„Über Grenzen der Naturwissenschaften“. Ein Kommentar

Josef Honerkamp hat kürzlich in Chronologs einen Artikel „Über Grenzen der Naturwissenschaften“ veröffentlicht. In einigen Punkten scheint mir die darin vertretene Auffassung falsch. Da sie unter Naturwissenschaftlern überaus verbreitet ist (nach meinem Eindruck haben gerade bei Scilogs die meisten Blogger und Kommentatoren eine ähnliche Sicht wie der Autor), halte ich eine Antwort für sinnvoll. Sie ist zu ausführlich geworden, als daß sie in den Kommentaren zum genannten Artikel Platz hätte. Darum bringe ich sie hier als eigenen Aufsatz.

Man wundert sich zunächst über die Überschrift, denn der Autor bezeichnet sich als Naturalisten. Da vermutet man die Meinung, Phänomene jedweder Art ließen sich – oder sollte man – mit den Begriffen und Methoden der Naturwissenschaft beschreiben und erklären. Den Naturwissenschaften seien also da, wo es um Phänomene geht, gerade keine Grenzen gesetzt ; sogar die Gegenstände derjenigen Wissenschaften, die sich nicht mit Phänomenen befassen, fallen ja für viele Naturalisten in den Zuständigkeitsbereich der Naturwissenschaften. Die Verwunderung löst sich (zunächst) auf, wenn man bedenkt, daß es mehrere Arten von Naturalismen gibt und erfährt, welchem von ihnen der Autor zuneigt. Der Philosoph Geert Keil schreibt: „Ich unterscheide zwischen drei Arten des Naturalismus (…). Der metaphysische Naturalismus sieht den Menschen mit allen seinen Eigenschaften und Fähigkeiten als Teil der natürlichen Welt an, der szientifische Naturalismus behauptet einen Erklärungsprimat naturwissenschaftlicher Methoden, der semantisch-analytische Naturalismus behauptet, dass sich hinreichende Bedingungen für mentale Phänomene in nichtintentionalen, nicht- semantischen und nichtteleologischen Begriffen angeben lassen“.[1] J. Honerkamp ist metaphysischer Naturalist. Er kennzeichnet seine Position so: Der Naturalist „führt sich einfach das Werden aller Dinge vor Augen, so wie wir das durch die Erkenntnisse der Naturwissenschaft heute verstehen.“ (Das tun natürlich auch Nicht-Naturalisten, nur verbinden sie damit nicht solch umfassende Erklärungsansprüche wie die Naturalisten.)

Eine derartige Auffassung sieht sich bekanntlich mit grundsätzlichen  Problemen konfrontiert. (Z. B.: „Monistische Ansätze unter dem Konzept der evolutiven Natur als geschlossener Welt des Prozessierens […] stehen generell unter der Begründungshypothek, wie das Verhältnis desjenigen Geistes, der diese Prozesse modelliert, als Moment eben des derart Modellierten erfasst werden kann“, so der Philosoph Christoph Hubig[2]). Auf solche Probleme will ich hier nicht eingehen. Statt dessen werde ich einige Bemerkungen zu den Konsequenzen machen, die J. Honerkamp aus seiner naturalistischen Sicht zieht.

 

Besteht die Wissenschaft nur aus Natur- und Geisteswissenschaft?

Er macht etwas, was einem paradox vorkommt: Obwohl doch alles, was es überhaupt nur geben kann, sich von dem her erklären muß, was die Naturwissenschaften erkennen können, scheinen diese für ihn doch Grenzen zu haben. Der Begriff, der das ermöglichen soll, ist Emergenz. Neue Eigenschaften auf höheren Komplexitätsstufen werden als „eine Folge des Zusammenspiels der Konstituenten“ aufgefaßt. Den Übergang von einer Stufe zur anderen können wir in einfachen Fällen verstehen: „Vollständig verstanden hat man (…), wie sich bei einem Gas thermodynamische Begriffe wie Temperatur und Druck  ergeben, wenn man dieses als eine Menge von einzelnen Atomen oder Molekülen auffasst.“ Dagegen hat man „noch nicht verstanden, wie das Zusammenspiel der Neuronen unser Gefühl des Bewusstseins erzeugt.“ Die damit verbundenen grundsätzlichen Probleme will ich auch hier wieder übergehen. Ein solches wäre z. B., was denn „verstehen“ im Hinblick auf etwas wie ein Gefühl, das uns doch nur aus der Innenperspektive zugänglich ist, heißen kann, wenn der Begriff „verstehen“ zugleich auf Fälle wie jenen thermodynamischen anwendbar sein soll. Ein weiteres wäre, ob nicht „Emergenz“ nur ein Wort ist, mit dem wir unsere Unkenntnis verdecken, und ob das vollständige Verstehen in dem Beispiel nicht vielleicht nur deshalb möglich ist, weil wir da im Gebiet der Naturwissenschaften bleiben. Dagegen begeht man bei „Emergenzen“, die nach üblichem Verständnis (und – wie es zumindest zunächst scheint, auch nach dem Verständnis von J. Honerkamp – aus diesem Gebiet hinausführen (z. B. Neuronen -> Bewußtsein), möglicherweise Kategorienfehler, wenn man meint, hier ließe sich eine Erklärung finden, so daß das „noch nicht“ im Zitat vielleicht falsch wäre. Ein Problem wäre schließlich auch, ob der metaphysische Naturalismus nicht doch am Ende zu einem szientifischen wird, denn noch nicht bedeutet ja, daß die Hoffnung auf eine „einheitliche Begriffswelt für alle Phänomene dieser Welt“ – was J. Honerkamp ablehnt – gerichtet ist, und diese Begriffswelt müßte zudem die der „untersten“ Wissenschaft, der Physik, sein. – Darauf will ich also nicht eingehen und betrachte statt dessen nur eine bestimmte Folgerung bezüglich der Einteilung der Wissenschaften, die er aus dem Emergenz-Modell zieht:

Verschiedene Wissenschaften gibt es (vorläufig?) deshalb, weil aufgrund von Emergenzen die phänomenale Welt geschichtet ist. Bereits innerhalb des Gegenstandsbereichs der Naturwissenschaften gibt es Emergenzgrenzen, nämlich zwischen Physik (und Chemie?) und Biologie, und darüber liegt, auch wieder durch Emergenzen abgesetzt, das Gebiet der Geisteswissenschaften: „Wir sollten so nicht von ‚unterschiedlichen Wirklichkeiten’ reden, sondern von verschiedenen Schichten der Wirklichkeit, noch besser von verschiedenen Phänomenbereichen, die die entsprechenden Wissenschaften zu strukturieren suchen. Sie haben dafür ihre jeweils eigenen Begriffe und speziellen Methoden entwickelt und natürlich kommt es keinem Wissenschaftler in den Sinn, mit den Begriffen seines Gebietes die ‚ganze Wirklichkeit’ beschreiben zu wollen. Kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, den Begriffsapparat der Physik für die Beschreibung von Gefühlen zu verwenden …“.

Letzteres ist, das nur nebenbei, nicht richtig, denn der szientifische Naturalismus versucht genau dies. Und nicht nur Physiker (und vor allem von der Physik her denkende Philosophen) haben ihrer Wissenschaft das Monopol auf alle Erkenntnis zugeschrieben. Im 19. Jahrhundert versuchte man von ganz verschiedenen Wissenschaften aus, die „ganze Wirklichkeit“ zu beschreiben. Es entstanden die sogenannten Weltanschauungsphilosophien, die -Ismen, wie Ökonomismus, Psychologismus oder Biologismus.

Was ergibt sich nun für die Gliederung der Wissenschaft, wenn man von diesem Schichtenmodell ausgeht? Die Wissenschaft läßt sich, wenn ich J. Honerkamp richtig verstanden habe, insgesamt in Natur- und Geisteswissenschaften aufteilen. Damit übergeht der Autor ein wenig kühn die ganze mehr als hundertjährige Diskussion – man kann sie etwa mit Windelband beginnen lassen – darüber, was den Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaft ausmache, und kehrt zum längst für überwunden gehaltenen Ausgangspunkt zurück. Dieser lag darin, daß man eine materiale Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften suchte, sie also in Unterschieden zwischen den Gegenständen „Natur“ und „Geist“ – und nicht etwa in Methoden oder in Erkenntnisinteressen – aufzufinden hoffte; die Gegenstände versuchte man dann z. B. als körperliches gegen unkörperliches Sein zu bestimmen.[3]

Das wird also wieder aufgegriffen, und es führt zu heute etwas ungewohnten Umsortierungen. Die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften bilden zusammen nicht mehr die empirischen Wissenschaften (oder einen Teil derselben), denen die sogenannten Formal- oder Reflexionswissenschaften[4] gegenüberstehen, sondern die Geisteswissenschaften umfassen alles, was in eine bestimmte Schicht der Wirklichkeit fällt. Diese Schicht sind die „Konstruktionen des Geistes“.

Damit wird unter anderem die Mathematik zu einer Geisteswissenschaft, während bisher zwar die Geschichte der Mathematik (ebenso wie die der Physik oder auch die der Philosophie) eine Geisteswissenschaft war (denn sie ist eine empirische Wissenschaft, sie befaßt sich mit Phänomenen, nämlich mit historischen), nicht aber die Mathematik selbst, ebenso nicht die Philosophie (im strengen Sinn) oder Teilgebiete derselben wie die Logik, denn sie sind keine empirischen Wissenschaften. Die Wissenschaft, die fragt, welche Lösung eine bestimmte Gleichung hat – die sich also nicht auf Phänomene bezieht – wird nicht mehr von der Wissenschaft unterschieden, die fragt, wann und wo und aufgrund welcher sozialen Umstände bestimmte Lösungen der Gleichung historisch, also als Phänomene, aufgetreten sind.  Die Wissenschaft, die fragt, wie man im Geist richtig konstruieren soll, wird nicht mehr von der unterschieden, die nach den „Konstruktionen des Geistes“ als Fakten fragt.

Das ist problematisch. Denn zu meinen, daß Vorgänge in der Welt der Phänomene wie z. B. eine Wirtschaftkrise, der Ausbruch eines Krieges oder das Auftauchen einer Idee, für deren Beschreibung und Erklärung man besondere, nicht-naturwissenschaftliche Begriffe braucht, vielleicht, weil sie zu komplex sind, sich letztlich doch in naturwissenschaftlichen Begriffen erfassen ließen, wenn wir nur lange genug forschen könnten, ist eine Sache. Eine ganz andere ist es zu meinen, daß etwas letzten Endes naturwissenschaftlich erklärbar ist, das nicht aus Komplexitätsgründen bisher den Naturwissenschaften unzugänglich ist, sondern weil sie es für sich selbst voraussetzen, wie die mathematischen Gesetze.

J. Honerkamps Einteilung ist nur verständlich, wenn man sich die Aufgabe von Wissenschaft insgesamt nach dem Muster der Naturwissenschaften vorstellt. Es scheint für ihn in jeder Wissenschaft darum zu gehen, Tatsachen festzustellen, Erklärungen für Phänomene zu finden und Prognosen zu erstellen – was für die Mathematik natürlich überhaupt nicht zutrifft, aber auch für die Geisteswissenschaften kaum. In der Ökonomie – die er offenbar zu den Geisteswissenschaften zählt – „muss man … die Handlungsstrategien und subjektiven Beweggründe der Marktteilnehmer modellieren, und dass das (noch) nicht gut geht, sieht man ja jeden Tag.“ (Honerkamp in einem Blog-Kommentar). „Objektives und verlässliches Wissen gibt es auch in den Geisteswissenschaften, z.B. in Bezug auf stattgefundene Ereignisse in der Geschichte“ (ebd.). Doch darum geht es in den Geisteswissenschaften zwar auch, aber nur ganz am Rande, und sie wären dem, was sie als ihre wesentliche Aufgabe sehen, nicht nähergekommen, wenn sie rundum objektives und verläßliches Wissen über historische Ereignisse gewinnen könnten und das Verhalten von Marktteilnehmern oder von Menschen überhaupt so modellieren könnten, daß die Modelle Prognosen von einer Zuverlässigkeit liefern, wie man sie aus der Astronomie kennt.[5] Aber das ist natürlich nicht zu bemerken, wenn man glaubt, die Geisteswissenschaften und andere Nicht-Naturwissenschaften hätten eben die Erkenntnisziele und Interessen, die man von den Naturwissenschaften her kennt. Was in den Naturwissenschaften konstitutiv nicht vorkommt und was man in den Diskussionen um den Unterschied der Natur- zu den Geisteswissenschaften und zu anderen Grundformen von Wissenschaft thematisiert hat z. B. unter Stichworten wie Erklären / Verstehen oder instrumentelles Wissen / Orientierungswissen / kritisches Wissen[6], scheint aus der naturalistischen Perspektive überhaupt nicht wahrnehmbar.

 

Wissenschaft vom Sein – Wissenschaft vom Sollen

Im folgenden – dem längeren – Teil des vorliegenden Textes will ich nur darauf eingehen, daß eine Grenze in der Wissenschaft in dem Aufsatz gar nicht vorkommt. Es ist die, von der man das Gesamtgebiet des „theoretischen“ Wissens traditionell abgegrenzt hat, bevor man überhaupt etwas von einem Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ahnte. Das theoretische Wissen bezieht sich auf das Sein, das praktische auf das Sollen. Die zugehörige Wissenschaft hieß praktische Philosophie oder – mit gewissen Bedeutungsverschiebungen – Ethik. Meiner Behauptung, daß diese in seinen Überlegungen zu den Grenzen der Naturwissenschaften gar nicht vorkommt, wird J. Honerkamp widersprechen. In einem Blog-Kommentar schreibt er: „Ethik ist eine hoch achtbare Wissenschaft.“ Doch was ist für ihn Ethik?

Hier einige Zitate aus seinen eigenen Kommentaren:

„Ethik ist eine … Wissenschaft, in der Netze von Wertsetzungen hinsichtlich Kohärenz und Auswirkungen auf das menschliche Leben analysiert und diskutiert werden. Im großen und ganzen haben wir alle gleiche Vorstellungen von einem ‚guten’ Leben und möchten, dass die Welt so eingerichtet ist, dass dieses möglich ist.“

„Ich vermute, dass Sie an so etwas wie angeborenes Rechts- oder Unrechtsempfinden denken. In der Tat glaube ich auch, dass sich in unserer genetischen Ausstattung, die sich im Laufe der Evolution gebildet hat, … auch Denkstrukturen gespeichert sind, die unser Verhalten gegenüber der eigenen oder fremden Spezies bestimmen“.

„Aber ich stimme zu, dass bei ‚jeder moralisch relevanten Willenentscheidung oder jedem Gespräch darüber ‘immer schon’ etwas zugrunde gelegt werden muss (sogar liegt), nämlich mein geerbtes Wissen darüber, was mir in meiner Umwelt und in meiner Gemeinschaft mit anderen meiner Spezies nicht passieren soll, damit wir alle überleben können“.

„Moralisch schlecht ist, was den anderen schadet. Natürlich haben wir dann ein Bild von einem guten Zusammenleben, vom Überleben unserer Spezies, im Hinterkopf. Da kommt wieder unsere genetischen Ausstattung, die sich im Laufe der Evolution gebildet hat, ins Spiel.“

All dies steht im Rahmen der Kritik an der im Alltag und in der Philosophie außerhalb der empiristischen Tradition üblichen Überzeugung, daß es ein objektives Sollen gibt,[7] d. h. an der Überzeugung, daß die folgende Frage sinnvoll ist: Soll ich das, was ich meine (oder was man meint) tun zu sollen, eben nur meiner Meinung (oder der Meinung anderer) nach tun, oder soll ich es in bestimmten Fällen unabhängig davon tun, was ich oder irgendein anderer oder alle dazu meinen? – Neben der eigenen Meinung stehen dann nicht andere mit ebensolcher Berechtigung, sondern sie kann richtig oder falsch sein – so wie die Meinung hinsichtlich eines empirischen Sachverhalts auch. Die Antworten auf die Frage, was man tun soll, sind also nicht nur subjektiv (das sind sie immer auch), sondern es gibt auch objektiv richtige und falsche.

Der Zweifel daran ist erstaunlich; denn, wie gesagt, im Alltag ist diese Frage üblich, ja unvermeidlich (ich komme darauf zurück). Darum will ich auf diesen Punkt etwas näher eingehen und beginne mit einer historischen Reminiszenz.

In unserer Kultur kam der Zweifel am Sinn jener Frage nach Auffassung der Ideen- bzw. Philosophiehistoriker so zur Welt (auch wenn man wie üblich Vorläufer und Ähnlichkeiten seit der Antike findet): Gott war bis ins Mittelalter fraglos gut. Er läßt uns in seiner Gnade an seiner Vernunft teilhaben und darum ist uns (in Grenzen) nicht nur eine objektive Erkenntnis der Welt in ihrem Sein möglich, sondern wir können mit unserer Vernunft auch (in Grenzen) erkennen, was wir sollen, d. h. was objektiv gut ist, und zudem hat er es uns in der heiligen Schrift offenbart.

Der scholastische Nominalismus betonte demgegenüber die Allmacht und die Verborgenheit Gottes. Er ist an nichts gebunden, auch nicht an das, was vernünftigerweise für das Gute zu gelten hat, denn er ist über aller Vernunft, und er hätte auch eine andere Welt schaffen können, in der andere Gesetze – moralische Gesetze und Naturgesetze – gelten als in unserer. Auch was wir als Vernunft kennen, ist seine Schöpfung, nicht die einzig mögliche Vernunft, an die auch er gebunden wäre, sondern diejenige, die er aus für uns unerkennbaren Gründen wollte. Aber er hat nun einmal diese Welt und diese Vernunft erschaffen; was ihm noch möglich gewesen wäre, ist uns auf verborgen. Die obere Wahrheit – die Wahrheit Gottes – können wir nicht erkennen, wir müssen uns an die untere halten, d. h. an die erkennbaren einzelnen Dinge. Sie sind erkennbar, weil uns unsere Sinne über  sie Auskunft geben.

Die einzelnen Wesen hat Gott gewollt, denn er hätte sie sonst nicht erschaffen. Darum entspricht es Gottes Willen, wenn die einzelnen Wesen ihre Existenz zu erhalten suchen, und auch jeder von uns darf es als gut ansehen, nach Erhaltung seiner – von Gott ja gewollten – Existenz zu streben. In einer geistigen Bewegung, die von Roscelin über Ockham bis zu Buridan reichte, entstand so die Auffassung, daß wir uns mit dem Tun des Guten nicht auf etwas objektiv Gutes beziehen, denn die obere Wahrheit – die Gedanken Gottes, in denen allein das objektive Sollen im Unterschied zu unserem bloß subjektiven Meinen darüber zu finden ist – ist uns prinzipiell verschlossen. Vielmehr fällt für uns das Tun des Guten zusammen mit dem Tun des Nützlichen im Hinblick auf unsere eigene Existenz.[8] Hier haben wir wenigstens einen Hinweis, daß das objektiv gut ist, denn die Existenz ist ja gottgewollt – die aller anderen Wesen, die in ihrem Existenzkampf gegebenenfalls gegen uns stehen, aber auch.

Diese Gedanken wurden nun im Empirismus (und in der damit verbundenen Ethik, dem Utilitarismus, und der damit verbundenen politischen Philosophie, dem Liberalismus), beginnend mit Hobbes, ihrer theologischen Hülle entkleidet, und nun haben sie die Form angenommen, der wir in dem Honerkamp-Artikel begegnen (und die heute allgegenwärtig ist; sie beherrscht nicht unbedingt die zuständige Wissenschaft, die Ethik, aber doch das Gemeinbewußtsein vor allem von Naturwissenschaftlern). Sie hat, unterstützt auch durch den Historismus des 19. Jahrhunderts, nach dem jede Kultur historisch bedingt ihre eigene Vernunft hat, in einen radikalen ethischen Relativismus geführt. Diesem schließt sich allerdings, wie mir scheint, J. Honerkamp nicht an, und zwar weil er der Meinung ist, daß die für die Ethik relevanten Denkstrukturen genetisch fixiert und darum – für einen Nicht-Rassisten wohl eine notwendige Folgerung – bei allen Menschen gleich sind.

Nun hat sich aber in der Tradition des Empirismus selbst ein Hindernis für diese, die utilitaristische, Auffassung von Ethik aufgebaut: Seit dem Empiristen David Hume wissen wir, was ein Sein-Sollens-Fehlschluß ist. Wenn aus deskriptiven Sätzen keine präskriptiven folgen, dann ist es unmöglich, aus der Tatsache, daß wir existieren, zu folgern, daß wir existieren sollen und darum für unsere Existenz sorgen sollen, daß das also gut ist. Wenn die theologische Begründung des Nominalismus wegfällt, nach der es (von Gott, also objektiv) geboten ist, für die eigene Existenz zu sorgen, dann gibt es überhaupt kein objektives Sollen mehr. Vielmehr tun wir einfach, wonach wir von Natur aus streben: Wir sorgen für unsere Existenz.

Dann gibt es aber gar keine Ethik. Es gibt keinen Unterschied mehr zu den Tieren, die ja sich ja auch so verhalten, wie es für ihre Existenz gut ist, für die es aber nicht gut und böse gibt. Nur insofern ist es bei denen anders als beim Menschen, als der Instinkt anstelle der Klugheit steht, die einen fragen läßt, ob das momentan Angenehme denn auch mit dem übers ganze Leben gesehen Angenehmen zusammenfällt (wobei der Instinkt auch noch den Fortbestand in den folgenden Generationen – nicht das Überleben oder das Wohl der Art! – im  Auge hat). Die Frage der Ethik aber war immer, ob eine Handlung oder Willensbestimmung denn gut sei und nicht nur nützlich und ob eine gute Handlung vielleicht einer nützlichen sogar zuwiderlaufen kann.

Solche Fragen können auch Empiristen offenbar nicht ganz ignorieren. Es ist auch für sie schwierig, die Tatsache zu umgehen, daß wir nicht nur Nützliches im Hinblick auf die je eigene Existenz tun (und meinen, dies zu sollen), sondern daß wir zumindest schwer den Gedanken vermeiden können, wir sollten auch auf die Existenz (und das Wohlergehen) anderer, ja aller anderen Rücksicht nehmen, und daß die Ethik gerade da ihr Gebiet hat. J. Honerkamp meint das Problem so lösen zu können, daß er diesen Gedanken eben als etwas empirisch Vorfindliches nimmt und ihn naturwissenschaftlich erklärt: Es gebe ein (im biologischen Sinne) „geerbtes Wissen darüber“, „was mir in meiner Umwelt und in meiner Gemeinschaft mit anderen meiner Spezies nicht passieren soll, damit wir alle überleben können“.

Daraus ergibt sich jedoch keine Ethik. Man klammert vielmehr die Frage, die hier die ethische wäre, gerade aus: Warum soll es denn gut sein, daß wir überleben? Die empiristische Antwort ist: Weil es in unseren Genen gespeichert ist, so zu denken, und das ist letztlich deshalb gespeichert, weil es dem Überleben dient. Das ist ein typischer Sein-Sollens-Fehlschluß oder genauer: Damit ist aus einem präskriptiven Satz ein deskriptiver gemacht geworden, und aus diesem deskriptiven leitet man wiederum den präskriptiven ab. Aus der Tatsache, daß etwas faktisch geschieht, nämlich daß wir bestimmten Denkstrukturen, die bestimmte Handlungen begünstigen, folgen, und zwar Denkstrukturen, die genetisch fixiert wurden, weil damit ein Selektionsvorteil verbunden ist, wird abgeleitet, daß wir ihnen folgen sollen. (Das gilt natürlich für durch Tradition entstandene Ge- und Verbote, sofern sie sich Nützlichkeitserwägungen verdanken, genauso.[9])

Die Empiristen könnten kontern: So ist es, aber der Vorwurf des Sein-Sollens-Fehlschlusses ist dennoch obsolet. Denn es gibt überhaupt kein Sollen außer dem bedingten Sollen, das auf Mittel bezogen ist, die einen bestimmten Nutzen zu bewirken erlauben. Es gibt eben nur Nützliches, die Rede vom unbedingt Guten oder vom unbedingten Sollen als etwas davon kategorial Unterschiedenem ist sinnlos, ist ein Relikt metaphysisch-religiösen Denkens. Ich will nun nicht darauf eingehen, wie man das in den nicht-empiristischen Traditionslinien sieht, oder die nach dem Empirismus entstanden oder die historisch neben ihm bestanden (insbesondere der rationalistischen, wo man es für möglich hielt, objektive moralische Prinzipien, z. B. Gerechtigkeit, durch Denken zu erkennen, so wie man mathematische Gesetze erkennt). Ich will statt dessen nur darauf aufmerksam machen, daß man zwar (in diesem Punkt) Empirist in der Theorie sein kann, aber nicht im Leben.

Es ist ähnlich wie mit dem freien Willen. Die Hirnforscher mögen in der (in ihrer) Theorie widerlegen, daß es den gibt: Sie müssen doch unter der Annahme leben, daß es ihn gibt. Sie können sagen, es gebe keinen. Aber sowie sie damit den Wunsch verbinden, man möge ihnen das glauben, haben sie sich schon in einen performativen Selbstwiderspruch verstrickt. In unserem Fall: Jemand mag bestreiten, daß es ein objektives unbedingtes Sollen gibt; es gebe vielmehr nur das Faktum von erblichen „Denkstrukturen“, die genetisch fixiert wurden, weil sie über Generationen hin mit Selektionsvorteilen verbunden waren, so daß das, was vermeintlich unbedingtes Sollen ist, letztlich doch als Mittel zum Zweck (des Überlebens) erklärlich ist und unter die Rubrik Nützlichkeit und nicht unter die Rubrik Sittlichkeit fällt. Aber er kommt doch nicht umhin, im Leben davon auszugehen, daß es ein objektives Sollen gibt. Denn er wird unvermeidlich mit anderen darüber streiten, ob das, was er für moralisch geboten hält, richtig ist. Er wird nicht sagen: Für mich ist es verwerflich, Ehebrecher zu steinigen, für euch dort mag es erlaubt sein, ihr habt eben eine andere Tradition, da sind auf der faktischen Ebene andere Normen entstanden, also soll man dort auch anders handeln. Sondern er wird sagen: Ich habe recht, es ist falsch, es ist verwerflich, was ihr sagt und tut. Und selbst wenn er es in dieser Frage nicht sagt, so sagt er es doch in anderen.

Und wenn er nicht mit anderen streitet, sondern wenn die Diskussion in seinem Inneren abläuft, wenn also das in Gang kommt, was man Gewissen nennt, so wird er nicht sagen: Was soll’s? Moralische Überzeugungen (z. B. solche, die sich auf die Menschenwürde beziehen, oder einfach „du sollst dich nicht durch Diebstahl bereichern“) sind nicht mehr als relativ verbreitete Tatsachen unseres  Denkens, seien sie nun in der biologischen Evolution entstanden und  im Genom verankert, seien es Konventionen oder Traditionen. Warum soll ich mir dann wegen eines Verbrechens ein Gewissen machen? Andere Kulturen haben andere Traditionen, so könnte er sich sagen, bei denen ist Vergewaltigung erlaubt, warum soll ich mich nicht an die halten, und auch die Wirkung der genetisch fixierten Denkstrukturen läßt sich außer Kraft setzen, indem man z. B. Drogen nimmt. Dann bin ich meine Gewissenqual los.

Aber so denkt auch der Empirist nicht: Auch ihm schlägt das Gewissen, es – d. h. die Vernunft, die da spricht – sagt ihm, daß er etwas objektiv nicht hätte tun sollen. Daß man es in anderen Ländern tut, beruhigt es so wenig wie das Wissen, daß diese Art zu denken, die ihm nun Qualen bereitet, bei irgendwelchen frühen Hominiden entstanden ist und die zuständigen Gene sich in der Population verbreitet haben, weil die durch sie codierte  Denkweise irgendeinen Vorteil brachte, ihn zu dem Schluß veranlaßt: Was geht es mich an, daß sich damals der Gedanke genetisch fixiert hat, man dürfe Hordengenossen nicht die Beute wegfressen? Nur weil sich damals der Gedanke, zu jagen sei besonders männlich, verbunden mit einer irren Freude am Töten von großen Tieren, im Genom verankert hat, bin ich doch auch nicht verpflichtet, Jäger zu werden und mich am Töten zu erfreuen.

 

Nein, so denkt auch der Empirist nicht, sondern er weiß einfach: Ich hätte nicht stehlen sollen – nicht weil es in seiner Kultur oder in der Spezies Homo sapiens als verwerflich gilt, sondern weil es objektiv verwerflich ist. Das sagt ihm seine Vernunft. Auch der Empirist verhält sich so, als ob er wüßte, was er leugnet: daß es neben dem theoretischen Gebrauch der Vernunft noch einen praktischen gibt, der in letzter Konsequenz nach irgendwelchen Vorteilen, wie sie die Naturwissenschaften oder auch die Geistes- und Sozialwissenschaften beschreiben können, überhaupt nicht fragt.[10]

Nun wird das ein Empirist wohl nicht leugnen. Ich verhalte mich so, als ob es ein objektives Sollen gäbe, wird er vielleicht sagen. Aber eben die Entstehung dieses Verhaltens und der Leitlinien, nach denen ich mich dabei richte – die Auffassungen von Gut und Böse –, ist naturwissenschaftlich erklärbar, nämlich evolutionsbiologisch (oder, das macht keinen grundsätzlichen Unterschied, geistes- und sozialwissenschaftlich durch Tradition und Konventionen, deren Wirkungsweise dann ein Gegenstand der Sozialpsychologie ist). Richtig ist daran, daß die Evolution die Befolgung dessen, was wir objektiv sollen, nicht unmöglich gemacht haben darf, sonst würden wir es nämlich nicht sollen; es muß in diesem Sinne eine biologische Basis der Moralität geben. Damit ist aber nicht gesagt, daß sich das moralische Denken biologisch erklären läßt. – Ich will eine Bemerkung zur biologischen Fragwürdigkeit der  Vorstellungen J. Honerkamps machen:

Die Selektion kümmert sich, anthropomorph formuliert, nicht darum, daß „wir alle überleben können“. Sie ist, wie man es genannt hat, individualistisch. Ein Gen, das bewirkt, daß sich sein Träger auf Kosten von Artgenossen Vorteile verschafft, setzt sich im allgemeinen durch. In der heutigen Gesellschaft der Menschen und in allen uns bekannten Gesellschaften überlebt man in aller Regel genau damit und kommt genau damit nach oben; selten, ganz selten gelingt das jemandem deshalb, weil er sich gegenteilig, nämlich moralisch verhält.

Wer dem widerspricht, zeigt derart deutlich seine Anhänglichkeit an die älteste und dümmste aller Ideologien – er glaubt das Märchen von den guten Herren –, daß man meinem sollte, sich damit nicht weiter befassen zu müssen. – Aber es wäre doch möglich, könnte jemand einwenden, daß es in ganz frühen Zeiten anders zuging. Jene  unbestreitbare Tatsache („Das ist das Schrecknis in der Welt, schlimmer als der Tod, daß die Kanaille Herr ist und Herr bleibt“[11]) mag sich ja erst im Zuge des Rousseau’schen Niedergangs der Menschheit herausgebildet haben, in den glücklichen Anfängen aber hatte man mit moralanalogem Verhalten vielleicht Erfolg, und so konnte sich die genetische Basis dieses Verhaltens in der frühmenschlichen Population ausbreiten.

Daraus könnte man zwei sehr verschiedene Folgerungen ziehen. (1) Moralisches Verhalten ist ein Atavismus, doch nicht nur einst nützlich, später und heute aber überflüssig wie die Drehungen des Hundes beim Niederlegen, mit der er früher das Gras niedergedrückt haben soll, sondern schädlich; das Gewissen ist eine Art Irrsinn. Diese Folgerung wäre aus empiristischer Sicht konsequent. (2) Indem aus dem moralanalogen Verhalten Moralität wurde, ist ein „Emergenzsprung“ ganz besonderer Art (und grundsätzlich unerklärlicher Art) geschehen: Er hat aus allem, was der theoretischen Vernunft zugänglich ist (d. h., der „Natur“ im Sinne des formalen, methodologischen Naturbegriffs) hinausgeführt – und damit auch über die Grenzen jeder Wissenschaft, die sich mit dem Sein befaßt – und eine „Welt“ ganz anderer Art entstehen lassen, die des unbedingten Sollens.[12]

Unter Tieren geht es, was die Vorteile eines Verhaltens betrifft, das das eine sich auf Kosten anderer – auch der Artgenossen – verschafft, analog zu. Es ist also eher damit zu rechnen, daß sich in der biologischen Evolution dem unmoralischen analoges Verhalten in dem Sinne, daß auf andere keine Rücksicht genommen wird, genetisch verfestigt hat, nicht dem moralischen analoges[13]. Die wenigen Ausnahmen, wie die Helfer-Phänomene bei manchen Tierarten, sind entweder auf enge Verwandte beschränkt oder sie setzen bestimmtes Sozialverhalten voraus und betreffen nur sehr spezielle Arten von Verhalten (wie beim sogenannten reziproken Altruismus in Fällen, wo der Helfer darauf rechnen kann, daß ihm die Hilfe später selbst gewährt wird). Dadurch ist nicht zu erklären, daß wir (heutigen) alle zu wissen meinen oder richtiger: wissen, es sei beispielsweise moralisch geboten, allen, auch Nicht-Verwandten und solchen, die wir hassen, dennoch zu helfen, wenn sie in Not sind, und überhaupt „seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst“. (Das ist ein Vernunftgebot, auch wenn es als religiöses in die Welt gekommen ist.)

Doch was soll es denn überhaupt heißen, daß „in unserer genetischen Ausstattung … Denkstrukturen gespeichert sind, die unser Verhalten gegenüber der eigenen oder fremden Spezies bestimmen“? Sind diese „Strukturen“ Sätze mit bestimmtem Inhalt von der Art „du sollst ein Versprechen nicht brechen“, und diese bzw. der Zwang, sie für richtig zu halten, wurden in der genetischen Ausstattung gespeichert, weil die entsprechenden Gene einen Selektionsvorteil brachten? Nein, die moralischen Sätze, die man – zu recht oder nicht – für objektiv gültig hält, sind Ergebnis von Denkvorgängen, von Schlußfolgerungen. Man wird nicht mit diesem Wissen geboren, sondern man muß auf es erst einmal kommen, auch wenn das meiste davon so einfach ist, daß man sofort darauf kommt, sowie man alt genug ist. Und es kann sich in Zuge des Denkens etwas als richtig erweisen, das ohne jeden Selektionsvorteil ist. Es war in der Evolution des Menschen völlig irrelevant, zu wissen, was ein Logarithmus ist, wie weit Sirius von Beteigeuze entfernt ist oder was ein Proton ist, aber Denkoperationen (eventuell verbunden mit Beobachtungen) führen zu einem bestimmten, nämlich dem richtigen Ergebnis. Es bringt ebenso keinen biologischen Vorteil, zu wissen, daß man sich nicht durch Raub oder Betrug bereichern soll; verbunden mit Schlauheit ist das Gegenteil von biologischem Vorteil. Aber das Denken führt einen zu dem Ergebnis, daß man das nicht soll.

Die Entwicklung der Fähigkeit des Denkens mag sich biologisch, d. h. in diesem Fall über Selektionsvorteile, erklären lassen, aber nicht das Wissen, was ein Logarithmus ist, und auch nicht, daß wir uns nicht durch Betrug bereichern sollen. Es ist unsere Vernunft, das Vermögen zu schließen,[14] das uns zu solchen Folgerungen zwingt. – Was bei der Vernunftprüfung einer moralischen Maxime geschieht, ist im kategorischen Imperativ formuliert. Die Maxime muß die Prüfung auf Tauglichkeit zu einem allgemeinen Gesetz bestehen.

Die Maxime, die der Vernunftprüfung unterzogen wird, muß zu einem allgemeinen Gesetz für alle Vernunftwesen taugen, nicht nur für Angehörige der Spezies Homo sapiens. Das Gesetz ist also auch darum nicht durch seine Nützlichkeit für das Fortbestehen und das Wohlergehen dieser Spezies zu erklären, selbst wenn diese Nützlichkeit zum Entstehen des Denkvermögens beigetragen hat, das uns nun zu diesem Schluß führt. Man mache folgendes Gedankenexperiment: Wir begegnen auf einem anderen Planeten Wesen, denen wir praktische Vernunft zuschreiben müssen, genauer: die wir für zurechnungsfähig halten müssen. Das Ergebnis ihres Tuns müssen wir ihnen zurechnen, wir können es uns nicht als Folge eines bloßen Mechanismus denken, für den sie nichts können. An dem, was sie tun, aber nicht hätten tun sollen, sind sie selbst schuld – wie es bei uns Menschen auch ist: Selbst wenn wir uns z. B. ein verbrecherisches Handeln aus äußeren Ursachen erklären können (sei es durch neuronale Prozesse, sei es durch die widrigen Lebensumstände), so können wir doch nicht anders  als zu sagen: Das hätte dieser Mensch nicht tun sollen, denn er ist zurechnungsfähig. Träfen wir auf Wesen, mit denen es uns genauso geht, so könnten wir nicht anders, als sie in moralischer Hinsicht genau so zu behandeln wie Angehörige unserer Spezies. Dazu zwänge uns die Vernunft.

J. Honerkamp aber meint vielleicht mit den „ererbten Denkstrukturen“ gar nicht so etwas wie ein angeborenes Wissen um bestimmte moralische Sätze, etwa jenes Betrugsverbot. Denn daß bestimmte moralische Ge- und Verbote erst nach, sozusagen, jahrtausendelanger Denkarbeit erkannt worden sind (man denke an den Begriff der Menschenwürde) und folglich nicht schon immer in jedem Menschen als Wissen vorhanden sein können, weiß er natürlich; sie sind nur der Möglichkeit nach in jedem vorhanden, zur Realisierung aber braucht es das Denken.  – J. Honerkamp spricht von angeborenem Unrechtsempfinden. Daß Betrug Unrecht ist, empfindet man aber nur (in dem Sinne, daß sich ein bestimmtes unangenehmes Gefühl einstellt), wenn man es vorher bereits weiß. Ich vermute, er hat, wenn er von „Denkstrukturen“ oder auch von „Unrechtsempfinden“ spricht, eher Gefühle von der Art des Mitleids im Sinn. Von dem kann man sich in der Tat gut denken, daß es ebenso als Möglichkeit erblich ist und dann in bestimmten Situationen realisiert wird wie der Drang, zuzuschlagen oder zu töten, der in anderen Situationen auftritt. Doch aus Mitleid zu handeln ist etwas anderes als moralisch zu handeln, selbst wenn das Ergebnis identisch ist. Moralisches Handeln (Handeln um des moralischen Gesetzes willen, von Moralität bestimmtes Handeln[15]) setzt Vernunft voraus, und zwar eingesetzt zur Beantwortung der ethischen Frage: ob man dem Mitleid – oder dem Drang, zuzuschlagen – folgen soll. Eine Handlung, die aus Mitleid, d. h. zum Zwecke der Befriedigung einer bestimmten Neigung, geschieht, ist nicht das, was wir mit einer moralisch motivierten Handlung meinen, auch wenn Mitleid moralische Handlungen begünstigen kann und dies im allgemeinen – nicht immer – auch tut.

Naturalisten sind definitionsgemäß Monisten. Eine dualistische Formulierung der Art, daß der Mensch zwei Welten angehöre, der der Naturgesetze (und der Notwendigkeit) und der Welt der moralischen Gesetze (und der Freiheit), und der Naturwissenschaft sei die zweite Welt verschlossen, lehnen sie ab. Doch man kann auch so formulieren, daß kein Dualismus impliziert ist. Es gibt eine Vernunft, die wenden wir aber unvermeidlich auf zwei kategorial verschiedene Arten von Fragen an: die nach dem Sein und die nach dem Sollen.

Wenn es nun um Grenzen der Naturwissenschaften geht, ist nur eine der Fragen, ob sich die Geisteswissenschaften eines Tages vielleicht in Naturwissenschaften auflösen lassen. Klammert man die besonderen Erkenntnisinteressen der Geisteswissenschaften aus und berücksichtigt nur die Interessen der Naturwissenschaften (diese formal-methodologisch, nicht material definiert), nämlich Tatsachenbeschreibung, Erklärung und Prognose, so ist diese Frage vielleicht sogar im Sinne des Naturalismus zu beantworten. Aber das ist eine ganz andere Frage als die, ob die Naturwissenschaften zur Erkenntnis der moralischen Gesetze etwas beitragen könnten. Diese Frage muß man verneinen. Das bedeutet aber nicht, daß es hier nicht um Erkenntnis ginge.

 

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[1] Geert Keil: Naturalismuskritik und Metaphorologie, in: M. Bölker et al. (Hrsg.), Information und Menschenbild, Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2010

[2] Christoph Hubig: Technik, Natur, Kultur als Medien – „Technik“, „Natur“, „Kultur“ als Reflexionsbegriffe, Mskr.

[3] Vgl. insbesondere Rickert 1899, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft.

[4] Es müßte richtiger, aber umständlich heißen: Formal- und/oder (manche) Reflexionswissenschaften. Mit Reflexionswissenschaften können nicht-empirische Wissenschaften gemeint sein, also solche, in denen sich das Denken nur mit dem Denken befaßt, aber auch empirische Wissenschaften, in denen der Reflektierende selbst als Gegenstand vorkommt, also auch manche Sozial- und Geisteswissenschaften.

[5] Das verdeutlicht vor allem das Werk Gadamers, insbesondere Wahrheit und Methode.

[6] Habermas, Erkenntnis und Interesse.

[7] Der Behauptung, es gebe ein objektives Sollen, würde man auch aus empiristischer Sicht sicher da zustimmen, wo es um Mittel für bestimmte Ziele geht. Wenn man das Ziel verfolgt, nicht zu verhungern, dann muß man essen; das ist nicht nur die subjektive Meinung mancher oder aller, sondern es ist objektiv so. Man kann aber gerade dieses bedingte Sollen als subjektiv bezeichnen. Denn es ist ja nur für dasjenige Subjekt zwingend, so zu handeln, das sich ein bestimmtes Ziel gesetzt hat. Objektiv ist das unbedingte, das moralische Sollen, formuliert z. B. in Sätzen wie: Es ist, egal was das Ziel sein mag, nicht erlaubt, zu foltern, oder Menschen ausschließlich als Mittel zum Zweck zu benutzen, oder sich durch Diebstahl ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Dieses Sollen gilt ganz unabhängig davon, welche Ziele die jeweiligen handelnden Subjekte verfolgen. Nur um dieses unbedingte Sollen geht es hier.

[8] Bezogen auf die Naturgesetze verhält es sich auch nicht anders. Im Schutz des Gedankens, daß sie die höhere Wahrheit ja gar nicht tangieren können, konnten bekanntlich die frühen Naturwissenschaftler ihre der Orthodoxie widersprechenden Behauptungen aufstellen; die von ihnen ermittelten Naturgesetze sind keine Erkenntnis der wahren Beschaffenheit der Natur, die nur Gott kennen kann, aber sie bewähren sich in der technischen Praxis, sie sind nützlich. Mehr können wir nicht verlangen.

[9] In der Geschichte des konservativen Denkens wurde, von der historischen Schule bis hin zu Gadamer, eine Art anspruchsvoller Umgehung des Hume’schen Verdikts ausgearbeitet: Die Tradition, also etwas Faktisches, bekommt gegenüber den in ihr Stehenden den Charakter einer Autorität, der man – bedingt allerdings nur, denn man hat auch die Verpflichtung, sie zu kritisieren und weiterzuentwickeln – sich einzufügen hat.

[10] Eine moralische Handlung (bzw. die Willensbestimmung, die ihr vorausgeht), ist definitionsgemäß das Gegenteil dessen, was wir „natürlich verursacht“ nennen. Das Ergebnis einer moralischen Handlung rechnen wir dem Handelnden zu, und das ist nur möglich, wenn er sie selbst, durch seine freie Entscheidung, verursacht hat und sie nicht aus einem Naturmechanismus folgt, so daß er für sie „nichts kann“; kann er nichts dafür, nicht nur wir ihn unzurechnungsfähig. Das heißt: Eine moralische Willensbestimmung erfolgt aus Freiheit, sonst ist sie definitionsgemäß keine. Zu ihr zwingt oder verleitet nicht ein Gegenstand von Trieben oder Neigungen (was eine kausale Verursachung wäre, die sich prinzipiell mit Hilfe von Naturgesetzen erklären ließe), und auch nicht indirekt ererbte Denkmuster, die sich evolutionsbiologisch dadurch erklären lassen, daß einst bestimmte Gegenstände wirksamer erlangt werden konnten, wenn man nach diesen Mustern dachte.

[11] Wilhelm Raabe, in Der Schüderump.

[12] Denn Moralität ist weder ein Mittel, die (mit Kants Begriffen) Glückseligkeit des Einzelnen herbeizuführen; um des Sittengesetzes willen zu handeln dient nur dazu, des Glückes würdig zu werden. Noch braucht man Moralität für das Wohlergehen der Spezies Mensch oder der Gesellschaft der Menschen. Nach Überzeugung des Liberalismus reicht der kluge Egoismus, der sich den zur Beendigung des Kriegs aller gegen alle  erlassenen Gesetzen aus Furcht unterwirft; individuelle Tugend ist überflüssig, und Kant hat dem (in Zum ewigen Frieden) zugestimmt: Auch ein „Volk von Teufeln“ würde aus jeweiligem Eigeninteresse der einzelnen Teufel zu eben der vernünftigen Gesellschaftsordnung gelangen, wie sie ein Volk erreicht, dessen Angehörige sich vom Sittengesetz leiten lassen – von dem wir uns dennoch, aber ohne jede Rücksicht auf alle Nützlichkeit, leiten lassen sollen, und zwar weil die Vernunft es gebietet.

[13] Dem moralischen analoges Verhalten, nicht moralisches. Dieses setzt freie Entscheidung (Autonomie, d. h. Selbstgesetzgebung) als letzte Ursache voraus, für die Evolutionsbiologie aber hat jedes Ereignis eine natürlich Ursache, die wiederum eine natürliche Ursache hat usf.

[14] „Vernunft, als Vermögen einer gewissen logischen Form der Erkenntniß betrachtet, ist das Vermögen zu schließen …“ (Kritik der reinen Vernunft, B 386)

[15] „Geschieht die Willensbestimmung zwar gemäß dem moralischen Gesetze, aber nur vermittelst eines Gefühls, welcher Art es auch sei, das vorausgesetzt werden muß, damit jenes ein hinreichender Bestimmungsgrund des Willens werde, mithin nicht um des Gesetzes willen: so wird die Handlung zwar Legalität, aber nicht Moralität enthalten. “ (Kritik der praktischen Vernunft, Elementarlehre, Analytik, Drittes Hauptstück. Von den Triebfedern der reinen praktischen Vernunft).

 

 

 

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Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

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  1. @ Trepl

    “Der Vorwurf, den Schopenhauer erhebt, steht i.w. auch bei Hegel. Beide – wie andere große Philosophen, z.B. Nietzsche – haben Kant falsch verstanden.”

    Na ja. Das kann man aber auch leicht widerlegen: die Bibel ist nur falsch verstanden worden. Man muß doch auch bedenken, wie die Geschichte nach Kant verlaufen ist. Gerne auch, das will ich zugeben, in ihren Irrtümern. Aber sich hinzustellen und zu sagen: alles mißverstandene Quark -zurück zu Kant. Na ich weiß ja nicht…Den verlinkten Aufsatz werde ich mir aber noch durchlesen.

  2. @ Dietmar Hilsebein

    Der Vorwurf, den Schopenhauer erhebt, steht i.w. auch bei Hegel. Beide – wie andere große Philosophen, z.B. Nietzsche – haben Kant falsch verstanden.

    Das scheint ein Naturgesetz zu sein: Große Philosophen verstehen einander falsch, vielleicht, weil sie vor lauter Denken nicht zum genauen Lesen kommen, vielleicht hat es auch tiefere Gründe. Die weniger großen Philosophen, diejenigen, die Exegeten, die ihr Leben damit zubringen, die großen genau zu lesen und zu interpretieren, widerlegen die Deutungen der großen i.a. mit Leichtigkeit. In unserem Fall ist ein gutes Beispiel dieser Aufsatz von B. Grünewald:
    http://uk-online.uni-koeln.de/…d3626/rm18480.pdf

  3. @ Trepl

    “Denn die Frage ist nicht, was sie fühlten oder meinten, sondern ob es richtig war, diesen Gefühlen oder Meinungen zu folgen. Dieser Frage weichen Sie konsequent aus.”

    Gut, damit kann ich leben -auch mit dem Rest Ihrer Replik. Denke aber, daß der Wille über das Mitgefühl mit der Vernunft verbunden ist. Ich erinnere Sie noch einmal daran, daß ich nichts gegen die Vernunft habe. Daß ich mit meiner Vernunft auch meine Gefühle vernehme und hinterfrage, dürfen Sie voraussetzen. Wir können nicht erwarten, daß die Vernunft jede unserer Neigungen ständig beurteilt – irgendwo müssen wir berührt sein. Ich bin eben auch durch die Epoche der Empfindsamkeit und Romantik gegangen. Und ich habe Schopenhauer nicht vergessen:

    Zitat: “Außerdem kritisiert er die Tatsache, dass der kategorische Imperativ sich nicht aus empirischen Erfahrungen ergebe, sondern nur aus Vernunft und Begriffen; Begriffe, die einer empirischen Grundlage entbehren, seien aber nicht tauglich zur Formulierung eines allgemeingültigen Gesetzes, das egoistische Bestrebungen ausschließen wolle.”

  4. @ Dietmar Hilsebein

    „Das Gesetz soll nun eine Selbstgesetzgebung sein oder ein Sittengesetz, welches einem Naturgesetz gleich, im Menschen innewohnt, wie der gestirnte Himmel über ihn. …. Man kann Naturgesetze nicht ignorieren.“

    Gewiß, gegen die Naturgesetze kann man nicht handeln, gegen die moralischen Gesetze schon: denn sie sind Gesetze der Freiheit. Der Begriff Gesetz wird auf sie angewandt, weil sie wie Naturgesetze ausnahmslos wirken würden, wenn jede Willensbestimmung auf Basis der Vernunft geschähe. Man kann das Sittengesetz durchaus ignorieren, dabei verstößt man gegen das, was einem die Vernunft sagt, daß man tun sollte.

    „Soll ich also die Ehe brechen? Kant würde sagen: nein, da Du nicht wünschen kannst, daß alle die Ehe brechen.“

    Ich kenne keine einschlägige Stelle, aber ich vermute, er würde etwas anders sagen: Du kannst nicht ein allgemeines Gesetz wollen, nach dem es erlaubt ist, ein gegebenes Versprechen zu brechen.“

    „Der Mensch aber ist ein sich entwickelndes Wesen. Selbst einer Selbstgesetzgebung darf er sich nicht unterwerfen, da er damit seine dynamische Natur verleugnen würde.“

    Das ist Richtiges und Falsches drin. Es ist für die Selbstgesetzgebung irrelevant, daß sich Natur des Menschen entwickelt. Er mag in einem bestimmten Lebensalter naturbedingt kein Verlangen nach bestimmten Dingen haben und in einem anderen schon: das hat nicht das Geringste damit zu tun, ob es moralisch gerechtfertigt ist, diesem Verlangen nachzukommen.
    Der Selbstgesetzgebung muß man sich unterwerfen, wenn man nicht unfrei handeln will. Denn kein Handeln geschieht ohne alle Regeln, und unfrei ist man, wenn man nicht nach den Regeln handelt, die man sich selbst gibt.

    Eine ganz andere Art von Entwicklung als die natürliche („dynamische Natur“) aber ist von Bedeutung: die der Ergebnisse, zu denen die Vernunft kommt. So wie, im Bereich des „theoretischen Gebrauchs der Vernunft“, im Jahre 10.000 v. Chr. keiner eine richtige Antwort auf die Frage gegeben hätte, wie weit der Mond von der Erde weg ist oder was die Quadratwurzel von 9 ist, man – wenn auch nicht jeder – das jedoch heute weiß, so gibt es auch in moralischen Dingen einen Erkenntnisfortschritt.

    Kant hat gewiß auf viele konkrete moralische Fragen falsche Antworten gegeben, so wie wir alle heute auch, und auf viele moralische Fragen haben alle seine Zeitgenossen falsche Antworten gegeben, während man heute die richtige oder wenigstens eine bessere Antwort kennt. Kant hatte selbstverständlich im Hinblick beispielsweise auf Fragen der Sexualmoral oder der Todesstrafe die damals üblichen Auffassungen. Sie wurden mittlerweile als falsch erkannt. Erkannt – es haben sich nicht etwa nur Gewohnheiten oder Gefühle geändert. Dem müssen auch Sie zustimmen, denn andernfalls müßten Sie der Meinung sein: Es war schon in Ordnung, was die damals mit Müttern unehelicher Kinder oder Homosexuellen gemacht haben, sie fühlten oder dachten halt nun mal so. Wenn so relativistisch argumentiert wird, muß man einfach sagen: Thema verfehlt. Denn die Frage ist nicht, was sie fühlten oder meinten, sondern ob es richtig war, diesen Gefühlen oder Meinungen zu folgen. Dieser Frage weichen Sie konsequent aus.

    Es ist wichtig zu beachten: Die jeweilige Selbstgesetzgebung kann falsch sein. Das kann sich später herausstellen, wenn, wie man so sagt, „die Diskussion weiter ist“. Da darf sich aber nicht nur eine Meinung geändert haben, sondern eine falsche Meinung muß durch eine richtige oder weniger falsche ersetzt worden sein. Mit diesem Anspruch gehen wir in alle „ernsthaften“ Gespräche – sonst wären solche Gespräche gar nicht möglich (Habermas). Dann, wenn wir überzeugt sind, daß die vorherige Selbstgesetzgebung – die jeweilige Maxime – falsch war, muß sie geändert werden. Zu mehr als einer festen Überzeugung können wir aber nicht kommen – wie in den Naturwissenschaften auch: alle Behauptungen, und mögen wir ihrer noch so sicher sein, müssen unter dem Vorbehalt der Fallibilität getroffen werden.

    Was mit der Aufklärung und vor allem mit Kant in die Welt kam, war eben diese Einsicht: Moralisches Handeln bedeutet nicht ein Handeln, das fremdgesteuert ist (sei es vom Druck der allgemeinen Meinung, sei es von für göttliche Anordnungen gehaltenen Normen, sei es von natürlichen Neigungen: das alles ist Heteronomie). Sondern moralisches Handeln bedeutet freies Handeln, und d. h. Selbstgesetzgebung und handeln gemäß diesem Gesetz. Alles andere ist Unfreiheit. Moralisches Handeln aber kann nicht anders als durch Befolgen dessen geschehen, was einem die Vernunft sagt, denn sonst würde man ja nicht nach dem handeln, wovon man überzeugt ist, würde also unfrei handeln. Beim Bestreben, das Richtige zu finden, kann man allerdings Fehler machen und macht unvermeidlich welche. Es gibt aber auch Berichtigung der Fehler, es gibt Lernprozesse, es gibt einen Erkenntnisfortschritt. Und darum stellt sich seit der Aufklärung die Frage der Moralität so dar: So wie man, wenn man etwas über die phänomenale Welt wissen will, z. B. wie alt die Menschheit ist, nicht mehr in einem heiligen Buch nachschauen kann, sondern diese Frage im Zuge eines Forschungsprozesses zu beantworten versuchen muß, so auch in moralischen Dingen: Auch da geht es um Erkenntnis des Richtigen, hier des richtigen Sollens, und das muß man erst einmal herausfinden.

    Man hat sich zur Zeit der Aufklärung zweifellos getäuscht über die Schwierigkeit dieser Aufgabe. Die Auffassung Kants, daß auch „der gemeinste Verstand“ immer schon weiß, was er zu tun habe, trifft zwar für die allermeisten Fälle zu, aber nicht für alle. Es gibt verzwickte Dinge und solche, zu denen nicht jeder Zugang hat, es treten neuartige Situationen auf, die Urteilskraft wird da versagen – auch wenn er (der „gemeinste Verstand“) das Sittengesetz kennt, andernfalls würden wir ihn für nicht zurechnungsfähig erklären. Einem bestimmen selbst gegebenen Gesetz (und zu recht gegebenen) muß man sich nur dann für alle Zeiten unterwerfen, wenn da der Typ von Situation, für die es formuliert ist, zu allen Zeiten anzutreffen ist, und dann auch nur in diesen Situationen.

    Daß das so ist, daß es in ethischen Fragen um Erkenntnis geht und daß es da einen Erkenntnisfortschritt gibt, ist heute Allgemeingut: Man schaut nicht mehr in der Bibel nach, wenn es schwierig wird, sondern setzt eine Ethikkommission ein mit einem, sozusagen, Forschungsauftrag.

    Eine besonders komplizierte Sache ist z. B. der Ehebruch. Denn das gegebene Versprechen ist ja nur einer der Punkte, die da zu beachten sind. Zu bedenken ist z. B. auch, was man jemandem antut, den man nicht losläßt, der aber einen anderen liebt, oder ob man nicht der gebotenen Selbstachtung zuwiderhandelt, wenn man sich allzuviel von dem Partner gefallen läßt. Aber das und vieles andere ist eben zu bedenken . Nie kann man sagen: Ich fühle, also darf oder soll ich. Das ist logisch gar nicht möglich. Doch die Situation kann sich geändert haben, und die Maximen, denen man dem Sittengesetz nach folgen soll, gelten immer nur für bestimmte Typen von Situationen. In anderen muß neu überlegt werden, was denn nun das Richtige ist.

  5. @ Trepl

    “Daß Sie etwas gegen den Kant’schen Begriff einzuwenden haben, konnten Sie mir nicht deutlich machen.”

    Kant: “Pflicht ist die Nothwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz.”

    Das Gesetz soll nun eine Selbstgesetzgebung sein oder ein Sittengesetz, welches einem Naturgesetz gleich, im Menschen innewohnt, wie der gestirnte Himmel über ihn. Hier wird es schwierig für Kant. Denn ein römischer Soldat, der aus dem Fenster sprang, brach sich die Knochen, so wie auch ich mir die Knochen brechen werde, wenn ich aus dem Fenster springe. Man kann Naturgesetze nicht ignorieren. Der Mensch aber ist ein sich entwickelndes Wesen. Selbst einer Selbstgesetzgebung darf er sich nicht unterwerfen, da er damit seine dynamische Natur verleugnen würde. Soll ich also die Ehe brechen? Kant würde sagen: nein, da Du nicht wünschen kannst, daß alle die Ehe brechen. Nun sagt aber Nietzsche zu recht: “wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe – mich!”
    Die Sache liegt auf der Hand. Viele meiner Handlungen werden mir erst im Nachhinein bewußt. Brach ich die Ehe aufgrund eines fortwährenden Liebesentzugs? Führte mich der Ehebruch nicht weg, endlich weg aus einer Situation, die mich sonst, wenn ich meiner “ehelichen Pflichten” nachgekommen wäre, krank gemacht hätten?

  6. @ Dietmar Hilsebein

    Aber Pflicht ist ja bei Kant keine „Begriffshülse“, sondern ein genau bestimmter Begriff. „Begriffshülse“ trifft für die Alltagssprache zu, was man aber erst seit etwa 200 Jahren weiß. Erst mit der Aufklärung wurde klar, daß er auf zwei völlig verschiedene Dinge bezogen wird: (1) die Befolgung eines fremden Willens gegen den eigenen aus Furcht, und (2) das, was damals unter „Autonomie“ verstanden wurde: Sich selbst das Gesetz geben und ihm dann folgen, so daß „aus Pflicht handeln“ gar nichts anderes heißt als frei handeln, und zwar da, wo man das, was man tun soll aufgrund von Autonomie (Selbstgesetzgebung), gegen eigene Neigungen durchsetzen muß. Der Begriff Pflicht ist da unvermeidlich. Oder was schlagen Sie denn vor, daß man statt dessen sagen sollte?

    Besser wär’s schon, wenn ein Handeln aus Pflicht nicht nötig wäre, sondern man genau das gerne täte, was man nach eigener Überzeugung soll (siehe meinen vorigen Kommentar: Kant gegen Schiller), aber leider sind wir nun mal nicht so, daß wir das immer täten, denn kein Mensch ist ein Heiliger. Jeder erfährt das täglich an sich -zig mal: er muß sich zu dem zwingen, was er seiner eigenen Überzeugung nach tun soll. – Man kann diesen grundlegenden Sachverhalt nicht unter der Decke halten, nur weil der preußische Feldwebel das Wort Pflicht in einem ganz anderen Sinne benutzt hat.

    Sie haben offenbar etwas gegen das Wort Pflicht, weil es zwei verschiedene Begriffe bezeichnet, deren einer Ihnen – zu recht – unangenehm ist. Daß Sie etwas gegen den Kant’schen Begriff einzuwenden haben, konnten Sie mir nicht deutlich machen.

  7. @ Trepl

    “Wieso Sie meinen, Kant habe in der KpV vergessen, was er in der KrV geschrieben hat, verstehe ich nicht.”

    Nun, die “Pflicht” ist der Herrgott Kants. Eine Begriffshülse, die mit Sinn und Unsinn gefüllt werden kann. Begriffshülsen sind immer Einladungen. Die Herrschenden bedienen sich der Begriffshülsen, um Macht auszuüben. So führte uns die “Pflicht” nach Preußen und schließlich ins Dritte Reich.
    Eine Willensbestimmung kann daher nicht durch eine Begriffshülse geleistet werden.

  8. @ J. Honerkamp, Nachtrag

    „’weil die Physik sich ja auf die phänomenale Welt bezieht und insofern ein subjektives Moment hat.’ [Zitat von mir](Ich weiß hier nicht, welche Physik Sie meinen? Wo sehen Sie ein subjektives Moment und wie würde sich das bemerkbar machen?”

    Ich meine jede mögliche Physik. Dasjenige subjektive Moment, das die Kant’sche Philosophie aufgedeckt hat, liegt nur darin, daß sich Naturwissenschaft auf Phänomene bezieht und nicht auf das „Ding an sich“, daß sie sich also auf eine „Natur für uns“ bezieht, weil es Bedingungen der Erkenntnis auf der Seite des Subjekts gibt, die nicht für alle möglichen Subjekte identisch sein müssen. Was man objektiv nennt, unterliegt dieser Einschränkung, aber es ist immerhin eine Objektivität für alle, die „unsere“ (die allgemein-menschlichen) Bedingungen der Erkenntnis teilen.

    Die weitere Entwicklung der einschlägigen Theorien macht es aber meines Erachtens unmöglich, jene quasi-transzendentalen Bedingungen zu übergehen, die als jeweilige unbegriffene und unhinterfragte Voraussetzungen in den Theorien wirken.

    Von Physik verstehe ich nichts, aber in der Biologie ist das Paradebeispiel die liberale Deutung des Konkurrenzkapitalismus als Hintergrund der Darwin’schen Theorie. Das ist bezogen auf den objektiven Charakter der Ergebnisse dieser Theorie insofern unproblematisch, als dieses „kulturelle Apriori“ als heuristisches Instrument dient, das bestimmte Dinge zu sehen erlaubt, die einem vorher entgingen. Mit einer von einem konservativen Welt- bzw. Gesellschaftsbild geprägten Brille, einem Weltbild, in dem die Konkurrenz keine Rolle spielt, sondern es nur wechselseitiges Dienen in einem hierarchischen Ganzen gibt, wäre das Entscheidende nicht zu sehen gewesen, das Darwin sah. Doch Darwin sah eben doch etwas Wirkliches ; mit einer anderen Brille wäre auch etwas Wirkliches, jedoch etwas anderes zu sehen gewesen.

    Aber kaum zu bezweifeln ist auch, daß aufgrund dieses unvermeidlichen Wirkens von gesellschaftlich generierten Wahrnehmungs- und Deutungsmustern auch naturwissenschaftliche Theorien nicht „ideologiefrei“ sein können, also ein subjektives Moment enthalten, das nicht nur „Wahrheit“ aus einer jeweils besonderen Perspektive aufdeckt, sondern auch verschleiert und verzerrt.

    Umgehen läßt sich diese Art zu reden („verzerrt“…), die ja voraussetzt, daß es sinnvoll ist, von einer unverzerrten Realität zu reden, wohl nur, wenn man von einem radikalen Konstruktivismus ausgeht. Dann gibt es diese subjektunabhängige Realität nicht, auf die bezogen Begriffe wie Wahrheit oder Objektivität sinnvoll sind, sondern jedes wahrnehmende System konstruiert sich halt seine eigene Realität. Ich glaube, dem würden wir beide nicht zustimmen.

  9. @ Dietmar Hilsebein

    Das nehme ich Ihnen nicht ab. Selbst wenn Sie den Besitzer des geliehenen Gegenstandes nicht leiden können und sich diebisch freuen würden darüber, daß Sie ihm eines auswischen können: Sie gäben ihm sein Eigentum zurück. Und auch wenn Sie ein schlechterer Mensch sein sollten als ich denke und das nicht täten, so wüßten Sie doch, daß Sie den Gegenstand nicht behalten sollten , so sehr Ihr Gefühl auch dafür spricht, ihn zu behalten.

    Wieso Sie meinen, Kant habe in der KpV vergessen, was er in der KrV geschrieben hat, verstehe ich nicht. Es geht ja in der KpV nicht um die Erkenntnis der phänomenalen Welt, zu der es immer Anschauung und Verstand braucht, sondern um die Willensbestimmung. Die Sinnlichkeit ist da nicht vernachlässigt, aber sie tritt in ganz anderer Rolle auf. Es braucht hier nicht, wie bei der aufs Sein bezogenen Erkenntnis, die Bestätigung durch die Sinne, die Empirie, damit man „richtig“ sagen kann. Selbst wenn es nie wahre Freundschaft gegeben haben sollte, wenn nie einer eine Erfahrung damit gemacht hätte, so ändert das nichts daran, daß es sie geben sollte, steht sinngemäß irgendwo bei Kant. Dennoch geht es für die praktische Vernunft immer um die Sinnenwelt. In ihr finden die Handlungen statt, auf die sich die Willensbestimmung bezieht, und Gefühle allerlei Art, auch sinnliche, nicht nur „vernunftgewirkte“ (das Gefühl der Achtung) wirken hemmend oder unterstützend auf die Willensbestimmung ein. Wer von Natur aus oder durch Erziehung viel Mitgefühl hat, wird sich leichter zu einer moralisch gebotenen Hilfeleistung überwinden können (falls es eine ist, die der Überwindung bedarf) als einer, der dieses Gefühl gar nicht kennt, und wer unter chronischer Appetitlosigkeit leidet, muß nicht stolz darauf sein, daß er dem Laster der Völlerei (soweit ich weiß, eine der sieben katholischen Todsünden) nicht verfallen ist. Nur ob Hilfe zu leisten geboten und Völlerei verboten ist, darüber gibt uns kein Gefühl Auskunft.

  10. @ J. Honerkamp

    Zu den vage Begriffen in Naturwissenschaften und in der Philosophie:
    (1) Sicher, „Begriff“ ist kein physikalischer Begriff, aber Physiker benutzen ihn.
    (2) Natürlich, „Impuls“ usw. sind scharf definiert, aber das gilt bei weitem nicht für alle naturwissenschaftlichen Begriffe; man muß nur sehen, wie Biologen „Art“ benutzen. Nur wenige von ihnen haben auch nur eine blasse Vorstellung, was sie damit genau meinen. Und seit Ludwik Fleck ist ja ins Normalbewußtsein der Wissenschaftstheoretiker getreten, wie schlampig und begriffslos man im Normalbetrieb der Naturwissenschaften mit den zahllosen Begriffen umgeht, die sich um einige wenige präzise definierte herum gruppieren.
    (3) Naturwissenschaftler können (und müssen) Begriffe scharf definieren (Nominaldefintionen machen), Geisteswissenschaftler (und Philosophen) müssen das auch (können es aber oft nicht, was keine Kritik an ihnen ist), müssen aber zugleich erkennen, wo das gerade nicht angebracht ist (was allerdings so häufig nicht ist), und sie müssen vor allem der Differenziertheit des Gebrauchs in der Primärsprache gerecht werden. Die Physiker konnten „Magnetismus“ als physikalischen Begriff präzise bestimmen und einfach wegdefinieren, was man z. B. auf dem Jahrmarkt darunter verstand. In Geisteswissenschaften und Philosophie kann man sich das nicht so einfach machen. – Es geht bezüglich der Vagheit und Präzision der Begriffe eben grundlegend anders zu. In den Naturwissenschaften werden die Begriffe in der Regel am Anfang definiert. In der Philosophie und auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften ist das eher selten der Fall, meist werden sie im Zuge der Darstellung und Diskussion von Theorien entwickelt, und manchmal ist man am Ende – einer Vorlesung, eines Buches, des Lebenswerks – so weit, dass man eine Definition geben kann, manchmal auch nicht.
    Daß Philosophen über die Vagheit der Begriffe, die sie benutzen, klagen (müssen): wofür ist das ein Argument? Philosophie besteht eben zum großen Teil und nach Meinung mancher nur in der Untersuchung von Begriffen, so wie sie nun einmal da sind, und dies mittels der Begriffe, die nun einmal da sind, die man im Zuge dieses Prozesses allmählich verbessert, was aber weniger durch präzise Nominaldefinition geschieht als durch Analyse dessen, was an Differenziertem in ihnen steckt.

    „Warum hat man denn zu Kants Zeiten die Newtonsche Physik in ihrer Stringenz als leuchtendes Beispiel gesehen und in der Philosophie so werden wollen wie diese? Wie käme es sonst dazu, dass es nur eine Physik aber verschiedenste Positionen zu ethischen Fragen gibt? Gebrauchen da alle bis auf vielleicht einen nicht richtig ihre Vernunft?(—(“

    Das „sonst“ verstehe ich nicht. – Daß die Philosophie werden sollte wie die Physik, meinte man zu Kants Zeiten noch so gut wie gar nicht. Weder dachte man an eine physikalistische Philosophie noch daran, mittels präziser Kunstsprachen die Vagheit von Begriffen zu beseitigen und so der Philosophie einen „sicheren Gang“ – entsprechend der Newtonschen Physik und, schon die Rationalisten vorher, vor allem der Mathematik – zu ermöglichen. So etwas kam erst hundert Jahre später als eine nennenswerte Bewegung auf. Den „sicheren Gang“ wollte Kant durch eine Kritik der Vernunft ermöglichen, die sich ganz diesseits der Naturwissenschaften hält, im Bereich apriorischen Denkens, da, wo die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt aufzufinden sind. Im Zuge dessen kam er dann sozusagen sowohl auf eine Erhöhung als auch auf eine Begrenzung der Geltungsansprüche der Naturwissenschaften, verglichen insbesondere mit dem Hume’schen Empirismus. Aber er entnahm dabei nichts den Naturwissenschaften, das war zumindest sein Programm; immer wieder grenzt er sein eigenes Unternehmen ab von dem, was er der „Physiologie“ und der „Psychologie“ zuordnet. – Und zur Frage „Gebrauchen da [in der Ethik] alle … nicht richtig ihre Vernunft?“: Ja, in der Tat, auch wenn das eine oder andere verläßliche Ergebnis schon da sein mag: Ethische Erkenntnis ist auch Erkenntnis, und bei aller Erkenntnis kommt man durch immer richtigeren Gebrauch der Vernunft allmählich weiter, doch nie bis ans Ende. Wenn über ethische Fragen gestritten wird, dann heißt das nichts anderes, als daß der eine dem anderen vorwirft, seine Vernunft nicht richtig zu gebrauchen; wie in den Naturwissenschaften auch: wenn da diskutiert wird, wirft man einander Fehler beim Denken vor.

    „Dieses ‚wo’ verstehe ich nicht. Und ich habe das auch nicht als Kritik gemeint. Ich habe darauf angespielt, dass Kant damals die Physik seiner Zeit verfolgt hat und zumindest ihre Methoden, Begriffe und Ergebnisse kannte. Ein heutiger Philosoph vom Schlage Kant würde ähnliches tun, insbesondere auch die Entwicklung der Biologie verfolgen, also auf der Höhe seiner Zeit philosophieren.“

    Selbstverständlich. Aber „Höhe der Zeit“ hieße aber vor allem, daß er die philosophischen Entwicklungen berücksichtigen würde, die Relevanz, z. B. die die Sprachphilosophie gewonnen hat und die Phänomenologie. Natürlich auch Entwicklungen in den empirischen Wissenschaften, wo sie philosophisch relevant werden, aber das ist nicht so häufig, wie Naturwissenschaftler gern glauben. Für Fragen der Ethik und für Kants Hauptfrage – nach der Möglichkeit von Metaphysik als Wissenschaft – vermag ich nicht zu sehen, was Naturwissenschaften dazu beitragen könnten (das meinte ich mit dem „wo“). Derartige Fragen liegen auf einer Ebene, die die Naturwissenschaften konstitutiv ausblenden müssen (und das guten Gewissens auch können.

    „Dieser Bewegungstrieb ist uns angeboren und offensichtlich förderlich für unser späteres Leben. Es geht mir also nicht um das ‚Sollen’, sondern um die ‚Randbedingungen für das Sollen’.“

    Dem kann ich zustimmen, aber Sie widersprechen damit dem, was Sie geschrieben haben, denn Sie meinten, der Inhalt des Sollens – also z. B. so etwas wie Tötungsverbote – ließe sich evolutionsbiologisch erklären. – Diese „Randbedingungen“ werden ja von den Philosophen der Aufklärungszeit und auch von Kant ausgiebig thematisiert; und ich sehe nicht, was durch die Entwicklung der Naturwissenschaften seitdem an Relevantem hinzugekommen sein könnte, eher schon durch die Entwicklung der Gesellschaftswissenschaften: Man wußte seit eh und je, und zwar für die Fragen der Ethik völlig hinreichend, daß erbliche Dispositionen einen Einfluß darauf haben, wie moralische Entscheidungen ausfallen. Wer einen nur sehr schwach ausgeprägten Sexualtrieb hat, tut sich leicht, kein Vergewaltiger zu werden. Aber darüber, was Ideologien sind, wußte man kaum etwas, und das Problem, ob es ideologiefreie Theorien (in Philosophie und in Naturwissenschaften) geben kann und was das bedeutet für Fragen der Objektivität und Wahrheit dessen, was man zu erkennen glaubt, war noch so gut wie gar nicht erkannt.

  11. @ Trepl

    “Aber nehmen Sie mein Beispiel von oben: Sie geben den geliehenen Gegenstand nicht zurück, und der Besitzer hat die Sache vergessen, und der Gegenstand ist für ihn ohnehin nicht von großer Bedeutung. Darum empfindet er keinen Schmerz.”

    Es geht um meinen Schmerz, den ich empfinde. Empfinde ich diesen Schmerz nicht, so gebe ich den Gegenstand nicht zurück, da ich ihn selbst längst vergessen habe. Ich muß also irgendwie an den Schmerz erinnert werden. In der Regel dann, wenn der Besitzer sich meldet.

    “Vor allem aber: Wenn Sie meinen, sich an Gefühlen orientieren zu müssen, dann müssen Sie sagen können, an welchen. Es gibt ja auch die sog. Herren- und Kriegermoral; lesen Sie Nietzsche. Warum soll man das Mitgefühl zur Basis machen und nicht solch herrliche Gefühle wie die, die dem Sieger im Moment des Tötens kommen oder wenn der Feind vor ihm flehend auf die Knie fällt? Sie müssen entscheiden, welchem der Gefühle der Vorzug zu geben ist, und das ist eine Sache der Vernunft.”

    Ich habe ja nichts gegen die Vernunft, nur muß sie auf Füßen stehen. Kant kann nicht in der KrV zu den einen Schlüssen kommen und in der KpV diese wieder vergessen, die da sind:

    Der transzendentalen Elementarlehre
    Zweiter Teil
    Die transzendentale Logik
    Einleitung
    Idee einer transzendentalen Logik
    I.
    Von der Logik überhaupt
    Unsere Erkenntnis entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüts, deren die erste ist, die Vorstellungen zu empfangen (die Rezeptivität der Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe); durch die erstere wird uns ein Gegenstand gegeben, durch die zweite wird dieser im Verhältnis auf jene Vorstellung (als bloße Bestimmung des Gemüts) gedacht. Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller unserer Erkenntnis aus, so daß weder Begriffe, ohne ihnen auf einige Art korrespondierende Anschauung, noch Anschauung ohne Begriffe, ein Erkenntnis abgeben können. Beide sind entweder rein, oder empirisch. Empirisch, wenn Empfindung (die die wirkliche Gegenwart des Gegenstandes voraussetzt) darin enthalten ist: rein aber, wenn der Vorstellung keine Empfindung beigemischt ist. Man kann die letztere die Materie der sinnlichen Erkenntnis nennen. Daher enthält reine Anschauung lediglich die Form, unter welcher etwas angeschaut wird, und reiner Begriff allein die Form des Denkens eines Gegenstandes überhaupt. Nur allein reine Anschauungen oder Begriffe sind a priori möglich, empirische nur a posteriori.

    Wollen wir die Rezeptivität unseres Gemüts, Vorstellungen zu empfangen, sofern es auf irgendeine Weise affiziert wird, Sinnlichkeit nennen, so ist dagegen das Vermögen, Vorstellungen selbst hervorzubringen, oder die Spontaneität des Erkenntnisses, der Verstand. Unsere Natur bringt es so mit sich, daß die Anschauung niemals anders als sinnlich sein kann, d. i. nur die Art enthält, wie wir von Gegenständen affiziert werden. Dagegen ist das Vermögen, den Gegenstand sinnlicher Anschauung zu denken, der Verstand. Keine dieser Eigenschaften ist der anderen vorzuziehen. Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben, und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es ebenso notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen, (d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen,) als seine Anschauungen sich verständlich zu machen (d. i. sie unter Begriffe zu bringen). Beide Vermögen, oder Fähigkeiten, können auch ihre Funktionen nicht vertauschen. Der Verstand vermag nichts anzuschauen, und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, daß sie sich vereinigen, kann Erkenntnis entspringen. Deswegen darf man aber doch nicht ihren Anteil vermischen, sondern man hat große Ursache, jedes von dem andern sorgfältig abzusondern, und zu unterscheiden. Daher unterscheiden wir die Wissenschaft der Regeln der Sinnlichkeit überhaupt, d. i. Ästhetik, von der Wissenschaft der Verstandesregeln überhaupt, d. i. der Logik.

  12. @Ludwig Trepl – Ethik und Evolution II

    “Und die Begriffe sind „in philosophischen und insbesondere moralischen Fragen“ keineswegs vager als in den Naturwissenschaften, das ist ein typisches Naturwissenschaftler-Vorurteil. Schauen Sie doch nur, wie vage ein Naturwissenschaftler den Begriff ‘Begriff’ benutzt;”

    Nun, der Begriff “Begriff” ist kein physikalischer Begriff sondern höchsten ein meta-physikalischer. Physikalische Begriffe sind “Ort, Impuls, Quant” und diese sind so scharf definiert, dass man mit ihnen logisch stringent argumentieren kann. Schauen Sie mal in http://www.philosophie.uni-hd.de/…zfall_2012.pdf herein, da sehen Sie, wie Philosophen mit der Vagheit ihrer Begriffe hadern. Warum hat man denn zu Kants Zeiten die Newtonsche Physik in ihrer Stringenz als leuchtendes Beispiel gesehen und in der Philosophie so werden wollen wie diese? Wie käme es sonst dazu, dass es nur eine Physik aber verschiedenste Positionen zu ethischen Fragen gibt? Gebrauchen da alle bis auf vielleicht einen nicht richtig ihre Vernunft?

    “weil die Physik sich ja auf die phänomenale Welt bezieht und insofern ein subjektives Moment hat.”

    Ich weiß hier nicht, welche Physik Sie meinen? Wo sehen Sie ein subjektives Moment und wie würde sich das bemerkbar machen?


    “Schon, aber ist damit mehr gesagt als mit dem Satz: Alles, was mit Körpern zu tun hat, ist im Lichte der Physik zu sehen? “

    Das ist gar keine Parallele: Physik ist eine Wissenschaft, Evolution ein Vorgang, dem jedes Leben unterworfen ist. “Und im Lichte sehen” heißt nicht “erklären wollen.” Wenn man unsere evolutive Herkunft berücksichtigt, dann schließt man auch nicht vom Sein aufs Sollen. Ein Sollen ergibt sich erst, wenn man den Verstand bewusst gebraucht. Dabei aber ist man beeinflusst von den ererbten Verhaltensdispositionen. Ein Kind, das immer wieder über Treppen und Mäuerchen hüpft und dabei seine motorische Geschicklichkeit verbessert, tut dieses nicht, weil es das “soll”. Dieser Bewegungstrieb ist uns angeboren und offensichtlich förderlich für unser späteres Leben. Es geht mir also nicht um das “Sollen”, sondern um die “Randbedingungen für das Sollen”.


    ” ‘Würde Kant heute leben, würde die Evolutionstheorie ein bedeutende Rolle in seiner Philosophie spielen.’
    Eher nicht, ich wüßte jedenfalls nicht, wo. Mir ist diese Art der Kritik an ihm auch noch nicht begegnet –”

    Dieses “wo” verstehe ich nicht. Und ich habe das auch nicht als Kritik gemeint. Ich habe darauf angespielt, dass Kant damals die Physik seiner Zeit verfolgt hat und zumindest ihre Methoden, Begriffe und Ergebnisse kannte. Ein heutiger Philosoph vom Schlage Kant würde ähnliches tun, insbesondere auch die Entwicklung der Biologie verfolgen, also auf der Höhe seiner Zeit philosophieren.

  13. @ Dietmar Hilsebein

    „Ich will nicht stehlen, nicht, weil ich nicht stehlen soll, sondern, weil ich den Schmerz dessen, der den Verlust erlitten hat, in mir abbilden kann.“
    Aber nehmen Sie mein Beispiel von oben: Sie geben den geliehenen Gegenstand nicht zurück, und der Besitzer hat die Sache vergessen, und der Gegenstand ist für ihn ohnehin nicht von großer Bedeutung. Darum empfindet er keinen Schmerz. Sie würden es sich aber trotzdem verbieten, den Gegenstand zu behalten, und zwar weil Sie es für falsch halten – vor allen Gefühlen, die in einem solchen Fall auftreten mögen.

    „Und wir müssen ja auch bedenken, was bei dem Begriff Moral mitschwingt, d.h., was heute darunter verstanden wird: der erhobene Zeigefinger, das moralinsaure Geschwätz alter Damen und Herren.“
    Schon, man kann da Fehler machen. Aber daß man beim Rechnen Fehler machen kann, ist kein Argument gegen das Rechnen. Und man kann auch bei der Ausrichtung am Mitgefühl Fehler machen, bekanntlich kann das geradezu krankhafte Formen annehmen.

    Vor allem aber: Wenn Sie meinen, sich an Gefühlen orientieren zu müssen, dann müssen Sie sagen können, an welchen. Es gibt ja auch die sog. Herren- und Kriegermoral; lesen Sie Nietzsche. Warum soll man das Mitgefühl zur Basis machen und nicht solch herrliche Gefühle wie die, die dem Sieger im Moment des Tötens kommen oder wenn der Feind vor ihm flehend auf die Knie fällt? Sie müssen entscheiden, welchem der Gefühle der Vorzug zu geben ist, und das ist eine Sache der Vernunft.

    Und noch was: Kant ist schon zu seinen Lebzeiten, etwa von Schiller, kritisiert worden, daß er die Pflicht über die Liebe stelle. Liebe kann dabei selbstverständlich nicht eine gefühlsmäßige Zuneigung bedeuten (man kann sie keinem befehlen und man sie sich selbst auch nicht), sondern bedeutet, das, was wir tun sollen, gerne zu tun („aus Liebe zum Gesetz“) und nicht aus Pflicht; den Schiller störte also auch wie Sie der „erhobene Zeigefinger“.
    Aber auch Kant stellte die Liebe (in diesem Sinne) über die Pflicht. Doch meinte er, man solle bescheiden sein und nicht glauben, man könne je den Zustand erreichen, daß man die Gesetze allesamt gerne („aus Liebe“) erfüllt, denn der Zustand der Heiligkeit, in dem man dem Menschen nichts verbieten muß, weil er keinerlei böse Neigungen hat, ist keinem Menschen erreichbar; alles, was wir können (und was wir uns, wenn wir unserer Vernunft folgen, sagen müssen, daß wir es tun sollen), ist, diesen Zustand anzustreben im Bewußtsein, damit nie fertig zu werden. Wir kommen ohne den Gedanken der Pflicht nicht aus, denn nie stimmen unsere Neigungen ganz mit dem überein, was wir sollen. Es geht also nicht ohne den erhobenen Zeigefinger.

    Den muß man aber, völlig aus eigener Einsicht, sich selbst gegenüber erheben, sonst ist das daraus folgende Handeln fremdgesteuert und damit nicht moralisch. Und wir können wissen – ich, Sie, wir alle – daß es nicht moralisch ist, d. h. nicht das ist, was sein soll: Wer aus Angst vor irdischen oder himmlischen Strafen oder einfach weil er meint, der herrschenden Meinung oder einem bestimmten („heiligen“) Text folgen zu müssen und deshalb so handelt, wie er handeln soll, an dem haben wir doch noch etwas zu kritisieren, der handelt zwar, wie er soll, aber ist nicht so, wie er sein soll, er handelt nicht aus den Gründen, aus denen er handeln soll. Wir sollen nämlich frei handeln und nicht unter Zwang, und das wissen wir.

  14. @ Trepl

    Eines vielleicht vorweg: meine Liebe zu Kant wird eher davon bestimmt, welch ein wichtiger Meilenstein er in der Erkenntnistheorie war -also mehr KrV als KpV.
    Pflicht, Moral, Sollen -ich gebe es offen zu, bereitet mir Bauchschmerzen. Ich achte Ihre Bemühungen sehr, sich mit Hilfe der Vernunft Klarheit verschaffen zu wollen. Aber ich kann kaum aus meiner Haut: wir sind einfach zu oft in der Geschichte verarscht worden. Moralisch hin, moralgemäß her. Sie haben ja recht, man darf beides nicht miteinander verwechseln. Vielleicht wird es ein Stück klarer, wenn ich es noch einmal so versuche:

    Ich will nicht töten, nicht, weil ich nicht töten soll, sondern, weil ich den Schmerz der Hinterbliebenen in mir abbilden kann. In dem Buch “Im Westen nichts Neues” wird dies beschrieben, daß der Franzose im Graben kein Feind, sondern ein Mensch ist, der Frau und Kinder hat.

    Ich will nicht stehlen, nicht, weil ich nicht stehlen soll, sondern, weil ich den Schmerz dessen, der den Verlust erlitten hat, in mir abbilden kann.
    Ich bezweifle daher sehr, daß Pflicht, Moral, Sollen demgegenüber eine Alternative darstellt. Und wir müssen ja auch bedenken, was bei dem Begriff Moral mitschwingt, d.h., was heute darunter verstanden wird: der erhobene Zeigefinger, das moralinsaure Geschwätz alter Damen und Herren.

  15. @ Holzherr

    „Kant ist kein globaler Denker“.
    Natürlich nicht, und das hat er mit ausnahmslos allen Denkern gemeinsam. Meinen Sie denn, daß jemand ein globaler Denker ist, der ein ganz kleines bißchen in die indische oder ostasiatische Vorstellungswelt hineingerochen hat? Und für mehr reicht ein Menschenleben nicht aus, wenn man außerdem noch das Denken der eigenen Tradition einigermaßen kennen will; schon um einen einzigen der großen Philosophen halbwegs zu verstehen, hat man ein Leben lang zu tun. Auch dem „globalen Denker“, der Konfuzius gelesen hat, entgeht immer noch der allergrößte Teil dessen, was ja auf der Welt gedacht worden ist. Aber Kant – und wohl alle damaligen Philosophen – kannten die Philosophie , von den Griechen an, recht gut, also das, was es als systematischen und kohärenten Diskussionszusammenhang gegeben hat, und das ist nun mal weit überwiegend „abendländisch“. Es könnte im Hinblick auf Fragen wie die hier zu diesem Artikel diskutierten möglicherweise von größerer Bedeutung sein, daß einer Leibniz oder Hegel nicht kennt, als daß er die gesamte indische Denkwelt nicht kennt.

    Eine solche Kenntnis ist heute, nebenbei bemerkt, nicht mehr in dem Maße üblich wie damals. Man nimmt sehr oft nur noch die eigene Tradition wahr. Über die Philosophie Kants oder der deutschen Idealisten herrschen unter denen, die in der empiristischen Tradition stehen, oft abenteuerliche Vorstellungen, falls es überhaupt Vorstellungen gibt. Umgekehrt ist es wohl auch so. Man muß sich nur die jeweiligen Literaturlisten ansehen.

    „Das moralische Gesetz, das in Kant wirkt, kommt aus seiner geordneten Innenwelt – die sich durch Kristallisation des damaligen Wissens und Denkens unter dem erlebten Widerspruch zwischen erlebter politischer Autarkie und Willkür und antizipierter politisch aufgeklärter und demokratisch legitimierter Macht herausbildete.“

    Richtig. Nichts, auch keine naturwissenschaftliche Theorie, kommt als Gedanke in die Welt, was sich nicht der Kristallisation des zeitgenössischen Wissens und den erlebten Widersprüchen in der (Verarbeitung der) gesellschaftlichen Realität verdankt. Aber im vorliegenden Fall gilt halt auch: Sie, der Sie ja sehr viel weiter sind, müßten Kants Gedanken über das moralische Gesetz, das nicht nur in ihm wirkt, sondern, wie Kant erkannt hat, in jedem Menschen, den wir als zurechnungsfähig bezeichnen, ebenso anerkennen wie eine damals erkannte und noch nicht überholte naturwissenschaftliche Theorie (und würden das auch, wenn Sie ein wenig genauer wüßten, worum es sich handelt) – oder wie bestimmte philosophische Theorien, die Sie ja auch nicht deshalb ablehnen, weil sie alt sind. Die im wesentlichen empiristische Einstellung, gegen die ich in dem Artikel argumentiere (und die weitgehend auch Ihre ist), ist um einiges älter als die Kantsche Philosophie. Aber deshalb muß sie nicht falsch sein. Man sollte nur, wenn man sie immer noch vertreten möchte, nicht so leichtfertig über alles hinweghüpfen, was in der Zeit danach, also z. B. durch Kant, geschehen ist.

  16. @Dr. Webbaer: Realität als math. Begriff

    Sie scheinen eine Begriffsvielfalt zu beanspruchen, die gar nicht nötig ist und beharren scheinbar darauf, dass man den Begriff Realität möglichst offen lässt. Damit machen sie die Welt vielleicht interessanter, aber es bringt überhaupt nichts. Auch philosophische Begriffe muss man ähnlich wie mathematische Begriffe oder Begriffe des täglichen Gebrauchs behandeln. Sie erhalten erst in Beziehung zu anderen Begriffen und in der Art wie man sie verwendet eine Bedeutung.

    Für die Naturwissenschaft ist z.B. wichtig, dass alle Naturwissenschaftler in ihren Experimenten die gleiche Realität “testen”. Wäre das nicht so, gäbe es keine Naturwissenschaft.
    In der Wikipedia wird speziell auf die Bedürfnisse der Naturwissenschaft eingegangen und man liest:
    “Für die Naturwissenschaften ist Realität das, was der wissenschaftlichen Betrachtung und Erforschung zugänglich ist. Dinge, die nicht messbar sind, sollen keine Basis für wissenschaftliche Theoriebildung sein. Dabei geht es vor allem um methodisch feststellbare Wechselwirkungen. Inhalte von Vorstellungen, Gefühlen, Wünschen, Wahrnehmungen und ähnlichem gelten zunächst einmal als nicht der Realität zugehörig.”

    Der Teil der Philosophie, der sich mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild verträgt ist der Physikalismus/Materialisums und der schliesst den Naturalismus mit ein.

    Übrigens noch ein Rat: Weniger Denken ist oft mehr. Gehen sie nicht von allem Möglichen aus sondern vom Denknotwendigen.

  17. @Holzherr

    Der Webbaer meidet in der Regel Einzeltraining, aber noch ganz kurz:
    Die Realität, die Realitas, die Sachlichkeit, wird von davon abgesetzten philophischen Positionen nicht gepflegt (“Wo hört dir Katze auf, wo fängt sie an?”) und diese abgesetzten antirealistischen Positionen pflegen denn auch keine “Illusion”.

    Ob Sie in einer speziellen Erkenntniskapsel sitzen oder wie auch immer Sie hier einordnen wollen, wir wären dann idT wieder schnell bei der Tegmark-Hypothese, ist auszuklammern, damit überhaupt etwas gesagt werden kann.

    Bleiben wir lieber beim: Ist Herr X Naturalist?

    MFG
    Dr. Webbaer (der auch von dieser Frage für ein paar gute Cracker abrücken würde, np)

  18. @ Dietmar Hilsebein

    Von Indoktrination sprechen wir, wenn jemand z. B. durch psychologische Tricks dazu gebracht wird, etwas für richtig zu halten, obwohl er doch gar nicht durch freie Überlegung dazu gekommen ist und er es im allgemeinen auch nicht für richtig halten würde, wenn er frei (kritisch) überlegt hätte. Er meint dann, von sich aus zu handeln, handelt in Wirklichkeit doch unter einem äußeren Zwang (dem der Indoktrinierenden). Einen „durch Indoktrination moralisch handelnden Menschen“ kann es darum nicht geben. Er kann zwar moralgemäß handeln, so wie einer, der durch Drohungen oder Verlockungen dazu gebracht wird, der Moral gemäß zu handeln, aber moralisch handelt er nicht, das nennen wir nun mal nicht so, und mit gutem Grund, denn m den beiden Begriffen moralgemäß und moralisch ist ein entscheidender Unterschied erfaßt. – “,,,gefährlich dann, wenn sie [die Vernuft] durch andere indoktriniert wurde.” Das ist ein Widerspruch; ein durch Indoktrination bestimmtes Denken ist definitionsgemäß kein vernünftiges.

    Moralisches Handeln setzt Freiheit voraus, Freiheit bei der Überlegung und Freiheit der Entscheidung. Jemand kann, wenn er darin einen Vorteil sieht, genauso handeln wie einer, der sein Handeln von dem bestimmen läßt, was er frei als das moralisch Gebotene erkannt hat. Aber ersteren würden wir doch nicht einen „guten Menschen“ nennen. Moralisches Handeln setzt Freiheit und (damit) Autonomie, Selbstgesetzgebung voraus, und die geschieht durch das, was wir Vernunft nennen.

    Es ist sicher sinnvoll, das Mitgefühl bei sich und anderen zu fördern, und vielleicht fördert man dadurch letzten Endes ein moralgemäßes Handeln mehr als durch die Strategie, Moralität (d. h. so zu handeln, wie es die Vernunft gebietet) durch entsprechende Bildung zu fördern. Aber in diesem Sinne ist es vielleicht auch effektiver, die Angst von der Hölle zu fördern. Doch mit solchen strategischen Überlegungen geht man an der Frage vorbei, worum es bei der Moral geht. Was ist, wenn jemand einen, für den er verantwortlich ist, haßt (oder nicht an die Hölle glaubt, oder keine Anerkennung von den Nachbarn und sonstige Vorteile gewinnen kann)? Soll er ihm denn dann nicht helfen? Natürlich soll er, und das weiß jeder. Und wenn alle Sensibilisierungsversuche nicht helfen: soll der dann nicht helfen, weil ihm das dazu nötige Gefühl fehlt? Ganz sicher nicht. Mitgefühl kann moralgemäßes Handeln unterstützen (manchmal muß man dazu aber auch das Mitgefühl hintanstellen), aber es führt nicht zu moralischem Handeln, es liegt auf einer anderen Ebene.
    Und schließlich eine Frage: Wer ist in moralischer Hinsicht höher zu schätzen: jemand, der viel Mitgefühl hat, aber naturgemäß nicht für alle gleichermaßen, und der zur Befriedigung seines Gefühls denen hilft, für die er viel Mitgefühl empfindet – oder jemand, der trotz fehlenden Mitgefühls, ja trotz seines Hasses das tut, was er als seine Pflicht erkannt hat?

    „Nicht die Vernunft setzt sich bei Ihnen selbst, sondern der Inhalt der Vernunft, das Sollen. Wie kann das zugehen? Wie kommt die Vernunft zu ihrem Sollen?“

    So, wie Sie und wir alle es tagtäglich, wenn auch meist nicht bewußt, machen: Sie machen die Verallgemeinerungsprüfung ihrer Maxime. Sie denken nicht nur von sich, sondern zugleich von allen aus. Warum meinen Sie denn, daß Sie einen geliehenen Gegenstand zurückgeben müssen, auch wenn der Besitzer die Sache längst vergessen hat und Sie sich gefahrlos einen Vorteil verschaffen könnten? Nicht aus Mitgefühl mit diesem (denn Sie meinen ja, daß man den Gegenstand auch zurückgeben sollte, wenn man keines hat), sondern weil Sie sich unvermeidlich sagen müssen, daß zwar Sie selbst ihn nicht zurückzugeben bräuchten, daß „man“ das aber nicht machen kann: Die Maxime „in solchen gefahrlosen Fällen muß man das Geliehene nicht zurückgeben“ könnte kein allgemeines Gesetz werden. (Moralisch) „gut“ ist nur ein anderer Ausdruck dafür, daß die Willensbestimmung in diesem Sinne alle berücksichtigt. Und die Prüfung, durch die die Vernunft zum Sollen kommt, besteht darin, daß man fragt, ob alle berücksichtigt sind.

  19. Korrektur

    Der obere Abschnitt meines letzten Kommentars muß komplett in Gänsefüßchen stehen.

  20. @ Trepl

    Faktisch handle ich z. B. aufgrund des Gefühls des Mitleids. Die moralische “Frage ist aber, ob ich so handeln soll. Es gibt ja Fälle, da darf man sich nicht vom Mitleid leiten lassen. Im großen und ganzen ist sicher Mitleid ein Gefühl, das moralisches Handeln unterstützt, aber nie läßt sich die Frage, wie man handeln soll, aufgrund eines Gefühls beantworten. Die, die dieses Gefühl nicht haben, sollen ja auch im entsprechenden Fall in bestimmter Weise handeln.”

    Und das sehe ich als gefährlich an. Vielleicht habe ich mich unglücklich ausgedrückt. Nicht die Vernunft setzt sich bei Ihnen selbst, sondern der Inhalt der Vernunft, das Sollen. Wie kann das zugehen? Wie kommt die Vernunft zu ihrem Sollen? Nun, gefährlich dann, wenn sie durch andere indoktriniert wurde. Ich versuche einen anderen Weg zu gehen. Wenn Menschen zum Mitgefühl (ich lege wert, hier nicht Mitleid zu sagen) nicht fähig sind, so denke ich über eine Sensibilisierung nach. Ich hoffe auf einen mitfühlend handelnden Menschen und nicht auf einen durch Indoktrination moralisch handelnden Menschen.

  21. “gut” und “böse”

    Viele Länder sah Zarathustra und viele Völker: keine größere Macht fand Zarathustra auf Erden, als die Werke der Liebenden: “gut” und “böse” ist ihr Name.
    Wahrlich, ein Ungetüm ist die Macht dieses Lobens und Tadelns. Sagt, wer bezwingt es mir, ihr Brüder? Sagt, wer wirft diesem Tier die Fessel über die tausend Nacken?
    Tausend Ziele gab es bisher, denn tausend Völker gab es. Nur die Fessel der tausend Nacken fehlt noch, es fehlt das eine Ziel. Noch hat die Menschheit kein Ziel.
    Aber sagt mir doch, meine Brüder: wenn der Menschheit das Ziel noch fehlt, fehlt da nicht auch – sie selber noch? –

    Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra / Von tausend und einem Ziele.

    http://www.deweles.de/…sierung/die-3-gebote.html

  22. @ Josef Honerkamp @ Trepl

    „Aber wir haben wohl sehr verschiedene Vorstellungen von dem naturwissenschaftlichen Hintergrund und den Möglichkeiten der Vernunft.“

    Ja, und da der Hauptunterschied schon 100 Jahre vor Kant einigermaßen herausgebildet war – Rationalismus vs. Empirismus –, gibt es zu diesen Fragen inzwischen mehrere Bibliotheken voll mit Büchern, für jede der beiden Seiten. Darum frage ich mich, wie man da sinnvoll diskutieren kann – es gibt ja nichts, was wir sagen könnten, was nicht schon –zig mal gesagt worden ist. Bisher habe ich es mit dem Grundsatz gehalten: aber noch nicht von mir, d. h. ich diskutiere, um mir selber etwas klarer darüber zu werden, was ich meine. Sie oder jemand anderen überzeugen will ich nicht (das sieht nur so aus, wenn man argumentiert), dazu sind die beiden Grundpositionen schon zu tief und breit ausgearbeitet worden, wer sich einigermaßen in seiner eigenen Auffassung auskennt, wechselt sie nur noch schwer.

    „Kant hat unter dem Eindruck der Newtonschen Theorie gelebt und damals glaubte man, man könne auch in philosophischen und insbesondere moralischen Fragen eine Stringenz erreichen, die der der Newtonschen Theorie ähnlich ist. Das hat sich als unmöglich erwiesen, allein schon wegen der Vagheit der Begriffe, die dabei im Spiel sind.“

    Worin Kant wohl Unrecht hatte (zumindest nach Meinung der meisten heutigen Ethiker), ist, daß man richtiges Handeln im konkreten Fall auf einfache Weise aus für vernünftig erkannten Prinzipien deduzieren kann (Verbot des Lügens – das gilt ausnahmslos). Aber, und da irrte er nicht, die Stringenz und die Sicherheit, die man in moralischen Fragen erreichen kann, ist nicht geringer als in der Physik; eher müßte man sagen: in bestimmtem Sinne größer, weil die Physik sich ja auf die phänomenale Welt bezieht und insofern ein subjektives Moment hat. Prinzipiell ist jede Aussage, hier wie da, fallibel, schon wegen der Möglichkeit des simplen Irrtums, da muß man gar nicht Paradigmentheorien und ähnliches bemühen. Aber bis zur für völlig sicher gehaltenen Überzeugung kann man hier wie da kommen. Man soll sich nicht durch Betrug ein bequemes Leben ermöglichen. Das kommt mir zuverlässiger vor als irgendeine naturwissenschaftliche Aussage. – Und die Begriffe sind „in philosophischen und insbesondere moralischen Fragen“ keineswegs vager als in den Naturwissenschaften, das ist ein typisches Naturwissenschaftler-Vorurteil. Schauen Sie doch nur, wie vage ein Naturwissenschaftler den Begriff „Begriff“ benutzt; der schreibt ihn einfach so hin, während ein Philosoph ihn gegebenenfalls erst mal auf vielen Seiten differenziert, bevor er ihn verwendet.

    „In der Mathematik gibt es keine Gesetze, sondern Sätze …“ – Ich hätte die Mathematik nicht als Beispiel nehmen sollen, zumal ich ja mit Kant argumentiere und bei dem die Mathematik nicht ins Gebiet der Vernunft fällt, sondern der Anschauung.

    „Dass das noch nichts mit Ethik zu tun hat, dem stimme ich zu. Diese kommt erst ins Spiel, wenn wir Menschen dieses Erbe kultivieren, Wertsetzungen bewusst machen und ihre Wechselwirkungen untersuchen.“

    Die entscheidende Frage ist: Was tun wir, wenn wir „Wertsetzungen bewußt machen“? Wir klären bestehende Wertsetzungen mittels der Vernunft auf und prüfen sie auf ihre Richtigkeit und treffen uns vernünftig erscheinende Wertsetzungen. Auch ererbte Verhaltensdispositionen werden so geprüft. Uns unterscheidet der alte Unterschied: ob sie vor dem Hintergrund des besseren (angenehmeren) Lebens geprüft werden (sollen), ob also die (vermeintliche) Moralität dafür funktional ist, oder ob, in Kants Worten, reine Vernunft für sich praktisch sein kann und ist.

    „Würde Kant heute leben, würde die Evolutionstheorie ein bedeutende Rolle in seiner Philosophie spielen.“

    Eher nicht, ich wüßte jedenfalls nicht, wo. Mir ist diese Art der Kritik an ihm auch noch nicht begegnet – anders als der Vorwurf, daß er die kulturgeschichtliche Bedingtheit seiner Philosophie nicht erkannt habe und manches der allgemeinen Vernunft zugezählt hat, was doch nur „bürgerliches Bewußtsein“ ist. Aber heutige Kantianer bestreiten auch das; die Art, wie er unsere „Vermögen“ untersucht hat, sei davon unabhängig. Mir hat das damals, als ich es gelesen habe, eingeleuchtet, ich hab’s aber nicht mehr parat. – Und schließlich: Es steckt ein großes Problem darin, etwas (Vernunft) mit eben den Mitteln, die man beim Erklären voraussetzt (Vernunft), ursächlich erklären zu wollen. Soweit ich sehe, diskutieren die Philosophen dieses Problem, aber eine mir eingängige Lösung habe ich noch nicht gelesen.

    „Alles, was mit dem Leben zu tun hat, ist im Lichte der Evolution zu sehen.“

    Schon, aber ist damit mehr gesagt als mit dem Satz: Alles, was mit Körpern zu tun hat, ist im Lichte der Physik zu sehen? Bringt das etwas im Hinblick auf ethische Fragen? – Es darf gewiß in der biologischen Evolution nichts passiert sein, was es unmöglich macht, das Wohltemperierte Klavier zu komponieren, aber diese Komposition von der biologischen Evolution aus zu erklären, dürfte wohl doch nicht gelingen, und bei moralischem Handeln ist es entsprechend. Aber vor allem: Wir haben es (das wollte ich in dem Artikel in erster Linie sagen) bei moralischen Fragen nicht mit einem Problem des Erklärens sehr komplexer empirischer Sachverhalte zu tun, sondern mit einem logischen: Es ist nicht möglich, vom Sein aufs Sollen zu schließen. Das begrenzt den Zuständigkeitsbereich aller empirischen Wissenschaften radikal. Wo immer sie auf diesem Gebiet nach Erklärungen sucht – sie kommt doch immer nur aufs „Sein“.

    Kant hatte ja bezüglich der Erklärbarkeit menschlichen Verhaltens eine extrem „naturalistische“ Auffassung. Er zweifelte nicht daran, daß sich z. B. ein Verbrechen vollständig, d. h. lückenlos kausalwissenschaftlich erklären ließe; er brachte als Beispiel Erklärungen durch Lebensumstände, er hätte mit Sicherheit auch neurobiologische akzeptiert. Aber er bestritt, daß man es ausschließlich so erklären kann: Die lückenlose kausale Erklärung ändert nichts daran, daß man sagen muß, er hätte die Tat nicht begehen sollen, und daß die Tat ihm zuzurechnen ist. Die Naturwissenschaft (und die Geistes- und Sozialwissenschaften, hätte er von ihnen gewußt) erklären Phänomene. Das Sollen bezieht sich aber nicht auf Phänomene, es setzt transzendentale Freiheit voraus und damit etwas, was sich jeder empirischen Wissenschaft definitionsgemäß entzieht. Daß sich das Sittengesetz evolutionsbiologisch erklären läßt, hätte er wohl nicht akzeptiert, es war für ihn darum ein nicht weiter ableitbares „Faktum der Vernunft“.

  23. @Ludwig Trepl

    was ist ein kommunikatives Institut?

    Eine Einrichtung unserer Verständigung.

    Aber man steht bezüglich des eigenen Verhaltens auch vor der Frage, und zwar ständig: Darf ich es mir zur Maxime machen, ungerechte Gesetze bestehen zu lassen, oder bin ich nicht vielmehr verpflichtet, etwas zu ihrer Veränderung/Abschaffung zu tun? Wie die Antwort ausfallen muß, ist nicht schwer zu erraten.

    Das mag sein, dabei kann aber der KI nicht helfen.

    Natürlich kann man von der Maxime “Jeder darf nachts fahren” wollen, daß sie allgemeines Gesetz wird; man kann ja wollen, daß das Nachtfahrverbot abgeschafft wird.

    Bei bestehendem Nachtfahrverbot kann eine Maxime “Jeder darf nachts fahren” erst dann (logisch) gewollt werden, nachdem das bestehende Nachtfahrverbot abgeschafft wurde. Die Handlung ein Gesetz abschaffen zu wollen unterliegt aber kategorial anderen Maximen als die Handlung, nachts Autofahren zu wollen. Das muss man m.E. sauber auseinanderhalten.

    Da haben Sie recht, aber es ist doch klar, daß sich das Verbot, Menschen bloß als Mittel zum Zweck zu behandeln, nicht auf derart abstrakte Situationen bezieht;

    Auf konkrete Situationen, wie den Schützengraben oder die Ampel, soll es sich aber nun auch wieder nicht beziehen. Warum nicht? (weil es sich dabei um staatliche Einrichtungen handelt, könnte man vermuten). Um das Bild von ‘der Menschenwürde’ abzurunden sei noch dieser Eingriff in die Gewerbefreiheit erwähnt:
    http://www.rp-online.de/…-gotcha-spiel-1.2056937

    Aber das darf ich nicht so machen, daß er dabei würdelos behandelt wird, auch wenn ich dadurch mein Bier schneller bekommen sollte.

    Für mich schreiben Sie gerade über Umgangsformen.

  24. @ Christian Hoppe

    „mit dem christlichen Glauben kompatibler Entwurf“ – dem hätte Kant sicher zugestimmt, wenn er auch zwischen dem, was die Kirchen als christlichen Glauben lehren, und dem, was man unter diesem verstehen sollte, einen Unterschied gemacht hätte . Und biographisch ist es ja naheliegend, daß er – er kam aus einem pietistischen Elternhaus – von der christlichen Gedankenwelt „infiziert“ war, wie Sie schreiben. Etliche haben schon behauptet, er habe eine christliche Philosophie schreiben wollen, von Hegel an wurde er wiederholt als „der protestantische Philosoph“ bezeichnet, während Karl Barth ihn als einen der vielen Rekatholisierer im Protestantismus sah. Aber was das System seiner Philosophie angeht, so muß man da vorsichtig sein. Die christliche Herkunft mag eine heuristische Rolle gespielt haben, aber das System dürfte davon unabhängig sein. – Jemand (G. Geismann?) hat sinngemäß gesagt, Kant habe nicht die christliche Lehre als Philosophie formulieren wollen, sondern er habe versucht, im Christentum einen vernünftigen Kern zu finden. Das scheint mir richtig.

  25. @Dr.Webbaer: Realität verträgt Illusion

    Sie irren sich, wenn sie Beliebigkeit postulieren, was die Realität angeht.
    Die Frage ist nicht die, ob die Realität, die wir erleben und wissenschaftlich untersuchen können, real ist oder nur eine Illusion. Wenn eine perfekte Illusion sich nicht von der von uns erlebten Realität unterscheidet macht es keinen Unterschied und es gilt weiterhin
    dass wir in ” einer vom Menschen unabhängigen Realität [leben], die in den Wissenschaften entdeckt und erforscht wird”

    Auch die Tegmark-Hypothese, dass wir in einem von unendlich vielen mathematisch denkbaren Universen leben ist irrelevant, denn (Zitat) an infinite ensemble of completely disconnected universes is “completely untestable, despite hopeful remarks sometimes made”

    Etwas anderes wäre es natürlich, wenn Menschen, denen wir begegnen in verschiedenen Realitäten leben würden. Dafür gibt es keinerlei Hinweise. Alle erleben die gleiche Realität und deshalb können auch Experimente und Beobachtungen, die der eine macht, vom anderen überprüft werden.

  26. @ Ano Nym.

    „Das, was Sie als moralisches Gebot bezeichnen, erscheint mir als Inhalt des kommunikative Institut des Versprechens. Dazu brauche ich jedenfalls kein gesondertes Gebot, das ist ja bereits im Institut des Versprechens enthalten.“ Verständnisfrage: was ist ein kommunikatives Institut?

    „Der KI gebietet es, nur nach derjenigen Maxime zu handeln, von der man wollen kann, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Sie gebietet nicht, dass man tatsächlich die Transformation der eigenen Maxime in ein allgemeines Gesetz betreibt. Gegenstand ist nur das der eigenen Maxime unterliegende eigene Verhalten.“

    Ja, Gegenstand ist nur das eigene Verhalten (richtiger: Willensbestimmung). (Aber man steht bezüglich des eigenen Verhaltens auch vor der Frage, und zwar ständig: Darf ich es mir zur Maxime machen, ungerechte Gesetze bestehen zu lassen, oder bin ich nicht vielmehr verpflichtet, etwas zu ihrer Veränderung/Abschaffung zu tun? Wie die Antwort ausfallen muß, ist nicht schwer zu erraten.

    „Bei bestehendem Nachtfahrverbot liefert der KI eine klare und die erwartete Antwort auf die Frage: Darf ich Nachts fahren? Die Antwort ist “nein”, weil man von der Maxime “Jeder darf nachts fahren” nicht wollen kann, dass sie (ceteris paribus) allgemeines Gesetz wird.“

    So einfach ist das nicht. Die moralische Frage ist hier die allgemeine: Darf ich ein Gesetz brechen, das für sich nicht unmoralisch ist? (Ob man unmoralische Gesetze überhaupt brechen darf oder ob man nur auf ihre Abschaffung hinarbeiten darf/muß und ob man sich dazu illegaler Mittel bedienen darf, ist wieder eine andere Frage; wohlgemerkt: das meine ich alles nicht im rechtlichen Sinn). – Natürlich kann man von der Maxime “Jeder darf nachts fahren” wollen, daß sie allgemeines Gesetz wird; man kann ja wollen, daß das Nachtfahrverbot abgeschafft wird. Weder ist der Zustand, der dann einträte, logisch unmöglich noch kann er, obwohl logisch möglich, nicht gewollt werden (diese beiden Fälle unterscheidet Kant). Die moralische Frage (für die Politiker und die anderen Leute, die an den Gesetzen arbeiten) ist hier: kann man wollen, daß die Menschen nachts durch Verkehrslärm belästigt werden? Da das Nachtfahren vielleicht auch einige positive Seiten hat, ist das eine Frage der Abwägung.

    „Es gibt ‘unschuldige’ Situationen, in denen eine Reduktion des Menschen auf ein bloßes Objekt vorliegt, die aber weder verwerflich sind noch verwerflich sein sollten.“

    Da haben Sie recht, aber es ist doch klar, daß sich das Verbot, Menschen bloß als Mittel zum Zweck zu behandeln, nicht auf derart abstrakte Situationen bezieht; und es sind abstrakte Situationen, sie betreffen nicht den Umgang mit dem jeweiligen Menschen insgesamt. Ich kann in einer bestimmten Situation den Kellner ausschließlich als Mittel zu dem Zweck, daß ich mein Bier bekomme, behandeln, als etwas anderes interessiert er mich da auch nicht. Aber das darf ich nicht so machen, daß er dabei würdelos behandelt wird, auch wenn ich dadurch mein Bier schneller bekommen sollte.

  27. @Holzherr: Philosophisch

    … sitzen Sie so:

    Es gibt eine vom Menschen unabhängige Realität, die in den Wissenschaften entdeckt und erforscht wird. Die Natur ist für den Naturalisten keine Erfindung des Geistes, wie vom subjektiven Idealismus angenommen. Vielmehr ist der Geist selbst Teil einer vom Menschen vorgefundenen Natur.

    … auf einem Saure-Sahne-Bonbon.

    Ein verständiger Empirismus versucht derartige Scheinproblematik zu umgehen.

    Wer was warum will und wie die Systeme letztlich metaphysisch aufgesetzt sind, vielleicht existieren Sie, lieber Herr Holzherr, nur in einer eigens für Sie pers. angepassten Erlebniskapsel, weiß man nicht, hier schließt sich jeder Erkenntnishorizont. Auch auf den Geist als ‘Teil einer vom Menschen vorgefundenen Natur’ können Sie sich einen häkeln.
    Sowas muss man erst einmal ausklammern, sowas wäre eine nicht falsifizierbare Hypothese, vgl. auch mit der Tegmark-Hypothesis.

    MFG
    Dr. Webbaer

  28. @Dr. Webbaer: NaturDerNaturwissenschafte

    Der Blog “Die Natur der Naturwissenschaften” ist gut. Und das Buch von Bunge&Mahner “Über die die Natur der Dinge” ist ebenfalls gut. Die von mir verlinkte Rezension des Buches durch M.Blume gibt einen falschen Eindruck vom Buch und von der Hauptaussage.

    Naturalismus als philosophische Lehre ist Teil des Materialismus/Physikalismus und versucht (Zitat)“ein Weltbild zu entwerfen, das an den Erklärungsmethoden der Naturwissenschaften orientiert ist”. Wer einen naturwissenschaftlichen Hintergrund hat kommt nicht um Grundzüge des naturalistischen Weltbilds herum, so wird er folgende Aussage bejahen:(Zitat) “Es gibt eine vom Menschen unabhängige Realität, die in den Wissenschaften entdeckt und erforscht wird. Die Natur ist für den Naturalisten keine Erfindung des Geistes, wie vom subjektiven Idealismus angenommen. Vielmehr ist der Geist selbst Teil einer vom Menschen vorgefundenen Natur.”

  29. @Holzherr

    Die Physiklehre wie das allgemeine naturwissenschaftliche Bemühen um Erkenntnis (vs. ‘Wissen’) stellt eine gute Grundlage dar.

    Der anderen Einschätzung folgt der Schreiber dieser Zeilen nicht. Herr Honerkamp hat zigfach das Bemühen der Erfahrung und deren Grenzen in seinen hiesigen Webnachrichten bearbeitet.

    Eigentlich findet Dr. W das Blog ‘Die Natur der Naturwissenschaften’ ziemlich gut, gibt sich als Anhänger zu erkennen, kann einer von Ihnen wie im Artikel vorgenommenen Einschätzung gar nicht folgen.

    MFG
    Dr. Webbaer (der natürlich auch die Westphalen ein wenig kennt)

  30. Dr. Webbaer: Naturalismus/Materialismus

    Herr Honerkamp ist Naturalist/Materialist im Sinne von Bung&Mahner’s Begriffserklärung in ihrem Buch “Über die Natur der Dinge”.

    Mit anderen Worten, Herr Honerkamp glaubt, dass die Physik und die Art wie man in dieser Wissenschaft mit Wissen und Erkenntnis umgeht, eine gute Grundlage ist um die Welt zu erschliessen und zu verstehen.

  31. @Holzherr: Abkürzung

    War als Abkürzung gedacht, die Idee dahinter war die Einschätzung des einen durch einen anderen.

    Der Schreiber dieser Zeilen erkennt ein Missverständnis.

    Ist Herr Honerkamp ‘Naturalist’ – ‘Man wundert sich zunächst über die Überschrift, denn der Autor bezeichnet sich als Naturalisten.’ ?

    MFG
    Dr. Webbaer (der lange Kommentare im Web grundsätzlich oft durch eine gewisse Knackigkeit ersetzt sehen möchte)

  32. @Dr. Webbaer:Was will (Geistes-)wissensc

    Ihre Selbstqualifizierung als skeptischen, konstrukiven, in der Aufklärung wurzelnder Empirist ist eine konzise Selbstqualifizierung nicht aber eine Stellungnahme zu diesem Beitrag mit dem Titel “Über Grenzen der Naturwissenschaften” in dem sich Ludwig Trepl kritisch mit dem (als anmassend erlebten) Anspruch der Naturwissenschaften auseinandersetzt, das Mass aller Dinge zu sein und den er selbstbewusst (oder als Rückzugsgeste zu interpretieren?) so beschliesst:

    ob die Naturwissenschaften zur Erkenntnis der moralischen Gesetze etwas beitragen könnten. Diese Frage muß man verneinen. Das bedeutet aber nicht, daß es hier nicht um Erkenntnis ginge.”

  33. @Holzherr

    Alles gut & schön, aber um das Grundsätzliche herauszuarbeiten kann sich ein Kommentator auch “griffig” erklären, bspw. so:
    Dr. Webbaer ist ein skeptischer (vgl. Nassim Nicholas Taleb) & konstrukiver (vgl. van Frassen) Empirist, der bezogen auf das Theorienwesen recht locker ist, in vielen Punkten Feyerabend folgt und Theorien schon allein dann Wert zumisst, wenn sie beschreiben und/oder erklären und/oder die Vorhersehbarkeit (vgl. ‘Reproduzierbarkeit’) erlauben.
    Das Sollen dann über Glaubensmengen abdeckend, die einerseits tradiert sind und andererseits in Teilen wissenschaftlich erfassbar sind (Wirtschaftswissenschaften, Spieltheorie) – festgehalten von den Ideen der Europäischen Aufklärung und des Christentums/Judentums.

    Würde es Sinn machen sich derart zu erklären? Kann das jeder?

    MFG
    Dr. Webbaer

  34. Himmel über mir+moralischesGesetz in mir

    Kant ist kein globaler Denker, sondern einer, der die Gedanken der Aufklärung aufgenommen hat. Wenn er von allgemein gültigen Gesetzen (Maximen wäre etwas zu billig) spricht, meint er die Gesetze, die sich durch zu Ende denken der aufklärerischen Auffassung dessen was ein Mensch ist, erschliessen.
    Der bestirnte Himmel über Kants Kopf ist – wie wir alle wissen – der Himmel Königsbergs, seiner Heimatstadt, die er nie verlassen hat. Das moralische Gesetz, das in Kant wirkt, kommt aus seiner geordneten Innenwelt – die sich durch Kristallisation des damaligen Wissens und Denkens unter dem erlebten Widerspruch zwischen erlebter politischer Autarkie und Willkür und antizipierter politisch aufgeklärter und demokratisch legitimierter Macht herausbildete.

    Kant ist ein westlicher, europäischer Denker und hat sich mit dem Osten wohl kaum auseinandergesetzt. Sicher viel weniger als das Goethe (west-östlicher Diwan) getan hat, welcher die persische Dichtung als gleichberechtigt betrachtete und sich zu Zeilen wie folgenden verstieg: „Wer sich selbst und andere kennt, Wird auch hier erkennen: Orient und Okzident Sind nicht mehr zu trennen.“
    Deshalb fehlt Kant ein Stück Relativismus, deshalb auch ist sein Anspruch masslos – will er doch die Metaphysik von Streitigkeiten befreien und zu absolut gültigen Aussagen kommen.

    Wer mit den erkenntnistheoretischen Ansichten von Richard Feynman und anderen Naturwissenschaftlern der Neuzeit vertraut ist, der kommt auch zum Schluss, dass Kant (und im obigen Aufsatz auch Ludwig Trepl) die Frage “Was können wir wissen” zu optimistisch (fortschrittsgläubig) beantwortet. Wir können viel weniger (absolut) wissen, als es die Erfolge der Naturwissenschaften nahelegen. Schon die frühen naturwissenschaftlichen Methodiker Galilei und Descartes haben mehr darüber nachgedacht, wie man etwas widerlegen kann, als darüber, wie man etwas beweisen kann und der von ihnen geschaffene Rationalismus ist in weiten Teilen ein Spektizismus,15.Aug.2012 11:57 schliesst er doch viele der traditionellen Erkenntnisquellen aus. Richard Feynman formuliert seine Skepsis gegenüber absoluter Erkenntnis so: “But that is the way that is scientific. It is scientific only to say what is more likely and what less likely, and not to be proving all the time the possible and impossible.”

    Damit sind wir nun bei Ludwig Trepls Aufsatz und dem Begriff des Naturalismus, der von den Materialisten/Physikalisten Bunge&Mahner in ihrem Buch “Über die Natur der Dinge” so charakerisiert wird: “Die philosophische These, wonach es auf der Welt ausschliesslich mit ‘rechten Dingen’ zugeht. Negativ formuliert: es gibt darin kein übernatürlichen Dinge oder Eigenschaften und daher auch keine Wunder.” Zum Naturalismus/Materialisumus gehört implizit der Glaube an die Durchgängigkeit und die Einheit der Welt. Alles was zur Welt gehört und somit miteinander interagiert folgt auch den Gesetzen, die wir aus der Physik kennen. Allerdings macht es in vielen Fällen keinen Sinn, die Physik direkt anzuwenden: Wissenschaften wie Linguistik, Psychologie, ja sogar Biologie, speziell z.B. die Evolutionslehre haben ihre eigenen Gesetze – und die scheinen auf den ersten Blick überhaupt nichts mit Physik zu tun zu haben. Doch einen Zusammenhang mit der Physik muss es geben, auch wenn er vielleicht nicht wirklich weiterhilft. Der Zusammenhang ist dadurch verdeckt, dass die Interaktion von komplizierten Objekten über das was wir Emergenz nennen ganz neue Phänomene schaffen kann. In einfachen Fällen ist es uns noch möglich Emergenz rein physikalisch zu erklären. So hat ein einzelnes Molekül weder Temperatur noch Druck noch einen Siedepunkt. Diese hier sogar physikalischen Begriffe machen erst für ein Kollektiv von z.B. Wassermolekülen überhaupt Sinn.
    In der Physik spielen aber Grössen wie Temperatur und Druck in vielen Bereichen eine Rolle, obwohl all diese Bereiche schon ein Kollektiv von Teilchen voraussetzen. In Analogie zu Begriffen wie Temperatur und Druck gibt es z.B in der Evolutionstheorie Gesetze, die nur für ein Kollektiv von Organismen eine Rolle spielen. Doch im Gegensatz zu Temperatur und Druck kann man die Gesetze der Evolutionstheorie nicht über ein bekanntes mathematisches Hilfsmittel wie es die Statistik ist, auf Physik zurückführen. Doch auch hier ist der Begriff der Emergenz anwendbar. Emergenz bedeutet nicht Reduktionismus, es bedeutet nur, dass die Konstituenten eines Systems, das Emergenz zeigt, sich in die naturalistische Weltsicht einfügen und somit Die Aussage (Zitat)“das Zusammenspiel der Neuronen unser Gefühl des Bewusstseins erzeugt” bedeutet, dass bei Neuronen alles mit ‘rechten Dingen’ zugeht, sie also letztlich naturwissenschaftlich erklärbar sind. Emergenz bedeutet aber auch, dass es eventuell wenig Sinn macht Bewusstsein nur als Zusammenspiel von Neuronen zu beschreiben – weil eben Emergenz eine ganz neue Welt schafft, die in der Regel ihre eigene Begrifflichkeit braucht.

    Wenn Herr Trepl schreibt: ” Ein weiteres wäre, ob nicht „Emergenz“ nur ein Wort ist, mit dem wir unsere Unkenntnis verdecken, und ob das vollständige Verstehen in dem Beispiel nicht vielleicht nur deshalb möglich ist, weil wir da im Gebiet der Naturwissenschaften bleiben.” so verkennt er, dass auch bei geisteswissenschaftlicher Betrachtung – was immer das ist – häufig Phänomene auftauchen, die ihre eigene Begriffswelt brauchen und deren Verbindung zu den Konstituenten schwierig erklärbar ist. Nehmen wir die Brettspiele – wie Schach, Dame, etc. – mit ihren eigenen Regeln und ihrer eigenen inneren Logik. Wie will man die Brettspiele mit dem menschlichen Geist – der sie ja hervorgebraucht hat – erklären. Da ergeben sich Probleme, egal ob man nun den menschlichen Geist als eigene Realität betrachtet oder als etwas was sich im Prozess der Emergenz aus der physikalischen Welt konstituiert.

    Herr Trepl setzt sich in seinem Aufsatz ja vor allem mit Herrn Honerkamps Weltsicht auseinander. Die meisten Beiträge Honerkamps habe ich gelesen und glaube deshalb für ihn auf einige Behauptungen Ludwig Trepls antworten zu können.
    Herr Trepl legt nahe, Herr Honerkamp glaube daran, Naturwissenschaft könne letztlich das meiste (oder alles) erklären (Zitat)“Eine ganz andere ist es zu meinen, daß etwas letzten Endes naturwissenschaftlich erklärbar ist, das nicht aus Komplexitätsgründen bisher den Naturwissenschaften unzugänglich ist, sondern weil sie es für sich selbst voraussetzen, wie die mathematischen Gesetze.”
    Hier gilt wohl einfach, was oben schon gesagt wurde: Es gibt Systeme, die ihre eigene Begriffe brauchen und wo ein Zurückführen auf die Naturwissenschaft nichts bringt.

    Tendenziell neigen viele Naturwissenschaftler und auch Mathematiker zur Auffassung – und das wird auch bei Herrn Honerkamp so sein -, viele Geisteswissenschaftler sollten sich eine ähnliche Methodik des Wissenserwerbs aneignen wie das die MINT-Leute schon lange getan haben:
    1) Was nicht widerlegt werden kann ist Spekulation (Es gibt einen Physiker-Blog mit dem Titel “Not Even Wrong” mit diesem Hintergedanken)
    2) Reproduzierbarkeit ist wichtig
    3) ….?
    Thomas Greuter hat in Unwiederholbare Experimente ein wunderbares Beispiel gegeben für fragwürdige Methoden von Geisteswissenschaftlern. Dort liest man im Kopfteil des Artikels: “In den Naturwissenschaften gilt es als selbstverständlich, dass Experimente wiederholbar sein müssen. Wichtige, unerwartete und bahnbrechende Ergebnisse gelten erst dann als gesichert, wenn sie von wenigstens einer weiteren Forschergruppe bestätigt werden. In der Psychologie ist das anders, wie sich jetzt wieder einmal deutlich erwiesen hat. Was ist geschehen?”

  35. @ Dietmar Hilsebein

    „Nein. Sie [die Vernunft] hinterfragt nicht, weil sie etwas anderes gebietet, sondern aufgrund eines Unbehagens.“
    Mein’ ich ja auch nicht. Sie hinterfragt nicht, weil sie etwas anderes gebietet, denn wenn sie das wüßte, müßte sie nicht mehr hinterfragen, dann hätte die das Ergebnis des Hinterfragens ja schon. Man hinterfragt, weil man Zweifel hat („Unbehagen“). Aber man kann nicht zweifeln, ohne die Frage zu stellen: wenn das falsch ist – wie ist es denn dann? In unserem Falle könnte die Antwort sein: Die Vernunft gebietet etwas anderes, oder: sie gebietet gar nichts. Aber in letzterem Fall hätte man sich halt mit einem Berg von Folgeproblemen herumzuschlagen.

    „Sie kommen um die Gefühlswelt des Menschen nicht herum.“
    Wie kommen Sie denn darauf, daß ich um die herumkommen will. Man kommt auch um die Anatomie nicht herum und die Biophysik. Aber die moralischen Fragen sind keine, auf die man durch Nennung von Gefühlen oder Körperbeschaffenheiten eine Antwort geben könnte. Faktisch handle ich z. B. aufgrund des Gefühls des Mitleids. Die moralische Frage ist aber, ob ich so handeln soll. Es gibt ja Fälle, da darf man sich nicht vom Mitleid leiten lassen. Im großen und ganzen ist sicher Mitleid ein Gefühl, das moralisches Handeln unterstützt, aber nie läßt sich die Frage, wie man handeln soll, aufgrund eines Gefühls beantworten. Die, die dieses Gefühl nicht haben, sollen ja auch im entsprechenden Fall in bestimmter Weise handeln.

    „…vermute aber, daß Ihre Vernunft sich irgendwie selbst setzt.“
    In historischer Betrachtung ist die Vernunft natürlich irgendwie entstanden, die Affen hatten sie ja noch nicht, und mit natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Untersuchungen kann man dazu auch allerlei Interessantes herausbekommen. Aber man hat dabei immer das Problem, daß man die Verursachung dessen untersuchen will, das man doch bei der Untersuchung voraussetzt. Wie man in diesem Zirkel weiterkommt oder gar aus ihm heraus, dazu habe ich keine Meinung, die sich mitzuteilen lohnte. Allenfalls, aber das ist mehr Dichtung als Wissenschaft: So wie es in jedem wissenschaftlichen Paradigma einen unhinterfragten und im Paradigma auch unhinterfragbaren Kern gibt, etwas einfach für selbstverständlich Gehaltenes, so vielleicht auch bei der Vernunft insgesamt: Ihre Herkunft liegt für sie selbst im blinden Fleck. Und darum war die Antwort der mittelalterlichen Universalienrealisten, daß sie halt ein Geschenk Gottes ist, gar nicht so verkehrt. Denn damit ist ja auch nur gesagt: Sie ist halt, wie sie ist.

    Aber für unsere Frage ist das auch nicht so wichtig. In Fragen der moralischen Willensbestimmung reicht es, daß wir immer davon ausgehen, daß es richtig und falsch gibt und daß wir verpflichtet sind, herauszubekommen, was richtig und falsch ist, und der Kategorische Imperativ ist ein „Faktum der Vernunft“, nach dem gehen wir bei dieser Suche nach dem Richtigen vor. Praktische Vernunft in diesem Sinne finden wir einfach vor, und alle, die sie haben, halten wir für zurechnungsfähig, und mit allen, die wir dafür halten, können wir über richtig und falsch streiten. Manchmal – im täglichen Leben meistens – überzeugen uns die Ergebnisse dieses Vorgehens so, daß wir sie für völlig sicher halten, und zwar kulturunabhängig. Wenn Sie sich von einem Angehörigen eines sog. Naturvolks etwas borgen und sagen, morgen bekommt er es zurück, dann wird er und Sie der festen Überzeugung sein, daß Sie das auch tun sollten.

  36. @Ludwig Trepl – Ethik und Evolution

    Lieber Herr Trepl, vielen Dank für Ihren ausführlichen und anregenden Artikel. Aber wir haben wohl sehr verschiedene Vorstellungen von dem naturwissenschaftlichen Hintergrund und den Möglichkeiten der Vernunft. Lassen Sie mich das an paar Punkten festmachen:
    – Sie sehen sich in einer Traditionslinie, in der man es “für möglich hält, moralische Prinzipien durch Denken zu erkennen, so wie man mathematische Gesetze erkennt.” In der Mathematik gibt es keine Gesetze, sondern Sätze, und diese folgen aus Definitionen oder Axiomen für Strukturen, die allesamt Konstruktionen des menschlichen Geistes sind. Das heißt, hier startet man auch nicht voraussetzungslos. Wenn ich Sie richtig verstehe, ist Ihre Voraussetzung, dass unsere Vernunft so mächtig ist, dass sie zu objektiven moralischen Regeln führen kann. Wie würden Sie das denn begründen wollen?
    – Kant hat unter dem Eindruck der Newtonschen Theorie gelebt und damals glaubte man, man könne auch in philosophischen und insbesondere moralischen Fragen eine Stringenz erreichen, die der der Newtonschen Theorie ähnlich ist. Das hat sich als unmöglich erwiesen, allein schon wegen der Vagheit der Begriffe, die dabei im Spiel sind (siehe den Beitrag “Über Begriffe und Begriffsbildungen”). Ein Projekt, ein für alle Mal objektive Erkenntnis in der Ethik erlangen zu wollen so wie es in der Mathematik möglich ist, ist von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Die Geschichte lehrt uns das gleiche.
    – Ich habe nie nur von Genen geredet, sondern von genetischer Ausstattung. Damit meint man unsere geerbten Verhaltensdispositionen. (Wie diese im einzelnen durch die Gene bestimmt sind, ist heute wohl noch nicht klar.) Dass es diese Verhaltensdispositionen gibt, ist ja in der Praxis des Lebens offensichtlich: Man braucht nur die Entwicklung von Säuglingen oder neugeborenen Tieren zu verfolgen. Da kommt vieles “von selber”, braucht kein Anlernen. Man streitet zwar darüber, in welchem Verhältnis Begabung und Lernen für den Menschen eine Rolle spielen, aber daran, dass es Begabung gibt, zweifelt keiner. Wenn unsere motorischen und intellektuellen Fähigkeiten durch unsere genetische Ausstattung beeinflusst wird, warum sollten unsere Verhaltensdispositionen gegenüber anderen Menschen unabhängig von unserer leiblichen Herkunft sein? Diese stellen dann auch kein “Sollen” für uns da, sondern “wir sind nun mal so”. Dass das noch nichts mit Ethik zu tun hat, dem stimme ich zu. Diese kommt erst ins Spiel, wenn wir Menschen dieses Erbe kultivieren, Wertsetzungen bewusst machen und ihre Wechselwirkungen untersuchen. Daher kommen dann auch die kulturellen Unterschiede, die ja nicht zu leugnen sind.
    – Würde Kant heute leben, würde die Evolutionstheorie ein bedeutende Rolle in seiner Philosophie spielen. Alles, was mit dem Leben zu tun hat, ist im Lichte der Evolution zu sehen. Wir müssen uns nicht in die geistige Situation der Zeit Kants versetzen und auf dieser Basis argumentieren.

  37. @Trepl (@Hoppe)

    Vielen Dank für die aufschlussreiche Antwort!

    – Nicht verstanden habe ich Ihre Überschrift “christlich infiziert”.

    Das bezog auf Bemerkungen früherer Kommentare auf Ihren Post (“durchscheinendes Priesterblut”).

    Ihre Antwort lässt nun keinen Zweifel daran, dass die Kantsche Philosophie als christlicher Entwurf bzw. als mit dem christlichen Glauben kompatibler Entwurf gelesen werden will. Sie ist also gleichsam von dem befreienden Glauben an einen Gott, der genau und ausschließlich dadurch in die Welt kommt, dass wir einander als Brüder und Schwestern (an)erkennen, “angesteckt”, sprich: infiziert.

  38. @Ludwig Trepl: Antwort

    Sie verstehen den Unterschied nicht zwischen einer kulturellen Norm, die sich nichts als Konventionen verdankt („Verheiratete Frauen haben Kopftücher zu tragen“, „Am Freitag Fleisch essen, das macht man bei uns einfach nicht“) und einem moralischen Gebot wie „Ich darf nicht etwas versprechen mit der Absicht, mich nicht daran zu halten“

    Ich sehe, dass die erstgenannten Normen Konventionen für konkrete Situationen mit religiösem Ursprung sind. Das, was Sie als moralisches Gebot bezeichnen, erscheint mir als Inhalt des kommunikative Institut des Versprechens. Dazu brauche ich jedenfalls kein gesondertes Gebot, das ist ja bereits im Institut des Versprechens enthalten. Einer der (vorsätzlich) Versprechen nicht einhält, den würde ich unzuverlässig oder Betrüger nennen, aber dass der moralische Gebote gebrochen oder gegen sie verstoßen oder nicht eingehalten hat, ist nicht mein Sprachgebrauch.

    Ihr Beispiel mit dem Nachtfahrverbot hat nicht das Geringste mit dem Kategorischen Imperativ zu tun. Nicht die Observanz des schon geltenden Rechts ist in ihm eingebaut (wenn das geltende Recht moralisch verwerflich ist, dann gebietet er, d. h. die eigenen Vernunft, etwas für die Veränderung des geltenden Rechts zu tun; jeder weiß das, und wenn er sich nicht daran hält, dann weiß er doch, daß er sich daran halten sollte), sondern einfach die Prüfung einer Maxime auf ihre allgemeine Gesetzestauglichkeit – das, was auch Sie immer tun, wenn Sie sich fragen „darf ich denn das?“ und dabei nicht die Meinung der Nachbarn im Sinn haben.

    Der KI gebietet es, nur nach derjenigen Maxime zu handeln, von der man wollen kann, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Sie gebietet nicht, dass man tatsächlich die Transformation der eigenen Maxime in ein allgemeines Gesetz betreibt. Gegenstand ist nur das der eigenen Maxime unterliegende eigene Verhalten.

    Bei bestehendem Nachtfahrverbot liefert der KI eine klare und die erwartete Antwort auf die Frage: Darf ich Nachts fahren? Die Antwort ist “nein”, weil man von der Maxime “Jeder darf nachts fahren.” nicht wollen kann, dass sie (ceteris paribus) allgemeines Gesetz wird. Das meinte ich mit der eingebauten Oberservanz.

    Die KI ist auch kein Indikator, um ‘amoralische’ Gesetze zu erkennen, sie liefert auch keine Hilfestellung, solche abzuschaffen.

    Dieses System reduziert ihn auf seine Arbeitskraft. Und wenn das nicht als verwerflich gilt, dann sollte es doch als verwerflich gelten

    Mein Beweisziel war ein anderes. Ich wollte zeigen, dass die Reduktion auf ein bloßes Objekt nicht die Verwerflichkeit indiziert; oder mit Ihren Worten: auch nicht indizieren soll. Bei Stephan Schleim hatten wir das Verhalten von Verkehrsteilnehmers vor Ampeln diskutiert, die dort auf Reiz-Reaktions-Maschinen reduziert sind. Mein Punkt ist: Es gibt ‘unschuldige’ Situationen, in denen eine Reduktion des Menschen auf ein bloßes Objekt vorliegt, die aber weder verwerflich sind noch verwerflich sein sollten.

  39. @ Trepl

    “Nur: was geschieht beim Hinterfragen? Ihre Vernunft sagt: was da behauptet wird, daß die Vernunft gebietet, das stimmt nicht, sondern sie gebietet etwas anderes.

    Nein. Sie hinterfragt nicht, weil sie etwas anderes gebietet, sondern aufgrund eines Unbehagens. Dann vernimmt und hinterfragt sie, um dieses Unbehagen aus der Welt zu schaffen.

    Ansonsten habe ich gegen Ihre Replik kaum etwas auszusetzen, vermute aber, daß Ihre Vernunft sich irgendwie selbst setzt. Damit schwebt sie wie der Geist Gottes über dem Wasser. Sie kommen um die Gefühlswelt des Menschen nicht herum.

  40. Das haben ja

    Aber ich lasse mich gern darüber belehren, daß die eine dieser politisch-ideologischen Traditionen die Guillotine erfunden und den Gulag hervorgebracht hat und die andere sich auf Zustände beruft, in denen man Ketzer verbrannt hat.

    … die Jakobiner und, wenn man so will, die frühen und späten Sozialisten gemacht, die sich fälschlicherweise auf den Liberalismus und die diesen begründende Europäische Aufklärung [1] [2] berufen haben, wenn überhaupt.

    Es ist ein wenig schade, dass man bei grundsätzlicher Ablehnung des Naturalismus (Ist J.H. ein Naturalist?) und des nicht-demokratischen Sozialismus nicht irgendwie zusammenfindet.

    In vielen Dingen oder Sichten gehen ja Dr. Webbaer und Herr Trepl Hand in Hand,
    MFG
    Wb

    [1] Im Sinne des L. oder der E.A. tötet es sich nicht so leicht.
    [2] Ratzinger hackt denn auch gegen den Relativismus, den er irgendwie in der E.A. wiederfindet, wenn auch als Verirrung

  41. @ Webbaer

    „Selbstverständlich ist der kluge Liberale auch glaubensgebunden unterwegs, bspw. als und bedarf keiner Belehrung dieser Art, die ihn auch nicht trifft.“

    Klar gibt es „Kulturchristen“, sogar richtig fromme Christen unter den Liberalen, ich kenne welche. Aber „der Liberalismus“ ist etwas ganz anderes als „die Liberalen“ – als Summe realer Menschen betrachtet. Und darüber sollte man auch die klugen und moralischen Liberalen belehren, denn sie bedenken es selten. Ich selbst bin kein Liberaler, sondern stehe irgendwo zwischen Demokratie-Sozialismus und Konservativismus (so genau kenne ich mich mit mir selber nicht aus), es ist also ähnlich kompliziert wie bei unserem Bundespräsidenten, nur ein wenig verschoben. Aber ich lasse mich gern darüber belehren, daß die eine dieser politisch-ideologischen Traditionen die Guillotine erfunden und den Gulag hervorgebracht hat und die andere sich auf Zustände beruft, in denen man Ketzer verbrannt hat. Es ist gut, wenn einem das gesagt wird und wenn man sich dessen bewußt ist, statt das politischen Lager, in das man ziemlich unvermeidlich irgendwie gehört, zu idealisieren, indem man die jeweiligen unangenehmen Seiten einfach wegdefiniert.

  42. @ Ano Nym.

    „Das ‚sozusagen’ täuscht darüber hinweg, dass eigene Vernunft gerade keine äußere sondern eine innere (‚eigene’) Instanz ist.“

    Gewiß ist sie das, und das macht ja auch den Unterschied zwischen der aufklärerischen Vorstellung der Autonomie der moralischen Gesetzgebung und der vor-aufklärerischen von der Vernunft, an der Gott in Grenzen die Menschen teilhaben läßt, aus. Und doch bedeutet der eigenen Vernunft zu folgen etwas anderes als den eigenen Interessen zu folgen, denn anders als der Utilitarismus meint (oder doch bestimmte Varianten desselben meinen), kann die Vernunft (die eigene) gebieten, gegen die eigenen Interessen zu handeln.

    „Wenn ich ‚moralisch verwerflich’ lese, verstehe ich ‚das macht man einfach nicht’.“
    Tja, das ist es eben: Sie verstehen das Problem nicht. Sie verstehen den Unterschied nicht zwischen einer kulturellen Norm, die sich nichts als Konventionen verdankt („Verheiratete Frauen haben Kopftücher zu tragen“, „Am Freitag Fleisch essen, das macht man bei uns einfach nicht“) und einem moralischen Gebot wie „Ich darf nicht etwas versprechen mit der Absicht, mich nicht daran zu halten“. Das wundert mich nicht – Sie sind (wohl gegen Ihren Willen) in einem religiösen Milieu aufgewachsen, in dem man diesen Unterschied nicht macht und nicht begreift: Beides, kulturelle Normen, die kaum mehr als Folklore sind, und moralische Gesetze gelten gleichermaßen als göttliche Gebote. Aber die einen drückt Ihnen die Gesellschaft auf, die anderen müssen Sie sich unausweichlich selbst sagen (andernfalls müssen sie den moralischen Geboten auch nicht gehorchen). – Daß es eventuell erlaubt ist (und zwar von Ihrer eigenen Vernunft), ein solches falsches Versprechen zu geben, um größeres Unrecht zu verhindern, ändert nichts am Prinzip. – Das beantwortet auch Ihren Einwand bezüglich des Diebstahls.

    Ihr Beispiel mit dem Nachtfahrverbot hat nicht das Geringste mit dem Kategorischen Imperativ zu tun. Nicht die Observanz des schon geltenden Rechts ist in ihm eingebaut (wenn das geltende Recht moralisch verwerflich ist, dann gebietet er, d. h. die eigenen Vernunft, etwas für die Veränderung des geltenden Rechts zu tun; jeder weiß das, und wenn er sich nicht daran hält, dann weiß er doch, daß er sich daran halten sollte), sondern einfach die Prüfung einer Maxime auf ihre allgemeine Gesetzestauglichkeit – das, was auch Sie immer tun, wenn Sie sich fragen „darf ich denn das?“ und dabei nicht die Meinung der Nachbarn im Sinn haben.

    „Ich wollte darauf hinaus, dass es real existierende Situationen gibt, in denen der Mensch ausschließlich Objekt ist, ohne dass das als verwerflich gilt. Auch der heutige Arbeiter am Fließband ist auf seine Arbeitskraft reduziert.“

    Ja, gewiß. Aber nicht weil er am Fließband steht, sondern weil er Arbeiter in einem kapitalistischen System ist; auch wenn die Arbeit relativ angenehm sein sollte: Dieses System reduziert ihn auf seine Arbeitskraft. Und wenn das nicht als verwerflich gilt, dann sollte es doch als verwerflich gelten. (Diesen Unterschied, so mein Eindruck, verstehen Sie als Empirist aus mir unerfindlichen Gründen nicht; die Art der Kindererziehung vor einem Menschenalter – haben Sie „Das weiße Band“ gesehen? – galt keineswegs als verwerflich, sie hätte aber als verwerflich gelten sollen .) Daß die Reduktion auf ein Mittel zum Zweck der Erzielung von Profit nicht als verwerflich gilt, hat auch damit zu tun, daß diesem System allerlei Zugeständnisse abgerungen wurden, z. B. daß es dem Kapitalisten nicht mehr wie im liberalen England des 18. und frühen 19. Jahrhunderts möglich ist, Kinder so arbeiten zu lassen, daß sie im Schnitt ein Alter von 20 nicht erreichen, daß sich also die Zustände in heutigen Fabriken von denen in den von mir zitierten Arbeitslagern des 20. Jahrhunderts unterscheiden. Daß das System die Arbeiter auf Mittel zum Zweck reduziert, heißt nicht, daß es überall so zugeht, wie es diesem System nach zugehen sollte.

  43. Primitivierung

    Sie primitivieren u.a. hier:

    Nein, so denkt auch der Empirist nicht, sondern er weiß einfach: Ich hätte nicht stehlen sollen – nicht weil es in seiner Kultur oder in der Spezies Homo sapiens als verwerflich gilt, sondern weil es objektiv verwerflich ist.

    und hier:

    Nach Überzeugung des Liberalismus reicht der kluge Egoismus, der sich den zur Beendigung des Kriegs aller gegen alle erlassenen Gesetzen aus Furcht unterwirft; individuelle Tugend ist überflüssig, und Kant hat dem (in Zum ewigen Frieden) zugestimmt: Auch ein „Volk von Teufeln“ (…)

    den Liberalen.

    Selbstverständlich ist der kluge Liberale auch glaubensgebunden unterwegs, bspw. als “Kulturchrist” und bedarf keiner Belehrung dieser Art, die ihn auch nicht trifft.

    Selbstverständlich können die Naturwissenschaften auch das Sollen betreffend helfen.

    KA, wo es Sie genau beißt, vielleicht in Ihren “Idealtypisierungen”, die dieser Leser mittlerweile recht gut kennt.

    MFG
    Dr. Webbaer (der Sie natürlich schätzt, wenn womöglich hauch nicht ganz so, wie Sie es gerne hätten 😉

  44. @Ludwig Trepl: Erlaubnis

    Die eigene Vernunft hat da sozusagen den Charakter einer gebietenden äußeren Instanz.

    Das “sozusagen” täuscht darüber hinweg, dass eigene Vernunft gerade keine äußere sondern eine innere (“eigene”) Instanz ist. Übereinstimmen würde ich mit Ihnen nur, dass das Reden von der Erlaubnis notwendig eine Instanz voraussetzt, die auch verbieten könnte.

    Geltungsbedingungen

    1. Die Geltungsbedingung von Aussagen ist ihre Wahrheit.
    2. Die Geltungsbedingung von Rechtsnormen ist ihre Durchsetzbarkeit.*
    3. Die Geltungsbedingung von Sollensaussagen, die nicht schon unter 2. fallen, ist ihre Vernünftigkeit???

    Hatte nicht schon einmal jemand (war es Michael Blume?) angemahnt, dass hier noch eine Definition fehlt?

    Wenn man aber nach der moralischen Berechtigung der Norm fragt, sieht es schon anders aus. Das Recht der ersten Nacht ist moralisch verwerflich.

    Wenn ich “moralisch verwerflich” lese, verstehe ich “das macht man einfach nicht”.

    „z.B. wird der Arbeiter ausschließlich als Mittel für seine Arbeitskraft eingesetzt, was m.W.n. keinen Moralisten und keinen Ethiker stört.“
    Doch, selbstverständlich. Wenn er ausschließlich als Mittel eingesetzt würde, dann würde man ihn totschlagen, sowie er nichts mehr leisten kann – so wie in den Arbeitslagern des 20. Jahrhunderts.

    Übertragen heißt das, Folter liegt nur dann vor, wenn der Kunde am Ende erschlagen wird?

    Ich wollte darauf hinaus, dass es real existierende Situationen gibt, in denen der Mensch ausschließlich Objekt ist, ohne dass das als verwerflich gilt. Auch der heutige Arbeiter am Fließband ist auf seine Arbeitskraft reduziert. Die Reduktion auf die Arbeitskraft entfällt weder dadurch, dass er bei Arbeitsunfähigkeit heute nicht erschlagen wird, noch dadurch, dass er freiwillig einen Arbeitsvertrag unterschrieben hat.

    Sie haben auch etwas an einem Diebstahl auszusetzen, der Sie, wenn es um Ihr angenehmes Leben ginge, gar nicht berührt.

    Aber durchaus nicht an jedem.

    Wenn jemand auf einem anderen Kontinent einem anderen, den Sie nicht kennen, etwas stiehlt, dann verurteilen Sie das.

    Wenn es sich um Nahrungsmittel in einem Müllcontainer handelt: Nein, das verurteile ich nicht.

    Das ist einfach ein Vernunftschluß: Die Erlaubnis zu stehlen kann kein allgemeines Gesetz werden.

    Wenn es eine Strafnorm gäbe, “Nachts zwischen zwei und drei ist das Bewegen von Kraftfahrzeugen im öffentlichen Straßenverkehr verboten.” dann könnte es auch kein allgemeines Gesetz werden, nachts zwischen zwei und drei mit einem Kraftfahrzeug im öffentlichen Verkehr zu fahren.

    Merken Sie es auch? In den Kategorischen Imperativ ist die Oberservanz des schon geltenden Rechts bereits eingebaut. Kritische Theorie ist das jedenfalls nicht.

    * Ich bin mir nicht sicher ob das ein rechtspositivistischer Standpunkt ist. Ich würde den als rechtsempirisch bezeichen, aber das ist ein bereits ideologisch belegter Begriff.

  45. @ Christian Hoppe

    „Eine “Verchristlichung” der Moral/Ethik könnte man in der Tat kritisch sehen, da das Handeln eines Christen in der Nachfolge Jesu auf einer bestimmten Glaubensentscheidung beruht, die längst nicht jeder trifft.“

    Im Rahmen der Kantschen Theorie – und der versuche ich ja in dem Aufsatz zu folgen – sollte diese „Glaubensentscheidung“ aber jeder treffen. Ohne dies wären die wiederholten Bemerkungen Kants, wahre Religion erfordere, allgemeine Menschenreligion sein zu können, und das Christentum erfülle diese Bedingung, nicht verständlich.

    „Das Gebot der Nächstenliebe (so gelesen, dass mir ausnahmslos jeder Nächster sein kann) ist daher m.E. kein allgemein-philosophisches Gesetz, hier überzieht Kant.“

    Seine Auffassung ist differenzierter. In der Kritik der praktischen Vernunft, S. 83 (Akademieausgabe), ist ausgeführt, in welchem Sinne dieses Gebot („Liebe Gott über alles und deinen Nächsten als dich selbst“) ein Vernunftgesetz ist: Selbstverständlich nicht im Sinne von Liebe als Neigung, denn das läßt sich nicht befehlen, sondern als „praktische Liebe“. „Gott lieben, heißt in dieser Bedeutung, seine Gebote gerne tun“ (Hv. im Orig.). Doch auch bezogen darauf kann nicht geboten werden, „diese Gesinnung in pflichtgemäßen Handlungen zu haben “ (so wie etwa geboten werden kann, nicht zu stehlen), nur „darnach zu streben “ kann geboten werden. Denn kein Geschöpf kann „jemals dahin kommen, alle moralischen Gesetze völlig gerne zu tun“. „Jenes Gesetz aller Gesetze stellt also, wie alle moralische Vorschrift des Evangelii, die sittliche Gesinnung in ihrer ganzen Vollkommenheit dar, so wie sie als ein Ideal der Heiligkeit von keinem Geschöpfe erreichbar, dennoch das Urbild ist, welchem wir uns zu näheren … streben sollen.“ Die beste mir bekannte Interpretation dieser Stelle von einem Kantianer steht in dem Abschnitt „Zur Phänomenologie der Liebe“ der Dissertation von Karl Alphéus (Kant und Scheler, Bouvier, Bonn).

    Die Unmöglichkeit, die im Gebot geforderte Gesinnung zu haben , wird hier also nicht damit begründet daß, wie Sie, wenn ich Sie richtig verstehe, sagen, nicht „ausnahmslos jeder Nächster sein kann“; das ist vielmehr (sage jetzt ich, ob Kant etwas dazu sagt, weiß ich nicht) durchaus möglich – sofern es um die mit “Nächster” verbundene Pflicht geht; diese “gerne” zu tun kann allerdings nur im Sinne eines beständigen Strebens geboten sein.

    – Nicht verstanden habe ich Ihre Überschrift “christlich infiziert”.

  46. Christlich infiziert?

    Ein sehr anregender Text – vielen Dank!

    Eine “Verchristlichung” der Moral/Ethik könnte man in der Tat kritisch sehen, da das Handeln eines Christen in der Nachfolge Jesu auf einer bestimmten Glaubensentscheidung beruht, die längst nicht jeder trifft. Ich nenne die zur Entscheidung anstehende Option einmal “Leben in universaler Geschwisterlichkeit”, also die Bereitschaft, mein Handeln von der Erkenntnis leiten zu lassen, dass ausnahmslos jeder Mensch, der mir begegnet, mein Bruder/meine Schwester ist (insofern ist Gott dann “Vater”). (Der Glaube ist also primär sicher keine weltanschaulich-theistische Option.)

    Diese Option wird vom Glaubenden nicht aus moralischem Zwang gewählt oder unter Sanktionsdruck – sondern als die ureigene bessere Möglichkeit und als Befreiung. An den Früchten wird man nun diesen Glauben erkennen und die christliche Moral ist Frucht, also natürliches Resultat dieser Glaubensentscheidung.

    Nun wird das Handeln der Liebenden aber immer wieder auch abseits dieser Glaubensperspektive eingefordert, und offensichtlich haben christliche Vorstellungen von einem guten Leben auch die allgemeine Philosophie (Kant etc.) stark beeinflusst. Das Ergebnis ist eine äußerst rigorose, überfordernde Moral – und natürlich dann auch Doppelmoral. Mehr noch: Das moralische Handeln wird verzweckt, ich handle z.B. moralisch, um mir den Himmel zu sichern. Nichts könnte der Liebe und dem Glauben mehr widersprechen als die Verzweckung des Nächsten und der Liebe!

    Die Liebe kennt kein “um zu”. Sie findet in sich die Erfüllung – und der Mensch, der sie erkennt, in ihr. In den Augen der Liebenden kann dann der Gescheiterte der wahre Sieger sein. Die Liebe begründet eine andere Logik, eine andersartige (höhere?) Vernunft. Im Licht der Möglichkeit der Liebe kann die ganze Welt anders aussehen.

    Was dann die aktuell drängenden ethischen Fragen angeht (z.B. bioethische Fragen), ist der Christ keinesfalls (z.B. infolge himmlischer Offenbarungen) in einer besseren oder überlegenen Position; die mühsamen, kleinschrittigen Debatten, die Notwendigkeit des Austauschs differenzierter Argumente und am Ende: tragfähige Kompromisse sind unumgänglich. Hinsichtlich der allgemeinen Ethik sehe ich den Christen in überhaupt keiner Sonderposition.

    Liebe kann nicht eingefordert werden (moralisch, rechtlich); um Liebe kann man nur mittels Liebe werben (und das ist die einzige christliche Weise der Mission). Die Liebe widersetzt sich letztlich einer Systematisierung: was in dieser Situation aus Liebe geboten sein kann, kann in der nächsten Situation schon abträglich sein.

    Konkret wird das alles vielleicht am Beispiel der Feindesliebe, die sich im Glauben als befreiende Option erschließt, die aber m.E. kaum moralisches Gesetz werden könnte. Das Gebot der Nächstenliebe (so gelesen, dass mir ausnahmslos jeder Nächster sein kann) ist daher m.E. kein allgemein-philosophisches Gesetz, hier überzieht Kant. Es gehört in den Kontext der biblischen Glaubensoption.

  47. @ Dietmar Hilsebein

    „Nur muß ich Schopenhauer insofern recht geben, daß beim Sollen mir noch das Priesterblut durchschimmert“.
    Stimmt. Auch an Nietzsche Meinung ist was dran: daß die Priester-Moral die der Zukurzgekommenen ist. Und wahrscheinlich trifft Marx die Sache am besten: Die herrschende Meinung ist die Meinung der Herrschenden.

    Ich stimme Ihnen auch zu, daß Vernunft die Instanz ist, die hinterfragt. Nur: was geschieht beim Hinterfragen? Ihre Vernunft sagt: was da behauptet wird, daß die Vernunft gebietet, das stimmt nicht, sondern sie gebietet etwas anderes.

    Sie können auch zu dem Ergebnis kommen, daß sie gar nichts gebietet. Aber dann gibt es keine Freiheit und wir sind nicht zurechnungsfähig, sondern handeln mechanisch, lassen unseren Willen von dem bestimmen, wozu es uns treibt, nicht von dem, was wir für richtig halten. Auch das kann man in der Theorie vertreten, aber nicht im Leben, das habe ich in dem Artikel zu zeigen versucht. Man widerspricht dieser Theorie tagtäglich immerzu, weil man voraussetzt, daß man frei ist und selbst seinen Willen bestimmt – so, wie man es für richtig hält (also so, wie man glaubt, daß es vernünftig ist), oder zumindest meint, daß man ihn so bestimmen sollte, auch wenn man es nicht tut. Bei niemandem, den wir zurechnungsfähig nennen, ist das anders.

    „Eine Vernunft, die moralisch gebietet, ist fehlgeleitet. Sie hinterfragt dort dann nicht mehr, sondern folgt Satzungen und Formeln.“

    Nein, wer Satzungen und Formeln folgt, ohne sie zu hinterfragen, handelt unvernünftig. Gerade wenn Sie hinterfragen (wenn Sie also Ihre Vernunft in Gang setzen), kommt Sie zu Ergebnissen, von denen Sie zumindest im Moment meinen, daß da die Vernunft moralisch gebietet. Die allgemeine Meinung, die Tradition, eine heilige Schrift gebietet z. B., daß man am Feiertag nicht arbeiteten darf, also auch keine Kranken heilen darf. Das erscheint allen vernünftig. Nun setzen Sie Ihre Vernunft als Vermögen des Hinterfragens in Gang und kommen zu dem Ergebnis: Das ist falsch, man soll vielmehr die Kranken dann heilen, wenn sie es nötig haben. Das gebietet nun (Ihrer derzeitigen Meinung nach) die Vernunft.

  48. @ Ano Nym.

    „Ich meine mich erinnern zu können, dass wir das schon vor einiger Zeit mal versucht haben…“
    Ich hatte in einem anderen Blog eine längere Diskussion mit einem Anonymus, das waren wohl Sie (leider haben Sie mehr Namensvettern als ein Meier oder Müller). Da ging es um Naturrecht. Ich habe das nicht vertreten, sondern nur zu erklären versucht, daß Sie es sich mit Ihrer Ablehnung desselben zu leicht machen. Was im obigen Artikel steht (und da geht es ja nicht um Naturrecht), das vertrete ich aber.

    „(“erlaubt”) ist eine rechtliche Kategorie.“
    Ja, aber nicht hier, hier ist es eine moralische. In diesem Zusammenhang von „erlaubt“ zu reden, ist möglich, weil moralische Ge- und Verbote den Charakter von Imperativen haben, die einem etwas gebieten, was man eventuell gar nicht will. Die eigene Vernunft hat da sozusagen den Charakter einer gebietenden äußeren Instanz. (Deshalb hat man im Mittelalter das Gewissen für die Stimme Gottes gehalten: die eigene Vernunft sagt einem da etwas, was man sich gar nicht sagen möchte – als ob sie die Stimme eines anderen wäre.)

    „…was mit Geltung einer Sollensaussage gemeint sein soll. … Beim Recht ist das recht einfach: Eine Norm gilt, wenn Ihre Befolgung mit Staatsgewalt durchgesetzt werden kann.“
    Ja, nach Auffassung der Rechtspositivisten, bzw. die Sollensaussage gilt dann faktisch. Wenn man aber nach der moralischen Berechtigung der Norm fragt, sieht es schon anders aus. Das Recht der ersten Nacht ist moralisch verwerflich. Die Vernunft sagt einem das. Das ist’s, was mit Geltung einer Sollensaussage (einer moralischen) gemeint ist: Besteht sie die Vernunftprüfung, dann gilt sie. Es ist nicht anders als bei theoretischen Fragen (Seinsfragen). Man muß durch Denken (und, wenn es empirische Fragen sind, verbunden mit Erfahrung, Beobachtung …) dahinterkommen, was richtig ist. Man war der Meinung, daß die Erde eine Scheibe ist. Vernunft (in diesem Fall mit Beobachtung verbunden) führte dazu, daß man diese Meinung verwarf und zu einer anderen Auffassung kam. Nicht anderes ist es bei moralischen Fragen auch. Wie in der empirischen Wissenschaft sind alle Behauptungen fallibel, man kann nur subjektiv sehr fest von ihrer Wahrheit überzeugt sein. Aber ohne die Idee der Wahrheit kann man nicht einmal den ersten Schritt tun.

    „z.B. wird der Arbeiter ausschließlich als Mittel für seine Arbeitskraft eingesetzt, was m.W.n. keinen Moralisten und keinen Ethiker stört.“
    Doch, selbstverständlich. Wenn er ausschließlich als Mittel eingesetzt würde, dann würde man ihn totschlagen, sowie er nichts mehr leisten kann – so wie in den Arbeitslagern des 20. Jahrhunderts.

    „Aussetzen kann man am Diebstahl wohl nur, dass er wegnimmt, was eventuell dazu bestimmt war, einem selbst das Leben angenehm machen“.
    Das tun Sie aber nicht. Sie haben auch etwas an einem Diebstahl auszusetzen, der Sie, wenn es um Ihr angenehmes Leben ginge, gar nicht berührt. Wenn jemand auf einem anderen Kontinent einem anderen, den Sie nicht kennen, etwas stiehlt, dann verurteilen Sie das. Das ist einfach ein Vernunftschluß: Die Erlaubnis zu stehlen kann kein allgemeines Gesetz werden. (In diesem Fall: das kann nicht gedacht werden, es gibt noch den Fall, daß es gedacht, aber nicht gewollt werden kann; steht alles ausführlich in der Kritik der praktischen Vernunft und in der Metaphysik der Sitten .)

  49. @ Trepl

    Ich möchte Ihnen natürlich nicht zu nahe treten. Sie lieben Kant, den auch ich liebe. Nur muß ich Schopenhauer insofern recht geben, daß beim Sollen mir noch das Priesterblut durchschimmert. Ich weiß, daß Sie Vernunft anders definieren. Für mich ist Vernunft die Instanz, die vernimmt als auch hinterfragt. In meinem Denken kann sie moralisch nicht gebieten, das ist schlicht nicht ihre Aufgabe. Ganz im Gegenteil: eine Vernunft, die moralisch gebietet, ist fehlgeleitet. Sie hinterfragt dort dann nicht mehr, sondern folgt Satzungen und Formeln.

  50. @Ludwig Trepl: Folterverbot im SM-Studio

    Das Sollen im Zusammenhang mit Mittel-zum-Zweck-Sätzen sollte man überhaupt nicht mit Ethik in Verbindung bringen, das ist die Quintessenz meiner Ausführungen,

    Immer noch Fußnote 7, die voll von solchen Zusammenhängen ist:

    Objektiv ist das unbedingte, das moralische Sollen, formuliert z. B. in Sätzen wie: Es ist, egal was das Ziel sein mag, nicht erlaubt, zu foltern, oder Menschen ausschließlich als Mittel zum Zweck zu benutzen, oder sich durch Diebstahl ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Dieses Sollen gilt ganz unabhängig davon, welche Ziele die jeweiligen handelnden Subjekte verfolgen. Nur um dieses unbedingte Sollen geht es hier.

    a) Erlaubnis (“erlaubt”) ist eine rechtliche Kategorie.

    b) Der vorletzte Satz ist ist eine Seinsausage. Ich halte diese für nicht zutreffend, aber dazu müsste man sich darüber verständigen, was mit Geltung einer Sollensaussage gemeint sein soll. Ich meine mich erinnern zu können, dass wir das schon vor einiger Zeit mal versucht haben, kann mich aber nicht mehr daran erinnern ob und wie das ausgegangen ist. Beim Recht ist das recht einfach: Eine Norm gilt, wenn Ihre Befolgung mit Staatsgewalt durchgesetzt werden kann.

    c) Auch absolut formulierte Sollensaussagen (“Nicht in der Nase popeln.”, “Keine Menschen foltern.”) beziehen sich implizit auf Zwecke. Und zwar dergestalt, dass der Zweck das Mittel gerade nicht rechtfertigen könne. Normalerweise verhandelt man das unter dem Titel “Verhältnismäßigkeit”.

    d) Das Foltern hat ein Ziel und Menschen werden dabei (“ausschließlich”) als Mittel zum Zweck benutzt. Das sind ja nun in anderen Lebenssituationen keine unüblichen Objektrollen, z.B. wird der Arbeiter ausschließlich als Mittel für seine Arbeitskraft eingesetzt, was m.W.n. keinen Moralisten und keinen Ethiker stört. An einem angenehmen Leben habe ich auch nichts auszusetzen, selbst dann wenn es ein anderer führt. Aussetzen kann man am Diebstahl wohl nur, dass er wegnimmt, was eventuell dazu bestimmt war, einem selbst das Leben angenehm machen und dem Staat interessiert natürlich der Verstoß gegen das geltende Recht.

  51. @ Anonym “Essensollen”

    “Wenn man das Ziel verfolgt, nicht zu verhungern, dann muß man essen;… habe ich insofern Schwierigkeiten, weil völlig unabhängig davon, ob man das Ziel verfolgt, der eigene Körper eine Energiezufuhr benötigt. Der Satz stellt m.E. nur eine ethische Variante eines biologischen Tatbestands dar.”

    Das Sollen im Zusammenhang mit Mittel-zum-Zweck-Sätzen sollte man überhaupt nicht mit Ethik in Verbindung bringen, das ist die Quintessenz meiner Ausführungen, ob es sich nun um biologische Tatbestände handelt oder z. B. um sowas wie “wenn man sich bilden will, muß man gute Bücher lesen”.

    “Ich denke hier muss es korrekt heißen: Dieses Sollen soll ganz unabhängig davon gelten., welche Ziele …”

    Ja, wenn man referiert, was in der Geschichte des Denkens alles dazu gesagt worden ist, so muß es korrekt so heißen (“Nach Auffassung Kants, der Rationalisten, der … und des -ismus soll dieses Sollen ganz unabhängig davon gelten”.
    Aber ich habe an dieser Stelle nicht referiert, sondern die Auffassung einer der Parteien in dieser Diskussion vertreten.

  52. Essensollen

    Mit dem Satz

    Wenn man das Ziel verfolgt, nicht zu verhungern, dann muß man essen;

    aus Fußnote 7 habe ich insofern Schwierigkeiten, weil völlig unabhängig davon, ob man das Ziel verfolgt, der eigene Körper eine Energiezufuhr benötigt. Der Satz stellt m.E. nur eine ethische Variante eines biologischen Tatbestands dar.

    Mit zunehmender Entfernung von den physiologischen Grundbedürfnisse schwindet die Zustimmung zu in ethischer Sprache formulierten Sätzen.

    Objektiv ist das unbedingte, das moralische Sollen, formuliert z. B. in Sätzen wie: Es ist, egal was das Ziel sein mag, nicht erlaubt, zu foltern, oder Menschen ausschließlich als Mittel zum Zweck zu benutzen, oder sich durch Diebstahl ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Dieses Sollen gilt ganz unabhängig davon, welche Ziele die jeweiligen handelnden Subjekte verfolgen.

    Ich denke hier muss es korrekt heißen: Dieses Sollen soll ganz unabhängig davon gelten., welche Ziele …

  53. @ Dietmar Hilsebein

    „Ohne dieses Mitgefühl wird auch die Vernunft nichts ausrichten können.“

    Da muß man unterscheiden: (1) Die Vernunft soll auf jeden Fall auch ohne Mitgefühl etwas ausrichten. Wenn jemand am Ertrinken ist, für den ich nicht das geringste Mitgefühl empfinde, den ich sogar hasse, dann soll ich ihn dennoch retten. (2) Sie wird nichts ausrichten können. Das ist falsch. Es kommt vor, und zwar gar nicht so selten, daß z. B. jemand Menschen, für die er verantwortlich ist, etwa Angehörige, bei Krankheit und im Alter pflegt, obwohl er sie haßt. Wenn Sie statt „nichts“ geschrieben hätten „nicht viel“, dann könnten Sie recht haben.

    Unterscheiden muß man im letztgenannten Beispiel noch, ob jemand das „aus Vernunft“ (d. h. weil er einsieht, daß es moralisch geboten ist) macht, oder wegen der Nachbarn oder weil er fürchtet, sonst nicht in den Himmel zu kommen. Das kann man nie sicher wissen, nicht einmal bei sich selbst. Deshalb ist meine Behauptung „Das ist falsch“ nicht beweisbar, es spricht nur viel dafür. Aber sicher wissen wir nur, daß wir (im Beispiel) unabhängig von Mitgefühl helfen sollen .

  54. @ Martin Holzherr

    Da haben Sie mich falsch verstanden. Ich bestreite gerade, daß es ein solches angeborenes Wissen gibt. J. Honerkamp scheint das zu meinen, aber ich bin mir nicht sicher, ob er es wirklich meint.

    “Damit legt er nahe, dass es absolut gesehen richtiges und falsches Handeln gebe, unabhängig von Emotionen und Affekten, eventuell sogar unabhängig von bestehenden religiösen Lehren und Gepflogenheiten in verschiedenen Kulturen.”

    Ja, genau, und ich lege es nicht nur nahe, sondern behaupte es explizit. Im Übrigen behaupte nicht nur ich das, mein ganzer Artikel ist – das werden sicher viele bemerkt haben – im wesentlichen von Kant abgeschrieben, und viele oder die meisten anderen Philosophen dürften das ähnlich sehen.

    „Ethische Grundsätze wären aber nur Akademismus, wenn sie nicht auch in Gesetze und Rechtspraktiken (z.B. Schar+¿a) einfliessen würden.“
    Nein, wir entscheiden uns tagtäglich -zig-mal aufgrund „Ethischer Grundsätze“, ohne daß wir Gesetze und Rechtspraktiken auch nur berühren.

  55. Die Praxis des Werte-Relativismus

    Werte münden in Ethik-Regeln die in einem bestimmten Kulturraum als gültig betrachtet werden.
    Ein anderer Kulturraum wird andere Ethik-Regeln kennen, auch wenn es über die meisten Kulturen betrachtet, viele Übereinstimmungen gibt.

    Ethische Grundsätze wären aber nur Akademisms, wenn sie nicht auch in Gesetze und Rechtspraktiken (z.B. Schar+¿a) einfliessen würden.
    Der Grundsatz der Gerechtigkeit, der bei fast allen Kulturen gilt, erfordert nun, dass Menschen unter vergleichbaren Bedingungen nach gleichen Grundsätzen beurteilt werden und damit die gleichen Gesetze zur Anwendung kommen.
    Diese Gleichbehandlung gilt aber nur für einen bestimmten Rechtstraum.
    Im europäischen Rechtstraum gibt es keine Todesstrafe für den Abfall vom islamischen Glauben, in Saudi-Arabien aber schon. Das ist praktizierter Kultur- und Werte-Relativismus. Die Souveränität von Ländern garantiert ihnen auch einen eigenen Rechtstraum.
    Natürlich können andere Länder das Rechtssystem in Saudi-Arabien in Frage stellen, doch es bleibt letztlich eine innere Angelegenheit des souveränen Staates und nach internationalem Recht rechtfertigt ein Rechtsunterschied keinen Krieg oder eine andere Form der Aggression.

    Diese Form des (schwachen) Werte-Relativismus, in dem Werten, Rechten und Gesetzten von einer “lokalen” Autorität Nachachtung verschafft wird, ist ein Zugeständnis an die Vielfalt und die Machtfülle von Staaten, Relitionen und Kulturen.

    Die Alternative des international gültigen Rechts ist eine Zukunftsvision, falls dieses internationale Recht bestimmte Grundsätze durchsetzen will, die mit lokalen Kulturen und Religionen kollidieren. Vorläufig – und wahrscheinlich noch lange – müssen wir damit leben, dass anderswo andere Gesetzte gelten und zwar sogar in Angelegenheiten, die über Leben und Tod entscheiden.

  56. “Mitgefühl hingegen beschreibt die Besorgnis um jemanden der leidet mit dem gleichzeitigen Ziel, dieser Person zu helfen.” (https://scilogs.spektrum.de/…n-mitgef-hl-uns-ver-ndert)

    Ohne dieses Mitgefühl wird auch die Vernunft nichts ausrichten können.

  57. Die Moral des einen ist die Unmoral des

    Ludwig Trepl’s Konzept des angeborenen Wissens um bestimmte moralische Sätze ist schwierig mit den in unterschiedlichen Kulturen und Religionen geltenden Maximen in Übereinstimmung zu bringen.
    Er schreibt:
    “Moralisches Handeln setzt Vernunft voraus, und zwar eingesetzt zur Beantwortung der ethischen Frage: ob man dem Mitleid – oder dem Drang, zuzuschlagen – folgen soll. Eine Handlung, die aus Mitleid, d. h. zum Zwecke der Befriedigung einer bestimmten Neigung, geschieht, ist nicht das, was wir mit einer moralisch motivierten Handlung meinen”
    Damit legt er nahe, dass es absolut gesehen richtiges und falsches Handeln gebe, unabhängig von Emotionen und Affekten, eventuell sogar unabhängig von bestehenden religiösen Lehren und Gepflogenheiten in verschiedenen Kulturen.

    Doch damit betritt Ludwig Trepl gefährlichen Boden, stellt er doch existierende Religionen, Gesetze und Kulturen vor ein imaginäres höchstes Gericht und öffnet damit Raum für einen Kulturkampf, denn – anders als Ludwig Trepl das sieht – sind ethische Grundsätze in der Praxis sehr wohl kulturbestimmt.

    Beispiel: Der Abfall vom Glauben (Apostasie) rechtfertigt im Islam schwere Strafen bis zur Todesstrafe, was mit folgender Hadith des Propheten gerechtfertigt wird:
    “Das Blut eines Muslims darf nur in drei Fallen legitimerweise vergossen werden: wenn es um einen älteren Ehebrecher geht, als Strafe für einen Mord und bei demjenigen, der von seiner Religion abfällt und seine Gemeinschaft verlässt.”

    Aus christlicher und menschenrechtlicher Sicht ist das Töten eines vom Glauben Abfallenden aber ein Verbrechen, denn es missachtet die Willensfreiheit. Ich nehme an, Ludwig Trepl wird die menschenrechtliche Sich zur objektiv richtigen Sicht erklären, womit wir dann mitten in einem Kulturkampf sind.