“Selbstverloren” (Dritter Preis/1 des Wettbewerbs)

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Christian Lütjens begibt sich auf eine Weise in ein Labyrinth hinein, die nicht nur ihn irritiert. Eine Fantasy, die mit ihren skurrilen Einfällen den Wettbewerb sehr bereichert. Lesen Sie selbst:

Selbstverloren 

Ich sehe aus mir selbst hinaus. Darüber wird es Tag und Nacht und Tag und Nacht und… Wie lange das schon so geht? Ich weiß es nicht. Mein Zeitgefühl ist mir in einem der endlosen Gänge abhanden gekommen, und ich werde einen Teufel tun, danach zu suchen.

In meiner Lage bedeutet Stillstand auch immer eine Form von Sicherheit. Zumindest für mich selbst. Was den Rest der Menschheit angeht, kann ich für nichts garantieren. Allerdings kommt hier ja ohnehin selten jemand vorbei. Nur einmal im Jahr wird es voll. Dann erobern die Leute mit farbenfrohen Kostümen und rot gefrorenen Nasen die Straße. Dann sind sie fröhlich und ohne Angst. Dann singen sie und tragen alberne Hüte. Sie trinken zuviel, denken zuwenig und lassen ihr sonst so scheues Wesen hinter einer Maske verschwinden. Manche von ihnen geben sich besondere Mühe mit ihrer Staffage. Die rollen dann als Weltkugel über den Gehsteig oder erheben sich als regenbogenbunte Papageien in die Luft.

Einmal war einer als Baum verkleidet. Der hatte zuviel getrunken und schlief auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein. Dort schlug er Wurzeln. Ein paar Wochen später fing er an zu blühen und bekam ein prächtiges Blätterkleid. Im Herbst fiel es wieder von ihm ab, um im nächsten Frühling wieder zu wachsen, und so weiter. Wie oft das jetzt schon passiert ist? Ich weiß es nicht. Aber er steht immer noch. Genau wie ich.

Da hat es den, der als Bierflasche ging, schwerer getroffen. Er erwachte am nächsten Morgen mit einem Brummschädel und wurde wenige Minuten später von den Müllmännern im Altglas zerschmettert. Ein anderer ging als Luftballon. Er ist geplatzt. Und die Banane aus dem letzten Jahr wurde von einem betrunkenen Polizisten verspeist. Aber das Risiko ganz eins mit seinem Kostüm zu werden, ist nicht die einzige Gefahr, die in dieser Straße lauert. Die andere bin ich. Dabei bin ich selbst nur ein Opfer des hier vorherrschenden Zaubers.

Vor langer Zeit war ich ein Teil der ausgelassenen Karnevals-Meute, die es hierher trieb. Und auch ich hatte mir damals viel Mühe gegeben mit meiner Staffage. Monatelang hatte ich gebohrt, geschliffen, Winkel geklebt und Sackgassen gesägt, Pfeile gemalt und Falltüren montiert. Ich finde bis heute, dass es eine originelle Idee war, mich als Labyrinth zu verkleiden. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich erschöpft und berauscht in einer Parkbucht eindösen, und mich am folgenden Tag in mir selbst verirren würde.

Es war ein seltsames Gefühl zu erwachen, aufzustehen und sich nicht mehr von der Stelle, sondern nur noch innerhalb seiner selbst zu bewegen. Plötzlich war ich gefangen in meiner eigenen Gestalt und ging bei jedem Schritt ein Stück weiter verloren. Als mir klar wurde, dass ich den Ausgang sowieso niemals finden würde, habe ich mich im Stillstand eingerichtet. Seitdem sehe ich aus mir selbst hinaus. Daran habe ich mich gewöhnt. Nur schwer gewöhnen kann ich mich dagegen an den Moment, in dem die bunt kostümierten Gestalten wieder die Straße heruntertoben – jedes Jahr zum Karneval.

Immer sind sie bester Laune und immer taumeln sie in trunkener Unwissenheit. Sie laufen auf mich zu. Sie rennen in mich hinein, und dann… gehen sie in mir verloren. Hunderten ist es schon so ergangen. Sie geistern jetzt durch mich hindurch. Sie rufen oder rennen, suchen oder warten und versinken irgendwann in der gleichen Starre wie ich. Herausgefunden hat aus mir noch niemand. Begegnet ist mir aber auch noch keiner. Ich muss riesig sein.

Aber nun genug davon. Es ist wieder soweit. Die Straße ist bunt geschmückt und ich höre die Menge in der Ferne singen. Der Gesang kommt näher. Und da sind sie auch schon: Die Könige und Piraten, die Prinzessinnen und Cowboys. Eine alte Hexe tanzt mit einem struppigen Besen rückwärts auf mich zu. Schwupps. Da ist sie auch schon in mich hineingelaufen und verschwunden. Samt Besen. Ich empfinde nicht mal mehr Mitleid, sondern sehe ungerührt weiter aus mir hinaus – obwohl es kaum originelle Kostüme zu sehen gibt. Stattdessen: Indianer, Zauberer, Clowns, Ritter…

Sie alle laufen einem silbern schimmernden Geschöpf hinterher, auf dessen Rücken eine große runde Platte befestigt ist. Es ruft unentwegt: "Wer ist der Schönste im ganzen Land?" Die Menge hinter ihm glotzt, schneidet Grimassen und kreischt: "Ich!", "Ich!", "Ich!" Das verstehe ich nicht. Ich muss gähnen. Da steht das silberne Geschöpf plötzlich direkt vor mir. "Wer ist der Schönste im Ganzen Land?", fragt es und dreht sich rasant um. Ich blicke in das blitzblanke Rund auf seinem Rücken. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ein Spiegel. Ich sehe mich an. Ich schwanke. Ich stolpere auf mich zu, in mich hinein…  und gehe in mir selbst verloren. Zum zweiten Mal. Zum letzten Mal? Während ich noch darüber nachdenke, wird es Nacht und Tag und Nacht und Tag…

Wie oft noch?

Ich weiß es nicht.

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

3 Kommentare

  1. Irre

    Also das ist ja mal eine phantastische Geschichte. Fehlt nur der Gegenspieler oder soll das der Spiegel sein?

  2. Gegenspieler

    Hallo Martin,
    Der abstrakte aber doch sehr mächtige Gegenspieler ist das Labyrinth-Kostüm als solches.
    Grüße.

  3. Gegenspieler

    Ach so, jetzt wo Du es sagst. Da wäre ich vorher nicht drauf gekommen. Wie ich schon schrieb, es ist eine irre Geschichte. 🙂

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