Lebens mit der Ausbildung von berufsmäßigen Naturschützern zugebracht. Man muß allerdings wissen, welcher der vielen Bedeutungen man mit „Natur“ meint, und in welchem Begründungszusammenhang man welche Bedeutung meint. Wenn man aber damit meint, was die Ökologisten meist meinen, dann ist es allerdings falsch.

    „Es gibt also – auch heute noch – ein grosses Unwissen selbst über lebensentscheidende Dinge. Dieses Unwissen kommt bei ihnen nicht vor.“ Doch, das kommt vor (s. o.). Ich schreibe allerdings nicht so viel darüber, weil es in dieser Allgemeinheit trivial ist und weil schon tausend andere darüber schreiben und schließlich, weil meine speziellen Fähigkeiten woanders liegen. Wenn einer über Paris schreibt, weil er sich dort auskennt, darf man daraus nicht schließen, daß er London für eine unbedeutende Stadt hält.

    „Statt dessen fragen sie “warum wir das Federgeistchen trotz seiner ökologischen Überflüssigkeit wollen sollen”.“ Zu „statt dessen“: siehe Paris-London. Die Argumentation Dahls war eine ganz andere, aber die ist Ihnen offenbar völlig unzugänglich. Selbst wenn sich eine größre ökologische Bedeutung des Federgeistchens (für die Menschen, manche Menschen oder andere Lebewesen) zeigen ließe, wäre seine Frage, ob es nicht auch noch andere Gründe für seinen Schutz geben könnte.

    „Dabei ist es mit höchster Wahrscheinlichkeit so, dass wir gar kein “belastbares Wissen” über das Lebens- und Ökosystem haben zu dem das Federgeistchen gehört – und trotzdem sprechen sie von wollen und sollen.“ Da muß ich Ihnen zu ersten mal widersprechen. Manchmal wissen wir in der Ökologie eben doch etwas, zwar gar nicht so oft in den sogenannten großen Fragen, im Detail ist es aber sehr oft enorm viel. Für die Aussage, daß uns nichts Nennenswertes passieren würde oder daß keine größeren ökosystemaren Veränderungen passieren, reicht es beim Federgeistchen, und im Falle unzähliger anderer seltener Arten auch ( etwas passiert natürlich immer als Folge dessen, daß irgend etwas passiert, selbst wenn es nur eine einzelne Fliege ist, die ein Bein verliert, hat das Folgen). Die Gründe sind ganz einfach und jeder kann sie einsehen, er muß nur bereit sein, sie zur Kenntnis zu nehmen, auch wenn sie der Ideologie widersprechen, der er sich verschreiben hat.

    „Wenn schon muss sich der Mensch die Frage stellen, wie weit er bei der Umgestaltung der Erde gehen soll und ob es nicht klüger wäre, seine Hyperaktivität etwas einzuschränken.“ Genau, das ist auch meine Meinung und das könnten Sie auch wissen, wenn Sie meine Texte lesen würden. Allerdings würde ich nicht „der Mensch“ schreiben, wenn der Kapitalismus gemeint ist.

    „Doch der Mensch muss gar nicht immer und jederzeit für irgendwelche Zustände sorgen, in dem das eine oder das andere obsiegt. Er könnte sich auch etwas zurücknehmen und einen Teil der Erde nur wenig verändern.“ Genau, er könnte sich zurücknehmen, das ist auch meine Meinung. Darum bin ich immer dafür gewesen, möglichst viel unter Naturschutz zu stellen. Das ändert aber nichts daran, daß ein Großteil der Tier- und Pflanzenpopulationen, die es heute auf der Erde gibt, dadurch sehr stark dezimiert, andere aber dadurch begünstigt würden. Ich habe geschrieben, daß man, was immer der Mensch (oder eine andere Art) macht, sich zugunsten der einen und zum Nachteil der anderen auswirkt, ich habe nichts für oder gegen die Ausweitung von Schutzgebieten oder die Extensivierung der Landwirtschaft usw. geschrieben.

    „Denn dass die Erde ohne Mensch funktionierte, das wissen wir.“ Entschuldigung, aber das ist einfach Quatsch. Funktionieren tut der Mond auch. Oder auch nicht. Wenn man irgendein Problem lösen will, dann darf man nicht in Leerformeln reden, die so richtig wie falsch sind.

    „Die Aussage “„Der Mensch“ kann tun was er will: Irgendwelchen Lebewesen tut er damit immer etwas Gutes, andere schädigt oder tötet er damit” dagegen macht dem Mensch zum alles entscheidenden Agens“. Ich habe nie gesagt, daß der Mensch das alles entscheidende Agens ist und auch der zitierten Aussage ist das nicht zu entnehmen, wie groß die Interpretationskunst des Lesers auch immer entwickelt sein mag. Es ist mir ganz unbegreiflich, wie man das da herauslesen kann. Die zitierte Aussage hat mit Ihrer Schlußfolgerung einfach überhaupt nichts zu tun. – Wenn Sie statt „der Mensch“ „der Elefant“ schreiben, stimmt die Aussage immer noch (abgesehen davon, daß man dann schwerlich „er will“ schreiben kann). Sie besagt nur, daß „die Natur“ nicht ein Über-Organismus ist, dem man Gutes oder Schlechtes antun kann wie einem Menschen oder einem Hund, sondern aus vielen Wesen besteht, von denen es den einen nach einer bestimmten Veränderung ihrer Umwelt besser geht, den anderen schlechter.

    Ich bin mir aber sicher: Demnächst werden Sie wieder behaupten, daß all die Meinungen, gegen die ich mich eben erklärt habe, seien meine.

  3. @Trepl: Nicht-Wissen und Vorsorge

    Sokrates Spruch “Ich weiss, dass ich nichts weiss und deshalb weiss ich mehr als die, die nicht wissen, dass sie nichts wissen” drückt eine ganz andere Haltung zum Wissen/Nichtwissen aus, als sie bei ihnen immer wieder aufscheint, trauen sie doch der menschlichen Urteilskraft sehr viel zu und leiten daraus auch grosse Rechte für menschliches Handeln ab.

    Doch Intelligenz und potentielle Macht (die der Mensch zweifellos hat) heisst nicht, dass man dies immer ausspielt und ausnutzt – zumal wenn man weiss, dass man immer noch kaum etwas sicher weiss.
    Das oben erwähnte Geoengineering (über das Abholzen von Wäldern hinaus) demonstriert das gut, denn das Unwissen über seine Folgen zusammen mit den globalen Auswirkungen und nicht – wie sie das nahelegen – eine eventuelle Änderung der Landschaft oder der Bewölkung (beim marine cloud brigthening werden künstliche Schäfchenwolken erzeugt) sprechen gegen seinen baldigen Einsatz.
    Naturwissenschaftler sind revisionsbereit (siehe Honerkamp-Blog) und sie sprechen selten von Wahrheit im Sinne von sicherem Wissen sondern verwenden die Formel “beim gegewärtigen Stand der Wissenschaft”.

    Was wir aber sicher wissen ist, dass der Mensch die Erdoberfläche immer stärker verändert und prägt und das in vielfältiger Weise, was sich unter anderem in der Biosphäre und im veränderten Stoffkreisläufen zeigt. Er ist zu einem gewichtigen Erdystemfaktor geworden. Was dieses durch den Menschen neu eingeleitete Zeitalter des Anthropozäns aber wirklich bedeutet und bewirkt sowohl für den Menschen als auch für alles andere was sich auf der Erdoberfläche tummelt, das ahnen wir nur, wissen es aber nicht genau.
    Weitermachen wie bisher ist damit ein permanenter Verstoss gegen das Vorsorgeprinzip, welches (unter anderem ) fordert: “Bei Maßnahmen, die sich auf komplexe Systeme beziehen, die noch nicht voll verstanden worden sind und bei denen die Folgewirkungen von Störungen noch nicht vorausgesagt werden können, könnte der Vorsorgeansatz als Ausgangsbasis dienen.”

    So gesehen ist es eben nicht (Zitat)”sinnlos, davon zu reden, daß man „die Natur“ schützen soll”, denn das Schützen kann nur bedeuten, dass man das Vorsorgeprinzip anwendet. Das Vorsorgeprinzip soll uns auf der sicheren Seite halten: Wir wissen, dass die “wilde” Erde alles Leben und auch uns hervorgebracht hat und dass über Milliarden von Jahren immer Leben auf der Erde möglich war. Mit der immer stärkeren Umgestaltung der Erde begeben wir uns in eine unsichere Zone.

    Es gibt also – auch heute noch – ein grosses Unwissen selbst über lebensentscheidende Dinge. Dieses Unwissen kommt bei ihnen nicht vor. Statt dessen fragen sie “warum wir das Federgeistchen trotz seiner ökologischen Überflüssigkeit wollen sollen”. Dabei ist es mit höchster Wahrscheinlichkeit so, dass wir gar kein “belastbares Wissen” über das Lebens- und Ökosystem haben zu dem das Federgeistchen gehört – und trotzdem sprechen sie von wollen und sollen.
    Über was man nichts weiss (oder zu wenig weiss) sollte man schweigen. Wenn schon muss sich der Mensch die Frage stellen, wie weit er bei der Umgestaltung der Erde gehen soll und ob es nicht klüger wäre, seine Hyperaktivität etwas einzuschränken.

    Im untenstehenden Zitat stellen sie den Menschen als ewigen Richter dar, der sich zugunsten des einen und zum Nachteil des anderen” entscheidet und entscheiden muss.

    „Der Mensch“ kann tun was er will: Irgendwelchen Lebewesen tut er damit immer etwas Gutes, andere schädigt oder tötet er damit. Natürlich kann „der Mensch“ sagen: dann sorgen wir eben für Zustände, in denen möglichst wenige getötet werden, oder möglichst wenige der höheren Arten, oder möglichst wenig gegenüber dem heutigen Zustand verändert wird, oder dafür, daß möglichst stabile Ökosysteme entstehen. Damit entscheidet er aber auch zugunsten der einen und zum Nachteil der anderen. Die Herrscherposition wird er nicht los.

    Doch der Mensch muss gar nicht immer und jederzeit für irgendwelche Zustände sorgen, in dem das eine oder das andere obsiegt. Er könte sich auch etwas zurücknehmen und einen Teil der Erde nur wenig verändern. Denn dass die Erde ohne Mensch funktionierte, das wissen wir. Ob die Erde mit dem Menschen immer noch funktioniert, das muss sich erst noch herausstellen.

    Natürlich werden sie nun sagen, die Option, wenig zu verändern hätten sie doch auch aufgezählt , indem sie schreiben: “möglichst wenig gegenüber dem heutigen Zustand verändert wird”. Doch das ist eben nicht eine beliebige Option unter anderen, weil es ein Grundsatzentscheid ist, der sich auch mit Nicht-Wissen verträgt. Die Aussage “„Der Mensch“ kann tun was er will: Irgendwelchen Lebewesen tut er damit immer etwas Gutes, andere schädigt oder tötet er damit” dagegen macht dem Mensch zum alles entscheidenden Agens, auch dort wo er nur meint etwas zu wissen ohne dass er belastbar etwas weiss.

  4. @ Suse

    Die meisten ablehnenden Kommentare zu dem, was ich in diesem Artikel (und an anderen Stelle zu dem Thema) geschrieben habe, sind laienhaft. Sie bringen eher Wünsche als Erkenntnisse zum Ausdruck. Da, wo man wissenschaftlich über diese Fragen diskutiert, egal in welcher Art von Wissenschaft es sich handelt, kommen derartige Meinungen nicht (mehr) vor. Man kann getrost prognostizieren: Wenn die Kommentatoren sich mit dem Thema wissenschaftlich befassen würden, etwa in einem Seminar an der Universität, würden sie ihrem Meinung rasch aufgeben.

    Das ist bei dem, was Sie über die „Emergenz von Finalität“ schreiben, nicht der Fall. Wenn ich richtig informiert bin, wird das in der Systemtheorie etwa so gesehen, wie Sie es darstellen, und soweit es in der Ökologie heutzutage noch Auffassungen gibt, die man in die Tradition des Holismus-Organizismus stellen kann, gehen sie von dieser Systemtheoretiker-Diskussion aus. Ich habe auch den Eindruck, daß die Vorgeschichte von „Finalität“ (das ist schief, man sollte von Teleonomie sprechen) sich naturwissenschaftlich mittels der Elemente aufklären läßt, die Sie nennen. Dennoch: Ein Organismus ist noch mal etwas grundsätzlich anderes als solche zirkulären Strukturen in der unbelebten Natur, und da fangen meine Einwände gegen das an, was Sie schreiben. Dazu müßte ich aber weiter ausholen. Darum werde ich versuchen, einen Blog-Artikel dazu zu schreiben.

    Was Sie über Ethik schreiben und zur Rolle Gefühls des „Respekts“ für die Natur, halte ich weitgehend für falsch. Aber um das verständlich zu machen, bräuchte ich auch mehr Platz, als man in einem Kommentar hat. Ich werde wohl auch dazu einen Artikel schreiben müssen.

  5. @ Holzherr

    „Ein solcher Verweis auf die nicht zerstörbare physikalische Natur will offensichtlich die Bedeutung der belebten, schon vor dem Menschen existierende Natur, relativieren und sie als ersetzbar deutlich machen.“
    Wie ommen Sie denn bloß darauf? Sie sind ein wahrer Meister im Unterstellen. Lesen Sie doch einfach mal, was ich schreibe, bevor Sie kommentieren.

    „Immerhin liest man sogar in der Wikipedia: …“
    Was wollen Sie damit sagen? Ist Wikipedia jetzt die neue Bibel? In Wikipedia steht eine Unmenge Unfug. Immer dann, wenn ich etwas zu einem Thema lese, mit dem ich mich auskenne, merke ich das. Wo ich mich nicht auskenne, bin ich allerdings auch gerne gutgläubig wie Sie.

    „Naiv betrachtet und damit in Übereinstimmung mit dem allgemeinen Sprachgebrauch liegt Zerstörung schon dann vor, wenn sie das Bestehende verwüstet.“
    Das ist tautologisch: Zerstörung liegt schon dann vor, wenn sie das Bestehende zerstört. Die Frage ist, welcher Art die Gegenstände sein müssen, damit eine Veränderung sinnvoll eine Schädigung oder Zerstörung genannt werden kann. Mir ist aus der Fachliteratur nicht bekannt, daß schon mal einer behauptet hätte, das könnten andere Gegenstände sein als solche von der Art von Organismen sowie Artefakte. Wenn wir im Hinblick auf etwas anders von Schädigung/Zerstörung sprechen, dann immer nur im uneigentlichen Sinn: Bezogen auf eine beliebige (praktisch im allgemeinen interessenabhängige) Definition von Unbeschädigtheit/Unzerstörtheit ist eine Veränderung eingetreten. Gewohnheit kann dabei eine Rolle spielen, muß aber nicht. Ihre Beispiele sind zu willkürlich ausgewählt. „Ebenso würden die Brasilianer oder die im Amazonas lebenden Indianer den Amazonas-Regenwald als zerstört betrachten, wenn er in ihrer Lebenszeit durch Savanne ersetzt wird“. Vielleicht, aber die Kolonisten in Nordamerika sind wohl nicht auf die Idee gekommen, daß sie dort die Natur oder auch nur den Wald innerhalb einer Generation zerstören: Sie haben die Natur vielmehr kultiviert, in einen besseren Zustand gebracht.

    „Letztlich geht es auch darum ob es auf dieser Erde Dinge gibt, die auch ohne den Menschen eine Bedeutung haben. Sie neigen dazu, alles aus der Sicht des Menschen zu sehen.“
    Trifft das nicht eher auf Sie zu? Ich betone immer wieder, daß ein „Ökosystem“, das aus der Sicht „des Menschen“ zerstört ist, aus der Sicht anderer Lebewesen keineswegs zerstört sein muß. Wer von „der Natur“ als einer zerstörbaren redet, der hat eine unter vielen möglichen Perspektiven eingenommen und hält seinen Blick für den Blick Gottes: von außen auf die Welt. „Der Mensch“ soll im allgemeinen der Mensch als ein biologisches Wesen sein (tatsächlich ist der meist ein Mittelschichtler westlicher Gesellschaften). Daß man „der Mensch“ auch anders verstehen kann und hier auch muß und daß dann „alles aus der Sicht des Menschen“ einen ganz anderen, nicht-anthropozentrischen Sinn bekommt, habe ich Ihnen schon häufiger geschrieben, aber das kommt offenbar nicht an; Sie wiederholen immer wieder den gleichen Vorwurf. Ich vermute, das liegt daran, daß Sie Naturwissenschaftler sind und sich unter „der Mensch“ einfach nichts anderes denken können als eine bestimmte biologische Spezies.

    Daß ich frage, warum wir das Federgeistchen trotz seiner ökologischen Überflüssigkeit wollen sollen, zeigt Ihnen, dass ich „alles vom Urteil des Menschen oder von Menschen abhängig machen“ will.
    Na ja: von wessen Urteil sonst? Tiere urteilen nicht. – In diesem Fall ging es Jürgen Dahl darum, daß wir nicht fragen sollen, ob die Naturwissenschaftler eine Funktion nennen können, und wenn nicht, dann kann das Lebewesen bedenkenlos ausgerottet werden, bzw. solche Lebewesen, von denen viele andere abhängen, haben ein größeres Lebensrecht als solche, die mehr oder weniger für sich alleine leben und auf die niemand angewiesen ist. Er wollte also gegen das funktionalistische Denken argumentieren, das bei allem fragt „nützt mir/uns das“ und das unter denen, die ein solches Denken für die Wurzel alles Übels halten, d. h. unter den Ökologisten, nur leicht modifiziert wurde zu „nützt es auch anderen Lebewesen“, und zwar möglichst vielen. Statt dessen hat das Federgeistchen entweder einfach deshalb ein Lebensrecht, weil es lebt (das scheint Dahl zu meinen) oder weil es so phantastisch geformt ist und es nichts Ähnliches gibt (das scheint er auch zu meinen). Letzteres könnte man schon mit „vom Menschen abhängig“ bezeichnen, denn andere Lebewesen als Menschen merken das ja nicht.

    „In dieser [d. h. Ihrer] Vorstellung ist die Erde nicht primär für den Menschen erschaffen und erfunden worden, sondern der Mensch ist ein Teil dieser Welt. Natürlich will der Mensch einen grossen Teil dieser Welt kontrollieren …“
    Was „der Mensch“ will , ist nicht meine Frage, sondern was er soll (allerdings nicht in diesem Artikel, da ging es nur um die Bedingungen des Sinns der Rede von Zerstörung). Er will, daß es ihm möglichst gut geht, wie jedes andere Tier auch (auch wenn man da nicht von wollen sprechen sollte, der Begriff bedeutet etwas anders). Aber für den Menschen, weil er eben nicht nur ein Tier ist, stellt sich unausweichlich die Frage, ob er das auch darf, was er zu seinem eigenen Wohl unternehmen möchte. Eben weil ihm diese Frage unausweichlich ist, ist es durchaus richtig zu sagen (wenn auch etwas merkwürdig ausgedrückt), daß die Erde „für den Menschen“ – als moralisches Wesen – „erfunden“ wurde. Für den Menschen als biologisches Wesen – also insofern, als er nach seinem Wohlergehen strebt – ist sie freilich nicht „erfunden“. Denn in dieser Eigenschaft hat er keinerlei Vorzug vor irgendeiner anderen Spezies.
    Weil aber auch sonst keine Spezies vor einer anderen einen Vorzug hat, ist es sinnlos, davon zu reden, daß man „die Natur“ schützen soll, denn da hat jedes Lebewesen seine eigenen Ansprüche, die gegen die Ansprüche vieler anderer stehen, und „die Natur“ kann für unendlich viele verschiedene ökologische Zustände stehen – aus jeder Perspektive ein anderer. „Der Mensch“ kann tun was er will: Irgendwelchen Lebewesen tut er damit immer etwas Gutes, andere schädigt oder tötet er damit. Natürlich kann „der Mensch“ sagen: dann sorgen wir eben für Zustände, in denen möglichst wenige getötet werden, oder möglichst wenige der höheren Arten, oder möglichst wenig gegenüber dem heutigen Zustand verändert wird, oder dafür, daß möglichst stabile Ökosysteme entstehen. Damit entscheidet er aber auch zugunsten der einen und zum Nachteil der anderen. Die Herrscherposition wird er nicht los.

  6. @fegalo

    „’Unseren Zwecken genügt das Gewässer nicht mehr.’ Hier offenbart sich die Unzulänglichkeit der rein naturwissenschaftlichen Perspektive.“

    Das ist doch keine rein naturwissenschaftliche Perspektive. „Unsere Zwecke“ sind auch die des Andauerns der ästhetischen Lust beim Betrachten des Gewässers, und auch die Symbolik ist beeinträchtigt, wenn es stinkt, und macht uns den Anblick unangenehm: der See lächelt nicht mehr usw. Wenn es ums „ Spüren , ob es stimmt“ geht, dürfte die naturwissenschaftliche Perspektive sogar nur eine ziemlich untergeordnete Rolle spielen.

    „Man muss gar keine Zwecke haben, um die Krankheit eines Gewässers zu bemerken.“

    Da verwendet man „Krankheit“ bloß metaphorisch. Sie haben vermutlich die Naturästhetik im Sinn, und da muß man ja alle seine Privatinteressen ausschalten, sonst kann man Schönheit nicht bemerken (Sie sprechen das ja selber an). Es muß nichts mit einer Krankheit eines Organismus oder eines als Organismus betrachteten Gemeinschaft zu tun haben, wenn man es nicht mehr als schön beurteilen kann. Wenn der Organismus allerdings krank ist, hat man Mühe damit – wie bei einem entstellten Gesicht oder einem mißgestalteten Tier. Aber wenn man bei einem Objekt wie einem Ökosystem oder einer Lebensgemeinschaft entsprechende Gefühle haben soll, dann muß man dieses unter eine Idee bringen, der das Objekt entsprechen soll, und wie die beschaffen sein soll, ist allein unsere Sache und im allgemeinen kulturabhängig (beim Organismus dagegen gibt uns dieser gleichsam selbst einen Anhaltspunkt, wie die Idee beschaffen sein soll, wegen seiner Selbstreferentialität: Man kann sich schwerlich eine ästhetische Idee von einem Pferd machen, dem der Kopf fehlt).

    „Drittens: Auch die Krankheit von Organismen bedeutet rein ökologisch betrachtet, dass es bestimmten Bakterien oder Viren gerade sehr gut geht.“ Es geht bestimmten Organismen in dem Ökosystem um den kranken Organismus herum gut, aber dem kranken Organismus selbst geht es schlecht. Diesem Ökosystem aber kann es weder gut noch schlecht gehen. (Steht übrigens alles schon ziemlich hinreichend in der Kritik der Urteilskraft, man braucht die moderne Ökologie und überhaupt die Naturwissenschaft nicht dazu.)

    „Das ist eben das Besondere am menschlichen Blick, dass er aus seinem unmittelbaren Interessenzusammenhang aussteigen kann, um die Dinge zu sich selbst kommen zu lassen. Das ist Grundvoraussetzung unserer Erkenntnisfähigkeit wie auch unserer Moral. Warum soll es nicht auch Grundlage unseres angemessenen Umgangs mit der Natur sein?“

    Ja, genau, eben da sehe ich die Möglichkeit einer Begründung für den Naturschutz, der nicht Interessen von Menschen, sondern Pflichten geltend macht. Aber das läuft auf folgendes hinaus: „Die Natur als verpflichtender Zweck kann nur gedacht werden als natürliche Bedingung eines nicht-natürlichen, eines unbedingten moralischen Zweckes: eines weltbürgerlichen Ganzen nach Prinzipien des Rechts, letztlich aber als Teilmoment des ‘höchsten Gutes’, welches unsere natürliche Interessen auf der einen und Moralität auf der anderen Seite (und die Erfüllung der ersteren nach Maßgabe der Erfüllung der letzteren) in sich vereinigt.“ (Bernward Grünewald) Was die naturwissenschaftlich beschreibbare Natur auf der Ebene der Ökosysteme angeht, ist die in diesem Zusammenhang aber nie mehr als Mittel zu physischen Zwecken des Menschen. Wenn man mehr will, muß man über Ästhetik und Symbolik (meinetwegen auch über „Phänomene“ im Sinne der Phänomenologie) und über leidensfähige Natur sprechen; letzteres können aber nur Organismen sein.

    „Hier scheinen wir in unserer Auffassung der Natur weit auseinanderzuliegen. In der Natur herrscht nirgends ein Kampf aller gegen alle.“

    Das war keine naturwissenschaftliche Behauptung von mir, sondern eine Aussage darüber, wie man bis vor kurzem die Wildnis fast durchgängig gesehen hat: Ein allgemeines Fressen und Gefressenwerden. Wie es naturwissenschaftlich ist, ist in unserem Zusammenhang egal. (Es gibt schon, anders als Sie meinen, Ökosysteme, in denen mehr oder weniger der „Kampf aller gegen alle“ herrscht, Ökosysteme jüngerer Sukzessionsstadien sind oft so beschaffen, aber meist gibt es unter den Beziehungen zwischen den Organismen auch ziemlich viele mutualistische.) Egal, denn Sie haben auf das Spüren der Menschen, daß es stimmt, angesprochen. Die Menschen spürten das eben gerade nicht da, wo die Natur unbeeinflußt war. Das „Stimmen“ war etwas, wozu es des Menschengeistes bedurfte

  7. @ Ludwig Trepl (02.10.)

    „Doch erst zu der Behauptung „Wir wissen, dass hier etwas ‚nicht stimmt’“.
    In der Tat, aber was stimmt nicht? Es ist leicht zu sehen:
    Unseren Zwecken genügt das Gewässer nicht mehr.“

    Hier offenbart sich die Unzulänglichkeit der rein naturwissenschaftlichen Perspektive. Das ist ganz sicher eine unzutreffende und unzureichende Sicht der Dinge, denn:
    Erstens: Man muss gar keine Zwecke haben, um die Krankheit eines Gewässers zu bemerken.

    Zweitens: Man kann diese Krankheit bei der Verfolgung eigener Zwecke sehenden Auges in Rechnung stellen. So kann ein Waldbauer die Krankheit seiner Fichtenmonokultur durchaus in Kauf nehmen, weil er errechnet, dennoch mehr Geld zu verdienen, auch wenn er in ausgleichende Maßnahmen wie Schädlingsbekämpfung und dergleichen investieren muss.

    Drittens: Auch die Krankheit von Organismen bedeutet rein ökologisch betrachtet, dass es bestimmten Bakterien oder Viren gerade sehr gut geht. Auch Ratten, die bettlägerige Patienten anfressen, profitieren von deren Schwäche.
    Andererseits gibt es aber, und das ist entscheidend, für den Menschen auch eine Perspektive der „interesselosen Wahrnehmung gesunder Natur“, wie ich es mal provisorisch in Anlehnung an Kants „interesseloses Wohlgefallen“ am Schönen nennen will.

    Das ist eben das Besondere am menschlichen Blick, dass er aus seinem unmittelbaren Interessenzusammenhang aussteigen kann, um die Dinge zu sich selbst kommen zu lassen. Das ist Grundvoraussetzung unserer Erkenntnisfähigkeit wie auch unserer Moral. Warum soll es nicht auch Grundlage unseres angemessenen Umgangs mit der Natur sein?

    „Denn die Wildnis ist der Ort, an dem es nicht stimmt, an dem es nicht so ist, wie es sein soll. Es ist dort gefährlich und unheimlich, und man meidet folglich solche Orte, wenn es nur geht. Und auch für die anderen Lebewesen stimmt es in der Wildnis keineswegs, denn dort herrscht der Kampf aller gegen alle. Gewiß gibt es auch Natur, in der „es stimmt“. Die nannte man Paradies, auch (mit anderen Bedeutungsnuancen) Arkadien. Aber beides gibt es nicht (mehr) in der wirklichen Welt“

    Hier scheinen wir in unserer Auffassung der Natur weit auseinanderzuliegen. In der Natur herrscht nirgends ein Kampf aller gegen alle. Es gibt allerdings Biotope, in denen dem unbedarften Mensch aus der Großstadt das Überleben schwerfallen dürfte. Trotzdem „stimmt“ es in einem solchen Biotop. Höchstens ist es für Menschen schwieriger, diese Perspektive zu gewinnen.
    Denn ich meine mit „es stimmt“ jedenfalls nicht den befriedeten Zustand eines Paradiesgärtleins, in dem Löwe und Lamm traut beieinander liegen, sondern:

    den Zusammenklang der Lebensäußerungen, welche sich alle gemäß ihrer Anlage entfalten können, ohne ihr Maß zu überschreiten.

  8. Die Emergenz des Telos

    Warum sollte die Teleologie erst auf der Ebene des Organismus einsetzen ?
    Systemtheoretisch reicht eigentlich eine Rückkopplungsschleife.
    Wenn Zustand A zu Zustand B führt, dieser zu C, dann D usw, dann haben wir eine Kausalkette und die hat erstmal keinen besonderen Sinn und Zweck.
    Wenn aber eine (negative) Rückkopplung dazukommt, die einen Kreislauf erzeugt wie A>B>C>D>A>B>C>D>A… , sich selbst stabilisierender Natur wegen eines dämpfenden Elements, dann haben wir ein homöostatisches System von gänzlich anderer Kategorie.
    Hier erhöht die Wahrscheinlichkeit von A die von B, diese die von C, diese die von D und diese wiederum die von A, also erhält A sich selbst durch positive Manipulation seiner eigenen Wahrscheinlichkeit.
    Daher kann man sagen, A „tut” B mit einem Zweck, nämlich um sich selbst zu nutzen, oder der Prozess C>D habe einen Wert für A.
    Es ist hier kein Schöpfer notwendig und kein Planer, nur der Zufall plus einiger Grundbedingungen wie zB Energiedurchfluss durch ein Substrat mit verschiedenen chemischen Substanzen.

    Das ist die Emergenz von Finalität bzw des Telos, und die kommt auch ohne Bewusstsein der beteiligten Zustände aus, allerdings kann man hier annehmen, dass Anfänge von Bewusstsein entstanden sind, denn eine der neuen Eigenschaften des Systems ist, dass es Verhalten zeigt.
    Auf A zu schauen, macht jetzt auch weniger Sinn, denn mit dem gesamten Kreislauf haben wir hier jetzt eine Struktur, wo vorher nur thermodynamische Isotropie herrschte, Periodizität bedingt durch die Stufen und Verzögerungen im Kreislauf, also ein ganz primitives dynamisches System mit einer eigenen Identität.
    Da Redundanz fehlt, ist das erstmal extrem flüchtig und instabil, auch eine Grenze (Körper) ist schwer zu definieren.
    Es hat auf unserem Planeten ein paar hundert Milliarden Jahre gedauert, bis solche flüchtigen Prozesse mit der Desoxyribonukleinsäure eine stabile, widerstandsfähige und gleichzeitig adaptive Grundlage gefunden haben mit solchem Erfolg, dass das Rezept nie mehr geändert werden musste und als Ergebnis nicht nur fast vollständig die Erdoberfläche bedeckt, sondern auch Temperatur, Luftzusammensetzung und Salzgehalt der Ozeane, also mineralische Gegebenheiten kontrolliert.

    Durch die semipermeable Membran der Zelle ist eine Struktur entstanden, die die Identifikation des Systems als Organismus aus materialistischer, weniger prozessorientierter Sichtweise sehr erleichtert, deswegen verlieren aber offenere und verteiltere Systeme nicht ihre Eigenschaften bzw Identitäten.
    Ökosysteme sind, wie auch Arten, Übergangszustände im Evolutionsprozess, die auf kürzeren Zeitskalen wie der menschlichen Lebensspanne als etwas Stabiles erscheinen, aber in dem Masse, wie sie durch vielfältig vernetzte Rückkopplungen Resilienz erlangen, zeigen sie eben auch ein Verhalten wie Organismen, die durch genetische Pläne viel stärker determiniert sind, also dynamische Systeme anderer Art, die sich nicht neu gestalten können.

    Wollte man hier Wertungen vornehmen, müsste man ein Mass für Komplexität angeben, was die Wissenschaft meiner Kenntnis nach noch nicht geleistet hat, da wir aber selbst komplexe Systeme oder besser Prozesse sind, erkennen wir hier intuitiv Ähnlichkeiten.
    Ethik beginnt, wenn das Subjekt erkennt, dass andere Subjekte existieren, denen ihre Umstände auch von Bedeutung sind.
    Man kann also Werte verallgemeinern bzw es versuchen, aber am Beginn steht das Gefühl des Respekts für die Bedeutung des Anderen, die der eigenen entspricht.
    Es kann also Respekt vor der „Natur” jenseits von Nützlichkeitserwägungen entstehen, muss aber nicht.
    Die Veränderung eines Ökosystems ist auch ein Prozess und die Frage ist, von welcher Kategorie und wie zu respektieren.

    Hätten Ausserirdische in einem Raumschiff die Erde besucht zu dem Zeitpunkt, da sich der grosse Asteroid näherte, dessen Einschlag unter anderem zum Aussterben der Saurier und auch zur Weiterentwicklung und späteren Dominanz der Säugetiere führte, diesen ablenken sollen ?

    Als Menschen sind wir Teil von Ökosystemen und können von unserem Interesse, dass diese nicht unter eine Ackerbau zulassende Komplexitätsschwelle sinken, gar nicht absehen.
    Somit müssen wir, wenn unsere Aktionen potentiell gefährliche Auswirkungen auf die Natur zeigen, diese korrigieren.
    Im Moment hinkt die Risikoabschätzung, geschweige denn Vermeidung, der Risikoverschärfung durch technologische Expansion ziemlich hinterher.
    Es könnte sein, dass wir auf die harte Tour werden lernen müssen, dass man bestimmte Dinge schon aus längerfristigem Eigeninteresse besser unterlassen hätte.
    Könnte man diesen, eventuell katastrophischen Lernprozess auch respektieren ?

    Die menschliche Kultur, insbesondere in Form der industriellen Zivilisation, evolviert viel schneller als die natürliche Umgebung sich genetisch anpassen kann, also weicht jene zurück.
    Da ist etwas Neues am Werk, wie vorher die Sauerstoffatmer, Mehrzeller usw, die jeweils die bestehende ökologische Struktur völlig umgekrempelt haben.
    Es wird sich in jedem Falle ein neues Gleichgewicht einstellen (bzw ein langsameres oder nachhaltigeres Veränderungstempo), ob mit oder ohne menschliche Zivilisation und mit dann andersgearteten Ökosystemen.

    Wenn ich mir dieses Prozesses bewusst geworden bin, kann ich nicht umhin, ihn zu respektieren, auch wenn ich den momentan beginnenden Umsturz eigentlich ablehne.

  9. @Ludwig Trepl: Natur herunterspielen

    Sie scheinen (wieder einmal) die Bedeutung der Natur als Herkunft und Hervorbringer des biologischen Wesens Mensch und als früheres und immer noch wichtige Lebensumwelt des Menschens herunterspielen zu wollen. Wer von Naturzerstörung spricht („Der Mensch kann die Natur zerstören”) meint die Zerstörung von Naturlandschaften und Lebensgemeinschaften in denen es Pflanzen und Tiere gibt und zwar auch solche, die vom Menschen nicht kontrolliert werden und nicht etwa (Zitat)„Die Natur“ im Sinne der Naturwissenschaft als physikalische Natur. Ein solcher Verweis auf die nicht zerstörbare physikalische Natur will offensichtlich die Bedeutung der belebten, schon vor dem Menschen existierende Natur, relativieren und sie als ersetzbar deutlich machen. Immerhin liest man sogar in der Wikipedia: ” Heute weiß man: Die Natur ist zerstörbar und kann sich in manchen Bereichen nicht aus eigener Kraft erneuern.”
    Naiv betrachtet und damit in Übereinstimmung mit dem allgemeinen Sprachgebrauch liegt Zerstörung schon dann vor, wenn sie das Bestehende verwüstet. Wenn man also ein Häuserviertel von Baggern einreissen lässt, ist es zerstört, auch wenn es immer noch einige intkate Tische, Stühle, Fenster und Fussböden gibt. Ebenso würden die Brasilianer oder die im Amazonas lebenden Indiander den Amazonas-Regenwald als zerstört betrachten, wenn er in ihrer Lebensezeit durch Savanne ersetzt wird. Dass auch in natürlichen Ökosystemen solche Wechsel vorkommen, sich also ein Regenwald in Savanne umwandelt, setzt den natürlichen Prozess nicht mit dem menschenverursachten Prozess gleich, denn die Zeitspannen in denen sich so etwas abspielt sind meist völlig andere als die Zeiträume in denen der Mensch einen Urwald abholzt und abbrennt und durch Wiesen oder Äcker ersetzt. Auch ein Stadtteil wird nach 100 Jahren oder vielleicht schon früher völlig anders aussehen als er es heute tut, doch man spricht in solch langen Zeiträumen nicht von Zerstörung, während man bei der Umwandlung eines durchmischten Wohnviertels in ein Industriequartier als ehemaliger Quartierbewohner von Zerstörung sprechen kann. Der Begriff Zerstörung benötigt also Menschen, die den Zustand vorher und nachher kennen und die in Zeiträumen denken, die für Menschen eine Bedeutung haben.

    Letztlich geht es auch darum ob es auf dieser Erde Dinge gibt, die auch ohne den Menschen eine Bedeutung haben. Sie neigen dazu, alles aus der Sicht des Menschen zu sehen. Eigentlich nichts besonderes, denn auch jedes Tier wird seine Welt aus seinen Augen sehen und ein Affe wird vielleicht Bananenstauden mehr Aufmerksamkeit entgegenbringen als der Mensch. Doch nur der Mensch hat das Potential alles nach seinen Vorstellungen umzugestalten. Doch sich um alles zu kümmern und für alles eine Entscheidung zu treffen überfordert auch jeden einzelnen Menschen sowie die Menschheit als Ganzes. Wenn sie schreiben: ” Sondern man muß sich z. B. fragen, wieso wir ein ökologisch völlig überflüssiges Wesen wie das Federgeistchen – das ist ein Schmetterling mit besonders merkwürdig, ja phantastisch geformten Flügeln – wollen sollen. “ so zeigt das, dass sie alles vom Urteil des Menschen oder von Menschen abhängig machen wollen.

    Der andere Standpunkt, der den Menschen nur als Teil der Schöpfung betrachtet und der für Selbstbeschränkung eintritt will dagegen bewusst nicht über die ganze Welt bis in den letzten Winkel und bis zum letzten Schmetterling entscheiden. In dieser Vorstellung ist die Erde nicht primär für den Menschen erschaffen und erfunden worden, sondern der Mensch ist ein Teil dieser Welt. Natürlich will der Mensch einen grossen Teil dieser Welt kontrollieren, nämlich den Teil, den er für seine eigenen Bedürfnisse und als Lebensraum für sich selbst benötigt. Alles zu beanspruchen ist dagegen unklug, sogar für den Menschen selbst.
    Zugdem gibt es für alle vom Menschen verwendeten Dinge, Rohstoffe auch so etwas wie einen Grenznutzen, das heisst, die Naturressourcen immer mehr für eigene Zwecken nutzen bringt am Schluss keinen weiteren Gewinn sonder nur noch Nachteile.

  10. @ Holzherr

    „Der Mensch kann die Natur zerstören, wenn er nämlich nichts mehr davon übriglässt.“

    „Die Natur“ im Sinne der Naturwissenschaft („das, was den Naturgesetzen gehorcht“) kann nicht zerstört werden. Gemeint ist wohl: Der Mensch kann Ökosysteme zerstören, „wenn er nämlich nichts mehr davon übrigläßt“. Nichts, das hieße: keinen einzigen Organismus. Denn solange es auch nur einen einzigen gibt, gibt es Ökosysteme, und man kann immer sagen: das Ökosystem ist gar nicht zerstört, es hat sich nur verändert, während man andererseits von einer winzigen Veränderung sagen kann: das Ökosystem ist zerstört. So machen es die Naturschützer ja auch: „Hier findet sich einer der letzten Bestände des Drahtschmielen-Fichtenwaldes, Ausbildung mit Oxalis acetosella, im ganzen Gebiet von XY“. Wenn die Differentialart der Ausbildung (Oxalis) weg ist, dann ist „dieses Ökosystem“ zerstört.

    Kennen Sie den „Federgeistchen“-Artikel von Jürgen Dahl? Er hat vor 30 oder 35 Jahren in der Ökologiebewegung für beträchtliche Irritation gesorgt. Sinngemäß steht da: Wenn es ein Jahr lang Blausäure regnet, ist ökologisch immer noch alles in Ordnung, denn es gibt einen Mikroorganismus, der sich gerade unter diesen Bedingungen besonders wohl fühlt; es gibt ein funktionierendes Ökosystem. Wenn man „die Natur schützen“ will, dann darf man also nicht die Ökologen fragen, warum man das sollte. Sondern man muß sich z. B. fragen, wieso wir ein ökologisch völlig überflüssiges Wesen wie das Federgeistchen – das ist ein Schmetterling mit besonders merkwürdig, ja phantastisch geformten Flügeln – wollen sollen. Die Antwort findet man logischerweise nicht in der

  11. @ fegalo

    „…sonst gerät man leicht in die Situation dessen, für den alle Probleme Nägel sind, weil er nur über einen Hammer verfügt.“

    Das ist schön gesagt und man kann es den Naturalisten, die sich ja gerade hier auf Scilogs und in den anderen Wissenschaftsblogs tummeln, nicht oft genug sagen. Nur: Wenn man naturwissenschaftlich argumentiert – und das tun die ökologischen Holisten – dann muß man sich an die Spielregeln halten; zumal es ja nicht wirklich Spielregeln sind (die wir uns selber geben und die wir ändern könnten; doch den Regeln, um die es hier letztlich geht, unterliegen wir; da haben wir es nicht in der Hand, uns „irgendwelchen methodischen Zwängen zu unterwerfen“ oder nicht). Und Sie argumentieren nun einmal (nicht nur, aber auch) naturwissenschaftlich. – Ob Sie sich „in Bezug auf ‚Ökosystem’ auf eine Entscheidung innerhalb dieser vorgefundenen Dichotomien festlegen … lassen“ oder nicht, könnten Sie ja vielleicht nach der Prüfung meiner Argumente entscheiden; eigentlich müßten die reichen.

    Sie wollen „die Phänomene selbst sprechen lassen“. Meinen Sie das im Sinne der Phänomenologie? Die Phänomene in ihrer Unmittelbarkeit? Die Natur der phänomenologischen Philosophen – das Waldesinnere, das Dickicht, Nacht und Nebel, der freie Gipfel und der gähnende Abgrund, der muntere Bach, die Frische des Morgens – ist aber etwas ganz anderes als die Natur der Ökologie und der anderen Naturwissenschaften, das darf man nicht durcheinanderbringen. Wenn es „phänomenologisch stimmt“, muß das nicht das Geringste mit einem ökologischen „Stimmen“ (was immer das heißen mag) zu tun haben und hat es im allgemeinen auch nicht. – Die Schlußbemerkungen im obigen Artikel können Sie so lesen, daß ich meine, in einer ähnlichen Richtung – und nicht in der ökologischen – müßte man suchen, falls man an Argumenten gegen die Naturzerstörung interessiert ist; wenn ich auch nicht speziell an die Phänomenologie gedacht habe.

    „Dabei ist ‚Organismus’ selbst schon ein problematischer Begriff“.

    Der Organismusbegriff ist ein Kind des späten 18. Jahrhunderts, vorher stellte man sich unter „Leben“ etwas anders vor. Aber nun kommen wir diesem Begriff nicht mehr aus, wir müssen Leben so denken. Die Frage ist nur: ist das nur ein „historisches Apriori“, es zwingt uns, so zu denken, aber irgendwann wird es verschwinden und man wird anders denken? Oder spricht dieser Begriff eine Erkenntnis aus wie ein physikalisches Gesetz, das ja auch beispielsweise im 18. Jahrhundert entdeckt wurde, jedoch allgemein gilt. Mir scheint einiges für letzteres zu sprechen, auch wenn mit dem Organismusbegriff keineswegs ein Naturgesetz formuliert ist. – Was ist es denn, das uns (so Ihre Worte) eine Entität ursprünglich als Lebewesen wahrnehmen läßt? Eben das wurde in dem Organismusbegriff beantwortet. Aber das wäre ein anderes Thema.

    „Die Attribute ‚allwissend’ und ‚allmächtig’ wurden dem christlichen Gott unter dem Einfluss des Neuplatonismus im 4. Jahrhundert von Gregor von Nyssa zugesprochen.“

    Klar, Götter gab es viele und manche konnte man sogar anfassen. Daß der christliche Gott ein sehr spezieller Gott ist, ist für mein Argument aber irrelevant. Es mag sein, daß sich Auffassungen, die man holistisch nennen kann, auch anders, ohne diesen und überhaupt ohne Gott, formulieren lassen (gemacht wird das ja immerzu, die Frage ist nur, ob es konsistent möglich ist). Aber was die Bedingungen dafür sind, die Welt als einen Organismus , der wieder aus Organismen besteht, die wieder aus Organismen bestehen, zu denken (und Organismen sind da etwas Mechanisches und etwas Teleologisches zugleich), kann man bei Leibniz sehen: Es geht nicht ohne allmächtigen und allwissenden und allgütigen (die beste aller möglichen Welten wollenden) Schöpfer, sonst fällt das ganze Gebäude zusammen.

    „doch ich habe nie behauptet noch geglaubt, dass ein Ökosystem oder die Natur als Ganze ein Organismus sei.“

    Dann dürfen Sie aber auch nicht von Gesundheit der Natur sprechen und das biologisch-ökologisch meinen (und so haben sie argumentiert!). Solange Sie bei den Phänomenen der Phänomenologie bleiben (oder bei der Ästhetik und der Symbolik, so wie man halt gewöhnlich über Natur als Landschaft redet), ist das dagegen kein Problem.

    „Meine Formulierungen sind vielmehr Ausdruck davon, dass mit der Entstehung der Ökologie Entitäten oder Quasi-Entitäten in den Blick gekommen sind, für die wir weder sprachlich noch theoretisch über passende Kategorien verfügen.“
    Das verstehe ich nicht. Welche Entitäten sollen das denn sein?

  12. @ Ludwig Trepl

    Hallo Herr Trepl, Ihre Ausführungen sind so umfangreich, dass ich gar nicht auf alles eingehen kann. Stattdessen will ich mit einzelnen Kommentaren auf ausgesuchte Aspekte beschränken.

    Grundsätzlich war mir klar, dass meine Gedanken mit Ihren Argumenten gekontert werden können, aber was ist eigentlich das Ergebnis?

    Sie sprechen von einer modernen Naturwissenschaft, innerhalb welcher holistische (oder wie immer Sie es nennen möchten) Betrachtungsweisen der Natur nicht möglich seien, da sie einen Schöpfer voraussetzten. Diese Voraussetzung möchte ich zunächst einmal bestreiten, ganz besonders den Zusatz, dass dieser allmächtig, allwissend und gütig zu sein habe. Ganz nebenbei: Die Attribute „allwissend“ und „allmächtig“ wurden dem christlichen Gott unter dem Einfluss des Neuplatonismus im 4. Jahrhundert von Gregor von Nyssa zugesprochen. Man dürfte sich schwertun, hierin eine logische Voraussetzung für eine holistische Auffassung der Natur zu sehen. Schließlich sind die Möglichkeiten mit den Alternativen „Zufall“ oder „Schöpfung“ (eines Christengottes) nicht erschöpfend beschrieben. So ließe sich ein Holismus auch auf der Basis des Taoismus gründen, der völlig ohne Gott auskommt (um nur ein Beispiel zu nennen).
    Sie erwähnen den Rückzug holistischer Naturauffassung innerhalb der wissenschaftlichen Ökologie, und das Vordringen der „modernen Naturwissenschaft“. Ja, was sollen wir davon halten? Das hat doch nicht unbedingt mit einem Erkenntnisfortschritt zu tun, sondern ist genauso gut „wissenschaftssoziologisch“ erklärbar. Denn auch die moderne Naturwissenschaft kann uns nicht über eine „richtige“ Auffassung der Natur unterrichten, sondern steckt nur einen methodischen Rahmen s, innerhalb dessen sie selbst zu Aussagen gelangt, die sie ihrer eigenen Definition gemäß als „wissenschaftlich“ qualifiziert. Einer solchen Verschiebung hin zum Leitbild der (exakt)-naturwissenschaftlichen Methode haben sich im 20. Jhd. eine ganze Reihe von Wissenschaften – wie etwa die Psychologie, die Pädagogik, bis hin zur Kunstgeschichte u.v.a. – zum Teil unter heftigen internen Kämpfen – unterzogen, ohne plausibel machen zu können, dass sie damit ihrem Forschungsobjekt besser gerecht werden. Es handelt sich erkennbar eher um angestrengte Versuche, das Prädikat „Wissenschaft“ überhaupt zu rechtfertigen und dem Spott etwa des modernen Empirismus die Grundlage zu entziehen.

    Nun noch zum Thema „Organismik“ oder „Organizistik“:

    Sie schreiben, ich würde mich „halbdistanzieren“, doch ich habe nie behauptet noch geglaubt, dass ein Ökosystem oder die Natur als Ganze ein Organismus sei. Also war ich auch nicht „gezwungen“, irgendetwas zuzugeben. Meine Formulierungen sind vielmehr Ausdruck davon, dass mit der Entstehung der Ökologie Entitäten oder Quasi-Entitäten in den Blick gekommen sind, für die wir weder sprachlich noch theoretisch über passende Kategorien verfügen. Dabei ist „Organismus“ selbst schon ein problematischer Begriff, der eine ursprünglich als Lebewesen wahrgenommene Entität als „System“ auffasst, also einer bestimmten Perspektive unterwirft und diese Perspektive zum letzten wissenschaftlichen Horizont erklärt. Das scheint mir schon in Hinblick auf Lebewesen als zu kurz gegriffen.
    Dabei sehe ich keinen Anlass, mich in Bezug auf „Ökosystem“ auf eine Entscheidung innerhalb dieser vorgefundenen Dichotomien festlegen zu lassen. Schließlich gibt es auch andere Fragen, in denen das vielleicht gar nicht so sinnvoll ist, wie etwa:

    – Sind Viren Lebewesen?
    – Ist der Pluto ein Planet?
    – Ist Putin ein lupenreiner Demokrat?

    Interessanter wäre es, sich weniger irgendwelchen methodischen Zwängen zu unterwerfen, als die Phänomene selbst sprechen zu lassen und ihnen „zuzuhören“, sonst gerät man leicht in die Situation dessen, für den alle Probleme Nägel sind, weil er nur über einen Hammer verfügt.

  13. Der Mensch als Alien

    Der Mensch kann die Natur zerstören, wenn er nämlich nichts mehr davon übriglässt.

    Es ist nicht abwegig, den Menschen in Bezug auf sein Verhältnis zu seinem Naturerbe mit Aliens zu vergleichen, von denen Stephen Hawkings eindrücklich warnt:
    (aus Sprecht bloß nicht mit den Aliens!)
    ” Gebe es aber auch intelligentes Leben, dann wäre das für die Erde eine existentielle Bedrohung, glaubt der hochdekorierte Wissenschaftler.

    Solche Aliens könnten über die Erde herfallen, sich ihrer Ressourcen bemächtigen, und wenn der Planet ausgelaugt sei, würden sie weiterziehen. Hawking schließt das aus der Betrachtung unserer eigenen Art: “Wir müssen nur auf uns selbst schauen, um zu sehen, wie sich aus intelligentem Leben etwas entwickelt, dem wir lieber nicht begegnen möchten.” Fortschrittliche Aliens würden wohl ein nomadenhaftes Leben führen und versuchen, alle Planeten zu erobern und zu kolonisieren, die sie finden können.
    Darum sei es wohl “ein wenig zu gefährlich”, den Kontakt zu suchen. Kämen die Außerirdischen, wäre der Effekt in etwa so, wie die Landung von Christoph Columbus in Amerika – “und die ist den amerikanischen Ureinwohnern auch nicht bekommen”, so Hawking.

    Weil der Mensch sich gegenüber seiner Umwelt teilweise so verhält, wie das ein selbstbezogener Alien tun würde, der die Erde kolonisiert, besteht ein Zerstörungspotential – sogar ein enormes.

  14. @Ludwig Trepl

    “Kann der Mensch die Natur zerstören?”

    Kann Mensch ein geistig-heilendes Selbst- und Massenbewußtsein entwickeln, mit allen daraus einzig MENSCHENWÜRDIG resultierenden Konsequenzen / Möglichkeiten, was dann zweifelsfrei auch der Natur guttun würde, wo er doch viel mehr und anscheinend starrsinnig an das “gesunde” Konkurrenzdenken und an teils LOGISCH brutal-egoisierendes “Individualbewußtsein” glaubt, um daraus den “freiheitlichen” Wettbewerb um … zu gestalten, mit systemrational-gebildeter Suppenkaspermentalität auf Sündenbocksuche?

    Die Ursache aller SYMPTOMATISCHEN Probleme unseres “Zusammenlebens” wie ein Krebsgeschwür, ist der nur im Glauben des Zeitgeistes “freiheitliche” Wettbewerb!!!