Die Liebe zur Kulturlandschaft

Die alten Lebensformen, die unter der Oberfläche der modernen Zivilisation schwelen, liefern in vielen Fällen noch die Wärme, die einem jeden Entzücken innewohnt.“ (Max Horkheimer)[1]

Unter dem Titel „Wilde Träume“ (hier und hier) schrieb ich vor längerer Zeit über einen Artikel, den Jürgen Gerdes in „Gaia“ veröffentlicht hat. Im Mittelpunkt dieses Artikels steht die Forderung: Nicht Naturgebiete werden als Inseln in der Zivilisationslandschaft erhalten, wie es jetzt üblich ist, sondern umgekehrt, die besiedelten Gebiete sind Inseln in der Wildnis. Ich wies unter anderem darauf hin, daß mir und wohl den meisten anderen (Mitteleuropäern) die offene, abwechslungsreiche Kulturlandschaft lieber ist als die Naturlandschaft, die bei uns im wesentlichen aus Wald bestünde.

In seiner Antwort behauptet Jügen Gerdes, daß die bisherige Raumordnungs- und Naturschutzpolitik „viel zu stark“ von der Vorstellung der traditionellen Kulturlandschaft bestimmt sei. Dann schreibt er: „Ich betrauere [den] Verlust traditioneller Landwirtschaft in gewisser Weise ebenso wie Ludwig Trepl, etwa so, wie man einen geliebten Toten betrauert. … Deshalb sollte Ludwig Trepl von der Realversion seiner Träume Abschied nehmen und sich darauf einstellen, sie losgelöst von feudalen Gesellschaftsstrukturen und harten Arbeitsverhältnissen in Museen und virtuellen Räumen zu besuchen.“

Ich will hier darüber schreiben, wie es zu diesen Träumen kommt, ob man sie sich erlauben sollte und ob man wollen soll, daß ihnen eine „Realversion“ entspricht, und was das überhaupt heißen könnte. Anders als Gerdes habe ich zu all dem keine besonders festen Auffassungen und schon gar nicht, wie er, eine Vision, die der Raumordnungs- und Naturschutzpolitik ein neues Programm geben könnte. Ich kann nur einige Gedanken anreißen und ein wenig verfolgen, meist mit dem Ergebnis, daß man sich, sowie man praktisch-politisch werden möchte, in Widersprüchen verfängt. Man könnte vielleicht sagen: Mein Programm ist, eben dies deutlich zu machen. Denn all die Lösungsvorschläge, die sich glatt lesen (wie der von Gerdes), kommen dadurch zustande, daß man nicht genau hinsieht, daß man vor allem das, was sich der Meinung, zu der man sich entschlossen hat, nicht so recht fügt, konsequent nicht zur Kenntnis nimmt – wie es unter Weltanschauungsproduzenten halt üblich ist.

 

Es stimmt, die traditionelle Landwirtschaft ist unwiederbringlich verloren. Das hat in erster Linie nicht ökonomische Ursachen, etwa daß es heute unwirtschaftlich wäre, technisch auf die alte Art zu wirtschaften. Dieses Problem ließe sich mit Hilfe von Subventionen lösen; das muß nur vielen bzw. einflußreichen Menschen wichtig genug erscheinen. Aber mit „Landwirtschaft“ ist in Wirklichkeit die bäuerliche Lebensweise gemeint. „Im Handumdrehn können Sie aus einem westfälischen Bauern einen Berliner Schieber machen, umgekehrt gehts nicht und zurück ginge es auch nicht mehr“, steht in den Letzten Tagen der Menschheit. – Um die traditionelle Kulturlandschaft, die sich dieser Lebensweise verdankt, muß man wohl, wenn einem an ihr etwas liegt, in der Tat trauern, „wie man einen geliebten Toten betrauert“. Aber auch, und das ist ja die Behauptung, um die traditionelle Landwirtschaft, also um die bäuerliche Lebensweise? Mir scheint es mit dem Trauern um sie recht kompliziert und vor allem höchst widersprüchlich.

Eigens befragt, würde wohl kaum jemand der traditionellen Landwirtschaft nachtrauern. Alle wissen, daß sie mit endloser Plackerei und grellem Elend verbunden war, daß sie in mancher Hinsicht auch ökologische Schäden – seien das nun Schäden für die Landwirtschaft selbst oder für das, was den Naturschützern etwas bedeutet – anrichtete. Vor allem aber wären die Herrschaftsverhältnisse, die zu ihr gehörten – ob es nun die feudalen waren oder die in dem Jahrhundert nach der Bauernbefreiung –, so gut wie jedem Heutigen, auch dem konservativsten, unerträglich. Doch die traditionelle Landwirtschaft hat uns die Kulturlandschaft gebracht. Die lieben heute fast alle, nicht nur eine dünne bildungsbürgerliche Schicht wie vor 200 Jahren, als die Bilder entstanden und die Art von Sehnsüchten, die wir in dieser Landschaft gerne erfüllt sehen und die sie in uns weckt.

Warum lieben fast alle diese Landschaft? Die gängige Antwort ist: Nicht nur, aber hauptsächlich deshalb, weil sie die untergegangene Welt versinnbildlicht. Das ist aber eben die Welt, für die sie, eigens gefragt, keine Sympathie bekunden: die alte ländlich-bäuerliche Welt. Der Widerspruch löst sich auf, wenn man sich klar macht, daß die Kulturlandschaft gar nicht die untergegangene Welt symbolisiert, sondern eine Idee von ihr, ein Bild, dem die Realität nie entsprach, zu dem es einen aber auch dann hinzieht, wenn man weiß, daß die Realität ganz anders war.

Es ist die Idee der organischen Gemeinschaft der Menschen und der organischen Einheit von „Land und Leuten“ (Wilhelm Heinrich Riehl). Organisch heißt, daß alles Einzelne einander direkt oder auf Umwegen wechselseitig bedingt und erzeugt (daß folglich auch alles Einzelne und jeder Einzelne gebraucht wird, sein Leben einen Sinn hat), und daß das Einzelne auf diese Weise das Ganze hervorbringt, von dem wiederum alles Einzelne abhängt – ja, hervorgebracht wird. Dem Ganzen ist jeder Einzelne verpflichtet, denn er verdankt sich ihm; er hat ihm auf seinem Platz zu dienen – und tut dies gern –, so wie umgekehrt dieses Ganze, durch seine Repräsentanten, für jeden Einzelnen sorgt. Da das Ganze vor dem Einzelnen da ist, hat sich dieser von ihm (d. h. seinen Repräsentanten) sagen zu lassen, was das Richtige ist (ausführlicher siehe hier und hier).

Im wesentlichen bedeutet das ein Leben in Traditionen. Es ist das genaue Gegenteil des liberalistischen Ideals der Gesellschaft der unabhängigen, in diesem Sinne freien Einzelnen, in der nicht Tradition, damit Herkunft, sondern allein Zukunft zählt. Das Verhältnis der Individuen zueinander ist in diesem liberalistischen Ideal im wesentlichen das des Konkurrenzkampfes, der sich ergibt, wenn jeder für sich seinen Vorteil verfolgt. Und das Ganze, d. h. hier der Staat, ist  hier nur eine Einrichtung, die sich die Einzelnen geschaffen haben, um sich in ihrem Kampf fürs eigene Wohlergehen nicht durch eben denselben Kampf aller anderen allzusehr beeinträchtigen zu lassen.

Beide, diese liberalistisch-aufklärerische und jene konservativ-gegenaufklärerische organische, sind Idealvorstellungen von Gesellschaft, die in unserer Kultur seit über zwei Jahrhunderten bereitliegen und derer man sich bedienen kann – nicht die einzigen, aber doch solche von besonderer historischer und systematischer Bedeutung. Sie sind eine Art von Gravitationszentren, zu denen sich die zahlreichen verschiedenen Vorstellungen besonders hingezogen sehen, Gravitationszentren, die diese Vorstellungen bündeln und in einen relativ konsistenten und meist für den Einzelnen ziemlich dauerhaften Zusammenhang bringen.

„Derer man sich bedienen kann“ stimmt aber nicht ganz. Es stimmt insofern, als man sich nicht einfach ganz aus sich heraus etwas Neues, ein neues gesellschaftliches Idealbild ausdenken kann, sondern auf das Angebot angewiesen ist, das die Gesellschaft zu jedem Zeitpunkt bereithält, und auf die Möglichkeiten der Modifikation, die in dem Angebot selbst enthalten sind. Es stimmt aber insofern nicht, als es die Möglichkeit freier Wahl suggeriert. Tatsächlich hängt die Wahl von Dingen ab, die kaum einer in der Hand hat. Insbesondere hängt sie ab von den Interessen der sozialen Klasse, der er angehört und von dem Leben – von Elternhaus, Schule, Freunden usw., – das ein jeder in ganz besonderer Weise führt und das doch vor allem anderen von seiner Klassenzugehörigkeit bestimmt ist. Die Wahl geschieht also wenig bewußt. „Man“ „ist“ halt beispielsweise liberal. Sich aus solchen Zwängen zu lösen, ist möglich, aber schwierig und darum recht selten.

Doch beide Idealvorstellungen sind widersprüchlich und befriedigen das, was die Menschen unvermeidlich wollen, systematisch nie ganz. Die Gemeinschaft des Konservativismus  empfindet man nicht nur als organische, in der man Geborgenheit findet, als Gemeinschaft des harmonischen Zusammenwirkens aller mit allen und der väterlichen Fürsorge der Repräsentanten des Ganzen – vom Familienoberhaupt bis zum König. Sondern man empfindet sie auch als Zwangsgemeinschaft, in die man ohne eigene Zustimmung hineingeboren wird, in der man sich auf seinem Platz zu fügen hat. Und auf der anderen Seite ist die Gesellschaft des Liberalismus nicht nur die der Freiheit, sondern auch die der sozialen Kälte. Sie beruht auf Beziehungen, die sich der Berechnung des Vorteils verdanken, die nicht mehr „menschliche“ Beziehungen sind; es ist die Gesellschaft der Ausbeutung, des immerwährenden Kampfs um die besten Plätze, der Bindungs- und damit Orientierungslosigkeit. Darum sind nicht nur verschiedene „dritte Wege“ entstanden, die Vorzüge beider Seiten vereinen und Nachteile vermeiden wollen, sondern es gibt auch eine Ambivalenz in den meisten Einzelnen. Nur wenige sind ideologisch völlig fixiert, die meisten fühlen sich mal hier-, mal dorthin gezogen, auch wenn im allgemeinen  eine Richtung überwiegt. Viele lieben z. B. die Kulturlandschaft als das Symbol der Lebens in organischer, traditionsbestimmter Gemeinschaft von „Land und Leuten“, aber zugleich das moderne, weltoffene, bindungslose großstädtische Leben, und oft in der Jugend eher dies, später eher jene.

Nun hat die konservative Weltsicht prinzipiell etwas Illusionäres. Sie ist hilfloser Protest gegen eine Welt, die sie nicht begreift. Wenn auch die Konservativen typischerweise sozial oben sind, wenn sie auch einen Großteil derer ausmachen, die man die Herrschenden nennt, so sind sie doch ständig die historischen Verlierer und ihre Weltdeutungsmodelle und politischen Programme funktionieren nicht. Deshalb sehen sie sich immerzu gezwungen, etwas zu verteidigen, das sie vor kurzem noch als moderne Teufelei verdammt haben. Die ewigen Werte sind immer die der Vergangenheit, aber in einer vom Fortschritt geprägten Gesellschaft ist von Jahrzehnt zu Jahrzehnt etwas anderes die Vergangenheit. Zu den bekanntesten historischen Beispielen zählt die bürgerliche Familie. Sie vor allem verkörpert die ewigen Werte, die der Konservativismus verteidigt, aber er ist anfangs die Partei des Adels gewesen und bekämpfte verhement diese Lebensform der aufsteigenden bürgerlichen Klasse. Der Kapitalismus, gegen den vor allem der Konservativismus überhaupt erst entstanden ist, wird – leicht gezähmt zur „sozialen Marktwirtschaft“ – von den Konservativen seit langem gefeiert. Und heute kämpfen sie gegen die Zuwanderung aus islamischen Ländern im Namen der Frauenemanzipation, gegen die sie sich noch vor drei oder vier Jahrzehnten erbittert gewehrt haben.

Zugleich macht die konservative Weltsicht aber deutlich, daß diese moderne Welt systematisch defizitär ist, daß sie Bedürfnisse, die man schwerlich einfach ablegen kann, nicht befriedigen kann, und darin ist sie nicht illusionär, sondern recht realistisch – viel realistischer als die progressiven Weltanschauungen, seien sie nun liberalistisch oder sozialistisch. Kaum einer der platten Fortschrittsapostel, wie man sie in den letzten Jahren beispielsweise in dem jetzt, nachdem diese Haltung nicht mehr einfach selbstverständlich ist, so lautstark gewordenen bekennenden Atheismus findet, dürfte je ein Buch eines konservativen Autors gelesen haben. Er würde wahrscheinlich aus dem Zustimmen gar nicht mehr herauskommen, wenn sich der Autor nur nicht explizit als Konservativer kenntlich macht. Denn das Buch spricht an, was auch ihn umtreibt.

Die Liebe zur Landschaft, zur traditionellen Kulturlandschaft zeigt, wie stark diese Sehnsüchte sind. (Vielleicht ist sie auch deshalb so groß, weil man hier konservativ sein kann, ohne daß das gleich im eigenen Lager politisch Anstoß erregt.) Deshalb hat nicht nur diejenige Naturschutz- und Raumordnungspolitik etwas Irreales, die diese Kulturlandschaft erhalten will ohne den sozioökonomischen Hintergrund, dem sie sich verdankt, so daß – wie es ja heute schon der Fall ist – es fast überall zwar hierzulande noch mehr oder weniger nach dieser Kulturlandschaft aussieht, aber fast überall eben nur aussieht. Denn es gäbe diese Bilder kaum mehr, wenn nicht die moderne Landschaftsplanung – und die Agrarpolitik durch gezielte Subventionen –, dafür sorgen würde. Wenn es nach dem ginge, was dieser Gesellschaft natürlich ist, wenn also ökonomische Rationalität herrschen würde, dann gäbe es in unserem Land kaum mehr Landwirtschaft, alles wäre längst mit Wald zugewachsen, der Rest wären industriell durchrationalisierte Agrar-Hochproduktionsflächen. Die heutige Landschaft ist ein Museum, künstlich wie ein Englischer Garten und natürlich – d. h. hier wie „gewachsene“ Kulturlandschaft – aussehend wie ein solcher, nur daß die Künstlichkeit im Falle des Landschaftsgartens den Leuten nicht verschwiegen wurde.

Aber daß dieser Aufwand der Erhaltung des Bildes der traditionellen Kulturlandschaft getrieben wird, daß er politisch durchsetzbar ist, zeigt eben auch, wie stark die Sehnsüchte sind, die dahinterstehen, und es zeigt das Traumtänzerische einer Politik, die das einfach ignoriert – nicht weniger traumtänzerisch als die Politik, die meint, die traditionelle Kulturlandschaft und nicht nur Bilder von ihr erhalten zu können. Zu jener gehört die Politik der Öko-Technokraten, die um einer, wie es im modischen Jargon heißt, „nachhaltigen“ Energiegewinnung willen die Landschaft flächendeckend in ein Industriegebiet („Windpark“) umwandeln möchten, und dazu gehört auch die Politik derjenigen Naturschützer, die das Leitbild Kulturlandschaft durch das Leitbild Wildnis – womit sie „vom Menschen unbeeinflußte Natur“ meinen – ersetzen wollen. Auch Wildnis ist Ort von Projektionen, ja ohne diese wäre unbeeinflußte Natur gar keine Wildnis, aber sie kann die Kulturlandschaft nicht ersetzen, denn die Idee der organischen Land-und-Leute-Einheit wird von der Wildnis nicht symbolisiert.

J. Gerdes schlägt nun vor, von der Realversion der Träume von dieser Einheit Abschied nehmen und sich darauf einzustellen, „sie losgelöst von feudalen Gesellschaftsstrukturen und harten Arbeitsverhältnissen in Museen und virtuellen Räumen zu besuchen“. Das ist, wie auch die Position seiner naturschutzpolitischen Gegner, der konservativen Landschaftsschützer, zu denen er mich rechnet, weil er grundsätzlich mißversteht, was ich schreibe, unrealistisch. Denn die Landschaft in virtuellen Räumen ersetzt die, in der man herumlaufen kann, so wenig wie ein Fernsehfilm über die Karibik den realen Urlaub in der Karibik – so wenig man in der erträumten Karibik ist, wenn man dort in einem „Ferienparadies“ Urlaub macht. Die „Realvision“ der Kulturlandschaft, die ja auch nicht real ist, sondern aus eigens hergestellten Bildern von Kulturlandschaft besteht, ist zwar viel teurer als die in virtuellen Räumen, aber sie funktioniert wenigstens einigermaßen, selbst wenn man weiß, daß sie nicht echt ist.

Wie sehr man an diesen Bildern hängt, kann man sich klarmachen, wenn man sich solche Landschaften vorstellt, die man kennt in ihrer Eigenart, die sie trotz aller Künstlichkeit ja immer noch haben, nämlich dann, wenn sie zu einem Teil des eigenen Lebens geworden sind. Die Vorstellung, daß irgendwelche Mittelgebirge, die ich kaum oder gar nicht kenne, sich zur Wildnis entwickeln dürfen und dort Luchse und Wölfe herumlaufen, ist mir sehr angenehm. Um so unangenehmer ist mir diese Vorstellung bei Landschaften, mit denen ich vertraut bin. Keine einzige Wiese möchte ich da durch Wald ersetzt sehen. Und weil das bei den meisten anderen, auch bei Jürgen Gerdes, wohl nicht anders ist, hätte die Politik des Rückzugs „des Menschen“ mit erheblichen Widerständen der wirklichen  Menschen zu rechnen.


[1] Kritik der instrumentellen Vernunft, Ffm, 1974, S. 43.

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

26 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback:Gleicher Schutz für alle Arten? Und warum? › Landschaft & Oekologie › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  2. Pingback:Was an der Liebe zur Biodiversität christlich ist › Landschaft & Oekologie › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  3. Die Kultivierung Mitteleuropas

    “Kann man sagen, dass der mitteleuropäische Gründungsmythos die bäuerliche Kulturlandschaft ist?“

    “Aber im deutschen Mythos gibt es gar keine Gründung. Die Deutschen waren (im Mythos) von allem Anfang an hier und haben aus der Wildnis die Kulturlandschaft gemacht.”

    Es gibt schon eine Art Gründungsmythos in Mitteleuropa, der ist aber weder deutsch noch germanisch, sondern christlich und heute weitgehend verblasst. Christliche Missionare haben die heiligen Bäume der heidnischen Germanen gefällt und Kirchen gegründet. Einsiedler haben Zellen gegründet, aus den Klöster entstanden. Dabei wurden den Sagen zufolge Drachen und Dämonen vetrieben. Man darf den Begriff “Kultivierung” und “Kulturlandschaft” nicht auf den landwirtschaftlichen Prozess reduzieren, dazu gehört auch die Ausbildung eines Weltbildes durch die geistigen Eliten. Dieser christliche Gründungs- und Kultivierungsmythos wurde m.E. besonders im Barock wieder intensiviert, z.B. in den Dekorationen von Kirchen und Klöstern, aber auch in der Präsentation der Sakralbauten in der Landschaft und in der Prägung des umgebenden Landschaftsraumes durch Weg- und Sichtachsen, durch Kreuzwege, Kapellen etc. Dies zeigt sich besonders im Süden des Hl. Römischen Reiches Dt. Nation, also im Gebiet des heutigen Süddeutschland bis Böhmen und Österreich.
    Der zweite Gründungsmythos ist noch mehr vergessen, dass ist die Idee der translatio imperii vom antiken, römischen Reich auf die Franken und dann auf die “Deutschen” als Reichsvolk des “römischen Reiches”. Deswegen gibt es keinen germanischen Gründungsmythos.

  4. @ Johnnes Pain

    Lieber Johannes,

    Ich glaube, das
    „Immerhin beschäftigt man damit eine kleine Sektion der öffentlichen Verwaltung und verbraucht jedes Jahr ein paar Millionen Steuergeld“
    ist weit untertrieben. Die gesamte Raumordnungspolitik steht unter dem Primat der Erhaltung der Kulturlandschaft. Denn warum ist denn überhaupt noch das Land im wesentlichen offen? Die Verteilung Wald-Offenland ist ja noch ziemlich genauso wie vor 150 Jahren. Ökonomisch ergibt das gar keinen Sinn. Ginge es nach ökonomischer Rationalität, hätten wir eine Entwicklung wie in den Neuengland-Staaten: Die waren vor 100 Jahren weitgehend waldfreies, landwirtschaftliches Land, heute sind sie fast vollständig bewaldet. Daß das bei uns nicht so ist – es käme ja viel billiger –, hat den Grund, daß es politisch verhindert wird, konkret: Bauern werden subventioniert. In den 50er Jahren geschah das noch, um das Wählerklientel der Unionsparteien zu erhalten, heute ist das kein Grund mehr. Nein: Es geht da nicht um Millionen, sondern um Milliarden.

    „…erstaunlich, dass viele Leute, die sich mit dem Naturschutz/Kulturlandschaftsschutz beschäftigen, nicht wahrnehmen, dass es sich um eine Form des Denkmalschutzes handelt. Es geht damit um Zeugnisse der kulturellen Entwicklung.“

    Das stimmt schon, führt aber doch auch etwas in die Irre. Denn es geht ja nicht nur um ein paar Objekte, sondern um die ganze Landschaft. Es ist eher vergleichbar damit, daß man seit einiger Zeit nicht mehr ernsthaft den Plan faßt, ganze Städte rational umzubauen. Man läßt das alte Straßennetz, in weiten Teilen der Stadt die alte Traufhöhe usw. Das könnte man auch irgendwie Denkmalschutz nennen, aber es ist doch nicht ganz dasselbe: die Leute wollen ja im „Denkmal“ leben, es nicht nur zu Erinerungszwecken anschauen wie ein übriggebliebenes Stadttor.

    „Der Schutz von Wildnisgebieten ist für diese Gesellschaft [USA] daher eine notwendige Kulturaufgabe. Kann man sagen, dass der mitteleuropäische Gründungsmythos die bäuerliche Kulturlandschaft ist?“

    Schwierige Frage, da sollte mal einer eine Doktorarbeit schreiben. Der mitteleuropäische (bzw. deutsche) Gründungsmythos ist ja irgendwie auch die Wildnis. Aus ihr haben sich die germanischen Wildnisbewohner herausgearbeitet. Was sie dann geschaffen haben, die Kulturlandschaft, ist nicht das, aus dem wir kommen, sondern das haben wir durchlaufen. Müßte man nicht eher sagen: Ursprünglich kommen die US-Amerikaner aus der (europäischen) Kulturlandschaft, so wie das Volk Israel zogen sie aus ins gelobte Land. Dann erfolgte eine Gründung: in der Wildnis, diese wurde vernichtet und etwas Neues geschaffen, was nicht Kulturlandschaft ist (das kann man an dem J.B. Jackson sehen). Aber im deutschen Mythos gibt es gar keine Gründung. Die Deutschen waren (im Mythos) von allem Anfang an hier und haben aus der Wildnis die Kulturlandschaft gemacht. Nur regional gibt es solche Gründungsmythen: die Eroberung des Ostens vor allem.

  5. Denkmalschutz

    Danke für den guten Artikel.
    Es stimmt, dass der Aufwand für die Erhaltung (des Bildes) traditioneller Kulturlandschaften groß ist. Immerhin beschäftigt man damit eine kleine Sektion der öffentlichen Verwaltung und verbraucht jedes Jahr ein paar Millionen Steuergeld.
    Dass die eigentlichen Ziele dabei meist hinter Biodiversität, Ökosystemdienstleistungen und ähnlichen wissenschaftlich klingenden Begriffen versteckt werden ist bedauerlich und födert den Verdruss derjenigen, die mit Wildnisgebieten die “eigentliche” Natur schützen wollen, die in ihren Augen in der Kulturlandschaft nicht in adäquater Weise existieren kann.
    Ich finde es allerdings erstaunlich, dass viele Leute, die sich mit dem Naturschutz/Kulturlandschaftsschutz beschäftigen, nicht wahrnehmen, dass es sich um eine Form des Denkmalschutzes handelt. Es geht damit um Zeugnisse der kulturellen Entwicklung.

    Interessant finde ich die Diskussion über die Rolle der Wildnis in Nordamerika. Die Auseinandersetzung mit der Wildnis und den Wilden an der Frontier ist doch der Gründungsmythos der Vereinigten Staaten. Der Schutz von Wildnisgebieten ist für diese Gesellschaft daher eine notwendige Kulturaufgabe. Kann man sagen, dass der mitteleuropäische Gründungsmythos die bäuerliche Kulturlandschaft ist?

  6. @ Jürgen Gerdes

    „Ihr kulturversessener Solipsismus blendet aus, dass es, wie wir wissen, eine lange Erdgeschichte ohne den Menschen gab, und wir als hinzugekommener Geist uns davon zwar immer nur Bilder, Modelle, Vorstellungen machen können, diese aber doch ihre Entsprechung im materiellen Sein haben und haben müssen, um überleben zu können. Ich verstehe nicht, dass sie diese simple Tatsache nicht gelten lassen …“.

    Was wollen Sie damit sagen? Daß ich ausblende, daß wir uns kaum die Vorstellung machen können, ein Gebirge sei flach, ein Sumpf habe festen Boden usw., weil man dann mit dem Überleben Schwierigkeiten bekäme? Wieso meinen Sie, daß ich das ausblende? Oder blende ich etwas anderes aus? Was? Sage ich irgendwo, daß Vorstellungen nicht Entsprechungen im materiellen Sein haben müssen, wenn sie im Leben tauglich sein sollen? Können Sie mir einen Satz nennen, in dem ich dies oder etwas auch nur entfernt Ähnliches behauptet habe? – Wenn jemand über die Bedeutung der Kunst schreibt, dann ist das kein Beweis dafür, ja nicht einmal ein Hinweis darauf, daß er Essen und Trinken für unwichtig hält. Gewiß, nicht alle Fälle sind so einfach wie der von der Vorstellung vom festen Sumpfboden, wo die Nichtberücksichtigung des „materiellen Seins“ gleich mit Versinken bestraft wird. Es gibt viele Vorstellungen, die keine „Entsprechung im materiellen Sein“ – in dem materiellen Sein, das Sie, wie mir scheint, meinen – haben und doch historisch sehr wirksame Realitäten waren und sind z. B. Gott, Teufel. Man mußte über lange Zeiten der Geschichte an so etwas glauben, „um überleben zu können“. Die „materielle Realität“, an die man sich damit anpaßte, war die gesellschaftliche, nicht die natürliche. Es gäbe da also durchaus etwas zu diskutieren. Aber das war in dem Artikel nicht das Thema, an keiner Stelle.

    Sie meinen, ich glaube, „jeden, insbesondere Naturschützer, darüber aufklären zu müssen, dass sie einer Illusion aufsitzen.“ Gewiß, ich will Naturschützern Illusionen nehmen (wie Sie auch). Nur: Welche Illusion will ich ihnen denn in dem Artikel nehmen? Wo habe ich denn etwas Derartiges geschrieben? In dem Artikel kommt doch überhaupt nichts von einer Illusion vor.

    Gehe ich recht in der Annahme, daß Sie ihn gar nicht gelesen haben, sondern gleich mit dem Kommentieren begonnen haben? – Ich schreibe darüber, wie sich die Sehnsucht nach der traditionellen Kulturlandschaft erklärt, also über etwas vollkommen anderes. Ich behaupte, daß diese Sehnsucht sehr stark ist und daß es unrealistisch wäre, sie in der Naturschutzpolitik nicht zu berücksichtigen. Das hätten Sie bestreiten können, dann hätten wir ein Diskussionsthema gehabt, aber das tun Sie nicht.

    Ich habe den Eindruck, Sie glauben, ich würde da meine privaten Theorien aufstellen und die Welt dazu bekehren wollen, sie zu glauben. Sie sollten bedenken, daß ich nur referiere, was man in den zuständigen Wissenschaften zu den Fragen, um die es in dem Artikel geht, denkt und herausgefunden hat. Es gibt da keine größeren Kontroversen, ich mußte also wirklich nur referieren. Für Sie mag das neu sein, Sie staunen und wollen es nicht glauben. Ein Nicht-Biologe mag auch über die Behauptung staunen und sie nicht glauben wollen, daß Reptilien von Amphibien abstammen, aber das ist nun mal der Stand der Wissenschaft Biologie. Daß man bestimmte Fächer nicht studiert hat, ja von ihrer Existenz gar nichts weiß, beweist nicht, daß es diese Fächer nicht gibt.

  7. @Ludwig Trepl

    Mag ja sein, Herr Trepl, dass die Landschaft für uns ein kulturell geprägtes Bild ist, eine mehr oder weniger interaktive Benutzeroberfläche (je nach Arbeitsweise und Bewegungsfreude), aber dahinter verbergen sich doch eigenständige Programme, die nicht auf uns angewiesen sind. Ihr kulturversessener Solipsismus blendet aus, dass es, wie wir wissen, eine lange Erdgeschichte ohne den Menschen gab, und wir als hinzugekommener Geist uns davon zwar immer nur Bilder, Modelle, Vorstellungen machen können, diese aber doch ihre Entsprechung im materiellen Sein haben und haben müssen, um überleben zu können. Ich verstehe nicht, dass sie diese simple Tatsache nicht gelten lassen und glauben, jeden, insbesondere Naturschützer, darüber aufklären zu müssen, dass sie einer Illusion aufsitzen. Ich sehe die Illusion ganz auf ihrer Seite. Etwa indem sie sich als diskursiven, bescheidenen Tüftler darstellen, der sich der Grenzen seiner Erkenntnisfähigkeit bewusst ist, während Leute wie ich einem naiven weltanschaulichen Fundamentalismus frönen („wie es unter Weltanschauungsproduzenten halt üblich ist“). Eine Weltanschauung produzieren auch sie.

  8. @ Ludwig Trepl

    Vielen Dank für Ihre Antwort und den Hinweis auf Ihr aktuelles Buch!
    Ich habe mich früher mit der ästhetischen Landschaftswahrnehmung in der frühen Neuzeit beschäftigt und finde es methodisch fruchtbar, bei solchen Betrachtungen den Blick zu weiten, um einerseits keine Rückprojektionen moderner Vorstellungen vorzunehmen, andererseits um die Entwicklungen über die Epochen halbwegs richtig zu gewichten.
    Ich habe zu Ihren letzten interessanten Ausführungen noch eine Präzisierung vorzubringen:

    “Niederländische Gemälde, auf denen dieses Leben freier Bauerngesellschaften dargestellt war, nannte man dann in England „landscapes“ – von da an datiert der ästhetische Gebrauch dieses Begriffs”

    “Landschaft” als Bezeichnung eines Gemäldes wurde in England Ende des 16. Jahrhunderts aus den Niederlanden übernommen (“landschap”). Die bislang früheste, mir bekannte Verwendung des Wortes “Landschaft” in der Kunst (zuerst für Hintergrundlandschaften in Altarbildern)findet sich in den Niederlanden 1485, in Deutschland, d.h. in Straßburg 1500. 1521 nennt Dürer Joachim Patinier einen “gut landschafft mahler”. Seit dieser Zeit existierte das Genre “Landschaft”.
    Die Niederländer haben aber im 16. und 17. Jh. nicht viel theoretisiert, das fand später im 18. Jh. vor allem in England, teils in Frankreich und später auch in Deutschland statt.

    Die These mit der Darstellung des Leben freier Bauerngesellschaften ist ein interessanter Aspekt.

  9. @ Paul Stefan

    „ …aber ich denke, dass das positive Bild des bäuerlichen Lebens durchaus weiter zurückreicht, auch wenn die Idee der Pastorale überwog.“

    Das ist sicher richtig. Es gab das positive Bild des bäuerlichen Lebens wohl schon in der Antike. Mir ist folgendes wichtig: Nicht nur, daß es hinter die Pastorale zurücktrat, sondern daß solche Bilder politisch in den verschiedenen Zeiten und Klassen sehr verschiedenes bedeuteten. Das Hirtenideal selbst änderte sich kaum, aber für die höfische Welt der Aufklärungszeit steht das Hirtenleben für Muße und Liebe, für die demokratische Aufklärung steht es für den Naturzustand der in Frieden und Harmonie lebenden Freien und Gleichen.

    Beim Bauernideal kann man ähnliche Verschiebungen sehen. Sie schreiben:

    „In der Malerei finden wir seit der frühen Neuzeit positiv konnotierte Darstellungen des Landlebens, vor allem in der niederländischen.“

    Das hat K. Olwig eingehend untersucht, und in meinem Buch „Die Idee der Landschaft“ referiere ich ihn ausführlich und stelle seine Ergebnisse in einen anderen Zusammenhang. Man kann es wohl so zusammenfassen: Das Leben freier Bauern war essentieller Teil dessen, was im Mittelalter „Landschaft“ genannt wurde (bevor das ein ästhetischer Begriff wurde): Gebiete, in denen im wesentlichen das alte germanische Gewohnheitsrecht (statt des von außen kommenden römischen Rechts) galt und in dem die Herrschaftsverhältnisse nicht feudal waren, sondern Reste archaischer Stammesverhältnisse. In den Niederlanden (wo es solche Verhältnisse zum Teil noch gab, vor allem in Friesland) wurde dieses Bild als politisches Kampfmittel eingesetzt – gegen die von außen kommende spanische Herrschaft, gegen römische Kirche und römisches Recht. Niederländische Gemälde, auf denen dieses Leben freier Bauerngesellschaften dargestellt war, nannte man dann in England „landscapes“ – von da an datiert der ästhetische Gebrauch dieses Begriffs, der sich bald ganz von der sozialen Idee löste (auf späteren, vor allem italienischen Landschafts-Gemälden waren keine Bauern zu sehen). Und diese „landscapes“ wurden dann auch in England als politische Waffe eingesetzt: von der country-party (d.h. im wesentlichen dem Landadel) gegen die Partei des court (absolutistisch sein wollender Hof). In der Zeit Napoleons wurde diese alte sozial-rechtliche Landschaftsvorstellung wiederbelebt, aber politisch anders besetzt: Die „Landschaften“ waren nun das Gegenbild nicht nur zur von außen kommenden Herrschaft, sondern standen auch gegen die mit den Franzosen assoziierte neue Zeit, die Zeit der bürgerlichen, individualistischen Freiheit, gegen die man die Idee der Freiheit als Freiheit, in Gemeinschaften dem eigenen Wesen (d. h. den Traditionen, später: der Rasse) gemäß zu leben, setzte. Solche Landschaften lagen damals vor allem in den Alpen (Tiroler Aufstand). So wurde das Bauern-Ideal konservativ.

    „Bei einem Teil der Siedler spielte auch eine bestimmte religiöse Vorstellung eine wichtige Rolle, nämlich die Idee vom Auszug aus Ägypten (katholisches Europa) ins gelobte Land.“

    Sozial und politisch muß man das wohl als einen Versuch der Befreiung der unteren sozialen Schichten sehen. „Ägypten“ war nicht nur katholisch, sondern auch anglikanisch und vor allem war es die Gesellschaft der Adelsherrschaft. Ausziehen aus „Ägypten“ war sozusagen die Alternative zum Klassenkampf und zum Bauernkrieg. Man errichtete anderswo Gesellschaften (nach Ausrottung der „Wilden“ in der Wildnis), die teils Züge jener alten Idee der Gesellschaften freier Bauern haben, teils modern-bürgerliche, und dies alles in einem eigenartigen demokratisch-fundamentalistischen Rahmen (Puritanismus). (Siehe dazu meinen Blog-Artikel zu J. B. Jackson).

  10. DIE Natur als projektsraum gibt es ja

    schon sehr lange, aber gerade in jüngster Zeit muss die arme Natur – wie Sie in ihrem Blog immer wieder thematisieren (als einer von wenigen) – für viel herhalten.
    Mir scheint die Kulturlandschaft unserer Breiten (oder besser die Vorstellung davon) ein Wunschbild zu sein, wie man DIE Natur gerne hätte: Eben nicht als angstgebietende Wildnis sondern wohlaufgeräumt, überschaubar und nett angerichtet. Das ist die ‘Natur’, die es zu verteidigen gilt, von der letztlich auch meist die Rede ist, wenn es um Naturschutz geht.
    Die Wildnis ohne Handymasten und Tankstellen ist viel zu bedrohlich.
    Deswegen hat Naturschutz schnell eine Doppelbödigkeit; meist wird eben doch nicht über den Tellerrand gesehen, nicht das gesamte System gesehen (und auch eher nicht global gedacht.

  11. Pastorale

    In Beethovens Pastorale (1808) sieht es so aus:
    Die Perspektive des Städters ist explizit (“Ankunft auf dem Lande), bäurisch ist das “Lustige Zusammensein der Landleute” (3. Satz, mit Dorfmusik), im letzten Satz “Hirtengesang – frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm”.

  12. @ Ludwig Trepl

    Selbstverständlich fand zum 19. Jahrhundert eine qualitative Änderung statt, von der Patorale zur Verklärung des Landlebens, aber ich denke, dass das positive Bild des bäuerlichen Lebens durchaus weiter zurückreicht, auch wenn die Idee der Pastorale überwog. Ich habe das im ersten Beitrag in der Tat nicht differenziert. In der Malerei finden wir seit der frühen Neuzeit positiv konnotierte Darstellungen des Landlebens, vor allem in der niederländischen. Im Prado gibt es ein Gemälde von Jan Brueghel d.Ä., das sogar Hofdamen beim Heuen zeigt. Die Statthalter der Niederlande nahmen in dieser Zeit gelegentlich auch an ländlichen Festen teil, z.B. Hochzeiten. Möglicherweise sind das nur Einzelbeispiele. Im Absolutismus verschwanden solche Ansätze lokaler Identifikationen vielleicht wieder. Das Ideal des Landlebens im 19. Jh. ist tatsächlich bäuerlich geprägt, die Pastorale läuft im frühen 19. Jh. aus. An der Verbreitung des Ideals hatte die bildende Kunst auch ihren Anteil, denn solche Bilder hingen zu hunderten in den Kunstausstellungen, die von Hunderdtausenden besucht wurden. Das Bauerngenre gehörte (mit der Landschaftsmalerei) damals zu den beliebtesten Genre der Malerei.
    Zur amerikanischen Imagination der Wildnis: Bei einem Teil der Siedler spielte auch eine bestimmte religiöse Vorstellung eine wichtige Rolle, nämlich die Idee vom Auszug aus Ägypten (katholisches Europa) ins gelobte Land. Mit “Gottes Hilfe” oder gar unter seiner Vorsehung konnte man dort aus der Wildnis ein neues Paradies oder himmlisches Jerusalem schaffen. Somit verliert die Wildnis etwas von dem strengen Gegensatz, in dem sie in Europa gegenüber der Kulturlandschaft steht.
    Das habe ich vor Jahren gelesen, kann aber den Titel nicht mehr nennen erinnern.
    Nunja, das Thema ist komplex, je mehr ich schreibe, umso unzulänglicher erscheint es mir.

  13. @ Paul Stefan

    „In kleinem Maßstab gab es so etwas ja schon lange, wenn sich zum Beispiel Marie Antoinette einen kleinen Bauernhof in Versailles leistete, um dort “Bauersfrau” zu spielen oder spielen zu lassen.“

    Das dürfte nicht nur eine Frage des Maßstabs sein. Die Land-Sehnsucht der Bürger ab dem 19. Jahrhundert unterschied sich auch inhaltlich von dem, was die Motivation der Pastorale-Spiele des Adels 100 Jahre früher war. Auffällig ist, daß in diesen Spielen das Ideal nicht die Bauern war, sondern die Hirten; mit denen ließ sich offenbar eher die Idee des sorglosen, freien Lebens in der Natur verbinden als mit den doch immer unter ihrer Last stöhnenden Bauern. Auch gab es im 18. Jahrhundert nicht die Idee einer Einheit von Land und Leuten; in der Belletristik ist nirgends ein Regionalismus zu finden, wie das dann im 19. Jahrhundert selbstverständlich wurde. (Das habe ich vor allem aus: Eva Gelinsky 2008: Vielfalt und regionale Eigenart als strukturierende Prinzipien einer Kulturtheorie des Essens. Eine ideengeschichtliche Rekonstruktion am Beispiel der Organisation Slow Food. Beiträge zur Kulturgeschichte der Natur Bd. 17.)

    „…kann man die Menschen fragen, die vom Tagebau vertreiben werden“.

    Vielleicht muß man unterscheiden zwischen solchen Fällen des Heimatverlustes, der ziemlich zeit- und kulturunabhängig für die tatsächlich Betroffenen schmerzlich ist, und dem Heimatverlust in einem – nun schon an die 200 Jahre anhaltenden – Zeitgeist, der die Nicht-Betroffenen zum Mitfühlen bringt.

    „In der amerikanischen Imaginationswelt nimmt, sofern ich recht weiß, die “Wildnis” tatsächlich den Platz ein, den bei uns die Kulturlandschaft einnimmt.“

    Ob das stimmt? In gewisser Weise schon: Es gibt in der amerikanischen Imaginationswelt nicht eine gute alte Zeit des Lebens in organischen, traditionsbestimmten, „gewachsenen“ Gemeinschaften. Die gute alte Zeit war dort vielmehr eine des Kampfes – gegen die Wildnis, die allerdings hier keineswegs eine von Menschen unberührte Natur ist, sondern die Welt der „Wilden“. Die organischen Gemeinschaften sind die, aus denen man geflohen ist – die enge, unfreie europäische Welt. Man könnte vielleicht sagen, daß der Platz der Kulturlandschaften durch deren Gegenteil eingenommen wird, und doch ist gerade das Gegenteil mit der guten alten Zeit verbunden. (Siehe dazu hier: John Brinckerhoff Jacksons drei Landschaften). – In Deutschland spielt die Wildnis insofern eine ganz andere Rolle als die Kulturlandschaft, als man sich ja nicht als Kulturmenschen denkt, die die Wildnis erobert haben, sondern sich selbst als aus der Wildnis kommend sieht; man hat diese sozusagen von innen überwunden. Deshalb ist die „Urlandschaft“ bei uns ganz anders besetzt als in Amerika.

  14. Pastorale als Kompensation

    Ein sehr kluger und guter Text, vielen Dank!
    In kleinem Maßstab gab es so etwas ja schon lange, wenn sich zum Beispiel Marie Antoinette einen kleinen Bauernhof in Versailles leistete, um dort “Bauersfrau” zu spielen oder spielen zu lassen. Die wohltuende Phantasie vom Landleben hat eine kompensatorische Funktion. Bürger hängten sich Gemälde mit Pastoralen in die Wohnzimmer.
    Wie es ist, wenn die heimatliche Kulturlandschaft tatsächlich beseitigt wird, und nicht quasi ästhetisch erhalten, kann man die Menschen fragen, die vom Tagebau vertreiben werden. Da verschwindet alles radikal, Dörfer, Kirchen, Herrenhäuser. Das macht aber bemerkenswerterweise kaum einen größeren Skandal.
    In der amerikanischen Imaginationswelt nimmt, sofern ich recht weiß, die “Wildnis” tatsächlich den Platz ein, den bei uns die Kulturlandschaft einnimmt. Es handelt sich historisch bedingte um eine andere Mentalität.

  15. @ Martin Holzherr

    „Ludwig Trepls Beitrag zusammengefasst lautet: “Retten wir die bedrohte Kulturlandschaft wenn es sein muss mit Subventionen, denn diese Kulturlandschaft entspricht einem menschlichen Bedürfniss.”(

    „…als alten Glauben muss man [I]hre Einstellung und die von Herrn Trepl halten, wenn ihr nicht einmal bereit sei[d] 17% der Landoberfläche unverändert zu lassen.“

    Wie kommen Sie denn bloß darauf

  16. Falschdarstellung

    Nicht (Zitat)”als Neuen Glauben” sondern als alten Glauben muss man ihre Einstellung und die von Herrn Trepl halten, wenn ihr nicht einmal bereit seit 17% der Landoberfläche unverändert zu lassen.

    Einen (kleinen) Teil der Erde dem mensch[l]ichen Einfluss Menschen zu entziehen bedeutet keinen Schaden für die Menschheit. Wer dazu nicht bereit ist, der muss offensichtlich eine Mission haben. Eine Mission deren tieferer Sinn sich mir entzieht.

    Also der Webbaer – der gerne auch bei der Anrede in der 3. Person Plural bleiben möchte – kann nur für sich sprechen:
    Und die ihm unterstellten Aussagen sind nicht getätigt worden.

    Insofern: Blödsinn!

    Stattdessen sind Sie angefragt worden Ihre Motivations- und Rechtfertigungslage betreffend, Sie wissen ja anscheinend immer wie mit der Natur umgegangen werden soll.
    Wobei Sie, wie oben geklärt, mit Setzungen arbeiten, also Nullo Problemo und keine weiteren Fragen, Sir!

    MFG
    Dr. W

  17. @Dr.Webbaer: Alter Glaube

    Nicht (Zitat)“als Neuen Glauben” sondern als alten Glauben muss man ihre Einstellung und die von Herrn Trepl halten, wenn ihr nicht einmal bereit seit 17% der Landoberfläche unverändert zu lassen.

    Dabei bin ich etwa gar kein Gegner von Eingriffen in die Natur wo sie wirklich nützlich für den Menschen sind. Das die Malaria verbreitende Insekt (Anopheles ..) würde ich ohne mit der Wimper zu zucken liquidieren, Masern durch Impfungen zum Verschwinden bringen und noch einiges mehr. Wer aber die Erde für die menschlichen Ansprüche bis zur letzten Krume nutzen will, der muss sich fragen lassen, ob er nicht auch einer Mission folgt. Vielleicht der Mission, die Erde in einen nach den Wünschen des Menschens gestalteten Gartens zu verwalten, wo nur noch die Pflanzen und Tiere übrigbleiben, die nach Massgabe des Menschen nützlich sind oder einen ästhetischen Anspruch erfüllen.
    Da bin ich nun völlig anderer Ansicht. Sogar Mücken, Schaben und anderes Ungetier würde ich leben lassen, wenn sie mich auch gelgentlich stören. Einen (kleinen) Teil der Erde dem menschichen Einfluss Menschen zu entziehen bedeutet keinen Schaden für die Menschheit. Wer dazu nicht bereit ist, der muss offensichtlich eine Mission haben. Eine Mission deren tieferer Sinn sich mir entzieht.

  18. @ Martin Holzherr

    „Doch von dieser Idee [Leben in Traditionen usw.. „Herkunft statt Zukunft“, gegen das modern-liberalistische Gesellschaftsideal] sind wir weit entfernt und entfernen uns immer mehr. Tatsächlich zählt in Wirtschaft und Politik – die ja vor allem der Wohlstandsmehrung und anschliessenden Verteilung des erwirtschafteten Wohlstand dient – vor allem die Zukunft.“

    Ja gewiß, wir entfernen uns immer mehr. Aber eben das wollte ich betonen: Genau dieses Entfernen erzeugt die Sehnsucht nach idealisierten alten Verhältnissen und den Widerstand gegen die Moderne. Die klassische Konservative Kulturkritik ist ebenso ein Ausdruck davon wie der derzeitige Fundamentalismus. In der „alten Zeit“ sehnte man sich nicht nach der alten Zeit, in der Heimat nicht nach der Heimat. Erst die Moderne erzeugt solche Sehnsüchte. Sie sind aber eine sehr reale Kraft, und es ist ein Fehler zu glauben, sie wären das nicht, nur weil die Moderne fortschreitet und fortschreitet. Und ich habe es „traumtänzerisch“ genannt, nicht mit ihnen zu rechnen. Die Politik unserer Öko-Technokraten, die die Kulturlandschaft und die Sehnsucht danach (die sie auch in sich selbst haben) nicht bemerken oder verdrängen, ist traumtänzerisch.

    „… auf dem Land aber die Kulturlandschaften erhalten und gepflegt werden sollen, dann wären das wohl in der Zukunft einfach Ausflusgsziele.“

    Ja, so ist das ja heute schon. Kaum eine nach Landwirtschaft aussehende Fläche in Mitteleuropa ist etwas anderes. Ökonomische Gründe, die Landwirtschaft wegen ihrer Produkte bzw. des Einkommens, das damit zu erzielen ist, zu erhalten, gibt es nur an wenigen Stellen, bzw. der einzige ökonomische Grund für die Landwirtschaft ist der Tourismus. Aber: Die Kulturlandschaft ist eben in Wirklichkeit keine Kulturlandschaft mehr, sondern nur ein Bild von ihr. Die Sehnsucht nach ihr, die nicht wegzubekommen ist, kann systematisch nicht befriedigt werden, und das verstärkt sie. Zur Kulturlandschaft, wie sie ersehnt wird, gehört das Leben auf alte Weise. Das ist nicht mehr möglich (und eben darum entsteht die Sehnsucht), nur noch Bilder, Inszenierungen sind möglich. Und die Frage ist, ob man, weil diese Bilder nun einmal gewünscht sind, sie auch herstellen/erhalten soll. Das ist eine schwierige Frage.

    „…Vorstellung von einer (Zitat) “organischen Gemeinschaft der Menschen und der organischen Einheit von „Land und Leuten“”.(Doch das ist wohl nicht die Idee, die dieser Beitrag vermitteln will. Die Idee kommt wohl mehr in den folgenden Sätzen zum Ausdruck:(“Im wesentlichen bedeutet das ein Leben in Traditionen. Es ist das genaue Gegenteil des liberalistischen Ideals“.

    Doch, die organische Gemeinschaft ist die Idee, und das Leben in Traditionen ist nicht eine andere Idee, sondern nur ein anderer Aspekt derselben Sache. Wenn man sich die Gesellschaft als organische Einheit vorstellt, dann muß in Traditionen gelebt werden. Wenn man sie sich dagegen „modern“ (liberal) vorstellt, dann erscheinen Traditionen allenfalls sekundär als etwas Sinnvolles: Sie müssen erst mal geprüft werden, ob sie auf dem Weg zur „Zukunft“ förderlich oder hinderlich sind. Im konservativen Weltbild aber ist die Tradition an sich selbst etwas Gutes, egal wie sie ist. Das liegt daran, daß man sich in dieser Sichtweise der Herkunft, d. h. dem organischen Ganzen, das einen hervorgebracht hat, verdankt.

  19. Herr Holzherr

    Also sind’s Setzungen.

    Sie haben sicherlich nichts dagegen, wenn Ihr Kommentatorenfreund dies als Neuen Glauben bucht, als etwas für den ökologischen Fantatrinker.

    MFG
    Dr. W

  20. @Dr.Webbaer: Nicht mehr durch Weniger

    Sie schreiben:

    “was genau leitet Sie an regelmäßig die jetzt gegebene Diversität der Biosphäre umfänglich erhalten sehen zu wollen?, isses Post-Religiösität, andere Befindlichkeit oder neuer Glaube?”

    Umfänglich lässt sich die Biodiversität ohnehin nicht mehr erhalten. Ich habe wohl nur ein anderes Bild von der Erde: Nicht als Wimmelplatz für ein einziges Geschöpf, sondern als Heimstatt von vielen Spezies, unter denen der Mensch nur eine ist.
    Ich bin überzeugt, dass in nicht allzu ferner Zukunft der Blick auf die Erde ein ganz anderer sein wird. Der Mensch wird dann eine multiplanetare Spezies sein, wird sich aber auf dem Mond, Mars und anderen unwirtlichen Orten zurücksehnen nach der Erde, die dann als Herkunftsort allen Lebens, auch der Menschen auf dem Mars und Mond, gesehen wird. Die Erde wird dann quasi eine Referenz für die Herkunft des Menschen werden und zum Menschen wird man im weiteren Sinn auch die Natur zählen aus der er hervorgegangen ist.

  21. Kulturlandschaften als Ausflugsziele

    @Ludwig Trepl: Wenn immer weniger Menschen auf dem Land wohnen, auf dem Land aber die Kulturlandschaften erhalten und gepflegt werden sollen, dann wären das wohl in der Zukunft einfach Ausflusgsziele. Man würde in der Freizeit die alten Kulturlandschaften bereisen um dann wieder in den städtischen Alltag und Werktag zurückkehren.
    Scheinbar ist nicht nur die Wildnis eine Gegenwelt sondern auch ihre Vorstellung von einer (Zitat)“organischen Gemeinschaft der Menschen und der organischen Einheit von „Land und Leuten“”.

    Doch das ist wohl nicht die Idee, die dieser Beitrag vermitteln will. Die Idee kommt wohl mehr in den folgenden Sätzen zum Ausdruck:
    “Im wesentlichen bedeutet das ein Leben in Traditionen. Es ist das genaue Gegenteil des liberalistischen Ideals der Gesellschaft der unabhängigen, in diesem Sinne freien Einzelnen, in der nicht Tradition, damit Herkunft, sondern allein Zukunft zählt.”

    Doch von dieser Idee sind wir weit entfernt und entfernen uns immer mehr. Tatsächlich zählt in Wirtschaft und Politik – die ja vor allem der Wohlstandsmehrung und anschliessenden Verteilung des erwirtschfateten Wohlstand dient – vor allem die Zukunft. Man vernimmt gerade jetzt wieder in vielen Gazetten ein Jammern über den jüngsten Wachstumseinbruch und tröstet sich auf eine Zukunft, in der ein neuer Kondatrieff-Zyklus, eine neue Technologie, den dringend benötigten nächsten Wachstumsschub auslöst.

    Erst wenn dieser Hauptantrieb unserer Gegenwart, das Streben nach immer mehr Wohlstand, wegfällt, weil mehr Wohlstand keinen Sinn mehr macht, wird wohl möglich zu erkennen, (Zitat)
    daß diese moderne Welt systematisch defizitär ist, daß sie Bedürfnisse, die man schwerlich einfach ablegen kann, nicht befriedigen kann, und darin ist sie nicht illusionär, sondern recht realistisch – viel realistischer als die progressiven Weltanschauungen, seien sie nun liberalistisch oder sozialistisch.”

    Nur kenne ich keine noch so wohlhabende Gesellschaft, die bereits an diesem Punkt angekommen ist.

  22. Herr Holzherr

    , Herr Holzherr, Sie haben die Frage nicht beantwortet, Herr Holzherr.

    Benennen Sie Ihrem alten Kommentatorenfreund gegenüber einfach nur dem Wunsch entsprechend Ihren Maßstab.

    Was nett wäre.

    MFG
    Dr. W

  23. @Dr. Webbaer: DenMenschen als EwigDenken

    Wir alle leben, als wäre morgen alles vorbei. Doch die Menschheit kann – wenn sie will – noch Jahrtausende weiterexistieren. Dann aber erhalten im Rückblick aus momentaner Gier und momentanem Bedürfnis unwiederbringlich verbrauchte und zerstörte Rohstoff- und Natur-Ressourcen eine ganz andere Bedeutung.

    Erst heute ist der Mensch überhaupt in der Lage sich selbst (als Art) oder seine Umgebung zu vernichten oder dauerhaft zu degradieren. Er hat aber noch keine Konsequenzen aus dieser neuen Fähigkeit gezogen.

    Was sie hier schreiben, Dr. Webbaer:
    ” Kulturlandschaften haben ja den Zweck des Bestandserhalts, des Primaten”
    ist schlicht falsch. Ludwig Trepl schreibt im Beitrag ausdrücklich, die Kulturlandschaft sei bedroht, weil sie durch die Industrielandschaft und zu seinem Bedauern nun auch noch durch die menschengewollte Wildniss bedroht sei.

    Ludwig Trepls Beitrag zusammengefasst lautet: “Retten wir die bedrohte Kulturlandschaft wenn es sein muss mit Subventionen, denn diese Kulturlandschaft entspricht einem menschlichen Bedürfniss.”
    Mit Überleben (Bestandserhalt) hat das gar nichts zu tun.

  24. @ Martin Holzherr

    Es gelingt mir offenbar nicht, mich verständlich zu machen; zumindest bei Ihnen, Herr Holzherr, gelingt es mir nicht.

    „Die Zukunft der Menschheit liegt in den Städten“.

    Daran kann es kaum Zweifel geben, auch wenn Alternativideen wie die der sich selbst versorgenden Gärtnergesellschaft, in der der Gegensatz von Stadt und Land aufgehoben ist und die es schon seit über 100 Jahren gibt (z. L. Migge) und mit denen von sozialen Bewegungen auch experimentiert wurde, technisch möglich sind. Weil es an der nahezu vollständigen Verstädterung kaum Zweifel geben kann, habe ich die konservative Idee der Erhaltung des Lebens in traditionellen Kulturlandschaften ja auch „illusorisch“ genannt. Nur habe ich es eben auch „illusorisch“ genannt, zu glauben, den Menschen (unserer Kultur) die Sehnsucht nach der traditionellen Kulturlandschaft abgewöhnen zu können.

    „Landwirtschaft wird von der Restbauernschaft – also von den Grossfarmern wie in den USA …“

    Nicht von einer Restbauernschaft. Für die konservative Kulturkritik war das immer ein Hauptpunkt: Farmer sind Landwirte, aber keine Bauern (ein Gutsherr ist auch ein Landwirt, aber kein Bauer). „Bauer“ ist eine Stand und eine Lebensform, kein Produktionszweig. So lange man diesen Unterschied nicht begreift, kann man in dieser Debatte nicht mitreden.

    „Es wird Freiflächen geben und diese können sowohl für Kulturlandschaften als auch für Naturlandschaften oder Wildnisse genutzt werden.“

    Nicht für Kulturlandschaften, sondern für Bilder von Kulturlandschaften. Ein englischer Garten ist ein Bild einer traditionellen Weidelandschaft, er ist aber keine. Und eine von Landschaftsplanern ausgedachte von der Landkreisverwaltung realisierte Landschaft, in der mit viel Subventionen kleinteilig gewirtschaftet wird, in der am Ackerrand Kornraden und Kornblumen wachsen, für deren Erhaltung der Landwirt (nicht der Bauer, den gibt es kaum mehr) eigens Geld bekommt, ist ein Bild einer traditionellen bäuerlichen Landschaft, es ist keine. – Und „als Wildnis nutzen“ ist ein Widerspruch in sich.

    „Mit der Idee der Wildniss verbindet sich auch die Idee der Artenerhaltung und die Idee einer Gegenwelt …“

    Gegenwelt stimmt, aber bei „Artenerhaltung“ wiegen wir Fachleute bedenklich den Kopf. Im Naturschutz geht es meist nicht um die Erhaltung von Arten als solchen, sondern von Arten in bestimmten Gebieten. Die Artenzahl von Gebieten wie Mitteleuropa oder gar von kleineren Flächen innerhalb von Mitteleuropa würde aber deutlich zurückgehen, wenn man dieses Gebiet sich zu einer Naturlandschaft entwickeln ließe. Darum sind ja die Naturschützer so eifrig dabei, die Wiederbewaldung insbesondere von ehemals durch Weidewirtschaft offengehaltenen Flächen zu verhindern.

    „Um die meisten Arten zu erhalten genügen möglicherweise schon 17% der Erdoberfläche …“

    Um die meisten Arten zu erhalten, genügen weit weniger.

    „Kulturlandschaften sind bei Bedarf wiederherstellbar, ausgestorbene Arten aber sind nur sehr schwierig wiederzubeleben …“

    Wie gesagt, Bilder von Kulturlandschaften sind bei Bedarf wiederherstellbar, aber nicht Kulturlandschaften, denn zu diesen gehören Lebensformen der Menschen. Was die Arten angeht: Man meint meist Biospezies, wenn man hier von Arten spricht, nicht morphologische Arten. Biospezies sind aber nicht schwierig, sondern grundsätzlich gar nicht „wiederzubeleben“, und zwar aus logischen Gründen. Denn sie sind keine Klassen im Sinne der Logik, die eine Zeitlang leer sein können und dann wieder gefüllt werden können, sondern individuelle „Dinge“. solche können nicht wiederbelebt werden, es können allenfalls ähnliche Dinge wieder entstehen; ein gestorbener Mensch wird ja auch nicht wieder lebendig, wenn irgendwo ein ununterscheidbarer Doppelgänger entsteht.

  25. Herr Holzherr

    Kulturlandschaften sind bei Bedarf wiederherstellbar, ausgestorbene Arten aber sind nur sehr schwierig wiederzubeleben weswegen ich dem Artenerhalt den Vorrang geben würde.

    …mal am Rande nachgefragt, Kulturlandschaften haben ja den Zweck des Bestandserhalts, des Primaten, was genau leitet Sie an regelmäßig die jetzt gegebene Diversität der Biosphäre umfänglich erhalten sehen zu wollen?, isses Post-Religiösität, andere Befindlichkeit oder neuer Glaube?

    MFG
    Dr. W (der gerne noch anmerkt, dass die Evolution nicht dadurch zu einem Ende kommt, dass dies von einigen befürchtet wird)

  26. Neues Gleichgewicht anstatt Totalrückzug

    Die Zukunft der Menschheit liegt in den Städten und in vielen Fällen ist das auch schon die Gegenwart. Damit ist auch eine Entvölkerung der Landschaft verbunden. Landwirtschaft wird von der Restbauernschaft – also von den Grossfarmern wie in den USA – auf industrialisierte Weise betrieben womit auch die traditionelle, kleinräumige Kulturlandschaft tendenziell zurückgeht.
    Viele der neuen, gerade auch im Zeichen der Energiewende entstandenen Industrielandschaften wie z.B. grosse Gebiete in denen nur Mais (oder andere “Energie”-pflanzen) zum Biomasseanbau gepflanzt werden, sind das Gegenteil einer Kultur- aber auch das Gegenteil einer Naturlandschaft.
    Industrialisierte Formen der Landwirtschaft werden in Zukunft eher weiter zunehmen. Nur schon darum, weil zuwenig Bauern übriglbeiben um die alten, arbeitsintensiven Formen der Landwirtschaft zu pflegen. Doch die Intensivierung bedeutet auch, dass nicht alle Flächen benötigt werden. Es wird Freiflächen geben und diese können sowohl für Kulturlandschaften als auch für Naturlandschaften oder Wildnisse genutzt werden. Mit der Idee der Wildniss verbindet sich auch die Idee der Artenerhaltung und die Idee einer Gegenwelt zur Menschenwelt. Um die meisten Arten zu erhalten genügen möglicherweise schon 17% der Erdoberfläche wie im Artikel Protecting 17 percent of Earth’s land could save two-thirds of plant species ausgeführt wird.
    Artenerhalt, Erhalt von Wildreservaten und eigentlichen Wildnissen schliesst aber Kulturlandschaften nicht aus.

    Kulturlandschaften sind bei Bedarf wiederherstellbar, ausgestorbene Arten aber sind nur sehr schwierig wiederzubeleben weswegen ich dem Artenerhalt den Vorrang geben würde. Es sind auch völlig andere Zeiträume, die hier eine Rolle spielen. Kulturlandschaften sind Jahrhunderte alt. Die Wildnis mit all ihren Arten und Ökosystemen ist Millionen von Jahren alt.