Sintfluten, oder: So begann das Schreiben

Vor 6.000 Jahren begann an verschiedenen Orten auf der Erde die Entwicklung der Schrift. Aus einer Menschheit, die ihr immer größer und komplexeres Wissen bis dahin nur mündlich überliefert hatte, wurde eine schreibende Menschheit. Aus oraler Memoratur (alles musste auswendig gelernt werden) wurde Literatur.

Ohne Schreiben gäbe es uns Menschen des 21. Jahrhunderts nicht – so will ich es auf den Punkt bringen. Es gäbe weder Computer noch Internet noch den Flug zum Mond und irgendeine Form von ernst zu nehmender Wissenschaft. Denn Wissen kann sich nur weiterentwicklen und ständig auf seinen Wahrheitsgehalt überprüft werden kann, wenn es schriftlich dokumentiert ist. Nur in dieser irgendwie fixierten Form lässt es sich auch an andere Menschen und sogar an Jahrtausende später lebende Generationen weitergeben: Wir können heute in den mit Hieroglyphen geschriebenen Totenbüchern der Ägypter lesen wie in der Süddeutschen Zeitung oder der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – vorausgesetzt, wir haben dieses frühe Alphabet gelernt*.
* was man eindrucksvoll im kürzlich an neuem Ort wieder öffneten Ägyptischen Museum in München nachvollziehen kann – darüber ein andermal mehr.

Die Schrift und das Schreiben entstanden zeitgleich und vielleicht sogar unabhängig von einander (?) in China und in Mesopotamien und in Ägypten – also in jenen frühen Hochkulturen an den großen Flüssen Hoang-ho, Euphrat und Tigris und am Nil.

Ist es übertrieben zu sagen: Ohne diese Flüsse und das Notieren ihrer Pegelstände wäre die Schrift nicht entstanden? Hierbei dürfte die Angst vor Flutkatastrophen der Art, wie wir sie eben wieder mal an Elbe und Donau und Rhein (unseren Kulturflüssen) auf drastische Weise erlebten, eine wichtige Rolle gespielt haben.

Ich will in dieser Fortsetzung meines Beitrags zur Flutkatastrophe (Spenden oder Spenden beenden? ) nochmals eintauchen (passende Metapher!) in diese frühe kulturelle Zeit. Es war gut, damit ein wenig zu warten – denn die Tagesereignisse in Ägypten zeigen, dass diese älteste kontinuierliche Kultur unseres Planeten auch nach 5.000 Jahren noch eine beachtliche Rolle spielt. Gleich ob sich das zu einer Militärdiktatur entwickeln wird oder zu einer moderaten Form von Demokratie, gleich ob es einen Bürgerkrieg zwischen den frustrierten Islamisten und den wieder Hoffnung schöpfenden westlich orientierten Ägyptern geben wird: Dort am Nil sind jedenfalls die Wurzeln unserer abendländischen Kultur. Dem sollten wir Respekt erweisen, denn über Kreta und Griechenland gelangten diese frühen religiösen Vorstellungen ebenso wie das vor-wissenschaftliche Weltbild zu uns:

° Stierzeit nennen die Astrologen jene frühe Hochblüte von Ackerbau und Viehzucht in Ägypten und auf Kreta (der Minotauros lässt grüßen!) – Stierkulte waren überall im Mittelmeer und wohl auch in China, Japan und Mesopotamien die religiöse Basis. Eine Verletzung der Regeln des Stierkults (das kostbarste Tier der Gottheit zu opfern) führte zur Geburt des Minotauros und zum Bau des Labyrinths als Gefängnis für diese stierköpfige Monstrosität*.
* – die sich wahrscheinlich später ein Grieche ausgedacht hat, um die besiegte kretische Kultur abzuwerten, der die griechische doch so viel zu verdanken hatte.

° König Minos, der mythische Gesetzgeber des frühen Kreta, lernte vermutlich bei der älteren Kultur der Ägypter, was Gesetze sind – und war wie Hammurabi in Mesopotamien eine Art Vorläufer des Moses, der mit seinem Gesetzeswerk die neue, ganz andere jüdische Kultur schuf.

° Nicht nur Pegelstände von Flüssen: auch Gesetze mussten irgendwann aufgeschrieben werden. Auf Kreta entstand eine Vorform der Schrift (Linear A und B), die man heute noch nicht entziffern kann. Diese war jedoch wichtiger Vorläufer sowohl der Schriftsysteme der Griechen wie der sich dann durchsetzenden Buchstabernschrift der phönizischen Händler (die letztlich zur Urform des lateinischen, also unseres modernen Alphabets wurde).

° Auch der Monotheismus hat dort in Ägypten seine Wurzeln (Echnaton!); Sigmund Freud lag deshalb sicher nicht völlig falsch, wenn er in seinem Alterswerk von 1939 Moses als Ägypter verstand – zumindest war dieser Moses ein Kulturbringer erst für die Juden und dann für die Christen und die Moslems. Nur nebenbei:

Ohne Schreiben (nämlich der Gesetzestafeln am Berg Sinai – wenn wir Gott mal als Schreiber außer Betracht lassen) hätte Moses sein Werk schwerlich vollbringen können. Das Judentum basiert, wie die übrige menschliche Zivilisatiuon, auf diesen Gesetzestafeln der “Zehn Gebote” bis herauf zur “Deklaration der Menschenrechte” durch die Vereinten Nationen (und sogar Isaac Asimovs “Drei Gesetze der Robotik” lassen sich als eine Schrumpfform dieser Zehn Gebote verstehen).

Doch zurück zum Ägypten des Altertums.

 

Pegelstände des Nils als Auslöser schriflicher Dokumentation

Dort wurde, wie erwähnt, vor ungefähr 6000 Jahren die Schrift erfunden. Das geschah auch andernorts, in Mesopotamien und in China. Aber im Land des Nils ist der Zusammenhang zwischen dem Pegelstand des großen Stroms und der Notwendigkeit, die Hoch- und Tiefstände genauestens zu dokumentieren, besonders sinnfällig. Führte der Nil zu wenig Wasser, waren die Bewässerung der Felder und entsprechend die Ernten in Gefahr. Ein Zuviel des kostbaren Nass konnte die Ernte vernichten, und nicht nur diese. In der biblischen Geschichte vom Traumdeuter Joseph ist dieses Dilemma wunderbar im Traum von den fetten und den mageren Kühen dargestellt. Joseph, der Berater des Pharao, deutet sie seinem Herrscher als die Folge von sieben fetten und sieben mageren Erntejahren, aus denen er eine beispiellose Vorsorge mit entsprechender Lagerhaltung für Getreide ableitet. In seiner vorausahnenden Gestaltung der Zukunft (immerhin für die nächsten 14 Jahre!) ist das fast so etwas wie eine frühe Science-fiction-Geschichte! Auf jeden Fall ist es ein Modell für uns Heutige, wie man mit solchen Gegebenheiten sinnvollerweise umgehen sollte.

Keine Frage, dass damals nicht nur solche Träume, samt ihrerer Deutung, schriftlich überliefert wurden, sondern eben auch so profane Informationen wie die Pegelstände des Nils. Gleichzeitig macht so etwas wie die biblische Geschichte vom Traumdeuter Joseph und seinem einsichtigen Herrscher eine dritte Funktion des Schreibens (nicht nur damals) sichtbar:

° Neben der frühen wissenschaftlichen und technischen Dokumentation (Wasserstände), also Sachtexten,
° waren schriftliche Zeugnisse in Form der Erzählungen der kriegerischen Heldentaten und der weisen Entscheidungen der Pharaonen von großer Bedeutung (und die ihrer Ratgeber – s. Joseph den Traumdeuter);
° und schließlich gab es schon damals so etwas wie autobiografische Texte in Tagebuchform, wie sie in den Klagen eines Lebensmüden (Jakobsohn 1952) auf uns gekommen sind.

 

Wer mag die ersten Buchstaben geschrieben haben?

Die Wurzeln des Schreibens sind im Dunkel der – schriftlosen – Vorgeschichte verbor­gen. Aber das Schreiben war für die Menschen schon von Anbeginn ihrer schriftlichen Existenz mit einem besonderen Nimbus umgeben. Es wurde als Besitz geistiger Macht betrachtet und konnte deshalb nur eine Gabe der Götter sein. Richtig verständlich wird diese Wert­schätzung aber erst, wenn man selbst einmal erfahren hat, welche heilenden Kräfte das Schreiben in sich birgt. Das Schreiben muss etwas in die Welt gebracht haben, das noch weit mehr möglich machte, als nur Ziegen zu zählen, Verträge zu fixieren und Gesetze und Heldentaten der Pharaonen an die Nach­welt zu überliefern. Lesen wir dazu nur, wie geradezu hymnisch ein ägyptischer Schreiber seinen Beruf preist:

Das Schreiben: für den, der es versteht, ist es angenehmer als Brot und Bier, als Kleider und Salben. Es ist glück­bringender als ein Erbteil in Ägypten und als ein Grab im Westen. (Brunner, S. 171)

Dieser Papyrus ist eines der ältesten uns überlieferten literarischen Zeugnisse. Wie kommt der Schreiber dazu, sein Amt mehr zu lo­ben als »ein Grab im Westen«, was für die vom Totenkult be­herrschten Ägypter geradezu einem Sakrileg gleichkam? Da muss für den Schreiber noch mehr im Spiel gewesen sein als besondere Würden und rela­tive Selbstständigkeit innerhalb einer feudalen Sozialstruktur, etwa nach dem Motto: »Zu wissen, wie man schreibt – ist Macht.«

Kein Wunder, dass die des Schreibens Kundigen jener Zeit zu den wichtigsten Stützen des ganzen Staates zählten und man ihre Arbeit nicht hoch genug loben konnte. Lesen wir noch eine zweite solche Lobpreisung, aus derselben Zeit. Der Ägypter Cheti empfiehlt seinem Sohn Pepi:

Du sollst dein Herz an die Schreibkunst setzen! Siehe, da ist nichts, das über die Schreibkunst geht.
Die Schreibkunst – du sollst sie mehr lieben als deine Mutter. Schön­heit wird vor deinem Angesicht sein. Größer ist sie als jedes andere Amt, sie hat im Lande nicht ihresgleichen.
(Ekschmitt, S. 92)

In einem meiner nächsten Beiträge hier im Blog werde ich mich mit den soeben eröffneten neuen Räumen des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst in München befassen, noch immer schwer beeindruckt von dessen toller Architektur. Auch dort steht die schriftliche Überlieferung mindestens gleichwertig neben den eindrucksvollen Statuen, Sarkophagen und anderen Kunstgegenständen.

Sintflut-Sage im Gilgamesch-Epos

Die Schilderung der alles vernichtenden Flut, welche die Menschheit vor Urzeiten bis auf Noah und die Bewohner seiner Arche vernichtete, gehört zu den eindrücklichsten Kapiteln der Bibel. Inzwischen weiß man, dass diese Sage in ihren zentralen Stellen – auf welchen verschlungenen Überlieferungswegen auch immer – weit älter ist und aus dem Gilgamesch-Epos stammt. Dort heißt der von den Göttern gesandte Retter Utnapashtim. Diese gut 4.600 Jahre alte Geschichte wurde uns auf gebrannten Tontafeln in Keilschrift überliefert – eines der frühesten Schriftsysteme überhaupt, das heute gut entziffert werden kann. Es gibt modernere Übersetzung (Schmökel, Schrott) – aber ich ziehe nach wie vor die vielleicht nicht ganz so aktuelle Übersetzung von Georg Burckhardt vor, die ein guter Freund mir 1959 zum 19. Geburtstag schenkte – so etwas bleibt.

Ich erwähne es hier im Artikel, weil ja diese Schilderung der Sintflut ein Geschehen wiedergibt, das unzählige Male die Menschheit heimgesucht hat:

° als Tsunami mit 231.000 Toten im indischen Ozean Weihnachten 2004;
° als vielleicht schlimmste vonMenschen erlebte und überlieferte Katastrophe aller Zeiten im Gefolge des Ausbruchs des Vulkans Tera auf Santorin
(dem man den Untergang der mythischen Insel Atlantis zuschreibt und mit  guten Gründen das Verschwinden der kretischen Kultur in die Bedeutungslosigkeit).

Das Ehepaar Tollmann hat 1993 sehr eindrucksvoll eine Indizienkette entwickelt, der zufolge die Sintflut der Bibel (und des Gilgamesch-Epos) in der Tat eine “Strafe des Himmels” gewesen sein könnte: nämlich das Ergebnis eines Impakts in geschichtlicher Zeit, der im Untertitel der Studie sehr genau datiert wird:

Vom Mythos der Sintflut-Sage zur historischen Wahrheit eines Kometen-Impakts im Jahr 7545 vChr.

Ein beeindruckendes Buch – das nach meinen Beobachtungen trotz seiner seriösen Beweisführung nur wenig Beachtung gefunden und Spuren hinterlassen hat.

 

Auch das Labyrinth ist ein uraltes (Schrift-) Zeichen

Der oben erwähnte kretische König Minos ist eine der zentralen Figuren der Labyrinthiade – auch wenn wir dabei zunächst eher an seine Tochter Ariadne und deren Geliebten Theseus denken und an den königlichen Bastard Minotauros, dazu an Daidalos und Ikaros. Aber Minos ist, als Sohn des Zeus und der Prinzessin Europa, jene Figur, welche die vorangehende Epoche mit der aufstrebenden Mittelmeermacht Kreta verbindet.

Wie Dokumentation durch Schreiben und das Labyrinth-Motiv verblüffend zusammengehen, zeigt ein berühmtes Fundstück aus dem kretischen Ort Pylos. Es zeigt, gewissermaßen als die sprichwörtlichen “zwei Seiten einer Medaille” auf der einen Seite die Darstellung eines kretischen Labyrinths, das da jemand spielerisch eingeritzt hat (wie das Spielfeld zu einem unbekannten Spiel) und auf der Rückseite Zeichen, die eindeutig der Zählung einer Ziegenherde dienten. Spiel und frühe Formen des Schreibens gehen hier also auf wundersame Weise zusammen.

Abb.: Das Tontäfelchen von Pylos: mit der Ritzzeichnung eines Labyrinths in eckiger Form – auf der Rückseite hat jemand die Anzahl der Ziegen einer Herde eingeritzt. (Übernommen aus der Wikipedia, Artikel “Labyrinth.)

 

Serendipity: Minos und das Labyrinth in Freuds “Mann Moses”

Und was finde, ich während ich so in meinen Unterlagen blättere und zufällig – wieder mal – Freuds “Mann Moses” aufschlage?

Die archäologische Forschung [. . .] hat die Zeugnisse für die großartige minoisch-mykenische Kultur aufgedeckt, die auf dem griechischen Festland wahrscheinlich schon vor 1250 V. Chr. zu Ende kam. Bei den griechischen Historikern der späteren Zeit findet sich kaum ein Hinweis auf sie. Einmal die Bemerkung, daß es eine Zeit gab, da die Kreter die Seeherrschaft innehatten, der Name des Königs Minos und seines Palastes, des Labyrinths; das ist alles, sonst ist nichts von ihr übrig geblieben als die von den Dichtern aufgegriffenen Traditionen. (S. Freud, S. 175)

Nun, der Palast von Knossos war, Evans Fehldeutung zum Trotz, sicher nicht das sagenumwobene Labyrinth, auch diesbezüglich irrte Freud. Aber in mir löst dieses Zitat einmal mehr ein beglückendes Gefühl von Serendipity aus – die Freude über einen unverhofften Fund, wenn man ganz anderem auf der Spur ist. (Auch über Serendipity ein andermal mehr.)

 

Demnächst

Ich schiebe derzeit mehr als 30 geplante Beiträge für diesen Blog vor mir her. Der über Science fiction liegt mir besonders am Herzen, weil ich gerade ein Seminar vorbereite, in dem es ums Schreiben von SF-Stories geht.

Außerdem stehen in meiner Blog-Agenda einige sehr gelungene Kurzgeschichten zum Thema Labyrinth ganz obenauf, welche Studenten in einem Seminar “Kreatives Schreiben” im Februar an der Mannheimer Universität verfasst haben, samt meinem Bericht über dieses Seminar. Dann möchte ich hier im Blog schon lange einige Beiträge über “Träume und Kreativität” publizieren. Und noch etwas ganz Verrücktes habe ich vor: Eine (eigene) SF-Novelle in Fortsetzungen zu bringen – wird das funktionieren in diesem Blog-Format?

Quelle
Burckhardt, Georg: Gilgamesch. Eine Erzählung aus dem alten Orient. (2.600 v.Chr.) Wiesbaden 1955 <75. Tsd.> (Insel-Bücherei)
Ekschmitt, Werner: Das Gedächtnis der Völker. Hieroglyphen, Schriften und Schriftfunde (1968). München 1980
Freud, Sigmund: Der Mann Moses und die monotheistische Religion (1937-1939). Ges. Werke Bd. XVI (London 1950).
3. Auflage Frankfurt am Main 1968 (S. Fischer)
Jacobsohn, H.: “Gespräch eines Lebensmüden mit seinem Ba” (2.600 v.Chr.) , in: Meier, C.A. (Hrsg.): Zeitlose Dokumente der Seele. Zürich 1952 (Rascher)
Tollmann, Alexander und Edith: Und die Sintflut gab es doch. München 1993 (Droemer Knaur)

Post #261 / 1629 SciLogs  / 925 JvS /  Aktualisierung: 04.Jan 2015/08:45 / v 1.7

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Alternativen

    Das ist schon ein äußerst interessantes Thema, wobei die Interpretationsspielräume weit sind. Ein Linguist namens Hamann ist der Ansicht, die (Syllabar-) Schrift kommt ursprünglich aus Südosteuropa im Bereich der unteren Donau. Hier wurden die Funde gemacht, die die feministische Archäologin …guptas zu der Theorie veranlassten, die vor-indoeuropäische Kultur zumindest in Teilen Europas sei matriarchaisch gewesen. Jedenfalls fand man auf vielen Gefäße und Kleinstatuen Zeichen, die bei gutem Willen an die alt-griechischen Schriften Linear A und B erinnern. Die Funde sind allerdings weit älter als die ägyptische Schrift, Europa wäre demnach der Ursprungsort der Schrift.

  2. Wissen in Steinzeit und Antike

    Zu dieser Thematik hatte ich mal einen (schon etwas älteren) Spiegel-Artikel zum Anlass genommen, selbst ein kleines Rechenbeispiel aufzustellen, insbesondere bezogen auf den Spruch, den bestimmt jeder schon mal gehört hat: „Ja, früher, da konnte man noch alles Wissen, aber heute schafft man das nicht mehr, wegen der Wissensexplosion.“

    In der antiken Bibliothek von Alexandria lagerten ungefähr 500.000 Papyrusrollen. Umgerechnet sind das (nach meiner Recherche) etwa 100.000 Bücher.

    Ein durchschnittliches Menschenleben dauert etwa 30.000 Tage. Selbst wenn man ab Geburt jeden Tag ein Buch liest (und versteht…) schafft man maximal 30.000 Bücher.

    Bereits in der Antike war es daher ausgeschlossen, dass ein Mensch „Alles“ Wissen konnte.

    Natürlich habe ich hier einen stark verkürzten Extrem-Fall konstruiert. Wenn man die antike Realität hineinbringt, wird der Spruch sogar noch viel hinfälliger.

    Der “Kontrollverlust” einer Einzel-Person über das Gesamt-Wissen begann lange vor der Antike. Der Wissensexplosions-Urknall ,und damit die Verunmöglichung von In-meinen-Kopf-passt-Alles-rein, hat wahrscheinlich schon in der Steinzeithöhle stattgefunden. Allerdings fällt mir da gerade kein valides Rechenbeispiel ein 🙂

    Wer mal den Spiegel Artikel lesen möchte (der interessante Informationen über die Alexandria-Bibliothek enthält, z.B. wie man sich Wissen “angeeignet” hat), hier der Link:

    http://www.spiegel.de/…nen-wissens-a-644238.html
    Frage an den Autor: Würden Sie Schrift und mathematische Symbolik gleichsetzen (Stichwort: Ishango-Knochen)?

  3. Content ist alles

    Content ist alles erkennt eine Studie von Adobe. Wobei hier die genaue Bedeutung folgende ist: “Inhalte sind alles. Vor allem in der Unternehmenskommunikation und bei den Digitalmedien.”
    Es geht also um Unternehmen und die Unternehmenskommunikation. Doch was sind frühe Staatsgebilde anders als Unternehmen. Der früheste Content, der verschriftlicht wurde, waren noch in der Steinzeit in die Höhlenwände eingeritzte Kalender, wie etwa der vor 15’000 Jahren in die Lascaux-Höhlenwände eingeritzte lunare Kalender.
    Inventarbuchhaltungen waren weitere frühe schriftliche Zeugnisse. Damit memorisierten Besitzer – und das waren meist die frühen Herrscher – ihre für das Gedächtnis bereits zu zahlreichen und zu grossen Besitztümer.
    Wenn gilt,
    »Zu wissen, wie man schreibt – ist Macht.«, dann gilt mit dem Hintergrund Content ist alles eben auch “Zu bestimmen was man schreibt und was schriftlich festgehalten werden soll is Macht”. Das manifestiert sich ja auch in den frühen schriftlich festgehaltenen Gesetzessammlungen.

    Wenn man aber nicht mehr so profane Dinge festhalten muss wie Lagerbestände, sondern seinen Träumen und Wünschen schriftlichen Ausdruck geben kann, so ist auch das ein Zeugnis von Macht. Die Macht nämlich sich nicht mehr um den Lebensunterhalt allein kümmern zu müssen, sondern sich dem Luxus des schönen Zeitvertreibs hingeben zu können.

  4. Wer hat’s erfunden?

    Soweit es mir bekannt ist, gilt der aktuellen Forschung die ägyptische Schrift wohl nicht länger als eigenständige und kulturell unabhängige Errungenschaft.

    Denise Schmandt-Besserat datiert die Verwendung von Schrift in Mesopotamien auf das späte vierte Jahrtausend BCE, also vor gut 5000 Jahren. Unabhängig davon erscheinen Schriftsysteme etwa 1500 Jahre später in China und nochmals ca. 1000 Jahre später in Mesoamerika.

    Gestützt durch archäologische Funde vertritt Schmandt-Besserat auch die Aufassung, dass die sumerische Schrift Vorläufer hatte und im westlichen Asien solche frühen Aufzeichnungspraktiken bereits vor etwa 11,000 Jahre aufkamen.
    DOI: 10.1038/scientificamerican0678-50

  5. Ergänzend

    Heute Morgen las ich in „This View of Life“ die zusammenfassende Ankündigung – von Danile Mullins zu einem Paper: „The Role Of Writing And Recordkeeping In The Cultural Evolution Of Human Cooperation“. Das ist schon interessant als Ergänzung zu diesem – schon in sich selbst interessanten – Blogpost, den ich gerne und mit Genuss las. Es bringt wohl ein paar zusätzliche Gesichtspunkte.
    Erst später entdeckte ich den Verweis auf das Paper selbst: Daniel A. Mullins, Harvey Whitehouse , Quentin D. Atkinson „The role of writing and recordkeeping in the cultural evolution of human cooperation“ .
    Das, gebe ich zu, ist mir bis jetzt zu lang zum Lesen – in English! Aber vielleicht ist’s doch gut, es hier zu nennen – werden sicher einige Gesichtspunkte noch ausführlicher herausgearbeitet.

  6. Schreiben begann als TransaktionsMemo

    Das von Hermann Aichele verlinkte Dokument The role of writing and recordkeeping in the cultural evolution of human cooperation bestätigt den von Chrys (Verweis auf Arbeiten von Denise Schmandt-Besserat) und mir behaupteten Ursprung der Schrift als Mittel um eine Art frühe Buchhaltung und frühe Formen von Austausch zu bewerkstelligen und zu memorieren.

    Die ersten Schriftzeichen waren deshalb auch Tokens, also Symbole, die für reale Gegenstände standen, die memoriert werden mussten. Dabei musste auch auf irgend eine Art die Anzahl der Gegenstände festgehalten werden.

    Dass die ersten Schriftstücke bereits Zahlen und Gegenstandsbezeichnungen enthielten finde ich recht interessant. Heute scheinen Rechnen und Schreiben den meisten als ziemlich verschiedene Tätigkeiten, die von verschiedenen Leuten mit verschiedenen Fähigkeiten ausgeführt werden. Doch gerade in den allerersten Schriftzeugnissen und damit Dokumenten waren diese beiden Funktionen kaum zu trennen. Wenn schon waren die ersten Anwendungen von Aufzeichnungen eher mit den heutigen Spreadsheets verwandt als mit Heldensagen oder Erzählungen.

    Im von Hermann Aichele verlinkten Text findet sich die folgende Passage, die ein Licht auf das Wesen früher Aufzeichungen wirft:
    “Finally, all of this additional transactional data must be stored and readily recalled at a high-fidelity to serve as a guide for future behaviour For example, the NASDAQ OMX Group trades ca. 2 billion shares a day, lists over 3000 companies, and supports exchange operations across 50 countries. Writing and recordkeeping systems served analogous functions in ancient Egypt and Mesopotamia, where they were employed primarily to record transactional histories, convey messages, and organise administrative projects”

    Nicht Gedichte und Liebesbriefe waren der Inhalt der ersten Schriftstücke, sondern Daten, die wir heute in Spreadsheets erfassen würden – wie banal und unpoetisch!

  7. Am Anfang war das Spreadsheet

    Schreiben war zuerst Technologie bevor es Poesie wurde. Erste Anwendungen der Schrift waren tabellenkalkulationsartige Dokumente, erst später entstanden Epen.
    Was zuerst nur praktisch und recht technisch war, wurde später zum Vergnügen.
    Vielleicht ist es ja mit vielen, ja mit den meisten Dingen so, die wir tun. Zuerst rennen wir durch die Savanne um Tiere zu fangen oder ihnen zu entkommen, später machen wir das Gleiche als Sport und zum Vergnügen.

  8. Das Alphabet als Digitalisierungsschritt

    Schriftzeichen und Buchstaben sind Abstraktionen und Reduktionen und können durchaus als frühe Form der Digitalisierung des Wissens aufgefasst werden, denn das Wesen der Digitalisierung ist die Diskretisierung. Die Realität beglückt uns oft mit einem Kontinuum. Doch unser Geist kann viel besser – oder vielleicht sogar nur (?) – mit diskreten, abzählbaren Objekten umgehen. Mit Objekten, die wir gut auseinanderhalten können. Oft gibt es bei dieser Diskretisierung/Digitalisierung auch einen Informationsverlust. So werden die vielen Phoneme der meisten natürlichen Sprachen auf wenige Buchstaben oder Buchstabenkombinationen abgebildet und verschiedene Phoneme können durchaus gleich “codiert” werden. Diese Abbildung ist also eine Form von lossy encoding/lossy compression (Zitat)“In information technology, “lossy” compression is a data encoding method that compresses data by discarding (losing) some of it. The procedure aims to minimize the amount of data that needs to be held, handled, and/or transmitted by a computer” Hier darf man anstelle von computer durchaus Sprecher einer Sprache einsetzen. Warum gibt es keine phonetische Notierungen, die sich als Schriftsprachen etabliert haben oder warum wurde Sprache nicht von Anfang an phonemgetreu notiert? Wahrscheinlich, weil eine zu genaue Abbildung der gesprochenene Sprache nur hinderlich wäre beim Umgang mit Worten, Begriffen und Dokumenten. Abstraktion ist meist oder sogar immer “lossy” weil Abstraktion etwas herausarbeiten will mit dem wir besser operieren können als es die Realität wäre. Wenn Abstraktion gut gemacht ist, entfernt sie den Sand im Getriebe und lässt das Getriebe besser laufen.

  9. “Bürgerkrieg zwischen den frustrierten Islamisten und den wieder Hoffnung schöpfenden westlich orientierten Ägyptern ”

    also das Mord 5000 Ägypter in einem einzigen tag, und das verbrennen ihre Leichen beeindrücken dich nicht du westlicher hochentwicklter Mensch. du hast Null von deinem Geschichte gelernt

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