Verunglückt im Höhlenlabyrinth

Jetzt gibt es kein Halten mehr. Ich muss raus aus meiner Romanautoren-Klause. Es wimmelt nur so von Labyrinthischem. Beginnen wir mit dem Rettungsdrama in der Riesending-Höhle im Untersberg bei Berchtesgaden.

Die Medien sind voll davon, werden es noch einige Tage bleiben. Hoffentlich mit gutem Ausgang: Tief im Inneren des Berges verletzte ein Steinschlag den erfahrenen Physiker und Hobby-Höhlenforscher Johann Westhauser: Schädelhirntrauma. So etwas ist schon am hellichten Tag in offener Landschaft ein gewaltiges Problem. Aber in diesem Fall ist der Ort des Geschehens das kalte, nasse, zugige Innere eines gewaltigen Höhlensystems, mit vielen Gängen und Kammern:


Gleich hinter dem Eingang fällt ein Schacht 180 Meter senkrecht ab. Dunkel, feucht, glitschig. So groß, dass die Türme des Kölner Doms darin Platz hätten [. . .]. Die Forscher lassen sich an Fixseilen runter. Der Schein ihrer Lampen verliert sich ins schwarze Nichts. [. . .] Der Wiederaufstieg am freihängenden Seil: ein Kraftakt, der Stunden dauert. Einmal rauscht ein Felsbrocken so groß wie ein Bierkasten nur fünf Meter [. . .] vorbei – wie ein Meteorit [. . .]
Doch unten auf dem Schachtboden fängt das Labyrinth erst richtig an: ein System aus Stollen, die immer tiefer hinein in den Berg führen. Wasserfälle, Nebelschwaden, Sackgassen, Rinnsale, die bei Regen gefährlich anschwellen. Ein Hunderte Meter langer Quergang kann nur passiert werden, wenn man sich links und rechts mit den Beinen am Fels einspreizt. An Engstellen müssen sich die Forscher regelrecht durchquetschen. Das alles bei höchstens fünf Grad, in der Regel ohne Funkkontakt zur Außenwelt.
(Beck, 13. Juni 2014)

Schon Tage zuvor, als das Höhlendrama erstmals sichtbar wurde und ich es in der Süddeutschen Zeitung angekündigt sah, war ich mir sicher, dass das L-Wort darin vorkommt. Ich wurde nicht enttäuscht:

Drei Männer aus Baden-Württemberg sind am Samstagvormittag auf 1843 Metern Höhe in das Labyrinth eingestiegen. Die Riesendinghöhle gehört zu den schwierigsten und gefährlichsten Höhlen, die es gibt. Die ersten 300 Meter fallen die Wände fast senkrecht ab. Danach geht es ähnlich gefährlich weiter, bis auf mehr als l000 Meter Tiefe: enge, glitschige Spalten, durch die man sich hindurchzwängen muss, mit Wasser gefüllte Kammern, dazu die völlige Dunkelheit. Tief unten passierte es dann: Der 52-jährige Johann W. aus Bad Cannstatt wurde am Seil hängend von einem Steinschlag getroffen, dabei allem Anschein nach schwer verletzt – bei einem Aufprall aus großer Höhe schützt auch der Helm nicht. Einer seiner Kameraden blieb bei dem Verunglückten, der andere stieg bis Sonntagmittag in zwölf Stunden auf. Erst draußen konnte er Hilfe rufen, im Berg gibt es keine Funkverbindung. [. . .] (Beck und Scherf, 10. Juni 2014)

In der selben Ausgabe der Süddeutschen, nur sechs Seiten später, ein weiterer Fund, völlig anderer Art. Frank Nienhysen berichtet über das größte Weinlager der Welt in Moldawien, “ein riesiges Labyrinth unter der Erde”.

Seltsam, wie sich der Blick verändert, wie er sich im Endlosen verliert. Wenn man eine einzelne Weinflasche eigentlich schätzt, das Etikett mustert, den Jahrgang, das zierende Geschnörkel, und nun aber mit dem Auto graue Katakomben abfährt, 50 Meter unter der Erde, von der Pinot-Straße in die Riesling-Straße abbiegt, über die Aligote-Straße schnurrt und schließlich auf die Sauvignon-Straße kommt. Wenn der Wein nicht mehr als feiner Tropfen erscheint, sondern als Meer von Flaschen. Milestii Mici, so heißt dieser einzigartige Ort, ist kein Weinkeller. Es ist eher eine unterirdische Stadt, ein Labyrinth von 55 Kilometern Länge, exakt temperiert auf 12 bis 14 Grad Celsius bei einer Luftfeuchtigkeit von 85 bis 95 Prozent. Etwa 1,5 Millionen Flaschen aller wichtigen Rebsorten lagern hier, nirgendwo sonst wird soviel Wein gebunkert.
Frankreich? Italien? Griechenland? Chile? Südafrika? Nein. Das hier ist Moldawien, die Republik Moldau.
[. . .] die bisher genutzten 55 Kilometer sind nur Teil eines noch größeren unterirdischen Straßennetzes 150 weitere Kilometer stehen zur Verfügung.
(Nienhysen, 13. Juni 2014)

Frank Schirrmachers Payback
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Aufmacher im Feuilleton des selben heutigen SZ-Tages ist der Tod von Frank Schirrmacher, dem Chefredakteur der Frankfurt Allgemeinen Zeitung, der 54jährig an einem Herzinfarkt starb. Als ich den ausführlichen Beitrag lese, vor allem das Lob seines erfolgreichen Sachbuches Payback, erinnere ich mich, was ich bei der Lektüre im Januar 2010 für einen eigenen Beitrag hier im Blog vorbereitet hatte, dann aber wegen anderer Themen immer mehr “nach hinten” schob. Nun ist Gelegenheit, dies nachzutragen, aus dem Klappentext, den Schirrmacher sicher genau überprüft oder sogar selbst geschriebne hat:

Versuchen Sie sich eine Welt ohne Autos vorzustellen. Kein Problem, Sie fahren sowieso Fahrrad? Dann stellen Sie sich jetzt eine Welt ohne Computer und Handy vor – und schon stoßen Sie an die Grenzen Ihrer Fantasie. Dieses Gedankenspiel allein macht klar, wie mächtig die neuen Techniken sind und wie groß unsere Abhängigkeit von ihnen. Und das ist wörtlich gemeint: Wenn der Computer ruft, das Handy klingelt, der Blackberry summt, lassen wir alles stehen und liegen aus Angst, bei der darwinistischen Jagd nach Informationen zu spät zu kommen. Jeder kennt das Gefühl, gefangen zu sein in einem Zustand des immerwährenden Alarms, der ständigen Ablenkung, der chronischen Überforderung und der permanenten Selbstausbeutung. Das Ergebnis: Immer weniger Menschen sind imstande zu unterscheiden, was wichtig ist und was unwichtig.
Aber der Computer bestimmt unser Leben in einer noch dramatischeren Hinsicht: Denn jedes Mal, wenn er scheinbar selbstlos uns mit Informationen füttert, füttern wir in Wahrheit ein gigantisches Netz von Rechnern mit Informationen über uns. Und keine dieser Informationen geht jemals verloren, alles wird verarbeitet und genutzt bis hin zur Übersetzung und Überwachung unserer Gedanken durch neue Software. Die Gesellschaft beginnt erst zu verstehen, wie wichtig politische und psychologische Antworten auf diesen existenziellen Wandel sind. Der Ausweg aus der Berechenbarkeit des Lebens und dem solcherart drohenden Ende des freien Willens liegt nicht etwa in der Verweigerung der Technik, sondern vielmehr in einem neuen Denken, das dem Menschen seine Stärken wieder bewusst macht: Kreativität, Tolerranz und die Fähigkeit mit Unberechenbarem umgehen. Wie die ersten Schritte aus dem Labyrinth aussehen können, zeigt Frank Schirrmacher anhand von bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen.

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Allgegenwart des Labyrinth-Mythos
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Es gab noch eine Fülle weiterer Labyrinth-Nennungen und -Bezüge in letzter Zeit. So gab der 150. Geburtstag von Richard Strauss mehrfach Anlass, auf seine wohl berühmteste und am häufigsten gespielte Oper Ariadne auf Naxos hinzuweisen.
Aber ein andermal mehr. Ich muss zurück in meine Klause. Die Aliens rufen, da ist kein Halten (und um Labyrinthisches geht es dort auch – und wie!)

Quellen
Beck, Sebastian und Martina Scherf: “Gefangen in der Tiefe”. In: Südd. Zeitung Nr. 131 vom 10. Juni 2014, S. 02
Beck, Sebastian: “In der Unterwelt”. In: Südd. Zeitung Nr. 134 vom 13. Juni 2014, S. 03
Nienhysen, Frank: “Eine Stadt sieht rot”. In: Südd. Zeitung Nr. 134 vom 13. Juni 2014, S. 09
Schirrmacher, Frank: Payback. München 2009 (Blessing Verlag), Klappentext

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#278 / 1007 JvS / 950 SciLogs / Aktualisiert 13. Juni 2014/18:24 / v 1.1

 

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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  1. Ich mag Labyrinthe. Auch wenn sie Metaphern für “Schwieriges” und “Unüberschaubares” und manch “Rätselhaftes” sind. Wer schon mal ein christliches Labyrinth gegangen ist, meint schnell zur Mitte zu kommen. Doch der Weg ist weiter als gedacht. Es folgt – kaum dass sie in Reichweite scheint – die Entfernung von der Mitte, ein umkreisen der Mitte auf einem schier endlos mäandernden Weg, der nach langer Zeit wieder beim ursprünglichen Eingang ankommt. Doch bevor die Enttäuschung wirklich Raum greift, kommt die letze Wendung und der direkte Weg zum Ruhepol in der Mitte.
    Labyrinthe empfiehlt es sich langsam zu gehen. Neben dem langen Atem, braucht es Vertrauen. Labyrinthe spiegeln die Realtiät im Leben ab, in der wir meinen sie im Griff zu haben, oder zumindest meinen sie zu überblicken.
    Labyrinthe verändern Menschen, die sich drauf einlassen. Sie dringen vor zum Wesentlichen. Schließlich sind sie kein Irrgarten, der einen narrt und in dem man sich verläuft. Labyrinthe halten uns nicht zum Narren sondern führen uns sicher ans Ziel. Sie sind gewissermaßen der “rote Faden” der den Blick auf das Ziel nie verstellt, sondern die Hoffnung nährt auch anzukommen.

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