Science Fiction 1: Wie es begann

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Science Fiction beginnt so, wie es sich für diesen Blog gehört: Mit einem Labyrinth und der Flucht daraus.

Daidalos heißt der Erfinder und Ingenieur, welcher der kühne Held dieses Urmusters aller SF-Abenteuer ist. Er erfindet nicht nur – vor gut 5.000 Jahren – die ersten künstlichen Flügel, mit denen ihm und seinem Sohn Ikaros die Flucht aus dem Labyrinth gelingt. Auch dieses rätselhafte Bauwerk selbst ist seine Erfindung – samt rotem Faden, der hilft, aus diesem düsteren Kerker mit seinen verwirrenden Irrgängen und dem tödlichen Ungeheuer Minotauros wieder herauszufinden. Der Zwitter Minotauros ist der erste Klon der Weltgeschichte, ein Mischlingswesen aus Mensch und Stier. Und um die Insel Kreta, damals die stärkste Macht im Mittelmeer, kreiste der Legende nach ein von Daidalos geschaffener Mann aus Eisen (also ein Roboter!) und beschützt sie vor Feinden. Also lauter heute noch gängige SF-Themen.

 

Fing mit Frankensteins Ungeheuer alles an – oder mit Daidalos?

Der britische Autor Brian Aldiss lehnt diese meineThese zwar ab und stellt uns im Trillion Year Dream den künstlichen Menschen des Dr. Victor Frankenstein als Beginn der eigentlichen Science Fiction vor. Diesen hat sich Mary Wollstonecraft Shelley 1816 während des vermutlich ersten Creative Writing-Seminars der Welt* nahe Genf ausgedacht. Aldiss´ These würde mir sehr zusagen, weil dann die Science Fiction und das Schreiben auf wundersame Weise zusammengingen. Aber ich glaube, der britische Autor hat sich da zu sehr davon blenden lassen, dass er damit einer sehr emanzipierten Frau die literarische Krone aufsetzte und zudem die Ehre Großbritannien zukäme. Dies keineswegs aus Nationalstolz (dafür ist er viel zu sehr Kosmopolit) – aber doch wohl ein wenig deshalb, weil dies seiner Tradition als Autor nähersteht als eine griechische Sagenfigur. Who knows…
*Details hierzu s. die Anmerkung am Schluss des Artikels.

Ein Monster spielt jedenfalls in beiden Traditionen eine zentrale Rolle: Bei Frankenstein seine namenlose, von ihm aus Leichenteilen zusammengebastelte und mittels Blitzschlag zum Leben erweckte Kreatur – im Labyrinth-Mythos der nicht minder schreckliche Minotauros.

Wenn man das mit der Science nicht so eng sieht im Genrebegriff, bietet sich sogar noch eine weit ältere Geschichte als Urbild der SF an: Im Gilgamesch-Epos (rund 4.600 Jahre alt) träumt die Titelfigur, sie würde von einem Adler gepackt und hoch in den Himmel getragen – bis tief unten die Erde nur noch wie ein “Backtrog” zu erkennen ist.

Eine erstaunliche Imagination für Menschen einer Zivilisation, die noch nie geflogen waren, sondern allenfalls von einem hohen Berggipfel aus jene im Traum vorkommende Perspektive einnehmen konnten – und damals im alten Mesopotamien (flach wie ein Brett!) stieg man nicht auf Berge wie unsereins heutzutage auf den Mount Everest!

Aber lassen wir Gilgamesch mal aus dem Spiel. Träume gehören eher ins Reich der Fantasy und nicht zu einer Literaturgattung, die sich die (Natur-)Wissenschaften zum Thema erkoren hat. Da passen die künstlichen Flügel des Daidalos schon weit besser als der Flug mit einem Adler – wenn auch das Vehikel des Daidalos streng genommen genauso wenig funktioniert hätte wie Jahrhunderte später ein ähnliches Konzept des Leonardo da Vinci. Aber bei der SF geht es ja ohnehin mehr um das Spiel mit der (technischen) Phantasie. Es ist – oder war zumindest in den Anfängen – in hohem Maße eine Spielwiese phantasiebegabter Ingenieure, und deren Schutzheiliger ist Daidalos allemal. Der Dr. Frankenstein hat diese technischen Optionen ins Medizinische erweitert. Heute sind astronomische, kosmologische, biologische und nicht zuletzt psychologische und soziologische, will sagen: psychotechnische und soziotechnische Spekulationen für die Science Fiction weit wichtiger geworden als jene Raumschiffe, Roboter und Atomreaktoren, welche in den 1950er und 1960er Jahren meine SF-Phantasien beflügelten (sic!).

 

Allgegenwart des Labyrinth-Motivs

Es gibt unzählige Romane und Filme der SF und der Fantasy, in denen das Labyrinth genannt wird. Das ist nun mal ein MindCatcher ersten Ranges. Und Labyrinthe sind wunderbare Spielplätze für die Phantasie. Hier ein Beispiel für viele (von denen ich im nächsten Beitrag mehr nennen werde). Es befasst sich mit der viel gelobten Fernseh-Serie Babylon 5. Als der Sender Pro Sieben vor Jahren die Serie ausstrahlte, schrieb Frauke Döhring in der Süddeutschen Zeitung Folgendes dazu:

“Keine Kinder und keine niedlichen Roboter.” Also sprach. J. Michael Stracynczski, Autor in Hollywood, und setzte für seine neue Serie Babylon 5 in klares Ziel: “Ich will intelligente Science Fiction für Erwachsene.” Wie weit er damit gekommen ist, können […] die Zuschauer beurteilen, wenn Pro Sieben den Pilotfilm ins All schickt.
Vermutlich wird der eingeschworene E.T.-Freund irgendwelche Rotznasen gar nicht vermissen. In den blaugrauen labyrinthartigen Gängen der Raumstation, die im Jahr 2257 an der Grenze zu vier Galaxien schwebt, trifft sich ohnehin genug buntes Narrenvolk. 250 000 Vertreter der Spezies Mensch und der intergalaktischen Nationen Minbari, Centauri und Narn wollen […] den Frieden im All sichern. Keine leichte Aufgabe: Denn Machtgier und kriminelle Neigungen gibt es wie gehabt.
Da spinnt G’Kar (Andreas Katsulas), der Botschafter der kriegerischen Narn-Sippe, seine Strategie zur Erringung der Weltherrschaft. Auch banale menschliche Schwächen bereiten Commander Sinclair Michael O’Hare), dem Oberbefehlshaber, Sorgen: der Zynismus des russischen Commanders Susan Ivanova (Claudia Christian) ebenso wie die Genußsucht des Centauri-Botschafters Londo Mollari (Peter Jurasik), der sich gern im Casino der Station einem guten Tropfen hingibt. Dazu gesellen sich Zu- und Abneigungen jeder Spielart – denn auch in der intergalaktischen Zukunft funkt es noch zwischen Männlein und Weiblein. (Und leider müssen Frauen selbst im Jahr 2257 noch damit rechnen, im Fahrstuhl sexuell belästigt zu werden.)

Und so weiter und so weiter. Das Labyrinth macht sich in so einer utopischen Umgebung jedenfalls immer gut.

 

Das könnte auch ein Krimi sein

Die Labyrinth-Geschichte ist so vielschichtig, dass sie nicht nur als Science fiction gelesen werden kann, sondern auch als Krimi, inklusive Gerichtsverhandlung. Sie beginnt eigentlich damit, dass Daidalos in Athen aus Neid auf seinen noch weit genialeren Lehrling Perdix diesen erschlägt. Der Todesstrafe wegen Mordes entgeht Daidalos durch die Flucht mach Kreta, wo König Minos ihm Asyl gewährt. Womit die eigentliche Story mit Labyrinth, Minotauros und den anderen Zutaten nun als eine Art urtümlicher Science Fiction weitergeht.

 

Anmerkung zu Mary Shelleys “Frankenstein”

Im Sommer 1816 trafen sich in der Villa Diodati am Genfer See vier Literaten, um gemeinsam, aber jede(r) für sich an eigenen Texten zu arbeiten. Es waren dies: Lord Byron, Percy Bysshe Shelley, dessen Frau Mary (geb. Godwin, später Wollstonecraft) und Byrons Arzt John Polidori. Angeregt durch die Lektüre von Gespenstergeschichten, die man sich abends am Kaminfeuer vorgelesen hatte, schlug Byron vor, jeder der Gäste solle eine Schauergeschichte (englisch: gothic tale) schreiben.

Nach einer Periode “blanker Einfallslosigkeit”, erst in einem “halb schlafenden, halb wachen” Zustand, kam Mary Shelley dann der zündende Einfall: Die Geschichte vom besessenen Wissenschaftler Dr. Frankenstein, der einen künstlichen Menschen aus Leichenteilen schaffen will, wurde geboren. Der Selbsterfahrungsanteil dieser schrecklichen Erzählung ist inzwischen bekannt: Die Autorin hatte vorher auf tragische Weise zweimal ein Baby verloren, und eine literarisch-psychologische Analyse dieses Welt-Bestsellers und “ersten Science-Fiction-Romans” (Brian Aldiss) zeigt deutlich die Spuren dieser Tragödie und den Versuch, sie schreibend aufzuarbeiten. (Dieses historisch verbürgte “Schreib-Seminar” wurde von dem Regisseur Ken Russell schaurig-schön verfilmt und kam 1987 unter dem Titel Gothic in die Kinos.)

Dies dürfte übrigens auch (ungewollt) das historische Vorbild für die schreibende Selbsterfahrung in der Gruppe sein, wie es heute beim Creative Writing gang und gäbe ist – zumindest in meinen eigenen Schreib-Seminaren.

Wer eine detaillierte Beschreibung des Films und seines Hintergrunds sucht, wird in der Wikipedia gut informiert. Dort findet man auch dieses Zitat, das, wie ich meine, nichts anderes als ein Yrrinthos meint:

[…] spielt die Gesellschaft Verstecken in den weitläufigen und verwinkelten Räumlichkeiten des Hauses. Dabei stoßen Mary und Percy auf allerlei teils gruselige, teils amüsante Absonderlichkeiten wie automatische Puppen.

Quellen
Aldiss, Brian und David Wingrove: (1973/86) Der Milliardenjahretraum. Bergisch-Gladbach 1990 (Bastei Lübbe)
Burckhardt, Georg: Gilgamesch. Eine Erzählung aus dem alten Orient. (Aufgeschrieben ca. 2.600 v.Chr.) Wiesbaden 1955 <75. Tsd.> (Insel-Bücherei)
Döhring, Frauke: “Im Jahr 2257”. In: Süddeutsche Zeitung vom 03. August 1995
Russell, Ken (Regie): Gotic. Great Britain 1986
Scheidt, Jürgen vom: Kreatives Schreiben – HyperWriting. (Frankfurt am Main 1989_Fischer TB). München 2006-11 (Allitera Paperback)
Shelley, Mary Wollstonecraft: Frankenstein, oder: Der neue Prometheus. (London 1818). München 1972-06 / 2. Aufl. Mü 1980-05 (dtv Phantastica TB)

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Aktualisiert: 19. Juli 2013/08:41
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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

1 Kommentar

  1. Götter, Menschen und Science Fiction

    Als die alten Griechen begannen sich auf die gleiche Stufe zu stellen wie ihre Götter, gebaren sie auch die Science-Fiction und das mündete in einer Mischung von Hybris und Einsicht in die eigene Kläglichkeit, von Tragödie und Komödie.

    Und zu diesen Themen hinterliessen sie uns ihre Werke, denn noch etwas war ihnen eigenen: Für sie war die Welt eine einzige grosse Arena. Eine Arena macht nur Sinn, wenn es etwas zu sehen und zu hören gibt und wenn das viele Menschen sehen und hören wollen. Was dazumal wohl zum ersten Mal erfüllt gewesen sein muss, wenn man bedenkt, dass das Theater von Epidaurus, einer kleinen Pelepones-Stadt 15’000 Zuschauer fasste.

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