Spiegelkabinett in Utopia

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

1975 veröffentlichte ich einen Science-Fiction-Roman mit dem Titel Der geworfene Stein. Er spielt etwa hundert Jahre in der Zukunft. Aber nachdem es doch schon eine Weile her ist, dass ich mir diese künftige Welt ersonnen habe, schau ich ab und zu mal rein, um zu überprüfen, ob meine Prognosen was taugen.

Doch das soll hier nicht das Thema sein. Zu meiner Überraschung entdeckte ich nämlich einen völlig neuen Begriff im Zusammenhang mit dem L-Thema. Eine der zentralen Figuren, der Offizier Imre Ortholy, macht vor einem lebensgefährlichen Einsatz mit seiner Freundin noch "so richtig einen drauf": Er besucht mit ihr den Traumpark, eine Art permanentes Oktoberfest, und gerät auf diese Weise auch in ein futuristisches Spiegelkabinett (S. 274 f.).

Das Spiegelkabinett war ein Würfel von hundert Metern Kantenlänge, von dem man allerdings nur die obere Hälfte sah, der untere Teil war im Felsboden eingelassen. In den fünf  Stockwerken, die Ortholy und Hella von ihren früheren Besuchen kannten, waren die einzelnen Räume nach den Seiten und der Höhe in den tollsten Kombinationen ineinander verschachtelt. Ein kompliziertes System von kybernetisch gesteuerten Laufbändern, Paternostern und Drehscheiben täuschte ständige Veränderung der Räume und ihrer Lage zueinander vor. Lichtkaskaden und rotierende Farbspiele von blendender Helle verstärkten den irrealen Eindruck. Dazu wisperte, hallte, dröhnte und tobte elektronische Musik durch die Struktur. Ständig wechselnde Duftwolken verwirrten die Sinne vollends.

Für jemanden, der das Kabinett zum ersten Mal besuchte, war es unmöglich, sich zurechtzufinden. Daher gab es die Möglichkeit, mit einem der überalll angebrachten, rötlich flackernden Signalknöpfe einen Aufseher zu rufen. Aber dieses unruhige Flackerlicht trug, wahrscheinlich mit voller Absicht, eher noch zur Verwirrung bei. Ortholy fand sich ganz gut zurecht. Auch diemal faszinierte ihn die unglaubliche Vielfalt der Sinneseindrücke, die von den Zerrspiegeln noch ins nahezu Unendliche gesteigert wurde. Er tastet sich an dem fast unsichtbaren Seil entlang, dem einigen Wegweiser durch das dreidimensionale Labyrinth. Aber selbst dieses Seil wurde von heimtückischen Kräften bewegt, flog einmal außer Reichweite, schnellte einem plötzlich hart gegen den Leib und klatschte unverhofft gegen das Gesicht, nicht schmerzhaft, aber auch nicht angenehm. Hella in diesem Chaos zu finden, war fast unmöglich. Er wusste jedoch, dass sie sich immer ins Zentrum zurückzog, wenn es ihr zuviel wurde. Dort gab es eine Art ruhenden Pol in dem Tohuwabohu.
Sich selbst Grimassen schneidend, tastete sich Ortholy durch die Randzone des Labyrinths. Mehr von den geheimnisvollen mechanischen Kräften getrieben als auch freien Stücken, geriet er in die Kelleretage, wo das mächtige Dröhnen der Motoren und Generatoren dem Lärm einen unheimlichen Grundrhythmus verlieh.

Das Durcheinander von Sinneseindrücken wurde von einem Computer gesteuert, einer Miniaturaurausgabe des Kyberneten, der die Geschickte Atograd lenkte, auch wenn nach aussen hin Diktator Methul die Macht verkörperte; es gab sogar Leute, die behaupteten, das Spiegelkabinett sei ein getreues kybernetisches Modell der Stadt. Die gleiche Signalkombination würde sich erst in tausend Jahren wiederholen; jedoch es gab in dem Wirrwarr einige Konstanten, nach denen man sich orientieren konnte. Ortholy hatte herausgefunden, dass man sich am besten nach den Gerüchen richtete. Diese Eindrücke bauten sich nach einem verhältnismässig einfachen Muster auf, wobei vor allem ein Gestank nach faulen Eiern – der für Sekunden in der Nase stach, ehe er wieder abgesaugt wurde – eine untrügliche Makierung abgab. Einmal glaubte er, Hella zu erkennen. Er lief zu der schemenhaften Gestalt hin – rannte aber nur in eine Spiegelwand, die wie Gummi nachgab und dabei sein Abbild in tausend Fragmente zerriss. Mit sanftem Schwung schob ihn die Wand, die plötzlich in einem zarten Rot aufglühte, zurück. Ein heißer Windhauch, in dem der intensive Geruch nach Rosenöl hing, verschlug ihm den Atem. Er taumelte auf die andere Seite, die beim Anstoßen einen hellen Glockenton von sich gab und wie eine giftgrüne Blume erblühte. Der Boden gab etwas nach, er taumelte überrascht die leichte Schräge hinunter, prallte gegen die nächste Spiegelwand, die ihn mit Jasminschwaden einnebelte und ihrerseits zurückstieß, diesmal mit blauen Blitzen. Der Boden, eben noch felsenfest, verwandelte sich in eine wirbelnde Drehscheibe, deren Schwung ihn gegen einen vierten, orange aufstrahlenden Spiegel schleuderte.

Wie die Kugel in einem Flipperspiel taumelte er noch eine Weile durch das Spektakel. Nachdem das anfänglich erschreckende Überraschungsmoment geschwunden war, gab er sich völlig gelöst dem Kräftespiel hin und genoss das optische und akustische Gewitter, das von Parfümschwaden, Tastempfindungen und Gleichgewichtsschwankungen noch verstärkt wurde. Wie in einem archaischen Weltzustand irrte er, halb tanzend, halb gestossen, herum. Dann sank übergangslos die Temperatur um gut zwanzig Grad ab. Ernüchtert trat er in den Korridor, der sich vor ihm öffnete, und suchte wieder nach Hella. […]

Er fand den zentralen Saal, eine vollkommen verpiegelte Kugel. Selbst der Eingang, der sich unmittelbar hinter ihm schloss, reflektierte nur sein verzerrtes Ebenbild. Er hockte sich auf den glatten Boden, der wie blankes Eis schimmerte, und starrte seine unzähligen Erscheinungen an, die von den wellenförmigen Bewegungen der Wände andauernd vermischt und wieder getrennt wurden. Hier gab es keine Farben und Geräusche mehr, keine Gerüche und kein Herumschubsen. Selbst die Wände beruhigten sich. Endlich saß er in völliger Ruhe inmitten der Hohlkugel.

In seinen Ohren hörte er das leise Rauschen des eigenen Blutes. In seinem Brustkorb spürte er das regelmäßige Pochen des Herzens. Aus dem Nichts hing vor ihm mit einem Mal eine feine, weißliche Nebelschicht. Sie verdichtete sich und wurde zu einem neuerlichen Spiegel, der ihm sein Gesicht zeigte, schattenlos ausgeleuchtet von einem unwirklichen Licht. Gebannt schaute er auf das Bild.

Ein Höhlenlabyrinth gibt es in diesem Roman übrigens auch (S. 384) – das L-Thema hat mich offensichtlich schon lange begleitet, ohne dass ich mich früher bewusst damit befasst hätte:

Jäger und Gejagte bevölkern den Berg. Er bietet ihnen Schutz mit seinen Höhlenlabyrinthen und Dschungeln. Stunden später erschlägt er sie mit Steinlawinen oder ertränkt sie in der Sturzflut eines Frühjahrsgewitters, wahllos, ohne dem einen oder anderen den Vorrang zu geben.
Der Berg ist unermeßlich groß, eine Welt für sich. Sein Gipfel berührt die Sterne, das mächtige Rad der Milchstraße dreht sich um ihn. Wer den Gipfel sucht, ist viele Tage unterwegs.

(Zum Thema Spiegelkabinett s. auch die beiden nächsten Einträge vom 11. und 13. März)

Quelle: Scheidt, Jürgen vom: Der geworfene Stein. Percha 1975 (Verlag R.S. Schulz)

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blog rein! Hilfreich könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel sein.

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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