Artenschutz, weil wir die Arten einst brauchen könnten?

„Viele Pflanzen haben im Lauf der Evolution Stoffe entwickelt, mit denen sie sich gegen Krankheiten und Parasiten wehren. Oft helfen diese Stoffe auch den Menschen. So wie Paclitaxel, das die Pazifische Eibe in ihrer Rinde produziert und das als Krebsmittel wirksam ist. Paclitaxel wird heute künstlich hergestellt, denn die Pazifische Eibe ist vom Aussterben bedroht. Was, wenn sie verschwunden wäre, ohne ihr Geheimnis zu lüften?“ (Aus: Biologische Vielfalt – die Grundlage unseres Lebens, einer Broschüre des Bundesumweltministeriums)

Das ergibt ein Argument für den Schutz der Pazifischen Eibe. Ohne sie hätte es dieses Krebsmittel nicht gegeben. Aber nicht unwahrscheinlich ist, daß es irgendwelche Äquivalente gäbe. Und wenn man einmal das Medikament aus der Pflanze gewonnen hat, kann man es ja vielleicht synthetisieren und braucht die Pflanze nicht mehr. Sollte es kein Äquivalent geben und die künstliche Herstellung nicht möglich sein, wäre es ausreichend, wenn die Eibe in Gärten erhalten würde.

Das ist aber nicht das, was die Naturschützer wollen. Das zitierte soll ein Argument dafür sein, vorsorglich alle Arten von Lebewesen zu schützen , und zwar, wie es immer heißt, „in ihren natürlichen Populationen“. Es ist ja so gemeint: Weil es sein könnte, daß wir, die Menschen, bestimmte Arten, die wir jetzt nicht brauchen, doch irgendwann einmal brauchen könnten, müssen wir das Aussterben aller Arten verhindern, auch derer, die uns zur Zeit nichts nützen oder von denen wir den Nutzen, den sie vielleicht haben, nicht kennen. Wenn die zitierten Sätze in diesem Kontext stehen sollten – und läßt sich das bezweifeln? – scheinen mir aber die Schwierigkeiten noch größer, als wenn sie nur als ein Argument für den Schutz der Pazifischen Eibe gemeint wären.

Es haben nicht nur viele Pflanzen Stoffe entwickelt, mit denen sie sich gegen Parasiten wehren. Viele Parasiten – weit mehr als es Pflanzen gibt – haben im Laufe ihrer Evolution Stoffe entwickelt, mit denen sie ihre Wirte angreifen und/oder sich dabei gegen deren Abwehrmaßnahmen wehren, und sie sind dabei meist ziemlich erfolgreich. Ich weiß nicht, ob Ökonomen bereits eine Berechnung durchgeführt haben, aber die Schäden, die von Parasiten (dazu gehören ja auch Mikroorganismen)[1] angerichtet werden, dürften pro Jahr sicher viele Milliarden betragen. Wenn man gar einbezieht, daß nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch Menschen den Parasiten zum Opfer fallen, ja daß ein beträchtlicher Teil aller Todesfälle auf Parasiten, vor allem mikrobielle, zurückzuführen ist, dann kommt man auf eine Schadenshöhe, gegen die sich die Kosten der diversen Banken- und Staatsschuldenkrisen bescheiden ausnehmen. Davon muß man allerdings, wenn ich das Wesen der Ökonomie – derjenigen, die Marx die bürgerliche genannt hat – richtig verstanden habe, die Gewinne abziehen, die vor allem die chemische Industrie durch Verkauf von Mitteln zur Bekämpfung der Parasiten bzw. zur Heilung der durch Parasiten hervorgerufenen Krankheiten erzielt, und man muß auch berücksichtigen, daß viele der sterbenden Menschen ökonomisch gesehen eher dann auf der Negativseite zu verbuchen wären, wenn sie weiterlebten, so daß in der Bilanz vielleicht die Parasitentätigkeit als Ökosystemdienstleistung für das ökonomische System erschiene. – So ganz überzeugend finde ich allerdings nicht, was die Ökonomen machen, wenn sie sich mit Fragen wie dem Wert (oder muß man Preis sagen?) „der Natur“ und Ähnlichem befassen. Bleiben wir lieber dabei, daß unserem Alltagsverstand die Wirkungen der Parasiten eher als etwas Schädliches erscheinen.

Nun frage ich mich aber, ob es nicht am effektivsten wäre, die Parasiten – die nachweislich schädlichen auf jeden Fall und vorsorglich auch noch die verdächtigen – auszurotten, statt mittels der pflanzlichen Abwehrstoffe ihre Angriffe nur zu mildern. Gewiß, das versucht man ja ohnehin, aber meist nicht wirklich konsequent, und vor allem: Den Autoren der Broschüre des Umweltministeriums dürfte das nicht recht sein. Denn damit würde man die biologische Vielfalt vermindern, und die ist ja, so heißt es dort, die Grundlage unseres Lebens. Aber stimmt das denn? Wenn man bedenkt, daß etwa die Hälfte aller Arten Parasiten sind und daß in die „Biodiversität“ auch die genetische Vielfalt einbezogen werden soll, diese aber bei Parasiten ganz besonders hoch ist, dann kommen einem Zweifel, ob man wirklich die biologische Vielfalt als die Grundlage unseres Lebens bezeichnen kann – ob eine geringere Vielfalt, eine ohne die Parasiten, alles in allem genommen, nicht vielleicht eine noch bessere  Grundlage unseres Lebens wäre.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich bin durchaus dafür, gegen die Ausrottung von Arten etwas zu tun, und gefühlsmäßig bin ich sogar für den Schutz aller Arten. Die Begründungen aber, die man für die härtesten hält, die ökonomischen und jene, die sich auf die Gesundheit der Menschen beziehen, scheinen mir nicht viel zu taugen. Wenn man die Argumente dieser Art zu Ende denkt, laufen sie möglicherweise auf das Gegenteil dessen hinaus, was die Naturschützer wollen.

Beiträge im Internet mit Bezug zum Thema: 1, 2, 3

[1] Die in der Ökologie wohl am häufigsten verwendeten Definition von Parasitismus steht in Begon, M., J. Harper & C. Townsend, C. 1998: Ökologie. Weinheim.

 

 

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ralph Dilmann

    Der von Ihnen verlinkte Wikipedia-Eintrag zur Biodiversität ist erstaunlich gut für Wikipedia, kann man rauskriegen, wer den geschrieben hat? – Aber daß man „in Fachkreisen klar zur obigen These [‚reichhaltige, also mit mehr Arten vernetzte Ökosysteme sind stabiler’] tendiert“, kann man ihm nicht entnehmen. Das wäre auch falsch – schon deshalb, weil „Stabilität“ in der Ökologie sehr Verschiedenes bedeutet, die richtige Antwort auf die These also wäre „wie meinen Sie denn das?“

    „Ähnlich wie beim globalen Klimawandel … sind die interagierenden Systeme zu komplex um einen exakten wissenschaftlichen Nachweis für eine konkrete These zu erbringen.“
    So würde ich das nicht sagen. Komplexität muß „exakte wissenschaftliche Nachweise“ nicht unmöglich machen. Es kommt immer darauf an, für welche These man sie erbringen will. Und in unserem Falle sieht es eher so aus, als ob man eine Vielzahl von sehr verschiedenartigen Fragen an sehr verschiedenartige Phänomene in eine einzige Frage zu packen versuchte, was nicht geht.

    „Wie der Klimawandel, ist Artenschwund, wenn überhaupt, nur mühsam rückgängig zu machen.“
    Den Klimawandel kann man rückgängig machen (wenn auch nicht alle seine Folgen), es dauert nur. Der Artenschwund läßt sich in quantitativer Hinsicht rückgängig „machen“ (d. h. man muß einfach warten), aber das würde Zeiträume erfordern, gegen die alles, was man beim Klimawandel vermutet, winzig ist. In qualitativer Hinsicht ist das Aussterben von Biospezies – nicht von allem, was man in der Biologie Art nennt – endgültig, aus logischen Gründen (siehe https://scilogs.spektrum.de/…-r-ckg-ngig-machen-teil-3).

  2. zentrale These

    „reichhaltige, also mit mehr Arten vernetzte Ökosysteme sind stabiler“.

    ‘Darüber streiten die Ökologen seit Jahrzehnten….’

    Das ist aber der Entscheidende Punkt. Ähnlich wie beim globalen Klimawandel (oder der ‘nurture versus nature’ Debatte) sind die interagierenden Systeme zu komplex um einen exakten wissenschaftlichen Nachweis für eine konkrete These zu erbringen. Man kann also immer seine eigene Auffassung vertreten, so unwahrscheinlich diese auch immer sein mag.
    Wie der Klimawandel, ist Artenschwund, wenn überhaupt, nur mühsam rückgängig zu machen. Es ist also in beiden Fällen vernünftig, präventiv dagegen vor zu gehen.

    Der deutsche Wikipeia Eintrag zur Biodiversität
    legt nahe, dass man in Fachkreisen klar zur obigen These tendiert.

  3. @ Suse

    „…weswegen ich in bezug auf das Wirtschaftsmodell allgemeiner von Industrialismus reden würde.“

    In diese Diskussion möchte ich mich lieber nicht einmischen, da verstehe ich allzu wenig. Vielleicht waren ja die sozialistischen Gesellschaften nicht sozialistisch, vielleicht sitzt das wesentlich Kapitalistische auf einer Strukturebene, die von diesen Revolutionen gar nicht berührt wurde. Vielleicht hatten sie ja auch (wie es ihre Anhänger gern sehen) insbesondere unter den Bedingungen der Dauerbelagerung und angesichts des Umstands, daß diese Gesellschaften überwiegend in unterentwickelten Ländern bestanden, einfach zu wenig Zeit. Dies und etliches mehr wird gesagt, ich kann es nicht beurteilen.

    So richtig mir Ihre Beschreibung des ökologischen Zustands des derzeitigen Gesellschaftssystems vorkommt, so idealisierend und idyllisierend die des früheren. „Da waren intakte Regelkreise vorhanden, …(Die, die eingreifen, müssen die Folgen tragen und gehen daher langsam und vorsichtig vor, zur weitgehenden Umgestaltung der Landschaft braucht es viele Generationen …“ Man kann es auch so sehen, daß gerade keine Regelkreise vorhanden waren, daß aus Not und Unkenntnis ein Raubbau herrschte, wie er heute kaum mehr vorkommt (der Wald war in Mitteleuropa zu Beginn der Moderne so gut wie verschwunden; keine der heute prognostizierten „ökologischen Katastrophen“ erreicht das Ausmaß solcher, die bereits stattgefunden haben).

    „Wo bleibt da die Ethik? … Aber den Individuen bleibt nur die Wahl zwischen Teilnahme oder Untergang, keine Änderung von Konsum- oder Wahlentscheidungen trifft die Systemnatur …“

    Es mag ja sein, daß so eine Adorno-Sicht die Sache trifft; vielleicht ist’s aber auch (eher mit Habermas/Apel) so, daß durch die berühmten Tausenden von diskutierenden Gremien es um die rationale Steuerung der Weltgesellschaft heute besser steht als je zuvor; ich traue mir da keine Meinung zu.
    Mein Punkt war nur, daß dem Einzelnen, sofern er „zurechnungsfähig“ ist (kann also auch ein Marsmensch sein) gar nichts anderes übrig bleibt, als in jedem Moment sich die Frage nach dem (moralischen) Richtig-Falsch zu stellen. Das reicht von der Entscheidung, ob man ein Bonbonpaper auf die Straße oder in den Papierkorb werfen soll bis zur Frage, ob man „das System“ durch eine Weltrevolution abschaffen soll oder besser an ihrer Verhinderung mitarbeiten oder sich raushalten soll.

    Daß das globale industrielle System kein ethisches Subjekt ist, sondern sich vielleicht auf dem Integrationsniveau eines Bakteriums befindet, halte für allzu voraussetzungsreich. Wer sagt denn, daß die Frage des Lebens (immerhin, erst um 1800 wurde die ja mit „Organismus“, also „Selbstreferentilität“ beantwortet) so zu beantworten ist, daß man ein System wie das kapitalistische in die gleiche Reihe stellen kann wie ein Bakterium? Und daß die Frage der Ethik nur die einer hinreichenden Komplexität im Sinne der Autopoiesistheorien ist? Vielleicht sind derartige Theorien ja nur Anthropomorphismen, die gar nichts erklären, es gibt kluge Leute, die meinen das. – Ich lasse mich auf solche Diskussionen nur ungern ein, denn ich könnte immer nur sagen: In einer Zeit, an die ich nur noch dunkle Erinnerungen habe, habe ich mal eine Kritik an den Ansprüchen solcher Theorien gelesen, die mich überzeugt hat, aber was das war, weiß ich nicht mehr. Ich könnte also nur subjektive Sätze über meine Bildungserlebnisse sagen, wenn ich mir nicht einige Monate Zeit nehmen will, um mich in diese Dinge wieder einzulesen. In meinen Artikeln bemühe ich mich aber immer, Sätze mit objektivem Anspruch zu formulieren. Die kann man dann Satz für Satz kritisieren – immanent. Das tut leider kaum einer. Natürlich kann man immer darauf hinweisen, daß sich aus der Sicht des Hegelianismus, der Phänomenologie, des Existenzialismus, des Marxismus, des Luhmannismus sich alles ganz anders darstellt. Aber da kann ich (andere sicher schon) dann keine Diskussion führen, die etwas bringt.

    „… Gotthart Günther auf den Punkt bringt, warum sich selbstreferenzielle Systeme wie zB bewusste Subjekte mit der klassischen Logik nicht vollständig beschreiben lassen“.

    Da gilt auch das eben Gesagte. Ich meine mich aber zu erinnern, daß es darum ging, daß eine gleichzeitige Beschreibung des Systems von außen und von innen auf logische Widersprüche führt (und ansonsten die bekannten Konsequenzen hat: von innen gibt’s unausweichlich Freiheit, von außen ist sie auf keine Weise zu finden usw.). Der Anspruch Günthers war, eine Möglichkeit der gleichzeitigen widerspruchsfreien Beschreibung zu finden. Was das bringt? Vielleicht kann man ja dann Roboter bauen, die Anspruch darauf haben, in den Himmel zu kommen. Aber, wie gesagt, das überfordert mich.

  4. @Trepl

    Vielen Dank für die Klarstellungen.

    Zum Kapitalismus:
    Die Entwicklung im sozialistischen Gegenmodell verlief zwar langsamer, aber in dieselbe Richtung, weswegen ich in bezug auf das Wirtschaftsmodell allgemeiner von Industrialismus reden würde.

    Vor der industriellen Revolution waren die Dörfer noch echte Gemeinden, in denen man sich gegenseitig kannte (den Bauern, den Müller und den Bäcker) und zusammenarbeitete.
    Da waren intakte Regelkreise vorhanden, die eine signifikante Kultur (inklusive Kulturlandschaft) hervorbrachten.
    Das meine ich auch mit geringem Eingriffsniveau:
    Die, die eingreifen, müssen die Folgen tragen und gehen daher langsam und vorsichtig vor, zur weitgehenden Umgestaltung der Landschaft braucht es viele Generationen, in denen die wechselseitige Anpassung von Ökosystem und Ökonomie gelingen kann.

    Heute leben zwar auch Menschen in Dörfern und Stadtteilen nebeneinander, aber weitgehend unabhängig, ohne zusammenarbeiten zu müssen.
    Es sind Geschäfte vorhanden, in denen Waren nicht aus dem Dorf, sondern von ausserhalb, meist unbekannter Herkunft verkauft werden, und das Geld wird verdient, in dem Produkte ebenfalls nach ausserhalb in Unkenntnis der Endverbraucher hergestellt werden.
    Damit sind die lokalen Regelkreise eliminiert und die Beziehungen beliebig geworden.
    Alles geschieht jetzt in bezug auf das mittlerweile globale industrielle Wirtschaftssystem (egal ob sozialistischer oder kapitalistischer Natur, letzteres allerdings hat sich durchgesetzt) und alle Folgen, auch die ökologischen, können nur noch in diesem Rahmen angegangen werden (Klima), und das bedeutet meist, dass lokale Folgen ohne Relevanz fürs Gesamtsystem eher nicht angegangen werden, wem’s nicht gefällt, muss wegziehen.

    Dies globale System, das uns zwingt, unter irrsinnigem Energieverbrauch hergestellte Wegwerfartikel immer wieder neu zu verbrauchen, weil wir sonst unsere Arbeitsplätze verlieren, erlaubt keine Alternative mehr, Gruppen, die keine Steuern zahlen und ihre Kinder selber erziehen wollen, setzen sich staatlicher Repression aus, und auch individuelle Aussteiger finden keinen Platz für Selbstversorgungsexperimente.

    Wo bleibt da die Ethik?
    Natürlicht ist das globale industrielle System kein ethisches Subjekt, es hat die Bewusstseinsstufe nicht erreicht und befindet sich vielleicht auf dem Integrationsniveau eines Bakteriums oder eines Wurms, nur ohne Geschichte genetischer Anpassung.
    Aber den Indviduen bleibt nur die Wahl zwischen Teilnahme oder Untergang, keine Änderung von Konsum- oder Wahlentscheidungen trifft die Systemnatur, die die lokale Autonomie ausser Kraft gesetzt hat.
    Wenn die Handlungsfolgen vom System so verteilt werden, das die Rückwirkungen nicht mehr identifiziert werden können, entstehen eben auch keine kulturstiftenden Regelkreise mehr, die wirtschaftliche Eigendynamik verselbstständigt sich und läuft aufgrund ihrer inhärenten Kurzsichtigkeit in den nächsten Abgrund, wie bisher noch jedes Wirtschaftssystem in der Geschichte, wenn auch manche rechtzeitig durch anders strukturierte Nachfolger abgelöst wurden.

    Einzelne können tatsächlich dem Kategorischen Imperativ folgen und so auf dem Weg in den Untergang immer das Richtige tun, selbst wenn sich ihnen die Frage stellt, was „allgemeine Gesetzgebung” im Kontext eines selbstzerstörerischen Systems eigentlich bedeuten soll.

    Leider finde ich die Stelle nicht mehr, wo Gotthart Günther auf den Punkt bringt, warum sich selbstreferenzielle Systeme wie zB bewusste Subjekte mit der klassischen Logik nicht vollständig beschreiben lassen (die Lösung war nicht mehrwertige Logik, sondern unterschiedliche zweiwertige je nach Kontext).

  5. @ Holzherr

    “…. der zutiefst anthropozentrischen Haltung, die in diesem Beitrag von Ludwig Trepl durchscheint.”

    Daß Sie aber auch immer und immer wieder genau das Gegenteil dessen herauslesen, was ich meine und explizit schreibe! Wenn es in meinen Beiträgen zur Natur(schutz)ethik überhaupt eine sich durchziehende Linie gibt, dann ist es die Opposition gegen den Anthropozentrismus. Lesen Sie einfach noch mal nach. – Deshalb bin ich aber noch lange nicht für den sogenannten Physiozentrismus. Zu glauben, daß das die Alternativen sind, zeigt nur, daß man von den Diskussionen, die die Ethik in ihrer Geschichte durchzogen haben, keine Ahnung hat. Aber nehmen Sie das nicht so schwer: da unterscheiden Sie sich nicht von der Mehrheit derer, die heutzutage über Natur(schutz)ethik mitreden.

  6. Anthropozentrismus vs. Physiozentrismus

    Die Wahrheit kleidet sich oft in das Gewand der Paradoxie. Eine solche Aussage ist: Wer den Mensch zum Mass aller Dinge macht, macht den Menschen zum mächtigsten Tier und nicht zum Abbild Gottes, dem Wesen, das über den Dingen steht.
    Ein Weltbild mit dem Menschen im Mittelpunkt kann den Menschen selber gefährden, genau wie eine Tierart, die sich über alle Massen vermehrt, schliesslich an ihrem eigenen Erfolg zugrundegehen wird (weil ihr die Ressourcen ausgehen z.B.)

    Der Mensch geht zwangsläufig von sich selbst aus, ist aber wohl das erste Lebewesen das auch über sich selbst hinaus denken kann und das auch tun sollte.
    Die Aussage im Kommentar von Kai Hiltmann “… warum gerade die Nützlichkeit für uns Menschen das alleinige Kriterium sein soll”
    zeugt von einer solchen nicht-anthropozentristischen, sondern physiozentrischen Orientierung
    Auch der Holismus ist ein Versuch dem Lebenssystem mehr Wert zuzugestehen als dem Menschen als Teil dieses Systems.

    Diese hier scheinbar Off-Topic erscheinenden Gedanken haben ihre Motivation in der zutiefst anhtropozentrischen Haltung, die in diesem Beitrag von Ludwig Trepl durscheint. Anthropozentrismus lenkt sicher das Denken der meisten ethisch denkenden Menschen und solche die nicht ethisch denken, denken meist Ego-Zentrisch, was als Vorstufe des Anthropo-Zentrischen Denkens aufgefasst werden kann.

    Aus einer höheren Warte betrachtet ist Anthropozentrismus nichts anders als Arten-Egoismus, womit ich meine, dass die Welt aus der Sicht einer erfolgreichen Spezies betrachtet wird. Dies macht auch die Aussage Stephen Hawkings verständlich : Sprecht bloss nicht Aliens, denn wenn sich Aliens Alien-zentrisch verhalten würden wie wir Menschen uns Anthropozentrisch verhalten, dann Gnade uns Gott. Es gibt wenig Grund für die Annahme, dass Aliens uns dann anders behandeln würden als wir Ungeziefer behandeln.

    Auch viele Menschen, die sich mit den Konsequenzen einer Artificial General Intelligence befassen, warnen uns vor Geschöpfen, die selber denken können. Genau aus dem gleichen Grund. Weil sie annehmen, diese Geschöpfe würden sich selbst ins Zentrum stellen und könnten dementsprechend für den Menschen so gefährlich werden wie Stephen Hawking’s Aliens. Entsprechend liest man im oben verlinkten Artikel “Hyper intelligent software may not necessarily decide to support the continued existence of mankind, and would be extremely difficult to stop Yudkowsky, Eliezer (2008). This topic has also recently begun to be discussed in academic publications from the perspective of Risks to civilization, humans, and planet Earth.”

    Interessant scheint mir aber, dass es immer mehr Stimmen gibt, die eine eng anhtropozentrische Sicht in Frage stellen. Auch Stephen Pinkers, der hier sein Buch The Better Angels of Our Nature mit seiner These vorstellt, wir bewegten uns von einer geradezu blutrünstigen Vergangenheit, in der jeder jedem nach dem Leben trachtete in eine zunehemend gewaltfreie Zukunft nennt als möglichen Grund dafür “Die Ausdehnung der Empathiezone”. Während es im Mittelalter noch ein Volksvergnügen war, Katzen lebendigen Leibes zu rösten, haben wir unsere Empathie für die Existenzbedingungen unter denen Kreaturen leben, nun sogar auf andere Lebewesen ausgedehnt. Ein Extremfall ist die Bioethik und das Animal-Liberation-Denken eines Peter Singers.

  7. In letzter Zeit bemerke ich eine Häufung von Äußerungen aus dem Kreis der “Umweltschützer” die in ihren Argumentationen den Menschen wieder in den Focos stellen. Wurde vor einiger Zeit noch der Mensch als hauptsächlicher Schädling für die Natur angesehen, so meint man nun, die Biodiversität müsse erhalten bleiben, weil sie dem Menschen dienlich sei.

    Dies führt dann auch zu so absurden Bestreben, ein Projekt zur (lokalen) Ausrottung von Dengue-Fieber übertragende Moskitos zu verhindern, vor allem weil Gentechnik im Spiel sei. Könnte ja der Biodiversität schaden.

    Argumentationen wie die vom Bundesumweltministeriums sind, konsequent zu Ende gedacht, in sich widersprüchlich. Aber darum geht es auch nicht. Das Negativbild welches die “Liebhaber der Nachhaltigkeit” vom Menschen gezeichnet haben, soll abgelöst werden. Offensichtlich hat man fest gestellt, dass Angst nicht die Wirkung entfaltet wie gewünscht, dass Menschen eher mit positiven Bildern geködert werden können.

  8. @ Suse

    „reichhaltige, also mit mehr Arten vernetzte Ökosysteme sind stabiler“.

    Darüber streiten die Ökologen seit Jahrzehnten; mal dominierte diese Auffassung, mal die gegenteilige, mal die Meinung, man wisse dazu kaum etwas. Vor ein paar Jahren hat eine Gruppe ziemlich (auch) namhafter Ökologen diese Ihre Ansicht in einem Aufruf vertreten; es gab ein heftiges Murren in der Gemeinde.

    „in der Regel wissen wir nicht, welcher Eingriff welche Konsequenzen genau nach sich zieht.“

    Das ist eine der typischen Leerformeln in dieser Debatte. Tatsächlich wissen wir es nie und wissen es immer. Wenn man auf einer nassen Wiese das Grundwasser um 1 m absenkt, dann wissen wir ganz genau, daß die Sumpfdotterblume verschwinden wird und wir wissen auch mit hoher Wahrscheinlichkeit, daß bestimmte Pflanzenarten sich ansiedeln werden, und auch die Artenkombination können wir recht gut prognostizieren, falls wir den Artenbestand der Umgebung kennen. Aber wir können z. B. Arten und Artenzahl der Bodenfauna nur ganz grob voraussagen. – Man kann mit solchen Sätzen einfach nicht argumentieren, man muß viel genauer hinsehen.

    „Somit könnte man aus utilitaristischer Perspektive argumentieren, ein möglichst geringes Eingreifsniveau sei schon aus Vorsichtsgründen geboten“.

    Mit Vorsichtsgründen kann und sollte man argumentieren. Man soll nichts tun, das unabsehbare oder für uns höchst schädliche bis tödliche Konsequenzen haben könnte. Die typisch liberale Haltung „wir können uns darauf verlassen, daß die nächste Innovation das Problem lösen wird“ ist höchst gefährlich.
    Aber was heißt „geringes Eingriffsniveau“? Man läßt ein einziges Ziegenpärchen auf einer ozeanischen Insel frei und nach ein paar Jahrzehnten ist der Wald verschwunden und die Insel besteht nur noch aus kahlem Fels. Andererseits: Man entwaldet und terrassiert ganze Landstriche, man dämmt Ströme ein und leitet sie um, und man kann nachher in dem Gebiet gut leben (und viele Tiere und Pflanzen auch). Was von beidem war nun ein großes, was ein geringes Eingriffsniveau? – Man muß auch hier viel genauer hinsehen, vor allem muß man qualitativ differenzieren, darf nt glauben, ß man eine ökologische Generalformel findet.

    „Ethik aus der Haltung der Respekts heraus“.

    Ja, das haben Sie neulich schon mal geschrieben, ich habe angekündigt, darauf ausführlicher zu antworten, das kommt auch bald.

    „Unser Wirtschaftssystem verstehen wir allerdings auch nicht genau …Ist ein Wirtschaftssystem nur die Summe einzelner Konsumentscheidungen oder hinreichend komplex um systemische (Teil-) Entscheidungsautonomie zu erlangen ?(Wer ist dann das ethische Subjekt?“

    Na, das Wirtschaftssystem verstehen wir wohl nicht nur nicht genau, sondern mehr oder weniger gar nicht, wenigstens die Ökonomen nicht, vor allem deshalb nicht, weil wir ihm weniger als einem Objekt gegenüberstehen als in ihm drin sind und es uns beibringt, wie wir zu denken haben. Das reale Handlungssubjekt ist sicher mit „der Kapitalismus“ richtiger bezeichnet als mit „der Mensch“, aber ein ethisches Subjekt kann er nicht sein. Die Gesellschaftskritik, die ergibt, daß die Menschen gar nicht entscheiden, sondern daß das Sein dieser Gesellschaft ihr Bewußtsein bestimmt, macht die Ethik nicht überflüssig. Die Frage, ob man dies oder jenes tun oder lassen soll, ist für jeden Einzelnen einfach unumgänglich.

    „Gotthart Günther war der Meinung …“

    Von dem war ich (vor Jahrzehnten) auch mal ziemlich begeistert, hab’s aber vergessen. Doch ist mein deutlicher Eindruck, daß man nicht herumeiern muß, wenn man bei der zweiwertigen Logik bleibt. Man kann sehr genau über Möglichkeiten und Grenzen dessen reden, was sich ergibt, wenn „Intentionalität hinzutritt“.

  9. Selbstreferenzielle Systeme

    – Wir sind von der Natur (sowohl von Ökosystemen als auch von eher physikalischen Grössen wie Sonneneinstrahlung und Niederschlagsmenge) abhängig.
    – das stabile Klima seit der letzten Kaltzeit hat Ackerbau und damit die Entstehung von Zivilisationen erst ermöglicht.
    – reichhaltige, also mit mehr Arten vernetzte Ökosysteme sind stabiler bzw weniger volatil.
    – die genauen systemischen Zusammhänge in Ökosystemen sind auch wegen ihrer Komplexität schwer zu erforschen, in der Regel wissen wir nicht, welcher Eingriff welche Konsequenzen genau nach sich zieht.

    Somit könnte man aus utilitaristischer Perspektive argumentieren, ein möglichst geringes Eingreifsniveau sei schon aus Vorsichtsgründen geboten, ohne den Ökosystemen Eigenwerte zuzugestehen oder eine Ethik aus der Haltung der Respekts heraus zu bemühen.
    (In einem früheren Blogeintrag ist dieses Argument schon mal erwähnt worden, ich weiss nicht mehr, wo genau.)

    Unser Wirtschaftssystem verstehen wir allerdings auch nicht genau, es gibt keine Kontrollinstanz vergleichbar dem „freien Willen” des Individuums, somit scheint mir die Problematik weniger bei der Wertsetzung als vielmehr bei der Definition des/der Agenten zu liegen.
    Ist ein Wirtschaftssystem nur die Summe einzelner Konsumentscheidungen oder hinreichend komplex um systemische (Teil-) Entscheidungsautonomie zu erlangen ?
    Wer ist dann das ethische Subjekt?

    Gotthart Günther war der Meinung, das Spannungsfeld von Subjekt und Objekt lasse sich mit einer Logik überhaupt nicht konsistent fassen und hat die Polykontexturalitästheorie als Antwort auf das Subjektivitätsproblem entwickelt (laut Wikipedia lässt sich damit Selbstreferenz formal beschreiben).

    Das ist seitens anderer Disziplinen anscheinend nicht aufgegriffen worden und das Herumeiern, wenn zur wissenschaftlichen Erkenntnis „der Mensch” mit seiner Intentionalität hinzutritt, geht fröhlich weiter.

  10. Nützlichkeit

    Ich finde, das einfachste Argument für den Artenschutz ist die Frage, warum gerade die Nützlichkeit für uns Menschen das alleinige Kriterium sein soll. Immerhin sind wir nur eine Art unter vielen. Aus Sicht der Pazifischen Eibe stellt sich das Bild ganz anders dar.

  11. Parasiten vorsorglich ausrotten?

    Parasiten vorsorglich ausrotten – aufgrund des Verdachts sie seien schädlich – ist doch genauso eine Extremposition wie die gegenteilige Haltung, die keinem Lebewesen irgendeinen Schaden zufügen will. Das mein Kommentar zu folgender Textstelle:

    “Nun frage ich mich aber, ob es nicht am effektivsten wäre, die Parasiten – die nachweislich schädlichen auf jeden Fall und vorsorglich auch noch die verdächtigen – auszurotten”

    Tatsächlich hat Ludwig Trepl aber recht, dass heute viele Westler ein überzogenes Schutzdenken entwickelt haben und oft ähnlich argumentieren wie gewisse Pazifisten, die keinerlei Eingriff in einen Krieg gutheissen wollen, selbst wenn ein bewaffneter Konflikt unzählige Opfer kostet und eine mutige, aber gezwungenermassen bewaffnete Intervention den Krieg beenden könnte.

    Ich bin zum Beispiel der festen Überzeugung, dass man Malaria und damit den Überträger Anopheles ausrotten müsste, denn nach neueren Schätzungen erkranken jährlich weltweit 2 Millionen Menschen an Malaria. Einige Forscher plädieren inzwischen für die Anwendung der Sterile-Insekten-Technik, welche über eine Elimination des Krankheitsvektors auch die Krankheit selbst eliminieren würde. Ich kenne Leute und Zeitungsartikel, die so etwas aus grundsätzlichen Gründen ablehnen. Etwas was ich nicht nachvollziehen kann.

    Solch ein Anopheles-Eliminationsprojekt würde allerdings viele Millionen Dollar kosten, so dass der Vorschlag, den Ludwig Trepl erwähnt hat, nämlich vorsorglich gefährliche Parasiten oder gar Tiere, die Parasiten sein könnten, von denen man es aber noch nicht genau weiss, zu eliminieren, in seiner Umsetzung sehr teuer wäre, ausser man wendet beispielsweise Breitspektrum-Insektizide an.
    Es ist meiner Meinung aber falsch und ethisch nicht vertretbar ganze Artengruppen zu eliminieren, nur weil es das einfachste und billigste Mittel ist um eine bestimmte Zielart auszurotten.

    Auch ist es fragwürdig allein ökonomische Kriterien entscheiden zu lassen ob man gewisse Krankheiten oder Parasiten bekämpft oder nicht. Letztlich geht es ja auch der Ökonomie darum, das Leben der Menschen zu verbessern und nicht einfach darum, den Güterausstoss zu erhöhen. Wer Malaria, Schlafkrankheit oder Gebärmutterkrebs – welcher durch gewisse Viren mitverursacht wird – heilt oder wer solche Erkrankungen gar grundsätzlich verhindert indem er die Krankheitsursache eliminiert, tut auf alle Fälle etwas Gutes – ob sich das ökonomisch nun rechnet oder nicht.

    Umgekehrt ist es ebenso fragwürdig allein mit potenziellen Gesundheitsvorteilen schon die Elimination von “Parasiten” oder vermuteten Schädlingen zu rechtfertigen. Nicht-Wissen ist wenn schon ein Grund mehr zu forschen und damit Nicht-Wissen durch Wissen zu ersetzen. Solch weitgehende Eingriffe wie die Vernichtung gewisser Tierarten bedürfen eher eines Überwissens als nur eines Vermutens.

    Fazit:
    – Der Erhalt der Artenvielfalt taugt als Handlungsrichtlinie nicht aber als unumstössliches Prinzip
    – Die Ausrottung von Krankheiten, die das Leben von Menschen schwer beeinträchtigen ist meistens gerechtfertigt