„Es gibt kein Gleichgewicht in der Natur“

„Erkenntnisse der wissenschaftlichen Ökologie stehen oftmals im deutlichen Gegensatz zu den Glaubenssätzen des Ökologismus. So wird kein Forscher heute mehr ernsthaft behaupten, es gäbe in der Natur ein Gleichgewicht. Dennoch gehört das Motiv des ‚natürlichen Gleichgewichts’ der ‚Balance’ nach wie vor zu jeder politischen Sonntagsrede,“ schreiben die bekannten Kritiker des „Ökologismus“ Maxeiner und Miersch, und zahllose andere behaupten das auch.

„Kein“ Forscher ist falsch. Viele Forscher behaupten, es gebe in der Natur ein Gleichgewicht. Sie haben recht. Richtig befragt, wird sogar kaum einer diese Behauptung bestreiten. Wenn eine Mulde entsteht und Wasser zuläuft, dann befinden sich Zu- und Abfluß nicht im „Gleichgewicht“ (in Anführungszeichen, denn es handelt sich hier um eine Metapher; ich lasse die Gänsefüßchen von jetzt ab weg); der Abfluß liegt erst bei Null und der Wasserspiegel steigt. Wenn die Mulde voll ist und überläuft, befinden sich nach kurzer Zeit dagegen Zu- und Abfluß im Gleichgewicht, nämlich im Fließgleichgewicht. Es fließt so viel ab wie zu und der Wasserspiegel ändert sich nicht mehr. Wenn genau so viele Individuen einer Population sterben und abwandern wie geboren werden und zuwandern, dann befindet sich die Populationsgröße im Gleichgewicht.

Die in der Ökologie so häufige Kritik an der „Gleichgewichtsökologie“ (d. h. an bestimmten in der Tat in der Ökologiebewegung, kaum in der Ökologie selbst, überaus verbreiteten Auffassungen) ist nicht, daß es „in der Natur kein Gleichgewicht“ gibt; selbstverständlich gibt es das. Die Kritik bezieht sich, soweit ich sehe, auf fünf Punkte. Die ersten zwei sind trivial:

(1)     Zu- und Abfluß – im obigen Beispiel – erweisen sich auch im Gleichgewichtszustand bei näherer Betrachtung als nicht genau gleich. Dennoch ist die Rede vom Gleichgewicht hier sinnvoll; sie ist nicht nur auf die Welt der Modelle, sondern auf die empirische Welt bezogen sinnvoll. Denn (a) wollte man diese Rede als falsch bezeichnen, dann wäre auch der Satz „dieser Gegenstand wiegt 1 kg“ falsch, denn kein einziger Gegenstand im Universum wiegt genau 1 kg; bezogen auf einen empirischen Gegenstand bedeutet „wiegt 1 kg“ nicht „genau 1 kg“, sondern „ungefähr“ oder „ziemlich genau 1 kg“. Jeder weiß das, und es ist einfach überflüssig, das jedes Mal hinzuzufügen. Allerdings: Im Beispiel des Populationsgleichgewichts kann es tatsächlich ein genaues Gleichbleiben geben, und das kommt wirklich ab und zu über eine gewisse Zeit hin vor. Denn es handelt sich hier nicht um ein Kontinuum, wo unendlich feine Abstufungen möglich sind, sondern um diskrete Objekte (Individuen), die entweder vorhanden oder nicht vorhanden sind. (b) Die Rede vom Gleichgewicht ist in der Ökologie aller Regel relativ gemeint. Wer in der Populationsökologie vom Gleichgewicht spricht, behauptet nicht ein völliges Gleichbleiben der Individuenzahl, sondern nur einen signifikanten Unterschied zu den Phasen, die er „Wachstum“ oder „Rückgang“ nennt.

(2)     „Die Natur“ befindet sich selbstverständlich nicht in einem Gleichgewicht. Mit „die Natur“ pflegt die lebende Natur auf der Erde gemeint zu sein, und kein Ökologe, der davon redet, daß es ökologische Gleichgewichte gibt, leugnet die Evolution. Das muß man also nicht betonen.

Die nächsten drei Punkte sind nicht so trivial:

(3)     Wer sich gegen die „Gleichgewichtsökologie“ ausspricht, meint oft, daß sich „die Natur“, und gemeint ist hier die Biosphäre, nicht in einem organischen Gleichgewicht[1] befindet. Das heißt, die Biosphäre als Ganze stellt nicht bestimmte Zustände, darunter solche des Gleichbleibens, deshalb her, weil sie eine Funktion für die Biosphäre als Ganze haben („Gaia-Hypothese“), so wie ein einzelner Organismus z. B. eine gleichbleibende Körpertemperatur erzeugt, die eine Funktion für diesen Organismus erfüllt und – in teleologischer Sprechweise – weil sie sie erfüllt. Soweit es hier Gleichgewichte gibt, sind es „äußere, ähnlich wie bei einer geschlossenen Population, der über eine bestimmte Zeit genau so viele Individuen wegsterben, wie durch Geburt hinzukommen. Es ergibt keinen Sinn zu sagen, daß die einen sterben, weil andere hinzukommen.

(4)     Dasselbe gilt auch für einzelne Ökosysteme. Die Ablehnung der „Gleichgewichtsökologie“ richtet sich hier gegen organizistische Vorstellungen von Ökosystemen oder Lebensgemeinschaften („Superorganismus“), wie sie etwa von August Thienemann vertreten wurden[2].

(5)     Die Ablehnung der „Gleichgewichtsökologie“ richtet sich einfach gegen eine Überschätzung der Häufigkeit von Gleichgewichtszuständen im Gegenstandsbereich der Ökologie. Das heißt, es wird hier nicht (nur) behauptet, daß es auf der Ebene von Ökosystemen oder Lebensgemeinschaften als Ganzen kein organisches Gleichgewicht gibt, sondern daß die „äußeren“ Gleichgewichte, etwa die Fließgleichgewichtszustände, wie sie z. B. zwischen Populationen von Räubern und ihrer Beute zeitweilig herrschen können, viel seltener sind als von der „Gleichgewichtsökologie“ behauptet.

Blogartikel und andere Texte im Internet mit Bezug zum Thema: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8


[1] Weil, Angela 1999: Über den Begriff des Gleichgewichts in der Ökologie – Ein Typisierungsvorschlag. Landschaftsentwicklung und Umweltforschung 112.

[2] Als Prototyp dieser Auffassungen gilt meist die Theorie von Frederik Clements. Es ist bei diesem aber komplizierter, siehe Kirchhoff, Thomas (2007): Systemauffassungen und biologische Theorien. Zur Herkunft von Individualitätskonzeptionen und ihrer Bedeutung für die Theorie ökologischer Einheiten. Beiträge zu Kulturgeschichte der Natur, Bd. 16 (Dissertation Technische Universität München) und Voigt, Annette (2009): Theorien synökologischer Einheiten – Ein Beitrag zur Erklärung der Uneindeutigkeit des Ökosystembegriffs, Stuttgart: Franz Steiner Verlag (= Sozialgeographische Bibliothek, Bd. 12) (Dissertation Technische Universität München).

 

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Beeindrucked

    Keine ahnung was das war aber es war obergeil.
    Dissertation, Doktorarbeit oder langeweile, usw.
    Aber eine wirklich intelligente und coole herangehensweise
    an ein problem. Dabei kenne ich ich nicht einmal
    Den unterschied zwischen ökologie und ökologismus.
    Ich habe nebenbei ein bildhaftes beispiel dafür gefunden
    Aber wirklich gut gemacht mit zu, abfluß und überlauf.
    Danach ein wenig zuviel, wenn die argumente unwichtig sind
    Lässt man sie weg! Lehrreich, inspirierend.

  2. @Florian Werner

    Das Urkilogramm ist aber kein natürlicher Gegenstand. Es ist auch kein künstlicher von der Art eines behauenen Steines oder einer zubereiteten Mahlzeit, sondern von der Art des Geldes . Beim Geld ereignete sich wohl erstmals zumindest zum ersten mal mit grundstürzender Wirkung -, daß ein natürliches Ding entstand, das zugleich etwas völlig Übernatürliches hat, sozusagen ein anfaßbares Gespenst: Ein natürliches Ding (Gold), das zugleich etwas Übernatürliches (Geld) ist. Es ist ein Naturgegenstand, der eine Eigenschaft hat, die kein Naturgegenstand haben kann, nämlich über eine gewisse Zeit vollkommen gleich zu bleiben. Es ist nämlich auch morgen als Geld noch exakt genau so viel wert, auch wenn es als Naturgegenstand, als Gold, mit Sicherheit nicht mehr genau so viel Masse hat. Daß das so ist, ist der Gesellschaft geschuldet: Diese, in Gestalt des Königs, der seinen Kopf auf die Münze prägen läßt, garantiert das Gleichbleiben als Geld (ausführlich siehe Alfred Sohn-Rethel, Warenform und Denkform, und andere Schriften von ihm).

    Das Urkilogramm ist, als ein übernatürliches Wesen, immer exakt ein Kilogramm schwer, als Naturding hat es aber keine Sekunde lang exakt die gleiche Masse. Wenn sich derartiges letztlich von dem Ereignis der Entstehung des Geldes herleitet, dann könnte man daraus vielleicht folgern, daß unsere gesamte auf Messen aufgebaute Wissenschaft uns die Natur nach dem Bilde des Geldes darstellt.

  3. Kleine Korrektur

    …dann wäre auch der Satz „dieser Gegenstand wiegt 1 kg“ falsch, denn kein einziger Gegenstand im Universum wiegt genau 1 kg;…

    Der Internationale Kilogrammprototyp wiegt genau ein Kilogramm. Siehe evtl. den Wikipedia-Artikel zu Kilogramm.

  4. @ Martin Holzherr: Gleichgewicht …

    „Fazit: Ein Gleichgewicht hat es in der Natur noch nie gegeben“. Doch; habe ich das in dem Artikel nicht hinreichend erklärt?

    „Der Ökologismus wie er von Maxeiner und Mirsch charakterisiert wird, vereint viele Denk- und Glaubensströmungen, die insgesamt als technikspeptisch und rückwärts gewandt charakterisiert werden können; die die heile Welt in einer Verbundenheit mit der Natur und der angestammten Kulturlandschaft suchen und deren geistige Wurzeln bei Rudolf Steiner …“

    Ich habe nicht den Eindruck, daß der Ökologismus, den Maxeiner und Miersch kritisieren, so richtig charakterisiert ist: Die beiden kritisieren nicht die konservative Zivilisationskritik im allgemeinen, die Sie hier umreißen, sondern etwas Spezielleres, nämlich die spezielle grüne Ideologie der letzten Jahrzehnte mit all ihren technokratischen Zügen, zu deren Propagandisten sie selbst einst gehörten.
    Im Übrigen ist Rudolf Steiner allenfalls ein kleines Rinnsal gemessen mit dem breiten Strom an konservativer Zivilisationskritik, die mit dem Verweis auf die „angestammte Kulturlandschaft“ ja gemeint ist. Diese Zivilisationskritik war immer mal wieder mainstream in Mitteleuropa über mindestens ein Jahrhundert, Steiner dagegen steht für ein sektenartiges Phänomen ganz am Rande.

    Neophyten/Neozoen: Dazu will ich demnächst in diesem Blog etwas Ausführlicheres schreiben. Die „biologischen Invasionen“ sind über zehn Jahre lang mein Haupt-Forschungsgebiet gewesen.

  5. Anti-Gaia-Hypothese == Medea-Hypothese

    Die Gaia-Hypothese stipuliert, dass die organischen und inorganischen Komponenten des Erdsystems im Sinne der Lebenserhaltung zusammenarbeiten.

    Viele paläoontologische Ereignisse wie Massenextinktionen sprechen aber gegen die Gaia-Hypothese und zwar so stark, dass es inzwischen eine Anti-Gaia-Hypothese gibt, die postuliert, dass es viele mit Lebenstätigkeit verbundene Prozesse gibt, die spätere Katastrophen und Massenextinktionen auslösen.

    Ein Beispiel ist der Sauerstoff-Holocaust. Bevor die Atmosphäre einen grossen Anteil an Sauerstoff hatte, war für die meisten damaligen Organismen Sauerstoff ein Gift, denn sie bauten ihren Stoffwechsel auf Prozesse auf, die in einer stark sauerstoffhaltigen Umgebung nicht möglich waren.

    Andere Massensterben sollen durch verwesendes organisches Material, das auf den Ozeanboden sank und später Methan freisetzte, ausgelöst werden.

    Der korrekte Name für die Anti-Gaia-Hypothese ist Medea-Hypothese. Sie wurde von Peter Ward, einem Paläöontologen aufgestellt und hat als Hauptaussage, dass (Zitat)die als Superorganismus aufgefasste Gemeinschaft mehrzelligen Lebens inhärent selbstzerstörerisch sei.

    Vielleicht ist der letzte, besonders raffinierte Selbstzerstörungsversuch ja die Entwicklung von intelligentem Leben. Vielleicht braucht es den Menschen um mehrzelliges Leben auf diesem Planeten nicht nur um 90% zu reduzieren wie während den grossen Massenextinktionen, sondern um es definitiv und für immer auszulöschen.
    Wenn höheres Leben im Endeffekt immer zur Selbstzerstörung führt, erklärt das auch das Fermi-Paradoxon: Eigentlich wären andere intelligente Lebewesen in einem überall gleich aufgebauten Universum zu erwarten. Auch in unserer Milchstrasse. Wenn diese Brüder im Geiste aber genügend lang existieren, bevölkern sie schon nach einigen hundert Millionen Jahren die gesamte Galaxie. Das tun sie aber nicht, weil es sie offensichtlich nicht gibt – oder nicht mehr gibt. Nicht mehr gibt, weil intelligentes Leben per se dazu neigt sich selbst auszulöschen. Nun, es gibt noch eine Hoffnung für uns. Wir könnten die ersten sein, die nicht nur die Gefahr der Selbstzerstöruung erkennen, sondern ihr auch entgehen können.

  6. Superorganismen

    Zur Diskussion zwischen @ Georg Hausladen und @ Balanus über „Biosphäre als Superorganismus“ möchte ich noch einen etwas anderen Gesichtspunkt beitragen:

    Es ist möglich, nicht nur die Biosphäre, sondern den „Kosmos“ insgesamt als einen „Superorganismus“ zu sehen. Das ist logisch vollkommen konsistent und nach meinem Dafürhalten viel reflektierter und tiefer als bei den modernen Systemtheoretikern von Leibniz durchgeführt worden (Monadologie). Die Sache hat nur einen Haken: Die logische Konsistenz setzt einen Schöpfer voraus. In diesem muß das harmonische wechselseitige Sich-Hervorbringen und -Erhalten von Teilen und Ganzem sozusagen als Idee vorhanden gewesen sein, bevor es materielle Wirklichkeit wurde. Nun ist aber, wie man seit Kant wissen kann, die theoretische Vernunft nicht in der Lage, das, was wir „Natur“ nennen, in dieser Weise zu denken. Sie muß die Natur als einen Kausal-, nicht als einen Zweckzusammenhang darstellen, andernfalls kann in ihr nicht als „erklärt“ gelten.

    Und das ist notwendig für die theoretische Vernunft, es ist nicht eine methodische Einschränkung, die die Naturwissenschaft auch lassen könnte, wenn sie ihr unpraktisch erscheint. Man sieht das daran, wie die Naturwissenschaft mit dem umgehen muß, was sie methodisch ausschließt: mit der zielsetzenden Instanz: Man darf sie nur zu heuristischen Zwecken verwenden (und muß das, andernfalls ist Biologie nicht möglich, ich habe das in Kapitel „Zur Definition von Leben“ dieses Buches: http://www.peterlang.com/…22/datasheet_53474.pdf näher ausgeführt). Der Verweis auf diese Instanz erklärt nichts, wir versuchen damit nur, uns etwas verständlich zu machen.

    Beispiel: Warum fängt der Vogel Insekten? Um seine Jungen zu füttern. Mit dieser „Erklärung“ vom Ziel her machen wir uns den Vorgang verständlich , aber kein Biologie kann das als Erklärung akzeptieren. Er ist unvermeidlich erst befriedigt, wenn er dieses „zielgerichtete“ Geschehen in ein Kausalgeschehen von Reizeinwirkung, Hormonausschüttung usw. aufgelöst hat.

    Nun kommen wir nicht umhin, einen Organismus uns in genau dieser Weise „verständlich“ zu machen: In ihm geschieht alles, um das Ziel der Selbsterzeugung zu erreichen (wechselseitige Produktion und Reproduktion von Teilen und Ganzem). Erklären müssen wir aber dieses Gebilde namens Organismus, das wir durch den Zwang zur heuristischen Verwendung des Zweckbegriffs überhaupt nur von der übrigen „Natur“ unterscheiden können, kausalmechanisch.

    Wo wir keine Organismen vor uns haben (sondern z. B. Populationen, Ökosystemen, der Biosphäre), können wir manchmal bestimmte Aspekte des Organismusbegriffs durchaus auch heuristisch benutzen, d. h. das bringt mitunter auf weiterführende Ideen. Aber es besteht halt immer die Gefahr, das ganze Gebilde für einen Organismus zu halten und Erklärungen anzunehmen, die ein „Programm“ (Idee vom Ziel, bzw. etwas dem genetischen Programm Entsprechendes) voraussetzen.

    Beispiel: Im Ökosystem regnet es, damit die Pflanzen wachsen können. Diese „Erklärung“ vom Ziel her wäre aber falsch: Es regnet einfach, und in der Folge können Pflanzen wachsen.
    Beispiel: Bestimmte physikalische Objekte ändern ihre gegenseitige Lage so lange, bis eine bestimmte Struktur („Kristall“) entstanden ist, die sich dann nicht mehr ändert („Gleichgewicht“). Das liegt nicht an einem „Programm“ – wo immer dies seinen Ort haben mag –, sondern einfach an den Oberflächeneigenschaften der Teile: sie ordnen sich so an, daß/bis sie zueinander passen.

    Damit will ich sagen: Man sieht, auf welche Abwege es führen kann, wenn man einzelne Analogien, die man zwischen Vorgängen im Organismus und Vorgängen in Ökosystemen oder der Biosphäre erkennen kann, zum Anlaß nimmt, von „Superorganismen“ zu sprechen. Allenfalls in Ausnahmefällen handelt es sich in den Beziehungen zwischen Organismen verschiedener Arten, etwa Gleichgewichten, um „organische“ (und nicht um „äußere“), also um solche, die uns die Heuristik des zielgerichteten Agierens aufnötigen .

  7. @Georg Hausladen

    Sie haben sicherlich Recht mit Ihrer Annahme, dass der Begriff “Superorganismus” Verwirrung stiften kann. Eigentlich dürfte der Begriff ‘Organismus’ nicht mehr in dem Begriff für diese höhere Organisationsform lebender Systeme auftauchen.

    So wie Makromoleküle keine “Superatome” sind, Zellen keine “Supermakromoleküle” und Organismen keine “Superzellen”, so ist auch die Biosphäre kein “Superorganismus”. Das ist auch mir klar.

    Allerdings, der Begriff “Biosphäre” dient nur zur Abgrenzung von der Geo- oder Atmosphäre. Im Begriff “Superorganismus” könnte hingegen zum Ausdruck kommen, dass alle lebenden Einzelsysteme (Organismen) eine lebendes Gesamtsystem (Biosphäre) bilden. Dort, wo ein lebendes System beobachtet werden kann, finden sich in aller Regel weitere lebende Systeme der gleichen oder anderen Art.

    Frage: Angenommen, wir wollten einen erdähnlichen aber sterilen Planeten mit Leben infizieren, dürften aber nur ein einziges Individuum dafür verwenden, welches würden wir wählen? Und wie groß wäre wohl die Chance, dass es sich vermehrt?

  8. Korrektur

    Bitte entschuldigen Sie. Nachdem ich die “spitzen Klammern” verwendet habe, um etwas kursiv zu setzen, sind in dem Text offenbar einige Worte (die in den Klammern) verschwunden (irgendwie kapier ich’s nicht). Hier die korrigierte Version ohne Hervorhebungen:

    Aber warum nur verwenden sie die Metapher des Organismus? Ein Organismus ist erkenntnistheoretisch ein ganz besonderer Gegenstand, er hat eine besondere Organisation. Nach Kant müssen wir ihn (weil er lebt) so denken, als wäre er sich selbst Mittel zum Zweck (Kant spricht vom “Naturzweck”) – heute spricht man (mit Humberto Maturana) von “autopoietischen” Systemen. Die “Besonderheit” der Biosphäre (und Ökosystemen – ich weiß die sehen diese anders und das ist gut so, aber viele machen diesen Unterschied nicht) als “Superorganismen” wird doch erst deutlich, wenn man fragt, was sie als Systeme von Organismen unterscheidet. Biosphäre und Ökosysteme bilden zwei besondere (andere) Formen von biologischen Systemen. Und was sie von Organismen unterscheidet, ist auch meiner Ansicht nach eine äußerst interessante Frage. Sie schreiben ja auch:

    „Diesen Unterschied mache ich natürlich auch. Deshalb nenne ich die Biosphäre ja auch einen “Super”-Organismus, um den Unterschied zu den normalen Organismen deutlich zu machen, zu deren Mechanismen der Selbstorganisation usw.“

    Den Begriff des Organismus in diesem Zusammenhang als Metapher zu verwenden, stiftet nur Verwirrung, weil man meint, dass diejenigen, die den Begriff so verwenden, tatsächlich denken, die Organisation der Biosphäre (oder eines Ökosystems) entspräche von der Form her der des Organismus. Entscheidend für die Diskussion wäre aber der Unterschied. Man sagt (und sie weisen auch darauf hin), dass sich die Biosphäre “selbst” organisiert. Bei dieser “Selbstorganisation” handelt es sich aber um eine ganz andere als bei der des Organismus. Worum es sich genau handelt, weiß ich auch nicht so recht. Daher wäre es schon interessant zu erfahren, was die “Selbstorganisation” der Biosphäre auszeichnet (gegenüber der Organisation von unbelebten Steinen, Maschinen, Viren, “normalen” Organismen, Populationen, Ökosystemen – denn all diese Systeme sind ganz unterschiedlich organisiert und einige organisieren sich in bestimmter, aber doch ganz unterschiedliche Weise “selbst”).

    Was zeichnet in ihren Augen die Organisation der Biosphäre (des “Superorganismus”) gegenüber der des „normalen“ Organismus aus?

  9. @ Balanus

    Aber warum nur verwenden sie die Metapher des Organismus? Ein Organismus ist erkenntnistheoretisch ein ganz besonderer Gegenstand, er hat eine besondere . Nach Kant müssen wir ihn (weil er lebt) so denken, als wäre er sich selbst Mittel zum Zweck (Kant spricht vom “Naturzweck”) – heute spricht man (mit Humberto Maturana) von “autopoietischen” Systemen. Die “Besonderheit” der Biosphäre (und Ökosystemen – ich weiß die sehen diese anders und das ist gut so, aber viele machen diesen Unterschied nicht) als “Superorganismen” wird doch erst deutlich, wenn man fragt, was sie als Systeme von () Organismen unterscheidet. Biosphäre und Ökosysteme bilden zwei besondere (andere) Formen von biologischen Systemen. Und was sie von Organismen unterscheidet, ist auch meiner Ansicht nach eine äußerst interessante Frage. Sie schreiben ja auch:

    “Deshalb nenne ich die Biosphäre ja auch einen ‘Super’-Organismus, zu den normalen Organismen deutlich zu machen, zu deren Mechanismen der Selbstorganisation usw.” (Hervorhebung: G.H.)

    Den Begriff des Organismus in diesem Zusammenhang als Metapher zu verwenden, stiftet nur Verwirrung, weil man meint, dass diejenigen, die den Begriff so verwenden, tatsächlich meinen, die Organisation Biosphäre (oder Ökosystem) entspräche von der Form her der des Organismus. Entscheidend für die Diskussion wäre aber der Unterschied. Man sagt (und sie weisen auch darauf hin), dass sich die Biosphäre (bzw. Ökosystemen) “selbst” organisieren. Bei dieser “Selbstorganisation” handelt es sich aber um eine ganz andere als bei der des “Organismus”. Worum es sich genau handelt, weiß ich auch nicht so recht. Daher wäre es schon interessant zu erfahren, was die “Selbstorganisation” der Biosphäre auszeichnet (gegenüber der Organisation von unbelebten Steinen, Maschinen, Viren, Organismen, Populationen, Ökosystemen – denn all diese Systeme sind ganz unterschiedlich organisiert und einige organisieren sich in bestimmter, aber doch ganz unterschiedliche Weise “selbst”).

    Was zeichnet in ihren Augen die Organisation der Biosphäre (des “Superorganismus”) der des Organismus aus?

  10. @Georg Hausladen

    »Wenn die Ökosysteme ein Konstrukt sind, warum sollte dann die Gesamtheit aller Ökosysteme kein solches Konstrukt, sondern (wie für Sie) eine ontologische Einheit sein?«

    In einem beliebigen Ökosystem leben zu einem bestimmten Zeitpunkt bestimmte Lebensformen (ohne Organismen kein Ökosystem). Alle Lebensformen aus allen Ökosystemen zusammengenommen bilden die Biosphäre. Es spielt also keine Rolle, ob die Ökosysteme statisch sind oder sich dynamisch verändern, auf die Gesamtsumme der Lebensformen (oder die Gesamtzahl der Organismen) hat das keinen Einfluss.

    Konkrete Einheiten sind also nur die Organismen und die Strukturen der unbelebten Umwelt.

    Ob man die Gesamtheit der Organismen (die Biosphäre) als “ontische Einheit” bezeichnen kann, weiß ich nicht, ich bin kein Philosoph. Dennoch finde ich, die Tatsache, dass praktisch alle heute hier existierenden Lebensformen den gleichen genetischen Code verwenden und aus nur wenigen Urformen hervorgegangen sind, gestattet es, von einer “Einheit des Lebens” zu sprechen. Aber den “Superorganismus” würde ich nun auch nicht unbedingt als “ontische Entität” verteidigen wollen. Vielleicht würde man sogar besser von drei, vier oder fünf Superorganismen reden, um die verschiedenen Reiche besser abzubilden.

    Ich hätte auch kein Problem damit, einen Insektenstaat oder einen Korallenstock als Superorganismus zu bezeichnen.

    Aber damit kein Missverständnis aufkommt: “Superorganismus” ist für mehr eine Metapher denn eine superkomplexe Lebensform gleich den Organismen.

    »Zu 1.: Ich denke, dass ihnen die meisten Biologe in diesem Punkt widersprechen würde, weil sie einen Unterscheid macht, zwischen Ontogenese (d. h. der Entwicklung eines Individuums) und Biogenese (der Entstehung von Leben überhaupt).«

    Diesen Unterschied mache ich natürlich auch. Deshalb nenne ich die Biosphäre ja auch einen “Super”-Organismus, um den Unterschied zu den normalen Organismen deutlich zu machen, zu deren Mechanismen der Selbstorganisation usw.

    Wie gesagt, “Superorganismus” ist für mich einfach eine schöne Metapher für die wechselseitige Abhängigkeiten der einzelnen Organismen (okay, einige Mikroorganismen gibt es wohl, die von anderen Lebensformen total unabhängig sind).

    Man kann natürlich darüber streiten, ob meine Analogie sinnvoll ist. Aber warum soll ein “Superorganismus” nicht andere Eigenschaften haben dürfen als ein Einzelorganismus?

    »Nur nebenbei: Warum sollte allein eine „kosmische Katastrophe“ zum Verschwinden der Biosphäre führen, man könnte sich doch auch allerhand „innere“ Katastrophen (Ursachen) vorstellen? «

    Tatsächlich? Mir war, als ich das schrieb, nichts anderes eingefallen. Nur solche Sachen wie: Kosmische Strahlung zerstört die Funktionen der RNA und DNA aller Lebewesen; die Erde wird aus ihrer Umlaufbahn um Sonne herausgerissen, und was es sonst noch so an schönen Katastrophenszenarien gibt.

    Ein “natürlicher” Tod wird vom Organismus selbst verursacht. Das Gegenteil davon ist nicht “künstlich”, sondern “unnatürlich”, von äußeren Einflüssen herbeigeführt.

    »Noch einmal: Wo findet man ein derartiges [genetisches] Programm in der Biosphäre?«

    Natürlich nur in den einzelnen Teilen seiner Konstituenten. Die Biosphäre als Ganzes braucht kein genetisches Programm, um zu existieren und sich zu verändern, das übernehmen die Teile.

    So wie das genetische Programm nur in den einzelnen Zellen eines Vielzellers realisiert wird und dennoch ein komplexer vielzelliger Organismus entsteht.

    »Zu 3.: Dass solche Systeme „die ganz große Ausnahme“ sind, spricht nicht gegen mein Argument. «

    Richtig. Es ging hier darum, dass ich behauptet habe, Ökosysteme hätten keine scharfe Begrenzung, im Unterschied zu den Organismen. Ich könnte es auch so sagen: Organismen haben immer eine relativ scharfe Grenze zur Außenwelt, die Ökosysteme in der Regel nicht.

  11. Neue Nüchternheit anstatt Ökologismus

    Ökologismus = Romantik+Apokalypse+Eso+TechnikFeindlichkeit+Schuld+Sühne+SehnsuchtNachNeuerEinfachheit
    Der Ökologismus wie er von Maxeiner und Mirsch charakterisiert wird, vereint viele Denk- und Glaubensströmungen, die insgesamt als technikspeptisch und rückwärts gewandt charakterisiert werden können; die die heile Welt in einer Verbundenheit mit der Natur und der angestammten Kulturlandschaft suchen und deren geistige Wurzeln bei Rudolf Steiner und Samuel Hahnemann zu finden sind. Eingemischt in dieses Weltbild sind die aus unserem christlichen Erbe bekannten Schuld- und Sühne – Motive, die lebendig gehalten werden durch Visionen von der unmittelbar bevorstehenden Apokaypse.

    Es ist klar, dass damit keinerlei Probleme gelöst werden, nicht einmal in der Welt der durch Technik und Wissenschaft zu Wohlstand gekommenen und sicher nicht in der Welt der aufstrebenden Nationen und der Entwicklungsländer.

    Positiv könnte man es es als Verweigerung von Systemzwängen interpretieren, negativ interpretiert ist es ein Einlullen in eine Phantasmagorie.

    Was wir wirklich brauchen ist genau das Gegenteil: Eine neue Nüchternheit, die Probleme nicht verschweigt, die Exzesse eindämmt und die Lösungen sucht, die in einer kritischen Gesamtschau bestehen können.

    Anstatt sich gegen Megatrends wie zunehmende Verstädterung zu stemmen, sollte man diese Trends positiv gestalten und sie nutzen um Ökosysteme, Artenvielfalt und Biodiversität zu erhalten und Freiräume zu schaffen.

  12. Gleichgewicht und Zeitmassstab

    Ein ewigwährendes Gleichgewicht kann es in einem evolvierenden System nicht geben.
    Entscheidend ist aber der Zeitmassstab mit dem man Veränderungen misst.

    Die von Menschen geformte Umwelt verändert sich immer schneller. Wo gestern noch ein Dorf war ist morgen eine Stadt. Was in der Natur passiert messen wir ebenfalls mit den uns vertrauten Zeitmasstäben, wo die längste Zeiteinheit ein paar Menschenleben umfasst. Doch sogar in diesen Masstäben ändert sich heute innert kurzer Zeit sehr viel in der belebten Umwelt. Zum Beispiel durch Tierarten, die mit Schiffen, Flugzeugen unbeabsichtigt Kontinentalreisen absolvieren. Fast jährlich hört man von neuen Neophyten und Neozooen, die Lebensräume innert kurzer Zeit völlig verändern und einheimische Tierarten und Pflanzen verdrängen. Solche Neophyten und Neozooen würden ohne menschlichen Einfluss von geographischen Barrieren zurückgehalten und würden allenfalls in Zeitmassstäben von hunderten von Jahren aus ihrem angestammten Gebiet auswandern und Lebensraum ganz wo anders finden.

    Eine kleine Liste von solchen biologischen Invasoren findet sich unter dem Link Neophyten, Neozoen
    Neue Arten im Land. Der Wikipedia-Artikel
    Neobiota widmet sich vor allem den Problemen, die diese Invasoren bringen. Es sind nicht nur Probleme für die angestammte Flora und Fauna, sondern oft auch für die Landwirtschaft oder die Gesunheit (z.B. als Allergieauslöser die Ambrosia artemisiifolia). Hier noch ein Zitat aus der Wikipedia, die das Problem aufzeigt: Es wird geschätzt, dass bei 54 % der Artensterben in historischer Zeit Neobiota eine mehr oder weniger bedeutende Rolle spielten; somit sind Neobiota nach Habitatzerstörung die wichtigste Ursache für Artensterben

    Fazit: Ein Gleichgewicht hat es in der Natur noch nie gegeben, doch solche schnellen und massiven Veränderungen, wie sie direkt oder indirekt (über die biologischen Invasoren) durch den Menschen ausgelöst wurden, hat es auch noch nie gegeben. Dieses Problem kann man nicht durch Infragestellung des Begriffs “natürliches Gleichgewicht” auflösen etwa mit der beabsichtigen Aussage: Invasoren, was soll’s, vor einer Million Jahre gab es hier auch ganz andere Tierarten.

    1 Million Jahre und 10 oder 100 Jahre sind einfach völlig verschiedene Zeitmassstäbe.

  13. @Georg Hausladen – Formatierung

    Sorry, ich habe vergessen zu erwähnen, dass die runden Klammern durch spitze Klammern ersetzt werden müssen (größer-als-Zeichen bzw. kleiner-als-Zeichen)

    es folgt ein (em)kursiver Text(/em), ok?

  14. @ Balanus

    Vielen Dank für den Hinweis bezüglich der Formatierung, aber ich muss gestehen, dass ich es immer noch nicht verstanden habe, weil ich nicht weiß was „em“ und „strong“ bedeutet.

    Zur „Biosphäre“: Wenn die Ökosysteme ein Konstrukt sind, warum sollte dann die Gesamtheit aller Ökosysteme kein solches Konstrukt, sondern (wie für Sie) eine ontologische Einheit sein?

    Zu 1.: Ich denke, dass ihnen die meisten Biologe in diesem Punkt widersprechen würde, weil sie einen Unterscheid macht, zwischen Ontogenese (d. h. der Entwicklung eines Individuums) und Biogenese (der Entstehung von Leben überhaupt). In der Ontogenese wird ein Programm realisiert – das genetische. In Hinblick auf die Biosphäre (Biogenese) ist mir (und wohl den meisten Biologen) kein solches „Programm“ bekannt. Das sich die Biosphäre einem derartigen Programm entsprechend entwickelt, wäre wohl die Voraussetzung dafür, dass die Analogie, die sie anführen sinn voll ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in der Zeit des Paläozoikums bereits die Artenvielfalt der Gegenwart angelegt war (es sei den man nimmt einen Schöpfer an, der das Alles von langer Hand geplant hat)

    Nur nebenbei: Warum sollte allein eine „kosmische Katastrophe“ zum Verschwinden der Biosphäre führen, man könnte sich doch auch allerhand „innere“ Katastrophen (Ursachen) vorstellen? Und warum wäre dieser „Tod“ nicht „natürlich“? Was wäre er denn sonst im Falle der kosmischen Katastrophe? Die wird ja vermutlich nicht von uns (künstlich) verursacht.

    Zu 2.: Das mit den Insekten stimmt natürlich, der Umbau ist “dramatisch”, aber entscheidend ist auch hier das (genetische) Programm (s. o.), das (ausgehend von den Imaginalzellen) wirkt. Noch einmal: Wo findet man ein derartiges Programm in der Biosphäre?

    Zu 3.: Dass solche Systeme „die ganz große Ausnahme“ sind, spricht nicht gegen mein Argument.

  15. @Georg Hausladen

    Vielen Dank für Ihre kritischen Anmerkungen.

    Vorab: Unter “Biosphäre” verstehe ich die Gesamtheit aller Ökosysteme, wobei die Ökosysteme selbst mehr Konstrukt sind als real existierende Gebilde (es liegt an uns, wie wir sie vernünftigerweise voneinander abgrenzen wollen).

    Zu Punkt 1: Die Analogie zum Organismus sehe ich darin, dass der Superorganismus ‘Biosphäre’ irgendwann “geboren” wurde (Biogenese), seither gewachsen ist, sich verbreitet und in viele Arten ausdifferenziert hat. Und irgendwann wird die Biosphäre aufgrund einer kosmischen Katastrophe auch “sterben”. Aber das ist dann kein “natürlicher Tod”, wie wir ihn von den individuellen Organismen kennen.

    Zu Punkt 2: Sie schreiben: “…die Organe eines Organismus bleiben sein Leben lang dieselben”. Das trifft nicht für viele Insekten zu, hier erfolgt ein geradezu dramatischer Umbau während der Verpuppungszeit. Entsprechend werden die “Organe” oder “Gewebe” der Biosphäre, die Arten, im Laufe der Zeit umstrukturiert.

    Zu Punkt 3: Die absolute und dauerhafte Isolierung eines Biotops oder Ökosystems von anderen ist sicherlich die ganz große Ausnahme. Man darf bei Inseln und Höhlen nicht nur an die größeren Tiere denken, es gibt ja auch noch Mikroorganismen.

    PS:
    (em) kursiv (/em)
    (strong) fett (/strong)

    (blockquote)
    eingerücktes Zitat
    (/blockquote)

  16. @ Balanus

    Ihre organizistische Vorstellung der Biosphäre zu kritisieren würden anderen wohl leichter fallen als mir (z.B. den dreien deren Arbeiten Ludwig Trepl oben angeführt hat), aber ein paar Anmerkungen möchte ich trotzdem machen:

    (1) Weder Ökosysteme noch die Biosphäre sind (das würde ich gern kursiv schreiben, weiß aber bisher nicht wie das hier geht – vielleicht kann mir da mal jemand helfen) Organismen. Die Entwicklung eines individuellen Organismus ist definit, d.h. es gibt einen bestimmten Endzustand der Entwicklung. Ein Individuum einer bestimmten Art wird zu einem dieser Art und zu nichts anderem. Die Entwicklung ist, wenn man so will “geschlossen” (Dass es durch Mutation bedingte Unterschiede zwischen den Individuen einer Art (kursiv) gibt spielt hier keine Rolle.) Bei der Biosphäre (oder auch Ökosystemen) ist die Entwicklung (insofern man hier überhaupt von “Entwicklung” sprechen kann) offen, d.h. es gibt keinen finalen Zustand (siehe aber unten) auf den sie sich hin entwickeln. Wenn ein Organismus stirbt, gibt es ihn nicht mehr. Wie ließe sich in Hinblick auf die Biosphäre sinnvollerweise von einem “Sterben” sprechen. Ist die Biosphäre, etwa des Tertiär “gestorben” und die, etwa der heutigen Zeit wurde “geboren”? All diese Begriffe haben in Hinblick auf die Biosphäre keinen Sinn – die Arten sind (aus-)gestorben, aber nicht die Biosphäre – die ja allein das System der Lebewesen auf der Erde bezeichnet (ganz unabhängig von den zu einer bestimmten Zeit lebenden Arten). Man könnte jetzt vorschnell meinen, die Biosphäre bzw. Ökosysteme seien eine Art Art (im biologischen Sinn), die “sich” entwickelt, aber auch der Vergleich hinkt offensichtlich. Allerdings kann man bestimmte Analogien (kursiv) zwischen Organismen und Ökosystemen bzw. der Biosphäre herstellen. Auch in der Biosphäre gibt es z.B in gewisser Weise einen “Stoffwechsel”, “Differenzierung” und “Entwicklung” (siehe nächster Punkt)

    (2) Das einzige “Ziel”, von dem man hinsichtlich der Biosphäre (und Ökosystemen) sprechen kann, ist das einer maximalen Produktion von Biomasse. Dabei findet sogar in gewisser Weise Differenzierung (in verschiedene Arten) statt (Nischendiffernzierung), aber diese ist nicht die selbe wie in einem Organismus, der sich in verschiedene Organe differenziert. Die Arten der Biosphäre werden sukzessive (durch ganz andere) ersetzt, die Elemente und die Relationen zwischen den Elementen werden andere (die Biosphäre des Paläozoikums funktionierte (kursiv) ganz anders als die heutige), die Organe eines Organismus bleiben sein Leben lang dieselben (wenngleich die Stoffe natürlich einem ständigen Wechsel unterliegen).

    (3) Ihr Argument mit der “scharfen Abgrenzung” ist insofern problematisch, als es ja durchaus Ökosysteme gibt, in die (wie in der Biosphäre) keine Arten ein- und auswandern können – z.B. Inseln oder Höhlen (die funktionieren dann in gewisser Weise wie kleine Biosphären)

  17. Superorganismus

    »Die Ablehnung der „Gleichgewichtsökologie“ richtet sich hier gegen organizistische Vorstellungen von Ökosystemen oder Lebensgemeinschaften („Superorganismus“),…«

    Ich bin ein großer Sympathisant einer solchen “organizistischen Vorstellung”. Ich betrachte gerne die gesamte Biosphäre als einen “Superorganismus”, als ein einziges lebendes Supersystem. Einzelne Bereiche, die wir als Ökosystem definieren, würde ich nicht als einen Superorganismus bezeichnen. Zu einem intakten Organismus gehört meiner Meinung nach eine scharfe Abgrenzung nach außen, eine Barriere zur unbelebten Umwelt (dass die meisten Organismen sich mit einer “toten” Schutzhülle umgeben, steht dazu nicht im Widerspruch).

    Beim Superorganismus ‘Biosphäre’ ist diese Abgrenzung durch die Hüllen der einzelnen Individuen gegeben. Ein Ökosystem hingegen hat keine festen Grenzen, Individuen wandern hier ein und aus, alles ist in Bewegung. Also kann ein Ökosystem nicht als Superorganismus bezeichnet werden.