Steilvorlage: Ikaros Obama

Labyrinth des Schreibens

Wenn es noch eines kräftigen Beweises bedurft hätte, wie modern und aktuell die uralte Labyrinth-Sage ist: der nervzerfetzende Kampf um das mächtigste Amt der Erde hat ihn soeben geliefert.

Auf der Seite Drei der Süddeutschen Zeitung, wo stets die großen Reportagen gedruckt werden, titelt Reymer Klüver zum Sieg von Barack Obama über Hillary Clinton in der Bewerbung als Kandidat um das Präsidentenamt der USA: "Ikarus findet seine Flughöhe". Der Artikel umfasst zwei Drittel der Zeitungsseite. Der Titel bezieht sich auf die Aussage von Obamas Chefberater David Axelrod zu einem früheren Zeitpunkt:

Ich glaube, wir fliegen zu hoch, zu dicht an der Sonne wie Ikarus.

Der Reporter schreibt aufbauend auf dieser Metapher:

Es ist ein verlockendes Gleichnis, wenn man den alten Mythos ein wenig alltagstauglich zurechtbiegt. Schließlich strebt der junge mythologische Held ganz nach oben. Und ist es nicht das, was Obama mit seinen 46 Jahren tut? Er will nichts weniger als die Art verändern, wie in seinem Land Politik gemacht wird. Er verspricht, dass seine Entscheidungen an der Sache orientiert werden und nicht an politischer Opportunität… Doch anders als der tragische Held Ikarus, so gibt Axelrod zu verstehen, hat Obama die richtige Flughöhe gefunden – ohne von seinen Plänen zu lassen.

Die nahe Zukunft wird zeigen, welche der beiden Varianten der Ikaros-Mythe als Teil der LABYRINTHIADE Wirklichkeit wird:
° die allgemein überlieferte, der zufolge der Junge mit den künstlichen Flügeln des Vaters Daidalos sich die Schwingen an der Sonne verbrennt, ins Meer stürzt und ertrinkt,
° oder die kaum bekannte Variante, in welcher der Höhenflieger aus den Wellen gerettet wird.

Beide Male stürzt er allerdings ab. Kein sehr gutes Omen. Um die Medienpräsenz des Labyrinth-Themas brauche ich mir jedenfalls keine Sorgen zu machen – und dass dieser Mythos irgendeinen Bereich des modernen Lebens auslassen könnte.

(Anmerkung: Es ist kein Tippfehler, wenn im Zitat Ikarus mit "u" geschrieben wird und von mir im Kommentar mit "o". Ikaros ist die heute allgemein übliche Variante – s. hierzu auch meinen Beitrag Sprachregelung -us oder -os. Die Süddeutsche macht es diesmal falsch – bei anderen Gelegenheiten schrieb sie korrekt Ikaros.)

Quelle: Klüver, Reymer: "Ikarus findet seine Flughöhe". In: Südd. Zeitung vom 5. Juni 2008

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

7 Kommentare

  1. Passend an dem Vergleich erscheint mir, dass der Karriereflug Obamas die gleiche Relevanz für unser Leben hat, wie der Flug des Ikarus.

  2. @ adenosine

    Wie meinst Du das?

    Der erste Mensch, der mit Hilfe “künstlicher” Mittel geflogen ist war wohl Otto Lilienthal. Der ist nicht nur geflogen, nein, er hat auch theoretische Vorleistungen erforscht, die heute noch gültig sind. Der war seiner Zeit eigentlich weit voraus wovon unter anderem die Gebrüder Wrigth profitierten (und nicht nur die).

    Falls ich Dich richtig verstehe, müßten wir Ikarus vergessen, weil er ein Mythos ist und Lilienthal gedenken, weil er die Fliegerei voran gebracht hat oder ist Dein Gleichnis gemeint? Ikarus ist eine nette Geschichte, die aber keine Relevanz für unser Leben hat, Otto Lilienthal hingegen spielt sich täglich ab?

  3. @ Larsa Fischer: Schreibweise “Ikaros”

    Das klassische “Lexikon der antiken Mythen und Gestalten” von Michael Grant & John Hazel (1973, dt. List-Verlag München 1976), an das ich mich halte, schreibt “Ikaros” – nimmt also das ursprüngliche griechische “-os” an und modernisiert das “c” in “k” – wie heute für “Kirke” (früher: Circe) oder gemischt in “Zirkus” (weil “Kirkus” doch zu blöd war).
    Ich habe darüber in meinem Beitrag “Sprachregelung -us oder -os?”
    vom 25. Dez 2007 geschrieben.
    Herzliche Grüße
    J. vom Scheidt

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