Das Fliegen gelingt nicht mehr. Über Motive und Grenzen der Sinnsuche in der Natur

Landschaft & Oekologie

Bei transcript ist eben ein von Thomas Kirchhoff, Vera Vicenzotti und Annette Voigt herausgegebener Sammelband mit dem Titel „Sehnsucht nach Natur. Über den Drang nach draußen in der heutigen Freizeitkultur“ erschienen. Hier ein darin enthaltener Aufsatz von mir als Leseprobe:

 Teil 1: Man geht nicht „in die Natur“, um sich zu erholen

Anders als früher ist man in unserer Zeit bemüht, ungenutzte Natur zu erhalten – einerseits. Andererseits fällt alles, was die Menschen mit der Natur machen, heute unter „Nutzung“. Deshalb muss die Natur nicht nur, aber auch so genutzt werden, dass sie nicht vernutzt wird. Die Art der Nutzung, die das ermöglicht, nennt man Erholung. Tatsächlich jedoch geht kaum einer deshalb „in die Natur“. Was sind die wahren Gründe?

Wenn heute in Kreisen, in denen man sich beruflich mit der Erhaltung und Veränderung von Natur als Landschaft befasst, über das gesprochen wird, was die Menschen ganz allgemein in und mit dieser Natur machen, sagen sie gern ›Umgang mit der Natur‹, und falls jemand statt ›Umgang mit‹ ›Nutzung der‹ verwendet, wird das kaum jemandem falsch vorkommen. Wenn wir mit der Natur ›umgehen‹, dann ist das identisch damit, dass wir sie nutzen. Indem wir sie nutzen, eignen wir sie uns an, wie es ja auch im Titel der Tagung steht, aus der dieses Buch hervorgegangen ist. Selbstverständlich ist das nicht. Dem Eremiten, der sich in die Wildnis zurückzog, wäre die Aussage, dass er die Natur nutzt und er sie sich mit seiner besonderen Art zu leben in einer besonderen Weise aneignet, sicher nicht als eine richtige Interpretation seines Tuns vorgekommen. Davon hätten ihn schon seine Vorstellungen über die wahren Eigentumsverhältnisse abgehalten. Die Wildnis gehört niemandem außer Gott, hätte er vielleicht gesagt, und er nutzt keineswegs die Natur, sondern indem er allen Gedanken an Nutzen aufgibt, hofft er, Gott wohlgefällig zu werden.

Objekt der Nutzung nicht nur in der Realität, sondern auch in der Vorstellung der Menschen vom richtigen Handeln, ist die Natur vor allem in der Zeit der Aufklärung geworden. Sich die Natur arbeitend anzueignen, sie zu nutzen und so umzuformen, dass sie nutzbringend ist, dass wir also aus ihr Mittel gewinnen zum Überleben und zum immer besseren Leben, darin sah man geradezu das Wesen des Menschen. Diese Einsicht war das Fundament, auf dem die liberalen Theoretiker ihre Denkgebäude vom Wesen der Gesellschaft, des Staates, des Rechts, der Wirtschaft usw. aufbauten.

Wenn man sich die Natur aneignet, sie also nutzt, dann wird sie im Allgemeinen vernutzt. Die angeeignete Natur hört damit tendenziell auf, Natur zu sein. Der Urwald wird von den Kolonisten gerodet und an die Stelle der Natur tritt das Feld, ein von den Menschen geschaffenes Gebilde, so beschaffen, wie es erforderlich ist, um ihnen Produkte zu liefern. ›Feldfrüchte‹ erfordern zwar immer noch die Mitwirkung der Natur, aber sie gelten doch kaum mehr als deren Erzeugnisse, sondern bestenfalls als solche der hier arbeitenden Menschen, wenn nicht sogar nur als Erzeugnisse eines Besitzers, der mit der Bearbeitung der Natur oder des Feldes gar nichts zu tun hat.

Anfangs stand der genutzten Natur die ungenutzte, die Wildnis gegenüber. Sie war in der Vorstellung seit der Aufklärung nur noch nicht genutzt. Es war selbstverständlich, dass ihr das bevorstand. Nichts sollte von der Kultivierung ausgeschlossen bleiben. Ob in einem aufklärerisch-liberalen, einem aufklärerisch-demokratischen oder einem gegenaufklärerisch-konservativen Denkzusammenhang: Es ist gut, alle Wildnis restlos zu beseitigen – also von der aufs individuelle Interesse ausgerichteten Klugheit angeraten, von der allgemeinen, aufs Gemeinwohl ausgerichteten Vernunft geboten, oder aber von Gott geboten. Eine Begründung, warum es nicht gut sein sollte, lag weit jenseits des zumindest auf den gängigen Denkwegen Denkbaren.

Heute ist man ganz im Gegensatz dazu emsig bemüht, ungenutzte Natur zu erhalten. Sie soll aber keineswegs als ungenutzte erhalten werden: Auch die ungenutzte wird genutzt. Wenn Landschaftsplaner auf einer Karte die ›Nutzungen‹ eintragen, dann bleiben keine weißen Flecken.

Die besondere Art der Nutzung, die zugleich Nichtnutzung ist, geschieht so, dass die Natur nicht vernutzt wird. Die Natur muss bei dieser Nutzung erhalten bleiben, das ist hier wesentlich. Diese Art der Nutzung heißt oft Naturschutz, aber wenn die Frage ist, wozu denn die Naturschutzgebiete da sind, dann ist die Antwort, falls die Begründung nicht nur ›ökologisch‹ – was immer dies bedeuten mag – ist, fast immer: ›für die Erholung‹. Wenn es eine Begründung dafür braucht, ein Stück Natur ungenutzt zu lassen oder es doch weniger intensiv zu nutzen, als es möglich wäre, dann lautet sie in aller Regel zumindest auch, dass es so besser nutzbar sei für die Erholung.

Wie es dazu kam, ist für die Profession der (westdeutschen) Landschaftsplanung von Stefan Körner herausgearbeitet worden. In der Nachkriegszeit hatten die Landschaftsplaner das Problem, die Daseinsberechtigung ihres Fachs unter den neuen politischen Bedingungen beweisen zu müssen. Sie konnte nicht mehr aus der Blut-und-Boden-Theorie abgeleitet werden, und eine Rückkehr zu den alten, klassisch-konservativen Begründungsweisen, in denen der Landschaftsschutz einfach eine kulturelle Aufgabe war, ein Teil des gebotenen Kampfes für die Kultur und gegen die Zivilisation, war zumindest schwierig geworden. Man musste einen allgemein anzuerkennenden Nutzen der ungenutzten Natur unter industriekapitalistischen Verhältnissen in einem liberal-demokratischen Staatswesen zeigen. Der Nutzen, den die Natur als schöne Landschaft für den Einzelnen und für ›die Wirtschaft‹ hat, liegt in der Erholung, die sie ermöglicht; und Natur als schöne Landschaft ist da, wo Natur nicht genutzt wird oder doch nicht so effektiv, wie es möglich wäre, denn die ›schöne‹ Landschaft ist vor allem die traditionell-bäuerliche.

Damit ist die schöne Landschaft zu einer Ressource geworden wie die dem physischen Leben dienenden und dabei vernutzten Naturdinge auch. Einem heutigen Landschaftsplaner ist kaum mehr begreiflich zu machen, dass Natur und Landschaft auch eine andere Bedeutung haben könnten als entweder nutzbar zu sein für ökonomische Zwecke oder nutzbar zu sein für Erholungszwecke (und damit indirekt auch für ökonomische). Aber das ist nicht nur in der verzerrten oder verengten Sicht so, die eine berufliche Perspektive so häufig mit sich bringt. Auch der Normalbürger, der etwa durch die Landschaft spaziert, wird auf die Frage, warum er das denn mache, in aller Regel sagen: ›um mich zu erholen‹. Vielleicht wird er auch sagen: ›um mich zu entspannen‹; das wiederum täte er, weil Entspannung für die Erholung gut sei.

Tatsächlich geht kaum einer deshalb ›in die Natur‹. Früher wusste man eher, was die wahren Gründe sind.

»Ein Mann von Verstand und Logik«, schrieb Jean Paul vor zwei Jahrhunderten, »würde meines Bedünkens alle Spazierer, wie die Ostindier, in vier Kasten zerwerfen«. Die erste Kaste ist die unterste. Da »laufen die jämmerlichsten, die es aus Eitelkeit und Mode tun und entweder ihr Gefühl oder ihre Kleidung oder ihren Gang zeigen wollen«. Darüber, in der zweiten Kaste, »rennen die Gelehrten und Fetten, um sich eine Motion zu machen, und weniger, um zu genießen, als um zu verdauen, was sie schon genossen haben […] oder aus einem tierischen Wohlbehagen am schönen Wetter«. In die dritte Kaste gehören die, »in deren Kopfe die Augen des Landschaftmalers stehen, in deren Herz die großen Umrisse des Weltall dringen, und die der unermeßlichen Schönheitlinie nachblicken, welche mit Efeufasern um alle Wesen fließet«. Eine noch höhere Kaste, eine vierte, »dächte man, könnt’ es nach der dritten gar nicht geben: aber es gibt Menschen, die nicht bloß ein artistisches, sondern ein heiliges Auge auf die Schöpfung fallen lassen – die in diese blühende Welt die zweite verpflanzen und unter die Geschöpfe den Schöpfer – die unter dem Rauschen und Brausen des tausendzweigigen, dicht eingelaubten Lebensbaums niederknien und mit dem darin wehenden Genius reden wollen, da sie selber nur geregte Blätter daran sind – die den tiefen Tempel der Natur nicht als eine Villa voll Gemälde und Statuen, sondern als eine heilige Stätte der Andacht brauchen – kurz, die nicht bloß mit dem Auge, sondern auch mit dem Herzen spazieren gehen«.

Von Erholung ist hier nirgends die Rede. Dabei war es keineswegs so, dass die Menschen sie damals nicht nötig gehabt hätten, oder zumindest die nicht, zu deren Gewohnheiten das Spazierengehen gehörte; auch das Leben der bürgerlichen Klasse war damals eher anstrengender als heute. Mir scheint, Jean Paul ist nur der merkwürdige Fehlschluss nicht unterlaufen, dass das, was sich als eine Nebenwirkung des Spazierens oft oder meist ergibt, auch der Grund sein muss, weswegen man spazierengeht. Die Motive, die er nennt, sind im Wesentlichen dieselben wie heute – nicht nur fürs Spazierengehen, sondern für all jene heutigen Naturnutzungen, zu denen man ebenso gut Nichtnutzungen sagen könnte, Nutzungen, die voraussetzen, dass die Natur oder die Landschaft dabei nicht vernutzt wird. Natürlich hat sich im Einzelnen einiges verändert. Gehen wir die vier Kasten der Reihe nach durch. (Fortsetzung folgt)

 

Literatur

Jean Paul (1822): Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung. Berlin: Reimer.

Körner, Stefan (2001): Theorie und Methodologie der Landschaftsplanung, Landschaftsarchitektur und Sozialwissenschaftlichen Freiraumplanung vom Nationalsozialismus bis zur Gegenwart. Berlin: Fakultät VII, Architektur Umwelt Gesellschaft der Technischen Universität Berlin.

Kötzle, Markus (1999): Eigenart durch Eigentum. Die Transformation des christlichen Ideals der Individualität in die liberalistische Idee von Eigentum. Berlin, Technische Universität Berlin.

Trepl, Ludwig (2012): Die Idee der Landschaft, Bielefeld: transcript.

 

Ludwig Trepl

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

2 Kommentare

  1. @ Nils

    Sie schreiben:
    „Fährt er aber nicht alleine, sondern mit vielen anderen in die Natur, so kann diese schnell durch seine Einflüsse Spuren der Nutzung, Kulturspuren davon tragen, abgenutzt werden.(Dies kann bis zur Zerstörung … dieser Natur führen.(Diese schmälern bei vielen den erhofften Erholungs- und Erbauungseffekt, der Naturraum ist durch die übermäßige Nutzung zu einem weiteren Kulturraum und somit unnutzbar geworden.“

    Man muß differenzieren: Gewiß kann auch die „Erholungsnutzung“ zur physischen Zerstörung der Natur führen, wenn die Zahl der „Erholungssuchenden“ allzu sehr zunimmt. Aber Die Leute, die „in die Natur gehen“, suchen ja nicht in erster Linie physisch unzerstörte Natur, sondern “Landschaft“, und das kann auch Kulturlandschaft sein, ja ist es sogar vorzugsweise. Das Mittelmeergebiet wäre bei weitem nicht so attraktiv, wenn es so aussähe, wie es von Natur aus aussieht. Nein, die Touristen stören (einander) im wesentlichen durch ihre bloße Präsenz, auch wenn sie sonst gar nichts zerstören. Die Alpenlandschaft wirkt nicht mehr „echt“, wenn dort Leute herumlaufen, die man dort nicht sehen möchte, weil sie aussehen wie die Leute zuhause in der Stadt; aus dieser flieht man ja gerade. Die Naturzerstörung, die der Tourismus bewirkt und die ihm selber das Wasser abgräbt, spielt sich vor allem auf der symbolischen Ebene ab.

    „Letzhin kann ich mir die Einteilung in die 4 Kasten, die Jean Paul so unliberal an den Naturnutzern vornimmt, nur aus seiner romantisch verklärten, selbstgerechten Eitelkeit entsprungen erklären.“
    Erstens, was ist daran unliberal? Zweitens, Sie sollten in ihrem Urteil vorsichtiger sein, denn Sie kennen ja Jean Paul nicht. Von denen, die ihn kennen, dürfte noch nie einer ihm, gerade ihm „selbstgerechte Eitelkeit“ vorgeworfen haben.

    „Und dass Erholung nicht als Motiv vorkommt mag daran liegen, dass vielleicht die Bedeutung und der Gebrauch des Wortes andere waren“.
    Ich weiß es nicht, könnte mir aber gut vorstellen, daß es dieses Wort damals gar nicht gab. Meine Großeltern ruhten sich zwar aus, aber Begriff und Wort Erholung waren ihnen mit Sicherheit fremd. Das dürfte vor allem damit zu tun haben, daß es die strikte industriegesellschaftliche Einteilung in Arbeitszeit und Freizeit (die der Erholung dient, damit man nachher wieder arbeiten kann) noch nicht gab.
    Ich habe im Artikel aber behauptet, daß auch heute Erholung als Motiv kaum vorkommt, auch wenn sie immer wieder und fast ausschließlich genannt wird.

  2. Ein paar

    Gedanken dazu:
    Jean Paul lebte vor 200 Jahren.
    In dieser Zeit lebten wohl die wenigsten Menschen dichtgedrängt in Städten aus grauem Aspalt und Beton.
    Die “Gegenlandschaftsform” dazu – die Natur, als eine Gegenform zur vom Menschen geformten Kultur – eine bruhigende, hat wohl als Kontrast eine befreihende Wirkung auf das Gemüt des Menschen.
    Sie stellt einen anderen Erlebnisraum dar, in dem der Mensch – so vermute ich – mehr auf sich selbst zurückgeworfen ist, nicht umgeben und konfrontiert von seinem Kulturschaffen (jeglicher Form).
    Unbewusst oder wissend um diese Wirkung wird die Natur von ihm genutzt, sei es dass er in die Natur hinauszieht (in den meisten Fällen fährt) oder sich diese – als weitere Kulturleistung – zu sich – als Park oder Garten – in die Stadt holt.
    Dies galt nicht, oder nicht in diesem Umfang, für die Menschen, die tagein, tagaus ihren Lebensunterhalt durch Arbeit mit oder in der Natur (häufig wohl auch als gegen die Natur empfunden) erarbeiten mussten.
    So stellt sich dem Stadtkulturmenschen die Natur als eine Art idealisierter Gegenpol zu seiner tagtäglichen Umgebung dar.

    Fährt er aber nicht alleine, sondern mit vielen anderen in die Natur, so kann diese schnell durch seine Einflüsse Spuren der Nutzung, Kulturspuren davon tragen, abgenutzt werden.
    Dies kann biszur Zerstörung oder besser gravierenden Verformung und dauerhaften Veränderung dieser Natur führen.
    Diese schmälern bei vielen den erhofften Erholungs- und Erbauungseffekt, der Naturraum ist durch die übermäßige Nutzung zu einem weiteren Kulturraum und somit unnutzbar geworden..
    Diese Transformation von Naturraum dem einen Pol bis hin zum Kulturraum dem anderen Pol verläuft graduell.
    Will der Mensch also die Dauerhaftigkeit der Nutzung der Natur gewährleisten, so muss er sie schonen, den Nutzen regulieren, sogar die Natur mit kulturellen Mittel wiederherrichten.

    Das gilt für fast jede Form der Naturnutzung, sei es die der Ernte von Naturprodukten, der Erholung, der Selbstdarstellung, der ästhetischen Bereicherung, der Selbsterfahrung und Selbstfindung der Kontemplation, des spirituellen Erlebens.

    Letzhin kann ich mir die Einteilung in die 4 Kasten, die Jean Paul so unliberal an den Naturnutzern vornimmt, nur aus seiner romantisch verklärten, selbstgerechten Eitelkeit entsprungen erklären.

    Und das Erholung nicht als Motiv vorkommt mag daran liegen, dass vielleicht das die Bedeutung und der Gebrauch des Wortes andere waren oder der Nutzen der Natur dazu nicht so bewusst kulturell reflektiert wurde.
    Vielleicht auch daran, das der Naturbegriff noch nicht durch die Feuer und Wasser der Romantik gegangen und durch diese überhöht war.
    Mit Grüßen und gespannt auf die weiteren Ausführungen…
    nils