Aus einer anderen Welt, Teil II: Wettbewerb

Landschaft & Oekologie

Daß es in der Wissenschaft gilt, Karriere zu machen und man gar Wissenschaft ihretwegen betreibt, hatte den Aufstieg eines anderen Begriffs zur Voraussetzung, der bis vor ca. 30 Jahren unter Wissenschaftlern – den jüngeren, die nach dem Sinn fragten, ebenso wie den älteren, die die Freiheit der Forschung gegen diese Frage verteidigten – gleichermaßen ziemlich unbekannt und auf jeden Fall unbeliebt war: Wettbewerb. Wettbewerb war die zentrale Parole der Hochschulreformen, die in den 90er Jahren mit Macht einsetzten und die die vorigen Vorstellungen davon, was das Wesen von „Wissenschaft als Beruf“ ausmache, egal auf welcher der beiden Seiten der in Teil I skizzierten Kontroverse, völlig verkehrten. (Der Rest dieses Textes stammt aus einem Aufsatz, den ich damals geschrieben habe.[1])

Anders als man oft meint ist Wettbewerb ein der Wissenschaft fremdes Prinzip , und wo er, was natürlich so gut wie überall der Fall ist, aus anderen Bereichen in sie eingedrungen ist, wirkt er verzerrend und eher leistungsmindernd als -fördernd. Das der Wissenschaft eigene „Leistungsanreizprinzip“ ist ein anderes, es ist zwischen Wissenschaftler und seinem Gegenstand situiert und kennt nicht den Vergleich mit Dritten. Wer nicht „die Fähigkeit besitzt, sich einmal sozusagen Scheuklappen anzuziehen und sich hineinzusteigern in die Vorstellung, daß das Schicksal seiner Seele davon abhängt: ob er diese, gerade diese Konjektur an dieser Stelle dieser Handschrift richtig macht, der bleibe der Wissenschaft nur ja fern“ (Max Weber, 1919 [1995, S. 12]). Das Wettbewerbsprinzip verlegt die Stimulation von einer solchen Beziehung zum Gegenstand auf eine Beziehung zu Konkurrenten. Der Gegenstand darf allenfalls dann faszinieren, wenn er einer hinreichenden Zahl (wichtiger) Konkurrenten gemeinsam ist. Man muß nach den Maßstäben der anderen gut sein, die jene eine Konjektur natürlich nicht in der für das Funktionieren von Wissenschaft notwendigen Weise überschätzen können. Diese Überschätzung ist ihrem Sinn nach individuell.

Das ist aber noch der günstigere Fall: Immerhin fasziniert ein Gegenstand hier noch, wenn es auch nur der allgemein als relevant anerkannte ist. Die kaum vermeidliche Tendenz, wenn einmal das Wettbewerbsprinzip eingeführt ist, ist die Loslösung der Leistungskriterien vom Inhalt. Der Sinn des Unternehmens Wissenschaft wird das Punktesammeln an sich, Kriterien, die eine Leistung erfüllen muß, sind Eignung für den Vergleich und damit für Meßbarkeit. Die Zahl der Publikationen zählt, nicht ihr Inhalt. Wissenschaft wird zum Denksport, und wie andere Sportarten vom Vergnügen zum Betrieb und schließlich Teil des Unterhaltungsgeschäfts. Es wird keine bedeutenden Wissenschaftler mehr geben, sondern Stars, von den anderen jener Branche nicht zu unterscheiden: Sie zeichnen sich wie alle dadurch aus, viele Punkte gesammelt zu haben.

Hier wird man einwenden: Das tangiert nur die Eitelkeit der Wissenschaftler, und das ist ein geringer Preis, wenn dadurch das System der Wissenschaft mehr abwirft. Die Leistungen steigen ja auch, wenn man eine Sportart aus der Sphäre des privaten Vergnügens herauslöst und in einen organisierten Wettbewerb überführt, und noch einmal, wenn daraus ein professioneller Erwerbszweig wird. Der Vergleich hinkt aber aus zwei Gründen: (1) Max Weber spricht nicht von einer vergnüglichen Tätigkeit, die selbstverständlich besser ausgeführt wird, wenn man sie im Wettbewerbssystem mit dem Ehrgeiz und in der Professionalisierung mit dem Ernst des Lebensunterhalts verbindet. Sondern er spricht gerade umgekehrt von der Fiktion einer im höchsten Maße ernsten Situation. Die Folge ist eine Besessenheit, „ein von jedem Draußenstehenden belächelte[r] Rausch“ (ebd.), der in seiner Wirkung als Leistungsanreiz nie erreicht werden kann durch die Aussicht auf die bescheidenen Befriedigungen, die ein vorderer Platz auf Rankinglisten oder eine Gehaltserhöhung gewährt. Wollte man jetzt einwenden: aber beschreibt denn das Webersche Zitat die heutige Realität?, so wäre zu antworten: eben, das ist es, und jetzt will man den Mißstand mit genau den Mitteln beheben, die ihn herbeigeführt haben. (2) Das Spektrum lohnender Themen wird rigoros eingeschränkt. Der Mechanismus, den Weber beschreibt, eignet sich dazu, gerade entlegene Fragen, solche, auf die noch keiner gestoßen ist, die keiner für wichtig hält und oft auch kein anderer versteht, in den Augen des Forschers außerordentliche Bedeutung zu verleihen. Im Wettbewerbssystem können aber trivialerweise nur solche Fragen als relevant gelten, die alle Teilnehmer verstehen, also definitionsgemäß nichts Innovatives. Jedem Wissenschaftler dürfte das vertraut sein: zu den Fragen, die man für die interessantesten hält, traut man sich keinen Projektantrag zu stellen, „weil die Gutachter das doch nicht verstehen“.

 

Literatur:

Weber, M. 1995: Wissenschaft als Beruf. Reclam, Stuttgart; Erstveröffentlichung: Duncker und Humblot, München, Leipzig, 1919.


[1] Später veröffentlicht: L. Trepl, Planungswissenschaften und Hochschulreform, Stadt und Grün 5/2001, S. 313-319 und 7/2001, S.502-509. (siehe auch: http://archiv.patzerverlag.de/Portals/4/Archiv/SUG/SUG_2001_07.pdf)

 

Ludwig Trepl

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

2 Kommentare

  1. Planwissenschaft

    Es ist schon verstörend. Was als Planwirtschaft verschrien, soll als Planforschung die Lösung aller Zielsetzungen sein.

    Vielleicht ist es nicht ganz so, dass alle Forschung nach Plan funktioniert, kommt mir aber häufig so vor – insbesondere wenn ich an die Projektanträge (zur Geldmittelbewilligung) denke. Als ob es unerwünschte Forschung geben täte, die es zu unterbinden gilt.