Idealtypen

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In vielen meiner Blog-Artikel kommen Begriffe vor, die sich auf Ideologien oder Weltanschauungen (wie Liberalismus, Konservativismus), Philosophien (wie Empirismus, Rationalismus) oder Kunst- und Kulturrichtungen (wie Romantik, Barock) beziehen. Was ich damit meine, wird nicht immer verstanden; im Falle der Philosophien und Kunstrichtungen, scheint mir, meist schon, denn da meint man es kaum jemals anders als ich, unter „Empirismus“ oder „Barock“ denkt man sich, was ich mir auch denke. Im Falle der Ideologien oder Weltanschauungen dagegen versteht man mich dagegen meist falsch, zumindest in wichtigen Teilen. Es kommen Einwände wie „aber es gibt doch Liberale, die anders sind als es hier für den Liberalismus behauptet wird“ oder „der Konservativismus ist keineswegs antikapitalistisch [wie von mir behauptet] – im Gegenteil, man muß sich doch nur die Politik der konservativen Parteien ansehen“ usw. Daß ich wiederholt angekündigt habe, solche Begriffe als Idealtypen zu benutzen, scheint nicht viel zu helfen. Denn so allgegenwärtig der Begriff des Idealtyps ist: Genauer befragt, kann kaum einer etwas damit anfangen. Ich will darum einige Anmerkungen zu meinem Begriffsgebrauch machen. – Das folgende ist eine stark überarbeitete Fassung des Exkurses „Idealtypen“, S. 22 – 29 in meinem Buch „Die Idee der Landschaft“.

 

In den Geistes- und Sozialwissenschaften benutzt man sehr oft, vielleicht sogar meist Typenbegriffe. Im günstigen Fall sind sie Begriffe von Idealtypen. In den Naturwissenschaften sind Begriffe dagegen meist Klassenbegriffe[1]. Und zwar ist deren Anteil im allgemeinen um so größer, je „härter“ diese Wissenschaften sind, d. h. je mehr sie sich dem Typ Physik nähern.

Damit meine ich Folgendes: Zu einer Klasse gehört alles, was die Merkmale aufweist, durch die man diese Klasse definiert hat. Die Zuordnung ist eindeutig und es gibt keine Unterschiede im Grad der Klassenzugehörigkeit unter den Klassenmitgliedern. Zur Klasse derer mit „Hochschulreife“ gehören alle, die – das sei das Merkmal, welches die Klasse definiert – ein Abiturzeugnis rechtmäßig besitzen. Ob dieses Zeugnis gut ist oder schlecht – sie gehören alle gleichermaßen zur Klasse derer, die die Hochschulreife haben. In den Naturwissenschaften benutzt man Begriffe, wie gesagt, in der Regel, wenn auch nicht immer auf diese Weise. Magnesium sei durch bestimmte Merkmale definiert; findet man diese Merkmale an einem Objekt, dann handelt es sich um Magnesium. – Die Klasse ist kein Ding, sondern ein Abstraktum, eine Art Schublade, in die man Dinge steckt. Naturgesetze, die man findet, gelten für dieses Abstraktum, nicht für reale Vorgänge; darum sind diese Wissenschaften „exakt“. (Reale Vorgänge weichen immer von dem ab, was die „exakte“ Berechnung ergeben hat.) Findet man nun auf einem anderen Planeten ein Wesen, das die definierten Merkmale von „Pferd“ – die die Klasse der Pferde definierenden Merkmale – hat, gehört es in die Schublade „Pferde“. Es muß keinen irgendwie gearteten realen Zusammenhang, etwa einen Abstammungszusammenhang oder funktionale Beziehungen, zwischen diesem „Pferd“ und den Pferden auf der Erde geben – es sei denn, man habe auch dies unter die die Klasse „Pferde“ definierenden Merkmale aufgenommen.

In den Geistes- und Sozialwissenschaften dagegen benutzt man, wie gesagt, häufig, vielleicht meist Begriffe, die Typen bezeichnen. Beispielsweise werden Begriffe wie Renaissance, Kapitalismus oder Christentum vorwiegend so, als Typen, verwendet. Man kann auch hier nach der Logik der Klassenbildung vorgehen, nämlich abstrakte Einheiten durch Festsetzung der Merkmale, die ein Objekt haben muß, um zu dieser Einheit zu gehören, eindeutig definieren. Man kann z. B. als Gattungsbegriff „Kunstrichtung“ nehmen, und als spezifisches Merkmal wählt man eine Eigenschaft oder mehrere, die die Romantik als der Gattung untergeordnete Klasse, d. h. als „Art“ im logischen Sinne, von anderen Kunstrichtungen eindeutig unterscheiden. Dann würde man einen Dichter, der im alten Babylon gelebt hat und dessen Werk die definierten Merkmale hat, der Romantik zuzählen müssen. Ein typischer Kunsthistoriker würde allerdings sagen: So machen wir das im Allgemeinen nicht, denn das wäre für unsere Zwecke wenig hilfreich. Er wird vielmehr, ob er sich nun dessen bewußt ist oder nicht, „Romantik“ im Sinne eines Typs verwenden, und zwar wird er mit diesem Typ ein singuläres historisches Phänomen meinen, ein Konkretum, nicht ein Abstraktum; nicht eine gedankliche Schublade, in die man Dinge stecken kann, sondern ein Ding. –

Die Klasse der Bayern – der Einwohner des Bundeslands Bayern – sei durch ein bestimmtes Merkmal definiert, z. B. durch den Erstwohnsitz. Damit ist eindeutig festgelegt, wer ein Bayer ist und wer nicht. Ein typischer Bayer aber spricht einen bestimmten Dialekt, trägt Lederhosen oder Dirndl und trinkt Bier aus großen Krügen. Das trifft nun keineswegs auf die meisten und auch nicht auf den Durchschnitt der jener Klasse der Bayern angehörenden Menschen zu. Nicht nur einige wenige weichen davon ab, vielmehr steht die große Mehrzahl wenigstens heute dem Typ des Bayern sehr fern. Falls man einwendet, der beschriebene Typ sei ohnehin ein Klischee und habe mit der Wirklichkeit nichts zu tun, so kann man auch gewissermaßen solidere Beispiele nehmen. „Romantik“ kann man, wie gesagt, als Klasse z. B. durch die Angabe bestimmter stilistischer Merkmale eindeutig definieren. Meist aber wird ein Kunsthistoriker „Romantik“ als Typ zu beschreiben versuchen. Er wird sagen, die Romantik ist mehr oder weniger zu einer bestimmten Zeit und an bestimmten Orten entstanden, und er wird beschreiben, wie ein typisches romantisches Kunstwerk beschaffen ist. Merkmale, die eindeutig die Zugehörigkeit bestimmen, wird er kaum nennen können. Er wird eine große Zahl anführen, die meist vorhanden sind und von denen vielleicht jedes einzelne auch fehlen kann, und er wird von den einzelnen Eigenschaften auch angeben, wie wichtig sie für die Frage sind, ob man das Werk der Romantik zuzählen sollte. Diese Wichtigkeit ist für ihn aber sicher keine feste Größe, sondern hängt davon ab, welche anderen Merkmale noch anzutreffen sind. Man sieht:

(1) Der Klasse gehört etwas eindeutig zu oder nicht. Mit dem Typ ist dagegen ein Kern beschrieben, um den es einen mehr oder weniger breiten Übergang zu dem gibt, was nicht mehr dem Typ entspricht. Der Kern kann beliebig klein sein. Möglicherweise gibt es gar nichts, was ihm, also „dem Typ“, voll und ganz entspricht, und trotzdem kann dieser Begriff des Typs sinnvoll sein; warum, wird noch deutlicher werden.

(2) Was den Typ ausmacht, hängt – wie bei der Klasse auch – von Interessen und von der Sichtweise dessen ab, der den Typ bildet. Darum sind bei ein und demselben Gegenstand beliebig viele Vorstellungen davon möglich, was dafür typisch ist.[2] Gerade das Klischee zeigt das: Unser Beispieltyp des Bayern wurde offensichtlich unter dem Einfluß bestimmter Bedürfnisse und Interessen vorwiegend von Nichtbayern gebildet. Aus einer anderen Perspektive erschiene es absurd, derartige Eigenschaften zum Typ des Bayern zu verbinden.

(3) Der Typ liegt also nicht einfach vor, sondern wird gebildet, aber doch nicht nach Belieben. Man kann die Realität nicht übergehen. Die Realität, welcher der Typ, den man gebildet hat, entsprechen soll, ist historisch veränderlich. Manche würden vielleicht heute meinen, zu einem typischen Bayern gehöre, daß er Geld hat und einen BMW fährt. Diese Auffassung wäre vor wenigen Jahrzehnten ganz unmöglich gewesen, und dem Typ des Bayern die typischen Eigenschaften eines Berliners oder Westfalen zuzuschreiben, wäre einfach falsch; da hätte man die Realität übergangen.

 

Ein Idealtyp ist im Grunde das, was eben als „Typ“ in seiner alltagssprachlichen Bedeutung beschrieben wurde, mit dem Hauptunterschied, daß bei der Bildung von Idealtypen klar begriffen ist, was bei der gewöhnlichen Typenbildung mehr oder weniger unbewußt getan wird, und daß daraus einige methodische Konsequenzen gezogen werden. Auf dieser Grundlage wurde von Max Weber der Idealtyp als Methode zur Rekonstruktion historischer Phänomene entwickelt. Hier zwei Zitate:

Der Idealtypus „wird gewonnen durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluß einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht, vorhandenen Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankenbilde.“[3]

„Er ist nicht eine Darstellung des Wirklichen, aber er will der Darstellung eindeutige Ausdrucksmittel verleihen.“ [4]

Der Idealtyp ist also nicht die Wirklichkeit.[5] Er ist vielmehr ein Bild, das wir uns in unseren Gedanken machen.[6] Dieses Bild ist, wie übrigens jedes Bild, nicht eine 1:1-Abbildung der Wirklichkeit, sondern es ist eine „methodisch geleitete Überhöhung der Realität“[7]. Der Idealtyp ist nicht ihre Darstellung, er dient nur ihrer Darstellung, und zwar indem er eindeutige Mittel bereitstellt. Die Darstellung geschieht durch Verknüpfung von Begriffen. Diese Begriffe müssen eindeutig definiert sein, und die „Einzelerscheinungen“, bzw. die Begriffe der einzelnen Elemente der Wirklichkeit müssen widerspruchsfrei zusammengeführt werden. Dies nicht, weil die Wirklichkeit widerspruchsfrei wäre – im Gegenteil, zwar sind Idealtypen logisch konsistente Gebilde, die Wirklichkeit aber, deren Darstellung sie ermöglichen sollen, ist „ein Chaos unendlich differenzierter und höchst widerspruchsvoller Gedanken- und Gefühlszusammenhänge“[8]. Doch ohne Idealtypenbildung erkennt man nur ein Wirrwarr von Bedeutungen, die in unbestimmter Weise ineinander übergehen. (Tun sie das nicht, hat man unausgesprochen doch Idealtypen gebildet.)[9] Durch Vergleich der empirisch erfaßten Wirklichkeit mit dem konstruierten Gedankenbild wird dieses Chaos geordnet und so verständlich.

Die Werke zweier Schriftsteller mögen zunächst sehr unterschiedlich erscheinen. Unter zahllosen Eigenschaften wird man einige herausheben. Jedes Werk kann man bei geeigneter Auswahl und Bewertung der Eigenschaften als einem beliebigen anderen als ähnlich ansehen. Doch beim Vergleich mit einem systematisch und logisch konsistent konstruierten Idealtyp zeigen sich Gemeinsamkeiten nur bestimmter Werke. Damit wird man die Werke der beiden Schriftsteller vielleicht einer bestimmten Richtung zuweisen können. Vielleicht wird man auch übliche Zuordnungsmuster in Frage stellen können, weil man gefunden hat, daß eine bestimmte Kombination von Stilelementen, die der Logik dieser idealtypischen Konstruktion nach für diese Muster von besonderer Bedeutung ist, fehlt. Man macht also das, was man ohnehin tut, wenn man z. B. sagt, dieser oder jener Schriftsteller gehöre gar nicht dem Sturm und Drang an, denn dieses oder jenes typische Merkmal dieser Richtung fehlt bei ihm; oder wenn man sagt, den Begriff der Romantik müsse man fallenlassen, da die Unterschiede zwischen Früh- und Spätromantik sich als allzu groß erwiesen haben, während die zwischen jeder dieser beiden vermeintlichen Romantik-Varianten und manchen anderen Kunstrichtungen viel geringer sind. Aber man tut dies nun in methodisch kontrollierter Weise. Man weiß nun insbesondere, daß man mit den Zuordnungen nicht ein wahres Wesen einer Kunstrichtung getroffen hat, sondern daß die Zuordnungen nur relativ zu bestimmten Fragen sinnvoll sind, eben den, welche die Konstruktion der Idealtypen lenkten.

Durch den Vergleich der empirischen Befunde mit dem Idealtyp kann man umgekehrt dieses Gedankenbild berichtigen. Denn natürlich besteht die Gefahr, die tatsächlichen Sachverhalte, etwa die in einer politischen Richtung tatsächlich vertretenen Auffassungen, so zurechtzubiegen, daß sie den idealtypischen Unterscheidungen entsprechen. Ein weiterer naheliegender Einwand ist, daß die Typenbildung die Realität grob vereinfacht. Das ist allerdings auch gar nicht anders möglich – würden wir deshalb auf Typenbildung verzichten, verlören wir jede Orientierung. Die grobe Vereinfachung ist aber in Wirklichkeit gar kein Problem. Denn es ist, wenn nötig, immer möglich, seine Idealtypen zu differenzieren, wenn man in dem analysierten Material für eine bestimmte Frage relevante Unterschiede findet, die bei der Idealtypenbildung nicht berücksichtigt wurden.[10] Vor allem aber muß man bedenken, daß die Methode der Idealtypenbildung hilft, Differenzen zu finden, die man sonst gar nicht bemerken würde. Gerade wenn der Idealtyp bestimmte Sachverhalte explizit nicht vorsieht, werden sie auffallen. „Er hat, wenn er zu diesem Ergebnis führt, seinen logischen Zweck erfüllt, gerade indem er seine eigene Unwirklichkeit manifestierte.“ (Weber 1988: 203, Hvh. im Original).

Wenn Idealtyp und empirische Befunde einander nicht decken, muß das allerdings nicht bedeuten, daß man nun den Idealtyp der Realität anpassen muß in dem Sinne, daß man etwa dann, wenn man die ausgewählten und überhöhten Einzelerscheinungen in der Realität nur selten findet, sie durch die häufigen ersetzen muß. Es könnte auch bedeuten, daß man sich darüber klar werden muß, unter welcher Frage diese seltene Kombination von Elementen sinnvoll ist. Man denke an unseren klischeehaften typischen Bayern. Der Vergleich mit der Realität könnte zu der Aussage führen: Der typische Bayer ist in Wirklichkeit ganz anders, und dazu wird der Vergleich im Alltagsdenken in der Regel auch führen. Benutzt man die Idealtypenmethode, für die ja wesentlich ist, daß sie sich dessen bewußt ist, daß sie Konstruktionen unter bestimmten Fragen vornimmt, könnte der Ertrag des Vergleichs mit der Realität aber auch sein, daß erkennbar wird, welche Art von Frage, welche dahinterstehenden Interessen zu gerade diesem seltsamen Typus geführt haben. Dieser muß dann nicht berichtigt werden, sondern es genügt, daß man nun den Zusammenhang benennen und untersuchen kann, in dem er eine Funktion erfüllt.

Auch wenn er nicht bewußt diese Methode anwendet, wird ein Historiker Typenbegriffe verwenden, z. B. Hellenismus oder Rittertum, Reformation oder Klassische Moderne. Er wird oft mehr ahnen als wissen, was er eigentlich damit meint. Der berühmte Soziologe Pierre Bourdieu schreibt, ohne sich explizit auf die Methode der Idealtypenbildung zu beziehen, über die auch in der Wissenschaft weithin übliche (und natürlich unvermeidliche), der Alltagsverwendung der Begriffe entsprechende Methode, Phänomenen Namen zu geben: „Wie sich ein Etikett jedem beliebigen Gegenstand aufkleben läßt, spricht er [der Name] eine Differenz des von ihm Bezeichneten aus, ohne genau zu benennen, worin es denn differiert; als Hilfsmittel zum Wiedererkennen, nicht zum Erkennen, markiert der Eigenname ein global als einzigartig, d. h. als unterschieden erfaßtes, aber in seinem Unterschied nicht analysiertes empirisches Individuum.“[11] In der Wissenschaft aber habe man sich mit konstruierten Individuen zu befassen.[12] „Häufig sind ja Begriffe mit unscharfen Rändern besonders geeignet, zumindest das Gefühl der Einigkeit zu erzeugen, weil dann niemand ganz genau weiß, worauf er sich da mit anderen geeinigt hat; dann aber bleiben die wahren Streitpunkte unentdeckt.“ (Schnädelbach[13]) Das wird mit der Idealtypenmethode vermieden, ohne doch die Einsicht zu vergessen, daß die realen Phänomene, über die man etwas erfahren will, keineswegs scharf abgegrenzt sind. Mit der Idealtypenmethode gibt man nicht vage erkannten Typen Namen, sondern konstruiert Begriffe von historischen Individuen auf eindeutige Weise. Das konstruierte Individuum ist „durch eine endliche Menge klar definierter Eigenschaften bestimmt; diese unterscheiden sich von den Eigenschaftsmengen, die die anderen Individuen charakterisieren und die nach den gleichen expliziten Kriterien konstruiert sind, durch ein System angebbarer Unterschiede.“[14] – In meinen Artikeln geschieht freilich allenfalls in Ansätzen das, was den Namen einer präzisen Konstruktion verdient. Sehr oft gehe ich so vage vor wie die eben kritisierten Historiker. Wichtig ist allerdings, zu beachten, daß die zentralen Begriffe als Idealtypen gemeint sind (und daß in der Regel die präzise Konstruktion anderswo geleistet ist und ich mich auf sie beziehe[15]). Wenn z. B. von der Landschaftsidee des Konservativismus die Rede ist, dann darf man sich unter diesem Begriff nicht die Summe dessen vorstellen, was man im allgemeinen Sprachgebrauch heute mit Konservativismus alles meint, sondern was, wenn auch nicht mit aller wünschenswerten Präzision, konstruiert worden ist.

Man konstruiert also z. B. den Kern dessen, was Aufklärung ausmacht. Die Wirklichkeit kann man, wie ausgeführt, dann mit diesem Kern, den man eindeutig bestimmt hat, vergleichen und so ein genaues und differenziertes Bild davon erhalten, wie sich einzelne Phänomene jener Zeit, etwa der Landschaftsgarten, zur idealtypischen Aufklärung verhalten. Man kann z. B. prüfen, ob sich in einem Landschaftsgarten tatsächlich eine Versinnbildlichung der Ideen entdecken läßt, die man in der idealtypischen Konstruktion benutzt hat, um den Kern der Aufklärung eindeutig zu beschreiben, etwa eine genau bestimmte Vorstellung von Freiheit.[16]

Wenn man Idealtypen benutzt, dann ordnet man recht willkürlich Phänomene dem Typ zu. Man sagt z. B., dieser Landschaftsgarten sei ein typisch aufklärerischer oder romantischer. Hier wird oft der Vorwurf erhoben, man stecke die Wirklichkeit in Schubladen. Aber der Idealtyp ist alles andere als eine Schublade, in die man z. B. eine bestimmte historische Person hineinsteckt und damit möglicherweise lobt oder (häufiger) verurteilt. Zur Schubladenbildung braucht man Klassenbegriffe, denn bei diesen ist klar: Was das definierte Merkmal aufweist, das gehört eindeutig zu dieser Klasse. Mit der Idealtypenmethode erhält man kein Klassifikationsschema, sondern ideale Grenzbegriffe, die helfen, in der realen Welt Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzufinden und begrifflich zu bestimmen.[17] Bei der Idealtypenbildung kann nur herauskommen: In bestimmter Hinsicht stimmt, beispielsweise, das literarische Werk dieser Person mit dem von mir unter einer bestimmten Frage konstruierten Typ von Romantik überein.

Die idealtypische Rekonstruktion von Begriffen wie Romantik dient, das sollte deutlich geworden sein, primär heuristischen Zwecken. Das heißt vor allem, sie dient dazu, Ideen zu bekommen, Hypothesen aufzustellen über Zusammenhänge zwischen historischen Befunden.[18] Aber „ihre heuristische Fruchtbarkeit besteht … gerade in ihrer idealen Form, ihrer zugespitzten, überspitzten, darin von der Realität abweichenden und dadurch gleichsam hyperrealen oder realitätskondensierenden Form“[19]. – Solche Zusammenhänge könnten z. B. sein: Ein bestimmtes Element setzt bestimmte andere, in andere Idealtypen von Kunstrichtungen gehörige logisch voraus. So kann man verstehen, warum die eine der anderen historisch folgte und nicht umgekehrt. Oder: Ein solches Element ist nur möglich, wenn ein anderes gleichzeitig existiert, und es schließt auf der anderen Seite die gleichzeitige Existenz wiederum anderer Elemente aus. Es könnte beispielsweise sein, daß eine bestimmte, für den konstruierten Romantik-Idealtyp essentielle euphorische Auffassung von Natur bestimmte religiöse Vorstellungen, in denen die Natur abgewertet wird, ausschließt. Auf diese Weise kann man verstehen, wie es kommt, daß solche Gebilde wie die Romantik mehr sind als nur ein zufälliges gemeinsames Auftreten einer Reihe von einzelnen geistigen Phänomenen zu einer bestimmten Zeit. Oder man kann verstehen, warum man nie bei einem, den man mit guten Gründen dieser Richtung zuzählt, bestimmte Auffassungen findet, andere dagegen immer, wieder andere nur manchmal und wenn sie auftreten, dann stets nur in Verbindung mit bestimmten weiteren Auffassungen, die man sonst in dieser Kunstrichtung nicht findet. Gängige Begriffe wie Romantik können sich, wie schon angedeutet, im Zuge der Rekonstruktionsarbeit aber auch auflösen, oder es könnte sein, daß nur ein Teil des üblicherweise so Genannten einem brauchbaren Begriff von Romantik zuzuordnen ist. Er werde, schreibt Michel Foucault in seiner „Archäologie des Wissens“, „als anfänglichen Bezugspunkt ganz gegebene Einheiten“ – z. B. „die Medizin“ – nehmen, aber nur, um dann sogleich zu fragen, „ob sie schließlich nicht in ihrer akzeptierten und quasi institutionellen Individualität die Oberflächenwirkung von konsistenteren Einheiten sind“. Er werde sie „nur akzeptieren, um sie sogleich der Frage zu unterziehen; um sie zu entknüpfen und um zu erfahren, ob man sie legitimerweise rekomponieren kann“ oder ob „man daraus nicht andere konstruieren muß“.[20] – Wenn man sich das Wesen dieser Rekonstruktionen als immer nur für bestimmte Zwecke nützliche Gedankengebilde nicht klar macht, wenn man sie also als reale oder sozusagen wesenhafte historische Objekte mißversteht, dann meint man z. B. leicht, zwischen zwei Epochen, die durch solche Begriffe bezeichnet werden, bestünde eine scharfe zeitliche Trennung, die eindeutige Zuordnungen erlaubt. Tatsächlich gibt es so gut wie immer eine Fülle von Traditionslinien, die weiterlaufen oder die weit früher begonnen haben, zu Zeiten, in denen ganz andere Kunstformen als z. B. die Romantik ihre Zeit hatten. Die zeitliche Begrenzung ist nur Element der gedanklichen Konstruktion.

Der konstruierte Kern des Typs wird gewonnen durch „einseitige Steigerung“ unter „einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten“, so Max Weber. Der Idealtyp ist also keineswegs das Durchschnittliche oder Mehrheitliche. Er ist vielmehr – das ist das Ziel des einseitigen Heraushebens – das Markante. Das sieht nach Willkür aus, und diese Gefahr besteht zweifellos. Darum muß das Herausheben streng gerechtfertigt werden im Licht einer bestimmten Fragestellung.[21] Man könnte darüber hinaus meinen, diese Methode sei nicht nur willkürlich, sondern auch sehr unpräzise, weil Typen einen breiten Rand haben. Präzision bedeutet hier aber etwas anderes, als einen empirisch gegebenen Gegenstand möglichst genau abzugrenzen, als anzugeben, wo genau dieser Gegenstand aufhört und der andere Gegenstand anfängt. Präzision bedeutet nämlich, die Eigenart so genau wie möglich zu bestimmen. Darum die Konzentration auf den Kern. Dieser ist präzise zu bestimmen durch Beschreibung des systematischen Zusammenhangs genau definierter Elemente und Herausarbeitung des Kontrasts zu anderen Kernen. Hier, im Kern, ist der zu konstruierende Gegenstand am markantesten, hebt sich am klarsten von allen anderen ab, und das Markante ist eben nicht das Durchschnittliche und auch nicht das Häufige oder der kleinste gemeinsame Nenner.

Man wird also, wenn man beispielsweise den Liberalismus idealtypisch konstruieren will, nicht hervorheben, daß auch Liberale in der Regel irgendwelche Vorstellungen von Tugend haben, von einer inneren Verpflichtung auf Freiheit oder gar das Wohl der Allgemeinheit. Denn das macht nicht die Eigenart dieser politischen Weltanschauung aus; solche Vorstellungen haben Konservative und Sozialisten auch, insbesondere für Konservative sind sie wesentlich. Liberale aber müssen sie nicht haben. Hervorheben wird man vielmehr, was bei jenen beiden anderen politischen Richtungen nicht der Fall ist: daß die Staats- und Gesellschaftstheorien des Liberalismus prinzipiell ohne Tugend auskommen, daß es hier reicht, wenn die versammelten Einzelnen rein aus Eigeninteresse sich für alle geltende Gesetze geben und diesen im Einzelfall aus Furcht vor Strafe folgen, wie man das bei den Theoretikern von Hobbes bis zu den heutigen Rechtspositivisten sehen kann. – Nur nebenbei sei angemerkt: Das „Ideal“ im Begriff Idealtyp darf man nicht im (moralisch) wertenden Sinne verstehen, ideal bedeutet nicht, daß es „idealerweise“ so sein soll wie im Idealtyp beschrieben. „Es gibt Idealtypen von Bordellen so gut wie von Religionen. “[22]

Warum wird die Idealtypenmethode in den Geistes- und Sozialwissenschaften sehr oft (wenn auch meist nicht explizit) verwendet, in den Naturwissenschaften dagegen kaum? Das liegt daran, daß in diesen das Interesse auf das Allgemeine gerichtet ist, auf das allem Gemeinsame, insbesondere auf allgemein gültige Gesetze. Wenn man auf der Suche nach einem allgemeingültigen Gesetz ist, braucht man Klassenbegriffe, die eindeutige Zuordnungen erlauben. Wenn man z. B. experimentiert, um herauszufinden, wie die Stromstärke in einem bestimmten Stück Metall und dessen Erwärmung gesetzmäßig zusammenhängen, muß man genau wissen, ob das verwendete Metall auch tatsächlich die Definition dessen erfüllt, wofür das Gesetz gelten soll.

In den Geistes- und Sozialwissenschaften dagegen sucht man in aller Regel nicht nach allgemeingültigen Gesetzen. Man interessiert sich typischerweise für das Besondere und das Individuelle[23]: Was waren die Ursachen des Siebenjährigen Krieges? Wie war das Verhältnis der Wiener Klassik zur Romantik? Wie funktionierte die mittelalterliche Stadtwirtschaft? Wie der heutige globale Kapitalismus? Dieser Krieg, die Klassik, die Romantik usw. sind individuelle Phänomene. Sie sind zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten entstanden, hatten eine gewisse Dauer, veränderten sich dabei und verschwanden wieder oder werden verschwinden. Erkenntnisziel ist das Verständnis von Phänomenen in ihrer historischen Einzigartigkeit, in ihrem So-und-nicht-anders-Gewordensein[24] und in ihrer individuellen Entwicklung, nicht das Erkennen von Gesetzen, die universell gelten. Individuelle Phänomene aber kann man nicht definieren, indem man Merkmale festlegt, bei deren Vorliegen sie dann dieses Individuum wären. Fänden sich diese Merkmale auch an einem anderen Phänomen, so wäre es doch ein anderes, nur in bestimmten Merkmalen gleiches (Extrem: ideale eineiige Zwillinge, die sich in allen Merkmalen gleichen, aber doch zwei Individuen sind).[25] Individuelle Phänomene kann man nur beschreiben (und in ihrem Entstehen, ihren Veränderungen erklären, und in ihrer Bedeutung verstehen), und das muß man so machen, daß so klar wie nur möglich wird, worin ihre Eigenart besteht. Dazu dient der Begriff des Idealtyps.

Um ein Mißverständnis zu vermeiden, sei abschließend noch hinzugefügt: Selbstverständlich braucht man zur Konstruktion von Idealtypen Klassenbegriffe; ohne sie und ohne Annahmen über allgemeine gesetzesförmige Zusammenhänge kann man an keinem einzigen individuellen Phänomen etwas erklären, auch nicht beschreiben. Und wenn vorhin gesagt wurde, daß die zentralen Begriffe, die hier verwendet werden, insbesondere solche, die weltanschaulich-politische Richtungen oder Kunstrichtungen bezeichnen, als Idealtypen gemeint sind, so heißt das nicht, daß etwa „Aufklärung“ nie in der Bedeutung eines Allgemeinbegriffs, eines Klassenbegriffs vorkäme. Aufklärung ist (1) ein singuläres historisches Phänomen, das unter anderem dadurch gekennzeichnet ist, daß eben (2) Aufklärung stattfand. Im Falle von (2) wird Aufklärung als Allgemeinbegriff verstanden. Aufklärung in diesem Sinne gab es nicht nur in der Zeit der Aufklärung, also in „der“ Aufklärung, sondern schon im alten Griechenland und, wenn auch nach Auffassung mancher nur gelegentlich, heute noch, und es gibt sie auch in anderen Kulturkreisen als dem europäischen. Und vor allem: Es kann sie prinzipiell überall geben. Es ist im allgemeinen nicht nötig, hinzuzufügen, in welcher der beiden Bedeutungen Begriffe wie Aufklärung gemeint sind, man kann es hinreichend genau dem Kontext entnehmen.

 

 

 

 

 

Literatur

 

Bourdieu, Pierre (1988): Homo Academicus, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Foucault, Michel (1981): Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Nonnenmacher, Günther (1989): Die Ordnung der Gesellschaft. Mangel und Herrschaft in der politischen Philosophie der Neuzeit: Hobbes, Locke, Adam Smith, Rousseau, Weinheim: VCH, Acta Humaniora.

Rickert, Heinrich (1899): Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft, Leipzig, Tübingen: Mohr.

Rickert, Heinrich (1929): Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung. Eine logische Einleitung in die historischen Wissenschaften. Fünfte, verbesserte, um einen Anhang und ein Register vermehrte Auflage, Tübingen, Leipzig: Mohr.

Siegmund, Andrea (2002): Die romantische Ruine im Landschaftsgarten. Ein Beitrag zum Verhältnis der Romantik zu Barock und Klassik, Würzburg: Königshausen und Neumann.

Vicenzotti, Vera (2010): Zwischenstadt: Stadt, Kulturlandschaft oder Wildnis? Eine Analyse unterschiedlicher Lesarten. Dissertation Technische Universität München. (Publiziert auch als Vicenzotti, Vera (2011): Der »Zwischenstadt«-Diskurs. Eine Analyse zwischen Wildnis, Kulturlandschaft und Stadt, Bielefeld: Transcript).

Voigt, Annette (2009): Theorien synökologischer Einheiten – Ein Beitrag zur Erklärung der Uneindeutigkeit des Ökosystembegriffs, Stuttgart: Franz Steiner Verlag (= Sozialgeographische Bibliothek, Bd. 12) (Dissertation Technische Universität München, 2007).

Weber, Max (1988): Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Johannes Winckelmann (Hg.), Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre von Max Weber, Tübingen: Mohr, S. 146-214 (Original: 1904).

 

[1] In der Diskussion, in welcher vor 100 Jahren der Begriff des Idealtyps eingeführt wurde, sprach man von Gattungsbegriffen.

[2] „Nun ist es möglich, oder vielmehr es muß als sicher angesehen werden, daß mehrere, ja sicherlich jeweils sehr zahlreiche Utopien dieser Art sich entwerfen lassen, von denen keine der anderen gleicht, von denen erst recht keine in der empirischen Wirklichkeit als tatsächlich geltende Ordnung der gesellschaftlichen Zustände zu beobachten ist, von denen aber doch jede den Anspruch erhebt, eine Darstellung der ‘Idee’ der kapitalistischen Kultur zu sein, und von denen auch jede diesen Anspruch insofern erheben kann, als jede tatsächlich gewisse, in ihrer Eigenart bedeutungsvolle Züge unserer Kultur der Wirklichkeit entnommen und in ein einheitliches Idealbild gebracht hat.“ (Weber 1904/1988: 192, Hvh. Im Orig.)

 

[3] Weber 1988: 190 f.

[4] Ebd.

[5] Vgl.: „Das konstruierte Individuum (Einzelperson oder Institution)“ existiert „lediglich innerhalb des Netzes von wissenschaftlich erarbeiteten Beziehungen“ (Bourdieu 1988: 34).

[6] Zum Unterschied zwischen Idealtypen und Realtypen siehe z. B. Voigt 2009: 40 f.

[7] Nonnenmacher, 1989: 15.

[8] Weber 1988: 197.

[9] Kirchhoff /Trepl 2009.

[10] Siehe Kapitel 3.1 in Kirchhoff 2007. Auch dazu: „Der Sinn der dogmatischen Schubladen besteht also in der systematischen Erfassung aller Typen und Einzelfälle, die nicht in die Schubladen passen. Man schafft sich so etwas wie eine Voraussetzung der anschließenden kontrollierten theoretischen Selbstauflösung. Passen die Schemata einmal genau auf einen Einzelfall, ist das auch nicht schlimm.“ (Eisel 2004, <Schubladen>)

 

[11] Bourdieu 1988: 61.

[12] Ebd.

[13] 2009, 35

[14] Bourdieu ebd.

[15] Ich verweise wenn möglich auf Literatur, in der die Konstruktion präzise durchgeführt ist. Ein Beispiel dafür ist im Falle des Konservativismus und anderer hier wichtiger politisch-weltanschaulicher Begriffe die Arbeit von Vicenzotti 2010; zum Konservativismus siehe dort S. 88-116.

[16] Das ist, für das Beispiel Landschaftsgarten, insbesondere von Siegmund 2002 gemacht worden.

[17] Kirchhoff/Trepl 2009.

[18] Kapitel 3.1 in Kirchhoff 2007.

[19] Vicenzotti 2010.

[20] Foucault 1981: 41. Foucault fragt danach, wie reale Diskurse beschaffen sind. Ihn interessieren darum z. B. faktische Aussagen, die bestimmte andere erzwingen oder ausschließen. Die Konstruktion von Idealtypen, wie sie hier geschieht, unterscheidet sich davon etwas. Eisel 2004b: 39 unterscheidet zwischen dem „kulturellen Apriori“ und dem „Handlungsapriori“. Ersteres „bezeichnet das, was in einer Kultur empirisch möglich ist“. Das interessiert, wenn z. B. von einem „idealtypischen Konservativismus“ gesprochen wird. Welche (Arten von) Aussagen können zusammen bestehen, bei welchen ist zumindest damit zu rechnen, daß sie eher zusammen auftreten? Um solche Fragen geht es hier, und dagegen ist abzugrenzen: „Faktisch okkupiert werden die Positionen nach ganz anderen Gesetzen“ (ebd.). Dieses „faktische Okkupieren“ hat z. B. zur Voraussetzung, daß bestimmte dafür notwendige, unter Umständen ganz zufällige Ereignisse vorausgehen oder daß in einer Biographie eine Vielzahl von bestimmten Fäden zusammenlaufen.

[21] „Und in der Tat: ob es sich um reines Gedankenspiel oder um eine wissenschaftlich fruchtbare Begriffsbildung handelt, kann a priori niemals entschieden werden; es gibt auch hier nur einen Maßstab: den des Erfolges für die Erkenntnis konkreter Kulturerscheinungen in ihrem Zusammenhang, ihrer ursächlichen Bedingtheit und ihrer Bedeutung. Nicht als Ziel, sondern als Mittel kommt mithin die Bildung abstrakter Idealtypen in Betracht.“ (Weber 1988: 193, Hervorhebung im Original).

[22] A.a.O.: 200.

[23] Natürlich kann man sich nicht für alles Individuelle interessieren, man braucht ein Prinzip der Auswahl. Als dieses Prinzip hat Heinrich Rickert 1899: 20 ff. (ausführlich Rickert 1929, vor allem Kapitel 3 und 4) den Kulturwert bestimmt und dafür plädiert, statt des üblichen Begriffs Geisteswissenschaften den Begriff Kulturwissenschaften zu verwenden. – „Mit der Subjektivität der Auswahl ist also nicht gemeint, daß jedes Subjekt eine andere trifft. Das Subjekt gehört vielmehr einer Kultur an und bestimmte kulturelle Phänomene erscheinen ihm daher als objektiv gegeben. Was kulturwissenschaftlich relevant ist ausgewählt zu werden, muß sich also bezüglich dieser Kultur verallgemeinern lassen.“ (Vicenzotti 2010)

[24] Mit der Methode der Idealtypenbildung begreift man „diejenigen Bestandteile der Wirklichkeit, die uns historisch, d. h. in der Art ihres So-und-nicht-anders-Gewordenseins interessieren“ (Weber 1904/1988: 186).

[25] Den Begriff des Typs, so wie er oben benutzt wurde (Verweis auf den „breiten Übergang“ usw.) kann man nicht nur auf individuelle Phänomene anwenden, aber den Begriff des Idealtyps wendet man üblicherweise darauf an.

Ludwig Trepl

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

3 Kommentare

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  2. “Das kam hier schon alles so an, über die Jahre”.
    Ds kam eben nicht an, Sie haben es ja nicht annähernd verstanden. Was Sie über den Mohammedanismus schreiben, zeigt das. Es hat nichts mit dem zu zu tun, was bei Max Weber Idealtyp genannt wird. Vielleicht lesen Sie den Artikel noch einmal gründlich. Sie können sich dann noch immer dagegen entscheiden, aber dann wissen Sie wenigstens, wogegen Sie sich entschieden haben.

  3. Das kam hier schon alles so an, über die Jahre, werter Herr Trepl, Ihr Kommentatorenfreund arbeitet insofern nicht mit Idealtypen sondern mit anscheinend vorliegenden Ideenmengen, die (auch empirisch) bestimmten Ideologien (die s. E. nicht idealtypisiert werden müssen bis dürfen), sozusagen beiliegen.
    Wenn der Schreiber dieser Zeilen bspw. idealtypisch den Mohammedanismus [1] betrachtet und nachfolgend bearbeitet, dann kommt kein Idealbild heraus, sondern schlimmstenfalls die Nachricht, dass das, was der Islamische Staat macht, eine nicht unvertretbare oder nicht inkohärent-unzulässige Auslegung ist – und dann darf bis soll auch gerne widersprochen werden, denn letztlich geht es um Ideenmengen und möglichen grundsätzlichen Aufbau.

    Insofern muss anhaltend gerührt werden, oder?, mit Idealtypisierungen vorsichtig und so?!

    MFG
    Dr. W

    [1]
    Der M. wird hier nicht pejorativ verwendet, sondern politologisch, im politologischen Sinne ist der M. sozusagen herrschaftssystem-vollständig, als ein theozentrischer Kollektivismus verständlich, wie bspw. auch der Marxistisch-Leninistische Sozialismus (hat u.a. auch den “roten Terror” ideologisch eingepflegt) es ist oder sein könnte.
    Weil der M. auch andere, Ungläubige oder sogenannte Kuffar meint, in Abgrenzung zum Islam, der eher religiös verstanden werden könnte, also eher als nicht totalitär, wenn gewollt.