“Spiderman” huldigt “Labyrinthe” von Borges

Drehbücher sind eine ganz spezielle Variante des erzählenden Schreibens. Ihre Topautoren zählen zu den Gut- bis Bestverdienern in diesem Metier. Aber es gibt Abnützungserscheinungen. Da werden die “Labyrinthe” zum hilfreichen Accessoire.

Filmrezensent David Steinitz macht sich Sorgen um die Kinogänger und entdeckt einen neuen Typ von Drehbuchautoren als Abhilfe. Und ich habe das Vergnügen, in diesem Blog gleich dreierlei thematisieren zu können: Einen aktuellen Film mit einem SciFi-Thema (naja: Fantasy trifft es besser), Drehbücher als eine spezielle Variante des Schreibens und den weltbekannten “Labyrinthe”-Fan Borges.

Wie entkommt man der Langeweile der Superhelden-Inflation? Hollywood setzt dafür jetzt auf die besten Serien-Schreibteams des US-Fernsehens: Marc Webbs wunderbare Borderline-Tragikomödie „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro” [ . . ]
Erstaunlicherweise ist aber ausgerechnet [dieser] ein ziemlich bezaubernder Film geworden, der zeigt, wie das Superheldengenre jenseits des Hypes der letzten Jahre auf Dauer funktionieren könnte, ohne dass die Zuschauer das große Gähnen packt. Denn diese Angst ist da. Obwohl Comic-Verfilmungen ökonomisch noch immer bestens funktionieren, fragen sich zahlreiche Superhelden-Produzenten in Hollywood natürlich längst, welche ihrer exorbitant teuren Produktionen der erste Superflop sein könnte – und damit der Anfang vom Ende der großen Fortsetzungsparty.
Beim Sony-Studio setzt man deshalb jetzt auf die Macher, die das serielle Erzählen in den letzten Jahren neu definiert haben – und zwar im Fernsehen. „Rise of Electro” wurde geschrieben vom Drehbuchtrio Alex Kurtzman, Roberto Orci und Jeff Pinkner, den Schreibstars aus der elitären Kreativwerkstatt des Regisseurs und Produzenten J.J. Abrams. Für ihn haben sie die Serien „Lost” und „Alias” ausgetüftelt und das leicht vergilbte “Star Trek”-Universum für das Kino wiederbelebt, auch bei der Arbeit am „Star Wars”-Revival dürfte ihr Rat sehr gefragt sein [. . .]

Der Rezensent verschafft uns hier gleich noch einen Insider-Blick hinter die Kulissen des Drehbuchschreibens à la Hollywood, das hier fast schon labyrinthische Qualitäten bekommt:

Mit einem so etablierten Schreibtean spart sich ein Filmstudio das große Gezeter, das oft beim Entwickeln eines Blockbuster-Drehbuchs entsteht. Fast immer sind dabei mehrere Autoren und noch mehr Script-Doktoren im Spiel, wo jeder sein Spezialgebiet hat, von Action- über Kussszenen bis zu den Dialogen. schreiben diese Autoren traditionell nicht mit-, sondern nacheinander und gegeneinander, während Hassgefühle blühen, Egos verrückt spielen und Anwälte eingesetzt werden müssen.
Im Abspann erkennt man diese eher kontraproduktive Arbeitsteilung an einer „and”-Nennung, wohingegen Autoren, die mit einem.,,&”-Zeichen in den Credits verbunden sind, tatsächlich gemeinsam in der Schreibwerkstatt geschwitzt haben. Dieses „&” ist der Kern des Erfolgs der aktuellen US-Serien und taucht nun auch in Kinoabspannen immer häufiger auf [. . .]

Allgegenwart des Labyrinth-Mythos
Und was wird in dieser Abteilung geboten?

Peter Parkers Freundin, mit der er aufgrund seines Doppellebens, von dem sie auch noch weiß, eine ziemliche Borderline-Beziehung führt, versetzt den sonst so selbstironischen Helden immer wieder in Blues-Stimmung. Seine Existenzkrisen spiegeln sich sehr schön in seiner Sehnsucht nach tröstender Kunst: In Peter Parkers Zimmer, das eine eigene Jungsuperhelden-Analyse verdient hätte, hängt zum Beispiel ein Poster von Antonionis “Blow Up” und ein Poster der englischen Ausgabe von Borges´ “Labyrinthe”.

(Mit Borges Erzählungen werde ich mich ein andermal ausführlicher befassen.)

Quelle
Alle Zitate entstammen: Steinitz, David: “Oh Boy”. In: Südd. Zeitung Nr. 89 vom 16. März 2014, S. 12

#2777 / 1005 JvS / 940 SciLogs / Aktualisiert 16. April 2014/19:45 / 1.2

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Es gibt, wenn man so will, noch weitere “Spinnenfilme”, die von Borges inspiriert wurden, nämlich Bertoluccis “Die Strategie der Spinne”, der auf “Tema del traidor y del héroe” beruht, sowie “Spiderweb” von einem Paul Miller, der auf “La muerte y la brújula” beruht. Von letzterer Kurzgeschichte gibt es auch noch eine engl. Fernsehfassung, die aber nichts Arachnoides im Titel führt … 😉

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