Gleicher Schutz für alle Arten? Und warum?

Unter Naturschützern erhält man auf die Frage, welche Arten vor der Ausrottung geschützt werden sollen, selten eine andere Antwort als: alle, und zwar alle gleichermaßen. Aber warum? Warum alle Arten? Warum alle gleichermaßen?

 

Auf zeit.de erschien ein Artikel unter der Überschrift „Gleicher Schutz für alle!“:

„Die gefühlte Artenvielfalt in unserer Umwelt scheint seit Jahren unverändert. Wir füttern jedes Jahr Tauben, Sperlinge und Enten im Park. Wir rücken immer wieder Gänseblümchen und Löwenzahn im Vorgarten mit der Jätekralle zu Leibe. Und Stubenfliegen, Stechmücken und Zitterspinnen scheinen sich alljährlich erneut im Wohnzimmer breitzumachen.

Einige Organismengruppen genießen dabei unsere größte Aufmerksamkeit. Denn sie spiegeln in erster Linie unsere visuellen Vorlieben wider. Wir haben den Baum des Jahres, den Schmetterling des Jahres, die Orchidee des Jahres und die Libelle des Jahres.

Doch was ist mit den anderen Arten wie Fliegen oder Springschwänze? Diese erfüllen in allen Ökosystemen lebenswichtige Funktionen. Springschwänze mit rund 400 heimischen Arten etwa sind wesentlich an der Bildung von Humus beteiligt und in natürlichen Kreisläufen ebenso wie in der Landwirtschaft von erheblicher Bedeutung.

Allein unter einem Quadratmeter Bodenoberfläche tummeln sich Tausende dieser Exemplare. Und das Vorkommen bestimmter Arten zeigt dem Fachmann präzise den Zustand ihres Lebensraumes an. Was würde passieren, wenn plötzlich die Hälfte aller Springschwanzarten Deutschlands aussterben würde?

Ein Beispiel eines vom Aussterben bedrohten Seesterns in der Gezeitenzone führt uns solch ein Szenario vor Augen. Wird dieser Seestern aus dem System entfernt, so würde eine Muschelart alle andern Arten verdrängen und das System grundlegend und nachhaltig verändern. Das haben Forscher in einem Experiment herausgefunden.

Wenn wir also so weitermachen wie bisher und uns nicht auch für weniger populäre Arten einsetzen, brauchen wir für die Beantwortung solcher Fragen in Zukunft kein Forschungsgeld mehr ausgeben. Dann sind wir nämlich selbst Teil des Experiments.

Es ist also dringend nötig, dass wir auch anderen Arten unsere Aufmerksamkeit schenken und nachhaltig zum Schutz dieser Organismen beitragen – auch wenn sie auf den ersten Blick weniger attraktiv wirken als die Tieres des Jahres 1993, 1996 und 1999 – Wildkatze, Feldhamster und Fischotter.“

Ich will mich nicht mit den zahlreichen Merkwürdigkeiten in diesem Text aufhalten, sondern auf die Botschaft konzentrieren. Sie ist von der Redaktion in der Unterüberschrift so zusammengefasst worden:

„Exotische und imposante Lebewesen genießen mehr Artenschutz als Fliegen und Springschwänze […]. Aber auch die erfüllen wichtige ökologische Aufgaben.“

Die exotischen und imposanten Lebewesen erfüllen also wichtige ökologische Aufgaben, andere – ja, die, d. h. alle anderen – aber auch, und diese anderen sollten darum gleichermaßen Artenschutz genießen. Das sei jedoch nicht der Fall, vielmehr würden diejenigen bevorzugt, die auf irgendeine Weise, wenn auch nicht durch ihre ökologischen Leistungen, beeindrucken.

Das will aber nicht so recht zu anderen Aussagen des Textes zu passen. Denn da wird ja argumentiert, daß es bestimmte Arten gibt, die besonders wichtige ökologische Funktionen ausüben – etwa der unter Ökologen sehr bekannte Seestern von der nordamerikanischen Pazifikküste – und die man deshalb doch wohl bevorzugt schützen müßte. Eben diese Funktionen, die „wichtigen ökologischen Funktionen“, liefern den Grund dafür, eine Art zu schützen; einen anderen guten Grund, so der Tenor des Artikels, gibt es nicht. Daß sie „attraktiv wirken“, so lesen wir, ist kein guter Grund. Wenn es aber besonders wichtige ökologische Funktionen gibt, dann gibt es auch weniger wichtige und wohl auch unwichtige, und darum ist die Parole „gleicher Schutz für alle“ falsch. Die Botschaft enthält also einen Widerspruch.

 

Diese Parole, von der man aus welchen Gründen auch immer nicht lassen mag, wurde denn auch bisher eher anders begründet als über erwiesene gleiche ökologische Relevanz, nämlich im wesentlichen auf diese zwei Weisen:

(1) Wir wissen zu wenig über die „ökologischen Funktionen“ der Arten (bzw. einfach über den Nutzen), so daß uns gar nichts anderes übrigbleibt, als alle gleichermaßen zu schützen; denn auch die, von denen wir es zur Zeit nicht wissen, könnten nicht weniger wichtige ökologische Funktionen haben als die, von denen wir es bereits wissen; oder solche, die derzeit keinen Nutzen haben, könnten einst einen bekommen.

(2) Es wird argumentiert, daß alle Arten gleichermaßen ein (moralisches) Recht auf Schutz hätten; Homo sapiens sei im Rahmen des unter Naturschützern allgegenwärtigen biologistischen Weltbilds auch nur eine biologische Art, nur eine Spezies unter Millionen. Sie ist als biologische Art – und etwas anderes ist er nicht – allen gleich und hat darum nicht das Recht, sich über andere zu erheben und damit auch nicht das Recht, bestimmte andere Arten über wiederum andere zu erheben.

 

Diese Argumentationen sind krumm und schief, in der einschlägigen Diskussion sind die Einwände bekannt. Ich will sie nicht referieren, sondern eine These zur Diskussion stellen, die seltener vertreten wird:

Für die Begründung des Artenschutzes sind ökologische Funktionen und damit verbundener ökonomischer Nutzen nicht völlig, aber ziemlich unwichtig. Die Gründe für den Artenschutz liegen vielmehr genau da, wo der Artikel – und mit ihm heute die meisten engagierten und professionellen Naturschützer – sie gerade nicht sehen wollen. Und zwar gilt das für die wahren faktischen Gründe (im Unterschied zu aus taktischen Überlegungen vorgeschobenen oder denen, die man sich selbst einredet): Artenschutz betreiben wir tatsächlich wegen derjenigen Arten, die mit den Formulierungen „attraktiv“, „exotische und imposante Lebewesen“ oder „visuelle Vorlieben“ angedeutet sind.

 

Einige Fragen schließen sich an, darunter: Sind diese faktischen Gründe auch gute Gründe? Sollten wir Artenschutz wegen bestimmter Vorlieben betreiben, und dann eben die Arten auch unterschiedlich behandeln? Und gibt es tatsächlich keine guten Gründe für den Schutz aller Arten? Ich kann diese Fragen hier nicht beantworten, aber ich will einige Andeutungen machen.

 

Bestimmte – gemessen an der Gesamtzahl wenige – Arten sind uns etwas wert aus ästhetischen Gründen und/oder weil sie uns als Teil unserer symbolischen Welt wichtig sind. Sofern wir sagen, daß die Vielfalt des Lebens insgesamt uns etwas bedeutet und wir darum vielleicht möglichst viele Arten haben wollen oder doch eine etwa für eine bestimmten Landschaft typische Anzahl, verhält es sich ebenso: Im Rahmen bestimmter Werteordnungen ist Vielfalt ein hoher Wert (siehe hier und hier). Sofern wir sagen, daß alle Arten ein Existenzrecht haben, ist es auch nicht anders.

 

Hier, in einer Wertzuweisung ästhetischer Art oder einer, die im Rahmen bestimmter symbolischer Systeme (die Arten stehen hier für etwas, sie symbolisieren etwas von Bedeutung) vorgenommen wird, liegt die relevante subjektive Begründung des Naturschutzes; darum wurde und wird de facto in den bzw. von den Industrieländern Artenschutz betrieben (anderswo ja sowieso nicht).

Natürlich wußten die Naturschützer immer, daß die Antwort darauf, welche Arten es unter dieser Voraussetzung zu schützen gilt (und ob es überhaupt welche zu schützen gilt oder ob es vielleicht alle – gleichermaßen oder nicht – zu schützen gilt), kulturabhängig verschieden ausfällt. Lange war es aber in den “westlichen” Ländern selbstverständlich, daß die eigene Kultur die ranghöchste ist. Ihr sollten folglich alle anderen nachstreben oder alle sollten zumindest ihren höheren Rang anerkennen, wenn ihnen ein Nachstreben nicht möglich ist (dafür hielt man sie ja – rassistisch – weithin für biologisch bedingt unfähig) oder wenn ein Verbleiben bei ihrer eigenen Kultur als moralisch geboten gilt, wie es ja im konservativen Denken kaum zu vermeiden ist. Solange das selbstverständlich war, gab es mit der kulturabhängigen Verschiedenheit jener Antwort kein Problem: Was unserer Kultur (subjektiv) etwas wert ist, das hat dann objektiven Wert. – Mit Angehörigen anderer Kulturen wurde nicht diskutiert. Verteidigt werden mußte die Auffassung von der Schutzwürdigkeit der bzw. bestimmter Arten nur gegen die Fortschrittlichen in den eigenen Ländern, d. h. gegen diejenigen, die die eigene Kultur oder auch, wie man es sah, Kultur überhaupt zugunsten der Zivilisation ablehnten und denen nur das etwas wert war, was einen Nutzen hat.

Diese versuchte man von der Richtigkeit der eigenen, konservativen Werteordnung zu überzeugen. Als man sich zu dieser nicht mehr so recht offen bekennen mochte und vor allem dann, als die Weltanschauung der typischen Naturschützer tatsächlich nicht mehr in jeder Hinsicht klassisch-konservativ war (also etwa seit den 60er/70er Jahren des 20. Jahrhunderts), mußte man mehr und mehr nach Begründungen suchen, die im anderen, dem fortschrittlichen, Paradigma akzeptabel sind. Und in dem Maße, wie der kulturelle Eurozentrismus inakzeptabel erschien, mußte man auch an die denken, in deren symbolischer Ordnung andere Arten von Wert sind als in unserer, sofern überhaupt Arten von Lebewesen von Wert sind. Denn diese Ordnungen galten nun immer mehr als gleichwertig.

Darum suchte man nach objektiven Begründungen, d. h. nach nicht von der kulturell und weltanschaulich geprägten Gedanken- und Gefühlswelt des jeweiligen Subjekts bzw. der jeweiligen Menschengruppe abhängigen, vielmehr von allen Menschen gleichermaßen zu akzeptierenden Begründungen. Als solche Begründungen galten den Naturschützern vor allem die ökologischen, und auch ökonomische galten als objektiv in diesem Sinne. Ökologisch heißt hier, wenn es nicht indirekt doch wieder ökonomisch bedeuten soll: auf körperliches Wohlergehen (Gesundheit) oder Überleben der Menschen bezogen (nicht allein schon auf Wohlergehen und Überleben von Tieren und Pflanzen, denn damit würde sich die Argumentation im Kreis bewegen), unabhängig davon, ob sich daraus wirtschaftlicher Gewinn ziehen läßt oder nicht. An diesem Wohlergehen, so dachte man, muß jeder Mensch, egal welcher Kultur und Weltanschauung, ein Interesse haben, denn jeder ist ja ein Wesen mit einem Körper, der funktionieren muß, und darum sind solche ökologischen Begründungen allgemeingültig.

Es hat sich aber nichts Überzeugendes finden lassen. Man fand weder eine ökologische noch eine ökonomische Begründung für Artenschutz im allgemeinen. Ökologische oder ökonomische Begründungen für den Schutz bestimmter Arten ließen sich zwar manchmal finden, aber, gemessen an der Gesamtzahl der Arten, nur recht selten. Und zwar trivialerweise vor allem deshalb nur selten, weil diejenigen, die Schutz nötig haben, in der Regel wegen ihrer Seltenheit ökologisch und ökonomisch bedeutungslos sind. Sowohl für den Artenschutz im allgemeinen als auch für den Schutz bestimmter Arten scheint als Begründung nichts zu bleiben als das, was man vorher auch schon hatte: Ästhetik und Bedeutung im Rahmen bestimmter symbolischer Ordnungen.

 

Die Strategie, die sich daraus ergibt, könnte man mit „Toleranz und gleichzeitig Kampf für eigene Interessen“ überschreiben. Die Werthaltungen im Hinblick auf Tiere und Pflanzen und „die Natur“ überhaupt werden durchwegs als kulturrelativ betrachtet. Keine Haltung, so meint man, ist objektiv richtig, keine kann dies sein. Wir (die Naturschützer, also Anhänger bestimmter Weltanschauungen der sogenannten westlichen Welt – so sehen wir, bescheiden geworden, uns jetzt – müssen dafür kämpfen, daß der Wolf deshalb geschützt wird, weil er im Rahmen unserer symbolischen Ordnung, z. B. in unserer überlieferten Mythen- und Märchenwelt, einen hohen Wert hat, ebenso der Wald als ganzer. Ob ein Tier bloß „attraktiv“ ist oder ob es uns als unantastbar gilt – es hat den damit verbundenen Wert für uns. Wir müssen aber, da das in unserer Kultur nicht durchwegs so ist, sondern es in ihr Weltanschauungen gibt – und die gelten nun prinzipiell als gleichberechtigt –, in denen man das ganz anders sieht, in denen der Wolf z. B. nur ein Schädling ist, auch nachgeben können. Jedoch erheben wir ebenfalls Anspruch auf Berücksichtigung unserer Interessen, der Naturschutzinteressen, wie sie sich aus unserem Wertesystem ergeben, und darum kämpfen wir und tolerieren nicht nur.

Anderen Kulturen gegenüber gilt das ebenso. Wir können uns freuen darüber, daß ein bestimmtes Tier im Rahmen einer anderen symbolischen Ordnung hohen Wert hat, vielleicht sogar als heilig gilt, aber wir müssen auch tolerieren, daß ein uns so wichtiges Tier wie der Tiger im Rahmen einer anderen symbolischen Ordnung nur Wert als Lieferant magischer Arzneimittel hat. Wir verlangen allerdings auch, daß man dort unsere Position achtet. Was Forderungen wie den Schutz der Vielfalt des Lebens oder den gleichrangigen Schutz aller Arten angeht, so hat man es ebenfalls mit kulturellen im Sinne von kulturrelativen Werten zu tun, mit denen es sich prinzipiell nicht anders verhält als hinsichtlich des Schutzes bestimmter Arten auch, weil es eben nur unsere Werte sind.

Praktisch läuft das auf Einzelfallösungen hinaus, die in der Regel Kompromiß-, kaum jemals Konsenscharakter haben. Diese Haltung bestimmt weitgehend das Vorgehen des Naturschutzes, wenn er weltweit agiert – sofern er nicht jenen Vorstellungen von der Möglichkeit objektiver ökologischer oder ökonomischer Artenschutzbegründungen folgt. Da sich diese aber, wie gezeigt, als nicht tragfähig erwiesen haben, stellt sich die Frage, ob dann die Haltung „Toleranz und gleichzeitig Kampf für eigene Interessen“, die den Gedanken objektiver Begründungen aufgegeben hat, die einzige ist, die sich rechtfertigen läßt.

 

In der Tat muß die Grundhaltung, die hinter der anderen Strategie steht, nämlich derjenigen, die meint, der Artenschutz ließe sich objektiv, d. h. kulturunabhängig begründen, nicht als obsolet gelten. Man muß nur die Vorstellung aufgeben, daß sich eine solche Begründung mittels der ökologischen Funktionen (und ökonomischer Bedeutung) erbringen ließe. Zumindest die Suche nach kulturunabhängiger Begründung muß nicht aufgegeben werden, auch wenn vielleicht derzeit nicht zu sehen ist, worin sie liegen sollte.

Es kann nach einer Begründung gesucht werden, die gültig ist ganz unabhängig davon, welches Subjekt sie vorbringt, einer Begründung, die nicht lautet, mir ist diese Art oder uns sind alle Arten (alle gleichermaßen oder aber nach einer Werthierarchie abgestuft) oder ist ein Maximum oder landschaftstypisches Optimum der Vielfalt etwas wert; nach einer Begründung kann gesucht werden, die nicht nur relativ zu bestimmten Wertsystemen gilt. Dabei werden aber, wie gesehen, die ökologischen und ökonomischen Begründungen allenfalls eine bescheidene Rolle spielen. Die Suche wird den gleichen Charakter haben wie ethische Diskussionen zu anderen Fragen auch, in denen der Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erhoben wird, etwa zur Frage der Menschenrechte. (Vorauszusetzen ist, daß auf ethische Fragen objektive Antworten überhaupt möglich sind. Ich bin davon überzeugt.)

 

Erforderlich wäre dann im Naturschutz eine Unterscheidung zwischen Kulturwerten in dem Sinne, daß sie nur im Rahmen einer bestimmten Kultur Werte sind, und universellen Werten, auch wenn diese – vorläufig – vielleicht nur Werte einer bestimmten Kultur sind oder nur von manchen Gruppen in ihr vertreten werden: Sie werden mit dem Anspruch auf universelle Geltung formuliert (vgl. Heinrich Rickert 1899). Es ist dem, der sie formuliert, auch gar nicht möglich, von diesem Anspruch abzurücken, denn davon ist er ja überzeugt; er geht nicht mit der Haltung in die Diskussion, daß seine „westliche“ Naturschützer-Auffassung grundsätzlich ebenso nur und unaufhebbar kulturrelativ gültig ist wie irgendeine andere und er allenfalls verlangen kann, auch berücksichtigt zu werden. Sondern er geht mit der Haltung in die Diskussion, die anderen von seiner, der richtigen, Auffassung überzeugen zu müssen. Er tut also das, was der typische ökologisch argumentierende Naturschützer auch tut: Er missioniert. Aber er hat vielleicht bessere Gründe.

 

Beispiele zur Illustration: Der Tiger ist für die europäischen (bzw. „westlichen“) Naturschützer ein attraktives Tier oder ein Tier von besonderer symbolischer Bedeutung, für Angehörige andere Kulturen dagegen nicht. Hier stehen Kulturwerte gegeneinander. Man kann Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse fordern, und wenn es sich nicht nur um „instrumentelle Werte“, sondern um „inhärente Werte“ handelt, Respekt davor, daß einem dieses Tier etwas bedeutet. Daß in solchen Fällen Respekt zu zeigen ist, könnte ein universeller Wert sein, aber nicht das wertgeschätzte Objekt selbst – nicht der Tiger selbst.

Oder aber: Der Tiger ist für die europäischen Naturschützer nicht nur ein attraktives Tier, sondern sie beanspruchen, daß ihr Kulturwert zugleich von universellem Wert ist. Er ist für sie, auch wenn sie es nicht so sagen würden, ein „heiliges“ Tier. Sie müssen dann die Angehörigen anderer Kulturen/Weltanschauungen davon überzeugen, daß dies tatsächlich ein universeller Wert ist.

Oder: Die westlichen Naturschützer sind der Auffassung, daß man Schimpansen nicht wie Flöhe oder Mücken behandeln darf, daß es eine Werthierarchie unter den Lebewesen gibt. Sie müssen dann die Angehörigen anderer Kulturen/Weltanschauungen überzeugen, daß dies objektiv so ist.

Oder: Die westlichen Naturschützer sind der Auffassung, daß die Ausrottung welcher Art auch immer unmoralisch, d. h. objektiv verwerflich ist. Sie müssen dann andere überzeugen, daß die gegenteilige Auffassung ethisch, und das heißt nicht nur vor dem Hintergrund bestimmter kulturell bedingter Systeme von Überzeugungen, sondern objektiv unhaltbar ist.

 

Man hat hier die üblichen Folgeprobleme: Wenn die anderen sich nicht überzeugen lassen, steht man vor der Alternative, das Unrecht geschehen zu lassen oder die Berücksichtigung jenes Wertes, von dessen universeller Geltung man überzeugt ist, zu erzwingen – ganz genau so wie in den Fällen, in denen eine Handlung, die man für ein Verbrechen gegen Menschen hält und darum nicht zulassen kann, in anderen Kulturen nicht als Verbrechen gilt.

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das war begrifflich vielleicht schlampig von mir.

    Ich habe an Gestalten wie Kardinal Federico Borromeo gedacht, der eine Bibliothek, eine Kunstsammlung und Akademie zur Ausbildung christlicher Künstler im Geiste der Gegenreformation (oder: katholischen Reform) gestiftet hat. So eine Stiftung ist ein humanistischer Gedanke. In der Sammlung befand sich auch ein Zyklus der vier Elemente von Jan Brueghel d.Ä., der die Vielfalt der Schöpfung ästhetisch umsetzt.
    Hier die Allegorie der Luft: http://www.janbrueghel.net/images/f/f3/Allegory_of_Air_%28Paris%29.jpg

    Ebenso verstand sich Peter Paul Rubens sicherlich als Humanist und Christ zugleich. Er war Anhänger des Neostoizismus von Justus Lipsius.

    Sicherlich hatte dieser “christliche Humanismus” oder humanistisch beeinflusste Katholizismus nicht den impact, wie andere geistige Strömungen, es ist auch keine eigene Philosophie, eher eine pragmatische Mischung.

  2. “Vielfalt” ist eine ästhetische-ethische Qualität, weil die Welt oder die Natur als Schöpfung Gottes begriffen wird. Vielfalt, Ordnung und Schönheit der Natur sind Ausdruck der göttliche Omnipotenz und Vorsehung. ER hat alles nach Maß und Zahl geordnet (ein Psalm, weiß gerade nicht die Nummer). Gott entfaltet in der Schöpfung quasi seine Kreativität und Vielfalt und Ordnung sind die wichtigsten Kriterien für die Schönheit dieser Schöpfung.
    Da haben sich christliche mit stoischen und neoplatonischen Gedanken gemischt, deswegen der Begriff christlicher Humanismus”. Hinzu kommt die Vorstellung von Gott als Künstler.

    Dafür gibt es in Literatur und Kunst der frühen Neuzeit, also vor der eigentlichen Aufklärung, zahlreiche Belegen.

    @Trepl: Ihr Buch habe ich mir schon angeschafft.

    • @ Herr Stefan :

      Da haben sich christliche mit stoischen und neoplatonischen Gedanken gemischt, deswegen der Begriff christlicher Humanismus”. Hinzu kommt die Vorstellung von Gott als Künstler.

      Veranstaltung, wie sie heutzutage in denjenigen Systemen stattfindet, die den Ideen und Werten der Aufklärung folgend gesellschaftlich implementieren konnten, Herr Dr. Trepl sei an dieser Stelle gegrüßt, der Liberalismus hat sozusagen gewonnen, ist vielschichtig.

      Es kann von der Stoa berichtet werden, die hier mit anleitend gewesen sein muss, vom Judentum, das u.a die Verhältnismäßigkeit hat beibringen können, konzeptuell, vom Alten Rom, die Organisation, auch die Zweckmäßigkeit meinend, das womöglich: partiell böse war, ‘abgefeimt’ sozusagen, und sicherlich hat das Christentum, das seit einiger Zeit duozentrisch unterwegs ist, theozentrisch und anthropozentrisch, vermutlich in dieser Reihenfolge, Old Ratzinger ist nicht müde geworden dbzgl. zu erklären, oder vielleicht doch, zuletzt.

      Äh, wo war der Schreiber dieser Zeilen stehen geblieben?,.., ach, ja. …, …, …, die Idee des Sapere Aude leitet im Sinne des philophischen Individualismus nun weitgehend die Sache an, heutzutage.

      Kollektivisten jeglicher Couleur sind womöglich traurig, müssen aber draußen bleiben. [1]


      Korrekt ist, dass die anti-aufklärerische Gegenbewegung stärker wird, sie zehrt u.a auch vom in den letzten fünfzig Jahren erneut aufgekommenen alten theozentrischen Kollektivismus, der ist stark, der ist ja auch der Ur-Kollektivismus, der kommt noch einmal stark.
      Egal, ob der jetzt als leicht erkennbar sittlich niedrigst oder leicht als intrinsisch verbrecherisch erkannt werden kann oder als Kollektivpsychose, der ist oder bleibt: verlockend.

      Herr Trepl hat hier wohl zuletzt irgendwas verpasst.

      MFG
      Wb

      [1]
      Werden geduldet, dürfen aber nicht “kämpfen”, auch heute darf bspw. jeder noch Nationalsozialist sein, ist nicht verboten,

      • *
        im Sinne des philoSOphischen Individualismus

        Anderswo wat wohl auch was “mopsig”, auf dem Krankenbett werden Kriege schlecht geführt.

        • Ich verstehe nicht, worauf Sie hinaus wollen. Es geht zuerst um philosophische Ideen in der christlichen, abendländischen Kultur. Lesen Sie mal das Buch von Trepl oder von Arthur O. Lovejoy, Die große Kette der Wesen (The Great Chain of Being).

        • Ich verstehe auch nichts. NICHTS! Können Sie nicht mal wie ein normaler Mensch schreiben?

    • Ja, aber es fehlt noch etwas: Die Befreiung der Menschen durch den Tod Christi. Erst dadurch konnte das, was vorher allein Gott zugestanden wurde, auch zu einer Aufgabe der Menschen werden.

      “deswegen der Begriff christlicher Humanismus”.

      Weswegen genau? Wenn ich richtig informiert bin, ist “christlicher Humanismus”, auch wenn der i.w. schon im Humanismus der Renaissance vorgebildet war, als Bezeichnung erst der gegenaufklärerischen Humanismen christlichen Typs üblich. Bitte jetzt nicht darüber diskutieren, daß seine Vertreter – Herder, W. v.Humboldt … – doch eher aus Aufklärer gelten. Da käme man vom Hundertsten ins Tausendste. Man müßte sich damit auseinandersetzen, inwiefern schon in einer Variante des Rationalismus (Leibniz) die Struktur der späteren konservativen Kulturkritik vorgebildet war: in dieser ist das Individuum “Monade”, und das ist es im liberalen Verständnis nicht.

  3. “Die aufklärerische Kultur, wenig günstig auch: westlich genannt, ist im philosophischen Individualismus grundiert, sie strebt individuelles Glück (vs. Glück der Horde, die in typischerweise in Räten festgestellt wird, manchmal auch diktatorisch) an”.

    Das ist zu undifferenziert – nur englische Aufklärung. Die französische strebte das “Allgemeinwohl” an. Dafür steht vor allem der Name Rousseau. In der englischen, liberalen Version stellt sich das optimal dann ein, wenn man es gar nicht anstrebt, sondern nur auf das individuelle aus ist. Bewiesen durch die historische Entwicklung ist da gar nichts. Ich verstehe nicht, wie man auf diesen Gedanken kommen kann. Kein Richter der Welt würde die Fakten, die man da vortragen kann, als Beweise gelten lassen.

    “Da [andere Kulturen] müssen Sie aber mal ran bzw. hätten beizeiten ran gemusst!”

    Mußte ich überhaupt nicht. Man kann sich nicht um alles kümmern. Jeder normale Wissenschaftler sagt mir im Gegenteil, das, worum ich mich gekümmert habe, ist viel zu viel, da kann nichts rauskommen.

    “Weil der Liberalismus nicht totalitär ist, schätzt er auch ‘Vielfalt, Eigenart und Schönheit’.”

    Da haben sich also die Konservativen vom 18. Jh bis heute völlig getäuscht? Und wie kommen Sie denn darauf? Der Liberalismus schätzt Eigenart??? Das ist außer Ihnen noch niemand in den Sinn gekommen. Mit der Vielfalt ist es ähnlich, aber mir scheint es einen Weg zu geben, im Rahmen des Liberalismus Vielfalt zu schätzen. Daß er Schönheit schätzt, ist nicht der Punkt, die schätzt jeder. Aber die Vorstellung des christlichen Humanismus vom Zusammenhang der Drei teilt der Liberalismus nicht, der Demokratismus-Sozalismus auch nicht.

    “Humanismus ohne Attribut wäre womöglich präziser.”

    Der heißt aber nun mal so: christlich. Und das ist auch recht präzise. Der den “Linken” (Partei) nahestehende organisierte Atheismus nennt sich auch Humanismus, den meine ich aber nicht. Und es läßt sich auch präzise zeigen, was das Christliche an diesem konservativen Humanismus ist – auch wo er sich, säkularisiet, selbst gar nicht mehr so begreift. Aber da Sie ja nichts lesen außer Blogs u. ä., nützt es auch nichts, Ihnen einschlägige Literatur zu nennen, die lesen sie ja doch nicht.

    “daß auf ethische Fragen objektive Antworten möglich sind… Ein (einziges) Beispiel wäre nett.”

    Denken Sie sich doch selber eins aus, oder viele. Wenn Sie von einer ethischen Antwort überzeugt sind, daß sie allgemein gültig ist und nicht, wie etwa bestimmte Benimm-Regeln, nur in bestimmten Kulturen gelten – wenn Sie solche von Ihren Antworten in anderen Kulturen abweichende Antworten für falsch halten und “bei uns ist das aber so” nicht gelten lassen, dann haben Sie das gewünschte Beispiel. Prüfen durch Experiment oder Beobachtung läßt sich hier natürlich nichts. Das Urteil “objektiv gültig” ist das Ergebnis des Argumentierens.

    Darum ist es auch mißlich, wenn immer von westlichen Werten geredet wird, wo es um die der Aufklärung geht. Damit wird suggeriert, daß sie einer bestimmen, regionalen Kultur entstammen wie bspw. Gebote, eine bestimmte Haartracht zu tragen. Die “Werte” der Aufklärung sind aber universell, zumindest dem Anspruch nach. Daß sie nun einmal in einem Teil von Europa entstanden sind, ist belangloser historischer Zufall.

    • @ Herr Dr. Trepl (und nur hierzu, schönes Wochenende noch!)

      Da [andere Kulturen] müssen Sie aber mal ran bzw. hätten beizeiten ran gemusst! [Dr. Webbaer]

      Mußte ich überhaupt nicht. Man kann sich nicht um alles kümmern. Jeder normale Wissenschaftler sagt mir im Gegenteil, das, worum ich mich gekümmert habe, ist viel zu viel, da kann nichts rauskommen.

      Insogern oder insofern nur kurz angebunden, Ihre Nachrichten werden hier natürlich durchgehend geschätzt, fast durchgehend.
      Sie haben da womöglich etwas verpasst, was anderskulturell oder anderskulturig stattfindet, heutzutage und importiert, zunehmend und auf Einladung einer gewissen Dame sozusagen zunehmend und extra-zunehmend stattfindet oder stattfinden wird, nämlich: den Mohammedanismus.

      Der ist vglw. klar, kann auch in der der sogenannten Islamophobie unverdächtigen bekannten Online-Enzyklopädie nachgelesen werden, die ist sehr “trocken”.

      Ansonsten wäre Ihr langjähriger Kommentatorenfreund auch nur durchgängig bei Ihnen, wenn bspw. sinnhaft ergänzende Immigration angestrebt werden würde, im Bundesdeutschen und auf Gesamteuropa bezogen, so ist es aber leider nicht.

      Ansonsten – bspw. hierzu: ‘Die “Werte” der Aufklärung sind aber universell, zumindest dem Anspruch nach. Daß sie nun einmal in einem Teil von Europa entstanden sind, ist belangloser historischer Zufall. – würde Ihr Kommentatorenfreund noch ein wenig aus sich heraus kommen wollen.

      Abär erst:
      Wenn das mit der Aufklärung, mit der dbzgl. bedingten Kultur und Andersartigem, bspw. auch mit dem zunehmend virulenten Mohammedanismus geschluckt ist, sozusagen.

      MFG
      Wb

  4. Wieder ein sehr bemerkenswerter und relevanter Text, wie der Schreiber dieser Zeilen findet, vielen Dank!

    “Ketzerisch” hierzu angefragt:

    Vorauszusetzen ist, daß auf ethische Fragen objektive Antworten überhaupt möglich sind. Ich bin davon überzeugt.

    Ein (einziges) Beispiel wäre nett.

    MFG
    Web Dr. Baer

  5. “Das Nutzen-Argument versteht jeder, insbesondere der Politiker. Es ist auch nicht an sich falsch, aber eben nicht ausreichend.”

    Das ist aber beim Artenschutz anders: Das Nutzen-Argument ist falsch, bzw. es trifft nur in sehr wenigen Fällen zu.

    “Vielfalt als ein ästhetisches-ethisches Argument … Ich könnte mir vorstellen, dass sich dazu am ehesten Anknüpfungspunkte bei in anderen Kulturen finden lassen.”

    Von den anderen Kulturen verstehe ich nichts. Es ist jedenfalls ein zentrales ästhetisches-ethisches Argument in unserer Kultur, dem sog. christlichen Humanismus. Ich habe das in meinem Buch “Die Idee der Landschaft” (erschienen bei transcript) in Kap. 6.3.2 “Vielfalt, Eigenart, Schönheit” ausgeführt. In der aus dem (konservativen) christlichen Humanismus hervorgegangenen und zugleich gegen ihn gerichteten modernen, liberalen oder sozialistischen Weltanschauung gibt es diesen Zusammenhang von Vielfalt, Eigenart und Schönheit nicht. (Ich erinnere mich noch gut an eine Rede des Chef-Propagandisten der DDR, v. Schnitzler, zur Zeit ihres Untergangs. Er sagte: Man hört ja jetzt viel Schlechtes über die DDR, aber eines kann man uns doch nicht nehmen: daß das Land jetzt, mit den riesigen LPG-Feldern, viel schöner ist als zu der Zeit, als es noch kleinteilig-vielfältig war.) Ich halte es aber nicht für ausgeschlossen, daß sich eine Wertschätzung der Vielfalt auch in den progressiven Weltanschauungen begründen läßt. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, daß sie hier eine ähnlich große Bedeutung erlangen könnte.

    “… eine “story” erzählen, die das zu wertschätzende Objekt in die Welt des mit dem Objekt unvertrauten Betrachters integriert.”

    Ich vermute, daß das mit der “story” am besten bei konkreten Objekten, die geschützt werden sollen, funktioniert, also z.B. mit einem bestimmten See oder einer Wiese. Das kann man über Geschichten in Verbindung bringen mit der Lebensgeschichte der Leute, die da wohnen. Arten dagegen sind ja etwas abstraktes, da geht es ja nicht um ein individuelles Tier, sondern eben um die Art. Klar, wenn man viel darüber weiß, wir einem der Luchs wohl wertvoller erscheinen als wenn man nichts über ihn weiß, aber es ist eben doch eine abstrakte Kategorie, das kann man nicht im eigentlichen Sinne “lieben”.

    • @ Herr Trepl :

      Von den anderen Kulturen verstehe ich nichts.

      Da müssen Sie aber mal ran bzw. hätten beizeiten ran gemusst!

      Es ist jedenfalls ein zentrales ästhetisches-ethisches Argument in unserer Kultur, dem sog. christlichen Humanismus.

      Die aufklärerische Kultur, wenig günstig auch: westlich genannt, ist im philosophischen Individualismus grundiert, sie strebt individuelles Glück (vs. Glück der Horde, die in typischerweise in Räten festgestellt wird, manchmal auch diktatorisch) an und löst so die “Schwarmintelligenz” mit der (für einige: überraschenden) Folge, dass sich alle besser stehen, sich die Gemeinschaft und das Gemeinwohl sich so über die Menge der Einzelnen ergibt.
      Humanismus ohne Attribut wäre womöglich präziser.

      Ich habe das in meinem Buch “Die Idee der Landschaft” (erschienen bei transcript) in Kap. 6.3.2 “Vielfalt, Eigenart, Schönheit” ausgeführt. In der aus dem (konservativen) christlichen Humanismus hervorgegangenen und zugleich gegen ihn gerichteten modernen, liberalen oder sozialistischen Weltanschauung gibt es diesen Zusammenhang von Vielfalt, Eigenart und Schönheit nicht.

      Negativ. – Der Liberalismus meint genau die jetzigen durchgesetzten Gesellschaftssysteme und die haben, zumindest: hier, gewonnen. Weil der Liberalismus nicht totalitär ist, schätzt er auch ‘Vielfalt, Eigenart und Schönheit’.
      Nun, der Konditionialsatz war natürlich polemisch gemeint, aber es ist in praxi so.

      MFG
      Web Dr. Baer

  6. Ein Begründungsdilemma gibt es auch in anderen Bereichen, z.B. in der öffentlichen Finanzierung von Kultur und Wissenschaft. Das Nutzen-Argument versteht jeder, insbesondere der Politiker. Es ist auch nicht an sich falsch, aber eben nicht ausreichend.

    Wissenschaft wird auch aus Erkenntnisstreben betrieben und Förderung von Kunst und Kultur, die Erhaltung von Baudenkmälern und Kunstwerken betreibt ästhetische oder symbolischen Gründen, um unsere graue Alltagswelt geistig zu möblieren.

    Wissenschaft und Kunst/Kultur sind aber per se anthropozentrisch ausgerichtet, die Natur nicht. Vielleicht lässt sich die Vielfalt als ein ästhetische-ethisches Argument besser anwenden, auch wenn das kein artspezifisches Argument ist. Ich könnte mir vorstellen, dass sich dazu am ehesten Anknüpfungspunkte bei in anderen Kulturen finden lassen. Taktisch empfiehlt sich vielleicht das, was auch Kunstvermittler aus Museen und Denkmalpflege machen: eine “story” erzählen, die das zu wertschätzende Objekt in die Welt des mit dem Objekt unvertrauten Betrachters integriert. Das ist wesentlich ein emotionaler Prozess. Wenn ein Betrachter ein Objekt besser kennengelernt hat, ist er auch bereit, sich dafür jenseits eines reinen Nutzen-Kalküls zu engagieren. Der Vermittler spielt dabei eher die Rolle eine Fürsprechers, als die eines Misssionars.

  7. Der Mensch hat schon 2 Aussterbewellen auf dem Gewissen: Die quartäre und die Holozän-Aussterbewelle.
    In der quartären Aussterbewelle wurden 16 Grossäuger eliminiert.

    Mit Ausnahme Afrikas und des südlichen Asiens starben weltweit alle Arten mit über 1000 Kilogramm Gewicht und 80 % aller Arten mit 100 bis 1000 Kilogramm Gewicht, meist zeitgleich mit dem allmählichen Vordringen des modernen Menschen, aus.

    Bis vor kurzem wurden mehrere Ursachen diskutiert. Doch es verdichten sich die Anzeichen, dass der Mensch dafür verantwortlich war. Jedenfalls gilt als sicher,dass das Mammuth vom Mensch intensiv gejagt wurde. finden sich doch Mammuth-Knochen häufig in der Nähe von steinzeitlichen Behausungen des Homo sapiens, wo sie als Schmuck dienten.

    Die zweite Aussterbewelle, die jetzt während des Holozäns stattfindet, umfasst bereits eine grosse Liste von Arten, wiederum wurden Grosssäuger bevorzugt eliminiert. Dazu die Wikipedia:

    Although 875 extinctions occurring between 1500 and 2009 have been documented by the International Union for Conservation of Nature and Natural Resources,[1] the vast majority are undocumented. According to the species-area theory and based on upper-bound estimating, the present rate of extinction may be up to 140,000 species per year

    Wenn man dieses durch den Mensch verursachtes Artensterben etwas aus Distanz betrachtet, stellt man fest, dass in den letzten paar tausend Jahren sehr viele Arten eliminiert werden. Wenn es so weitergeht, wird nur noch ein Bruchteil der Arten übrigbleiben, die es zu Beginn des Holozäns, also am Ende der letzten Eiszeit noch gab. Solche Auslöschungen sind irreversibel. Früher waren sie noch stärker gerechtfertigt als heute, denn viele Tiere kamen den Menschen in die Quere. Sie waren entweder gefährlich oder wurden aus der Sicht der Landwirtschaft als schädlich betrachtet. Es wurden aber auch viele Arten aus Unachtsamkeit oder nur wegen ihrer Pelze eliminiert. Heute ist die Situation eine andere. Auf Pelze kann man verzichten und Landwirtschaft wird intensiver betrieben. In den USA beispielsweise ist die landwirtschaftlich genutzte Fläche seit den 1930er Jahren konstant geblieben obwohl die Bevölkerung stark zugenommen hat. Die Menschheit muss heute beginnen, langfristig zu denken. Ein wetergehender Artenverlust ist nicht mehr im Sinne der Zukunft der Menschheit. Es fallen auch zunehmen die Gründe weg, die früher das Aussterben fast notwenig machten. Denn schon 2050 werden mehr als 70% aller Menschen in Städten leben. In diesen Städten kommen wilde Tiere und Pflanzen vor allem im Zoo und botanischen Garten vor. Auf dem Land aber kann und soll es weiterhin “wilde” Tiere und Pflanzen geben.

    • “… dass in den letzten paar tausend Jahren sehr viele Arten eliminiert werden. Wenn es so weitergeht, wird nur noch ein Bruchteil der Arten übrigbleiben, die es zu Beginn des Holozäns, also am Ende der letzten Eiszeit noch gab.”

      “Bruchteil” ist zu pessimistisch. Die modernen Menschen bedrrohen nicht alle Arten, sondern nur solche mit bestimmten Eigenschaften. Das sind im wesentlichen die, die heute auf den Roten Listen als “gefährdet” o.ä. eingetragen sind. Unter den nicht gefährdeten sind nicht nur solche, die das derzeitige “Artensterben” nicht tangiert, sondern auch solche, die von der Ausrottung anderer Arten profitieren. Das heutige Aussterben ist in der Tat gewaltig und hat könnte die Größenordnung von historischen Massenaussterben zu Zeiten, als es noch keine Menschen gab, erreichen. Es gab zwar gegen Ende des Perm ein Massenaussterben, das viel mehr Arten betraf, als jetzt zu befürchten ist, das aber so langsam vor sich ging – über Millionen von Jahren – daß es für uns, hätten wir damals gelebt, gar nicht zu bemerken gewesen wäre. Ähnlich zu heute in der Geschwindigkeit waren durch Katastrophen wie Meteoriteneinschläge verursachte Massenaussterben. – Was heute zu befürchten ist, ist, daß etwa ein Drittel der vor kuzem noch lebenden Arten ausgerottet wird.

      “In diesen Städten kommen wilde Tiere und Pflanzen vor allem im Zoo und botanischen Garten vor. Auf dem Land aber kann und soll es weiterhin “wilde” Tiere und Pflanzen geben.”

      Die Städte sind artenreicher als die meisten Typen von “ländlicher Landschaft”. Die höchsten Artenzahlen gibt es an der Peripherie der Städte. – Man kann das auch beobachten. Wenn ich nachts aus meinem Fenster in Berlin schaue, kann ich Wildschweine auf dem Mittelstreifen Richtung Innenstadt galoppieren sehen oder den Fuchs, der auf dem unbebauten Nachbargrundstück seinen Bau hat, umherschleichen. Auf dem Autobahnring um die Stadt ist vor kurzem ein Wolf überfahren worden.

  8. »(2) Es wird argumentiert, daß alle Arten gleichermaßen ein (moralisches) Recht auf Schutz hätten; Homo sapiens sei im Rahmen des unter Naturschützern allgegenwärtigen biologistischen Weltbilds auch nur eine biologische Art, nur eine Spezies unter Millionen. Sie ist als biologische Art – und etwas anderes ist er nicht – allen gleich und hat darum nicht das Recht, sich über andere zu erheben und damit auch nicht das Recht, bestimmte andere Arten über wiederum andere zu erheben.«

    Merkwürdige „biologistische“ Schlussfolgerung, wie ich finde. Von einem echten Biologisten würde ich eher folgende Argumentation erwarten: Im „Kampf ums Dasein“ ziehen manche Arten eben den Kürzeren—und das ist (in der Regel) auch gut so.

    Aber wenn Exemplare der Spezies Homo sapiens dank ihres kognitiven Vermögens nun aber erkennen, dass das Verschwinden mancher Arten der eigenen Spezies schaden könnte, dann gibt es einen guten Grund, diese Arten zu schützen. Und zwar aus reinem Eigennutz.

  9. »Für die Begründung des Artenschutzes sind ökologische Funktionen und damit verbundener ökonomischer Nutzen nicht völlig, aber ziemlich unwichtig. […] Artenschutz betreiben wir tatsächlich wegen derjenigen Arten, die mit den Formulierungen „attraktiv“, „exotische und imposante Lebewesen“ oder „visuelle Vorlieben“ angedeutet sind.«

    Ich würde es so sagen:

    Bei den attraktiven, exotischen und imposanten Arten betreiben wir Artenschutz aus eben diesen Gründen, weil sie eben für uns diese „Eigenschaften“ haben.

    Auf den roten Listen stehen aber auch Arten, die nicht imposant oder attraktiv erscheinen. Warum will man unscheinbare Arten, über deren ökologische Bedeutung man wenig weiß, erhalten? Da müsste die Begründung doch eigentlich anders lauten.

    Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Idee des Artenschutzes im Zusammenhang mit auffälligen Tierarten entstanden ist. Weiß man etwas Genaueres darüber?

    Ich habe den Eindruck, als könnte man in weiten Teilen des Blog-Beitrags den Begriff ‚Artenschutz‘ durch ‚Denkmalschutz‘ ersetzen. Die wenigsten denkmalgeschützten Kulturobjekte haben (aktuell) einen ökonomischen Nutzen. Aber man (zumindest der Denkmalschützer) hält sie für wertvoll und erhaltenswert.

    • “Bei den attraktiven, exotischen und imposanten Arten betreiben wir Artenschutz aus eben diesen Gründen, weil sie eben für uns diese „Eigenschaften“ haben.”

      Ja, aber den typischen Naturschützern ist das nicht recht. Sie suchen nach “objektiven” Schutzgründen, und das sind ökonomische und ökologische. Denen müßte, meinen sie, jeder zustimmen.

      “Ich habe den Eindruck, als könnte man in weiten Teilen des Blog-Beitrags den Begriff ‚Artenschutz‘ durch ‚Denkmalschutz‘ ersetzen.”

      Ja, so ist es. Neben vor vor dem ästhetischen Argument kommt das der kulturell-symbolischen Bedeutung. Die Argumentation der Naturschützer, die ja vielfach krumm und schief ist, würde auf vieles schlüssiger, wenn sie zugestehen würden, daß das, was sie tun, zu großen Teilen Denkmalschutz ist.
      “Warum will man unscheinbare Arten, über deren ökologische Bedeutung man wenig weiß, erhalten?”

      Die wohl verbreitetste Begründung ist (s. o. im Artikel), daß sich eine wichtige ökologische Funktion ja noch herausstellen könnte. Das wurde als “Rumpelkammer-Argument” kritisiert: Man wirft nichts weg, sondern stellt es in die Rumpelkammer, denn es könnte ja sein, daß man es doch noch mal brauchen könnte. Das Leben zeigt aber, das das nie passiert.

      “Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Idee des Artenschutzes im Zusammenhang mit auffälligen Tierarten entstanden ist. Weiß man etwas Genaueres darüber?”

      Ja, weiß man. Solche Sachen sind gut untersucht. Seltene, aber auch schöne, auffällige und kulturell bedeutende Arten (mit Symbolwert wie beim Edelweiß) hat man zuerst geschützt, und zwar als einzelne Arten; man dufte sie nicht töten bzw., bei Pflanzen, pflücken. Erst im 20. Jahrhundert kam die Idee zum Tragen, nicht einzelne Arten, sondern ganze Gebiete unter Schutz zu stellen. – Wichtig war aber schon im 9 Jh. das Nutzen-Argument: “Nützliche” Arten, das sind i.w. solche, die “schädliche” Arten fressen (Vögel fressen Insekten) wurden eschützt.

  10. So ganz stimmt das nicht. Prozesse von der Geschwindigkeit des Kastanienrückgangs und der Wandertauben-Ausrottung gab es in großer Zahl auch ohne menschliches Zutun gegeben (z.B. bei der Öffnung und Schließung des Isthmus von Panama, bei der Vereinigung Indiens mit der eurasischen Landmasse. Ich habe dazu vor einigen Monaten einen Blogartikel geschrieben, unter dem etwas irreführenden Titel “Biologische Invasionen – zur Definition des Begriffs” (https://scilogs.spektrum.de/landschaft-oekologie/2015/01/). Dort habe ich auch meine Auffassung dazu dargelegt, was denn das prinzipiell Neue an den ökologischen Veränderungen durch die modernen Menschen ist.

    Übrigens bin ich für dieses Thema Experte, nicht für Fragen der Erkenntnistheorie. Aber was ich auch schreibe: die Kommentatoren schreiben über Erkenntnistheorie und ähnliches, die Ökologie scheint die Blog-Leser kaum zu interessieren.

    “Der Erhalt [gemeint ist ‘die Erhaltung’] von Resten von Wildnis sollte als universelle Aufgabe der ganzen Menschheit betrachtet werden”

    Das meine ich auch, aber darin erschöpfen sich nicht die konkreten Aufgaben des Artenschutzes, um die es ja in diesem Artikel geht. Die Idee “Wildnisschutz” könnte man natürlich nehmen, um die Diskussion um eine Prioritätenliste der zu schützenden Arten zu beenden, aber man löst damit keum eines der Probleme, die ich angedeutet habe.

  11. Artenschutz aufgefasst als Wildnisschutz hat universelle Bedeutung. Ohne Wildnisschutz werden nicht nur sehr viele Arten verschwinden, sondern die biologische Entwicklung als Geschichtsverlauf wird vollkommen umgeworfen und alles den menschlichen Zeitskalen unterworfen. Und diese Zeitskalen sind im Vergleich mit den Zeitskalen in denen sich biologische Lebensräume entwickeln, sehr kurz. Als Beispiel für die weitreichenden und sehr schnell ablaufenden Veränderungen, die menschliche Eingriffe bewirken kann man das Verschwinden der Kastanienbäume in den USA aufführen. Diese dominierten bis 1900 viele amerikanische Wälder und wurde dann Opfer einer eingeschleppten Pilzkrankheit. Heute gibt es kaum noch Kastanienbäume in den USA. Ein anderes Beispiel ist das Verschwinden der Wandertaube, die im 19. Jahrhundert noch die häufigste Vogelart der Welt war, 1914 starb dann aber das letzte Exemplar. Die Siedler hatten den Wandertauben den Lebensraum entzogen und sie zudem abgeschossen wo immer es ging.
    In 100 Jahren haben sehr grosse Gebiete ihren Charaketer vollkommen geändert, viele Arten sind verschwunden viele neue eingewandert. Prozesse, die es auch ohne Menschen gibt, nur sind sie eben jetzt um das hundertfache beschleunigt.
    Der Erhalt von Resten von Wildnis sollte als universelle Aufgabe der ganzen Menschheit betrachtet werden und vom Gedanken an die wünschbaren Zukunft der ganzen Menschheit ausgehen. Dabei sollte man in Zeiträumen von Jahrhunderten und Jahrtausenden denken.

    • Ergänzung: Zuwenige denken heute echt global, zuwenige denken an die ganze Menschheit. Es gibt aber so etwas wie das Schicksal der Menschheit, nicht nur das Schicksal von Einzelmenschen oder Nationen. Das Schicksal und die Zukunft der Menschheit lässt sich an den Wünschen und Bestrebungen von Menschen heute im Vergleich zur Vergangenheit und an den langfristigen Trends ablesen. Diese Bestrebungen und Trends gehen nicht nur zu mehr Wohlfahrt, sondern auch zu mehr Lebensperspektiven und mehr freier Zeit. Diese freie Zeit werden viele vor allem in städtischen Räumen verbringen. Sie werden aber auch bei Ausflügen in die Landschaft und Wildnis erwarten, dort etwas erleben zu können. Die Erdoberfläche zusammengesetzt aus industrialisierten, ausgelaugten Landschaften und artenarmen Einöden, das wünscht kaum jemand.